Boccaccio ’70
Ein Omnibusfilm: vier Akte – tragikomisch, satirisch, ironisch, launig – über den Waren- und den wahren Charakter der Gefühle … Mario Monicelli erzählt von »Renzo e Luciana«, die ihre Ehe im Betrieb geheimhalten müssen, da es den weiblichen Mitarbeitern untersagt ist zu heiraten. Eine Geschichte aus dem italienischen Wirtschaftwunder, angesiedelt im boomenden Mailand, elegant fotografiert, voller Einblicke in die Welt der kleinen Angestellten, die sich von blaffenden Vorgesetzten schurigeln lassen müssen, die ihr kleines Heil in Massenvergnügungen und kreditiertem Konsum suchen: Leben und Lieben auf Raten. Federico Fellinis »Le tentazioni del dottor Antonio« zeigt einen bigotten römischen Moralisten, der den üppigen Reizen einer Werbeträgerin für Milch (»Bevete più latte!«) erliegt: ein aufgeblähtes Pasticchio bekannter, zum quietschbunten L’art pour l’art geronnener Fellini-Motive, eine (Selbst-)Parodie, so überdimensional wie die Brüste von Anita Ekberg. Luchino Visconti schaut hinter die dicken Mauern eines mondänen Mailänder Palazzos: »Il lavoro« gibt einen Vorgeschmack auf die hermetischen Vivisektionen geschlossener Gesellschaften, mit denen »La caduta degli dei« und »Gruppo di famiglia in un interno« aufwarten werden. Romy Schneider und Tomas Milian sind die Protagonisten des zwischen hölzernen Wandverkleidungen und schweren Draperien ablaufenden, dramödiantischen Kammerspiels, das die Verwandlung einer gescheiterten Ehe in eine gewerbliche Unternehmung beschreibt. Vittorio De Sicas »La riffa«, die zugleich harmloseste und sinnenfreudigste Episode, präsentiert Sophia Loren als geschäftstüchtige Schießbudenbesitzerin, die sich den Männern eines norditalienischen Marktfleckens als Hauptgewinn einer konspirativ abgehaltenen Lotterie anbietet, um ihr Glück bei einem zupackenden Stierhüter zu finden … Allen Regisseuren gemeinsam ist ein Hang zu barocker Weitschweifigkeit, wodurch sich die Produzenten nach der Premiere genötigt sahen, den Film um den Monicelli-Beitrag zu kürzen.
R Mario Monicelli (1), Federico Fellini (2), Luchino Visconti (3), Vittorio De Sica (4) B Giovanni Arpino (1), Italo Calvino (1), Suso Cecchi D’Amico (1 & 3), Mario Monicelli (1), Ennio Flaiano (2), Tullio Pinelli (2), Goffredo Parise (2), Fedrico Fellini (2), Luchino Visconti (3), Cesare Zavattini (4) K Armando Nannuzzi (1), Otello Martelli (2 & 4) Giuseppe Rotunno (3) M Piero Uminiani (1), Nino Rota (2 & 3), Armando Trovajoli (4) A Piero Gherardi (1), Piero Zuffi (2), Mario Garbuglia (3), Elio Costanzi (4) S Adriana Novelli (1 & 4), Leo Cattozzo (2), Mario Serandrei (3) P Carlo Ponti, Tonino Cervi D Marisa Solinas (1), Germano Gilioli (1), Anita Ekberg (2), Peppino Di Filippo (2), Romy Schneider (3), Tomas Milian (3), Romolo Valli (3), Sophia Loren (4), Luigi Giuliani (4) | I & F | 208 / 158 min | 1:1,66 | f | 22. Februar 1962
# 921 | 28. November 2014
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22.2.62
