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26.6.79

Moonraker (Lewis Gilbert, 1979)

James Bond 007 – Moonraker – Streng geheim

James Bonds unheimliche Begegnungen der vierten Art – und quasi eine Spiegelung des Vorgängers »The Spy Who Loved Me«: oben statt unten, Kosmos statt Tiefsee. 007s Widersacher Sir Hugo Drax (ominös: Michael Lonsdale) plant die Auslöschung der Menschheit (immerhin 4,4 Milliarden) und die Züchtung einer perfekten Herren-(und Damen-)Rasse im keimfreien Orbit. Übermensch Bond (mit jeder Faser in seiner Rolle: Roger Moore) kann dies natürlich nicht dulden. Das Drehbuch (Christopher Wood) ist angemessen schwerelos und bar jeder Dreingabe von störendem Realismus, die surreal-elegante Verknüpfung von französischem Barock und Space-Shuttle-Futurismus, von venezianischer Noblesse und brasilianischer Sinnlichkeit schafft einen fantastisch-grenzenlosen Welt-Raum, ergo ein angemessenes Spiel-Feld für den legendären Agenten Ihrer Majestät. Im gleichen Maße, wie allen Beteiligten nach und nach sämtliche Sicherungen durchknallen, entwickelt sich »Moonraker« zu einem stratosphärischen Höhepunkt der unsterblichen Filmreihe. Sonstige Bond-Spezifika: letzte Einsätze von Bernard Lee (›M‹), Ken Adam (Bauten), Shirley Bassey (Stimme) und Lewis Gilbert (Regie) – somit auch das Ende einer Ära. 

R
Lewis Gilbert B Christopher Wood V Ian Fleming K Jean Tournier M John Barry A Ken Adam S John Glen P Albert R. Broccoli D Roger Moore, Lois Chiles, Michael Lonsdale, Richard Kiel, Bernard Lee | UK & F | 126 min | 1:2,35 | f | 26. Juni 1979

9.2.79

The Warriors (Walter Hill, 1979)

Die Warriors

»Thálatta! Thálatta!« (»When we see the ocean, we figure we’re home. We’re safe.«) Ein urbaner Kriegsfilm, eine Reise ans Ende der Nacht. Der Schauplatz: eine exemplarische Großstadt – New York. Die Protagonisten: ›Kool Killers‹ – gang members. Eines der klassischen Geschichtswerke des Abendlandes paraphrasierend, liegt Walter Hill wohl nichts ferner, als eine filmische Enquête über Jugendgewalt als Symptom gesellschaftlicher Verrohung zu liefern. Er erzählt (mit Sinn für Rhythmus, Stil und Posen) die archaische Geschichte eines versprengten Trupps auf dem Weg nach Hause – Ausgangspunkt: die Bronx, Ziel: Coney Island (Das Meer! Das Meer!) – und beschreibt, ganz en passant, den Krieg aller gegen alle als Normalzustand der verdämmernden westlichen Zivilisation. »Somewhere out on that horizon / Faraway from the neon sky / I know there must be somethin’ must be somethin’ better.«

R Walter Hill B Walter Hill, David Shaber V Sol Yurick, Xenophon K Andrew Laszlo M Barry De Vorzon A Don Swanagan, Robert Wightman S Freeman Davis, David Holden, Susan E. Morse, Billy Weber P Lawrence Gordon D Michael Beck, James Remar, Dorsey Whright, Brian Tyler, David Harris | USA | 92 min | 1:1,78 | f | 9. Februar 1979

28.7.78

The Driver (Walter Hill, 1978)

Driver

»I respect a man that’s good at what he does.« – »The Driver« erzählt kaum etwas, verzichtet auf jede Form von Psychologisierung, ist first and foremost: ein ›movie‹. Die minimalistische Handlung setzt drei abgeklärte Figuren zueinander in (höchst (auto-)mobile) Beziehung: den ›driver‹ (Ryan O’Neal), der als bezahlter Profi Gangster vom Tatort wegschafft, den ›detective‹ (Bruce Dern), dessen obsessives Ziel es ist, den ›driver‹ zu stellen, den (einigermaßen rätselhaften) weiblichen ›player‹ (Isabelle Adjani), die gegen Geld Alibis liefert, aber letztlich ihr eigenes Süppchen kocht … Stark beeinflußt von Jean-Pierre Melvilles abstrakten Unterwelt-Balladen, setzt Walter Hill den Fuß aufs filmische Gaspedal und treibt (in immer neuen Variationen von Abbremsen und Beschleunigung) sein Bewegungsspiel zu extremer Geschwindigkeit. Die nächtliche Stadt (L.A.) bereitet das Terrain für die rasant inszenierten car chases; ein gegen Null gehender Score (Michael Small), ultralakonische Dialoge und die No-Face-Performances aller Akteure unterstreichen die distinguierte Bedeutungslosigkeit des Geschehens.

