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29.6.79

Bloodline (Terence Young, 1979)

Blutspur

Nach dem Mord an ihrem Vater sieht sich die Erbin eines Schweizer Pharmakonzerns tödlichen Nachstellungen aus der geldgeilen Verwandtschaft ausgesetzt; alle sind verdächtig, denn jeder hat triftigen Grund, das traditionsreiche Familienunternehmen an der Börse in Cash zu verwandeln … Die Panik in den Augen von Audrey Hepburn ist vermutlich nicht der Höllenangst der von ihr gespielten Elizabeth Roffe geschuldet sondern dem blanken Entsetzen über das hirnverbrannte Unterfangen, auf das sie sich eingelassen hat, als sie die (Haupt-)Rolle in diesem Film annahm. »Bloodline«, eine konfuse amerikanisch-bundesdeutsche Coproduktion mit apathischem All-Star-Cast, geht bei aller handwerklichen Stümperhaftigkeit und erzählerischen Idiotie leider nicht als guilty pleasure durch: Auch wenn Gert Fröbe als Kommissar neckische Zwiesprache mit einem Ermittlungscomputer hält oder, in einer völlig unerklärlichen Parallelhandlung, ein Frauenkiller seine Taten snuff-cinéastisch auswertet, versandet in diesem Fall das heimliche Vergnügen, das manch andere filmische Entartung mit sich bringt, in hochgestochener Langeweile und in der Erschütterung, Profis wie Terence Young, Ennio Morricone, Freddie Young und Schauspiellegenden wie Romy Schneider, James Mason, Maurice Ronet so tief sinken zu sehen.

R Terence Young B Laird Koenig V Sidney Sheldon K Freddie Young M Ennio Morricone A Ted Haworth S Bud Molin P Sidney Beckermann, David V. Picker D Audrey Hepburn, Ben Gazarra, James Mason, Omar Sharif, Gert Fröbe | USA & BRD | 116 min | 1:1,66 | f | 29. Juni 1979

19.5.78

Despair – Eine Reise ins Licht (Rainer Werner Fassbinder, 1978)

»Der perfekte Mord wäre der, der nie stattgefunden hat, aber dennoch verübt worden ist.« Berlin, um 1930 – Krise der Wirtschaft, Niedergang der Demokratie, Morgenröte der Nazis: Der russische Emigrant Hermann (disparat und desperat: Dirk Bogarde), »Sohn eines Deutschbalten und einer Rothschild«, bedrückt von den politischen Zeitumständen, von der ererbten Schokoladenfabrik, von seiner sinnlichen, aber hoffnungslos beschränkten Ehefrau Lydia (Andréa Ferréol), vor allem aber von der totalen Hohlheit der eigenen Existenz, sucht ein Entkommen aus seinem Dilemma – und findet es in einem Spiegelkabinett … »Sie wissen doch sicher, was ein Double ist?« fragt der vornehme Hermann den abgerissenen Felix (Klaus Löwitsch), den Mann, in dem er seinen Doppelgänger zu erkennen glaubt. »Nein«, sagt Felix. Darauf Hermann: »Aber Sie waren doch schon mal im Kino!?« Rainer Werner Fassbinders ultrakünstliche Adaption eines Romans von Vladimir Nabokov (nach einem Drehbuch des englischen Dramatikers Tom Stoppard) – ein metaphysisches Kriminalspiel, ein sperrig-luxuriöses, radikal überhöhtes Zeitbild, die psychopathologische Studie einer sich spaltenden Persönlichkeit – gleicht einem filmischen Labyrinth, das aus der hermetischen Art-Déco-Welt (Bauten: Rolf Zehetbauer) eines entwurzelten Ästheten ins schneeweiße Licht der erlösenden (Selbst-)Zerstörung führt: Verzweiflung als Chance, Wahnsinn als Weg.

