26.2.53

La signora senza camelie (Michelangelo Antonioni, 1953)

Die Dame ohne Kamelien

Eine sarkastische Betrachtung des Filmgeschäfts, ein trauriger Blick auf die Liebe: Am Verkaufstresen eines Mailänder Stoffgeschäfts wird die junge, hübsche Clara Matti (Lucia Bosè) von Produzent Gianni Franchi für die Leinwand rekrutiert. Das erfolgreiche Debüt in einem zweitklassigen Streifen eröffnet ihr die Aussicht auf eine belanglose Karriere als Trivialkino-Star. Gianni, der seine Entdeckung vom Fleck weg heiratet, hat indes Größeres vor: Clara soll die Jeanne d’Arc spielen. Das ambitionierte Unternehmen gerät zum Fiasko … Es ist ein durch und durch falsches Leben, in das Clara fällt wie in einen glänzenden Alptraum. In dieser Welt der oberflächlichen Gefühle, der inneren Leere, der stumpfen Geschäftigkeit sucht sie orientierungslos nach sich selbst, doch keiner ihrer Ausbruchsversuche führt an ein Ziel: nicht die Schauspielstunden, die sie nimmt, nicht die Affäre, auf die sie sich einläßt, nicht die Flucht aus ihrer riesigen Villa, nicht die Trennung von ihrem Mann. Wenn sie im eleganten schwarzen Kostüm oder im wadenlangen Pelzmantel verloren in halbfertigen Studiobauten steht oder durch öde Vorstadtstraßen läuft, wirkt die »Dame ohne Kamelien« wie eine Vorgängerin der ungeborgenen Frauenfiguren, denen Antonioni in »L’avventura«, »La notte«, »L’eclisse« und »Il deserto rosso« folgen wird. »La donna senza destino« heißt einer der billigen Filme, in denen die Clara reüssiert – am Ende fügt sie sich in ihr Schicksal. »Das ist dein Reich«, verkündet ihr ein fetter Produzent und weist mit großer Geste auf eine schäbige Kulisse. Clara weint. Und lächelt für die Fotografen.

R Michelangelo Antonioni B Michelangelo Antonioni, Suso Cecchi D’Amico, Francesco Maselli, Pier Maria Pasinetti K Enzo Serafin M Giovanni Fusco A Gianni Polidori S Eraldo Da Roma P Domenico Forges Davanzati D Lucia Bosè, Andrea Checchi, Ivan Desny, Gino Cervi, Alain Cuny | I & F | 105 min | 1:1,37 | sw | 26. Februar 1953

# 927 | 30. Dezember 2014

25.2.53

Les vacances de Monsieur Hulot (Jacques Tati, 1953)

Die Ferien des Monsieur Hulot

Scènes de la vie des vacances: ein beschaulicher Ferienort an der französischen Atlantikküste – das Meer und der Strand, das Hôtel de la Plage mit seinen Angestellten und Gästen. Einer der Touristen ist Monsieur Hulot, ein schlaksiger Sonderling, der wie ein unbeholfen-gutmütiger Außerirdischer über die unbewölkte Sommerbühne stakst. Jacques Tati bietet keine Handlung, keine Psychologie, keine Entwicklung, er blättert ein Album auf, skizziert Typen, beobachtet Situationen, macht sich diskret lustig über Gewohnheiten und Eigenarten, über Verhaltensweisen und die kleinen Absurditäten des Lebens. Bei aller Freude an visuellen Gags – ein Reifenschlauch verwandelt sich in einen Trauerkranz, Hulots dilettantisch-eckiges Tennisspiel fegt reihenweise erfahrene Sportler von Platz, ein in der Mitte durchgebrochenes Ruderboot wird zum Maul eines Riesenhais, Hulot unternimmt hilflose Versuche, ein versehentlich entzündetes Feuerwerk zu löschen – richtet Tati seine besondere Aufmerksamkeit auf Geräusche, die immer wieder absurde Komik entfalten: unverständliche Lautsprecherdurchsagen auf einem Bahnhof, denen die Reisenden folgen wie die Lemminge, eine quäkende Hupe, die schon mal einen schießwütigen Entenjäger auf Hochtouren bringt, das beängstigende Schnauben von Pferden, das gleichmütige Klappen einer Schwingtür. In die sonnige Heiterkeit mischt sich fast unmerklich eine gewisse Melancholie: Die Saison geht zu Ende, die Gesellschaft der Urlauber zerstreut sich, und der freundliche Kauz Hulot reist so alleine ab, wie er gekommen ist.