24.1.61
La notte (Michelangelo Antonioni, 1961)
Die Nacht
Über reichverzierten Altbauten erhebt sich ein schlankes Hochhaus. Langsam gleitet die Kamera an der Fassade hinab. Die Scheiben spiegeln die Stadt. In großer Nähe so fern stehen sich das Gestern und das Heute gegenüber. Einige Stunden aus dem Leben des Mailänder Schriftstellers Giovanni und seiner Gattin Lidia (Marcello Mastroianni und Jeanne Moreau) – ein Besuch im Krankenhaus, ein Empfang beim Verleger, ein Ausflug in die Gegend von früher, eine Cocktailstunde im Nachtclub, eine Party bei reichen Leuten, ein Gang durch den Park. Zwischen ihnen nur Reste von Gemeinsamkeit, kaum mehr Erinnerungen, keine Erwartung von Zukunft. Es bleiben kultivierte Entfremdung, gleichgültige Ausbruchsversuche, erschöpftes Nebeneinander. Michelangelo Antonioni betrachtet einen Mann, der schreibt, um nichts sagen zu müssen, eine Frau, die davonläuft, um zu sich zu finden, einen Menschen, der stirbt, ein Mädchen, das spielt, eine Welt, die boomt, eine Gesellschaft, die im Regen verdurstet, eine Ehe, die vom Leben geschieden wird. Ein formvollendet trauriger Film über die Leere der Fülle, über das Alter der Jugend, über den Widerwillen der Liebe, über eine lange Nacht, auf die ein fahler Morgen folgt, über Parallelen, die sich auch im Unendlichen nicht treffen.
R Michelangelo Antonioni B Michelangelo Antonioni, Ennio Flaiano, Tonino Guerra K Gianni Di Venanzo M Giorgio Gaslini A Piero Zuffi S Eraldo Da Roma P Emanuele Cassuto D Marcello Mastroianni, Jeanne Moreau, Monica Vitti, Bernhard Wicki, Rosy Mazzacurati | I & F | 122 min | 1:1,66 | sw | 24. Januar 1961
Über reichverzierten Altbauten erhebt sich ein schlankes Hochhaus. Langsam gleitet die Kamera an der Fassade hinab. Die Scheiben spiegeln die Stadt. In großer Nähe so fern stehen sich das Gestern und das Heute gegenüber. Einige Stunden aus dem Leben des Mailänder Schriftstellers Giovanni und seiner Gattin Lidia (Marcello Mastroianni und Jeanne Moreau) – ein Besuch im Krankenhaus, ein Empfang beim Verleger, ein Ausflug in die Gegend von früher, eine Cocktailstunde im Nachtclub, eine Party bei reichen Leuten, ein Gang durch den Park. Zwischen ihnen nur Reste von Gemeinsamkeit, kaum mehr Erinnerungen, keine Erwartung von Zukunft. Es bleiben kultivierte Entfremdung, gleichgültige Ausbruchsversuche, erschöpftes Nebeneinander. Michelangelo Antonioni betrachtet einen Mann, der schreibt, um nichts sagen zu müssen, eine Frau, die davonläuft, um zu sich zu finden, einen Menschen, der stirbt, ein Mädchen, das spielt, eine Welt, die boomt, eine Gesellschaft, die im Regen verdurstet, eine Ehe, die vom Leben geschieden wird. Ein formvollendet trauriger Film über die Leere der Fülle, über das Alter der Jugend, über den Widerwillen der Liebe, über eine lange Nacht, auf die ein fahler Morgen folgt, über Parallelen, die sich auch im Unendlichen nicht treffen.