R Walter Hill B Walter Hill K Philip H. Lathrop M Michael Small A Harry Horner S Tina Hirsch, Robert K. Lambert P Lawrence Gordon D Ryan O’Neal, Bruce Dern, Isabelle Adjani, Ronee Blakley, Matt Clark | USA | 91 min | 1:1,85 | f | 28. Juli 1978

5.10.77

L’animal (Claude Zidi, 1977)

Ein irrer Typ

Hyperaktive Zappelkomödie mit Jean-Paul Belmondo in einer Doppelrolle als tollkühner Stuntman Mike Gaucher und effeminierter Megastar Bruno Ferrari. »L’animal« pfeift fröhlich auf die psychologischen Möglichkeiten dieser Konstellation, bietet stattdessen dem Hauptdarsteller zahlreiche Gelegenheiten, seine Physis zu präsentieren. Die unegale Handlung begnügt sich mit umwerfend plumpen Klischees, zeigt das Filmgeschäft als liebenswert geistlose Kulissenwelt, in der rohe Kräfte sinnlos walten, als wilden Zoo voller großer und kleiner Idioten, die, jeder auf seine Art, in ihren Käfigen verrückt spielen. Claude Zidi ist sich für keinen Kalauer zu schade, setzt ganz auf brachialen Körperwitz, exploitiert genüßlich jedes Stereotyp: Der Produzent schreit, der Regisseur hat keinen Plan, der Schwule trägt ein rosa Rüschenhemd, die schöne Widerspenstige (Raquel Welch) wird gezähmt, der Kaskadeur nimmt jede Hürde. Mit der Wirklichkeit (des Gewerbes) hat das nicht viel zu tun. Aber wen interessiert (im Kino) schon die Wirklichkeit?

R Claude Zidi B Michel Audiard, Dominique Fabre, Claude Zidi K Claude Renoir M Vladimir Cosma A Théo Meurisse S Robert Isnardon, Monique Isnardon P Christian Fechner D Jean-Paul Belmondo, Raquel Welch, Charles Gérard, Julien Guiomar, Aldo Maccione | F | 100 min | 1:2,35 | f | 5. Oktober 1977

28.9.77

La menace (Alain Corneau, 1977)

Lohn der Giganten

Beschrieb »Police Python 357« die verzweifelte Bemühungen eines unter Mordverdacht Geratenen, seine Unschuld zu beweisen, schildert »La menace« (≈ die Bedrohung) den Versuch eines Mannes, seine Geliebte von dem Verdacht zu entlasten, ein Verbrechen begangen zu haben, das nie stattgefunden hat ... Nachdem sich der Ex-Trucker Henri Savin (Yves Montand) von seiner wohlhabenden Lebensgefährtin Dominique (Marie Dubois) getrennt hat, fällt diese in eine Depression und bringt sich schließlich um – ein Suizid, der wie ein Mord aussieht, für den Savins neue Freundin Julie (Carole Laure) zur Rechenschaft gezogen werden soll. Savin, Alleinerbe der Verstorbenen, legt Spuren, die ihn als Täter ausweisen, und setzt sich nach Kanada ab, um dort, in einem risikoreichen Befreiungsmanöver, seinen Tod zu inszenieren und ein neues Leben zu beginnen … Alain Corneau knüpft zunächst mit geduldiger Akribie das fatale Netz der irreführenden Hinweise, der falschen Schlüsse, der schicksalhaften Bedrängnisse, um im letzten Viertel des Films ein furioses Actionfinale zu entfesseln, das einen Vergleich mit kinematographischen Vorbilder wie Henri-Georges Clouzots »Le salaire de la peur« und Steven Spielbergs »Duel« nicht zu scheuen braucht. Gerry Mulligans bald lyrisch-introspektiver, bald fiebrig-nervöser Jazz-Soundtrack begleitet und treibt das heikle Geschehen bis zur sarkastischen Pointe.

R Alain Corneau B Daniel Boulanger, Alain Corneau K Pierre-William Glenn M Gerry Mulligan A Jean-Pierre Kohut-Svelko S Henri Lanoë P Denise Petitdidier, Léo L. Fuchs D Yves Montand, Carol Laure, Marie Dubois, Jean-François Balmer, Jacques Rispal | F & CDN | 117 min | 1:1,66 | f | 28. September 1977

# 1059 | 22. Juni 2017

7.7.77

The Spy Who Loved Me (Lewis Gilbert, 1977)

James Bond 007 – Der Spion, der mich liebte

»Under the sea, under the sea / Darling it's better down where it's wetter.« Ein spaßiger, weil ziemlich ausgetickter 007: Ken Adams production design läuft zu ozeanischer Form auf, Marvin Hamlishs Bond-goes-Disco-Mucke läßt sich hören, Roger Moore ist in seinem shaken-not-stirred-Element, Killer ›Jaws‹ (Richard Kiel) beißt kraftvoll zu. Wenn Erzhalunke Curd »Stromberg« Jürgens (modisch gesehen eine Art Kim Jong-il avant la lettre) nicht ganz so kleiderschrankhaft im pompösen Unterwasser-Setting herumstünde und Barba­ra Bach etwas mehr als einen Gesichtsausdruck in ihr Spiel einbrächte, wäre das Vergnügen noch größer.

