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12.5.76

Les magiciens (Claude Chabrol, 1976)

Die Schuldigen mit den sauberen Händen

Im Mittelpunkt von Claude Chabrols parapsychologischem Thrillerarrangement stehen die Umtriebe des reichen Nichtstuers Édouard (Jean Rochefort), der sich in einem tunesischen Ferienparadies den intriganten Jux machen will, die präkognitive Vorhersage des mit dem zweiten Gesicht begabten (oder gestraften) Bühnenmagiers Vestar (Gert Fröbe) Wirklichkeit werden zu lassen: ein Mord soll geschehen, am Strand, unter einem rot getupften Himmel. Unfreiwillige Versuchspersonen der Schicksalsmanipulation sind ein zwieträchtiges Ehepaar (Franco Nero und Stefania Sandrelli) sowie die unverhofft aufkreuzende Exgeliebte des Mannes ... Unter (eher oberflächlichem) Bezug auf einige Werke seines großen Vorbilds Fritz Lang betrachtet Chabrol (ohne wirklich tiefgehendes Interesse) den Destruktionstrieb der ennuyiert-genießenden Klasse und folgt (mit mäßiger Anteilnahme) den (mehr oder weniger verschlungenen) Wegen der Vorsehung (die sich nicht ins Handwerk pfuschen läßt – auch wenn das Ergebnis ihres Wirkens ein anderes als das erwartete sein mag).

R Claude Chabrol B Pierre Lesou, Paul Gégauff V Frédéric Dard K Jean Rabier A Jean Labussière S Monique Fardoulis P Tarak Ben Ammar, Jean Boujnah, Tablouti Temini D Jean Rochefort, Gert Fröbe, Franco Nero, Stefania Sandrelli, Gila von Weitershausen | F & I & BRD | 94 min | 1:1,66 | f | 12. Mai 1976

# 1110 | 12. Mai 2018

9.2.65

Rekopis znaleziony w Saragossie (Wojciech Has, 1965)

Die Handschrift von Saragossa

Dieser Film mag dem Betrachter spanisch vorkommen, aber er ist so polnisch wie die Sierra Morena: Konstruiert nach dem Prinzip der Puppe in der Puppe, tut sich in jeder Episode von »Rekopis znaleziony w Saragossie« – das titelgebende Manuskript folgt der verschlungenen Spur des Hauptmanns der wallonischen Garde Alfons van Worden (viril-naiv: Zbigniew Cybulski) durch ein karstig-geheimnisvolles Phantasie-Spanien des 18. Jahrhunderts – ein weiteres Abenteuer auf, darin das nächste, und so weiter – bis die Inquisition kommt oder ein Zigeunerkönig oder ein verlotterter Aristokrat, der zwar keinen Real in der Tasche hat, aber stets eine Anekdote auf den Lippen ... Bevölkert wird das Geschichtenlabyrinth außerdem von lebendigen Gehenkten und unersättlichen Duellisten, von lüsternen Schwestern und Muselmanen im Untergrund. Wojciech Has, dem Regisseur dieses tollkühn-romantischen Kaleidoskops, liegt, wie dem Autor der Romanvorlage, Jan (Graf) Potocki, weniger an der Erzählung als am Erzählen selbst: am Fabulieren, Spintisieren und Abschweifen, am Verschieben von Perspektiven, am Springen von Gedanken und am Auflösen von Grenzen – zwischen Realität und Traum, Erkenntnis und Spekulation, geschlossenen Räumen und Unendlichkeit, Gotteswerk und Teufelskunst. »Wir sind wie Blinde, verloren in den Straßen einer großen Stadt«, heißt es einmal – und es ist eine wahre Lust (= ein traumhafter Schrecken), sich in diesem Irrgarten (= in der Welt) zu verlieren.

R Wojciech Has B Tadeusz Kwiatkowski V Jan Potocki K Mieczysław Jahoda M Krzysztof Penderecki A Tadeusz Myszorek, Jerzy Skarzynski S Krystyna Komosinska P Ryszard Straszewski D Zbigniew Cybulski, Kazimierz Opaliński, Iga Cembrzyńska, Joanna Jedryka, Leon Niemczyk | PL | 182 min | 1:2,35 | sw | 9. Februar 1965

25.12.58

Bell Book and Candle (Richard Quine, 1958)