R Jacques Tati B Jacques Tati, Henri Marquet, Pierre Aubert, Jacques Lagrange K Jacques Mercanton, Jean Mousselle M Alain Romans A Henri Schmitt S Suzanne Baron, Charles Bretoneiche, Jacques Grassi P Fred Orain D Jacques Tati, Nathalie Pascaud, Micheline Rolla, Valentine Camax, Lucien Frégis | F | 114/88 min | 1:1,37 | sw | 25. Februar 1953

# 930 | 5. Januar 2015

9.2.53

Sommaren med Monika (Ingmar Bergman, 1953)

Die Zeit mit Monika

Freiheit ist ein großes Wort, das alle gern im Munde führen. Doch was heißt es, frei zu sein? Für Monika, ein 18jähriges Mädchen aus tristen Stockholmer Verhältnissen, heißt es: den stupiden Job zu schmeißen, sich einen Freund (Lars Ekborg) anzulachen, mit ihm durchzubrennen, den Sommer auf einem Boot in den Schären zu verbringen, nackt über Felsen zu springen, Essen zu klauen, ein Kind zu wollen und zu kriegen – und dann den Mann und das Kind zu verlassen, weil alles so trist und stupide ist. Freiheit heißt (in diesem Fall), im Augenblick zu leben, die Konsequenzen weder zu bedenken noch zu tragen, bei sich zu sein, egal ob es Glück oder Unglück für einen selbst oder andere bedeutet. Monika (vulgär-vital: Harriet Andersson) stößt ab und zieht an, macht sich unmöglich und bleibt verlockend dabei. Und wenn Ingmar Bergman sie, zu den Klängen einer Musicbox, eine unglaubliche halbe Minute lang durch das Objektiv der Kamera dem Publikum direkt in die Augen blicken läßt, mag wohl keiner mehr einen Stein nach ihr werfen.

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman, Per Anders Fogelström K Gunnar Fischer M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Tage Holmberg, Gösta Lewin P Allan Ekelund D Harriet Andersson, Lars Ekborg, Dagmar Ebbesen, Åke Fridell, Naemi Briese | S | 96 min | 1:1,37 | sw | 9. Februar 1953

29.1.53

Käpt’n Bay-Bay (Helmut Käutner, 1953)

»Nimm uns mit, Kapitän, auf die Reise.« Der Hamburger Schiffsführer Christian Droste, genannt ›Käpt’n Bay-Bay‹ (Hans Albers), dessen Hochzeit mit der geduldigen Anna (Lotte Koch) wegen diverser Widrigkeiten schon viermal aufgeschoben werden mußte, berichtet anläßlich des fünften Anlaufs von den abenteuerlichen Hintergründen der Verzögerungen … Helmut Käutner gestaltet die wundersamen Erlebnisse des Kapitäns und seines glatzköpfigen Begleiters Smutje (Bum Krüger) als musikalisch-maritime Münchhausiade voller geblähter Segel und lamettabehängter Faschingsuniformen, angefüllt mit handfesten Stereotypen und liebenswürdigen Rassismen. Der Käpt’n singt und spinnt (eher assoziativ als stringent) sein Seemannsgarn über Gaunerstreiche und Ehrabschneiderei vor Afrika und in der Karibik, über hilfreiche Mohren und korrupte Präfekten, über raffinierte Frauenzimmer und blinde Passagiere, über Auftritte von tätowierten Diseusen und Prügeleien in obskuren Kaschemmen, über Staatsempfänge in Bananenrepubliken und grundlose Einkerkerung in finsteren Löchern. Ein Lied von Verlockung und Treue, ein Mann, immer wieder aufgehalten in der geliebten Ferne, mit tiefer Sehnsucht nach zu Haus: In gewisser Weise erscheint »Käpt’n Bay-Bay« wie die alberne Operettenversion von Käutners Entsagungsklassiker »Auf Wiedersehen, Franziska« – abgerundet mit einer glücklichen (Spät-)Heimkehr.

