Blutspur
Nach dem Mord an ihrem Vater sieht sich die Erbin eines Schweizer Pharmakonzerns tödlichen Nachstellungen aus der geldgeilen Verwandtschaft ausgesetzt; alle sind verdächtig, denn jeder hat triftigen Grund, das traditionsreiche Familienunternehmen an der Börse in Cash zu verwandeln … Die Panik in den Augen von Audrey Hepburn ist vermutlich nicht der Höllenangst der von ihr gespielten Elizabeth Roffe geschuldet sondern dem blanken Entsetzen über das hirnverbrannte Unterfangen, auf das sie sich eingelassen hat, als sie die (Haupt-)Rolle in diesem Film annahm. »Bloodline«, eine konfuse amerikanisch-bundesdeutsche Coproduktion mit apathischem All-Star-Cast, geht bei aller handwerklichen Stümperhaftigkeit und erzählerischen Idiotie leider nicht als guilty pleasure durch: Auch wenn Gert Fröbe als Kommissar neckische Zwiesprache mit einem Ermittlungscomputer hält oder, in einer völlig unerklärlichen Parallelhandlung, ein Frauenkiller seine Taten snuff-cinéastisch auswertet, versandet in diesem Fall das heimliche Vergnügen, das manch andere filmische Entartung mit sich bringt, in hochgestochener Langeweile und in der Erschütterung, Profis wie Terence Young, Ennio Morricone, Freddie Young und Schauspiellegenden wie Romy Schneider, James Mason, Maurice Ronet so tief sinken zu sehen.
R Terence Young B Laird Koenig V Sidney Sheldon K Freddie Young M Ennio Morricone A Ted Haworth S Bud Molin P Sidney Beckermann, David V. Picker D Audrey Hepburn, Ben Gazarra, James Mason, Omar Sharif, Gert Fröbe | USA & BRD | 116 min | 1:1,66 | f | 29. Juni 1979
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29.6.79
19.10.75
Inside Out (Peter Duffell, 1975)
Ein genialer Bluff
Es war einmal im Zweiten Weltkrieg, da hat ein ranghoher Nazi Gold versteckt, viel Gold, sehr viel Gold, und zwar im Bunker seines Landhauses, irgendwo nördlich von Berlin. 30 Jahre später gehen ein in London residierender Ex-US-Major (glücksritterlich: Telly Savalas), ein Ex-Juwelendieb (berufsjugendlich: Robert Culp), ein Ex-Wehrmachtsoffizier (verkniffen: James Mason) und ein Ex-Landser (verschreckt: Günter Meisner) daran, den Schatz nach allen Regeln der Heist-Kunst zu bergen. Peter Duffell hält sich nicht länger als unbedingt nötig mit historischen, narrativen oder technischen Wahrscheinlichkeiten auf, macht großzügig Gebrauch von glücklichen Zufällen, billiger Trickserei und surrealer Erfindungsgabe – grandiose Klimax: Reinhardt Holtz (Wolfgang Lukschy als Rudolf-Heß-Korrelat) wird für ein paar Stunden aus dem Spandauer Kriegsverbrechergefängnis (»Siegfried prison«!) entführt, um vollgedrogt in nächtlicher Hakenkreuzkulisse mit einem bellenden Hitler-Wiedergänger konfrontiert zu werden, der ihm, dem verschwitzt dienstfertigen Ex-Bonzen, das güldene Geheimnis entlockt –, damit seine schrägen Helden den ehrgeizigen Plan (diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs) erfolgreich über die Bühne bringen können; so gelingt dem furchtlosen Regisseur, trotz haarsträubender Abschreibungsästhetik und unpassend dudeliger Musikuntermalung, eine Räuberpistole von souveräner Abstrusität
R Peter Duffell B Judd Bernard K John Coquillon M Konrad Elfers A Peter Lamont S Thom Noble P Judd Bernard D Telly Savalas, James Mason, Robert Culp, Günter Meisner, Aldo Ray, Adrian Hoven | UK & BRD & USA | 97 min | 1:1,85 | f | 19. Oktober 1975
# 1079 | 11. Oktober 2017
Es war einmal im Zweiten Weltkrieg, da hat ein ranghoher Nazi Gold versteckt, viel Gold, sehr viel Gold, und zwar im Bunker seines Landhauses, irgendwo nördlich von Berlin. 30 Jahre später gehen ein in London residierender Ex-US-Major (glücksritterlich: Telly Savalas), ein Ex-Juwelendieb (berufsjugendlich: Robert Culp), ein Ex-Wehrmachtsoffizier (verkniffen: James Mason) und ein Ex-Landser (verschreckt: Günter Meisner) daran, den Schatz nach allen Regeln der Heist-Kunst zu bergen. Peter Duffell hält sich nicht länger als unbedingt nötig mit historischen, narrativen oder technischen Wahrscheinlichkeiten auf, macht großzügig Gebrauch von glücklichen Zufällen, billiger Trickserei und surrealer Erfindungsgabe – grandiose Klimax: Reinhardt Holtz (Wolfgang Lukschy als Rudolf-Heß-Korrelat) wird für ein paar Stunden aus dem Spandauer Kriegsverbrechergefängnis (»Siegfried prison«!) entführt, um vollgedrogt in nächtlicher Hakenkreuzkulisse mit einem bellenden Hitler-Wiedergänger konfrontiert zu werden, der ihm, dem verschwitzt dienstfertigen Ex-Bonzen, das güldene Geheimnis entlockt –, damit seine schrägen Helden den ehrgeizigen Plan (diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs) erfolgreich über die Bühne bringen können; so gelingt dem furchtlosen Regisseur, trotz haarsträubender Abschreibungsästhetik und unpassend dudeliger Musikuntermalung, eine Räuberpistole von souveräner Abstrusität
R Peter Duffell B Judd Bernard K John Coquillon M Konrad Elfers A Peter Lamont S Thom Noble P Judd Bernard D Telly Savalas, James Mason, Robert Culp, Günter Meisner, Aldo Ray, Adrian Hoven | UK & BRD & USA | 97 min | 1:1,85 | f | 19. Oktober 1975
# 1079 | 11. Oktober 2017
14.6.73
The Last of Sheila (Herbert Ross, 1973)
Sheila
»There are gigantic themes here, worthy of Dostoyevsky. There’s innocence, guilt, hatred, loyalty.« Es beginnt mit einer Leiche am Straßenrand in Bel-Air, später fällt eine Leiche aus einem südfranzösischen Beichtstuhl, noch später liegt eine Leiche in der Badewanne an Bord einer Luxusyacht. Zwischen den Todesfällen wird gespielt – und wie! Kino als Kreuzworträtsel, als Charade, als kriminalistisches Puzzle. Als master of ceremonies figuriert ein Hollywood-Produzent (mit gebleckten Zähnen: James Coburn), der sechs Showbiz-»Freunde« zu einer Mittelmehrkreuzfahrt einlädt, um mit ihnen Katz und Maus zu spielen. Eine(r) von ihnen hat seine Frau Sheila (die erste Leiche) auf dem Gewissen (sofern Filmleute überhaupt eins haben) … Sechs Personen suchen (und finden) sich spielend selbst – Herbert Ross inszenierte diese hochintelligente und sehr witzige Studie über das Geheimnis (»That’s the thing about secrets. We all know stuff about each other. We just don’t know the same stuff.«) und die Abgründe des homo ludens mit viel Geschmack und Sinn für Details nach einem Drehbuch voller raffinierter hints and clues von Stephen »Isn’t it rich? Isn’t it queer?« Sondheim und Anthony »Mother! Oh God, mother! Blood! Blood!« Perkins – leider wird das erste Zusammenspiel der Gelegenheitsfilmautoren auch ihr letztes bleiben.
