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25.8.55

All That Heaven Allows (Douglas Sirk, 1955)

Was der Himmel erlaubt 

»Things do not change; we change.« Douglas Sirks süffige Technicolor-Romanze löst (gegen allerhand ex- und interne Widerstände) die appetitliche Witwe Cary (Jane Wyman) aus den Fesseln, die sie an die Konventionen ihrer kleinstädtischen, gehoben-mittelklassigen Welt binden, und legt sie dem selbstbestimmten Naturburschen Ron (Rock Hudson) in die fürsorglich-muskulösen Arme … »All That Heaven Allows« zeichnet in starken Farben (Kamera: Milton Krasner) und mit fetten Symbolen (glühendes Herbstlaub, zerdepperte Wedgwood-Kannen, zutrauliches Damwild, spiegelnde Mattscheiben) das Bild einer formierten Gesellschaft, die ihren Mitgliedern das ureigene Glück neidet, ihnen mit bigotter Freude die Chancen auf persönliche Erfüllung vermasselt und die solchermaßen Zurechtgestutzen für den Verlust der inneren Freiheit mit Geld, Cocktailpartys und Fernsehgeräten (»Life's parade at your fingertips.«) entschädigt; das Allerschlimmste aber ist, daß der äußere Zwang schließlich zur inneren Zwangsvorstellung wird, das Unglück dem Einzelnen mithin gar nicht mehr frei Haus geliefert werden muß, sondern artig selbst produziert wird. Sirk indes verwandelt die Tragödie der sozialen Zurichtung in das Drama einer individuellen Bewußtwerdung: Er läßt seine bürgerliche Heldin an der Herausforderung, die ihre unpassende Liebe darstellt, wachsen und erlaubt ihr den Befreiungsschlag, der die ägyptische Grabkammer eines falschen Lebens schließlich in Trümmer fallen läßt.

R Douglas Sirk B Peg Fenwick K Russell Metty M Frank Skinner A Alexander Golitzen, Eric Orborm S Frank Gross P Ross Hunter D Jane Wyman, Rock Hudson, Agnes Moorehead, Conrad Nagel, Virginia Grey | USA | 89 min | 1:1,77 | f | 25. August 1955

4.8.54

Magnificent Obsession (Douglas Sirk, 1954)

Die wunderbare Macht 

»… damit die Blinden sehend und die Sehenden blind werden.« So etwas muß man sich erst einmal trauen: Der so reiche wie leichtfertige Playboy Bob Merrick (Rock Hudson) verursacht nicht nur indirekt den Tod eines karitativen Philanthropen, er verwickelt auch noch dessen tugendsame Witwe Helen (Jane Wyman) in einen Unfall, der sie um ihr Augenlicht bringt. Von all dem Unheil, das er anrichtete, zur Besinnung gebracht, verliebt er sich aufrichtig in sein erblindetes Opfer und verwandelt sich durch ein unerforschliches Erweckungserlebnis in einen großherzigen Wohltäter sowie (dramaturgisch nicht ohne Grund) in einen brillanten Gehirnchirurgen … Im üppig wuchernden Schwulst der Erzählung findet die Kamera (Russell Metty) kristallklare Bilder für die gewichtigen Themen des Films: Verblendung und Erkenntnis, Schwachheit und Läuterung, Flucht vor sich selbst und Zulassen des großen, rätselhaften, beschwerlichen Glücks. »Du mußt dein Leben ändern«, scheint es aus jeder Einstellung von »Magnificent Obsession« lautstark zu flüstern. Dazu lassen silberhelle Engelschöre eine süßliche Verbrämung der ›Ode an die Freude‹ erschallen. Es ist kaum auszuhalten.

R Douglas Sirk B Robert Blees V Lloyd C. Douglas K Russell Metty M Frank Skinner A Bernard Herzbrun, Emrich Nicholson S Milton Carruth P Ross Hunter D Jane Wyman, Rock Hudson, Barbara Rush, Agnes Moorehead, Otto Krueger | USA | 108 min | 1:2,0 | f | 4. August 1954

15.4.50

Stage Fright (Alfred Hitchcock, 1950)

Die rote Lola

Hinter den Credits hebt sich langsam der Vorhang und gibt den Blick frei auf die Szene: London. Es könnte allerdings auch jeder andere Ort sein, denn Alfred Hitchcock macht (sich) erstaunlich wenig aus dem spezifischen Flair seiner Heimatstadt. Genausowenig Leidenschaft bringt er für das Milieu auf, in dem sein krimikomödiantischer Film spielt: Die Welt des Theaters bleibt flache Kulisse. Die Story – Schauspielschülerin Eve (Jane Wyman) schleicht sich als Garderobiere bei der Diva Charlotte Inwood (Marlene Dietrich) ein, um ihren guten Freund Jonathan (Richard Todd) vom Verdacht des Mordes am Ehemann des exaltiert-fragwürdigen Bühnenstars reinzuwaschen – spielt mit dem Motiv der Maskerade, der Verstellung, der (optischen) Täuschung, ohne dem Thema besondere Tiefe abzugewinnen. Kurioserweise tritt in »Stage Fright« Hitchcocks Desinteresse an Schauspielern (von denen er sagt, sie gehörten behandelt wie Vieh) besonders deutlich zu Tage: Jeder spielt für sich allein – Marlene Dietrich repetiert ihre, einst von Josef von Sternberg erfundene, Glamour-Performance, Jane Wyman gibt eine leicht ironisierte Hollywood-Vorstellung der grauen Maus, Richard Todd chargiert zwischen nervös-verfolgter Unschuld und starr-glotzender Psychopathie, Alastair Sim und Sybil Thorndike (als Eves verschrobene Eltern) führen eine erzbritische comedy of manners auf. Der dramatische Schlußeffekt des außerordentlich disparaten Stücks spiegelt die Anfangseinstellung, und »wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und keine Fragen offen.«

R Alfred Hitchcock B Whitfield Cook, Alma Reville V Selwyn Jepson K Wilkie Cooper M Leighton Lucas A Terence Verity Ko Milo Anderson, Christian Dior S Edward B. Jarvis P Alfred Hitchcock D Jane Wyman, Marlene Dietrich, Richard Todd, Michael Wilding, Alastair Sim | UK | 110 min | 1:1,37 | sw | 15. April 1950