R Helmut Käutner B Heinz Pauck, Per Schwenzen V Iwa Wanja, Fritz Garshoff K Friedel Behn-Grund M Nobert Schultze A Fritz Maurischat, Paul Markwitz S Ilse Voigt P Heinrich Johnen D Hans Albers, Bum Krüger, Lotte Koch, Renate Mannhardt, Angèle Durand, Rudolf Fernau | BRD | 101 min | 1:1,37 | sw | 29. Januar 1953

# 884 | 22. Juni 2014

21.1.53

Niagara (Henry Hathaway, 1953)

Niagara

»Kiss, kiss me, darling / then, kiss me once again.« Durch den ganzen Film rauschen, dröhnen, donnern die Massen des herabstürzenden Wassers, darüber schallt das gnadenlos gefühlige Glockenspiel des Rainbow Tower, das die Liebeslieder der Flitterwöchner intoniert: »Make my dreams come true.« So unentrinnbar wie die überlauten Geräusche, so vorgezeichnet wie der fallende Lauf des Niagara River erscheint das Schicksal der Eheleute Loomis, George (disturbed: Joseph Cotten) und Rose (tantalizing: Marilyn Monroe): »Nothing in the world – including God himself – can keep it from going over the edge. It just … goes.« Ein anderes Paar, die Cutlers, zwanglos und unkompliziert, wird auf der verspäteten Hochzeitsreise in den Strudel der tödlich scheiternden Beziehung gerissen. Betrug und Depression, Sex und Frust, Eifersucht und Verachtung – mit morbidem Sarkasmus präsentiert Henry Hathaways schwarzes Technicolor-Melodram das wildromantische Traumziel aller Frischvermählten als Schauplatz eines Trauerspiels, das seine (auch visuelle) Klimax in einer expressiven Mordszene unter dem schweigenden Geläut des Carillons erreicht. Während die imposante Topographie den Bildern Hintergrund und Tiefe verleiht, bleiben die Figuren auf die plakative Oberfläche reduziert: Insbesondere Monroes atemberaubende femme fatale macht den Eindruck eines rein filmischen Kunstgeschöpfs aus rasanter Garderobe und provokativ schwingenden Hüften, aus sinnlichen Lippen und verschleiertem Blick.

R Henry Hathaway B Charles Brackett, Walter Reisch, Richard L. Breen K Joseph MacDonald M Sol Kaplan A Lyle Wheeler, Maurice Ransford S Barbara McLean P Charles Brackett D Marilyn Monroe, Joseph Cotten, Jean Peters, Casey Adams (= Max Showalter), Denis O’Dea | USA | 92 min | 1:1,37 | f | 21. Januar 1953

# 944 | 10. Februar 2015

25.12.52

The Bad and the Beautiful (Vincente Minnelli, 1952)

Stadt der Illusionen

»I like gods. I like them very much. I know exactly how they feel«, wird Jean-Luc Godard in seinem 1963er Film-Film »Le mépris« den archetypischen Hollywood-Produzenten Jeremy Prokosch sagen lassen. Die Geschichte eines solchermaßen Besessenen erzählt »The Bad and the Beatiful« aus drei Perspektiven. Das egomane Kinomonster Jonathan Shields (brennend-kalt: Kirk Douglas) formt und beherrscht die Karrieren eines vielversprechenden Regisseurs (Barry Sullivan), dem er das Herzensprojekt stiehlt, einer fragilen Schauspielerin (Lana Turner), der er, um einer herausragenden Performance willen, Liebe vorgaukelt, und eines aufstrebenden Autors (Dick Richards), den er von seiner reizenden, aber plagegeistigen Ehefrau (Gloria Grahame) befreit. Die Manipulationen gereichen dem maniac stets zum Vorteil, dienen dabei zugleich den höheren Zielen der Filmkunst – und geschehen ironischerweise zum Besten der Opfer. Als der große Mann schließlich über die eigene Größe stürzt, bittet er seine »alten Freunde« um Hilfe – Anlaß für Rückblicke von angeekelter Bewunderung und liebevoller Bitterkeit. Vincente Minnelli, einer der raffiniertesten Stilisten der Studioära, unterzieht in einer Milieustudie voller glamour and doom (Kamera: Robert Surtees) den schöpferischen Fanatismus, der das (menschliche Beziehungen zu Sternenstaub zermahlende) Räderwerk der Traumfabrik antreibt, einer eher faszinierten (und faszinierenden) denn kritischen Betrachtung. PS: »If you dream, dream big.«

