23.3.72

Das Unheil (Peter Fleischmann, 1972)

»Denn Frevel geht nicht aus der Erde hervor, und Unheil wächst nicht aus dem Acker; / sondern der Mensch erzeugt sich selbst das Unheil …« (Hiob 5, 6 und 7) Notizen aus der bundesdeutschen Provinz der frühen 1970er Jahre: Peter Fleischmann und DKP-Sympathisant Martin Walser beschreiben (am Beispiel der hessischen Stadt Wetzlar) eine Wachstumsgesellschaft an den Grenzen des Wachstums, ein (Wirtschafts-)Wunderland nach dem Wunder, eine verpestete Gegenwart, über der die Glocken einer unbewältigten Vergangenheit dröhnen. Dreh- und Angelpunkt der Begebnisse ist Hille Vavra (Vitus Zeplichal), Abiturient und Pfarrerssohn, unbeschriebenes Blatt und gelähmter Rebell; er versucht sich durchzuschlagen in einer Welt, in der die eigene Meinung mehr kostet, als sie wert ist, wo man zu schlucken bekommt, was einem nicht schmeckt, wo sich der Müll in den Straßen türmt, wo die Fische in den Flüssen und die Topfpflanzen auf den Blumentischen verrecken, wo sich die Alten zu Tode husten, wo über den Dächern unaufhörlich die Hubschrauber knattern. Das Gift des Wohlstands und der Verdrängung sammelt sich überall – zu Lande, zu Wasser, in der Luft und in den Köpfen –, während die Revolte in Lethargie versandet. »Das Unheil«: ein Bewußtseinsstrom aus einem Milieu ohne Bewußtsein, ein Album entlarvender Schnappschüsse, ein apokalyptischer Heimatfilm über eine Heimsuchung, die keine Katharsis kennt.

R Peter Fleischmann B Peter Fleischmann, Martin Walser K Dib Lufti M Xhol Caravan, Max Reger A Heinz Eickmeier S Odile Faillot P Peter Fleischmann D Vitus Zeplichal, Reinhard Koldehoff, Helga Riedel-Hassenstein, Silke Kulik, Ingmar Zeisberg | BRD & F | 96 min | 1:1,66 | f | 23. März 1972

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