Taschengeld
Scènes de la vie d’enfance … Sommer, kurz vor den großen Ferien, in einer kleinen Stadt in Frankreich. Kinder rennen durch die Gassen, über die Plätze, die Kamera folgt ihnen, François Truffaut sammelt kleine Geschichten aus ihrem Leben. »L’argent de poche« ist weniger ein Film über Kinder, als ein Film über die Kindheit als solche, eine pointillistische Betrachtung der Zeit zwischen dem ersten Schrei und dem ersten Kuß, der den Übergang in eine anderen Lebensabschnitt markiert. Ein wenig erinnern die jungen Protagonisten in ihren immergleichen Kostümen an Comicfiguren: der verträumte Patrick in seinem ausgewaschenen lila T-Shirt, die vorwitzigen Brüder Deluca in ihren froschgrünen Polohemden, der kleine Gregory in seiner roten Latzhose, der verwilderte Julien in seinem blau-weiß gestreiften Rugbyhemd und den zerrissenen Jeans, und all die anderen, die Faxen machen, die einsam sind, die sich vergnügen, die ihren Gedanken nachhängen, die mit mehr oder weniger Begeisterung ihre Schulstunden absitzen, die ins Kino gehen, die ihre kleinen oder großen Sorgen haben. Truffaut, der selbst alles andere als eine glückliche Kindheit verlebte, träumt von einer Welt, die zwar nicht ohne Probleme ist, aber vom festen Willen durchdrungen, diese Probleme zu lösen, von einer solidarischen Welt, die Kinder ernst nimmt, in ihrer Würde respektiert und, vor allem: liebt.
R François Truffaut B François Truffaut, Suzanne Schiffman K Pierre-William Glenn M Maurice Jaubert A Jean-Pierre Kohout-Svelko S Yann Dedet P François Truffaut D Geory Desmouceaux, Philippe Goldmann, Bruno Staab, Jean-François Stévenin, Tania Torrens | F | 105 min | 1:1,66 | f | 17. März 1976
# 954 | 13. Juni 2015
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17.3.76
9.3.72
Cosa avete fatto a Solange? (Massimo Dallamano, 1972)
Das Geheimnis der grünen Stecknadel
»Was habt ihr mit Solange gemacht?« Ein Rendezvous auf der Themse, ein Boot zwischen im Wasser hängenden Zweigen, ein schreiendes Mädchen im Ufergebüsch, ein aufgerissenes Auge, ein blitzendes Messer zwischen weiblichen Schenkeln. Später: das Röntgenbild eines Unterleibes, in dem die Mordwaffe steckt … Massimo Dallamano zeigt nichts und zeigt alles, zeigt die Beziehung von Rache und Verzweiflung, die Nähe von Sehen und Sterben, zeigt nackte Angst, hoffnungslose Gewalt, unumkehrbare Zerstörung: »Was habt ihr mit Solange gemacht?« Ein später Edgar-Wallace-Krimi, ein melancholischer Giallo – Klavierklänge, tröpfelnd wie Regen, schneidende Streicher, wehmütige Frauenstimmen (Musik: Ennio Morricone) … Im Zentrum des Verbrechens: eine katholische Mädchenschule – kindlicher Glauben und begieriges Wissenwollen und todbringende Erkenntnis. Ein geheimer Club und ein falscher Priester, ein Vater und seine Tochter, Genuß und Reue, Freundschaft und Panik, Liebe und Horror, die vergebliche Suche nach der verlorenen Unschuld und die brutale Wiederkehr des Verdrängten: »Was habt ihr mit Solange gemacht?«
