»Nosferatu. Tönt dies Wort Dich nicht an wie der mitternächtige Ruf eines Totenvogels?« Werner Herzog küßt (= stillt seinen Hunger an) Friedrich Wilhelm Murnau … Die simple Schönheit der Bilder, die abgrundtiefe Todessehnsucht, die Myriaden von Ratten, das gierige Röcheln von Klaus Kinski, das irre Lachen von Roland Topor, die schlaftrunkene Schönheit von Isabelle Adjani, das finale Grinsen von Bruno Ganz, die blaue Schwärze der Nacht, die matte Erotik der Pest, die phantasmagorische Beschwörung von existentieller Stummheit im weiten Meer der Töne, die sonderbare Atmosphäre von Verwesung, in der selbst Rottöne einen fahlen Grünstich haben – all dies hat eine imponierende, aus aller Zeit und Welt gefallene Klasse. 1979 ist 1922 ist immerdar: Die Bilder des Lebens verblassen zu Schatten, spukhafte Träume steigen aus dem Herzen und nähren sich von Deinem Blut. PS: »Es ist noch lange bis zum Sonnenaufgang.«
R Werner Herzog B Werner Herzog V Bram Stoker, Henrik Galeen K Jörg Schmitt-Reitwein M Popol Vuh A Henning von Gierke S Beate Mainka-Jellighaus P Werner Herzog D Klaus Kinski, Isabelle Adjani, Bruno Ganz, Roland Topor, Walter Ladengast | BRD & F | 103 min | 1:1,85 | f | 17. Januar 1979
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17.1.79
7.12.77
Mort d’un pourri (Georges Lautner, 1977)
Der Fall Serrano
»Nous n’avons plus d’amis, nous avons des partenaires. Nous n’avons plus d’ennemis, nous avons des clients.« Frankreich am Ende der Trente Glorieuses: Die wirtschaftliche Explosion des Nachkriegs hat das Land wohlhabend gemacht und ein paar pourris stinkreich. Der Tod eines dieser Dreckskerle (Maurice Ronet spielt ihn als lässig-verdorbenen Archetypen der Ära) wirft ein trübes Licht auf das Gewebe von Gefälligkeiten und Vorteilsnahmen, von politischen und finanziellen Geschäftemachereien, das die ganze Gesellschaft krankhaft durchzieht – und längst weitergewuchert ist, über nationale Grenzen hinaus: »Le capital ne connaît plus de frontières.« Alles hängt mit allem ungut zusammen. Xav (Alain Delon – wortkarg, loyal, schlagkräftig) versucht das Knäuel zu entwirren, um den Mörder seines alten Weggefährten zu stellen; als er den Täter gefunden hat (ohne den Knoten zu durchschlagen), blickt er ins blanke Antlitz eines Terroristen der Tugend, das die Fratze der Korruption beinahe sympathisch erscheinen läßt ... Georges Lautner führt seinen erstklassigen Cast – Stéphane Audran (als lustig-verzweifelte Witwe), Jean Bouise (als Hüter einer verdorbenen Ordnung), Julien Guiomar (als (zu) siegessicheres Schwein), Klaus Kinski (als mysteriöser Strippenzieher auf Enten(?)jagd), Ornella Muti (als aufrechte Gefährtin) – präzise und schnörkellos, die Bilder von Henri Decaë beschönigen nichts, der nächtlich-jazzige Score von Philippe Sarde und Stan Getz (!) kommentiert die Nutzlosigkeit von Integrität in einer Welt des exquisiten Amoralismus mit stillem Bedauern.
R Georges Lautner B Michel Audiard V Raf Vallet K Henri Decaë M Philippe Sarde S Michelle David P Alain Delon D Alain Delon, Ornella Muti, Stéphane Audran, Klaus Kinski, Maurice Ronet, Mireille Darc | F | 120 min | 1:1,66 | f | 7. Dezember 1977
»Nous n’avons plus d’amis, nous avons des partenaires. Nous n’avons plus d’ennemis, nous avons des clients.« Frankreich am Ende der Trente Glorieuses: Die wirtschaftliche Explosion des Nachkriegs hat das Land wohlhabend gemacht und ein paar pourris stinkreich. Der Tod eines dieser Dreckskerle (Maurice Ronet spielt ihn als lässig-verdorbenen Archetypen der Ära) wirft ein trübes Licht auf das Gewebe von Gefälligkeiten und Vorteilsnahmen, von politischen und finanziellen Geschäftemachereien, das die ganze Gesellschaft krankhaft durchzieht – und längst weitergewuchert ist, über nationale Grenzen hinaus: »Le capital ne connaît plus de frontières.« Alles hängt mit allem ungut zusammen. Xav (Alain Delon – wortkarg, loyal, schlagkräftig) versucht das Knäuel zu entwirren, um den Mörder seines alten Weggefährten zu stellen; als er den Täter gefunden hat (ohne den Knoten zu durchschlagen), blickt er ins blanke Antlitz eines Terroristen der Tugend, das die Fratze der Korruption beinahe sympathisch erscheinen läßt ... Georges Lautner führt seinen erstklassigen Cast – Stéphane Audran (als lustig-verzweifelte Witwe), Jean Bouise (als Hüter einer verdorbenen Ordnung), Julien Guiomar (als (zu) siegessicheres Schwein), Klaus Kinski (als mysteriöser Strippenzieher auf Enten(?)jagd), Ornella Muti (als aufrechte Gefährtin) – präzise und schnörkellos, die Bilder von Henri Decaë beschönigen nichts, der nächtlich-jazzige Score von Philippe Sarde und Stan Getz (!) kommentiert die Nutzlosigkeit von Integrität in einer Welt des exquisiten Amoralismus mit stillem Bedauern.
