Julia und die Geister
»Wo keine Götter sind, walten Gespenster.« (Novalis) … Giulietta (Masina), eine leicht verspannte Frau von 40 Jahren, stürzt über die sträfliche Vernachlässigung durch ihren flotten Ehemann Giorgio (Mario Pisu) und wegen der parfümierten Verachtung, die ihre mondäne Mutter (Caterina Boratto) für sie hegt, in eine (filmisch höchst attraktive) Sinn- und Lebenskrise. Die tiefe Verunsicherung der großbürgerlichen Gattin äußert sich als Flucht in modischen Spiritismus und in Form zahlreicher Spukgestalten (unter ihnen die hexenhafte Ausdruckstänzerin Valeska Gert) – personifizierte Wunschvorstellungen oder lebendig gewordene Angstbilder, Inkarnationen von Schuldgefühlen oder Dämonen der Vergangenheit –, allesamt Erscheinungen, die aus der Tiefe von Giuliettas Seele aufsteigen und sich mit guten (oder weniger guten) Ratschlägen in ihre Probleme mischen. Die Heldin sucht die Leere ihrer Existenz mit überbordender Einbildungskraft zu füllen, doch erst als sie sich (buchstäblich) aus der Gefangenschaft ihrer (Plage-)Geister befreit, gelingt es ihr, die Fesseln der Fremdbestimmung (durch gesellschaftliche (und familiäre) Erwartungen sowie aufgezwungener Rollenmuster) zu sprengen. Federico Fellini arrangiert seine surreale Phantasie über die Emanzipation als farbenprächtig-symbolistischen Trip aus Sperrholz und Bri-Nylon (Bauten und Kostüme: Piero Gherardi), als (von Gianni di Venanzo) opulent fotografierten kinematographischen Augenschmaus.
R Federico Fellini B Federico Fellini, Ennio Flaiano, Tullio Pinelli, Brunello Rondi K Gianni Di Venanzo M Nino Rota A Piero Gherardi S Ruggero Mastroianni P Angelo Rizzoli D Giulietta Masina, Sandra Milo, Mario Pisu, Valentina Cortese, José Luis de Vilallonga | I & F | 137 min | 1:1,85 | f | 23. Oktober 1965
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23.10.65
3.8.65
Darling (John Schlesinger, 1965)
Darling
»I’m as happy as anyone could possibly be.« London, die Hauptstadt der swingenden Sechziger: Aufbruch, Hedonismus, Ungezwungenheit, das Leben als endlose Party. Eine old fashioned Metropole wird zum Epizenztrum der kapitalistischen Kulturrevolution – hier spielt John Schlesingers fellineskes Gesellschaftspanorama »Darling«: ein Röntgenbild der Oberflächlichkeit, ein leichtfüßig-frostiges Soziogramm, ein silbriges Glanzstück. Julie Christie ist Diana Scott. Sie ist jung und schön, sie wirkt natürlich und unkompliziert, sie weiß genau, was sie will, besser gesagt wohin: nach oben. Darling Diana ist ein Archetyp der Ära, »happiness girl« und »ideal woman«, Hure und Prinzessin. Männer pflastern ihren Weg: Dirk Bogarde, der Intellektuelle, Laurence Harvey, der Zyniker, José de Vilallonga, der Fürst. Darling benutzt und läßt sich benutzen. Am Ende ist sie da, wo sie immer sein wollte. Sie residiert in einem Schloß, sie sieht ihr Gesicht im Spiegel, und sie weiß: »Darling’s life is a great big steaming mess.«
R John Schlesinger B Frederic Raphael K Kenneth Higgins M John Dankworth A Ray Simm S Jim Clark P Joseph Janni D Julie Christie, Dirk Bogarde, Laurence Harvey, José Luis de Vilallonga, Roland Curram | UK | 128 min | 1:1,66 | sw | 3. August 1965
