Hardcore – Ein Vater sieht rot
»Turn it off! Turn it off!! TURN IT OFF!!!« oder »Völlige Verderbtheit, bedingungslose Erwählung, begrenzte Versöhnung, unwiderstehliche Gnade und die Beharrlichkeit der Heiligen.« – Paul Schraders Schmuddel-Meditation über Calvinismus und Pornographie: Die halbwüchsige Tochter des tiefreligiösen Mittelwestlers Jake VanDorn (George C. Scott) geht auf einer Klassenfahrt in Kalifornien verloren. Die Polizei ist ratlos. Ein schmierig-fusselhaariger Privatschnüffler (Peter Boyle) findet die Spur des Mädchens – und präsentiert dem schockierten Jake den Auftritt seines Kindes in einem billigen Hardcore-Streifen… Als Reinkarnation von Ethan Edwards begibt sich der moderne »searcher« auf eine Reise durch das neonbunte Inferno der amerikanischen Lustindustrie, er tarnt sich mit Toupet, falschem Schnauz und großgemusterten Hemden, deren Kragenspitzen bis (fast) zum Bauchnabel reichen, er trifft auf großkalibrige Typen mit so klingenden Namen wie ›Jism Jim‹ oder ›Big Dick Blaque‹ – und er muß der schrecklichen Wahrheit ins Auge sehen, daß die Welt des Sex und das Reich des Glaubens spiegelbildliche Universen sind, deren Bewohner ähnliche Blessuren tragen. Die sonderbare Unentschiedenheit des schroffen Werkes zwischen moralischem Thrill und zynischer Parodie sorgt gleichermaßen für Irritation wie für Intensität.
R Paul Schrader B Paul Schrader K Michael Chapman M Jack Nitzsche A Paul Sylbert S Tom Rolf P Buzz Feitshans D George C. Scott, Peter Boyle, Season Hubley, Dick Sargent, Leonard Gaines | USA | 109 min | 1:1,85 | f | 9. Februar 1979
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9.2.79
12.2.75
L’important c’est d’aimer (Andrzej Zulawski, 1975)
Nachtblende
Durch die Nacht mit Romy, Jacques, Klaus, Fabio und den anderen. Sie alle stehen an der Endhaltestelle ihres Lebens und warten auf den Bus, der sie irgendwohin bringt: zurück, nach Hause, weg. Wichtig sei es zu lieben, meint höhnisch der Originaltitel des Films, der nur eines zeigt: verzweifelte Menschen, die unfähig sind, anderen zu sagen: »Je t’aime« – wohl vor allem deshalb, weil sie sich selber (nicht ganz ohne Grund) zutiefst verabscheuen. »L’important c’est d’aimer« spielt unter eitlen, gebrochenen, blockierten Künstlern in einer Welt, die sich nur für Haut, Fleisch und Tränen interessiert. Kaum je wurde der Warencharakter der Gefühle so unerbittlich thematisiert (und exploitiert) wie von Andrzej Zulawski; selten haben sich Akteure so restlos entblößt wie vor Ricardo Aronovichs pervers ungnädiger Kamera. Wenn Romy (als abgehalfterte Schauspielerin) sich ganz am Ende (in einem sarkastischen Zirkelschluß zum ekelhaften Anfang (»Sens-le! Sens-le!«) des Films) über den halbtot geschlagenen Fabio beugt und ihm endlich, endlich die – sie und ihn – (vielleicht) erlösenden Worte zuflüstert, macht es schnipp, und die Qual hat (zumindest für den Zuschauer) ein (vorläufiges) Ende. Ouf!
