»Es sind nur die Nerven ... es sind nur die Nerven … die Nerven … die Nerven.« Die psychisch leicht angeschlagene Chefsekretärin Eve (Uschi »Schätzchen« Glas) reist zur geistigen Gesundung in ein mondänes Kurbad, wo sie unter eine kleine Schar bildschöner Schreckgespenster der Emanzipation (Françoise Fabian, Irina Demnick, Pascale Petit, Judy Winter) gerät: Im exklusiven Sanatorium der gestrengen Dr. Barbara werden Männer – nach dem Vorbild der Gottesanbeterin (und dem Manifest der ›Society for Cutting Up Men‹) – per (Lust-)Mord von ihrer inferioren Existenz befreit … Autor Manfred Purzer präsentiert die Selbstbestimmung der Frau als lukullisch-verzerrten Auslöschungsangsttraum des vermeintlich starken Geschlechts; Zbynek Brynych tut erst gar nicht so, als nähme er Drehbuch oder Thema ernst, er fummelt formal daran herum, saugt es exploitativ aus, schnüffelt am Post-68er-Zeitgeist wie ein Süchtiger am Lösungsmittel, benutzt die (von Charly Steinberger konvulsivisch bewegte, gerissene, geschleuderte) Kamera einmal mehr wie ein Maschinengewehr, das Erzählstoff in Fetzen an die Leinwand tackert. »Die Weibchen« schwenkt (und zoomt) hektisch zwischen Satire und Horror, Klamotte und Melo – in der Summe ist das Ganze (je nach Standpunkt) mehr oder weniger als die Summe seiner (Versatz-)Teile: ein filmischer Veitstanz auf dem schmalen Grat zwischen wirklichem Wahn und wahnwitziger Wirklichkeit. PS: »Heute ist ein schöner Tag.«
»Die Weibchen« R Zbynek Brynych B Ernst Flügel (= Manfred Purzer) K Charly Steinberger M Peter Thomas A Wolf Englert S Sophie Mikorey P Luggi Waldleitner D Uschi Glas, Françoise Fabian, Irina Demick, Alain Noury, Hans Korte | BRD & F & I | 90 min | 1:1,66 | f | 22. Dezember 1970
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22.12.70
18.9.70
Engel, die ihre Flügel verbrennen (Zbynek Brynych, 1970)
Die erzählerischen Leitmotive (und Lebensthemen) Herbert Reineckers, dieses Trivial-Boccaccio der wohlstandssatten Bundesrepublik – das unschuldig Schuldigwerden und die Schwierigkeiten junger Menschen, ihren Platz in einer (wahlweise: verlotterten, gefühllosen, feindlichen) Gesellschaft zu finden –, explodieren in der hypnotisch-hektischen Sicht des durchgeknallten Tschechen Zbynek Brynych zu einem Zinnober der Ausweglosigkeit, zu einem optisch-akustischen Rausch der Linsenfahrten und Kamerawischer, der Verkantungen und Verzerrungen, der zermürbenden musikalischen Reprisen und der Dialoge, die stets anmuten wie Selbstgespräche zu mehreren. »Engel, die ihre Flügel verbrennen« kolportiert die Welt der Erwachsenen als (High-Society-) Kindergarten der Indolenz, der Triebhaftigkeit, des Selbstekels, kurz: der tiefen menschlich-moralischen Korruption; die Farce, die die Alten (im huis clos eines luxuriösen Münchner Apartment-Hochhauses) aufführen, wiederholt sich in der Tragödie der Kinder, die dem Treiben ihrer Eltern nichts entgegenzusetzen haben als wütenden Totschlag und Abflug in den Selbstmord. Brynych läßt die Puppen tanzen (das heißt vor allem: ihre Haare werfen) und bringt Reineckers bizarre Namensschöpfungen zum Klingen: Moni Dingeldey (tödlich-naiv: Susanne Uhlen), Hilde Susmeit (sinnlich-lasziv: Nadja Tiller), Elvira Schramm, Kirr, Krüss … Peter Thomas rundet die konsequent antinaturalistische Krimi-Melo-Groteske mit rhythmischer Fickmusik ab und setzt sich in seiner launig-lyrischen Pop-Klage »Angels Who Burn Their Wings« selbst ein (wohl-) tönendes Denkmal.
