Das Loch
Manu, Geo, Roland, Monseigneur – alle vier zu langjährigen Haftstrafen verurteilt – planen den Ausbruch aus ihrer Zelle im Pariser Gefängnis La Santé, als unerwartet ein Fünfter zu ihnen gesperrt wird: Claude Gaspard, ein höflicher junger Mann aus besseren Kreisen, der wegen eines im Streit auf seine wohlhabende Gattin aufgefeuerten Schusses unter Mordverdacht steht. Nach skeptischem Beschnuppern weiht das Quartett den Neuankömmling in das gemeinschaftliche Vorhaben ein ... Ausgehend vom autobiographischen Debütroman des Exsträflings José Giovanni (der ein Ereignis aus dem Jahr 1947 schildert) beobachtet Jacques Becker mit Empathie und Detailversessenheit die allnächtliche, mühevolle, immerfort von Entdeckung bedrohte (Zusammen-)Arbeit der Gruppe: die erfindungsreiche Zurichtung von Werkzeugen und Hilfsmitteln, den Durchbruch durch den Zellenboden in das labyrinthische Kellergewölbe der Haftanstalt, das Tunnelgraben zur Umgehung einer Betonmauer in der Kanalisation. Größtenteils mit nichtprofessionellen Darstellern besetzt (einer der echten Ausbrecher spielt sich selbst), von Ghislain Cloquet meisterlich in semidokumentarischem Grau-in-Grau fotografiert, erzählt »Le trou« (unter völligem Verzicht auf dramatisierende Musikbegleitung) von Vertrauen und Kameradschaft, von Ausdauer und Geduld – nicht ohne zuletzt ganz unsentimental die Macht des Schicksals über die Kraft des Willen siegen zu lassen: Nach einem kurzer Blick in die Freiheit aus einem Gullideckel, erweist sich, daß der anfängliche Argwohn der gestandenen Kriminellen gegen den gutbürgerlichen Gelegenheitstäter nicht unbegründet war.
R Jacques Becker B Jacques Becker, Jean Aurel, José Giovanni V José Giovanni K Ghislain Cloquet M Philippe Arthuys A Rino Mondellini S Marguerite Renoir P Serge Silberman D Michel Constantin, Philippe Leroy, Jean Keraudy, Marc Michel, Raymond Meunier | F | 132 min | 1:1,66 | f | 18. März 1960
# 1124 | 11. Juni 2018
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18.3.60
20.4.57
Kanał (Andrzej Wajda, 1957)
Der Kanal
»Kanał« beginnt mit dem Blick auf die Ruinen der zerstörten polnischen Hauptstadt, Ende September 1944, unmittelbar vor dem Zusammenbruch des Warschauer Aufstandes. Ein Trupp von müden Kriegern zieht am Auge der Kamera vorbei. Die Protagonisten werden in einem knappen dramatis personae vorgestellt, das mit den Worten schließt: »Dies sind die Helden einer Tragödie. Schaut sie euch gut an. Es sind die letzten Stunden ihres Lebens.« Was folgt, ist die Chronik der im Prolog angekündigten Tode. Der erste Teil des Films – high-key und dokumentarisch – spielt oben, unter freiem Himmel, wo deutsche Bomben und Artillerie die Trümmer tanzen lassen; der zweite Teil – low-key und apokalyptisch – spielt unten, im stickigen, stinkenden Labyrinth der Kloaken von Warschau. Hier in der Tiefe (wo außer irdische Klänge durch die Kanäle wehen, wo Licht nicht Erlösung sondern Sterben bedeutet) zitiert man Dante, küßt man zum letzten Mal ein Mädchen, verrät man die Kameraden, ertrinkt man in der Scheiße, wird man wahnsinnig und bläst die Okarina – oder man kämpft weiter, auch wenn man längst verloren hat. Andrzej Wajda und seine Mitstreiter (Assistenz: Kutz und Morgenstern / Kamera: Lipman und Wójcik) setzen dem so aussichtslosen wie unabdingbaren Widerstand ein wuchtig-elendes Denkmal: »Noch ist Polen nicht verloren.« PS: Und auf dem anderen Ufer der Weichsel – einmal sieht man (durch ein eisernes Gitter) hinüber – stehen sowjetische Truppen. Schauen zu. Warten ab.