R Georges Lautner B Michel Audiard V Raf Vallet K Henri Decaë M Philippe Sarde S Michelle David P Alain Delon D Alain Delon, Ornella Muti, Stéphane Audran, Klaus Kinski, Maurice Ronet, Mireille Darc | F | 120 min | 1:1,66 | f | 7. Dezember 1977
25.12.75
Das Netz (Manfred Purzer, 1975)
»Nur Mörder sind heute normal.« Der römische Herbst des Aurelio Morelli: Ein alternder Schriftsteller (Mel Ferrer), ausgeschrieben und abgeschrieben, meutert gegen eine Welt, die er von ganzem Herzen verabscheut, kämpft gegen die »Übermacht der Unreife, des Unrat und der Sittenlosigkeit«, nimmt Rache an den Frauen, an der Jugend, an allem, was er nicht (mehr) versteht. Der aalglatte Journalist Emilio Bossi (Klaus Kinski) wittert die ganz große Story, und sein Verleger erkennt in der Lebensgeschichte des klassisch gebildeten Einzelgängers, der (wenn er nicht gerade Mädchen meuchelt) schon mal atomverseuchte Fische beerdigt oder die Säulen eines Tempels umarmt, das ultimative Dokument einer Zeit der Verunsicherung: Morelli, selbsterklärter Revolutionär gegen alles »Verkommene, Obszöne, Gemeine, Tierische, Gefühllose«, ein Mann, der nach seinen (ohne Lust begangenen) Taten »Stille und ein Gefühl der Freiheit« verspürt, der im Töten wohl den verlorenen Kontakt mit der Wirklichkeit wiederzufinden hofft, ist der gestörte Held einer gestörten Gesellschaft … Marcel Reich-Ranicki erwies Trivialromancier Hans Habe, dem Verfasser der Vorlage, seine Reverenz, als er schrieb, der Autor liefere »Klischees mit individueller Note und mit sorgfältig ausgewählten Verzierungen; er offeriert zwar präfabrizierte Seelen, aber in solider, in allerbester Qualität.« Manfred Purzer (der für Produzent Luggi Waldleitner zuvor zahlreiche Simmel-Bestseller adaptierte) bemüht sich, die kolportagigen Vorzüge des Textes in seiner ersten Regiearbeit zu bewahren; ausgezeichnete Darsteller wie Heinz Bennent (als ermittelnder Kommissar) tragen das Ihre zum unterhaltsamen Gelingen dieser sonderbaren Mischung aus mokanter Charakterstudie und sentimentalem Psychothriller bei.
R Manfred Purzer B Manfred Purzer V Hans Habe K Charly Steinberger M Klaus Doldinger S Ingeborg Taschner P Luggi Waldleitner D Mel Ferrer, Klaus Kinski, Heint Bennent, Susanne Uhlen, Elke Sommer | BRD | 108 min | 1:1,66 | f | 25. Dezember 1975
# 798 | 13. November 2013
R Manfred Purzer B Manfred Purzer V Hans Habe K Charly Steinberger M Klaus Doldinger S Ingeborg Taschner P Luggi Waldleitner D Mel Ferrer, Klaus Kinski, Heint Bennent, Susanne Uhlen, Elke Sommer | BRD | 108 min | 1:1,66 | f | 25. Dezember 1975
# 798 | 13. November 2013
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12.2.75
L’important c’est d’aimer (Andrzej Zulawski, 1975)
Nachtblende
Durch die Nacht mit Romy, Jacques, Klaus, Fabio und den anderen. Sie alle stehen an der Endhaltestelle ihres Lebens und warten auf den Bus, der sie irgendwohin bringt: zurück, nach Hause, weg. Wichtig sei es zu lieben, meint höhnisch der Originaltitel des Films, der nur eines zeigt: verzweifelte Menschen, die unfähig sind, anderen zu sagen: »Je t’aime« – wohl vor allem deshalb, weil sie sich selber (nicht ganz ohne Grund) zutiefst verabscheuen. »L’important c’est d’aimer« spielt unter eitlen, gebrochenen, blockierten Künstlern in einer Welt, die sich nur für Haut, Fleisch und Tränen interessiert. Kaum je wurde der Warencharakter der Gefühle so unerbittlich thematisiert (und exploitiert) wie von Andrzej Zulawski; selten haben sich Akteure so restlos entblößt wie vor Ricardo Aronovichs pervers ungnädiger Kamera. Wenn Romy (als abgehalfterte Schauspielerin) sich ganz am Ende (in einem sarkastischen Zirkelschluß zum ekelhaften Anfang (»Sens-le! Sens-le!«) des Films) über den halbtot geschlagenen Fabio beugt und ihm endlich, endlich die – sie und ihn – (vielleicht) erlösenden Worte zuflüstert, macht es schnipp, und die Qual hat (zumindest für den Zuschauer) ein (vorläufiges) Ende. Ouf!
R Andrzej Zulawski B Andrzej Zulawski, Christopher Frank V Christopher Frank K Ricardo Aronovich M Georges Delerue A Jean-Pierre Kohut-Svelko S Christiane Lack P Albina du Boisrouvray D Romy Schneider, Jacques Dutronc, Klaus Kinski, Fabio Testi, Claude Dauphin | F & I & BRD | 109 min | 1:1,66 | f | 12. Februar 1975
Durch die Nacht mit Romy, Jacques, Klaus, Fabio und den anderen. Sie alle stehen an der Endhaltestelle ihres Lebens und warten auf den Bus, der sie irgendwohin bringt: zurück, nach Hause, weg. Wichtig sei es zu lieben, meint höhnisch der Originaltitel des Films, der nur eines zeigt: verzweifelte Menschen, die unfähig sind, anderen zu sagen: »Je t’aime« – wohl vor allem deshalb, weil sie sich selber (nicht ganz ohne Grund) zutiefst verabscheuen. »L’important c’est d’aimer« spielt unter eitlen, gebrochenen, blockierten Künstlern in einer Welt, die sich nur für Haut, Fleisch und Tränen interessiert. Kaum je wurde der Warencharakter der Gefühle so unerbittlich thematisiert (und exploitiert) wie von Andrzej Zulawski; selten haben sich Akteure so restlos entblößt wie vor Ricardo Aronovichs pervers ungnädiger Kamera. Wenn Romy (als abgehalfterte Schauspielerin) sich ganz am Ende (in einem sarkastischen Zirkelschluß zum ekelhaften Anfang (»Sens-le! Sens-le!«) des Films) über den halbtot geschlagenen Fabio beugt und ihm endlich, endlich die – sie und ihn – (vielleicht) erlösenden Worte zuflüstert, macht es schnipp, und die Qual hat (zumindest für den Zuschauer) ein (vorläufiges) Ende. Ouf!