R Michelangelo Antonioni B Michelangelo Antonioni, Ennio Flaiano, Tonino Guerra K Gianni Di Venanzo M Giorgio Gaslini A Piero Zuffi S Eraldo Da Roma P Emanuele Cassuto D Marcello Mastroianni, Jeanne Moreau, Monica Vitti, Bernhard Wicki, Rosy Mazzacurati | I & F | 122 min | 1:1,66 | sw | 24. Januar 1961
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23.3.60
Classe tous risques (Claude Sautet, 1960)
Der Panther wird gehetzt
Der Gangster Abel Davos (kompakt: Lino Ventura) ist seit Jahren auf der Flucht. In Frankreich zum Tode verurteilt, brennt ihm nun auch in Italien der Boden unter den Füßen – und er will zurück nach Paris. An der Grenze wird seine Frau erschossen, Abel bleibt allein mit seinen beiden kleinen Söhnen. Die (inzwischen saturierten) alten Freunde gehen auf (lebensgefährliche) Distanz, nur Éric Stark (ausgefuchst: Jean-Paul Belmondo), ein ihm bis dato vollkommen Unbekannter, bietet Abel Hilfe und Freundschaft … Claude Sautet gestaltet in seinem erfrischend unmoralisierenden Film eine einfache Geschichte über Einsamkeit und Gemeinschaft, über Treulosigkeit und Loyalität. Die lakonische Kamera (Ghislain Cloquet) stellt neorealistisch inspirierte Authentizität über gattungsspezifische Expressivität: kein dramatisches Hell-Dunkel, stattdessen unsentimentales Grau in Grau. »Classe tous risques« überzeugt als differenziert-milieuechtes Genrebild, als spröde-intensives Charakterstück der Blicke und Gesten, der kurzen Berührungen und knappen Wortwechsel. Am Ende, nach (aller-)letzten Begegnungen mit den verräterischen ehemaligen Weggefährten, verschwindet Abel ganz einfach in der Menschenmenge auf einem Pariser Boulevard. Ein Off-Kommentar berichtet alles Weitere – und das ist nicht mehr viel.
R Claude Sautet B Claude Sautet, José Giovanni, Pascal Jardin V José Giovanni K Ghislain Cloquet M Georges Delerue A Rino Mondellini S Albert Jurgenson P Jean Darvey D Lino Ventura, Sandra Milo, Jean-Paul Belmondo, Marcel Dalio, Michel Ardan | F & I | 110 min | 1:1,66 | sw | 23. März 1960
Der Gangster Abel Davos (kompakt: Lino Ventura) ist seit Jahren auf der Flucht. In Frankreich zum Tode verurteilt, brennt ihm nun auch in Italien der Boden unter den Füßen – und er will zurück nach Paris. An der Grenze wird seine Frau erschossen, Abel bleibt allein mit seinen beiden kleinen Söhnen. Die (inzwischen saturierten) alten Freunde gehen auf (lebensgefährliche) Distanz, nur Éric Stark (ausgefuchst: Jean-Paul Belmondo), ein ihm bis dato vollkommen Unbekannter, bietet Abel Hilfe und Freundschaft … Claude Sautet gestaltet in seinem erfrischend unmoralisierenden Film eine einfache Geschichte über Einsamkeit und Gemeinschaft, über Treulosigkeit und Loyalität. Die lakonische Kamera (Ghislain Cloquet) stellt neorealistisch inspirierte Authentizität über gattungsspezifische Expressivität: kein dramatisches Hell-Dunkel, stattdessen unsentimentales Grau in Grau. »Classe tous risques« überzeugt als differenziert-milieuechtes Genrebild, als spröde-intensives Charakterstück der Blicke und Gesten, der kurzen Berührungen und knappen Wortwechsel. Am Ende, nach (aller-)letzten Begegnungen mit den verräterischen ehemaligen Weggefährten, verschwindet Abel ganz einfach in der Menschenmenge auf einem Pariser Boulevard. Ein Off-Kommentar berichtet alles Weitere – und das ist nicht mehr viel.