R Lewis Gilbert B Christopher Wood, Richard Maibaum V Ian Fleming K Claude Renoir M Marvin Hamlisch A Ken Adam S John Glen P Albert R. Broccoli D Roger Moore, Barbara Bach, Curd Jürgens, Richard Kiel, Caroline Munro | UK | 125 min | 1:2,35 | f | 7. Juli 1977

24.6.77

Sorcerer (William Friedkin, 1977)

Atemlos vor Angst 

»Where am I going? Where am I going?« Vier Männer – ein Kirchenräuber aus New Jersey (Roy Scheider), ein Bankrotteur aus Paris (Bruno Cremer), ein Terrorist aus Palästina (Amidou), ein Killer aus Vera Cruz (Francisco Rabal) – sind am verdammten Arsch der Welt gestrandet. Sie brauchen Geld, um wegzukommen. Darum fahren sie eine Ladung hochexplosives Nitroglyzerin durch den Dschungel. William Friedkin – dem es nicht gereicht hat, einen französischen Star (Jeanne Moreau) zu heiraten, der auch noch einen französischen Klassiker (»Le salaire de la peur«) ficken wollte – interessiert sich im Grunde für nichts: nicht für die vier Männer, nicht für ihre Mission, nicht für ihr Sterben. Er zeigt nur die kalte Welt, in der die Menschen (warum auch immer) überleben wollen – die Welt als Wildnis, als Sack­gasse, als Endstation. In Büchners »Woyzeck« erzählt die Großmutter ein Märchen, in dem der Mond ein Stück faules Holz ist und die Sonne eine verwelkte Sonnenblume und die Erde ein umgestürzter Hafen. »Sorcerer« führt an solch einen Ort: »It's the kind of place nobody wants to go looking.«

R William Friedkin B Walon Green V Georges Arnaud K Dick Bush, John M. Stephens M Tangerine Dream A John Box S Bud Smith P William Friedkin D Roy Scheider, Bruno Cremer, Francisco Rabal, Amidou, Karl John | USA | 121 min | 1:1,85 | f | 24. Juni 1977

1.4.77

Black Sunday (John Frankenheimer, 1977)

Schwarzer Sonntag

A study in terror – John Frankenheimers energiegeladenes Action-Epos schildert (nach einem Roman des späteren Hannibal-Lecter-Autors Thomas Harris) die zunehmend verzweifelten Bemühungen des abgekämpfen Mossad-Agenten Kabakow (Robert Shaw), den monumentalen Anschlag eines palästinensischen Kommandos auf ein – zunächst unbekanntes – Ziel in den Vereinigten Staaten zu verhindern: Eine unter die Gondel eines Luftschiffs montierte gewaltige Nagelbombe soll während des Super Bowl, der heiligen Messe des American way of life, 80000 Menschen (inklusive des US-Präsidenten) töten. Frankenheimer kombiniert fieberhaften Dokumentarstil mit expressiver Symbolik (etwa wenn nach einem gelungenen Explosionstest tausende von Lichtstrahlen durch die zerlöcherte Blechhülle eines Hangars fallen) und begreift Dahlia Iyad, die unberirrbare Frontfrau des »Schwarzen September« (Marthe Keller), die den verbitterten Vietnam-Veteranen Lander (»I wanted to give this whole son-of-a-bitchin’ country something to remember me by!« – Bruce Dern) zum willigen Werkzeug ihres Schreckensplans formt, weniger als blindwütige Furie denn als folgerichtiges Produkt westlicher Nahost-Politik :»After all ... in a way, she’s your creation.«

R John Frankenheimer B Ernest Lehman, Kenneth Ross, Ivan Moffat V Thomas Harris K John A. Alonzo M John Williams A Walter Tyler S Tom Rolf P Robert Evans D Robert Shaw, Bruce Dern, Marthe Keller, Fritz Weaver, Steven Keats | USA | 143 min | 1:2,35 | f | 1. April 1977

# 1097 | 22. Februar 2018

19.10.75

Inside Out (Peter Duffell, 1975)