R Andrzej Zulawski B Andrzej Zulawski, Christopher Frank V Christopher Frank K Ricardo Aronovich M Georges Delerue A Jean-Pierre Kohut-Svelko S Christiane Lack P Albina du Boisrouvray D Romy Schneider, Jacques Dutronc, Klaus Kinski, Fabio Testi, Claude Dauphin | F & I & BRD | 109 min | 1:1,66 | f | 12. Februar 1975
26.7.69
A doppia faccia (Riccardo Freda, 1969)
Das Gesicht im Dunkeln
Eine italienisch-deutsche Koproduktion, in der Bundesrepublik als Edgar-Wallace-Film vermarktet. Zwar basiert das Drehbuch auf einer Vorlage des englischen Kriminalschriftstellers, zwar ist der Handlungsort London, zwar tritt Klaus Kinski (in der Hauptrolle!) auf – aber mit den (selbst-)parodistischen Whodunit-Grusel-Komik-Hybriden der Erfolgsreihe hat »A doppia faccia« nichts zu tun. Riccardo Freda inszeniert eine aparte Sex&Crime-Schimäre, einen süffigen Cocktail aus Harold-Robbins-Kolportage, Giallo und Zeitbild. Trauriger Held der Erzählung ist John Alexander (Kinski), dessen geliebte Frau Helen ihn (offen) mit ihrer besten Freundin betrügt, bevor sie bei einem Autounfall um ihr schönes, reiches Leben kommt. Wenig später sieht der Witwer – ist es Zufall? oder wurde er manipuliert? – die Verstorbene wieder: als Darstellerin in einem lesbischen »Kunstfilm«. Gedreht wurde das Werk nach ihrem Tod … Kinski – so zurückhaltend, so dünnhäutig wie kaum je – spielt einen verletzten Mann, niedergeschlagen von den Erschütterungen in seinem Leben, aus der Bahn geworfen von den Erosionserscheinungen seiner Zeit. Immer wieder treibt es den Desorientierten – auf der Suche nach Erklärung? nach Erlösung? – durch den kalten Neonglanz der Straßen, in halluzinatorische Nachtclubs, in die Einsamkeit der Bars, durch ein dunkles London nach dem Swing. Auch wenn die Intrige, wie es sich für einen (selbstbewußten) Trivialfilm gehört, in eine absurde Auflösung mündet, auch wenn die Trickeffekte aussehen, als wären sie auf der Modellbahnanlage des Produzenten entstanden, auch wenn die meisten Schauspieler wie Marionetten agieren – eines kann diesem filmischen Labyrinth zwischen Schein und Sein, dieser Groschenstudie über Verlorenheit kaum abgesprochen werden: Formgefühl. Fredas mit vulgärer Delikatesse fotografierter Seelenthriller (Kamera: Gábor Pogány) ist so geschmackvoll wie die langstieligen, blutroten Rosen, die immer wieder in die exquisit-schäbigen Bilder ragen.
R Robert Hampton (= Riccardo Freda) B Paul Hengge, Robert Hampton (= Riccardo Freda) V Edgar Wallace K Gábor Pogány M Joan Christian (= Nora Orlandi) A Luciano Spadoni S Anna Amedei, Jutta Hering P Oreste Coltellacci, Horst Wendlandt D Klaus Kinski, Christiane Krüger, Sydney Chaplin, Annabella Incontrera, Margaret Lee | I & BRD | 88 min | 1:1,85 | f | 26. Juli 1969
Eine italienisch-deutsche Koproduktion, in der Bundesrepublik als Edgar-Wallace-Film vermarktet. Zwar basiert das Drehbuch auf einer Vorlage des englischen Kriminalschriftstellers, zwar ist der Handlungsort London, zwar tritt Klaus Kinski (in der Hauptrolle!) auf – aber mit den (selbst-)parodistischen Whodunit-Grusel-Komik-Hybriden der Erfolgsreihe hat »A doppia faccia« nichts zu tun. Riccardo Freda inszeniert eine aparte Sex&Crime-Schimäre, einen süffigen Cocktail aus Harold-Robbins-Kolportage, Giallo und Zeitbild. Trauriger Held der Erzählung ist John Alexander (Kinski), dessen geliebte Frau Helen ihn (offen) mit ihrer besten Freundin betrügt, bevor sie bei einem Autounfall um ihr schönes, reiches Leben kommt. Wenig später sieht der Witwer – ist es Zufall? oder wurde er manipuliert? – die Verstorbene wieder: als Darstellerin in einem lesbischen »Kunstfilm«. Gedreht wurde das Werk nach ihrem Tod … Kinski – so zurückhaltend, so dünnhäutig wie kaum je – spielt einen verletzten Mann, niedergeschlagen von den Erschütterungen in seinem Leben, aus der Bahn geworfen von den Erosionserscheinungen seiner Zeit. Immer wieder treibt es den Desorientierten – auf der Suche nach Erklärung? nach Erlösung? – durch den kalten Neonglanz der Straßen, in halluzinatorische Nachtclubs, in die Einsamkeit der Bars, durch ein dunkles London nach dem Swing. Auch wenn die Intrige, wie es sich für einen (selbstbewußten) Trivialfilm gehört, in eine absurde Auflösung mündet, auch wenn die Trickeffekte aussehen, als wären sie auf der Modellbahnanlage des Produzenten entstanden, auch wenn die meisten Schauspieler wie Marionetten agieren – eines kann diesem filmischen Labyrinth zwischen Schein und Sein, dieser Groschenstudie über Verlorenheit kaum abgesprochen werden: Formgefühl. Fredas mit vulgärer Delikatesse fotografierter Seelenthriller (Kamera: Gábor Pogány) ist so geschmackvoll wie die langstieligen, blutroten Rosen, die immer wieder in die exquisit-schäbigen Bilder ragen.
