Der Mann aus Marmor
Auf der Suche nach den verlorenen Helden einer verlorenen Zeit: Die Filmstudentin Agnieszka (engagiert-strapaziös: Krystyna Janda) recherchiert die Biographie des Bestarbeiters Birkut (der einst unglaubliche 30.000 Ziegelsteine in einer einzigen Schicht vermauerte), eines – erst hochgejubelten, dann umgestürzten und tief gefallenen – Polit-Idols der frühen Jahren des volksdemokratischen Polen. Sie sichtet alte (Propaganda-) Filme, befragt Weggefährten des sozialistischen Heros, steigt hinab in die stalinistischen Kellergewölbe der Geschichte ihres Landes, stolpert über Trümmer zerschlagener Lebensentwürfe und sieht der Wahrheit in ihr bald versoffenes, bald zynisches, bald schöngelogenes Antlitz. Andrzej Wajdas »Człowiek z marmuru«, der eben so gut »Citizen Birkut« heißen könnte, handelt von Glauben und Desillusionierung, von Pathos und Berechnung, analysiert die mediale Konstruktion von Legenden sowie den zielgerichteten Mißbrauch von Leidenschaft – und bleibt damit (bei ungeschönt-präziser Beschreibung eines konkreten historischen und ideologischen Umfelds) zeitlos aktuell.
R Andrzej Wajda B Aleksander Ścibor-Rylski K Edward Kłosiński M Andrzej Korzyński A Wojciech Majda, Allan Starski S Halina Prugar-Ketling P Barbara Pec-Ślesicka D Jerzy Radziwiłowicz, Krystyna Janda, Tadeusz Łomnicki, Jacek Łomnicki, Michał Tarkowski | PL | 165 min | 1:1,37 | f | 25. Februar 1977
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25.2.77
7.3.75
Serkalo (Andrei Tarkowski, 1975)
Der Spiegel
Bewußtseinsstrom? Privatmythologie? Reflexion? Mystizismus? Der Wald. Das Wasser. Der Wind. Das Zimmer. Das Buch. Die Kunst. Frauen mit Dutt, die in die Landschaft sehen. Scheunen, die im Regen brennen. Gedichte, die durch die Räume der Erinnerung schweben. Mütter, die wie Ehefrauen aussehen, die wie Mütter aussehen, die wie Ehefrauen aussehen. Väter, die Söhne zurücklassen, die zu Vätern werden, die Söhne zurücklassen. Söhne, die stottern, und die sich als Männer mit ihren Frauen streiten, und die sich irgendwann zum Sterben legen und dann an ihre Mütter denken, die in die Landschaft sehen, und an ihre Väter, von denen sie zurückgelassen wurden. Das Rad, es dreht sich, es dreht sich immer im selben Matsch, im Matsch der großen Geschichte, durch die sich das Schicksal des Einzelnen (des Vereinzelten) quält: durch allgegenwärtigen Krieg und durch die bodenlose Angst unter den starren Augen jener, deren Name nicht genannt werden darf, durch den Strom der aufgehetzten Massen und durch die Drohung mit endgültiger Vernichtung. Und das Innere, das Ich ist ein Spiegel des Äußeren, der Welt, und das Äußere, die Welt ist ein Spiegel des Inneren, des Ichs, und das Leben ist ein Sprung in den Brunnen der Zeit, und die Zeit steht still in der Ewigkeit der Schöpfung, und sie rast durch Grotten, die kein Mensch ersann, zum sonnenlosen Meer, und die Seele ist ein Gespinst von Reminiszenzen und Träumen, von Phantasien und Illusionen, und der Glaube ist ein Kelch auf einem Tisch, und die Liebe ist eine Frau mit einem Kind, und die Hoffnung ist ein Vogel, der auffliegt aus einer Hand. Bewußtseinsstrom. Privatmythologie. Reflexion. Mystizismus. Tarkowski.
