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9.3.72

Cosa avete fatto a Solange? (Massimo Dallamano, 1972)

Das Geheimnis der grünen Stecknadel

»Was habt ihr mit Solange gemacht?« Ein Rendezvous auf der Themse, ein Boot zwischen im Wasser hängenden Zweigen, ein schreiendes Mädchen im Ufergebüsch, ein aufgerissenes Auge, ein blitzendes Messer zwischen weiblichen Schenkeln. Später: das Röntgenbild eines Unterleibes, in dem die Mordwaffe steckt … Massimo Dallamano zeigt nichts und zeigt alles, zeigt die Beziehung von Rache und Verzweiflung, die Nähe von Sehen und Sterben, zeigt nackte Angst, hoffnungslose Gewalt, unumkehrbare Zerstörung: »Was habt ihr mit Solange gemacht?« Ein später Edgar-Wallace-Krimi, ein melancholischer Giallo – Klavierklänge, tröpfelnd wie Regen, schneidende Streicher, wehmütige Frauenstimmen (Musik: Ennio Morricone) … Im Zentrum des Verbrechens: eine katholische Mädchenschule – kindlicher Glauben und begieriges Wissenwollen und todbringende Erkenntnis. Ein geheimer Club und ein falscher Priester, ein Vater und seine Tochter, Genuß und Reue, Freundschaft und Panik, Liebe und Horror, die vergebliche Suche nach der verlorenen Unschuld und die brutale Wiederkehr des Verdrängten: »Was habt ihr mit Solange gemacht?«

R Massimo Dallamano B Massimo Dallamano, Bruno Di Geronimo, Peter M. Thouet V Edgar Wallace K Aristide Massaccesi (= Joe D’Amato) M Ennio Morricone A Gastone Carsetti S Antonio Siciliano, Clarissa Ambach P Leo Pescarolo, Horst Wendlandt D Fabio Testi, Joachim Fuchsberger, Christine Galbo, Karin Baal, Günther Stoll | I & BRD | 103 min | 1:2,35 | f | 9. März 1972

# 800 | 16. November 2013

24.2.72

Sette orchidee macchiate di rosso (Umberto Lenzi, 1972)

Das Rätsel des silbernen Halbmonds

In Rom geht ein rätselhafter Frauenkiller um (sein klassisches Outfit: schwarzer Hut, schwarzer Mantel, schwarze Handschuhe). Er tötet eine Nutte in freier Natur, eine Malerin in ihrem Atelier, dann versucht er Giulia (Uschi Glas), die frischvermählte Ehefrau des Modemachers Mario (Antonio Sabàto) in einem Eisenbahnabteil zu schlitzen. Signatur des Täters: ein halbmondförmiges Amulett, zurückgelassen am jeweiligen Ort des Verbrechens. Auch nach dem mißglückten Anschlag auf die junge Gattin, deren Mann fortan auf eigene Faust ermittelt, geht das Metzeln weiter … Eine komplizierte Recherche fördert die noch komplizierteren Hintergründe eines Rachefeldzugs zu Tage, in die unter anderem sieben Frauen, ein schwuler Partyhengst, ein toter Amerikaner und ein protestantischer Priester verwickelt sind. Umberto Lenzi kümmert sich erst gar nicht um plausible Gestaltung der Handlungsabläufe, er konzentriert sich – begünstigt von schönen Mordopfern (Rosella Falk, Marisa Mell, Petra Schürmann) und einem cool perlenden Score (Riz Ortolani) – ganz auf stimmungsvolle Verwirrung und bohrende Schau(er)effekte. PS: Mit Edgar Wallace hat dieser gediegene Giallo, außer der in der (gekürzten) deutschen Version untergejubelten »Hallo, hier spricht …«-Kennung, rein gar nichts zu tun.

R Umberto Lenzi B Umberto Lenzi, Roberto Gianviti, Paul Hengge K Angelo Lotti M Riz Ortolani A Giacomo Calò Carducci S Eugenio Alabiso, Clarissa Ambach P Lamberto Palmieri, Horst Wendlandt D Uschi Glas, Antonio Sabàto, Pier Paolo Capponi, Marisa Mell, Rosell Falk | I & BRD | 92 min | 1:2,35 | f | 24. Februar 1972

# 801 | 18. November 2013

11.2.71

Il gatto a nove code (Dario Argento, 1971)

Die neunschwänzige Katze

Mäßig spannender Giallo, angesiedelt im Umfeld eines römischen Genforschungsinstituts, wo man (wie passend!) dem Aggressions- und Verbrechenschromosom (›XYY‹) dicht auf der Spur ist. Allzuviel von diesen Anlagen hat »Il gatto a nove code« – trotz eines sublimen Morricone-Scores, einiger delikater Todesfälle sowie einer Reihe von dubiosen Existenzen, die als Täter in Frage kommen (Horst Frank als eleganter schwuler Snob, Karl Malden als netter blinder Onkel und Autor von Kreuzworträtseln, Catherine Spaak als Boxenluder der Wissenschaft) – leider nicht mitbekommen. Erpressung, Inzest und Störung der Totenruhe sorgen aber szenenweise für mulmig-schöne Atmosphäre.