R Vincente Minnelli B Charles Schnee K Robert Surtees M David Raskin A Cedric Gibbons, Edward Carfagno S Conrad A. Nervig P John Houseman D Kirk Douglas, Lana Turner, Barry Sullivan, Dick Powell, Walter Pidgeon, Gloria Grahame | USA | 118 min | 1:1,37 | sw | 25. Dezember 1952

3.12.52

Le carrosse d’or (Jean Renoir, 1952)

Die goldene Karosse

»Where is truth? Where does the theatre end and life begin?« Der rote Samtvorhang hebt sich. Die Kamera fährt durch das Portal auf die Szene. Das Spiel beginnt. Es zeigt eine Frau zwischen Bühne und Leben, eine Schauspielerin zwischen drei Männern, dazu eine prächtige Kutsche als katalytisches Objekt aller Begierden: Die naturgewaltige Anna Magnani als Camilla (im (Film-)Leben) und Colombine (auf der (Kino-)Bühne) – quirlige Protagonistin einer Commedia-dell’arte-Truppe auf Gastspiel in einer spanischen Kolonie Südamerikas – verdreht die Köpfe eines honetten Offiziers, eines großtuerischen Stierkämpfers, eines genußfreudigen Vizekönigs, dessen eigenmächtiger Umgang mit dem titelgebenden Fuhrwerk allerhand Aufregung verursacht ... In leuchtendem Technicolor, animiert von den Klängen Antonio Vivaldis verschachtelt Jean Renoir eine Aufführung in eine andere Aufführung, verwischt die Grenzen zwischen Darstellung der Realität und der Realität selbst, stiftet Verwirrung zwischen dem Spiel auf der Bühne und dem Spiel im Leben: hier wie dort Masken und Kostüme, Perücken und Requisiten, Verstellung und Posen, Kabale und Liebe – oder um es mit Shakespeare zu sagen: »Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler, sie treten auf und gehen wieder ab.« Am Ende triumphiert die Darstellung über das sogenannte richtige Leben. Glück ist für Camilla/Colombine nur auf eine Art zu haben, »on the stage and in platform and in public place during those two little hours when you become another person, your true self.«

R Jean Renoir B Jean Renoir, Jack Kirkland, Renzo Avanzo, Giulio Macchi, Ginette Doynel V Prosper Mérimée K Claude Renoir M Antonio Vivaldi A Mario Chiari S David Hawkins P Francesco Alliata D Anna Magnani, Duncan Lamont, Riccardo Rioli, Odoardo Spadaro, Ralph Truman | F & I | 103 min | 1:1,37 | f | 3. Dezember 1952

#1100 | 1. März 2018

28.11.52

Die Spur führt nach Berlin (Franz Cap, 1952)