R Claude Sautet B Claude Sautet, José Giovanni, Pascal Jardin V José Giovanni K Ghislain Cloquet M Georges Delerue A Rino Mondellini S Albert Jurgenson P Jean Darvey D Lino Ventura, Sandra Milo, Jean-Paul Belmondo, Marcel Dalio, Michel Ardan | F & I | 110 min | 1:1,66 | sw | 23. März 1960
6.1.60
Rocco e i suoi fratelli (Luchino Visconti, 1960)
Rocco und seine Brüder
Nach dem Tod ihres Mannes folgt Rosaria Parondi (Katina Paxinou) mit den Söhnen Simone, Rocco, Ciro und Luca ihrem Ältesten, Vincenzo, aus dem rückständigen Lukanien ins neonglänzende Mailand – wie Hunderttausende haben sie in der Hoffnung auf ein besseres Leben die Heimat verlassen, um zu Fremden im eigenen Land zu werden. In fünf Kapiteln, benannt nach den Sprößlingen der übermütterlichen Witwe, thematisiert Luchino Visconti die Gegensätze von Stadt und Land, Arm und Reich, Nord und Süd, Tradition und Moderne, und er erzählt, in einer Mischung aus gesellschaftskritischem Realismus und melodramatischer Opernhaftigkeit, vom Verfall einer Familie, von ihrer Entwurzelung und Entfremdung, von ihrer Entwürdigung und Entsolidarisierung im Goldenen Zeitalter des Nachkriegskapitalismus. Das Epizentrum der Ereignisse bildet die konfliktgeladene Beziehung zwischen dem unbeherrschten Simone (Renato Salvatore) und dem sanftmütigen Rocco (Alain Delon), die beide – mehr oder weniger ehrgeizig – ihr Glück im Boxring suchen, sowie der temperamentvollen Prostituierten Nadia (Annie Girardot), die im Spannungsfeld der verzweifelten Brutalität des einen und der bedingungslosen Güte des anderen Bruders jämmerlich zugrunde geht. So bleibt, mithin Vincenzo sich zum biederbraven Ehemann (unter dem schmucken Pantoffel von Claudia Cardinale) gewandelt hat, außer dem Duft von Orangen oder der Erinnerung an schattige Olivenhaine in tristen Sozialwohnungen und betonierten Höfen, nur die vage Aussicht auf eine glücklichere Zukunft für die beiden jüngsten Parondis: Ciro, der als Arbeiter in einer Automobilfabrik politisches Bewußtsein entwickelt, und Luca, der vielleicht eines Tages in eine veränderte Heimat zurückkehren mag.
R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Suso Cecchi S’Amico, Pasquale Festa Campanile, Massimo Franciosa, Enrico Medioli K Giuseppe Rotunno M Nino Rota A Mario Garbuglia S Mario Serandrei P Goffredo Lombardo D Alain Delon, Renato Salvatori, Annie Girardot, Katina Paxinou, Claudia Cardinale | I & F | 177 min | 1:1,66 | sw | 6. Januar 1960
# 1161 | 21. Mai 2019
Nach dem Tod ihres Mannes folgt Rosaria Parondi (Katina Paxinou) mit den Söhnen Simone, Rocco, Ciro und Luca ihrem Ältesten, Vincenzo, aus dem rückständigen Lukanien ins neonglänzende Mailand – wie Hunderttausende haben sie in der Hoffnung auf ein besseres Leben die Heimat verlassen, um zu Fremden im eigenen Land zu werden. In fünf Kapiteln, benannt nach den Sprößlingen der übermütterlichen Witwe, thematisiert Luchino Visconti die Gegensätze von Stadt und Land, Arm und Reich, Nord und Süd, Tradition und Moderne, und er erzählt, in einer Mischung aus gesellschaftskritischem Realismus und melodramatischer Opernhaftigkeit, vom Verfall einer Familie, von ihrer Entwurzelung und Entfremdung, von ihrer Entwürdigung und Entsolidarisierung im Goldenen Zeitalter des Nachkriegskapitalismus. Das Epizentrum der Ereignisse bildet die konfliktgeladene Beziehung zwischen dem unbeherrschten Simone (Renato Salvatore) und dem sanftmütigen Rocco (Alain Delon), die beide – mehr oder weniger ehrgeizig – ihr Glück im Boxring suchen, sowie der temperamentvollen Prostituierten Nadia (Annie Girardot), die im Spannungsfeld der verzweifelten Brutalität des einen und der bedingungslosen Güte des anderen Bruders jämmerlich zugrunde geht. So bleibt, mithin Vincenzo sich zum biederbraven Ehemann (unter dem schmucken Pantoffel von Claudia Cardinale) gewandelt hat, außer dem Duft von Orangen oder der Erinnerung an schattige Olivenhaine in tristen Sozialwohnungen und betonierten Höfen, nur die vage Aussicht auf eine glücklichere Zukunft für die beiden jüngsten Parondis: Ciro, der als Arbeiter in einer Automobilfabrik politisches Bewußtsein entwickelt, und Luca, der vielleicht eines Tages in eine veränderte Heimat zurückkehren mag.