R Robert Hampton (= Riccardo Freda) B Paul Hengge, Robert Hampton (= Riccardo Freda) V Edgar Wallace K Gábor Pogány M Joan Christian (= Nora Orlandi) A Luciano Spadoni S Anna Amedei, Jutta Hering P Oreste Coltellacci, Horst Wendlandt D Klaus Kinski, Christiane Krüger, Sydney Chaplin, Annabella Incontrera, Margaret Lee | I & BRD | 88 min | 1:1,85 | f | 26. Juli 1969
4.6.65
Neues vom Hexer (Alfred Vohrer, 1965)
Mit einiger Chuzpe hängt sich die Fortsetzung ans Original. Die Figur des ›Hexers‹ und ihre Abrechnungsmission tun bei Lichte besehen überhaupt nichts zur Sache. Der Rächer wird lediglich von einem Meuchelmörder ins Spiel gebracht, um die Ermittler auf den Holzweg zu locken. Der solchermaßen Mißbrauchte sieht sich genötigt, höchstselbst (das heißt: mannigfaltig maskiert) in die polizeiliche Untersuchung einzugreifen, um seine Person von falschem Verdacht reinzuwaschen. Die eigentliche Fabel kreist, wie fast immer bei Edgar Wallace, um ein stattliches Erbe, in dessen freudiger Erwartung peu à peu eine desolate Familie ausgelöscht wird: Der Dämon des Geldes frißt seine gierigen Kinder … Nach dem recht trockenen Vorgänger nutzt Alfred Vohrer die quatschige Intrige diesmal, um Inhalts- und Formschablonen spöttisch als solche kenntlich zu machen: So darf beispielsweise Klaus Kinski (als sinistrer Butler der hochwohlgeborenen Bagage) gleich zu Beginn des Films in einem Sarg probeschlafen und später wiederholt für Unbehagen sorgen, indem er die ätherische Harfe zupft. Die Auflösung des Falles wird schließlich an gebührend langen Haaren aus der dunklen Vergangenheit der verdammten Sippschaft herbeigezogen.
R Alfred Vohrer B Herbert Reinecker V Edgar Wallace K Karl Löb M Peter Thomas A Walter Kutz, Wilhelm Vorweg S Jutta Hering P Horst Wendlandt D Heinz Drache, Barbara Rütting, Brigitte Horney, Klaus Kinski, Siegfried Schürenberg | BRD | 95 min | 1:1,66 | sw | 4. Juni 1965
R Alfred Vohrer B Herbert Reinecker V Edgar Wallace K Karl Löb M Peter Thomas A Walter Kutz, Wilhelm Vorweg S Jutta Hering P Horst Wendlandt D Heinz Drache, Barbara Rütting, Brigitte Horney, Klaus Kinski, Siegfried Schürenberg | BRD | 95 min | 1:1,66 | sw | 4. Juni 1965
18.12.64
Das Verrätertor (Freddie Francis, 1964)
Ein trockenes heist movie, das sich von den üblichen Manierismen der Edgar-Wallace-Reihe bewußt absetzt. Zwar gibt Klaus Kinski einen preziösen Killer, zwar darf Eddi Arent als deutscher Tourist in London seinen Schabernack treiben, doch verzichtet die deutsch-britische Koproduktion gänzlich auf familiäre Intrigen, auf Erbinnen in Not, auf persönlich engagierte Inspektoren: Im Zentrum stehen die Aktivitäten einer hochorganisierten Bande, die sich unter Führung eines ehrenwerten Geschäftsmannes (Albert Lieven) anschickt, die Kronjuwelen ihrer Majestät zu stehlen. Die professionell coole Inszenierung von Freddie Francis (einem maßgeblichen Bildgestalter des Free Cinema) lädt nicht zur Identifikation mit Tätern oder Ermittlern ein; die Kamera (geführt von Denys Coop, einem weiteren Wegbereiter des kitchen sink realism der früher 1960er Jahre) beobachtet reserviert die Mechanik der minutiös geplanten Abläufe. Aufgrund seiner visuellen Qualitäten entwickelt »Das Verrätertor« spröde B-Film-Eleganz, auch wenn die Dramatik rein äußerlich, die Story sichtbar konstruiert, die Figuren gänzlich schablonenhaft bleiben und der Wechsel der erzählerischen Tonlagen gelegentlich eher atmosphärischen Dissonanzen als Spannung erzeugt.
R Freddie Francis B John Sansom (= Jimmy Sangster) V Edgar Wallace K Denys Coop M Peter Thomas A Tony Inglis S Oswald Hafenrichter P Horst Wendlandt D Albert Lieven, Margot Trooger, Gary Raymond, Eddi Arent, Klaus Kinski | BRD & UK | 87 min | 1:1,66 | sw | 18. Dezember 1964
# 821 | 4. Januar 2014
R Freddie Francis B John Sansom (= Jimmy Sangster) V Edgar Wallace K Denys Coop M Peter Thomas A Tony Inglis S Oswald Hafenrichter P Horst Wendlandt D Albert Lieven, Margot Trooger, Gary Raymond, Eddi Arent, Klaus Kinski | BRD & UK | 87 min | 1:1,66 | sw | 18. Dezember 1964
# 821 | 4. Januar 2014
30.4.64
Die Gruft mit dem Rätselschloß (Franz Josef Gottlieb, 1964)
Eine junge Australierin wird nach London geladen, um das Erbe jenes Mannes anzutreten, der einst ihren Vater ruinierte und in den Selbstmord trieb. Es ist das schlechte Gewissen, das den greisen Mr. Real (Rudolf Forster) dazu veranlaßt, sein an manipulierten Spieltischen erworbenes Vermögen in unschuldige Hände zu geben. Der (Pest-)Geruch des Geldes lockt freilich auch andere: die ehemaligen Komplizen des Alten, die sich von ihrem früheren Chef übervorteilt fühlen … Verhängnisvolle Maschinerien stehen im Mittelpunkt des Films (und des (begrenzten) gestalterischen Interesses von Regisseur Franz Josef Gottlieb): das menschenfressende Mahlwerk einer Windmühle sowie ein unterirdischer Safe in Gestalt eines gigantischen Spielautomaten, der für die habgierigen Zocker allerlei tödliche Überraschungen bereithält. Der rettende Scotland-Yard-Inspektor spielt in diesem (erzählerisch eher inkonsequenten) Edgar-Wallace-Jeu ausnahmsweise nur eine Nebenrolle; zu dieser Besonderheit paßt die Figur des charmant-zwielichtigen Protagonisten (Harald Leipnitz), der schließlich – im Konflikt zwischen erotischen und pekuniären Ambitionen – seinen Einsatz verspielt.