R Andrzej Wajda B Jerzy Stefan Stawiński V Jerzy Stefan Stawiński K Jerzy Lipman, Jerzy Wójcik M Jan Krenz A Roman Mann S Halina Nawrocka P Stanisław Adler D Tadeusz Janczar, Teresa Iżewska, Wieńczysław Gliński, Tadeusz Gwiazdowski, Władysław Sheybal | PL | 91 min | 1:1,37 | sw | 20. April 1957
»Kanał« beginnt mit dem Blick auf die Ruinen der zerstörten polnischen Hauptstadt, Ende September 1944, unmittelbar vor dem Zusammenbruch des Warschauer Aufstandes. Ein Trupp von müden Kriegern zieht am Auge der Kamera vorbei. Die Protagonisten werden in einem knappen dramatis personae vorgestellt, das mit den Worten schließt: »Dies sind die Helden einer Tragödie. Schaut sie euch gut an. Es sind die letzten Stunden ihres Lebens.« Was folgt, ist die Chronik der im Prolog angekündigten Tode. Der erste Teil des Films – high-key und dokumentarisch – spielt oben, unter freiem Himmel, wo deutsche Bomben und Artillerie die Trümmer tanzen lassen; der zweite Teil – low-key und apokalyptisch – spielt unten, im stickigen, stinkenden Labyrinth der Kloaken von Warschau. Hier in der Tiefe (wo außer irdische Klänge durch die Kanäle wehen, wo Licht nicht Erlösung sondern Sterben bedeutet) zitiert man Dante, küßt man zum letzten Mal ein Mädchen, verrät man die Kameraden, ertrinkt man in der Scheiße, wird man wahnsinnig und bläst die Okarina – oder man kämpft weiter, auch wenn man längst verloren hat. Andrzej Wajda und seine Mitstreiter (Assistenz: Kutz und Morgenstern / Kamera: Lipman und Wójcik) setzen dem so aussichtslosen wie unabdingbaren Widerstand ein wuchtig-elendes Denkmal: »Noch ist Polen nicht verloren.« PS: Und auf dem anderen Ufer der Weichsel – einmal sieht man (durch ein eisernes Gitter) hinüber – stehen sowjetische Truppen. Schauen zu. Warten ab.
R Andrzej Wajda B Jerzy Stefan Stawiński V Jerzy Stefan Stawiński K Jerzy Lipman, Jerzy Wójcik M Jan Krenz A Roman Mann S Halina Nawrocka P Stanisław Adler D Tadeusz Janczar, Teresa Iżewska, Wieńczysław Gliński, Tadeusz Gwiazdowski, Władysław Sheybal | PL | 91 min | 1:1,37 | sw | 20. April 1957
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Zweiter Weltkrieg
31.8.49
The Third Man (Carol Reed, 1949)
Der dritte Mann
Der Tod, das muß ein Wiener sein. Oder ein nach Wien Zugereister. Einer wie Harry Lime. Orson Welles spielt ihn als liebenswert-eloquenten Schurken, dem man trotz seiner Amoralität und der Leichen, die an seinem Weg liegenbleiben, kaum böse sein mag. Denn warum sollte er besser sein, als die (Nachkriegs-)Ära, in die es ihn geworfen hat? »Nobody thinks in terms of human beings. Governments don’t. Why should we? They talk about the people and the proletariat, I talk about the suckers and the mugs – it’s the same thing. They have their five-year-plans, so have I.