Ein politischer film noir aus Deutschland um Fragen von Gerechtigkeit in rechtloser Zeit: Robert Siodmak erzählt die (während des Zweiten Weltkriegs spielende) Geschichte des grenzdebilen Massenmörders Bruno Lüdke (triebhaft-intensiv: Mario Adorf), dem nach zehn Jahren ungestraften Tötens von einem engagierten Ermittler (aufrecht-steif: Claus Holm) das Hand(!)werk gelegt wird. Ein ambitionierter SS-Führer (aasig-schwarz: Hannes Messemer) will den Fall als Rechtfertigung für ein Gesetz zur Vernichtung geistig Behinderter nutzen, wird aber von ganz oben zurückgepfiffen. Ein Unschuldiger (präpotent-schwitzig: Werner Peters) springt über die Klinge … »Nachts, wenn der Teufel kam« zeigt nicht nur, wie unter der Herrschaft des Verbrechens die Willkür zum Führungsprinzip wird, sondern reflektiert auch (sehr zurückhaltend) die Möglichkeiten des Einzelnen in einer totalitaristischen Welt.
R Robert Siodmak B Werner Jörg Lüddecke V Will Berthold K Georg Krause M Siegfried Franz A Rolf Zehetbauer, Gottfried Will S Walter Boos P Walter Traut, Robert Siodmak, Ilse Kubaschewski D Claus Holm, Mario Adorf, Hannes Messemer, Annemarie Düringer, Werner Peters | BRD | 104 min | 1:1,37 | sw | 19. September 1957
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19.9.57
7.9.56
Mein Vater, der Schauspieler (Robert Siodmak, 1956)
Eine Schauspielerehe: Sie (Hilde Krahl) ist eine berühmte Bühnendiva, er (O. W. Fischer) ein hoffnungsvolles Nachwuchstalent. Gemeinsam feiern sie Erfolge, sie bekommen ein Kind, einen niedlichen Jungen (Oliver Grimm), sie bauen sich ein Haus, eine von diesen modernistischen Traumvillen, die in Magazinen wie »Film und Frau« präsentiert werden. Robert Siodmak tut so (?), als spule er eine beliebige Illustriertenstory ab, läßt voll Ironie (?) wohlbekannte Stereotypen defilieren: den öligen Agenten, den jovialen Intendanten, den aasigen Produzenten, die gutmütige Souffleuse. Dann, langsam, sukzessive – ihr Stern beginnt zu sinken, während er zum populären Kinohelden aufsteigt – gerät die Stimmung in Schieflage, bis die latenten Spannungen – Angst und Frustration, Verunsicherung und Eifersucht – schlagartig explodieren und in einen tödlichen Unfall münden … Nach dem dramaturgischen Schockeffekt zeichnet der zweite Teil von »Mein Vater, der Schauspieler« in stilisierten, gespenstischen Tableaus das Porträt eines Depressiven: Unfähig sich zu artikulieren, gefangen in Zweifel und Schuld, dämmert der nur physisch überlebende Ehemann in seinem leergepfändeten Haus: eine nackte Seele in ausgeräumten, grabesstillen Zimmern. Kurz vor dem unausweichlich scheinenden Ende ist es, wie der Titel dieses irritierend uneinheitlichen, sonderbar sprunghaften Familiendramas ahnen läßt, der kleine Sohn, der seinen Vater aufweckt und ihn zurückholt in die Welt – um sich von ihm sogleich in sicheren (?) Schlaf wiegen zu lassen: »Selig, wer sich vor der Welt / ohne Haß verschließt, / Einen Mann am Busen hält / Und mit dem genießt, / Was, den Menschen unbewußt / Oder wohl veracht, / Durch das Labyrinth der Brust / wandelt in der Nacht.«
