23.9.63

Tystnaden (Ingmar Bergman, 1963)

Das Schweigen

»Nitsel stantnjon palik.« Eine fremde Stadt, eine unverständliche Sprache, drückende Hitze, drohender Krieg. Die Schwestern Ester (Ingrid Thulin) und Anna (Gunnel Lindblom) sowie Annas Sohn Johan (Jörgen Lindström) verbringen auf der Durchreise (Woher kommen sie? Wohin gehen sie?) einen Tag und eine Nacht in einem labyrinthischen Hotel, das von Ferne an den luxuriösen Palast aus »L’année dernière à Marienbad« erinnert. Die beiden ungleichen Frauen – die eine blond, die andere brünett, die eine lebensgefährlich erkrankt, die andere krankhaft lebendig – fechten symbolisch den (so permanenten wie nutzlosen) Kampf widerstreitender Lebensprinzipien aus: Kontrolliertheit vs. Freiheitsdrang, Intellektualität vs. Sinnlichkeit, Liebe vs. Haß. (Daß ihr Vater (ein Mensch voller Euphorie, wie es heißt) verstorben ist, mag eine schlichte biographische Tatsache sein, vielleicht ist es auch von metaphysischer Bedeutung.) Während Kampfflugzeuge über die Dächer der fremden Stadt Timoka donnern und Panzer durch die Straßen rollen, während sich seine Mutter lustvoll-heulend einem anonymen Liebhaber hingibt (»Es ist so schön, daß wir einander nicht verstehen.«), während die kluge Tante säuft und masturbiert und lautlos-schreiend zu ersticken droht, streift der Junge durch die Korridore des Hotels, trifft auf einen greisen Etagenkellner, der Fotos toter Verwandter herzeigt, und auf eine Truppe spanischer Liliputaner, die rätselhafte Späße mit ihm treiben … Die Zeit vergeht vernehmlich tickend, Einsamkeit und Unbehaustheit, Verständnislosigkeit und tiefe menschliche Not sind die Parameter des Alptraums, dessen zuckende Irrlichter Ingmar Bergman auf die Leinwand wirft. In dieser Atmosphäre unentrinnbarer Angst konstatiert Ester: »Dies ist nun die Ewigkeit.« Doch sie notiert zugleich – als könnte dies ein erster Schritt auf dem Weg zur Erlösung sein – für ihren Neffen die wenigen Wörter in der fremden Sprache, deren Bedeutung sie während des Aufenthaltes entschlüsseln konnte. »Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.« (Hebräer 13,14) – Timoka, so scheint es, ist eine der vielen schrecklichen Transitstationen auf dem trostlosen Weg nach Hause. PS: ›Kasi‹ bedeutet übrigens ›Hand‹ in der fremden Sprache, und ›kaigo‹ heißt ›Gesicht‹.

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist M Ivan Renliden A P. A. Lundgren S Ulla Ryghe P Allan Ekelund D Ingrid Thulin, Gunnel Lindblom, Birger Malmsten, Håkan Jahnberg, Jörgen Lindström | S | 96 min | 1:1,37 | sw | 23. September 1963

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