R Rainer Werner Fassbinder B Tom Stoppard V Vladimir Nabokov K Michael Ballhaus M Peer Raben A Rolf Zehetbauer S Juliane Lorenz, Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Peter Märthesheimer D Dirk Bogarde, Andréa Ferréol, Klaus Löwitsch, Volker Spengler, Bernhard Wicki | BRD & F | 119 min | 1:1,66 | f | 19. Mai 1978

# 897 | 22. Juli 2014

21.5.75

The Return of the Pink Panther (Blake Edwards, 1975)

Der rosarote Panther kehrt zurück

»To Catch a Thief« revisited: Wieder einmal wird der hochkarätige ›Pink Panther‹ entwendet; wieder einmal nimmt Inspektor Clouseau (ein Meister der grotesken Maske: Peter Sellers) die kriminalistische Fährte des ›Phantoms‹ auf, die (behäbig) durch den Mittleren Osten, an die Côte d’Azur, in die Schweizer Alpen mäandert; wieder einmal in Verdacht gerät Sir Charles Lytton (leider nicht von Grandseigneur David Niven sondern von Ersatz-Beau Christopher Plummer gespielt), der diese Unterstellung aus der Welt zu schaffen gedenkt, indem er den wahren Täter faßt; wieder einmal gehen zahllose Inneneinrichtungen zu Bruch, fliegen Fetzen, reißen Nerven. Zunehmend wichtiger als die (umständlich verdoppelte) Ermittlung wird jedoch das Geschehen auf dem Nebenkriegsschauplatz, wo Clouseaus haßerfüllt-mörderischer Vorgesetzter Dreyfus (mit irrem Lidflattern: Herbert Lom) seinem kreativ-destruktiven Untergebenen (erfolglos) nach dem Leben trachtet … Solange Blake Edwards sich auf die anarchische Präzision seines Hauptdarstellers verläßt, funktioniert »The Return of the Pink Panther« vorhersehbar gut, in den (viel zu breiten) erzählerischen Zwischenräumen herrschen indes komödiantischer Leerlauf und (gehobener) formaler Durchschnitt. PS: »Compared to Clouseau, Attila the Hun was a Red Cross volunteer!«

R Blake Edwards B Blake Edwards, Frank Waldman K Geoffrey Unsworth M Henry Mancini A Peter Mullins S Tom Priestley P Blake Edwards D Peter Sellers, Christopher Plummer, Catherine Schell, Herbert Lom, Burt Kwouk | UK | 113 min | 1:2,35 | f | 21. Mai 1975

18.12.69

On Her Majesty's Secret Service (Peter Hunt, 1969)

James Bond 007 – Im Geheimdienst Ihrer Majestät 

Bond in love! Der allzeit potente Held der westlichen Welt, für den Sex bislang nicht mehr bedeutete als ein 1953er Dom Pérignon (was freilich nicht wenig ist), findet die echte, die große Liebe. Auch sonst hält das sechste 007-Leinwand-Abenteuer einige Überraschungen bereit: zunächst einen neuen Bond-Darsteller (George Lazenby, das exemplarische Katalogbild des männlichen Mannes, der im Skidress dieselbe überzeugende Figur macht wie im tuxedo kilt), dazu eine eigenwillige weibliche Hauptfigur, kein »girl«, sondern eine Frau, die (trotz einer gewissen seelischen Labilität) dem dynamischen Superagenten das Wasser reichen kann (Diana Rigg bringt als Teresa ›Tracy‹ Di Vicenzo, geb. Draco en passant ihren Emma-Peel-Mythos in den Film ein) und, am interessantesten vielleicht, einen progressiv-dissonanten Erzählrhythmus, der – unter fast völliger Vermeidung visueller Exzentrik – die Balance findet zwischen aufreizend epischer Breite und virtuos choreographierten, exquisit geschnittenen alpinen Actionsequenzen (Regie führt Peter Hunt, der langjährige Cutter der Reihe). »On Her Majesty’s Secret Service« bietet mit Telly Savalas (als Erzschurke Ernst Stavro Blofeld ≈ Comte Balthazar de Bleuchamp), Ilse Steppat (als SSige Handlangerin Irma Bunt) sowie diversen, unter Hypnose stehenden, Schönheiten (denen der Held, soviel Bond muß sein, ganz ohne Liebesschmuß seine Virilität beweisen darf) zudem ein ansehnliches Panoptikum des Bösen – wobei die Dramatik des Falls (Erpressung der Welt mittels eines infertilisierenden Virus) zurücktritt hinter die Sensation der (trügerischen) Romantik: »We have all the time in the world.«

R Peter Hunt B Richard Maibaum V Ian Fleming K Michael Reed M John Barry A Syd Cain S John Glen P Albert R. Broccoli, Harry Saltzman D George Lazenby, Diana Rigg, Telly Savalas, Gabriele Ferzetti, Ilse Steppat | UK | 142 min | 1:2,35 | f | 18. Dezember 1969

22.2.68

Negresco**** – Eine tödliche Affäre (Klaus Lemke, 1968)