R Robert Siodmak B Gina Falckenberg, Maria Matray, Claus Hardt V Hans Grimm K Kurt Hasse M Werner Eisbrenner A Otto Erdmann, Wilhelm Vorweg S Ira Oberberg P Artur Brauner D O. W. Fischer, Hilde Krahl, Oliver Grimm, Peter Capell, Erica Beer | BRD | 106 min | 1:1,37 | sw | 7. September 1956
R Robert Siodmak B Gina Falckenberg, Maria Matray, Claus Hardt V Hans Grimm K Kurt Hasse M Werner Eisbrenner A Otto Erdmann, Wilhelm Vorweg S Ira Oberberg P Artur Brauner D O. W. Fischer, Hilde Krahl, Oliver Grimm, Peter Capell, Erica Beer | BRD | 106 min | 1:1,37 | sw | 7. September 1956
28.6.55
Die Ratten (Robert Siodmak, 1955)
Remigrant Robert Siodmak verwandelt Gerhart Hauptmanns naturalistische Tragikomödie nicht ungeschickt in ein bühnenhaft-düsteres Nachkriegsmelodrama um Kinderwunsch, Käuflichkeit und kalte Herzen, das von einem hervorragenden Ensemble souverän über die eine oder andere inhaltliche Unwahrscheinlichkeit hinweggetragen wird: Heidemarie Hatheyer als berechnende Wäschereibesitzerin, Gustav Knuth als kumpelhafter Fuhrunternehmer, Curd Jürgens als verlotterter Tunichtgut, Maria Schell als herumgeschubstes Flüchtlingsmädchen. Die poetisch-realistische Kamera (Göran Strindberg) sowie das Hauptmotiv des Films, eine mit abgelegten Möbeln vollgestopfte Speditionshalle, veranschaulichen recht stimmig die gefühlsmäßige Unbehaustheit der Ära – und ihre traurige Sehnsucht nach Beständigkeit und Nestwärme.
R Robert Siodmak B Jochen Huth V Gerhart Hauptmann K Göran Strindberg M Werner Eisbrenner A Rolf Zehetbauer, Hans-Jürgen Kiebach S Ira Oberberg, Klaus M. Eckstein P Artur Brauner D Maria Schell, Curd Jürgens, Heidemarie Hatheyer, Gustav Knuth, Ilse Steppat | BRD | 97 min | 1:1,37 | sw | 28. Juni 1955
R Robert Siodmak B Jochen Huth V Gerhart Hauptmann K Göran Strindberg M Werner Eisbrenner A Rolf Zehetbauer, Hans-Jürgen Kiebach S Ira Oberberg, Klaus M. Eckstein P Artur Brauner D Maria Schell, Curd Jürgens, Heidemarie Hatheyer, Gustav Knuth, Ilse Steppat | BRD | 97 min | 1:1,37 | sw | 28. Juni 1955
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28.8.46
The Killers (Robert Siodmak, 1946)
Rächer der Unterwelt
»I did something wrong … once.« In einem abgelegenen Kaff wird ein scheinbar unbescholtener Tankwart (Burt Lancaster als ›the Swede‹) von zwei sarkastischen Profikillern erschossen; seine Lebensversicherung hatte der schweigsame Fremde zugunsten einer Frau abgeschlossen, die sich der Person ihres Gönners kaum noch erinnert; ein skeptischer Assekuranzdetektiv (Edmond O’Brien) macht sich daran, die finsteren Hintergründe dieser rätselhaften Mordtat zu beleuchten … Im Laufe der komplexen Ermittlung (die aus zahlreichen Schilderungen eine fesselnd-multiperspektivische Rückblendenerzählung generiert) rollt »The Killers« nicht nur einen spektakulären Raubzug (gefilmt in einer großartigen Plansequenz) und ein niederträchtiges Gespinst von double- und triple-crossings auf – im Gewand einer artistisch-vertrackten crime story wird auch (und vor allem) ein verpfuschtes Leben geschildert, das geradezu folgerichtig in einem billigen Pensionszimmer endet. Inspiriert von einer Erzählung Ernest Hemingways, entwirft Robert Siodmak ein geschlossenes Noir-Universum, aus dem es kein Entkommen gibt: Alle Hintertüren führen auf die dunkle Straße des Verderbens. Neben Lancaster, dem intuitiv-treuherzigen Exboxer, der wegen einer gebrochenen Rechten (= einer gebrochenen Seele) auf die abschüssige Bahn gerät, schimmert die betörend-brünette Ava Gardner als verlockend-verhängnisvolle Sirene Kitty Collins in vielsagendem Schwarz: bald samten, bald aschig, sowohl (flüchtigen!) Gewinn verheißend als auch (sicheren!) Untergang bedeutend. PS: »There ain't anything to do.«
