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25.1.67

Trans-Europ-Express (Alain Robbe-Grillet, 1967)

Trans-Europ-Express

»Quel sujet?« – »Trafic de drogues. Tu sais … quelque chose d’animé, des bagarres, des viols, des truc qui sautent.« Alain Robbe-Grillet würde – mit Produzent und Assistentin – in den Trans-Europ-Express von Paris nach Antwerpen steigen und ersönne, weil ein Schnellzug ein attraktives Setting und »Trans-Europ-Express« ein guter Titel wäre, eine Filmhandlung aus, die im Trans-Europ-Express von Paris nach Antwerpen spielte (oder jedenfalls dort begänne): irgendetwas mit Drogenhandel, Krawall, Vergewaltigung – eine handfeste (und dabei amüsant paradoxe) Räuberpistole. Die Hauptrolle, einen Mann namens Elias, spielte Jean-Louis Trintignant, der als Kurier eines Kokainschmugglerrings anheuerte und einen Koffer mit doppeltem Boden von Paris nach Antwerpen zu bringen hätte, wo er – Beobachtungen, Verfolgungen und Prüfungen seiner Loyalität ausgesetzt – auf die schöne Eva träfe, deren Rolle Marie-France Pisier übernähme, Eva, die sich Elias für Geld anböte und dessen (sowie Robbe-Grillets) sado-erotischen Phantasien zu Willen wäre. Die Filmemacher würden den ausgesponnenen Plot ihres Thriller-Pasticcios fortwährend reflektieren, korrigieren, verkomplizieren, zum Beispiel dahingehend, daß der Schmuggel gar kein Schmuggel wäre sondern die Generalprobe eines Schmuggels, was der Schmuggler selbst aber erst erführe, wenn er den Koffer mit dem doppelten Boden bei seinen Auftraggebern ablieferte. »Trans-Europ-Express« verwebte – als parodistisch-klischierte Fiktion, sowohl des erdachten Kriminalfalles als auch des schöpferischen Prozesses – Rahmenhandlung und imaginiertes Geschehen immer wieder glasklar-verwirrend ineinander, um nach zweifachem (einmal unbewußten, einmal vorsätzlichen) Verrat sowie zwei Morden – einer lustvollen Erdrosselung und einem gezielten Todesschuß – mit einer doppelten Wiederauferstehung zu enden.

R
Alain Robbe-Grillet B Alain Robbe-Grillet K Willy Kurant M Michel Fano S Bob Wade P Samy Halfon D Jean-Louis Trintignant, Marie-France Pisier, Christiane Barbier, Daniel Emilfork, Alain Robbe-Grillet | F & B | 96 min | 1:1,66 | sw | 25. Januar 1967

12.6.64

Tim Frazer jagt den geheimnisvollen Mister X (Ernst Hofbauer, 1964)

»J’ai péché.« Eine geheimnisvolle Mordserie erschüttert Antwerpen: Alle zehn Tage stirbt ein Hafenarbeiter durch einen Stilettstich in den Rücken. Der überforderte Inspektor Stoffels (Paul Löwinger) erhält Verstärkung aus London: Tim Frazer (Adrian Hoven) stellt fest, daß Opfer und Täter durch Mitgliedschaft in einer Bande von Rauschgiftschmugglern – beteiligt sind unter anderem eine frivole Schankwirtin, eine leopardige Barbesitzerin und der hinkende Konsul von Anatolien – miteinander verbunden sind … Die ausgedehnten Hafenanlagen Antwerpens und die winkligen Straßen der Altstadt bilden die atmosphärische Kulisse für eine (abgesehen von einigen expressiv beleuchteten Nachtszenen, ein paar überraschenden jump-cuts à la Godard sowie zwei visuell recht attraktiven Verfolgungsjagden auf eine Klappbrücke und durch die Röhre des Sint-Annatunnels unter der Schelde) eher behäbig inszenierte Krimiplotte (die mit Francis Durbridges »Tim Frazer«-Romanen nichts zu tun hat); mindestens ebensosehr wie für die Aufklärung der Bluttaten interessiert sich Ernst Hofbauer für weibliche Dekolletés, denen zu dekorativen Folterzwecken schon mal eine glühende Zigarette gefährlich naherückt. Eine gewisse Originalität beweist die Besetzung Ady Berbers: In den Edgar-Wallace- und Mabuse-Filmen auf die Rolle des debilen Schergen abonniert, darf sich der sympathische Wiener Koloß in diesem Falle einmal als tapferer Helfer der Gesetzeshüter beweisen.

R Ernst Hofbauer B Ernst Hofbauer K Raimund Herold M Heinz Neubrand A Hans Zehetner S Arnd Heyne P Josef Eckert D Adrian Hoven, Paul Löwinger, Corny Collins, Ellen Schwiers, Mady Rahl, Ady Berber | A & B | 87 min | 1:1,66 | sw | 12. Juni 1964

# 916 | 13. November 2014

1.10.59

Das Totenschiff (Georg Tressler, 1959)

»Kamele und Esel legen sich hin, wenn sie nicht mehr können. Aber der Mensch läßt sich martern. Weil er denken kann. Weil er sich Hoffnungen macht.« Eine Nutte klaut dem amerikanischen Matrosen Philip Gale (Horst Buchholz) in Antwerpen die Börse samt Seefahrtbuch. Seiner Papiere (= seiner Tatsächlichkeit) beraubt, sitzt der Schiffer auf dem Trockenen und wird zur Unperson. Ein kafkaesker Alptraum beginnt: ohne Ausweis keine Arbeit, kein Aufenthalt, kein Leben. Es bleibt die Flucht mit unbekanntem Ziel – der Weg führt vorbei an einem zarten, sommerlichen, hoffnungslosen Versprechen auf Liebe; am Ende wartet das Schicksal in Form eines rostigen Frachters, der den Tod geladen hat: Der Dienst auf der ›Yorikke‹ verheißt nichts als »blood, toil, tears and sweat«, doch ohne Erlösung, ohne Sieg, ohne Chance auf Überstehen: »Who enters here / Will no longer have existence; / His name and soul have vanished / And are gone for ever.« Georg Tresslers Adaption des Romans von B. Traven verzichtet auf den sozialkritisch-antikapitalistischen Impetus der Vorlage zugunsten der Gestaltung eines (im Camus’schen Sinne) absurden Abenteuerfilms: Die Erzählung zerfällt in einzelne, immer bedrückender werdende Episoden, um schließlich im Bild eines verzweifelten Mannes inmitten der grenzenlosen Einsamkeit des offenen Meeres zu kulminieren. Von Heinz Pehlke mit sensibler Strenge fotografiert, gewährt »Das Totenschiff« nur einen Trost: ob arme Schweine (Mario Adorf, Helmut Schmid und Günter Meisner als geknechete Maschinisten) oder fiese Ratten (Werner Buttler und Alf Marholm als befehlshabende Exploiteure) – am Ende sind sie alle gleich. Nämlich tot.

R Georg Tressler B Hans Jacoby, Georg Tressler V B. Traven K Heinz Pehlke M Roland Kovac A Emil Hasler, Walter Kutz S Ilse Voigt P Georg Tressler, José Kohn D Horst Buchholz, Mario Adorf, Helmut Schmid, Werner Buttler, Elke Sommer | BRD & MEX | 98 min | 1:1,37 | sw | 1. Oktober 1959