Ein genialer Bluff

Es war einmal im Zweiten Weltkrieg, da hat ein ranghoher Nazi Gold versteckt, viel Gold, sehr viel Gold, und zwar im Bunker seines Landhauses, irgendwo nördlich von Berlin. 30 Jahre später gehen ein in London residierender Ex-US-Major (glücksritterlich: Telly Savalas), ein Ex-Juwelendieb (berufsjugendlich: Robert Culp), ein Ex-Wehrmachtsoffizier (verkniffen: James Mason) und ein Ex-Landser (verschreckt: Günter Meisner) daran, den Schatz nach allen Regeln der Heist-Kunst zu bergen. Peter Duffell hält sich nicht länger als unbedingt nötig mit historischen, narrativen oder technischen Wahrscheinlichkeiten auf, macht großzügig Gebrauch von glücklichen Zufällen, billiger Trickserei und surrealer Erfindungsgabe – grandiose Klimax: Reinhardt Holtz (Wolfgang Lukschy als Rudolf-Heß-Korrelat) wird für ein paar Stunden aus dem Spandauer Kriegsverbrechergefängnis (»Siegfried prison«!) entführt, um vollgedrogt in nächtlicher Hakenkreuzkulisse mit einem bellenden Hitler-Wiedergänger konfrontiert zu werden, der ihm, dem verschwitzt dienstfertigen Ex-Bonzen, das güldene Geheimnis entlockt –, damit seine schrägen Helden den ehrgeizigen Plan (diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs) erfolgreich über die Bühne bringen können; so gelingt dem furchtlosen Regisseur, trotz haarsträubender Abschreibungsästhetik und unpassend dudeliger Musikuntermalung, eine Räuberpistole von souveräner Abstrusität

R Peter Duffell B Judd Bernard K John Coquillon M Konrad Elfers A Peter Lamont S Thom Noble P Judd Bernard D Telly Savalas, James Mason, Robert Culp, Günter Meisner, Aldo Ray, Adrian Hoven | UK & BRD & USA | 97 min | 1:1,85 | f | 19. Oktober 1975

# 1079 | 11. Oktober 2017

9.4.75

Peur sur la ville (Henri Verneuil, 1975)

Angst über der Stadt

Körper in Angst, Körper in der Stadt – »Peur sur la ville« ist hochgradig triebhaftes, rein physisches, entschieden urbanes (Action-)Kino. Die Stadt ist Paris: funkelnd, vibrierend, gewaltig. Die männlichen Körper sind: ein obsessiver Kriminalist, ein psychopathischer Serienmörder, ein rücksichtsloser Schwerverbrecher – Kraft, die sinnlos waltet. Die weiblichen Körper sind: eine lustige Witwe, eine offenherzige Krankenschwester, ein geschäftstüchtiger Pornostar – Fleisch, das zum Verzehren einlädt. Schrecken verbreitet ein sexuell gekränkter Mann, der Frauen umbringt, weil er anders nicht über sie verfügen kann; gehetzt wird er von einem professionell gekränkten Polizisten, dessen unbeherrschter Rachedurst Angst macht – gespalten-frustrierte Charaktere, würdige Gegner. Die Story ist forciert bis zur Groteske, Henri Verneuil erzählt sie direkt bis zur Vulgarität, borgt beim Poliziottesco den einzelgängerischen tough cop (Jean-Paul Belmondo als lederbejackter Kommissar Letellier) und beim Giallo den weiberhassenden Totmacher (Adalberto Maria Merli als glasäugiger Killer ›Minos‹), inszeniert virtuose Verfolgungsjagden durch Straßen und über Dächer, durch U-Bahnhöfe und über die Dächer von Métro-Zügen. Ein dissonant-treibender Morricone-Score hält den Pulsschlag dieser schmutzigen Perle des französischen Genrefilms bis zum finalen Schlagabtausch auf hoher Frequenz.

R Henri Verneuil B Henri Verneuil, Francis Veber, Jean Laborde K Jean Penzer M Ennio Morricone A Jean André S Pierre Gillette, Henri Lanoë P Jean-Paul Belmondo D Jean-Paul Belmondo, Charles Denner, Adalberto Maria Merli, Rosy Varte, Léa Massari | F & I | 125 min | 1:1,85 | f | 9. April 1975

19.12.74

The Man with the Golden Gun (Guy Hamilton, 1974)

James Bond 007 – Der Mann mit dem goldenen Colt 

Es gibt ein paar schöne Sets – etwa die Hongkonger MI6-Dependance im halbversunkenen Wrack der ›Queen Elizabeth‹ oder der caligareske Trainingsraum des schießwütigen Schurken. Auch Christopher Lee als (fast) immer zielsicherer bad guy Scaramanga macht starken Eindruck. Der böse Zwerg (Hervé Villechaize) hat ein paar denkwürdige Auftritte. Selbst der Verzicht auf Martinis, die weitgehende Abwesenheit von ironischer Distanz und die arg forcierte Misogynie mögen angehen.  Aber Guy Hamiltons außerhalb der Actionsequenzen doch recht gelangweilte Regie und vor allem die erstaunlich stimmungslose Kameraarbeit mindern das Vergnügen an »The Man with the Golden Gun« ganz erheblich.