R Andrzej Zulawski B Andrzej Zulawski, Christopher Frank V Christopher Frank K Ricardo Aronovich M Georges Delerue A Jean-Pierre Kohut-Svelko S Christiane Lack P Albina du Boisrouvray D Romy Schneider, Jacques Dutronc, Klaus Kinski, Fabio Testi, Claude Dauphin | F & I & BRD | 109 min | 1:1,66 | f | 12. Februar 1975
Durch die Nacht mit Romy, Jacques, Klaus, Fabio und den anderen. Sie alle stehen an der Endhaltestelle ihres Lebens und warten auf den Bus, der sie irgendwohin bringt: zurück, nach Hause, weg. Wichtig sei es zu lieben, meint höhnisch der Originaltitel des Films, der nur eines zeigt: verzweifelte Menschen, die unfähig sind, anderen zu sagen: »Je t’aime« – wohl vor allem deshalb, weil sie sich selber (nicht ganz ohne Grund) zutiefst verabscheuen. »L’important c’est d’aimer« spielt unter eitlen, gebrochenen, blockierten Künstlern in einer Welt, die sich nur für Haut, Fleisch und Tränen interessiert. Kaum je wurde der Warencharakter der Gefühle so unerbittlich thematisiert (und exploitiert) wie von Andrzej Zulawski; selten haben sich Akteure so restlos entblößt wie vor Ricardo Aronovichs pervers ungnädiger Kamera. Wenn Romy (als abgehalfterte Schauspielerin) sich ganz am Ende (in einem sarkastischen Zirkelschluß zum ekelhaften Anfang (»Sens-le! Sens-le!«) des Films) über den halbtot geschlagenen Fabio beugt und ihm endlich, endlich die – sie und ihn – (vielleicht) erlösenden Worte zuflüstert, macht es schnipp, und die Qual hat (zumindest für den Zuschauer) ein (vorläufiges) Ende. Ouf!
R Andrzej Zulawski B Andrzej Zulawski, Christopher Frank V Christopher Frank K Ricardo Aronovich M Georges Delerue A Jean-Pierre Kohut-Svelko S Christiane Lack P Albina du Boisrouvray D Romy Schneider, Jacques Dutronc, Klaus Kinski, Fabio Testi, Claude Dauphin | F & I & BRD | 109 min | 1:1,66 | f | 12. Februar 1975
25.4.74
Dorotheas Rache (Peter Fleischmann, 1974)
Ein Festival der Liebe oder: Was Sie noch nie über Sex wissen wollten ... Peter Fleischmanns Rache am deutschen Report-Film (Schulmädchen, Krankenschwestern, Hausfrauen e tutti quanti) schickt die frühreife Tochter eines Hamburger Lachsack-Produzenten quer durch St. Pauli auf die Suche nach Liebe in den Zeiten der sexuellen Revolution. Um etwas über die große Himmelsmacht zu erfahren, treibt es Dorothea (schnutig: Anna Henkel) mit »künstlerischen Fotografen«, empfängt sie Freier in der tristen Sauberkeit des ›Eros-Center‹, besucht sie Fick-Shows in schmuddligen Etablissements, trifft sie abgelöschte Dominas und flehentliche Masochisten (die schon mal, kopfüber hängend, Rilke zitieren: »Du bist der Anfang, der sich groß ergießt, / ich bin das langsame und bange Amen,
/ das deine Schönheit scheu beschließt.«); Co-Autor Jean-Claude Carrière bringt einige buñueleske Motive in die Stationenposse ein, zum Beispiel den Auftritt des Heilands, der salbungsvoll empfiehlt, mit Kindern und Narren zu schlafen, um glücklich zu werden. Fleischmanns boshaft-kruder Lagebericht aus der Frühgeschichte der Pornographisierung des Abendlandes kombiniert künstlerische Ausdrucksmittel wie Laientheater und home movie, Kiezfolklore und Schlagerrevue (von Jürgen Marcus bis Marianne Rosenberg), um in der Utopie freier Liebe auf dem Lande zu gipfeln. Die bleibende Schockwirkung des Streifens dürfte weniger in der drastisch ausgestellten full-frontal nudity liegen, sondern vielmehr im Anblick des allerorten üppigst sprießenden Haupt-, Brust- und Schamhaars – nie war so viel Pelz wie in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. PS: »So, Freunde des Sexualsports, das war’s mal wieder für heute. Bis zur nächsten Show noch etwas Unterhaltungsmusik von Johnny Tripper und den Syphilisten.«