R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Suso Cecchi S’Amico, Pasquale Festa Campanile, Massimo Franciosa, Enrico Medioli K Giuseppe Rotunno M Nino Rota A Mario Garbuglia S Mario Serandrei P Goffredo Lombardo D Alain Delon, Renato Salvatori, Annie Girardot, Katina Paxinou, Claudia Cardinale | I & F | 177 min | 1:1,66 | sw | 6. Januar 1960
# 1161 | 21. Mai 2019
18.9.50
Cronaca di un amore (Michelangelo Antonioni, 1950)
Chronik einer Liebe
Nein, es sei nicht die alte Geschichte, sagt der Chef einer Mailänder Auskunftei zu dem Mitarbeiter, den er auf die Spur einer attraktiven jungen Frau setzt, deren vermögender Gatte, nach Auffinden einiger alter Fotos, etwas über das Vorleben jener Paola erfahren möchte, die er sieben Jahre zuvor, gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, Hals über Kopf geheiratet hat. Mit finsterer Ironie nutzt (und bricht) Michelangelo Antonioni im Folgenden visuelle und narrative Ingredienzen des Film noir, um das von der detektivischen Recherche (die auch nach Ferrara, die Heimatstadt des Regisseurs, führt) in Gang gesetzte Geschehen zu schildern, das eine lange erloschene Liebe hitzig wiederaufflammen läßt und im Tod des wißbegierigen Ehemannes gipfelt. Deutlich angelehnt an James L. Cains Thriller »The Postman Always Rings Twice«, dessen Erzählkern er variiert, indem er gutbürgerliche Kreise zum Schauplatz der Handlung macht, erzählt Antonioni in langen, sorgfältig arrangierten Einstellungen von den Schatten der Vergangenheit und einem Dreieck der Leidenschaft, von Eifersucht und Argwohn, Überdruß und Verachtung, spricht aber auch (und vor allem) von moralischer und emotionaler Indifferenz der Nachkriegszeit, von Eigensucht und Desillusion des beginnenden italienischen Wirtschaftswunders, zieht Parallelen zwischen winterlichen Straßen und verlassenen Plätze, die den inneren Zustand der Protagonisten spiegeln, und der leeren Welt der »weißen Telefone«, ihren teuren Roben, schnellen Autos, luxuriösen Wohnungen, portraitiert mit Lucia Bosè und Massimo Girotti (der eine vergleichbare Rolle zuvor in Luchino Viscontis Cain-Adaption »Ossessione« spielte) schon in seinem ersten Spielfilm ein Paar, das der Krankheit der Gefühle erliegt.