R Franz Josef Gottlieb B Robert A. Stemmle, Franz Josef Gottlieb V Edgar Wallace K Richard Angst M Peter Thomas A Wilhelm Vorweg, Walter Kutz S Jutta Hering P Horst Wendlandt D Harald Leipnitz, Judith Dornys, Eddi Arent, Rudolf Forster, Werner Peters, Klaus Kinski | BRD | 89 min | 1:2,35 | sw | 30. April 1964
# 980 | 23. November 2015
R Franz Josef Gottlieb B Robert A. Stemmle, Franz Josef Gottlieb V Edgar Wallace K Richard Angst M Peter Thomas A Wilhelm Vorweg, Walter Kutz S Jutta Hering P Horst Wendlandt D Harald Leipnitz, Judith Dornys, Eddi Arent, Rudolf Forster, Werner Peters, Klaus Kinski | BRD | 89 min | 1:2,35 | sw | 30. April 1964
# 980 | 23. November 2015
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23.4.64
Wartezimmer zum Jenseits (Alfred Vohrer, 1964)
Ein kühler, trister, fast schwermütiger Sonderling, dieser seltsam schöne Alfred-Vohrer-Film, ein leicht verschnittenes Krimi-Couture-Stück, weggehängt und vergessen zwischen geläufiger Wallace-Stangenware. James Hadley Chase lieferte die Vorlage: Es geht um ein Erpressersyndikat, das reichen Herren gegen Bezahlung das Leben läßt; Hildegard Knef spielt die unendlich traurige Organisatorin des Terrors, weltweit unterwegs im Auftrag eines gelähmten Hintermannes (erbarmungslos: Richard Münch), der als hochgeschätzter Marchese in einem Traumschloß an der Adria residiert; ein junger Mann (resolut: Götz George), dessen Onkel Opfer der Verbrecher wurde, will den Laden aufmischen … Es sind die Ultrascope-Bilder von ungerührter Klarheit (Kamera: Bruno Mondi), die melancholischen Klavierkaskaden (Musik: Martin Böttcher), die alabasterglänzenden Unterwelten (Bauten: Mathias Matthies & Ellen Schmidt), die dieses Ballett des Mißtrauens und des Verrats, diesen Thriller, der cool an der Grenze von rauhem Spät-Noir und barocker Mabuse-Phantastik wandelt, über den (deutschen) Genre-Durchschnitt heben – aber es ist die nicht erzählte Liebesgeschichte zwischen einer müden Frau und einem draufgängerischen Grünschnabel, die im Gedächtnis bleibt.
R Alfred Vohrer B Eberhard Keindorff, Johanna Sibelius V James Hadley Chase K Bruno Mondi M Martin Böttcher A Mathias Matthies, Ellen Schmidt S Hermann Haller P Horst Wendlandt D Hildegard Knef, Götz George, Richard Münch, Pinkas Braun, Klaus Kinski | BRD | 90 min | 1:2,35 | sw | 23. April 1964
R Alfred Vohrer B Eberhard Keindorff, Johanna Sibelius V James Hadley Chase K Bruno Mondi M Martin Böttcher A Mathias Matthies, Ellen Schmidt S Hermann Haller P Horst Wendlandt D Hildegard Knef, Götz George, Richard Münch, Pinkas Braun, Klaus Kinski | BRD | 90 min | 1:2,35 | sw | 23. April 1964
20.9.63
Scotland Yard jagt Dr. Mabuse (Paul May, 1963)
Nach der erfrischend respektlosen Remake-Travestie »Das Testament des Dr. Mabuse« (er)schlägt Produzent Artur Brauner zwei Fliegen mit einer Klappe, indem er den unsterblichen Super-Verbrecher in einen (ziemlich banalen) Reißer aus der Feder seines Hausautoren Bryan Edgar Wallace versetzt. Kinematographische Gesellschaftskritik war in den Mabuse-Filmen längst nicht mehr im Spiel, doch mit dem holprigen Crossover aus elektronischer Gedankenkontrolle, seniler Allmachtsphantasie und konventionellem Postraub erreicht die Reihe einen eklatanten Tiefpunkt. Das triste Einerlei aus einfallsarmem Buch (Ladislas Fodor) und lustloser Inszenierung (Paul ›08/15‹ May), aus gelangweiltem Spiel und fader Fotografie durchbricht gelegentlich Agnes Windeck (als kriminalistisch instinktsichere Mutter des ermittelnden Geheimdienstmannes Peter van Eyck) mit der outrierten Zelebrierung jenes Humors, den deutsche Filmschaffende, warum auch immer, für britisch halten.
