2.10.63

Muriel ou le temps d'un retour (Alain Resnais, 1963)

Muriel oder Die Zeit der Wiederkehr 

Boulogne-sur-Mer, Herbst 1962: Die Stadt trägt die neonglänzenden Wunden des Weltkrieges – der Wiederaufbau war in Wirklichkeit eine zweite Zerstörung. Hier lebt Hélène, Antiquitätenhändlerin, die ihre Wohnung zum Geschäft gemacht hat – an jedem ihrer alten Möbel hängt ein Preisschild. Sie wohnt mit ihrem Stiefsohn Bernard, den die Erinnerung an Algerien nicht losläßt, wo er im Krieg gekämpft hat – und am grausamen Tod des Mädchens Muriel (mit-)schuldig wurde. Hélène wird besucht von Alphonse, dem Geliebten ihrer Jugend, einem Windbeutel und Großsprecher, der von seiner großen Zeit in Afrika schwadroniert – wo er nie war. Mit ihm kommt Françoise, die er als seine Nichte vorstellt – und die seine Geliebte ist. Alain Resnais (Regie) und Jean Cayrol (Buch) berichten14 Tage aus dem äußerlich banalen Alltag der Protagonisten, doch der Fluß der Erzählung wird – durch brüsk wechselnde Perspektiven, durch sprunghafte Schnitte, durch Zerfetzen der Handlung in kleinste Einheiten – fragmentiert und verfremdet. »Muriel« thematisiert die Verfassung des Menschen in der Moderne, wo Leben nicht mehr als Einheit zu begreifen ist, sondern in eine Abfolge von Momenten zerfällt, schildert eine Gegenwart – Städte, Biographien, Beziehungen –, die vom Gestern in Stücke geschlagen wurde, umschreibt am Beispiel von vier Figuren auf der Flucht vor der verlorenen Zeit: Erinnern und Verdrängen, panische Angst und hektische Lustigkeit, die richtungslose Bewegung der Gefühle und die fatale Bewußtlosigkeit des Denkens. Die visuellen und inhaltlichen Dissonanzen dieses einfachen, schwierigen Films werden immer wieder von einem lyrischen Lamento (zur Musik von Hans Werner Henze) akzentuiert: »Man verliert sich / verirrt sich im Leben. / Wer zog denn den Pfad / die Spur eines Körpers? / War es Traum / war es Ahnung? / Das Unwetter schläft unterdes / schläft in der Sonne.«

R Alain Resnais B Jean Cayrol K Sacha Vierny M Hans Werner Henze A Jacques Saulnier S Kenout Peltier, Eric Pluet P Pierre Braunberger, Anatole Dauman D Delphine Seyrig, Jean-Pierre Kérien, Nita Klein, Jean-Baptiste Thiérée, Claude Sainval | F & I | 115 min | 1:1,85 | f | 2. Oktober 1963

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