R Guy Hamilton B Richard Maibaum, Tom Mankiewicz V Ian Fleming K Ted Moore, Oswald Morris M John Barry A Peter Murton S Raymond Poulton, John Shirley P Albert R. Broccoli, Harry Saltzman D Roger Moore, Christopher Lee, Britt Ekland, Maud Adams, Hervé Villechaize | UK | 125 min | 1:1,85 | f | 19. Dezember 1974

25.9.74

Juggernaut (Richard Lester, 1974)

18 Stunden bis zur Ewigkeit

Terror an Bord! 1.200 Passagiere eines ocean liners sitzen auf einem Pulverfaß: Ein ebenso anonymer wie genialer Bombenbauer (›Juggernaut‹) droht, das Schiff in der Weite des winterlichen Atlantiks mit sieben Sprengsätzen in die Luft zu jagen – es sei denn, er erhielte binnen 18 Stunden 500.000 £ in bar. Richard Lester schickt eine Garde hochklassiger Darsteller ins death race: Cusack, Glover, Harris, Hemmings, Holm, Hordern, Hopkins, Jones, Kinnear, Knight, Sharif. Spannung wird weder von schnellen Schnitten noch von rasanten Kamerafahrten und auch nicht von gigantischen Explosionen erzeugt – sie spielt sich allein in den mal großkotzigen, meist aber verkniffenen Minen der Protagonisten ab. Daß sich der Film zudem (fast alle) Zeit (der Welt) nimmt, das von verdrängten Gefühlen, unterdrückten Ängsten und angestrengter Lustigkeit beherrschte Leben unter dem bedrohlich pendelnden Damoklesschwert spöttisch-nüchtern zu skizzieren, potenziert seine emotionale Kraft: »Do you think the water will be very cold?« – »In my professional opinion: not hot. And it will ruin your hair.«

R Richard Lester B Richard Alan Simmons K Gerry Fisher M Ken Thome A Terence Marsh S Anthony Gibbs P Richard Alan Simmons D Richard Harris, Omar Sharif, David Hemmings, Anthony Hopkins, Shirley Knight | UK | 109 min | 1:1,66 | f | 25. September 1974

11.4.73

Scorpio (Michael Winner, 1973)

Scorpio, der Killer

Der Spionage-Thriller ist eines der Schlüsselgenres der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Die »Landschaft der Verrats« findet ihre eindrücklichste Widerspiegelung im Agentenfilm, und so haben auch halbgare Exemplare der Gattung zumeist ihre Meriten. Die besseren Momente von »Scorpio« etwa beschäftigen sich mit der Auseinandersetzung zwischen altgewordenen Idealisten (verkörpert von Burt Lancaster und Paul Scofield) sowie nachwachsenden Technokraten und karrieristischen Söldnern (porträtiert von Alain Delon); der Krieg der Ideologien ist in einen Krieg der »Dienste« übergegangen, deren Glaubensinhalt im Professionalismus liegt: »The only rule is to stay in the game.« Hauptschauplatz des Geschehens ist Wien, das statt blauer Donau nur braungraue Fassaden zeigt und mit der U-Bahn-Baustelle am Karlsplatz die Kulisse für eine halbwegs dramatische unterirdische Ver­folgungsjagd liefert. Leise zitternde Erinnerungen an »The Third Man« kommen auf, doch Regisseur Michael Winner fällt inszenatorisch nicht viel mehr ein, als die Erwartungen des Zuschauers immer wieder dadurch zu unterlaufen, daß er in die Totale schneidet, wenn mit einer Großaufnahne zu rechnen gewesen wäre (oder umgekehrt).

R Michael Winner B David W. Rintels, Gerald Wilson K Robert Paynter M Jerry Fielding A Herbert Westbrook S Michael Winner P Walter Mirisch D Burt Lancaster, Alain Delon, Paul Scofield, John Colicos, Gayle Hunnicutt | USA | 114 min | 1:1,85 | f | 11. April 1973

17.12.71

Diamonds Are Forever (Guy Hamilton, 1971)