Hoch über der Stadt, auf der Aussichtsplattform des Funkturms, wird ein Mann erschossen; eine junge Frau, die mit dem Mordopfer eine Verabredung hatte, flüchtet panisch vom Tatort. Kurz darauf kommt ein amerikanischer Anwalt nach Berlin; er ist auf der Suche nach dem Erben eines großen Vermögens, findet aber nur dessen Tochter – es ist die Dame vom Funkturm … Der Krimi, der sich im und unter dem Schutt der zerbombten Reichshauptstadt abspielt, handelt von Menschenraub und Geldfälschung, von vorgetäuschten Gefühlen und kalter Berechnung. Ein Hauch von »The Third Man« liegt in der staubigen Trümmerluft; Produzent Artur Brauner (der auch die zwischen den Sektoren driftende Story erfand) und Regisseur Franz Cap geht es indes nicht so sehr um expressive Ruinenmalerei oder Verhandlung von Fragen der Nachkriegsmoral, sie erzählen in erster Linie einen unprätentiösen Reißer (in den gleichwohl die Vergangenheit ihre dunklen Schatten wirft), wobei die dokumentarisch-sachliche Kamera des Ex-Kriegsberichters Helmuth Ashley die grandiose Schäbigkeit der zerstörten Metropole – von der Verfolgungsjagd durch den baumlosen Tiergarten über die Ansichten der (fast) menschenloser Trümmerzonen bis zum Showdown im ausgebrannten Reichstag – sehr einprägsam ins Bild setzt. Zwar agieren der steife Held (Gordon Howard) und die spröde Protagonistin (Irina Garden) bisweilen mit der Ausdruckskraft von Licht­doubles, aber Barbara Rütting überzeugt als kühl-sinnliche russische Dolmetscherin und Kurt Meisel setzt einen schillernden Glanzpunkt als einnehmend niederträchtiger Schurke (dem Wolfgang Neuss als augenkneifender Scherge zur Hand gehen darf).

R Franz Cap (= František Čáp) B Hans Rameau K Helmuth Ashley M Herbert Trantow A Emil Hasler, Walter Kutz S Johanna Meisel P Artur Brauner D Irina Garden, Gordon Howard, Kurt Meisel, Hans Nielsen, Barbara Rütting | BRD | 89 min | 1:1,37 | sw | 28. November 1952

14.11.52

Les belles de nuit (René Clair, 1952)

Die Schönen der Nacht

»Au bord de l’ombre, / au fond des songes, / c’est mon souvenir que tu suis: / au bout du monde, / au creux des nuits.« Claude, ein sensibler junger Komponist (Gérard Philipe) – frustriert ob seiner beständigen Erfolglosigkeit und entnervt vom allgegenwärtigen Lärm des modernen Lebens (Motoren, Hupen, Preßlufthämmer, Flugzeuge, Kinder) –, träumt sich in die (vermeintliche) Hochstimmung und den (falschen) Frieden der (sogenannten) guten alten Zeit hinein. Da aber jede »gute alte Zeit« ihre eigene »gute alte Zeit« hat, fällt er, von Morpheus umarmt, immer tiefer in den Abgrund der Epochen – vom tristen Jetzt der Nachkriegsjahre in die opulente Belle Epoque in die koloniale Euphorie der Julimonarchie in den Befreiungsfuror der französischen Revolution in die chevalereske Ära der Musketiere und im Strudel der Geschichte weiter, weiter, bis hinab in die rohe Steinzeit… René Clair, der in der 1920er Jahren mit den Surrealisten gefrühstückt hat, extrapoliert aus der verdrießlichen Gegenwart seines Protagonisten ein hochmusikalisches, beschwingt zwischen den Äonen tanzendes Nachtstück von künstlerischem Erfolg und emotionaler Verzückung (verkörpert unter anderem von Gina Lollobrigida und Martine Carol), dessen hoffnungsfrohe Operettenhaftigkeit freilich schon bald in bedrohliche Alptraumvisionen (von schwirrenden Krummsäbeln, blanken Fallbeilen und schweren Keulen) umschlägt – denn merke: Wahres Glück ist nicht im Schlaf sondern nur, wachen Geistes und sehenden Auges, im Hier und Heute zu haben (in diesem (schönen) Fall mit der Tochter des scheppernden Automechanikers).

R René Clair B René Clair, Pierre Barillet, Jean-Pierre Grédy K Armand Thirard M Georges Van Parys A Léon Barsacq S Louisette Hautecœur P René Clair, Angelo Rizzoli D Gérard Philipe, Martine Carol, Gina Lollobrigida, Magali Vendeuil, Raymond Bussières | F & I | 87 min | 1:1,37 | sw | 14. November 1952

11.11.52

Ferien vom Ich (Hans Deppe, 1952)