»Engel, die ihre Flügel verbrennen« R Zbynek Brynych B Herbert Reinecker K Josef Vanis M Peter Thomas A Leo Karen S Sophie Mikorey P Walter Tjaden D Nadja Tiller, Susanne Uhlen, Jan Koester, Jochen Busse, Siegfried Rauch | BRD | 93 min | 1: 1,66 | f | 18. September 1970
»Engel, die ihre Flügel verbrennen« R Zbynek Brynych B Herbert Reinecker K Josef Vanis M Peter Thomas A Leo Karen S Sophie Mikorey P Walter Tjaden D Nadja Tiller, Susanne Uhlen, Jan Koester, Jochen Busse, Siegfried Rauch | BRD | 93 min | 1: 1,66 | f | 18. September 1970
31.7.70
Oh Happy Day (Zbynek Brynych, 1970)
»›Die Jugend‹, sagt Mao, ›ist wie die Sonne um acht oder neun Uhr morgens.‹« Anna (Anne-Marie Kuster), die schulmädchenhaft-kichernde, jungfräulich-liebesdurstige Protagonistin des Films, zitiert verkürzt; wörtlich sagte der große Vorsitzende: »Ihr jungen Menschen, frisch und aufstrebend, seid das erblühende Leben, gleichsam die Sonne um acht oder neun Uhr morgens. Unsere Hoffnungen ruhen auf euch.« Anna fühlt keinerlei Hoffnung auf sich ruhen, nur Ansprüche und Verständnislosigkeit, ihr erblühendes Leben droht unter einer Käseglocke herablassender Behütung noch vor der Maienzeit abzuwelken. Weder ihre Eltern (Nadja Tiller und Karl Michael Vogler) noch die Lehrerinnen an der Nonnenschule (darunter die erotisch-ironische Hanne Wieder) begreifen, was das Fräulein will. So geht Anna alleine auf die Suche nach der Freiheit, die sie meint, nach einem neuen Wort für Liebe, mäandert auf ihren tagträumerischen Wegen von einem schweigsamen Chauffeur (Siegfried Rauch) zu einem schmeichlerischen Geschäftsmann, von bedröhnten Hippies zu ihrem fußballbegeisterten Busenfreund Robert (Amadeus August). Zbynek Brynych, der hintersinnige Irre von Prag, verdichtet seinen popfarbenen Münchner Coming-of-age-Report auf zwei Tage erzählte Zeit, zwei »happy days« voller schriller Wortwechsel und alltäglicher Albdrücke, voller psychedelischer Einsichten und tiefer Blicke in die Augen der Akteure. Die ersehnte Befreiung findet schließlich in einem desinfizierten Hotelzimmer statt … Ein glucksendes Sittenbild wie aus dem Inneren einer Lavalampe.
»Oh Happy Day« R Zbynek Brynych B Alexander Fuhrmann K Josef Vanis M Peter Thomas A Leo Karen S Sophie Mikorey P Walter Tjaden D Anne-Marie Kuster, Amadeus August, Nadja Tiller, Karl Michael Vogler, Siegfried Rauch, Hanne Wieder | BRD | 90 min | 1: 1,66 | f | 31. Juli 1970
»Oh Happy Day« R Zbynek Brynych B Alexander Fuhrmann K Josef Vanis M Peter Thomas A Leo Karen S Sophie Mikorey P Walter Tjaden D Anne-Marie Kuster, Amadeus August, Nadja Tiller, Karl Michael Vogler, Siegfried Rauch, Hanne Wieder | BRD | 90 min | 1: 1,66 | f | 31. Juli 1970
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