James Bond 007 – Diamantenfieber

»And for dessert la pièce de résistance: la bombe surprise.« … »Diamonds Are Forever«, diese zwiefache Rückkehr – die des originalen Bond-Darstellers Sean Connery und die des geborenen Bond-Regisseurs Guy Hamilton –, ist eine einzige ›bombe surprise‹, eine große Explosion von unsinnigen und vergnüglichen Überraschungen. Ganz oberflächlich gesehen handelt das Abenteuer von der Auseinandersetzung des Superagenten 007 mit einem Superirren im Mao-Look, der mittels eines Laser-Satelliten die Weltmächte erpressen will – in Wahrheit aber geht es nur um die saloppe Aneinanderreihung von möglichst hanebüchenen Situationen, wobei das glitzernde Las Vegas (»The Entertainment Capital of the World«) die perfekte Kulisse für diese Art synthetisch-schwereloser Unterhaltung liefert. Bemerkenswert erscheint bei aller planvollen Trivialität das geradezu obsessive Spiel mit Verdoppelungen und Spaltungen: da sind das Killerduo Mr. Wint und Mr. Kidd, die weiblichen Kampfmaschinen ›Bambi‹ und ›Thumper‹ sowie die chirurgisch erstellten Doubles des Schurken Blofeld (Charles Gray) – der zudem in die Rolle eines spleenigen Industriellen schlüpft (dessen Vor- und Zuname (Willard Whyte = Howard Hughes) wiederum mit demselben Buchstaben beginnen) –, Bond nimmt die Identität eines brutalen Juwelenschmugglers an, während er sich selbst für tot erklärt, und die (ziemlich ausgeschlafe ne) Tiffany Case (Jill St. John) wechselt die Seiten so nonchalant wie die Haarfarbe: »Weren't you a blonde when I came in?« – »Could be.« Gegen Ende seines schändlichen Lebens zitiert Blofeld übrigens den französischen Moralisten La Rochefoucauld, der einst bemerkte, Bescheidenheit sei die schlimmste Form von Eitelkeit. Dieser Untugend machen sich James Bond und seine filmischen Schöpfer nicht im Geringsten schuldig.

R Guy Hamilton B Richard Maibaum, Tom Mankiewicz V Ian Fleming K Ted Moore M John Barry A Ken Adam S Bert Bates, John W. Holmes P Albert R. Broccoli, Harry Saltzman D Sean Connery, Jill St. John, Charles Gray, Lana Wood, Jimmy Dean | UK | 120 min | 1:2,35 | f | 17. Dezember 1971

27.10.71

Le casse (Henri Verneuil, 1971)

Der Coup

Meisterdieb Azad (Jean-Paul Belmondo) und seine Spießgesellen mopsen mit viel technischer Raffinesse ein paar dicke Smaragde aus dem Safe eines Athener Magnaten. Kommissar Zacharia (Omar Sharif) kommt den Einbrechern (zufällig) auf die Spur und streckt nun selbst die Finger nach den Edelsteinen aus … Henri Verneuil inszeniert den Wettlauf um die Pretiosen als kurzweiliges Match zwischen Gut (= böse) und Böse (= gut), als gewitztes Duell zwischen schlagfertiger Nonchalance und eitler Gier. Von kraftvollen Morricone-Klängen stimuliert, zeigt Bébel einmal mehr vollen Körpereinsatz, turnt auf Dächern, hangelt an Bussen, stürzt von einem Kipplaster in einen felsigen Abgrund, kloppt sich mit eifersüchtigen Griechen und verabreicht erzieherische Ohrfeigen an doppelzüngige Centerfold-Schönheiten, während Sharif öligen Charme verströmt, genüßlich seine tödlichen Schießkünste demonstriert und den Kontrahenten zu Pferde über einen verwaisten Rummel­platz verfolgen darf. Der Endkampf zwischen dem netten und dem fiesen Schurken in einem Getreidesilo am Hafen von Piräus variiert schadenfroh den alten Sinnspruch vom blinden Huhn, das auch mal ein Korn findet: »Put, put, put …«

R Henri Verneuil B Henri Verneuil, Vahé Katcha V David Goodis K Claude Renoir M Ennio Morricone A Jacques Saulnier S Pierre Gillette P Henri Verneuil D Jean-Paul Belmondo, Omar Sharif, Robert Hossein, Dyan Cannon, Renato Salvatori | F & I | 120 min | 1:2,35 | f | 27. Oktober 1971

7.10.71

The French Connection (William Friedkin, 1971)