Der mittelmäßige Fotograf Roger (Gérard Blain) erhält in Berlin rein zufällig vage Hinweise auf ein möglicherweise profitables Geheimnis und folgt dessen mondäner Trägerin Laura Parrish (It-Lady Ira von Fürstenberg) durch teure Hotels und prächtige Villen, an die (sonnige) Côte d’Azur und weiter ins (tödliche) Engadin. In seinem zweiten Spiel-Film kokettiert Klaus Lemke wiederum schaulustig-eskapistisch mit bekannten Kinomotiven (verbotene Liebe, dunkle Geschäfte, undurchschaubare Ränke), schießt kolportagehafte Momentaufnahmen aus der großen, weiten Illustriertenwelt der reichen Männer und schönen Frauen, der flotten Boote und schnellen Schlitten, des heißen Geldes und gefährlichen (Zu-viel-)Wissens. Die flüchtig-spekulativen, nicht immer ganz scharfen Paparazzoblicke fügen sich kaum zu einer schlüssigen Story, reihen sich vielmehr assoziativ aneinander wie eine Folge von leicht verdruckten Bildern in einem Regenbogenblatt. Die berühmte Nizzaner Luxusabsteige, die dem Werk den wohlklingenden Titel leiht, und die exklusive Jet-Set-Hauptdarstellerin stehen emblematisch für jene mystische Society-Sphäre, die ein ehrgeiziger Arrivist zwar vorübergehend betreten aber in Wahrheit nicht erreichen kann.

R Klaus Lemke B Max Zihlmann, Klaus Lemke, Ingo Hermes K Michael Marszalek M Klaus Doldinger S Renate Willeg P Peter Berling D Gérard Blain, Ira von Fürstenberg, Paul Hubschmid, Serge Marquand, Ricky Cooper | BRD | 95 min | 1:1,66 | f | 22. Februar 1968

18.4.67

Caprice (Frank Tashlin, 1967)

Caprice

»I'm the spy who came in from the cold cream.« Ein Doris-Day-Film, der beginnt wie ein James-Bond-Abenteuer: mit einem tödlichen Ski-Verfolgungsrennen in den Schweizer Alpen … Frank Tashlin verwickelt die (mittlerweile über 40jährige) ewige Jungfrau in einen vor allem theoretisch guten spy spoof um Geheimformeln und Jugendkult, um Liebestraum und Doppelspiel, um Narkotika und geschäftliche Konkurrenz, die über Leichen geht. »To die, to sleep;
 to sleep: perchance to dream« – das Hamlet-Zitat wird nicht ohne Grund mehrfach vorgetragen. Patricia Foster (alias Philippa Fowler) jagt als Industriespionin einerseits nach der Rezeptur eines wasserfesten Haarsprays, andererseits will sie den Mord an ihrem Vater aufklären. Dabei trifft die Beton-Blondine auf einen attraktiv-zupackenden Counter-Spitzel (Richard Harris), auf einen hochstaplerisch-cholerischen Chemiker (Ray Walston) und auf einen soigniert-skrupellosen Unternehmer (Edward Mulhare) … Tashlin, der Grandseigneur des zynischen Slapstick, der Meister der grafischer Stilisierung, ist immer gut für grotesk-dekorative Bilderfindungen – so auch (unterstützt von den psychedelischen Kreationen des Kostümbildners Ray Aghayan) in diesem bonbonbunten Fall –, aber Tashlin, der Brachial-Tati des Konsumzeitalters, der systemkritische Vaudeville-Bruder von Godard und Antonioni, zeigt sich in »Caprice« (trotz passender Themenwahl) nicht mehr ganz auf der Höhe seiner subversiven Kunst.

R Frank Tashlin B Frank Tashlin, Jay Jayson K Leon Shamroy M Frank De Vol A Jack Martin Smith, William Creber S Robert L. Simpson P Martin Melcher, Aaron Rosenberg D Doris Day, Richard Harris, Ray Walston, Jack Kruschen, Edward Mulhare | USA | 98 min | 1:2,35 | f | 18. April 1967

29.7.65

Help! (Richard Lester, 1965)

Hi-Hi-Hilfe!