R Herbert Ross B Stephen Sondheim, Anthony Perkins K Gerry Turpin M Billy Goldenberg A Ken Adam S Edward Warschilka P Herbert Ross D Richard Benjamin, Dyan Cannon, James Coburn, Joan Hackett, James Mason | USA | 120 min | 1:1,85 | f | 14. Juni 1973
»There are gigantic themes here, worthy of Dostoyevsky. There’s innocence, guilt, hatred, loyalty.« Es beginnt mit einer Leiche am Straßenrand in Bel-Air, später fällt eine Leiche aus einem südfranzösischen Beichtstuhl, noch später liegt eine Leiche in der Badewanne an Bord einer Luxusyacht. Zwischen den Todesfällen wird gespielt – und wie! Kino als Kreuzworträtsel, als Charade, als kriminalistisches Puzzle. Als master of ceremonies figuriert ein Hollywood-Produzent (mit gebleckten Zähnen: James Coburn), der sechs Showbiz-»Freunde« zu einer Mittelmehrkreuzfahrt einlädt, um mit ihnen Katz und Maus zu spielen. Eine(r) von ihnen hat seine Frau Sheila (die erste Leiche) auf dem Gewissen (sofern Filmleute überhaupt eins haben) … Sechs Personen suchen (und finden) sich spielend selbst – Herbert Ross inszenierte diese hochintelligente und sehr witzige Studie über das Geheimnis (»That’s the thing about secrets. We all know stuff about each other. We just don’t know the same stuff.«) und die Abgründe des homo ludens mit viel Geschmack und Sinn für Details nach einem Drehbuch voller raffinierter hints and clues von Stephen »Isn’t it rich? Isn’t it queer?« Sondheim und Anthony »Mother! Oh God, mother! Blood! Blood!« Perkins – leider wird das erste Zusammenspiel der Gelegenheitsfilmautoren auch ihr letztes bleiben.
R Herbert Ross B Stephen Sondheim, Anthony Perkins K Gerry Turpin M Billy Goldenberg A Ken Adam S Edward Warschilka P Herbert Ross D Richard Benjamin, Dyan Cannon, James Coburn, Joan Hackett, James Mason | USA | 120 min | 1:1,85 | f | 14. Juni 1973
1.10.66
The Deadly Affair (Sidney Lumet, 1966)
Anruf für einen Toten
Der Tod eines anonym des Geheimnisverrats bezichtigten Foreign-Office-Beamten setzt einen kleinen, schmuddligen Spionage-Thriller in Gang, der seine Spannung nicht durch komplizierte Verwicklungen oder raffinierte Plot-Twists entfaltet sondern durch genaue Beobachtung der handelnden (das heißt: der zum Handeln gezwungenen) Personen: James Mason als hitzig-melancholischer Secret-Service-Mann Dobbs, der den Zeiten der Eindeutigkeit nachtrauert, Harry Andrews als ausgebuffter Kommissar im Ruhestand, der einschläft, sobald er mit Hypothesen gelangweilt wird, Simone Signoret als rätselhafte Witwe, die ihre Vergangenheit wie ein Leichenhemd trägt, Maximilian Schell als gefährlicher Charmeur, Harriet Andersson als ausgenutzte Nymphomanin – Figuren eines Spiels, das weder Könige noch Damen kennt, nur Bauern, die auf die eine oder andere Weise zu Opfern der Umstände werden. Sidney Lumets neblig-trübe John-le-Carré-Adaption malt das bis zur Farblosigkeit entsättigte Bild eines unswinging London: Die Kamera (Freddie Young) zeigt trostlose Straßen, düstere Wohnungen, unbehauste Existenzen. »You have no place among real people«, muß sich Agentenjäger Dobbs einmal sagen lassen. »The Deadly Affair« läßt Zweifel daran aufkommen, daß es überhaupt noch »wirkliche Menschen« gibt.