R Dario Argento B Dario Argento K Erico Menczer M Ennio Morricone A Carlo Leva S Franco Fraticelli P Salvatore Argento D James Franciscus, Karl Malden, Catherine Spaak, Horst Frank, Pier Paolo Capponi | I & F & BRD | 110 min | 1:2,35 | f | 11. Februar 1971

14.3.64

Sei donne per l’assassino (Mario Bava, 1964)

Blutige Seide

Mario Bavas exquisites Killer-Thriller-Kunstprodukt schickt die gesamte weibliche Belegschaft des vornehmen römischen Modehauses ›Christiana‹ in den Orkus. Der maskierte Mörder beweist dabei eine bemerkenswert morbide Phantasie: Die hübschen Mannequins werden wahlweise in der häuslichen Badewanne ersäuft, mit der dornenbewehrten Pranke einer mittelalterlichen Rüstung erschlagen oder gegen einen glühenden Ofen gedrückt. Wenn auch »Sei donne per l'assassino« erzählerisch kaum mehr bietet denn einen solide konstruierten Whodunit (mit recht hämischer Auflösung), zeigen die brutale Eleganz der Regie, die labyrinthisch-barocken Szenerien und insbesondere die psychedelische Farbdramaturgie Bava auf dem Höhepunkt seiner Meisterschaft als Verfertiger sublimer Trivialitäten.

R Mario Bava B Marcello Fondato, Giuseppe Barilla, Mario Bava K Ubaldo Terzano M Carlo Rustichelli A Arrigo Breschi S Mario Serandrei P Alfredo Mirabile, Massimo Patrizi D Cameron Mitchell, Eva Bartok, Thomas Reiner, Ariana Gorini, Dante DiPaolo | I & F | 88 min | 1:1,85 | f | 14. März 1964

17.8.63

I tre volti della paura (Mario Bava, 1963)

Die drei Gesichter der Furcht 

Ein korrekt gekleideter alter Herr steht in einer pulsierend illuminierten Kunstlandschaft und begrüßt das Publikum: »Signore i signori, io sono Boris Karloff.« Freundlich annonciert die Horrorlegende drei Nachtstücke über Terror und Supranaturales … Den (zeitgenössisch-irdischen) Auftakt von Mario Bavas Episodenfilm bildet die elegante Thriller-Etüde »Il telefono«, ein Proto-Giallo im Kurzformat: Nacht, Schatten, ein luxuriöses Apartment, hübsche Frauen, ein blitzendes Messer, ein zur Schlinge gezogener Seidenstrumpf – und ein penetrant schrillender knallroter Telefonapparat, der Todesdrohungen übermittelt … »I Wurdalak«, die zweite und längste Geschichte, führt an den östlichen Rand Europas, in ein dämonisches 19. Jahrhundert: Blutsauger nähren sich vom Lebenssaft derjenigen, die sie am meisten lieben – Roger Cormans irreale Poe-Adaptionen mögen Pate gestanden haben für diesen melodramatischen Familienspuk ohne Ausweg … Als Höhepunkt der kleinen Anthologie schildert »La goccia d’acqua« eine Rache aus dem Jenseits: Eine jüngst verblichene Spiritistin verfolgt die diebische Leichenfrau wegen eines gestohlenen Ringes – es sind vor allem die ausgefransten, in allen Farben eines toten Herings ausgeleuchteten bürgerlichen Interieurs, die dieser Erzählung ein extraordinäres Flair von Dekadenz und Fäulnis verleihen … Nach dem Übersinnlichen folgt die ironische »Entzauberung«: Karloff, im Kostüm des Wurdalak, reitet auf einer struppigen Pferdeattrappe, winkt den Zuschauern zum Abschied, während die Kamera langsam zurückfährt und die Betriebsamkeit des Filmstudios offenbart – ein würdige Schlußpointe für dieses üppige Bouquet bavaesker Stilübungen.

R Mario Bava B Marcello Fondato, Alberto Bevilacqua, Mario Bava V F. G. Snyder, Alexei Tolstoi, Anton Tschechow K Ubaldo Terzani M Roberto Nicolosi A Riccardo Domenici S Mario Serandrei P Salvatore Billitteri, Paolo Mercuri D Boris Karloff, Michèle Mercier, Mark Damon, Susy Andersen, Jacqueline Pierreux | I & F & UK | 92 min | 1:1,85 | f | 17. August 1963