»Bleiben Sie so!« – »Ja, wie denn?« Ein amerikanischer Millionär (Rudolf Prack) reist in Geschäften durch Deutschland, klappt unterwegs vor Erschöpfung zusammen. Der beigezogene Arzt (Willy Fritsch) rät zu einer Radikalkur: alles vergessen, komplett ausspannen, Ferien vom Ich machen. Der Millionär ist begeistert von der Idee des philanthropischen Mediziners, wittert dabei auch ein gutes Geschäft. Ein idyllischer Gutshof wird (günstig) gekauft, als landwirtschaftiche Kurklinik umgenutzt; Anzeigen werden geschaltet, die Mühseligen und Beladenen des anlaufenden Wirtschaftwunders kommen in Scharen. Ein hypernervöser Notar, ein unzufriedener Angestellter, eine durchgedrehte Schauspielerin, ein untergebutterter Ehemann – sie alle wollen die strapaziöse Existenz hinter sich lassen, das belastende Ego austreiben wie einen bösen Geist. In der gediegenen Heilstätte erhalten die Patienten Einheitskleidung und neue Namen, verrichten sogenannte niedere Dienste, finden in Entäußerung und Anonymität zu sich selbst und zum (persönlichen oder partnerschaftlichen) Glück, wodurch sie hinfort den Herausforderungen des Lebens gewachsen sein werden. Hans Deppe inszeniert einen doppelbödigen Heimatfilm – einerseits friedvolle Landschaften, sentimentale Musik, boulevardeske Liebeshändel, andererseits Motivationsprogramm zur nutzbringenden Selbstoptimierung: Die Prosperität dressiert ihre Kinder.

R Hans Deppe B Peter Francke V Paul Keller K Willy Winterstein M Marc Roland A Ernst H. Albrecht S Walter Wischniewsky P Hans Deppe D Rudolf Prack, Marianne Hold, Willy Fritsch, Grethe Weiser, Paul Henckels | BRD | 107 min | 1:1,37 | f | 11. November 1952

# 863 | 18. Mai 2014

23.10.52

Alraune (Arthur Maria Rabenalt, 1952)

»Sie herzte sanft ihr Spielzeug, / Bevor sie es zerbrach, / Und hatte eine Sehnsucht
 / Und wußte nicht wonach.« Hildegard Knef als künstliches Mädchen (»ihr Mund so rot wie Wein«, »ihr Herz so tot wie Stein«), das Männern erst die Herzen bricht und sie sodann kaltlächelnd in den Tod schickt. Alraune ist die Kreatur des genialen Forschers (oder eher: genialischen Alchimisten) Jakob ten Brinken (knurrig: Erich von Stroheim), der im Labor das Erbgut eines Mörders mit dem einer Prostituierten kreuzte, um die Gesetze der Genetik ergründen und der mißgünstigen Mitwelt einen Beweis seiner Begnadung zu liefern. Im Moment, da das kalte, einsame Wesen erfährt, was echtes Gefühl, was wahre Liebe ist, könnte alles gut werden, wenn es dafür nicht längst zu spät wäre … Nur am Rande thematisiert »Alraune« die Risiken des naturwissenschaftlichen Fortschritts; eher ist es Arthur Maria Rabenalt darum zu tun, die betörenden Reize der Knef in schimmernden Roben auszustellen und die jenseitig-zeitlose spätromantische Welt der Fabel flackernd zu illuminieren. Bei aller Trivialität der Erzählung evoziert der müde, dunkle Fatalismus des Werkes das Erbe des Stummfilms (Bauten: Robert Herlth) und erteilt (im tiefen Schatten eines verlorenen Krieges) dem hybriden Kult des Machbaren eine deutliche Absage: »Was blieb von ihrem Leben – 
/ Ein Lied, das niemand sang.«

R Arthur Maria Rabenalt B Kurt Heuser V Hanns Heinz Ewers K Friedl Behn-Grund M Werner Richard Heymann A Robert Herlth S Doris Zeltmann P Günther Stapenhorst D Hildegard Knef, Erich von Stroheim, Karlheinz Böhm, Harry Meyen, Trude Hesterberg | BRD | 92 min | 1:1,37 | sw | 23. Oktober 1952

6.9.52

Lo sceicco bianco (Federico Fellini, 1952)