R Robert Siodmak B Anthony Veiller V Ernest Hemingway K Elwood Bredell M Miklós Rózsa A Mark Obzina, Jack Otterson S Arthur Hilton P Mark Hellinger D Burt Lancaster, Ava Gardner, Edmond O’Brien, Albert Dekker, Sam Levene | USA | 103 min | 1:1,37 | sw | 28. August 1946
»I did something wrong … once.« In einem abgelegenen Kaff wird ein scheinbar unbescholtener Tankwart (Burt Lancaster als ›the Swede‹) von zwei sarkastischen Profikillern erschossen; seine Lebensversicherung hatte der schweigsame Fremde zugunsten einer Frau abgeschlossen, die sich der Person ihres Gönners kaum noch erinnert; ein skeptischer Assekuranzdetektiv (Edmond O’Brien) macht sich daran, die finsteren Hintergründe dieser rätselhaften Mordtat zu beleuchten … Im Laufe der komplexen Ermittlung (die aus zahlreichen Schilderungen eine fesselnd-multiperspektivische Rückblendenerzählung generiert) rollt »The Killers« nicht nur einen spektakulären Raubzug (gefilmt in einer großartigen Plansequenz) und ein niederträchtiges Gespinst von double- und triple-crossings auf – im Gewand einer artistisch-vertrackten crime story wird auch (und vor allem) ein verpfuschtes Leben geschildert, das geradezu folgerichtig in einem billigen Pensionszimmer endet. Inspiriert von einer Erzählung Ernest Hemingways, entwirft Robert Siodmak ein geschlossenes Noir-Universum, aus dem es kein Entkommen gibt: Alle Hintertüren führen auf die dunkle Straße des Verderbens. Neben Lancaster, dem intuitiv-treuherzigen Exboxer, der wegen einer gebrochenen Rechten (= einer gebrochenen Seele) auf die abschüssige Bahn gerät, schimmert die betörend-brünette Ava Gardner als verlockend-verhängnisvolle Sirene Kitty Collins in vielsagendem Schwarz: bald samten, bald aschig, sowohl (flüchtigen!) Gewinn verheißend als auch (sicheren!) Untergang bedeutend. PS: »There ain't anything to do.«
R Robert Siodmak B Anthony Veiller V Ernest Hemingway K Elwood Bredell M Miklós Rózsa A Mark Obzina, Jack Otterson S Arthur Hilton P Mark Hellinger D Burt Lancaster, Ava Gardner, Edmond O’Brien, Albert Dekker, Sam Levene | USA | 103 min | 1:1,37 | sw | 28. August 1946
24.12.45
The Spiral Staircase (Robert Siodmak, 1945)
Die Wendeltreppe
»Anything can happen in the dark.« Ein Neuengland-Städtchen um die Jahrhundertwende. Improvisiertes Kino im Erdgeschoß eines Hotels: »Motion pictures – the wonder of the age«. Eine junge – wie man erfahren wird: stumme – Frau starrt aus dem Dunkel des Saals ergriffen auf die laufenden Bilder. Im Zimmer darüber starrt ein männliches Auge auf eine andere junge – wie man erfahren hat: lahme – Frau. In der glasigen Pupille des Beobachters spiegelt sich das Opfer eines Mordes. Arme ringen hilflos, während eine Etage tiefer der Projektor den Schlußtitel auf die Leinwand wirft: »The End«. Die ersten drei Minuten des Gothic-Dramas etablieren meisterlich (und wortlos) die