R Andrei Tarkowski B Andrei Tarkowski, Alexander Mischarin, Arseni Tarkowski (Gedichte) K Georgi Rerberg M diverse A Nikolai Dwigubski S Ljudmila Feiginowa P Mosfilm D Margarita Terechowa, Ignat Danilzew, Larissa Tarkowskaja, Anatoli Solonizin, Oleg Jankowski | SU | 108 min | 1:1,37 | sw & f | 7. März 1975
Bewußtseinsstrom? Privatmythologie? Reflexion? Mystizismus? Der Wald. Das Wasser. Der Wind. Das Zimmer. Das Buch. Die Kunst. Frauen mit Dutt, die in die Landschaft sehen. Scheunen, die im Regen brennen. Gedichte, die durch die Räume der Erinnerung schweben. Mütter, die wie Ehefrauen aussehen, die wie Mütter aussehen, die wie Ehefrauen aussehen. Väter, die Söhne zurücklassen, die zu Vätern werden, die Söhne zurücklassen. Söhne, die stottern, und die sich als Männer mit ihren Frauen streiten, und die sich irgendwann zum Sterben legen und dann an ihre Mütter denken, die in die Landschaft sehen, und an ihre Väter, von denen sie zurückgelassen wurden. Das Rad, es dreht sich, es dreht sich immer im selben Matsch, im Matsch der großen Geschichte, durch die sich das Schicksal des Einzelnen (des Vereinzelten) quält: durch allgegenwärtigen Krieg und durch die bodenlose Angst unter den starren Augen jener, deren Name nicht genannt werden darf, durch den Strom der aufgehetzten Massen und durch die Drohung mit endgültiger Vernichtung. Und das Innere, das Ich ist ein Spiegel des Äußeren, der Welt, und das Äußere, die Welt ist ein Spiegel des Inneren, des Ichs, und das Leben ist ein Sprung in den Brunnen der Zeit, und die Zeit steht still in der Ewigkeit der Schöpfung, und sie rast durch Grotten, die kein Mensch ersann, zum sonnenlosen Meer, und die Seele ist ein Gespinst von Reminiszenzen und Träumen, von Phantasien und Illusionen, und der Glaube ist ein Kelch auf einem Tisch, und die Liebe ist eine Frau mit einem Kind, und die Hoffnung ist ein Vogel, der auffliegt aus einer Hand. Bewußtseinsstrom. Privatmythologie. Reflexion. Mystizismus. Tarkowski.
R Andrei Tarkowski B Andrei Tarkowski, Alexander Mischarin, Arseni Tarkowski (Gedichte) K Georgi Rerberg M diverse A Nikolai Dwigubski S Ljudmila Feiginowa P Mosfilm D Margarita Terechowa, Ignat Danilzew, Larissa Tarkowskaja, Anatoli Solonizin, Oleg Jankowski | SU | 108 min | 1:1,37 | sw & f | 7. März 1975
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Drama,
Erinnerung,
Familie,
Krieg,
Mutter,
Stalinismus,
Tarkowski,
Vater,
Zweiter Weltkrieg
30.10.69
Skřivánci na niti (Jiří Menzel, 1969/1990)
Lerchen am Faden
Zu Beginn der 1950er Jahre – der Stalinismus hat die östliche Hälfte der ideologisch geteilten Welt fest im Griff – schuften klassenfeindliche Elemente (männliche und weibliche Delinquenten streng getrennt) auf dem Schrottplatz eines tschechischen Hüttenwerks, um (aus Schreibmaschinen und Kruzifixen, Lokomotiven und Gitterbetten) Rohstoff für die volkseigene Stahlproduktion zu gewinnen: hier (u. a.) ein Philosophieprofessor und ein Saxophonist (dekadentes Instrument!), ein Staatsanwalt und ein junger Koch (der aus religiösen Gründen die samstägliche Arbeit verweigert), dort eine Gruppe von Frauen (die allesamt beim Versuch, das Arbeiterparadies unerlaubt zu verlassen, hopsgenommen wurden), dazwischen ein sanftmütiger Wachmann (der seine liebe Not mit der frisch angetrauten Gattin hat) sowie ein mopsiger Apparatschik (der privat einer Leidenschaft für das Abseifen heranwachsender Mädchen frönt). Jiří Menzel inszeniert (einmal mehr nach einer Geschichte von Bohumil Hrabal) kein hartes Drama der Unterdrückung, sondern ein kleines Welttheater der Anpassung und des Ungehorsams, der Kontrolle und des Eigensinns, ein menschenfreundlich-märchenhaftes Gesellschaftsstück voller tragikomischer Zwischentöne und ironischer Anspielungen (der kirmeshafte Werksbesuch eines senilen Ministers, ein nelkendekorierter Propagandadreh der staatlichen Wochenschau), ein sanftes Hohelied der Liebe, die noch im grauesten Grau der volksdemokratischen Gegebenheiten erglimmt.