R Michelangelo Antonioni B Michelangelo Antonioni, Daniele D’Anza, Silvio Giovaninetti, Francesco Maselli, Piero Tellini K Enzo Serafin M Giovanni Fusco A Piero Filippone S Eraldo Da Roma P Franco Villani D Lucia Bosè, Massimo Girotti, Ferdinando Sarmi, Gino Rossi, Marika Rowsky | I | 98 min | 1:1,37 | sw | 18. September 1950
# 1157 | 19. April 2019
Nein, es sei nicht die alte Geschichte, sagt der Chef einer Mailänder Auskunftei zu dem Mitarbeiter, den er auf die Spur einer attraktiven jungen Frau setzt, deren vermögender Gatte, nach Auffinden einiger alter Fotos, etwas über das Vorleben jener Paola erfahren möchte, die er sieben Jahre zuvor, gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, Hals über Kopf geheiratet hat. Mit finsterer Ironie nutzt (und bricht) Michelangelo Antonioni im Folgenden visuelle und narrative Ingredienzen des Film noir, um das von der detektivischen Recherche (die auch nach Ferrara, die Heimatstadt des Regisseurs, führt) in Gang gesetzte Geschehen zu schildern, das eine lange erloschene Liebe hitzig wiederaufflammen läßt und im Tod des wißbegierigen Ehemannes gipfelt. Deutlich angelehnt an James L. Cains Thriller »The Postman Always Rings Twice«, dessen Erzählkern er variiert, indem er gutbürgerliche Kreise zum Schauplatz der Handlung macht, erzählt Antonioni in langen, sorgfältig arrangierten Einstellungen von den Schatten der Vergangenheit und einem Dreieck der Leidenschaft, von Eifersucht und Argwohn, Überdruß und Verachtung, spricht aber auch (und vor allem) von moralischer und emotionaler Indifferenz der Nachkriegszeit, von Eigensucht und Desillusion des beginnenden italienischen Wirtschaftswunders, zieht Parallelen zwischen winterlichen Straßen und verlassenen Plätze, die den inneren Zustand der Protagonisten spiegeln, und der leeren Welt der »weißen Telefone«, ihren teuren Roben, schnellen Autos, luxuriösen Wohnungen, portraitiert mit Lucia Bosè und Massimo Girotti (der eine vergleichbare Rolle zuvor in Luchino Viscontis Cain-Adaption »Ossessione« spielte) schon in seinem ersten Spielfilm ein Paar, das der Krankheit der Gefühle erliegt.
R Michelangelo Antonioni B Michelangelo Antonioni, Daniele D’Anza, Silvio Giovaninetti, Francesco Maselli, Piero Tellini K Enzo Serafin M Giovanni Fusco A Piero Filippone S Eraldo Da Roma P Franco Villani D Lucia Bosè, Massimo Girotti, Ferdinando Sarmi, Gino Rossi, Marika Rowsky | I | 98 min | 1:1,37 | sw | 18. September 1950
# 1157 | 19. April 2019
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Mailand,
Melodram,
Wirtschaftswunder
9.1.21
La mala ordina (Fernando Di Leo, 1972)
Der Mafiaboß – Sie töten wie Schakale
Einem New Yorker Drogengroßhändler kommt in Mailand eine Heroinlieferung abhanden. Der Geprellte schickt ein schwarzweißes Killerduo – Woody Strout (wortkarg) und Henry Silva (flamboyant) – über den Atlantik, um den mutmaßlichen Beutegreifer auf möglichst abschreckende Weise zu exekutieren. Besagter Luca Canali (Mario Adorf als Zuhälter mit Herz) erweist sich schnell als vom örtlichen Mafiapaten (fühllos: Adolfo Celi) zum Abschuß freigegebener Sündenbock. Vom Syndikat gejagt, entwickelt der ansonsten recht verträgliche Strizzi überraschende Widerstandskräfte und reift nach der Ermordung von Frau und Tochter zum unaufhaltbaren Rächer. Fernando Di Leo inszeniert einen energiegeladenen Reißer mit einigen virtuosen Actionsequenzen (unter anderem eine ziemlich unglaubliche Verfolgungsjagd kreuz und quer durch die Stadt) und farbenfrohen Seitenblicken auf die psychedelische Spaßgesellschaft der frühen 1970er Jahre, eine knallige Etüde über den Einzelnen und die (schlechte) Gesellschaft, vor allem aber das eindrückliche Porträt eines Mannes, der nach dem Verlust des Liebsten keine Angst mehr kennt. In einer verrohten (Unter-)Welt, die Fragen der Ehre allemal den Gesetzen der Gier nachordnet, findet der Showdown geradezu zwangsläufig auf dem Schrottplatz statt.