French Connection – Brennpunkt Brooklyn

»Don’t trust a nigger!« – »He was white!« – »Don’t trust anyone…« William Friedkins Prachtstück des pessimistischen Realismus beschwört grimmig und impressiv den Katzenjammer nach dem bösen Erwachen aus dem amerikanischen Traum. Die New Yorker narcotic cops ›Popeye‹ Doyle (weltklassig: Gene Hackman) und Buddy Russo (prägnant: Roy Scheider) stehen sich vor Abwrackhäusern die Beine in den Bauch, verfolgen mutmaßliche Täter über müllige Industriebrachen, wühlen besessen im menschlichen Auswurf. Aggression erscheint als Grundregung des Zusammenlebens, die Droge steht als Metapher für den gesellschaftlichen Zerfall, der sich in den desolaten urbanen Settings des Films spiegelt. Die Tatsache, daß der (französische!) Oberschurke (Fernando Rey), dem ›Popeye‹ so fanatisch nachstellt, als kultivierteste (wenn nicht sogar sympathischste) Erscheinung durch die Erzählung geht, sowie das schockierend-lakonische Ende sind Indikatoren für die leichenbittere Ironie, zu der Friedkin – bei allem Ringen um Authentizität – auch fähig ist. Seine physisch-packende Spannung gewinnt »The French Connection« aus einer äußerst beweglichen, veristischen Kamera (Owen Roizman), einem sparsam eingesetzten, sehr nachdrücklichen Score (Don Ellis) und – natürlich – aus den maßstabsetzend inszenierten Verfolgungsjagden.

R William Friedkin B Ernest Tidyman V Robin Moore K Owen Roizman M Don Ellis A Ben Kasazkow S Gerald Greenberg P Philip D’Antoni D Gene Hackman, Roy Scheider, Fernando Rey, Tony Lo Bianco, Marcel Bozzuffi | USA | 104 min | 1:1,85 | f | 7. Oktober 1971

18.12.69

On Her Majesty's Secret Service (Peter Hunt, 1969)

James Bond 007 – Im Geheimdienst Ihrer Majestät 

Bond in love! Der allzeit potente Held der westlichen Welt, für den Sex bislang nicht mehr bedeutete als ein 1953er Dom Pérignon (was freilich nicht wenig ist), findet die echte, die große Liebe. Auch sonst hält das sechste 007-Leinwand-Abenteuer einige Überraschungen bereit: zunächst einen neuen Bond-Darsteller (George Lazenby, das exemplarische Katalogbild des männlichen Mannes, der im Skidress dieselbe überzeugende Figur macht wie im tuxedo kilt), dazu eine eigenwillige weibliche Hauptfigur, kein »girl«, sondern eine Frau, die (trotz einer gewissen seelischen Labilität) dem dynamischen Superagenten das Wasser reichen kann (Diana Rigg bringt als Teresa ›Tracy‹ Di Vicenzo, geb. Draco en passant ihren Emma-Peel-Mythos in den Film ein) und, am interessantesten vielleicht, einen progressiv-dissonanten Erzählrhythmus, der – unter fast völliger Vermeidung visueller Exzentrik – die Balance findet zwischen aufreizend epischer Breite und virtuos choreographierten, exquisit geschnittenen alpinen Actionsequenzen (Regie führt Peter Hunt, der langjährige Cutter der Reihe). »On Her Majesty’s Secret Service« bietet mit Telly Savalas (als Erzschurke Ernst Stavro Blofeld ≈ Comte Balthazar de Bleuchamp), Ilse Steppat (als SSige Handlangerin Irma Bunt) sowie diversen, unter Hypnose stehenden, Schönheiten (denen der Held, soviel Bond muß sein, ganz ohne Liebesschmuß seine Virilität beweisen darf) zudem ein ansehnliches Panoptikum des Bösen – wobei die Dramatik des Falls (Erpressung der Welt mittels eines infertilisierenden Virus) zurücktritt hinter die Sensation der (trügerischen) Romantik: »We have all the time in the world.«

R Peter Hunt B Richard Maibaum V Ian Fleming K Michael Reed M John Barry A Syd Cain S John Glen P Albert R. Broccoli, Harry Saltzman D George Lazenby, Diana Rigg, Telly Savalas, Gabriele Ferzetti, Ilse Steppat | UK | 142 min | 1:2,35 | f | 18. Dezember 1969

17.10.68

Bullitt (Peter Yates, 1968)

Bullitt

»Frank, we must all compromise.« – »Bullshit.« Lieutenant Frank Bullitt und sein Team erhalten den Auftrag, einen aus Chicago nach San Francisco überführten Kronzeugen gegen die »organization« von dessen Ankunft am Freitagnachmittag bis zur Aussage vor dem Untersuchungsausschuß eines karriegegeilen Staatsanwalts (mit Vorsicht zu genießen: Peter Vaughn) am Montagmorgen zu beschützen. Der Kronzeuge wird ermordet, der Staatsanwalt kriegt einen dicken Hals, Bullitt kommt die Sache spanisch vor – der Polizist ermittelt, unorthodox, gegen die Regeln, auf eigene Faust ... Es ist nicht so sehr der schlanke Plot (dessen Auflösung immerhin Fragen über die wahren Hintergründe der Intrige offenläßt), auch nicht die von Peter Yates (der im Jahr zuvor mit »Robbery« den großen Postzugraub fürs Kino aufbereitete) untadelig inszenierte Action (inklusive einer legendären zwölfminütigen Verfolgungsfahrt über die Hügel von San Francisco, hinaus aus der Stadt, bis zu einer erwartungsgemäß explodierenden Tankstelle sowie einer furiosen Hetzjagd zwischen startenden und landenden Flugzeugen auf dem nächtlichen Airport), die »Bullitt« zu einer Ausnahmestellung im Genre verhelfen, es sind vielmehr die lakonische Präzision der (sichtlich vom britischen Kitchen-sink-Realismus beeinflußten) Regie und insbesondere Steve McQueens kompromißloses Underplay in der Titelrolle (die bisweilen an den von Lee Marvin verkörperten Walker in John Boormans – ebenfalls im sonnigen Kalifornien spielenden – schwarzen Meta-Thriller »Point Blank« denken läßt). Über die Redundanz der einzigen Frauenfigur des Films läßt Jacqueline Bisset (in ihrem ersten Hollywood-Engagement) betörend hinwegsehen.