R Jiří Menzel B Jiří Menzel, Bohumil Hrabal V Bohumil Hrabal K Jaromír Šofr M Jiří Šust A Oldřich Bosák Ko Dagmar Krausová S Jiřina Lukešová P Pavel Juráček, Jaroslav Kučera D Václav Neckář, Jitka Zelenohorská, Vlastimil Brodský, Rudolf Hrušínský, Jaroslav Satoranský | CS | 94 min | 1:1,66 | f | 30. Oktober 1969 (Fertigstellung) / 16. Februar 1990 (Uraufführung)
# 1179 | 3. Oktober 2019
Zu Beginn der 1950er Jahre – der Stalinismus hat die östliche Hälfte der ideologisch geteilten Welt fest im Griff – schuften klassenfeindliche Elemente (männliche und weibliche Delinquenten streng getrennt) auf dem Schrottplatz eines tschechischen Hüttenwerks, um (aus Schreibmaschinen und Kruzifixen, Lokomotiven und Gitterbetten) Rohstoff für die volkseigene Stahlproduktion zu gewinnen: hier (u. a.) ein Philosophieprofessor und ein Saxophonist (dekadentes Instrument!), ein Staatsanwalt und ein junger Koch (der aus religiösen Gründen die samstägliche Arbeit verweigert), dort eine Gruppe von Frauen (die allesamt beim Versuch, das Arbeiterparadies unerlaubt zu verlassen, hopsgenommen wurden), dazwischen ein sanftmütiger Wachmann (der seine liebe Not mit der frisch angetrauten Gattin hat) sowie ein mopsiger Apparatschik (der privat einer Leidenschaft für das Abseifen heranwachsender Mädchen frönt). Jiří Menzel inszeniert (einmal mehr nach einer Geschichte von Bohumil Hrabal) kein hartes Drama der Unterdrückung, sondern ein kleines Welttheater der Anpassung und des Ungehorsams, der Kontrolle und des Eigensinns, ein menschenfreundlich-märchenhaftes Gesellschaftsstück voller tragikomischer Zwischentöne und ironischer Anspielungen (der kirmeshafte Werksbesuch eines senilen Ministers, ein nelkendekorierter Propagandadreh der staatlichen Wochenschau), ein sanftes Hohelied der Liebe, die noch im grauesten Grau der volksdemokratischen Gegebenheiten erglimmt.
R Jiří Menzel B Jiří Menzel, Bohumil Hrabal V Bohumil Hrabal K Jaromír Šofr M Jiří Šust A Oldřich Bosák Ko Dagmar Krausová S Jiřina Lukešová P Pavel Juráček, Jaroslav Kučera D Václav Neckář, Jitka Zelenohorská, Vlastimil Brodský, Rudolf Hrušínský, Jaroslav Satoranský | CS | 94 min | 1:1,66 | f | 30. Oktober 1969 (Fertigstellung) / 16. Februar 1990 (Uraufführung)
# 1179 | 3. Oktober 2019
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Polizei,
Romanze,
Stalinismus,
Tragikomödie
20.5.61
Tschistjoje nebo (Grigori Tschuchrai, 1961)
Klarer Himmel
Geschichte einer Liebe in den Zeiten der roten Finsternis: Die schwärmerische Sascha (Nina Dobrischewa wirkt mitunter wie eine russische Giulietta Masina) verehrt das kühne Fliegeras Alexei (Jewgeni Urbanski). Der Große Vaterländische Krieg hat schon begonnen, als die beiden ein Paar werden. Ihnen bleiben nur wenige Tage des Glücks: Alexei kommt von einem Feindflug nicht zurück. Sascha fügt sich in ihr Witwenlos, bis der Totgeglaubte eines Tages vor der Tür steht. Der Heimkehrer ist zweifach gezeichnet: von einer tiefen Narbe quer durchs Gesicht und von der Schande, die deutsche Gefangenschaft überlebt zu haben. Im real-existierenden Stalinismus des Nachkriegs gilt Alexei als Verräter, der weder Pilot noch Kommunist sein darf. Erlösung bringt erst der Tod des Diktators. Die Wolken