R Fernando Di Leo B Fernando Di Leo, Augusto Finocchi, Ingo Hermes V Giorgio Scerbanenco K Franco Villa M Armando Trovajoli A Francesco Cuppini Ko Francesco Cuppini S Amedeo Giomini P Armando Novelli D Mario Adorf, Henry Silva, Woody Strout, Adolfo Celi, Luciana Paluzzi, Syliva Koscina | I & BRD | 95 min | 1:1,85 | f | 2. September 1972
# 1203 | 19. September 2020
Einem New Yorker Drogengroßhändler kommt in Mailand eine Heroinlieferung abhanden. Der Geprellte schickt ein schwarzweißes Killerduo – Woody Strout (wortkarg) und Henry Silva (flamboyant) – über den Atlantik, um den mutmaßlichen Beutegreifer auf möglichst abschreckende Weise zu exekutieren. Besagter Luca Canali (Mario Adorf als Zuhälter mit Herz) erweist sich schnell als vom örtlichen Mafiapaten (fühllos: Adolfo Celi) zum Abschuß freigegebener Sündenbock. Vom Syndikat gejagt, entwickelt der ansonsten recht verträgliche Strizzi überraschende Widerstandskräfte und reift nach der Ermordung von Frau und Tochter zum unaufhaltbaren Rächer. Fernando Di Leo inszeniert einen energiegeladenen Reißer mit einigen virtuosen Actionsequenzen (unter anderem eine ziemlich unglaubliche Verfolgungsjagd kreuz und quer durch die Stadt) und farbenfrohen Seitenblicken auf die psychedelische Spaßgesellschaft der frühen 1970er Jahre, eine knallige Etüde über den Einzelnen und die (schlechte) Gesellschaft, vor allem aber das eindrückliche Porträt eines Mannes, der nach dem Verlust des Liebsten keine Angst mehr kennt. In einer verrohten (Unter-)Welt, die Fragen der Ehre allemal den Gesetzen der Gier nachordnet, findet der Showdown geradezu zwangsläufig auf dem Schrottplatz statt.
R Fernando Di Leo B Fernando Di Leo, Augusto Finocchi, Ingo Hermes V Giorgio Scerbanenco K Franco Villa M Armando Trovajoli A Francesco Cuppini Ko Francesco Cuppini S Amedeo Giomini P Armando Novelli D Mario Adorf, Henry Silva, Woody Strout, Adolfo Celi, Luciana Paluzzi, Syliva Koscina | I & BRD | 95 min | 1:1,85 | f | 2. September 1972
# 1203 | 19. September 2020
Milano Calibro 9 (Fernando Di Leo, 1972)
Milano Kaliber 9
Das fulminante Preludium des Films (getragen von einem feierlich-aggressiven Score des Komponisten Luis Enríquez Bacalov und der Prog-Rock-Formation Osanna) verfolgt den Weg eines mit 300.000 Dollar gefüllten Päckchens durch das novembertriste Mailand. Mehrere Kuriere lassen die Sendung ober- und unterirdisch von Hand zu Hand gehen: ein dicklicher Fliegenträger, ein Verkäufer von Taubenfutter, eine modische Blondine, ein intellektuell wirkender Vollbart. Bei Ablieferung hat sich die Valuta in Papierschnipsel verwandelt, die Empfänger sind wütend, die Boten müssen sterben. (Natürlich werden die Mittelsleute nicht einfach irgendwie abgemurkst, man bringt sie, nach übelster Mißhandlung, mit Dynamit zur Explosion.) Drei Jahre später kommt ein gewisser Ugo Piazza (stoisch: Gastone Moschin) aus dem Gefängnis frei. Seinerzeit wegen eines mißglückten Einbruchs verurteilt, wird er sowohl von seinen ehemaligen Spießgesellen in der Organisation des »Amerikaners« (Lionel Stander als international tätiger Geldwäscher) wie auch von der Ermittlungsbehörde und seiner Geliebten Nelly (fatal à go-go: Barbara Bouchet) dringend verdächtigt, sich die Dollars damals unter den Nagel gerissen zu haben – insbesondere der äußerst reizbare Rocco Musco (Mario Adorf in einer mitreißenden Borderline-Performance) zweifelt an den Unschuldsbeteuerungen seines früheren Kumpans. Fernando Di Leos schnörkellose Gangsterballade (nach Motiven des Kriminalromanciers Giorgio Scerba¬nenco), eine pulpig-coole Fantasie über Berechnung und Irrtum, Argwohn und Solidarität, Vertrauen und Verrat, treibt die rivalisierenden Waffenbrüder umbarmherzig der bitteren Endabrechnung entgegen, während bei der Polizei ein konservativ gestimmter und ein fortschrittlich denkender Kommissar darüber streiten, ob das Verbrechen als Ursache oder als Auswirkung gesellschaftlicher Übelstände zu gelten hat.