»There's more here than meets the eye!« Gewidmet Elias Howe, dem Erfinder der Nähmaschine, surrt das zweite Beatles-Vehikel »Help!« wie ein surrealer Narrationsapparatismus durch jede Menge knallbunte Inhaltsfetzen und tackert den ganzen Wust zu einem wüsten Ganzen zusammen. Nukleus des Geschehens ist ein geheimnisvoller Ring, den Ringo (wer sonst?) an seinem Finger trägt, und hinter dem sowohl eine blutrünstige indische Sekte als auch ein Wissenschaftler mit Weltmachtambitionen her sind – Wilkie Collins meets James Bond. Richard Lester sowie den Autoren Charles Wood und Marc Behm gelingt es durch die konsequente Mißachtung der drei aristotelischen Einheiten von Ort, Zeit und Handlung nicht nur, sieben Beatles-Songs in den launenhaft-mäandrierenden Hergang des Films einzufügen, sie kreieren mit ihrer pointierten »And-now-for-something-completly-different«-Logik (und unter Einsatz des intelligenten Blödeltalents der Fab Four) zudem eine Art Monthy-Python-Bewußtseinsstrom avant la lettre.

R Richard Lester B Marc Behm, Charles Wood K David Watkin M The Beatles A Ray Simm S John Victor-Smith P Walter Shenson D John Lennon, Paul McCartney George Harrison, Ringo Starr, Eleanor Bron | UK | 90 min | 1:1,85 | f | 29. Juli 1965

17.9.64

Goldfinger (Guy Hamilton, 1964)

James Bond 007 – Goldfinger 

Mit »Goldfinger« kreiert Regisseur Guy Hamilton den James-Bond-Film als parodistische Potenz des spy movie und erschafft ein (wiederum häufig parodiertes und (jedenfalls versuchsweise) potenziertes) Subgenre mit feststehenden Regeln sowie in der Folge nur oberflächlich variierten Ingredienzien: Der unverwundbare, weltläufige, selbstironische Held der westlichen Welt trifft auf einen megalomanen Schurken, dem ein sadistischer Scherge dabei hilft, in abgedrehten Settings und mit viel Getöse einen teuflischen Plan zu realisieren – ein Unternehmen, das mindestens die Weltordnung, wenn nicht gar die Zukunft des Planeten gefährdet. Der Held (dem sich reihenweise atemberaubend gutaussehende weibliche Wesen mit sonderbaren Namen an den Hals (und andere Körperteile) werfen) verfügt souverän über raffinierte Gadgets – und ist in der Lage, noch in scheinbar aussichtsloser Lage extra-trockene Sprüche zu klopfen. »Goldfinger« ist der Prototyp dieser Art von eskapistisch-chauvinistischem, radikal belanglosem und vielleicht gerade darum so unterhaltsamen Bang-bang-(kiss-kiss)-Filmemachen: ›Auric Goldfinger‹ (Gert Fröbe – ein Deutscher!) ist der definitive Widersacher, den ›Oddjob‹ (Harold Sakata – ein Asiate!) als perfekter Handlanger dabei unterstützt, die Weltwirtschaft zu persönlichem Vorteil zu ruinieren; ein silberner Aston Martin verwandelt sich in eine Art Batmobile für den gentleman spy; Bond quittiert die gefährliche Annäherung eines Laserstrahls an seine Weichteile mit der Bemerkung »Thank you for the demonstration!«; der sprechende (um nicht zu sagen: schreiende) Rollenname ›Pussy Galore‹ (Honor Blackman) bringt die dramaturgische Funktion der (widerspenstigen = zu zähmenden) Agentengespielin so platt wie geistreich auf den Punkt. Daneben setzen Ken Adams barock-modernistische Bühnenbilder, Robert Brownjohns sexy-smartes title design und John Barrys cool-treibender Action-Soundtrack filmische Standards. PS: (Weil es nicht fehlen darf …) »Do you expect me to talk?« – »No, Mr. Bond. I expect you to die.«

R Guy Hamilton B Richard Maibaum, Paul Dehn V Ian Fleming K Ted Moore M John Barry A Ken Adam S Peter Hunt P Albert R. Broccoli, Harry Saltzman D Sean Connery, Honor Blackman, Gert Fröbe, Shirley Eaton, Harold Sakata | UK | 110 min | 1:1,85 | f | 17. September 1964

14.12.62

Schneewittchen und die sieben Gaukler (Kurt Hoffmann, 1962)

Abgesehen von einer adrett choreographierten Shopping-Nummer im Zürcher Warenhaus Jelmoli (»Dankeschön.« – »Gern gescheh’n.« – »Wiederseh’n.«) ganz zu Anfang des Stücks ist dieses sogenannte ›Frostical‹ (es geht um die wundersame Rettung eines abgewirtschafteten Schweizer Berghotels durch eine bessere Klempnerin und einen Trupp Zirkusartisten) kaum mehr als ein dürftiges Schlagerfilmchen und (leider) ein witzlos-kalter Tiefpunkt im Werk des ansonsten recht wackeren Kurt Hoffmann: Caterina Valentes Auftritte ohne Verve, Günter Neumanns Texte ohne Esprit, Sven Nykvists Alpen-Bilder ohne Vision.