R Sidney Lumet B Paul Dehn V John le Carré K Freddie Young M Quincy Jones A John Howell S Thelma Connell P Sidney Lumet D James Mason, Simone Signoret, Harry Andrews, Maximilian Schell, Harriet Andersson | UK | 115 min | 1:1,85 | f | 1. Oktober 1966
Der Tod eines anonym des Geheimnisverrats bezichtigten Foreign-Office-Beamten setzt einen kleinen, schmuddligen Spionage-Thriller in Gang, der seine Spannung nicht durch komplizierte Verwicklungen oder raffinierte Plot-Twists entfaltet sondern durch genaue Beobachtung der handelnden (das heißt: der zum Handeln gezwungenen) Personen: James Mason als hitzig-melancholischer Secret-Service-Mann Dobbs, der den Zeiten der Eindeutigkeit nachtrauert, Harry Andrews als ausgebuffter Kommissar im Ruhestand, der einschläft, sobald er mit Hypothesen gelangweilt wird, Simone Signoret als rätselhafte Witwe, die ihre Vergangenheit wie ein Leichenhemd trägt, Maximilian Schell als gefährlicher Charmeur, Harriet Andersson als ausgenutzte Nymphomanin – Figuren eines Spiels, das weder Könige noch Damen kennt, nur Bauern, die auf die eine oder andere Weise zu Opfern der Umstände werden. Sidney Lumets neblig-trübe John-le-Carré-Adaption malt das bis zur Farblosigkeit entsättigte Bild eines unswinging London: Die Kamera (Freddie Young) zeigt trostlose Straßen, düstere Wohnungen, unbehauste Existenzen. »You have no place among real people«, muß sich Agentenjäger Dobbs einmal sagen lassen. »The Deadly Affair« läßt Zweifel daran aufkommen, daß es überhaupt noch »wirkliche Menschen« gibt.
R Sidney Lumet B Paul Dehn V John le Carré K Freddie Young M Quincy Jones A John Howell S Thelma Connell P Sidney Lumet D James Mason, Simone Signoret, Harry Andrews, Maximilian Schell, Harriet Andersson | UK | 115 min | 1:1,85 | f | 1. Oktober 1966
15.2.65
Lord Jim (Richard Brooks, 1965)
Lord Jim
»Maybe cowards and heroes are just ordinary men who, for a split second, do something out of the ordinary. That’s all.« Eher breites als großes Abenteuerkino nach Joseph Conrad, das vom offenen Meer in den realen und in den inneren Dschungel führt. Die Erzählung dreht sich um Versagen und Mut, um Ehre und Stolz, um die Hoffnung auf die zweite Chance. Peter O’Toole in der zwiespältigen Titelrolle des Seemannes, dem aufgrund einer Übersprungshandlung das Patent entzogen wird, vergißt auch in dramatischen Situationen nicht, Eyeliner aufzutragen, und bebt ansonsten allzu sichtbar vor moralischer Anspannung. Richard Brooks’ Regie ist stellenweise überraschend ungeschickt, während der wagnerianische Score von Bronislau Kaper mit seinem Schicksalsrauschen nicht nur die Protagonisten an ihre Grenzen treibt. Getragen wird »Lord Jim« allein von seinen prachtvollen Schurken: Eli Wallach als brutaler Ausbeuter, Curd Jürgens als versoffener Raffzahn, Akim Tamiroff als schwitzender Hehler des Todes, James Mason als bibelfester Auftragsmörder, der die Problematik der tragischen Hauptfigur wie folgt erklärt: »His Lordship has pretensions to heroism – a form of mental disease induced by vanity.«
R Richard Brooks B Richard Brooks V Joseph Conrad K Freddie Young M Bronislau Kaper A Geoffrey Drake S Alan Osbiston P Richard Brooks D Peter O’Toole, Eli Wallach, Curd Jürgens, Akim Tamiroff, James Mason | UK & USA | 154 min | 1:2,20 | f | 15. Februar 1965
»Maybe cowards and heroes are just ordinary men who, for a split second, do something out of the ordinary. That’s all.« Eher breites als großes Abenteuerkino nach Joseph Conrad, das vom offenen Meer in den realen und in den inneren Dschungel führt. Die Erzählung dreht sich um Versagen und Mut, um Ehre und Stolz, um die Hoffnung auf die zweite Chance. Peter O’Toole in der zwiespältigen Titelrolle des Seemannes, dem aufgrund einer Übersprungshandlung das Patent entzogen wird, vergißt auch in dramatischen Situationen nicht, Eyeliner aufzutragen, und bebt ansonsten allzu sichtbar vor moralischer Anspannung. Richard Brooks’ Regie ist stellenweise überraschend ungeschickt, während der wagnerianische Score von Bronislau Kaper mit seinem Schicksalsrauschen nicht nur die Protagonisten an ihre Grenzen treibt. Getragen wird »Lord Jim« allein von seinen prachtvollen Schurken: Eli Wallach als brutaler Ausbeuter, Curd Jürgens als versoffener Raffzahn, Akim Tamiroff als schwitzender Hehler des Todes, James Mason als bibelfester Auftragsmörder, der die Problematik der tragischen Hauptfigur wie folgt erklärt: »His Lordship has pretensions to heroism – a form of mental disease induced by vanity.«
R Richard Brooks B Richard Brooks V Joseph Conrad K Freddie Young M Bronislau Kaper A Geoffrey Drake S Alan Osbiston P Richard Brooks D Peter O’Toole, Eli Wallach, Curd Jürgens, Akim Tamiroff, James Mason | UK & USA | 154 min | 1:2,20 | f | 15. Februar 1965
Labels:
Abenteuer,
Drama,
Dschungel,
Jahrhundertwende,
Joseph Conrad,
Jürgens,
Mason,
Meer,
O'Toole,
Richard Brooks,
Seefahrt,
Südostasien,
Tamiroff,
Wallach
9.5.64
The Pumpkin Eater (Jack Clayton, 1964)
Schlafzimmerstreit
Szenen einer Ehe in den Zeiten des Überflusses ... »My life is an empty place.« Diejenige, die das sagt, hat acht (!) Kindern von drei Vätern: Jo Armitage (Anne Bancroft), verheiratet mit Jake (Peter Finch), einem erfolgreichen Drehbuchautor, der jedem Rock hinterherläuft. »The Pumpkin Eater« (der Titel zitiert einen alten englischen Kinderreim: »Peter, Peter, pumpkin eater / Had a wife and couldn't keep her. / He put her in a pumpkin shell / And there he kept her very well«) verfolgt – von Harold Pinter nicht linear nacherzählt, sondern in erhellenden Rück- und Vorausblenden seziert – den Weg eines wohlhabenden Londoner Paares vom ersten Kennenlernen, durch Höhen und Tiefen, bis zur großen Krise (Höhepunkt: Jos theatralischer Nervenzusammenbruch im Kaufhaus Harrods), in der sich (für beide Partner) die Frage von Gehen oder Bleiben stellt. Regisseur Jack Clayton – der zuvor, mit jeweils großer formaler Finesse, eine düstere Sozialstudie und einen schauerromantischen Horrorfilm drehte – inszeniert die Beziehungsgeschichte der krankhaft fruchtbaren Frau und des zwanghaft fremdgängerischen Mannes im Stile eines extravaganten Naturalismus von bisweilen halluzinatorischer Qualität. Die Thematisierung zwischenmenschlicher Entfremdung, die satirische Verzerrung gesellschaftlicher Verhältnisse verraten Einflüsse von Antonioni und Fellini; Oswald Morris’ scharfsichtige Schwarzweißbilder, Georges Delerues elegischer Score, vor allem aber die außerordentlichen Leistungen der Schauspielerinnen und Schauspieler verleihen dieser ebenso originellen wie strapaziösen filmischen Betrachtung von Liebe und Sex, Bindungswunsch und Fluchtreflex, Normen und Neurosen ihre ganz eigentümliche Faszinationskraft.