R Fernando Di Leo B Fernando Di Leo V Giorgio Scerbanenco K Franco Villa M Luis Enríquez Bacalov, Osanna A Francesco Cuppini Ko Francesco Cuppini S Amedeo Giomini P Armando Novelli D Gastone Moschon, Mario Adorf, Barbara Bouchet, Frank Wolff, Philippe Leroy, Lionel Stander | I | 100 min | 1:1,85 | f | 23. Februar 1972
# 1202 | 19. September 2020
Das fulminante Preludium des Films (getragen von einem feierlich-aggressiven Score des Komponisten Luis Enríquez Bacalov und der Prog-Rock-Formation Osanna) verfolgt den Weg eines mit 300.000 Dollar gefüllten Päckchens durch das novembertriste Mailand. Mehrere Kuriere lassen die Sendung ober- und unterirdisch von Hand zu Hand gehen: ein dicklicher Fliegenträger, ein Verkäufer von Taubenfutter, eine modische Blondine, ein intellektuell wirkender Vollbart. Bei Ablieferung hat sich die Valuta in Papierschnipsel verwandelt, die Empfänger sind wütend, die Boten müssen sterben. (Natürlich werden die Mittelsleute nicht einfach irgendwie abgemurkst, man bringt sie, nach übelster Mißhandlung, mit Dynamit zur Explosion.) Drei Jahre später kommt ein gewisser Ugo Piazza (stoisch: Gastone Moschin) aus dem Gefängnis frei. Seinerzeit wegen eines mißglückten Einbruchs verurteilt, wird er sowohl von seinen ehemaligen Spießgesellen in der Organisation des »Amerikaners« (Lionel Stander als international tätiger Geldwäscher) wie auch von der Ermittlungsbehörde und seiner Geliebten Nelly (fatal à go-go: Barbara Bouchet) dringend verdächtigt, sich die Dollars damals unter den Nagel gerissen zu haben – insbesondere der äußerst reizbare Rocco Musco (Mario Adorf in einer mitreißenden Borderline-Performance) zweifelt an den Unschuldsbeteuerungen seines früheren Kumpans. Fernando Di Leos schnörkellose Gangsterballade (nach Motiven des Kriminalromanciers Giorgio Scerba¬nenco), eine pulpig-coole Fantasie über Berechnung und Irrtum, Argwohn und Solidarität, Vertrauen und Verrat, treibt die rivalisierenden Waffenbrüder umbarmherzig der bitteren Endabrechnung entgegen, während bei der Polizei ein konservativ gestimmter und ein fortschrittlich denkender Kommissar darüber streiten, ob das Verbrechen als Ursache oder als Auswirkung gesellschaftlicher Übelstände zu gelten hat.
R Fernando Di Leo B Fernando Di Leo V Giorgio Scerbanenco K Franco Villa M Luis Enríquez Bacalov, Osanna A Francesco Cuppini Ko Francesco Cuppini S Amedeo Giomini P Armando Novelli D Gastone Moschon, Mario Adorf, Barbara Bouchet, Frank Wolff, Philippe Leroy, Lionel Stander | I | 100 min | 1:1,85 | f | 23. Februar 1972
# 1202 | 19. September 2020
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