R Paul May B Ladislas Fodor V Bryan Edgar Wallace, Norbert Jacques K Nenad Jovicic M Rolf Wilhelm A Hanns H. Kuhnert S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Peter van Eyck, Dieter Borsche, Walter Rilla, Werner Peters, Klaus Kinski, Agnes Windeck | BRD | 90 min | 1:1,37 | sw | 20. September 1963
# 860 | 8. Mai 2014
R Paul May B Ladislas Fodor V Bryan Edgar Wallace, Norbert Jacques K Nenad Jovicic M Rolf Wilhelm A Hanns H. Kuhnert S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Peter van Eyck, Dieter Borsche, Walter Rilla, Werner Peters, Klaus Kinski, Agnes Windeck | BRD | 90 min | 1:1,37 | sw | 20. September 1963
# 860 | 8. Mai 2014
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13.9.63
Das indische Tuch (Alfred Vohrer, 1963)
Edgar Wallace bittet zehn kleine Negerlein zur geschlossenen Gesellschaft: Nach dem gewaltsamen Tod des Familienoberhauptes reist die liebe Verwandtschaft zur Testamentseröffnung aufs Stammschloß, um dortselbst zu erfahren, daß erst dann geerbt wird, wenn es alle Hinterbliebenen eine Woche lang miteinander ausgehalten haben … Wie zu erwarten, stirbt einer nach dem anderen (per Würgetuch), wobei – mangels gelungener Typisierung der Opfer – schon bald das Interesse an Fortgang und Auflösung des bühnenhaft-mörderischen Geschehens erlischt. Einzig Elisabeth Flickenschildt und Hans Clarin (als gebieterische Übermutter und wahnsinnig begnadeter Sohn) entwickeln aus der ödipalen Konstellation ihrer Rollen so etwas wie Charakter, während der Rest der Truppe (unter anderem Arent, Berber, Drache, Kinski, Schürenberg) inklusive Regisseur Alfred Vohrer serienmäßiges business as usual betreibt.
R Alfred Vohrer B Georg Hurdalek, Harald G. Petersson V Edgar Wallace K Karl Löb M Peter Thomas A Wilhelm Vorweg, Walter Kurz S Hermann Haller P Horst Wendlandt D Heinz Drache, Elisabeth Flickenschildt, Eddi Arent, Hans Clarin, Klaus Kinski | BRD | 86 min | 1:2,35 | sw | 13. September 1963
R Alfred Vohrer B Georg Hurdalek, Harald G. Petersson V Edgar Wallace K Karl Löb M Peter Thomas A Wilhelm Vorweg, Walter Kurz S Hermann Haller P Horst Wendlandt D Heinz Drache, Elisabeth Flickenschildt, Eddi Arent, Hans Clarin, Klaus Kinski | BRD | 86 min | 1:2,35 | sw | 13. September 1963
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26.4.63
Der Zinker (Alfred Vohrer, 1963)
»CinemaScope«, so Regielegende Fritz Lang in Jean-Luc Godards Film-Film »Le mépris«, »ist nichts für menschliche Wesen, es ist nur gut für Schlangen und Begräbnisse.« Mit anderen Worten: Breitwand ist das perfekte Format für einen Edgar-Wallace-Reißer, durch den sich eine Schwarze Mamba schlängelt, deren Gift zahlreiche Herrschaften vom Leben zum Tode befördert. Ansonsten bieten die wohlkomponierten Bilder von Karl Löb viel Raum für Kinskis Wahnsinn, für Arents Possen, für Draches eckige Bewegungen, für Schürenbergs exaltierten Dünkel – vor allem aber für die prächtige Performance von Agnes Windeck, dieser liebenswürdigsten aller komischen Alten des bundesdeutschen Films, die wie keine andere ein nicht existentes Orchester zu dirigieren versteht. Alfred Vohrer inszeniert den Fall des geheimnisvoll hinter den Gittern einer Raubtierhandlung wirkenden erpresserischen Absahners fachmäßig mit der serientypischen grob-ironischen Munterkeit. PS: Der Butler ist nicht der Mörder (und somit auch nicht »Der Zinker«).
R Alfred Vohrer B Harald G. Petersson V Edgar Wallace K Karl Löb M Peter Thomas A Herbert Kirchhoff, Walter Kutz S Hermann Haller P Horst Wendlandt, Jacques Willemetz D Heinz Drache, Barbara Rütting, Günter Pfitzmann, Eddi Arent, Agnes Windeck | BRD & F | 89 min | 1:2,35 | sw | 26. April 1963
R Alfred Vohrer B Harald G. Petersson V Edgar Wallace K Karl Löb M Peter Thomas A Herbert Kirchhoff, Walter Kutz S Hermann Haller P Horst Wendlandt, Jacques Willemetz D Heinz Drache, Barbara Rütting, Günter Pfitzmann, Eddi Arent, Agnes Windeck | BRD & F | 89 min | 1:2,35 | sw | 26. April 1963
28.9.62
Das Gasthaus an der Themse (Alfred Vohrer, 1962)
»Von abends bis morgens / geschieht so mancherlei.« Ein geheimnisvoller Taucher (genannt »der Hai«) treibt in London sein harpunierendes Unwesen. Der schwarze Gummimann dezimiert vor allem die eigenen Leute, bis seine biedere Identität von ›Blacky‹ Fuchsberger (diesmal als Beamter der Flußpolizei) mehr oder weniger überraschend enthüllt wird. Der eigentlich Fall (einerseits Juwelen, andererseits Erbschleicherei) bleibt so undurchdringlich wie der wabernde Bühnennebel; wie häufig bei Edgar Wallace lauert hinter den schaubudenhaften Gruseleffekten eine (von Alfred Vohrer wohlig-flackernd illuminierte) Familienintrige Dickensschen Ausmaßes. Neben Klaus Kinski (als vermeintlicher russischer Gewürzhändler) und Jan Hendriks (als pokergesichtiger Ausputzer) schillert die majestätische Elisabeth Flickenschildt. Daß sich die markante Gründgens-Partnerin einmal als singende Schmuggel-Wirtin einer Kaschemme an der Themse würde verdingen müssen, konnte der »Führer« seinerzeit nicht ahnen, als er den Namen der Mimin (völlig zu recht) auf die Gottbegnadeten-Liste setzte.