Motive, die Robert Siodmak in den folgenden anderthalb Stunden virtuos durchspielen wird: Sehen als Lust und Bedrohung, (scheinbare) Schwäche und (vermeintliche) Stärke, beschädigte Körper und invalide Seelen. Helen (Dorothy McGuire), die gedankenverlorene Zuschauerin der Filmvorführung, wegen ihres Defekts das potentielle nächste Ziel eines um Perfektion ringenden Serienkillers, lebt als Gesellschafterin einer spleenigen, bettlägerigen Alten (Ethel Barrymore) in einem architektonisch verwinkelten, menschlich ramponierten, abseits gelegenen Familiensitz – der nach und nach vereinsamt, bis sich der umnachtete Täter und das Objekt seines Wahns Auge in Auge gegenüberstehen. Schauerromantisches Halbdunkel, flackerndes Licht, unersättliche Schatten (Kamera: Nicholas Musuraca) und eine in die Tiefen der Angst hinabführende Wendeltreppe versinnbildlichen eine Heimsuchung, die sich letzten Endes als heilsamer Schock erweist: »It’s I … Helen.« The End.
R Robert Siodmak B Mel Dinelli V Ethel Lina White K Nicholas Musuraca M Roy Webb A Albert S. D’Agostino, Jack Okey S Harry Gerstad, Harry Marker P Dore Schary D Dorothy McGuire, George Brent, Ethel Barrymore, Kent Smith, Elsa Lanchester | USA | 83 min | 1:1,37 | sw | 24. Dezember 1945
»Anything can happen in the dark.« Ein Neuengland-Städtchen um die Jahrhundertwende. Improvisiertes Kino im Erdgeschoß eines Hotels: »Motion pictures – the wonder of the age«. Eine junge – wie man erfahren wird: stumme – Frau starrt aus dem Dunkel des Saals ergriffen auf die laufenden Bilder. Im Zimmer darüber starrt ein männliches Auge auf eine andere junge – wie man erfahren hat: lahme – Frau. In der glasigen Pupille des Beobachters spiegelt sich das Opfer eines Mordes. Arme ringen hilflos, während eine Etage tiefer der Projektor den Schlußtitel auf die Leinwand wirft: »The End«. Die ersten drei Minuten des Gothic-Dramas etablieren meisterlich (und wortlos) die Motive, die Robert Siodmak in den folgenden anderthalb Stunden virtuos durchspielen wird: Sehen als Lust und Bedrohung, (scheinbare) Schwäche und (vermeintliche) Stärke, beschädigte Körper und invalide Seelen. Helen (Dorothy McGuire), die gedankenverlorene Zuschauerin der Filmvorführung, wegen ihres Defekts das potentielle nächste Ziel eines um Perfektion ringenden Serienkillers, lebt als Gesellschafterin einer spleenigen, bettlägerigen Alten (Ethel Barrymore) in einem architektonisch verwinkelten, menschlich ramponierten, abseits gelegenen Familiensitz – der nach und nach vereinsamt, bis sich der umnachtete Täter und das Objekt seines Wahns Auge in Auge gegenüberstehen. Schauerromantisches Halbdunkel, flackerndes Licht, unersättliche Schatten (Kamera: Nicholas Musuraca) und eine in die Tiefen der Angst hinabführende Wendeltreppe versinnbildlichen eine Heimsuchung, die sich letzten Endes als heilsamer Schock erweist: »It’s I … Helen.« The End.
R Robert Siodmak B Mel Dinelli V Ethel Lina White K Nicholas Musuraca M Roy Webb A Albert S. D’Agostino, Jack Okey S Harry Gerstad, Harry Marker P Dore Schary D Dorothy McGuire, George Brent, Ethel Barrymore, Kent Smith, Elsa Lanchester | USA | 83 min | 1:1,37 | sw | 24. Dezember 1945
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