Der weiße Scheich

»Das Leben ist ein Traum, aber manchmal ist der Traum ein tödlicher Abgrund.« Ivan und Wanda, ein frisch verheiratetes Paar aus der Provinz, reisen in den Flitterwochen nach Rom. Der korrekt-adrette Ehemann hat alles perfekt organisiert: Treffen mit Verwandten, Stadtbesichtigung, Audienz beim Heiligen Vater. Die schüchtern-schwärmerische Braut indes will nur eines: den Mann ihrer Träume treffen, Fernando Rivoli, den ›weißen Scheich‹ – Hauptdarsteller und -figur des gleichnamigen exotischen ›fotoromanzo‹. Die seifigen Trash-Epen dieser massenhaft gedruckten Bilderstorys – einer Kreuzung aus Kino und Comic, geboren im Italien der Nachkriegszeit – liefern Wanda (als einer von Zigtausenden sehnsüchtiger Konsument(inn)en) die romantischen Idole und Ideale  … Federico Fellinis temperamentvolle (stellenweise etwas eckig inszenierte) Posse von der Macht der Illusion schlägt um in einer bittere Komödie der Ernüchterung und endet als realistische Groteske: die Existenz als Zirkus, der Alltag als Nummernrevue, der Mensch als Gaukler seines Daseins. Die italienische Hauptstadt bietet die barocke Kulisse für ein absurdes kleines Welttheater, das von Nino Rotas Rummelmusik kongenial akzentuiert wird. »Lo sceicco bianco« – ein Film fast so aberwitzig wie das richtige Leben.

R Federico Fellini B Federico Fellini, Tullio Pinelli, Ennio Flaiano K Arturo Gallea M Nino Rota A Raffaello Tolfo S Rolando Benedetti P Luigi Rovere D Alberto Sordi, Brunella Bovo, Leopoldo Trieste, Giullietta Masina, Lilia Landi | I | 86 min | 1:1,37 | sw | 6. September 1952

2.9.52

Monkey Business (Howard Hawks, 1952)

Liebling, ich werde jünger

Dr. Barnaby Fulton (Cary Grant), Chefchemiker des Oxley-Konzerns, arbeitet an einem Präparat, das den Alterungsprozeß umkehren soll. Während der greise Firmenchef (Charles Coburn) dem Ergebnis sowohl aus persönlichen Gründen wie auch aus geschäftlichem Interesse entgegenfiebert, müht sich Fulton im Labor, das richtige Verhältnis der Ingredienzen zu treffen. Daß nicht der genial-zerstreute Wissenschaftler (der bedingt durch seine forscherischen Bemühungen die eigene Ehefrau (Ginger Rogers) schon mal wie Luft behandelt) sondern ein Laborschimpanse die Lösung findet, belegt Howard Hawks’ Sinn für hämischen Humor. Die weitere Handlung, in deren zunehmend chaotischem Verlauf die Beteiligten nach (mal gewolltem, mal ungewolltem) Genuß des Zaubermittels (»the most dubious discovery since itching powder«) mehrfach in den Zustand von präpotent-albernen, kindisch-prüden oder enthemmt-meschuggenen Heranwachsenden zurückgeworfen werden, offenbart die Zweifelhaftigkeit des uralten Menschheitstraums von ewiger Jugend: »Maladjustment, near-idiocy, and a series of low-comedy disasters, that’s what youth is.« Wieder zur Besinnung gekommen, findet Fulton schließlich die wahre Formel für körperliche und geistige Frische: »You’re old only when you forget you’re young.« Hawks hat es nicht vergessen.

R Howard Hawks B Ben Hecht, Charles Lederer, I. A. L. Diamond K Milton Krasner M Leigh Harline A Lyle Wheeler, George Patrick S William B. Murphy P Sol C. Siegel D Cary Grant, Ginger Rodgers, Charles Coburn, Marilyn Monroe, Hugh Marlowe | USA | 97 min | 1:1,37 | sw | 2. September 1952

# 990 | 9. März 2016

21.8.52

Abenteuer in Wien (Emil Edwin Reinert, 1952)