Meine Braut ist übersinnlich 

»You gave me something wonderful: You made me unhappy.« Magisch-skurrile love story zwischen einem älteren Vernunftmenschen (James Stewart) und einer gutaussehenden jungen Hexe (Kim Novak), angesiedelt im verschneit-weihnachtlichen New York. (Nachdem ihre Romanze in Hitchcocks »Vertigo« kurz zuvor tragisch endete, gewährt Richard Quine dem Paar gleichsam eine zweite Chance…) Hexen, so lernt man anfangs, vermögen weder zu erröten, noch zu weinen – und lieben können sie auch nicht. Zur Vorhersage, daß Novak in »Bell Book and Candle« erröten, weinen und lieben wird, bedarf es mithin keiner übersinnlichen Fähigkeiten. Der Weg ins Glück führt über allerlei Hürden (und durch einige Längen), die von gutaufgelegten Darsteller aus dem Weg geräumt (beziehungsweise charmant verkürzt) werden: Jack Lemmon als bongospielender Nachwuchszauberer, Ernie Kovacs als alkoholischer Sachbuchautor (»Magic in Mexico«, »Voodoo Among the Virgins«), Elsa Lancaster (kichernd) und Hermione Gingold (hochtönend) als Hexen von altem (!) Schrot und Korn. »Ring the bell. Close the book. Quench the candle.«

R Richard Quine B Daniel Taradash V John Van Druten K James Wong Howe M George Duning A Cary Odell S Charles Nelson P Julian Blaustein D James Stewart, Kim Novak, Jack Lemmon, Ernie Kovacs, Hermione Gingold, Elsa Lanchester | USA | 106 min | 1:1,85 | f | 25. Dezember 1958

2.11.58

The Geisha Boy (Frank Tashlin, 1958)

Jerry außer Rand und Band

Weil er in der Heimat kein Engagement findet, geht Bühnenmagier Gilbert »The Great« Wooley (Jerry Lewis) an der Seite seines Partners, des weißen Hasen Harry (der tatsächlich über metaphysische Kräfte zu verfügen scheint), zur Truppenbetreuung in den fernen Osten. Im Land der aufgehenden Sonne trifft Gilbert auf den Waisenjungen Mitsuo Watanabe, den er mit seinem exzentrischen Ungeschick erstmals seit dem Tod der Eltern zum Lachen bringt, woraufhin der bezauberte Sechsjährige den Illusionskünstler nicht mehr aus den Fängen läßt ... Frank Tashlin nutzt die turbulenten Reiseabenteuer des linkischen Frontunterhalters zur Veralberung uramerikanischer Phänomene wie Sexbomben (Marie McDonald als zickige Platinsirene Lola Livingston) und Baseball (die Los Angeles Dodgers als Los Angeles Dodgers) ebenso wie zur Persiflage auf prominente Kinomotive (Sessue Hayakawa karikiert seine Rolle als Colonel Saito in »The Bridge on the River Kwai«, während über dem Fuji die Paramount-Sterne blinken) und zum romantischen Systemvergleich zwischen West und Ost (Suzanne Pleshette als taffe US-Offizierin versus Nobu McCarthy als zutunliche Mademoiselle Butterfly) – all dies wird freilich rigoros überlagert von Lewis’ clownesk-sentimentaler Hingabe an flauschige Langohren und kleine Japaner.

R Frank Tashlin B Frank Tashlin, Rudy Makoul K Haskell B. Boggs M Walter Scharf A Hal Pereira, Tambi Larsen S Alma Macronie P Jerry Lewis D Jerry Lewis, Robert Hirano, Nobu McCarthy, Sessue Hayakawa, Suzanne Pleshette, Marie MacDonald | USA | 95 min | 1:1,85 | f | 2. November 1958

# 1073 | 3. September 2017

30.10.42

I Married a Witch (René Clair, 1942)

Meine Frau, die Hexe
 

»Ever hear of the decline and fall of the Roman Empire? That was our crowd.« Bestrickend (über)sinnliche und angenehm kurz(weilig)e screwball fantasy über eine sexy Hexe (Vero­nica Lake), die knapp 300 Jahre, nachdem sie und ihr dämonisch-versoffener Vater von dem linientreuen Neu-England-Puritaner Jonathan Wooley (Fredric March) auf den Scheiter­haufen geschickt wurden, aus dem Reich der (Un-)Toten ins irdische Leben zurückkehrt, wo sie Rache am Nachfahren des sittenstrengen Saubermanns, dem aufstrebenden Politiker Wallace Wooley (Fredric March), nehmen will. René Clair entfacht allerhand romantischen Budenzauber und nutzt die poetische Farce, um sich über morali­sche Scheinheiligkeit sowie die absurden Mechanismen der modernen Mediendemokratie lustig zu machen. (»I Married a Witch« erklärt ganz nebenbei, aber sehr plausibel, auf welch magische Weise in den Ver­einigten Staaten (und wohl nicht nur dort) Wahlen gewonnen werden.) Wie es einer Komödie zukommt, finden sich zu guter Letzt Diesseits und Jenseits in kordialer Harmonie – denn: »Love is stronger than witchcraft.«

R René Clair B Robert Pirosh, Marc Connelly K Ted Tetzlaff M Roy Webb A Hans Dreier, Ernst Fetgé S Eda Warren P Preston Sturges, René Clair D Fredric March, Veronica Lake, Robert Benchley, Susan Hayward, Cecil Kellaway | USA | 77 min | 1:1,37 | sw | 30. Oktober 1942