R Jack Clayton B Harold Pinter V Penelope Mortimer K Oswald Morris M Georges Delerue A Edward Marshall S Jim Clark P James Woolf D Anne Bancroft, Peter Finch, James Mason, Janine Gray, Maggie Smith, Cedric Hardwicke | UK | 110 min | 1:1,85 | sw | 9. Mai 1964
# 1047 | 16. Februar 2017
Szenen einer Ehe in den Zeiten des Überflusses ... »My life is an empty place.« Diejenige, die das sagt, hat acht (!) Kindern von drei Vätern: Jo Armitage (Anne Bancroft), verheiratet mit Jake (Peter Finch), einem erfolgreichen Drehbuchautor, der jedem Rock hinterherläuft. »The Pumpkin Eater« (der Titel zitiert einen alten englischen Kinderreim: »Peter, Peter, pumpkin eater / Had a wife and couldn't keep her. / He put her in a pumpkin shell / And there he kept her very well«) verfolgt – von Harold Pinter nicht linear nacherzählt, sondern in erhellenden Rück- und Vorausblenden seziert – den Weg eines wohlhabenden Londoner Paares vom ersten Kennenlernen, durch Höhen und Tiefen, bis zur großen Krise (Höhepunkt: Jos theatralischer Nervenzusammenbruch im Kaufhaus Harrods), in der sich (für beide Partner) die Frage von Gehen oder Bleiben stellt. Regisseur Jack Clayton – der zuvor, mit jeweils großer formaler Finesse, eine düstere Sozialstudie und einen schauerromantischen Horrorfilm drehte – inszeniert die Beziehungsgeschichte der krankhaft fruchtbaren Frau und des zwanghaft fremdgängerischen Mannes im Stile eines extravaganten Naturalismus von bisweilen halluzinatorischer Qualität. Die Thematisierung zwischenmenschlicher Entfremdung, die satirische Verzerrung gesellschaftlicher Verhältnisse verraten Einflüsse von Antonioni und Fellini; Oswald Morris’ scharfsichtige Schwarzweißbilder, Georges Delerues elegischer Score, vor allem aber die außerordentlichen Leistungen der Schauspielerinnen und Schauspieler verleihen dieser ebenso originellen wie strapaziösen filmischen Betrachtung von Liebe und Sex, Bindungswunsch und Fluchtreflex, Normen und Neurosen ihre ganz eigentümliche Faszinationskraft.
R Jack Clayton B Harold Pinter V Penelope Mortimer K Oswald Morris M Georges Delerue A Edward Marshall S Jim Clark P James Woolf D Anne Bancroft, Peter Finch, James Mason, Janine Gray, Maggie Smith, Cedric Hardwicke | UK | 110 min | 1:1,85 | sw | 9. Mai 1964
# 1047 | 16. Februar 2017
17.7.59
North by Northwest (Alfred Hitchcock, 1959)
Der unsichtbare Dritte
Jemand mußte Roger O. Thornhill verwechselt haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Tages verschleppt ... Nach der komplexen Gefühlsspirale von »Vertigo« folgt Alfred Hitchcock in »North by Northwest« einer einfachen linearen Bewegung von New York über Chicago nach Rapid City, South Dakota. Auf diesem pfeilgeraden Weg liegt allerdings – neben Mord, Betrug und Angst – das beklemmende Gefühl der Geworfenheit in eine unverständliche Welt, begleitet vom galoppierenden Ich-Zerfall des fassungslosen Helden (the ideal average man: Cary Grant). Mit alptraumhafter Klarheit und hochentwickeltem Sinn für das Absurde – besonders intensiv in einer knapp zehnminütigen, auf jede musikalische Untermalung verzichtenden Sequenz mitten im strahlend sonnigen Nirgendwo der Prärie – läßt Hitchcock die Geschichte eines Mannes ablaufen, der nicht nur in die Rolle eines anderen gedrängt wird, sondern (höhnische Quadratur des Identitätsverlustes!) in die Rolle eines anderen, den es gar nicht gibt. »All I want to do is write the Hitchcock picture to end all Hitchcock pictures«, bemerkte Drehbuchautor Ernest Lehman; Hitchcock jedoch wäre nicht Hitchcock, hätte er nicht zwischen »wit, glamor, sophistication and suspense« den Altar plaziert, auf dem er mit Inbrunst seiner Religion der Willkür huldigt – und auf diese Weise ein »real movie movie« erhöht zu einem fantastischerweise zugleich abstrakten und anschaulichen (und dabei noch romantischen) Thriller über Ausgeliefertsein und (Un-)Schuld, zu einer kulinarisch-kalkulierten Studie reiner Emotion und reiner Bewegung. PS: »You gentlemen aren't REALLY trying to kill my son, are you?«
R Alfred Hitchcock B Ernest Lehman K Robert Burks M Bernard Herrmann A William A. Horning, Merrill Pye Ko Harry Kress S George Tomasini P Alfred Hitchcock D Cary Grant, Eva Marie Saint, James Mason, Jessie Royce Landis, Leo G. Carroll | USA | 131 min | 1:1,85 | f | 17. Juli 1959