»I’m as happy as anyone could possibly be.« London, die Hauptstadt der swingenden Sechziger: Aufbruch, Hedonismus, Ungezwungenheit, das Leben als endlose Party. Eine old fashioned Metropole wird zum Epizenztrum der kapitalistischen Kulturrevolution – hier spielt John Schlesingers fellineskes Gesellschaftspanorama »Darling«: ein Röntgenbild der Oberflächlichkeit, ein leichtfüßig-frostiges Soziogramm, ein silbriges Glanzstück. Julie Christie ist Diana Scott. Sie ist jung und schön, sie wirkt natürlich und unkompliziert, sie weiß genau, was sie will, besser gesagt wohin: nach oben. Darling Diana ist ein Archetyp der Ära, »happiness girl« und »ideal woman«, Hure und Prinzessin. Männer pflastern ihren Weg: Dirk Bogarde, der Intellektuelle, Laurence Harvey, der Zyniker, José de Vilallonga, der Fürst. Darling benutzt und läßt sich benutzen. Am Ende ist sie da, wo sie immer sein wollte. Sie residiert in einem Schloß, sie sieht ihr Gesicht im Spiegel, und sie weiß: »Darling’s life is a great big steaming mess.«
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19.3.63
Mélodie en sous-sol (Henri Verneuil, 1963)
Lautlos wie die Nacht
Analog zum Spätwestern gibt es so etwas wie den Spät-Gangsterfilm – »Held« des melancholischen Subgenres ist der alternde, mehr oder weniger blessierte Ganove, der es noch einmal wissen will, obwohl er es besser wissen müßte. Auch Monsieur Charles (Jean Gabin), um die 60 und gerade aus dem Knast in eine freudlose Vorstadtwirklichkeit entlassen, träumt den Traum vom letzten großen Coup, dessen Gelingen einen Lebensabend in luxuriöser Abgeschiedenheit sichern soll. Weil er es nicht allein riskieren will (und kann), das Casino an der Côte d’Azur um die fetten Gewinne zu erleichtern, sucht er einen Partner und findet ihn in Francis Verlot (Alain Delon), einem jungen Heißsporn, den sich der alte Profi freilich erst zurechtbiegen muß ... Henri Verneuil betrachtet die kriminelle Geschäftigkeit seiner Figuren zugleich mit ironischer Distanz und diskreter Sympathie; die sachlich-poetische Schwarzweiß-Kamera (Louis Page), der symphonisch-jazzige Score (Michel Magne), insbesondere aber die Lakonie, die Gabin auch dann noch an den Tag legt, wenn Monsieur Charles seine Hoffnungen zu dummer Letzt davonschwimmen sieht, machen den cool-melancholischen Reiz dieses eleganten film de casse aus.
R Henri Verneuil B Michel Audiard, Albert Simonin, Henri Verneuil V John Trinian K Louis Page M Michel Magne A Robert Clavel S Françoise Bonnot P Jacques Bar D Jean Gabin, Alain Delon, Maurice Biraud, Viviane Romance, Carla Marlier, José Luis de Vilallonga | F & I | 118 min | 1:2,35 | sw | 19. März 1963
# 1057 | 21. Juni 2017
Analog zum Spätwestern gibt es so etwas wie den Spät-Gangsterfilm – »Held« des melancholischen Subgenres ist der alternde, mehr oder weniger blessierte Ganove, der es noch einmal wissen will, obwohl er es besser wissen müßte. Auch Monsieur Charles (Jean Gabin), um die 60 und gerade aus dem Knast in eine freudlose Vorstadtwirklichkeit entlassen, träumt den Traum vom letzten großen Coup, dessen Gelingen einen Lebensabend in luxuriöser Abgeschiedenheit sichern soll. Weil er es nicht allein riskieren will (und kann), das Casino an der Côte d’Azur um die fetten Gewinne zu erleichtern, sucht er einen Partner und findet ihn in Francis Verlot (Alain Delon), einem jungen Heißsporn, den sich der alte Profi freilich erst zurechtbiegen muß ... Henri Verneuil betrachtet die kriminelle Geschäftigkeit seiner Figuren zugleich mit ironischer Distanz und diskreter Sympathie; die sachlich-poetische Schwarzweiß-Kamera (Louis Page), der symphonisch-jazzige Score (Michel Magne), insbesondere aber die Lakonie, die Gabin auch dann noch an den Tag legt, wenn Monsieur Charles seine Hoffnungen zu dummer Letzt davonschwimmen sieht, machen den cool-melancholischen Reiz dieses eleganten film de casse aus.