R Alfred Vohrer B Trygve Larsen (= Egon Eis), Harald G. Petersson V Edgar Wallace K Karl Löb M Martin Böttcher A Mathias Matthies, Ellen Schmidt S Carl Otto Bartning P Horst Wendlandt D Joachim Fuchsberger, Brigitte Grothum, Richard Münch, Jan Hendriks, Elisabeth Flickenschildt | BRD | 92 min | 1:1,66 | sw | 28. September 1962
R Alfred Vohrer B Trygve Larsen (= Egon Eis), Harald G. Petersson V Edgar Wallace K Karl Löb M Martin Böttcher A Mathias Matthies, Ellen Schmidt S Carl Otto Bartning P Horst Wendlandt D Joachim Fuchsberger, Brigitte Grothum, Richard Münch, Jan Hendriks, Elisabeth Flickenschildt | BRD | 92 min | 1:1,66 | sw | 28. September 1962
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24.5.62
Der rote Rausch (Wolfgang Schleif, 1962)
»Ich bin doch ein Mensch wie sie alle. Ich habe gelebt wie sie alle. Ich habe geredet wie alle. Ich habe gearbeitet wie alle.« Spätherbst. Tiefer Himmel. Flaches Land. Ein See an der Grenze. Aus dem Schilf stolpert ein Mann mit dem angstvollen Blick eines verirrten Kindes (Klaus Kinski). Die Bauern glauben, er komme von drüben. Ein Flüchtling. Ein Verfolgter. Auf dem nahegelegenen Hof gewährt man ihm Obdach. Die Gutstochter (Brigitte Grothum) hat vor Jahren ihren Ehemann an ebenjener Stelle verloren, wo der Fremde auftauchte. Die Hoffnung auf seine Rückkunft hat sie sich nie nehmen lassen. Der Ankömmling ist jedoch kein Heimkehrer sondern ein Entsprungener aus der ›Bewahranstalt für kriminelle Geisteskranke‹, ein liebebedürftiger Frauenwürger, dessen Tötungstrieb von roten Korallenketten ausgelöst wird, ein sanfter Killer, der sich an seine Taten nicht erinnern kann … »Der rote Rausch« verbindet wirksam das dezente Beziehungsdrama zwischen zwei unbehüteten Seelen mit einem expressiver Heimatthriller, der zum Ende – bei einer feurigen Mörderhatz – die Scheidelinie zwischen Mensch und Monster verwischt. Wolfgang Schleif inszeniert Landschaften und Leute mit grauer Poesie; Kinski nutzt seine hochexplosive Kunst mit überraschender Zurückhaltung: Wenn er das Fahndungsplakat mit seinem Konterfei erblickt, wenn er für ein Kind Oscar Wildes Märchen vom selbstsüchtigen Riesen rezitiert, wenn er eine schreiende Frau um Hilfe anfleht – stets ist er das schattenhafte Individuum ohne Ich, ein fassungsloses Wesen, das seine Schuld nicht greifen kann: »Mit diesen Händen habe ich gemordet, sagen sie. Bitte, guck dir diese Hände an. Sag mir, ob das die Hände eines Mörders sind!«
R Wolfgang Schleif B Hellmut Andics V Hans Ulrich Horster (= Eduard Rhein) K Walter Partsch M Hans-Martin Majewski A Theodor Harisch S Paula Dvorak P Ernest Müller D Klaus Kinski, Brigitte Grothum, Sieghardt Rupp, Jochen Brockmann, Dieter Borsche | BRD | 87 min | 1:1,66 | sw | 24. Mai 1962
R Wolfgang Schleif B Hellmut Andics V Hans Ulrich Horster (= Eduard Rhein) K Walter Partsch M Hans-Martin Majewski A Theodor Harisch S Paula Dvorak P Ernest Müller D Klaus Kinski, Brigitte Grothum, Sieghardt Rupp, Jochen Brockmann, Dieter Borsche | BRD | 87 min | 1:1,66 | sw | 24. Mai 1962
1.3.62
Das Rätsel der roten Orchidee (Helmuth Ashley, 1962)
Zwei rivalisierende Gangstersyndikate aus Chicago verlegen ihre Geschäftstätigkeit nach London. Beide Banden verkaufen Lebensversicherungen an betuchte Persönlichkeiten, denen im Falle von Nichtbezahlung der exorbitanten Prämien der Tod droht … Zwar gibt es auch in dieser Edgar-Wallace-Adaption eine (sehr) hübsche Frau in Nöten (Marisa Mell), die in eine Erbschaftsangelegenheit verwickelt wird – aber im Zentrum des Geschehens stehen knallharte Revierkämpfe und erpresserischen Aktivitäten der beiden Gaunertruppen, die Helmuth Ashley mit der kühlen Ironie eines angelsächsischen B-Movies inszeniert. Klaus Kinski, Eric Portmann und Pinkas Braun geben illustre Schurken, während Christopher Lee (als FBI-Mann) und vor allem Adrian Hoven (als Scotland-Yard-Inspektor) in ihrer Ermittlungsarbeit eher blaß bleiben. Eine ganz andere, angesichts der rauhen Atmosphäre des Films ziemlich unpassende Tonart schlägt Eddi Arent mit seiner klamottigen Faxenmacherei als »Todesbutler« an.