Jemand mußte Roger O. Thornhill verwechselt haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Tages verschleppt ... Nach der komplexen Gefühlsspirale von »Vertigo« folgt Alfred Hitchcock in »North by Northwest« einer einfachen linearen Bewegung von New York über Chicago nach Rapid City, South Dakota. Auf diesem pfeilgeraden Weg liegt allerdings – neben Mord, Betrug und Angst – das beklemmende Gefühl der Geworfenheit in eine unverständliche Welt, begleitet vom galoppierenden Ich-Zerfall des fassungslosen Helden (the ideal average man: Cary Grant). Mit alptraumhafter Klarheit und hochentwickeltem Sinn für das Absurde – besonders intensiv in einer knapp zehnminütigen, auf jede musikalische Untermalung verzichtenden Sequenz mitten im strahlend sonnigen Nirgendwo der Prärie – läßt Hitchcock die Geschichte eines Mannes ablaufen, der nicht nur in die Rolle eines anderen gedrängt wird, sondern (höhnische Quadratur des Identitätsverlustes!) in die Rolle eines anderen, den es gar nicht gibt. »All I want to do is write the Hitchcock picture to end all Hitchcock pictures«, bemerkte Drehbuchautor Ernest Lehman; Hitchcock jedoch wäre nicht Hitchcock, hätte er nicht zwischen »wit, glamor, sophistication and suspense« den Altar plaziert, auf dem er mit Inbrunst seiner Religion der Willkür huldigt – und auf diese Weise ein »real movie movie« erhöht zu einem fantastischerweise zugleich abstrakten und anschaulichen (und dabei noch romantischen) Thriller über Ausgeliefertsein und (Un-)Schuld, zu einer kulinarisch-kalkulierten Studie reiner Emotion und reiner Bewegung. PS: »You gentlemen aren't REALLY trying to kill my son, are you?«
R Alfred Hitchcock B Ernest Lehman K Robert Burks M Bernard Herrmann A William A. Horning, Merrill Pye Ko Harry Kress S George Tomasini P Alfred Hitchcock D Cary Grant, Eva Marie Saint, James Mason, Jessie Royce Landis, Leo G. Carroll | USA | 131 min | 1:1,85 | f | 17. Juli 1959
2.8.56
Bigger Than Life (Nicholas Ray, 1956)
Eine Handvoll Hoffnung
»God was wrong!« Irgendwo in den 1950er Jahren: Ed Avery (James Mason) ist Lehrer, ein bißchen überheblich und ziemlich unterbezahlt. Mit Frau und Sohn lebt er das Leben, das die Wohlstandsgesellschaft ihm und seinesgleichen gewährt: ein Haus in suburbia, Plakate von unerreichbaren Orten an den Wänden, Bridge-Abende mit sogenannten Freunden – und täglich grüßt der Milchmann. »Let’s face it, we’re dull.« Dann wird Ed krank, todkrank. Nur ein Wundermittel (es handelt sich um Cortison – doch das ist im Grunde nebensächlich) kann ihm helfen – und es hilft. Ed geht es plötzlich besser denn je, er fühlt sich »ten feet tall«. Aber er übertreibt es, schluckt weit mehr als die empfohlene Dosis, entwickelt eine Psychose mit manischen Schüben. Das Grauen, das sich nun Bahn bricht, liegt nicht darin begründet, daß Ed ein anderer würde – nein, er wird er selbst. Das latente Gefühl, etwas Besseres zu sein, zerbricht das fragile Gerüst der Selbstkontrolle: Es läßt Ed nicht nur Dior-Kleider für seine Frau kaufen, es führt ihn bis an jenen Punkt, wo er den eigenen Sohn auf dem Altar seiner Ideale zu opfern bereit ist … Nicholas Ray gibt ein knackscharfes Röntgenbild des real-existierenden Konsumismus – auch damit daß er harmlos-banale Alltagsobjekte (einen Football, einen Milchkrug, einen Fernseher) zu Symbolen des home made terror stilisiert, und so die Nachtschatten hinter der lichten Fassade des (nicht nur) american way of life bloßlegt. PS: Aus seinem Alptraum erwacht Ed übrigens mit den Worten: »Turn out the sun!« – nicht gerade das rundeste happy ending der Filmgeschichte.
R Nicholas Ray B Cyril Hume, Richard Maibaum V Burton Roueche K Joseph MacDonald M David Raksin A Jack Martin Smith, Lyle R. Wheeler S Louis R. Loeffler P James Mason D James Mason, Barbara Rush, Walter Matthau, Christopher Olsen, Robert F. Simon | USA | 95 min | 1:2,55 | f | 2. August 1956
»God was wrong!« Irgendwo in den 1950er Jahren: Ed Avery (James Mason) ist Lehrer, ein bißchen überheblich und ziemlich unterbezahlt. Mit Frau und Sohn lebt er das Leben, das die Wohlstandsgesellschaft ihm und seinesgleichen gewährt: ein Haus in suburbia, Plakate von unerreichbaren Orten an den Wänden, Bridge-Abende mit sogenannten Freunden – und täglich grüßt der Milchmann. »Let’s face it, we’re dull.« Dann wird Ed krank, todkrank. Nur ein Wundermittel (es handelt sich um Cortison – doch das ist im Grunde nebensächlich) kann ihm helfen – und es hilft. Ed geht es plötzlich besser denn je, er fühlt sich »ten feet tall«. Aber er übertreibt es, schluckt weit mehr als die empfohlene Dosis, entwickelt eine Psychose mit manischen Schüben. Das Grauen, das sich nun Bahn bricht, liegt nicht darin begründet, daß Ed ein anderer würde – nein, er wird er selbst. Das latente Gefühl, etwas Besseres zu sein, zerbricht das fragile Gerüst der Selbstkontrolle: Es läßt Ed nicht nur Dior-Kleider für seine Frau kaufen, es führt ihn bis an jenen Punkt, wo er den eigenen Sohn auf dem Altar seiner Ideale zu opfern bereit ist … Nicholas Ray gibt ein knackscharfes Röntgenbild des real-existierenden Konsumismus – auch damit daß er harmlos-banale Alltagsobjekte (einen Football, einen Milchkrug, einen Fernseher) zu Symbolen des home made terror stilisiert, und so die Nachtschatten hinter der lichten Fassade des (nicht nur) american way of life bloßlegt. PS: Aus seinem Alptraum erwacht Ed übrigens mit den Worten: »Turn out the sun!« – nicht gerade das rundeste happy ending der Filmgeschichte.