R Kurt Hoffmann B Günter Neumann K Sven Nykvist M Heino Gaze A Otto Pischinger, Herta Hareither S Hermann Haller P Heinz Angermeyer, Lazar Wechsler D Caterina Valente, Walter Giller, Ernst Waldow, Georg Thomalla, Hanne Wieder | BRD & CH | 116 min | 1:1,66 | f | 14. Dezember 1962

3.9.59

Labyrinth (Rolf Thiele, 1959)

Nadja Tiller als neurotisch-alkoholische Jet-Set-Lyrikerin Georgia Gale, die sich im exklusiven Schweizer Sanatorium von Dr. de Lattre (Amedeo Nazzari) körperlich und seelisch entgiften lassen will. Die ausgebrannt-selbstmitleidige Schnepfe durchläuft das titelgebende Labyrinth der Irrungen und Wirrungen (inklusive einer kurzen Flucht in religiöse Erlösungsphantasien), bis sie der malerische Selbstmord einer depressiven Mitpatientin endlich zur Besinnung bringt. Rolf Thiele visualisiert die gutgenährte Lebensnot und -leere der (nicht nur) bundesdeutschen Wohlstandsgesellschaft mit gewohnt exaltierten Regieeinfällen. Modernistisches l’art pout l’art à l’allemande.

R Rolf Thiele B Rolf Thiele, Gregor von Rezzori V Gladys Baker K Klaus von Rautenfeld M Hans-Martin Majewski A Gabriel Pellon, Peter Röhrig S Anneliese Schönnenbeck P Walter Tjaden D Nadja Tiller, Peter von Eyck, Amedeo Nazzari, Nicole Badal, Hanne Wieder | BRD & I | 94 min | 1:1,37 | sw | 3. September 1959

16.4.57

Die Zürcher Verlobung (Helmut Käutner, 1957)


»Ich produziere auch nicht gerne Schnulzen.« Umständlich-romantische Verwicklungskomödie unter Filmfuzzis, Zahnärzten und lilage­spülten Schweizer Damen (und Pudeln). Helmut Käutner stichelt anfangs gegen die alten Leiern des Adenauer-Kintopp, macht im folgenden aber eigentlich auch nichts anderes (»Ja, ich glaube, so etwas sehen die Leute immer wieder gern.«) – er verpackt die rosarot-himmelblaue Einfalt allerdings in viel Selbstironie, und statt eines gutaussehenden Försters mit Reh bietet er einen gutaussehenden Arzt (Paul Hubschmid) mit Büffel (Bernhard Wicki): Liselotte Pulver (als beziehungsnotleidende Unterhaltungsschriftstellerin, die nach eigenen Erlebnissen ein Drehbuch verfaßt) glaubt den höflichen Hubschmid zu lieben, kriegt aber den rauhbautzigen Wicki, dem sie in Wirklichkeit zugetan ist, auch wenn sie es hundert Minuten lang nicht wahrhaben wollte – das alles mit viel Berg, viel Schnee, viel Hüttenzauber (»Ja, ja, die Liebe in der Schweiz«). Nett: Werner Finck spielt einen Zahnarzt, der den Nerv trifft, Rudolf Platte spielt Herrn Uri (nach dem gleichnamigen Kanton), Sonja Ziemann spielt Sonja Ziemann, die im Film, der im Film gedreht wird, die Rolle von Liselotte Pulver spielt, und Käutner spielt einen Reporter, der es nicht gut findet, wenn ein Regisseur in seinem eigenen Film mitspielt.