R Henri Verneuil B Michel Audiard, Albert Simonin, Henri Verneuil V John Trinian K Louis Page M Michel Magne A Robert Clavel S Françoise Bonnot P Jacques Bar D Jean Gabin, Alain Delon, Maurice Biraud, Viviane Romance, Carla Marlier, José Luis de Vilallonga | F & I | 118 min | 1:2,35 | sw | 19. März 1963
# 1057 | 21. Juni 2017
5.10.61
Breakfast at Tiffany's (Blake Edwards, 1961)
Frühstück bei Tiffany
»Two drifters off to see the world …« »Breakfast at Tiffany’s« mag eine mißglückte Literaturadaption sein (Blake Edwards und George Axelrod verschieben Truman Capotes schwebend-nostalgischen Kurzroman in eine faktisch-präzise Gegenwart, ersetzen sehnsüchtig-mokantes Erinnern durch smart-distanzierte Beobachtung) – und ist dennoch ein außerordentlicher Film, eine geschliffen-funkelnde, jazzig-vibrierende Darstellung des Lebens im real-existierenden Kapitalismus. Es geht, seien wir ehrlich, um Prostitution (wenn auch auf hohem Niveau), um eine in Givenchy-Roben gehüllte Nutte (»Any gentleman with the slightest chic will give a girl a fifty-dollar bill for the powder room.«) und um einen literarischen Stricher (»I'm a writer, W-R-I-T-E-R.«), beide radical chic und very sophisticated, modische Maskenträger und attraktive Identitätsflüchtlinge in einer (falsch-)goldenen Welt der dream maker und heart breaker, (Möchtegern-)Freigeister auf der Suche nach sich selbst – und einem anderen, zu dem sie (vielleicht) gehören. Audrey Hepburn, in der Rolle der Holly Golightly ideal fehlbesetzt, und George Peppard als Paul (»Fred-baby«) V-A-R-J-A-K finden (anders als bei Capote) in einem komplizierten Prozeß der Emanzipation auf den umwegigen, verregneten Nebenstraßen des Lebens heraus aus der aufgedrängten Pseudonymität, aus den selbstgebauten Käfigen, hin zum eigenen Ich, zum ersehnten Wir – und schließlich zu einer (bald wohl nicht mehr namenlosen) Katze. Ihre abgrundtief-oberflächliche love story kommt als scharfzüngig-traurige Sittenkomödie daher, urban und sentimental, trist und exzentrisch – ein perfektes Werk voller Brüche. D-E-R Großstadtfilm. D-I-E »moderne« Romanze. D-A-S (zumindest: E-I-N) Glanzstück des Post-War- und Pre-New-Hollywood: »People do belong to each other, because that's the only chance anybody's got for real happiness.«
R Blake Edwards B George Axelrod V Truman Capote K Franz Planer M Henry Mancini A Roland Anderson, Hal Pereira S Howard A. Smith P Martin Jurow, Richard Shepherd D Audrey Hepburn, George Peppard, Patricia Neal, Martin Balsam, José Luis de Vilallonga | USA | 115 min | 1:1,85 | f | 5. Oktober 1961
»Two drifters off to see the world …« »Breakfast at Tiffany’s« mag eine mißglückte Literaturadaption sein (Blake Edwards und George Axelrod verschieben Truman Capotes schwebend-nostalgischen Kurzroman in eine faktisch-präzise Gegenwart, ersetzen sehnsüchtig-mokantes Erinnern durch smart-distanzierte Beobachtung) – und ist dennoch ein außerordentlicher Film, eine geschliffen-funkelnde, jazzig-vibrierende Darstellung des Lebens im real-existierenden Kapitalismus. Es geht, seien wir ehrlich, um Prostitution (wenn auch auf hohem Niveau), um eine in Givenchy-Roben gehüllte Nutte (»Any gentleman with the slightest chic will give a girl a fifty-dollar bill for the powder room.«) und um einen literarischen Stricher (»I'm a writer, W-R-I-T-E-R.«), beide radical chic und very sophisticated, modische Maskenträger und attraktive Identitätsflüchtlinge in einer (falsch-)goldenen Welt der dream maker und heart breaker, (Möchtegern-)Freigeister auf der Suche nach sich selbst – und einem anderen, zu dem sie (vielleicht) gehören. Audrey Hepburn, in der Rolle der Holly Golightly ideal fehlbesetzt, und George Peppard als Paul (»Fred-baby«) V-A-R-J-A-K finden (anders als bei Capote) in einem komplizierten Prozeß der Emanzipation auf den umwegigen, verregneten Nebenstraßen des Lebens heraus aus der aufgedrängten Pseudonymität, aus den selbstgebauten Käfigen, hin zum eigenen Ich, zum ersehnten Wir – und schließlich zu einer (bald wohl nicht mehr namenlosen) Katze. Ihre abgrundtief-oberflächliche love story kommt als scharfzüngig-traurige Sittenkomödie daher, urban und sentimental, trist und exzentrisch – ein perfektes Werk voller Brüche. D-E-R Großstadtfilm. D-I-E »moderne« Romanze. D-A-S (zumindest: E-I-N) Glanzstück des Post-War- und Pre-New-Hollywood: »People do belong to each other, because that's the only chance anybody's got for real happiness.«