R Nicholas Ray B Cyril Hume, Richard Maibaum V Burton Roueche K Joseph MacDonald M David Raksin A Jack Martin Smith, Lyle R. Wheeler S Louis R. Loeffler P James Mason D James Mason, Barbara Rush, Walter Matthau, Christopher Olsen, Robert F. Simon | USA | 95 min | 1:2,55 | f | 2. August 1956
Labels:
Drama,
Drogen,
Familie,
Gesellschaft,
Krankheit,
Los Angeles,
Maibaum,
Mason,
Matthau,
Nicholas Ray
2.4.54
Prince Valiant (Henry Hathaway, 1954)
Prinz Eisenherz
Die sagenhaften Abenteuer eines pagenschnittigen Prinzen (Robert Wagner) in einem fantastischen Frühmittelalter: zottige Wikinger, der illustre König Artus, edle Fräuleins (u. a. Janet Leigh), die glorreichen Ritter der Tafelrunde (u. a. Sterling Hayden) mit ihren klirrenden Schwertern und scheppernden Schilden – eine breitwandige Bildergeschichte von Verschwörung und Thronraub, Knechtschaft und Krieg, Treue und Tapferkeit. Im Geiste der sonntäglichen Comic-Saga von Hal Forster betreibt Regisseur Henry Hathaway mit halbernstem Pathos Schwarzweißmalerei in leuchtenden Farben: der jugendliche Held reift an den Prüfungen des Schicksals, der Herrscher waltet mit strenger Güte, das Böse (James Mason) trägt Schwarz und die Liebe den Sieg davon.
R Henry Hathaway B Dudley Nichols V Hal Forster K Lucien Ballard M Franz Waxman A Lyle Wheeler, Mark-Lee Kirk Ko Charles Le Maire S Robert L. Simpson P Robert L. Jacks D Robert Wagner, James Mason, Janet Leigh, Sterling Hayden, Debra Paget | USA | 100 min | 1:2,35 | f | 2. April 1954
# 1187 | 9. Januar 2020
Die sagenhaften Abenteuer eines pagenschnittigen Prinzen (Robert Wagner) in einem fantastischen Frühmittelalter: zottige Wikinger, der illustre König Artus, edle Fräuleins (u. a. Janet Leigh), die glorreichen Ritter der Tafelrunde (u. a. Sterling Hayden) mit ihren klirrenden Schwertern und scheppernden Schilden – eine breitwandige Bildergeschichte von Verschwörung und Thronraub, Knechtschaft und Krieg, Treue und Tapferkeit. Im Geiste der sonntäglichen Comic-Saga von Hal Forster betreibt Regisseur Henry Hathaway mit halbernstem Pathos Schwarzweißmalerei in leuchtenden Farben: der jugendliche Held reift an den Prüfungen des Schicksals, der Herrscher waltet mit strenger Güte, das Böse (James Mason) trägt Schwarz und die Liebe den Sieg davon.
R Henry Hathaway B Dudley Nichols V Hal Forster K Lucien Ballard M Franz Waxman A Lyle Wheeler, Mark-Lee Kirk Ko Charles Le Maire S Robert L. Simpson P Robert L. Jacks D Robert Wagner, James Mason, Janet Leigh, Sterling Hayden, Debra Paget | USA | 100 min | 1:2,35 | f | 2. April 1954
# 1187 | 9. Januar 2020
Labels:
Abenteuer,
Adel,
Burg,
Camelot,
Dudley Nichols,
Hathaway,
Hayden,
Janet Leigh,
Mason,
Mittelalter,
Ritter,
Romanze,
Wikinger
2.11.53
The Man Between (Carol Reed, 1953)
Gefährlicher Urlaub
»Börlin is e stränsch, lardsch sitti. Sär ar männi riesns wei e jang görl kutt simpli vänisch fromm se striets.« (Aribert Wäscher als fetter, baskenbemützter Stasi-Scherge zu Claire Bloom in der Rolle einer abenteuerlustigen, britischen Unschuld.) Carol Reed wollte offenbar einen zweiten »The Third Man« in einer anderen Vier-Sektoren-Stadt drehen: Berlin statt Wien, James Mason statt Orson Welles, Hildegard Knef statt Alida Valli. Leider war Graham Greene nicht mit von der Partie – und so stehen lediglich ein paar Trümmer sehr dekorativ (Kamera: Desmond Dickinson) um ein ziemlich abgezehrtes Melodram (Buch: Harry Kurnitz) herum. Die trostlosen Impressionen aus der schneebedeckten Kapitale des Kalten Krieges sind immerhin stark genug, das Interesse an der – trotz einiger philosophistischer Dialoge gänzlich diesseitigen – Illustriertenstory um Menschenraub und Erpressung, politisch-moralischen Katzenjammer und systemübergreifende Liebe bis zum bitteren Ende wachzuhalten. »Are your feet cold?« – »Yes, and my hands are cold. Your heart is the coldest of all.«
R Carol Reed B Harry Kurnitz K Desmond Dickinson M John Addison A Andrej Andrejew S Bert Bates P Carol Reed D James Mason, Clair Bloom, Hildegard Knef, Aribert Wäscher, Ernst Schröder, Geoffrey Toone | UK | 100 min | 1:1,37 | sw | 2. November 1953
»Börlin is e stränsch, lardsch sitti. Sär ar männi riesns wei e jang görl kutt simpli vänisch fromm se striets.« (Aribert Wäscher als fetter, baskenbemützter Stasi-Scherge zu Claire Bloom in der Rolle einer abenteuerlustigen, britischen Unschuld.) Carol Reed wollte offenbar einen zweiten »The Third Man« in einer anderen Vier-Sektoren-Stadt drehen: Berlin statt Wien, James Mason statt Orson Welles, Hildegard Knef statt Alida Valli. Leider war Graham Greene nicht mit von der Partie – und so stehen lediglich ein paar Trümmer sehr dekorativ (Kamera: Desmond Dickinson) um ein ziemlich abgezehrtes Melodram (Buch: Harry Kurnitz) herum. Die trostlosen Impressionen aus der schneebedeckten Kapitale des Kalten Krieges sind immerhin stark genug, das Interesse an der – trotz einiger philosophistischer Dialoge gänzlich diesseitigen – Illustriertenstory um Menschenraub und Erpressung, politisch-moralischen Katzenjammer und systemübergreifende Liebe bis zum bitteren Ende wachzuhalten. »Are your feet cold?« – »Yes, and my hands are cold. Your heart is the coldest of all.«