brechen auf. Das Eis schmilzt. Tauwetter … »Tschistjoje nebo«, eine expressiv fotografierte Schicksalssymphonie in Rückblenden, spart weder mit politischer Melodramatik noch mit visuellen Symbolismen. Vor allem im zweiten Teil des Films inszeniert Grigori Tschuchrai die Stalinsche Ära als ewigen Winter des Duckertums, dem Freude und Hoffnung nur mit größter Mühe abzutrotzen sind, als tristes Schattenreich der Willkür, wo zu Unrecht Angeklagte an ihre fiktive »Schuld« glauben, um den Verstand nicht zu verlieren. Auch wenn Alexei (der seine Rehabilitierung mit versteinerter Miene zur Kenntnis nimmt) sich wieder in die Lüfte erheben wird, zeigt Tschuchrai den Einzelnen nicht als Herrn und Helden der Geschichte sondern als deren Knecht und Opfer: Schrecken und Heil kommen und gehen wie die Jahreszeiten. Was bleibt, ist zuversichtlicher Fatalismus.
R Grigori Tschuchrai B Daniil Chabrowitski K Sergei Polujanow M Michail Siw A Boris Nemetschek S Marija Timofejewa P Mosfilm D Nina Dobrischewa, Jewgeni Urbanski, Natalja Kusmina, Witali Konjajew, Grigori Kulikow | SU | 110 min | 1:1,37 | f | 20. Mai 1961
Geschichte einer Liebe in den Zeiten der roten Finsternis: Die schwärmerische Sascha (Nina Dobrischewa wirkt mitunter wie eine russische Giulietta Masina) verehrt das kühne Fliegeras Alexei (Jewgeni Urbanski). Der Große Vaterländische Krieg hat schon begonnen, als die beiden ein Paar werden. Ihnen bleiben nur wenige Tage des Glücks: Alexei kommt von einem Feindflug nicht zurück. Sascha fügt sich in ihr Witwenlos, bis der Totgeglaubte eines Tages vor der Tür steht. Der Heimkehrer ist zweifach gezeichnet: von einer tiefen Narbe quer durchs Gesicht und von der Schande, die deutsche Gefangenschaft überlebt zu haben. Im real-existierenden Stalinismus des Nachkriegs gilt Alexei als Verräter, der weder Pilot noch Kommunist sein darf. Erlösung bringt erst der Tod des Diktators. Die Wolken brechen auf. Das Eis schmilzt. Tauwetter … »Tschistjoje nebo«, eine expressiv fotografierte Schicksalssymphonie in Rückblenden, spart weder mit politischer Melodramatik noch mit visuellen Symbolismen. Vor allem im zweiten Teil des Films inszeniert Grigori Tschuchrai die Stalinsche Ära als ewigen Winter des Duckertums, dem Freude und Hoffnung nur mit größter Mühe abzutrotzen sind, als tristes Schattenreich der Willkür, wo zu Unrecht Angeklagte an ihre fiktive »Schuld« glauben, um den Verstand nicht zu verlieren. Auch wenn Alexei (der seine Rehabilitierung mit versteinerter Miene zur Kenntnis nimmt) sich wieder in die Lüfte erheben wird, zeigt Tschuchrai den Einzelnen nicht als Herrn und Helden der Geschichte sondern als deren Knecht und Opfer: Schrecken und Heil kommen und gehen wie die Jahreszeiten. Was bleibt, ist zuversichtlicher Fatalismus.
R Grigori Tschuchrai B Daniil Chabrowitski K Sergei Polujanow M Michail Siw A Boris Nemetschek S Marija Timofejewa P Mosfilm D Nina Dobrischewa, Jewgeni Urbanski, Natalja Kusmina, Witali Konjajew, Grigori Kulikow | SU | 110 min | 1:1,37 | f | 20. Mai 1961
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Kommunismus,
Krieg,
Moskau,
Romanze,
Stalinismus,
Tschuchrai,
Zweiter Weltkrieg
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