R Helmuth Ashley B Trygve Larsen (= Egon Eis) V Edgar Wallace K Franz X. Lederle M Peter Thomas A Mathias Matthies, Ellen Schmidt S Hebert Taschner P Horst Wendlandt D Adrian Hoven, Christopher Lee, Marisa Mell, Pinkas Braun, Klaus Kinski, Eddi Arent | BRD | 84 min | 1:1,66 | sw | 1. März 1962
# 805 | 22. November 2013
R Helmuth Ashley B Trygve Larsen (= Egon Eis) V Edgar Wallace K Franz X. Lederle M Peter Thomas A Mathias Matthies, Ellen Schmidt S Hebert Taschner P Horst Wendlandt D Adrian Hoven, Christopher Lee, Marisa Mell, Pinkas Braun, Klaus Kinski, Eddi Arent | BRD | 84 min | 1:1,66 | sw | 1. März 1962
# 805 | 22. November 2013
8.11.61
Die seltsame Gräfin (Josef von Báky, 1961)
»Ich bin die Gräfin Eleanora Moron! Niemand hat das Recht mich anzurühren!« Altgediente Stummfilmstars (Lil Dagover und Fritz Rasp), zähe Ufa-Kämpen (Marianne Hoppe und Rudolf Fernau), das immerzurstellige Rialto-Ensemble (›Blacky‹ und Eddi und Kinski) sowie der breiteste Berliner Boulevard (Brigitte Grothum und Edith Hancke) in einem ganz und gar außerenglischen Edgar-Wallace-Klassiker. Die verwinkelte Handlung (es geht im weitesten Sinne um komplizierte Familienverhältnisse und eine darin unterschlagene Erbschaft) spielt überall dort, wo obligaterweise das Verderben lauert: in einer Irrenanstalt und in einem Gefängnis, auf einem alten Schloß und in einer Anwaltskanzlei. Abgesehen davon, daß ständig bedrohlich das Telefon klingelt, Klaus K. irre lacht (»Ich mußte es doch tun!«) und schon mal ein brüchiger Balkon von der Fassade fällt, entwickelt die Inszenierung (zum letzten Mal auf dem Regiestuhl: Josef von Báky) das subtile Grauen eines nichtendenwollenden Fünfuhrtees. PS: »Niemand!«
R Josef von Báky B Robert A. Stemmle, Curt Hanno Gutbrod V Edgar Wallace K Richard Angst M Peter Thomas A Helmut Netwig, Albrecht Hennings S Hermann Ludwig P Horst Wendlandt D Joachim Fuchsberger, Brigitte Grothum, Lil Dagover, Klaus Kinski, Marianne Hoppe | BRD | 94 min | 1:1,66 | sw | 8. November 1961
R Josef von Báky B Robert A. Stemmle, Curt Hanno Gutbrod V Edgar Wallace K Richard Angst M Peter Thomas A Helmut Netwig, Albrecht Hennings S Hermann Ludwig P Horst Wendlandt D Joachim Fuchsberger, Brigitte Grothum, Lil Dagover, Klaus Kinski, Marianne Hoppe | BRD | 94 min | 1:1,66 | sw | 8. November 1961
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28.3.61
Die toten Augen von London (Alfred Vohrer, 1961)
»Ist es wahr, daß die Mortadella von Blinden gemacht wird?« fragte einst der Surrealist Benjamin Péret. »Die toten Augen von London« gibt hierauf keine Antwort – in Alfred Vohrers nebeldurchzogener erster Edgar-Wallace-Adaption beschäftigen sich die Blinden (unter ihnen Ady Berber, der österreichische Tor Johnson) nicht mit der Herstellung schmackhafter Wurstwaren sondern, im Auftrag geldgieriger Hintermänner, mit der gewinnbringenden Ersäufung reicher älterer Herren. Neben dem effektsicheren Regisseur geben auch Klaus Kinski (als dubioser Sekretär mit dunkler Vergangenheit und verspiegelter Sonnenbrille) sowie Kameramann Karl Löb, der wie kaum ein anderer deutscher Bildformulierer der 1960er Jahre das reißerische Helldunkel des Vulgärexpressionismus zu forcieren weiß, ihr erfreuliches Reihendebüt. Dazu: Karin Baal als blonde Unschuld, Wolfgang Lukschy als sinistrer Versicherungsmakler und der schrecklich integre Dieter Borsche als (sich selbst) wohlwollender Reverend.
R Alfred Vohrer B Trygve Larsen (= Egon Eis) V Edgar Wallace K Karl Löb M Heinz Funk A Matthias Matthies, Ellen Schmidt, Siegfried Mews S Ira Oberberg P Horst Wendlandt D Joachim Fuchsberger, Karin Baal, Dieter Borsche, Wolfgang Lukschy, Klaus Kinski | BRD | 99 min | 1:1,66 | f | 28. März 1961
R Alfred Vohrer B Trygve Larsen (= Egon Eis) V Edgar Wallace K Karl Löb M Heinz Funk A Matthias Matthies, Ellen Schmidt, Siegfried Mews S Ira Oberberg P Horst Wendlandt D Joachim Fuchsberger, Karin Baal, Dieter Borsche, Wolfgang Lukschy, Klaus Kinski | BRD | 99 min | 1:1,66 | f | 28. März 1961
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28.1.55
Ludwig II. – Glanz und Ende eines Königs (Helmut Käutner, 1955)
Fantastische Schlösser unter weißblauem Himmel, goldene
Interieurs und samtrote Rosen: ein Technicolor-Märchen über
einen Märchen-König. Ludwig (O. W. Fischer), impulsiv und voller Zuversicht,
ein verspäteter absoluter Monarch, ein radikaler Romantiker, der in Bayern ein Reich der Musen errichten will, zerbricht an der schnöden Tagespolitik, die ihm
einen Krieg abverlangt, wenn er ein Festspielhaus für Richard Wagner (Paul
Bildt) plant, hadert mit Beamtenseelen, die ihn in einen
Finanzrahmen pressen, wenn er die Ewigkeit der Kunst in den Blick nimmt. Oder
verzweifelt Ludwig, weil er den einzigen Menschen, den er liebt, seine Cousine,
die österreichische Kaiserin Elisabeth (Ruth Leuwerik), nicht haben kann? Vielleicht aber begehrt er dieses Wesen – so alleine, so unglücklich, wie er selbst – gerade deswegen so abgöttisch, da es als Objekt des Verlangens nie und nimmer in Frage kommt. Die Einsamkeit entpuppt
sich als Ludwigs Schicksal, eine glanzvolle, eine elende Einsamkeit, in der es ihm,
fernab von den Sachzwängen einer Zeit der militärischen Kraftmeierei und der
Versachlichung aller Werte, bestimmt ist, das Gesamtkunstwerk eines jenseitigen Glücks,
einer zweckfreien Schönheit zu träumen und, glorreich-traurig, zu leben …
Helmut Käutner inszeniert eine farbenprächtige biographische Legende, eine
opulente historische Fiktion, ein majestätisches Melodram der (Ohn-)Macht; Hein
Heckroth, der schon fulminante Kinovisionen für Powell und Pressburger baute,
gestaltet adäquate filmische Räume für eine Figur, die beinahe panisch in die
Größe flieht, die ein ewiges Rätsel bleiben will – sich selbst und allen anderen.
# 870 | 29. Mai 2014
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