R Helmut Käutner B Heinz Pauck, Helmut Käutner V Barbara Noack K Heinz Pehlke M Michael Jary A Herbert Kirchhoff, Albrecht Becker S Klaus Dudenhöfer P Walter Koppel D Liselotte Pulver, Paul Hubschmid, Bernhard Wicki, Wolfgang Lukschy, Werner Finck, Sonja Ziemann | BRD | 106 min | 1:1,37 | f | 16. April 1957

26.1.49

The Passionate Friends (David Lean, 1949)

Die große Leidenschaft

»Should old acquaintance be forgot …« Mit »The Passionate Friends« transponiert David Lean sein in der Provinz angesiedeltes Mittelklasse-Melodram »Brief Encounter« gleichsam in großstädtisch-kosmopolitisches Ambiente. Mary (Ann Todd), ansprüchlich und ein wenig preziös, will alles: die Sekurität und das Vermögen ihres älteren Banker-Gatten Howard (Claude Rains) sowie Vitalität und Leidenschaft des idealistischen Biologen Steven (Trevor Howard), der die attraktive Frau schon tief verehrte, bevor sie den distanzierten Geldmann ehelichte. In einer effektvollen Rückblendenkonstruktion, die das sorglos-elegante Londoner Leben des letzten Friedensjahres mit dem ersten Nachkriegsurlaub der Protagonisten in den romantischen Schweizer Alpen verbindet, bringt die Erzählung die divergierenden Seiten des emotionalen Dreiecks gegeneinander in Stellung – wobei Marys selbstüberzeugte Autonomie sich schließlich als ebenso brüchige Charaktermaske erweist wie Howards kalte Beherrschtheit. Bei aller Raffinesse der Inszenierung – insbesondere der noirisch angehauchten Lichtregie und der stellenweise beinahe expressiven Kadrierungen (Kamera: Guy Green) – bleibt Lean mit seinem Gefühlsroman aus der Oberschicht in jenen (freilich feingewebten) Genremustern befangen, die er wenige Jahre zuvor mit der Chronik einer kurzen Begegnung gewöhnlicher Liebender (durch sensible Milieuzeichnung und psychologische Verfeinerung) so eindrucksvoll unterlaufen hatte.

R David Lean B Eric Ambler V H.G. Wells K Guy Green M Richard Addinsell A John Bryan S Geoffrey Foot P Ronald Neame D Ann Todd, Claude Rains, Trevor Howard, Betty Ann Davis, Isabel Dean | UK | 89 min | 1:1,37 | sw | 26. Januar 1949

28.9.46

Cloak and Dagger (Fritz Lang, 1946)

Im Geheimdienst

»There was a time when I thought I wanted to be some kind of secret agent. I gave it up when I was eight.« Dennoch läßt sich der amerikanische Kernphysiker Alvah Jesper, von Gary Cooper mit kraftvollem Understatement gespielt, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs überzeugen, in den Dienst des Office of Strategic Services einzutreten, um den Stand der großdeutschen Atom(bomben)forschung zu eruieren. Jespers Weg führt durch die (spionisch unterwanderte) Schweiz ins faschistische Italien, wo er nicht nur einen von braunen Schurken zur Mitarbeit gepreßten Wissenschaftler aufspürt, sondern auch der spröden Widerstandkämpferin Gina (Lilli Palmer) näherkommt; die (vom Produzenten geschnittene) Schlußetappe der Expedition hätte ihn das Herz der Finsternis, das unter Zurücklassung von zigtausend toten Zwangsarbeitern geräumte (mutmaßlich nach Südamerika verlegte) deutsche Nuklearlabor, entdecken lassen sollen ... Die Figur des geheimdienstlichen Laien erinnert an die unheldischen Helden der frühen Romane von Eric Ambler, Journalisten, Ingenieure, Geschäftsleute, die sich nolens volens in unübersichtlichen (und lebensgefährlicher) Umständen bewähren müssen. »The Dark Frontier«, »Uncommon Danger«, »Journey Into Fear« wären denn auch passende Titel für Fritz Langs (vierten und letzten) Anti-Nazi-Thriller, der seinen Protagonisten zumeist beobachtend, zuhörend, reagierend, in Momenten der Gefahr aber entschlossen handelnd zeigt: Mit der betont nüchtern gestalteten Szene des lautlosen Totmachens eines Verfolgers nimmt Lang gar die (ungleich kokettere) Darstellung eines ähnlichen Vorgangs in Alfred Hitchcocks vergleichbarem Amateuragentenstück »Torn Curtain« vorweg.

R Fritz Lang B Ring Lardner Jr., Albert Maltz, Boris Ingster, John Larkin V Corey Ford, Alastair MacBain K Sol Polito M Max Steiner A Max Parker S Christian Nyby P Milton Sperling D Gary Cooper, Lilli Palmer, Robert Alda, Vladimir Sokoloff, Marc Lawrence | USA | 106 min | 1:1,37 | sw | 28. September 1946

# 1112 | 18. Mai 2018