« In ihrem verkanteten Klassiker (Kamera: Robert Krasker) nehmen Graham Greene (Buch) und Carol Reed (Regie) die Ruinen von Wien als expressives Bild der ethischen Verwahrlosung, die Völkermord und Weltenbrand hinterlassen haben. Zwischen den Trümmern fretten sich Lime und seine Spießgesellen Popescu (Siegfried Breuer), Baron Kurtz (Ernst Deutsch) und Dr. Winkel (Erich Ponto) ohne Gewissenspein durch die Zeitläufte. Die halsstarrige Naivität von Harrys Freund (?) Holly (Joseph Cotten), der den menschlichen Bankrott seines alten Kumpels partout nicht wahrhaben will, ist dabei nur die andere Seite der schmutzigen Medaille. Die Geschichte – in der (natürlich) auch eine Frau (schön und traurig: Alida Valli) eine nicht unwesentliche Rolle (zwischen den Freunden und zwischen den Fronten) spielt – endet ohne eine Moral zu hinterlassen am einzig passenden Ort: in einer Kloake. Ein kurzes Nachspiel auf dem Friedhof (!) entläßt den Zuschauer in die triste Wirklichkeit. Besonders einprägsam wird »The Third Man« durch die Zither von Anton Karas, der die alteuropäisch-wienerische Walzer- und Heurigenseligkeit zu einer Erinnerung an niegewesene bessere Zeiten werden läßt.
R Carol Reed B Graham Greene K Robert Krasker M Anton Karas A Vincent Korda S Oswald Hafenrichter P Carol Reed, Alexander Korda, David O. Selznick D Joseph Cotten, Alida Valli, Orson Welles, Trevor Howard, Paul Hörbiger | UK | 104 min | 1:1,37 | sw | 31. August 1949
Der Tod, das muß ein Wiener sein. Oder ein nach Wien Zugereister. Einer wie Harry Lime. Orson Welles spielt ihn als liebenswert-eloquenten Schurken, dem man trotz seiner Amoralität und der Leichen, die an seinem Weg liegenbleiben, kaum böse sein mag. Denn warum sollte er besser sein, als die (Nachkriegs-)Ära, in die es ihn geworfen hat? »Nobody thinks in terms of human beings. Governments don’t. Why should we? They talk about the people and the proletariat, I talk about the suckers and the mugs – it’s the same thing. They have their five-year-plans, so have I.« In ihrem verkanteten Klassiker (Kamera: Robert Krasker) nehmen Graham Greene (Buch) und Carol Reed (Regie) die Ruinen von Wien als expressives Bild der ethischen Verwahrlosung, die Völkermord und Weltenbrand hinterlassen haben. Zwischen den Trümmern fretten sich Lime und seine Spießgesellen Popescu (Siegfried Breuer), Baron Kurtz (Ernst Deutsch) und Dr. Winkel (Erich Ponto) ohne Gewissenspein durch die Zeitläufte. Die halsstarrige Naivität von Harrys Freund (?) Holly (Joseph Cotten), der den menschlichen Bankrott seines alten Kumpels partout nicht wahrhaben will, ist dabei nur die andere Seite der schmutzigen Medaille. Die Geschichte – in der (natürlich) auch eine Frau (schön und traurig: Alida Valli) eine nicht unwesentliche Rolle (zwischen den Freunden und zwischen den Fronten) spielt – endet ohne eine Moral zu hinterlassen am einzig passenden Ort: in einer Kloake. Ein kurzes Nachspiel auf dem Friedhof (!) entläßt den Zuschauer in die triste Wirklichkeit. Besonders einprägsam wird »The Third Man« durch die Zither von Anton Karas, der die alteuropäisch-wienerische Walzer- und Heurigenseligkeit zu einer Erinnerung an niegewesene bessere Zeiten werden läßt.
R Carol Reed B Graham Greene K Robert Krasker M Anton Karas A Vincent Korda S Oswald Hafenrichter P Carol Reed, Alexander Korda, David O. Selznick D Joseph Cotten, Alida Valli, Orson Welles, Trevor Howard, Paul Hörbiger | UK | 104 min | 1:1,37 | sw | 31. August 1949
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