»Jeder Mensch hat einmal eine Chance. Meine ist heute gekommen – und ich lasse sie nicht aus.« Abenteuer einer Silvesternacht: Toni Sponer (Gustav Fröhlich) lebt ohne Papiere in der nachkriegerischen Hauptstadt Österreichs, wo er illegal als Taxifahrer sein karges Brot verdient; als ein Kunde in seinem Wagen erschossen wird, stiehlt er dessen verheißungs­volle (amerikanische) Identität (»Sicher … frei … Bürger …«) – und wird unversehens in das Ehe-Schauerstück eines fanatisch-eifersüchtigen Pianisten (Francis Lederer) und seiner rührend-verzweifelten Gattin (Cornell Borchers) verwickelt … Es sind vor allem die ungemütlichen Schwarzweiß-Bilder eines grauen, kalten Wien ganz ohne Schmäh und fern aller Heurigen-Seligkeit (Kamera: Helmuth Ashley), die Emil Edwin Reinerts Thriller-Melodram auszeichnen. Nach der Jagd durch dunkle Straßen, enge Durchhäuser und sonstige hoffnungslose Gefilde öffnet sich zum (mehr oder weniger) guten Schluß der Ausblick auf eine wunderbare Freundschaft …

R Emil Edwin Reinert B Michael Kehlmann, Franz Tassié V Alexander Lernet-Holenia K Helmuth Ashley M Richard Hagemann A Friedrich Jüptner-Jonstorff, Fritz Mögle S Henny Brünsch P Turhan Bey, Ernest Müller D Gustav Fröhlich, Cornell Borchers, Francis Lederer, Adrienne Gessner, Hermann Erhardt | A & USA | 90 min | 1: 1,37 | sw | 21. August 1952

13.6.52

Frauenschicksale (Slatan Dudow, 1952)

»Es gibt keine Befreiung der Menschheit ohne die soziale Unabhängigkeit und Gleichstellung der Geschlechter«, schrieb August Bebel im Jahre 1879; Slátan Dudow läßt diesen Satz des sozialdemokratischen Übervaters an zentraler Stelle seines Werkes zitieren. Überhaupt ist »Frauenschicksale« – ein filmisches Kaleidoskop, das mehrere weibliche Lebenswege in den Berliner Nachkriegsjahren verfolgt und miteinander verknüpft – nicht frei von ideologischem Verkündungseifer: Immer wieder wird in hohem Ton deklamiert (und gesungen). Jenseits weltverbesserischen Predigertums, fröhlich wehender roter Fahnen und des klischiert-parteilichen Blicks auf die Zustände im verfaulten Westen (eine Betrachtungsweise, die sich kaum von konservativer Zivilisationskritik unterscheidet) schildert Dudow mit veristischem Zugriff und viel Zuneigung zu seinen Frauenfiguren die Umstände, in denen diese Heldinnen des Alltags leben – und nicht mehr leben wollen. Als Katalysator der persönlich(-politisch)en Emanzipationen und Bindeglied der Erzählung fungiert ein Kerl. Conny Lohmüller ist Charmeur, Lebemann, Schieber und: ein Mann von gestern. Während seine herzlos abgelegten Liebschaften (eine Juristin, eine Schneiderin sowie ein Mädchen, das für ein schönes blaues Kleid zur Verbrecherin wird), gerade wegen ihrer desillusionierenden Erfahrungen, profundes Glück in der sozialistischen Menschengemeinschaft finden, stürzt der oberflächliche Genußmensch unter asozialen Kapitalisten ab. »Man lebt ja nur einmal«, ist Connys Motto, aber einmal ist keinmal. Das Schicksal, so Dudow (mit Brecht), ist nicht nur Schicksal, es kann (und muß) geformt werden: »Drum rührt geschäftig die Hände, / Legt euer Herz hinein. /
 Will doch das Glück erst erkämpfet sein,
/ Kommt es nicht von allein.«

R Slátan Dudow B Slátan Dudow, Gerhard Bengsch, Ursula Rumin K Robert Baberske M Hanns Eisler A Otto Erdmann S Lena Neumann P Robert Leistenschneider D Sonja Sutter, Anneliese Book, Susanne Düllmann, Lotte Loebinger, Hanns Groth | DDR | 105 min | 1:1,37 | f | 13. Juni 1952