R Carol Reed B Harry Kurnitz K Desmond Dickinson M John Addison A Andrej Andrejew S Bert Bates P Carol Reed D James Mason, Clair Bloom, Hildegard Knef, Aribert Wäscher, Ernst Schröder, Geoffrey Toone | UK | 100 min | 1:1,37 | sw | 2. November 1953
22.2.52
5 Fingers (Joseph L. Mankiewicz, 1952)
Der Fall Cicero
»I am a spy, obviously.« Der Spion: kein Idealist, ein Materialist. Er sieht zuvörderst sich selbst: auf der Terrasse einer Villa in Rio, gekleidet in ein weißes dinner jacket, vielleicht in Gesellschaft einer schönen Frau. Um dieses Bild Wirklichkeit werden zu lassen, ist dem Spion jedes Mittel recht: »If I've faith in the future of anything ... it is in the future of money.« Ankara, 1944: der albanische Kammerdiener des britischen Botschafters in der Türkei verscherbelt, im Verein mit der französischen Witwe eines deutschfreundlichen polnischen Grafen, streng geheime Informationen der Alliierten an die Nazis. Akzentuiert von Bernard Herrmanns treibendem Streicher-Score (eine Hitchcock-Allusion avant la lettre), gestaltet Joseph L. Mankiewicz seine (locker auf Tatsachen beruhende) Agentenstory als Mischung aus schwarzer Gesellschaftskomödie und semi-documentary crime thriller à la Henry Hathaway. Das Ende zeigt einen betrogenen Betrüger, der eine Zeitlang genießen konnte, wonach es ihn verlangte, und der die Größe hat, über das Zerplatzen seines Traums herzlich zu lachen.
R Joseph L. Mankiewicz B Michael Wilson V L. C. Moyzisch K Norbert Brodine M Bernard Herrmann A Lyle Wheeler, George W. Davis S James B. Clark P Otto Lang D James Mason, Danielle Darrieux, Oskar Karlweis, Walter Hampden, Michael Rennie | USA | 108 min | 1:1,37 | sw | 22. Februar 1952
# 994 | 10. April 2016
»I am a spy, obviously.« Der Spion: kein Idealist, ein Materialist. Er sieht zuvörderst sich selbst: auf der Terrasse einer Villa in Rio, gekleidet in ein weißes dinner jacket, vielleicht in Gesellschaft einer schönen Frau. Um dieses Bild Wirklichkeit werden zu lassen, ist dem Spion jedes Mittel recht: »If I've faith in the future of anything ... it is in the future of money.« Ankara, 1944: der albanische Kammerdiener des britischen Botschafters in der Türkei verscherbelt, im Verein mit der französischen Witwe eines deutschfreundlichen polnischen Grafen, streng geheime Informationen der Alliierten an die Nazis. Akzentuiert von Bernard Herrmanns treibendem Streicher-Score (eine Hitchcock-Allusion avant la lettre), gestaltet Joseph L. Mankiewicz seine (locker auf Tatsachen beruhende) Agentenstory als Mischung aus schwarzer Gesellschaftskomödie und semi-documentary crime thriller à la Henry Hathaway. Das Ende zeigt einen betrogenen Betrüger, der eine Zeitlang genießen konnte, wonach es ihn verlangte, und der die Größe hat, über das Zerplatzen seines Traums herzlich zu lachen.
R Joseph L. Mankiewicz B Michael Wilson V L. C. Moyzisch K Norbert Brodine M Bernard Herrmann A Lyle Wheeler, George W. Davis S James B. Clark P Otto Lang D James Mason, Danielle Darrieux, Oskar Karlweis, Walter Hampden, Michael Rennie | USA | 108 min | 1:1,37 | sw | 22. Februar 1952
# 994 | 10. April 2016
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1.2.51
Pandora and the Flying Dutchman (Albert Lewin, 1951)
Pandora und der Fliegende Holländer
»The measure of love is what one is willing to give up for it.« Barock-phantastischer amour fou zwischen zwei Mythen im spanischen Fischerdorf Esperanza (!) zu Anfang der 1930er Jahre: Pandora Reynolds (überirdisch: Ava Gardner), atemberaubend schön, unfähig zu lieben, umschwärmte Nachtclubsängerin und Inkarnation der femme fatale, die den ihr verfallenden Männern mit zerstörerischer Freude Unglück und Verderben bringt, trifft auf Hendrick van der Zee, den legendären Fliegenden Holländer (metaphysisch: James Mason), der, nachdem er einst im Affekt seine vermeintlich untreue Gattin tötete, solange auf einem Geisterschiff über die Weltmeere kreuzen muß, bis er einer Frau begegnet, die bereit ist, ihr Leben für seine Erlösung zu geben … Writer-producer-director Albert Lewin segelt mit seinem überlebensgroßen Technicolor-Melodram allzeit hart am Wind des Kitsches und rauscht immer wieder voll unbändiger Lust mitten hinein in die schäumenden Brandungswellen des emotional-visuellen Exzesses. Jack Cardiff (der als Kameramann zuvor einige opulente Farborgien für Powell und Pressburger realisierte) taucht »Pandora and the Flying Dutchman« bevorzugt in das romantische Tiefblau amerikanischer Nächte und kreiert surreal-außerzeitliche Bildkompositionen, die an die imaginativen Visionen von Salvador Dalí oder Max Ernst erinnern. Ein schwüler Kinotraum von bedingungsloser Liebe und rettendem Tod. PS: »To understand one human soul is like trying to empty the sea with a cup.«
R Albert Lewin B Albert Lewin K Jack Cardiff M Alan Rawsthorne A John Bryan S Ralph Kemplen P Albert Lewin, Joe Kaufmann D Ava Gardner, James Mason, Nigel Patrick, Sheila Sim, Harold Warrender | UK | 122 min | 1:1,37 | f | 1. Februar 1951