R Blake Edwards B George Axelrod V Truman Capote K Franz Planer M Henry Mancini A Roland Anderson, Hal Pereira S Howard A. Smith P Martin Jurow, Richard Shepherd D Audrey Hepburn, George Peppard, Patricia Neal, Martin Balsam, José Luis de Vilallonga | USA | 115 min | 1:1,85 | f | 5. Oktober 1961
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Edwards,
Gesellschaft,
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Peppard,
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Vilallonga
6.9.58
Les amants (Louis Malle, 1958)
Die Liebenden
»On ne resiste pas au bonheur.« Jeanne Tournier (Jeanne Moreau) lebt als Gattin eines unnahbaren Verlegers und Mutter einer kleinen Tochter in Wohlstand und Langweile. Regelmäßige kleine Fluchten führen sie aus dem verschlafenen Dijon nach Paris, wo sie sich mit einer Freundin in die Vergnügungen der besseren Kreise stürzt und von einem eleganten Polospieler umschwärmen läßt. Die Leere dieses Lebens zwischen Gefühlskälte und Oberflächlichkeit wird ihr schlagartig bewußt durch die zufällige Begegnung mit dem ungezwungenen Studenten Bernard, der die Spielregeln des bürgerlichen Lebens grundlegend in Frage stellt. Louis Malle setzt die plötzliche Leidenschaft seiner Titelhelden (»L’amour peut naître d’un regard.«) in romantisch-weihevollen (fast lächerlich-preziösen) Nachtbildern in Szene und schickt die beiden am Morgen danach – nicht in Jeannes schnittigem Peugeot 203 Cabriolet, sondern in Bernards bravem 2CV – umstandslos auf die gemeinsame Reise ins Land der großen Gefühle. Ob ein glückliches Entkommen aus der guten Gesellschaft (und alten Gewohnheiten) tatsächlich möglich ist, läßt der Film offen, einen Versuch, legt Malle nahe, ist der Neustart aber allemal wert.
R Louis Malle B Louis Malle, Louise de Vilmorin V Dominique Vivant K Henri Decaë M Johannes Brahms A Bernard Evein Ko Renée Pellmoine S Leonide Azar P Jean Thuillier D Jeanne Moreau, Jean-Marc Bory, Alain Cuny, José Luis de Vilalonga, Gaston Modot | F | 90 min | 1:2,35 | sw | 6. September 1958
# 1193 | 7. Juni 2020
»On ne resiste pas au bonheur.« Jeanne Tournier (Jeanne Moreau) lebt als Gattin eines unnahbaren Verlegers und Mutter einer kleinen Tochter in Wohlstand und Langweile. Regelmäßige kleine Fluchten führen sie aus dem verschlafenen Dijon nach Paris, wo sie sich mit einer Freundin in die Vergnügungen der besseren Kreise stürzt und von einem eleganten Polospieler umschwärmen läßt. Die Leere dieses Lebens zwischen Gefühlskälte und Oberflächlichkeit wird ihr schlagartig bewußt durch die zufällige Begegnung mit dem ungezwungenen Studenten Bernard, der die Spielregeln des bürgerlichen Lebens grundlegend in Frage stellt. Louis Malle setzt die plötzliche Leidenschaft seiner Titelhelden (»L’amour peut naître d’un regard.«) in romantisch-weihevollen (fast lächerlich-preziösen) Nachtbildern in Szene und schickt die beiden am Morgen danach – nicht in Jeannes schnittigem Peugeot 203 Cabriolet, sondern in Bernards bravem 2CV – umstandslos auf die gemeinsame Reise ins Land der großen Gefühle. Ob ein glückliches Entkommen aus der guten Gesellschaft (und alten Gewohnheiten) tatsächlich möglich ist, läßt der Film offen, einen Versuch, legt Malle nahe, ist der Neustart aber allemal wert.
R Louis Malle B Louis Malle, Louise de Vilmorin V Dominique Vivant K Henri Decaë M Johannes Brahms A Bernard Evein Ko Renée Pellmoine S Leonide Azar P Jean Thuillier D Jeanne Moreau, Jean-Marc Bory, Alain Cuny, José Luis de Vilalonga, Gaston Modot | F | 90 min | 1:2,35 | sw | 6. September 1958
# 1193 | 7. Juni 2020
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Ehe,
Ehebruch,
Gesellschaft,
Kleinstadt,
Malle,
Moreau,
Paris,
Romanze,
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