R Peter Fleischmann B Peter Fleischmann, Jean-Claude Carrière K Jean-Jacques Flori, Klaus Müller-Laue M Philippe Sarde S Robert Polak, Maria Heidemann, Ernst Witzel P Peter Fleischmann D Anna Henkel, Gunter Thiedeke, Régis Genger, Elisabeth Potchanski, Alexander von Paczensky | BRD & F | 92 min | 1:1,37 | f | 25. April 1974
R Peter Fleischmann B Peter Fleischmann, Jean-Claude Carrière K Jean-Jacques Flori, Klaus Müller-Laue M Philippe Sarde S Robert Polak, Maria Heidemann, Ernst Witzel P Peter Fleischmann D Anna Henkel, Gunter Thiedeke, Régis Genger, Elisabeth Potchanski, Alexander von Paczensky | BRD & F | 92 min | 1:1,37 | f | 25. April 1974
Labels:
Carrière,
Erotik,
Fleischmann,
Gesellschaft,
Hamburg,
Jugend,
Pornographie,
Satire
12.3.66
Erogotoshi-tachi yori: Jinruigaku nyumon (Shohei Imamura, 1966)
Einführung in die Menschenkunde
Der nette Herr Ogata verdient sein Geld mit der Herstellung von Sexfilmen, mit Zuhälterei (Spezialität: Jungfrauen – irgendwann waren sie es jedenfalls mal) und mit der Organisation von Swinger-Partys. Leicht ist das Leben des Erotikgeschäftsmannes nicht: Polizei und Yakuza setzen ihm ebenso zu wie seine in den Wahnsinn driftende Lebensgefährtin, deren unbotmäßige Kinder sowie ihr verstorbener Gatte, der – als stumm-beredter Zierkarpfen wiedergeboren – die Patchworkfamilie komplettiert. Kein Wunder also, daß Ogata impotent wird – und sich Heilung (nicht nur) seines Leidens von der Konstruktion einer (Sex-)Puppe verspricht: Maschinen sind wenigstens ehrlich ... Shohei Imamuras wundersame Sozialsatire verhandelt – ohne visuell explizit zu werden – Themen wie Pornographie, Prostitution und Promiskuität als Ausdruck der (geschlechtlichen) Frustration einer (hab-)gierigen, zutiefst gestörten (Konsum-)Gesellschaft, in der menschliche Beziehungen nur noch als Austausch von Ware begriffen werden. Eine burleske Einführung in die Anthropologie der Moderne.
R Shohei Imamura B Shohei Imamura, Koji Numata V Akiyuki Nosaka K Shinsaku Himeda M Toshiro Kusunoki, Toshiro Mayuzumi A Hiromi Shiozawi S Matsuo Tanji P Jiro Tomoda D Shoichi Ozawa, Sumiko Sakamoto, Masaomi Kondo, Keiko Sagawa, Ganjiro Nakamura | JP | 128 min | 1:2,35 | sw | 12. März 1966
Der nette Herr Ogata verdient sein Geld mit der Herstellung von Sexfilmen, mit Zuhälterei (Spezialität: Jungfrauen – irgendwann waren sie es jedenfalls mal) und mit der Organisation von Swinger-Partys. Leicht ist das Leben des Erotikgeschäftsmannes nicht: Polizei und Yakuza setzen ihm ebenso zu wie seine in den Wahnsinn driftende Lebensgefährtin, deren unbotmäßige Kinder sowie ihr verstorbener Gatte, der – als stumm-beredter Zierkarpfen wiedergeboren – die Patchworkfamilie komplettiert. Kein Wunder also, daß Ogata impotent wird – und sich Heilung (nicht nur) seines Leidens von der Konstruktion einer (Sex-)Puppe verspricht: Maschinen sind wenigstens ehrlich ... Shohei Imamuras wundersame Sozialsatire verhandelt – ohne visuell explizit zu werden – Themen wie Pornographie, Prostitution und Promiskuität als Ausdruck der (geschlechtlichen) Frustration einer (hab-)gierigen, zutiefst gestörten (Konsum-)Gesellschaft, in der menschliche Beziehungen nur noch als Austausch von Ware begriffen werden. Eine burleske Einführung in die Anthropologie der Moderne.
R Shohei Imamura B Shohei Imamura, Koji Numata V Akiyuki Nosaka K Shinsaku Himeda M Toshiro Kusunoki, Toshiro Mayuzumi A Hiromi Shiozawi S Matsuo Tanji P Jiro Tomoda D Shoichi Ozawa, Sumiko Sakamoto, Masaomi Kondo, Keiko Sagawa, Ganjiro Nakamura | JP | 128 min | 1:2,35 | sw | 12. März 1966
Labels:
Erotik,
Familie,
Gesellschaft,
Imamura,
Osaka,
Pornographie,
Prostitution,
Satire,
Yakuza
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