»The measure of love is what one is willing to give up for it.« Barock-phantastischer amour fou zwischen zwei Mythen im spanischen Fischerdorf Esperanza (!) zu Anfang der 1930er Jahre: Pandora Reynolds (überirdisch: Ava Gardner), atemberaubend schön, unfähig zu lieben, umschwärmte Nachtclubsängerin und Inkarnation der femme fatale, die den ihr verfallenden Männern mit zerstörerischer Freude Unglück und Verderben bringt, trifft auf Hendrick van der Zee, den legendären Fliegenden Holländer (metaphysisch: James Mason), der, nachdem er einst im Affekt seine vermeintlich untreue Gattin tötete, solange auf einem Geisterschiff über die Weltmeere kreuzen muß, bis er einer Frau begegnet, die bereit ist, ihr Leben für seine Erlösung zu geben … Writer-producer-director Albert Lewin segelt mit seinem überlebensgroßen Technicolor-Melodram allzeit hart am Wind des Kitsches und rauscht immer wieder voll unbändiger Lust mitten hinein in die schäumenden Brandungswellen des emotional-visuellen Exzesses. Jack Cardiff (der als Kameramann zuvor einige opulente Farborgien für Powell und Pressburger realisierte) taucht »Pandora and the Flying Dutchman« bevorzugt in das romantische Tiefblau amerikanischer Nächte und kreiert surreal-außerzeitliche Bildkompositionen, die an die imaginativen Visionen von Salvador Dalí oder Max Ernst erinnern. Ein schwüler Kinotraum von bedingungsloser Liebe und rettendem Tod. PS: »To understand one human soul is like trying to empty the sea with a cup.«
R Albert Lewin B Albert Lewin K Jack Cardiff M Alan Rawsthorne A John Bryan S Ralph Kemplen P Albert Lewin, Joe Kaufmann D Ava Gardner, James Mason, Nigel Patrick, Sheila Sim, Harold Warrender | UK | 122 min | 1:1,37 | f | 1. Februar 1951
30.1.47
Odd Man Out (Carol Reed, 1947)
Augestoßen
»Close the door when I’m gone… and forget me.« Acht Stunden in Belfast: Lagebesprechung um 4, Überfall um halb 5, ein toter Kassierer, ein Schuß in die Schulter, Flucht, Fieber, verstecken, weiterfliehen, Schnee, Matsch, Hoffnung, Verzweiflung, Trugbilder, Finale um Mitternacht – das alles unter dem unerbittlichen Viertelstundenschlag der großen Turmuhr. Carol Reed zeigt den letzten Weg des IRA-Mannes Johnny McQueen (James Mason als Toter auf Urlaub) zunächst in klaren Bildern und übersichtlichen Situationen, um die Schilderung zunehmend expressiv zu verdüstern, visuell und erzählerisch zu forcieren, ja zu surrealisieren. Kurze, grelle Episoden von Gleichgültigkeit, Verrat und Kälte folgen aufeinander – Höhepunkt ist zweifellos die Szene, die den halluzinierenden Johnny einem wahnsinnigen Maler (Robert Newton) als unfreiwilliges Modell ausliefert. Eine nur schenkt dem Schuldig-Verfolgten wahres Verständnis, opferbereite Liebe – und echtes, endgültiges Mitleid… Zusammengehalten wird das nordirische Stationendrama von unüberhörbaren katholischen Untertönen, von einem schicksalssinfonischen Score (William Alwyn) sowie vom unbedingten, poetisch-realistisch inspirierten Stilwillen des Regisseurs und seines virtousen Kameramanns Robert Krasker. PS: »There is neither good nor bad. There is innocence and guilt. That's all.«
R Carol Reed B F. L. Green, R. C. Sherriff K Robert Krasker M William Alwyn A Ralph Brinton S Fergus McDonell P Carol Reed D James Mason, Robert Newton, Cyril Cusack, Fay Compton, Denis O’Dea | UK | 116 min | 1:1,37 | sw | 30. Januar 1947
»Close the door when I’m gone… and forget me.« Acht Stunden in Belfast: Lagebesprechung um 4, Überfall um halb 5, ein toter Kassierer, ein Schuß in die Schulter, Flucht, Fieber, verstecken, weiterfliehen, Schnee, Matsch, Hoffnung, Verzweiflung, Trugbilder, Finale um Mitternacht – das alles unter dem unerbittlichen Viertelstundenschlag der großen Turmuhr. Carol Reed zeigt den letzten Weg des IRA-Mannes Johnny McQueen (James Mason als Toter auf Urlaub) zunächst in klaren Bildern und übersichtlichen Situationen, um die Schilderung zunehmend expressiv zu verdüstern, visuell und erzählerisch zu forcieren, ja zu surrealisieren. Kurze, grelle Episoden von Gleichgültigkeit, Verrat und Kälte folgen aufeinander – Höhepunkt ist zweifellos die Szene, die den halluzinierenden Johnny einem wahnsinnigen Maler (Robert Newton) als unfreiwilliges Modell ausliefert. Eine nur schenkt dem Schuldig-Verfolgten wahres Verständnis, opferbereite Liebe – und echtes, endgültiges Mitleid… Zusammengehalten wird das nordirische Stationendrama von unüberhörbaren katholischen Untertönen, von einem schicksalssinfonischen Score (William Alwyn) sowie vom unbedingten, poetisch-realistisch inspirierten Stilwillen des Regisseurs und seines virtousen Kameramanns Robert Krasker. PS: »There is neither good nor bad. There is innocence and guilt. That's all.«
R Carol Reed B F. L. Green, R. C. Sherriff K Robert Krasker M William Alwyn A Ralph Brinton S Fergus McDonell P Carol Reed D James Mason, Robert Newton, Cyril Cusack, Fay Compton, Denis O’Dea | UK | 116 min | 1:1,37 | sw | 30. Januar 1947
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