R Peter Yates B Alan Trustman, Harry Kleiner V Robert L. Pike K William A. Fraker M Lalo Schifrin A Albert Brenner S Frank P. Keller P Philip D’Antoni D Steve McQueen, Robert Vaughn, Jacqueline Bisset, Simon Oakland, Robert Duvall | USA | 113 min | 1:1,85 | f | 17. Oktober 1968

# 1096 | 22. Februar 2018

12.8.68

Mr. Freedom (William Klein, 1968)

Mr. Freedom

»We fight for freedom, for one and for all! / It's you-and-me-dom, and ten foot tall!« Die Welt, postuliert der Boß von ›Freedom Inc.‹ (Donald Pleasence) ist in zwei Lager geteilt: Richtig und Falsch – dazwischen tummeln sich die Vielleichts und die Weißnichts. Mr. Freedom (John Abbey im rot-weiß-blauen Football-Dreß), der beste Mann der amerikanischen Bewußtseinsfirma, wird nach Europa entsandt, um das unentschlossene Volk der Franzosen auf die richtige Spur zu bringen. So muß der unbeirrbare Held der westlichen Welt (»Yeah! Freedom! Wow!«) nicht nur unter Aufbietung aller körperlichen und geistigen (?) Kräfte gegen eine weitverzweigte Anti-Freiheitsliga, die vom maoistischen Superschurken Red China Man (ein aufblasbarer Riesendrache) gesteuert wird, sowie gegen den neostalinistischen Muzhik Man (Philippe Noiret als eine Art rotes Bibendum) kämpfen, er hat auch ganz allgemeine Undankbarkeit für seinen titanischen Einsatz und – eine besonders bittere Enttäuschung! – den Verrat der ihm vermeintlich treu ergebener Mitstreiterin Marie-Madeleine (Delphine Seyrig) zu gewärtigen. Mit der popartig-überdrehten, knallbunt-comichaften Superhelden-Satire leistet William Klein (ein New Yorker in Paris) seinen ganz eigenen (formal sehr eigenwilligen) Beitrag zu den aufgeheizten (gesellschafts-)politischen Debatten der 1960er Jahre. »Freedom, freedom, and oh-can-you-see-dom! / We’ll always beat ’em with star-spangled freedom!«

R William Klein B William Klein K Pierre Lhomme M Serge Gainsbourg A William Klein Ko Janine Klein S Anne-Marie Cotret P Guy Belfond, Christian Thivat, Michel Zemer D John Abbey, Delphine Seyrig, Donald Pleasence, Serge Gainsbourg, Philippe Noiret, Sami Frey | F | 95 min | 1:1,66 | f | 12. August 1968

# 1180 | 3. Oktober 2019

15.6.67

Koroshi no rakuin (Seijun Suzuki, 1967)

Branded to Kill

Goro Hanada alias Killer No. 3 – eiskalter Hitman mit Fetisch für den Geruch von kochendem Reis – vergeigt einen Job, fällt in Ungnade und wird zum Hatzobjekt des legendären Killer No. 1 … Seijun Suzuki zerschlägt das Yakuza-Genre, um die Bruchstücke in eine dadaistische Collage aus Brutalität und Slapstick, Desorientierung und Sex zu verwandeln. Surreale Nikkatsuscope-Bilder phantasieren über Wasserstrahlen und Professionalität, über Schmetterlinge und Todessehnsucht. Ein filmisches objet trouvé in knallhartem Schwarzweiß.

R Seijun Suzuki B Hachiro Guryu, Takeo Kimura, Chusei Sone, Atsushi Yamatoya K Kazue Nagatsuka M Naozumi Yamamoto A Sukezo Kawahara S Matsuo Tanji P Kaneo Iwai, Takiko Mizunoe D Jo Shishido, Koji Nanbara, Isao Tamagawa, Anne Mari, Mariko Ogawa | JP | 98 min | 1:2,35 | sw | 15. Juni 1967