R Massimo Dallamano B Massimo Dallamano, Bruno Di Geronimo, Peter M. Thouet V Edgar Wallace K Aristide Massaccesi (= Joe D’Amato) M Ennio Morricone A Gastone Carsetti S Antonio Siciliano, Clarissa Ambach P Leo Pescarolo, Horst Wendlandt D Fabio Testi, Joachim Fuchsberger, Christine Galbo, Karin Baal, Günther Stoll | I & BRD | 103 min | 1:2,35 | f | 9. März 1972
# 800 | 16. November 2013
»Was habt ihr mit Solange gemacht?« Ein Rendezvous auf der Themse, ein Boot zwischen im Wasser hängenden Zweigen, ein schreiendes Mädchen im Ufergebüsch, ein aufgerissenes Auge, ein blitzendes Messer zwischen weiblichen Schenkeln. Später: das Röntgenbild eines Unterleibes, in dem die Mordwaffe steckt … Massimo Dallamano zeigt nichts und zeigt alles, zeigt die Beziehung von Rache und Verzweiflung, die Nähe von Sehen und Sterben, zeigt nackte Angst, hoffnungslose Gewalt, unumkehrbare Zerstörung: »Was habt ihr mit Solange gemacht?« Ein später Edgar-Wallace-Krimi, ein melancholischer Giallo – Klavierklänge, tröpfelnd wie Regen, schneidende Streicher, wehmütige Frauenstimmen (Musik: Ennio Morricone) … Im Zentrum des Verbrechens: eine katholische Mädchenschule – kindlicher Glauben und begieriges Wissenwollen und todbringende Erkenntnis. Ein geheimer Club und ein falscher Priester, ein Vater und seine Tochter, Genuß und Reue, Freundschaft und Panik, Liebe und Horror, die vergebliche Suche nach der verlorenen Unschuld und die brutale Wiederkehr des Verdrängten: »Was habt ihr mit Solange gemacht?«
R Massimo Dallamano B Massimo Dallamano, Bruno Di Geronimo, Peter M. Thouet V Edgar Wallace K Aristide Massaccesi (= Joe D’Amato) M Ennio Morricone A Gastone Carsetti S Antonio Siciliano, Clarissa Ambach P Leo Pescarolo, Horst Wendlandt D Fabio Testi, Joachim Fuchsberger, Christine Galbo, Karin Baal, Günther Stoll | I & BRD | 103 min | 1:2,35 | f | 9. März 1972
# 800 | 16. November 2013
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10.11.71
Liebe ist nur ein Wort (Alfred Vohrer, 1971)
Eine düstere Burgruine. Strömender Regen. Eine Leiche wird abtransportiert. Schaulustige unter schwarzen Schirmen. In einer Pfütze schwimmen die Fetzen eines zerrissenen Briefs. »Liebe ist nur ein Wort«, steht in zerlaufender Schrift auf einem der Schnipsel. Auftakt zu einem süffigen Melodram … Oliver, 21, verspäteter Abiturient, charmanter Taugenichts, Sohn eines gesuchten Wirtschaftkriminellen, der mit seinen Spekulationen zu fabelhaftem Reichtum gekommen ist, verliebt sich (ernsthaft!) in die zehn Jahre ältere Verena, Gattin eines Geschäftspartners (= Komplizen) seines Vaters. Wenn auch die sozialkritischen Implikationen des Stoffes eher als modisches Dekorum dienen, entwirft der Film das Aufgehen im großen Gefühl wie ein Gegenprogramm zur schäbigen Welt des Profits. Eine Chance auf Erfüllung des Traumes wird freilich nicht gewährt: Zwar gönnen Simmel und Regisseur Alfred Vohrer den füreinander entbrannten Protagonisten, dem jugendfrisch-hitzigen Mann (Malte Thorsten) und der befangen-aufgewühlten Frau (Judy Winter) Momente des schablonierten Glücks (sommerliche Blumenwiese, verlassener Bergfried, luxuriöses Hotelzimmer), doch letztlich bleiben dem, der nicht mitspielt, der die gesellschaftlichen Machenschaften nicht akzeptiert, nur der Weg in die Klapsmühle (wie etwa Olivers Mutter, die in ihrer Umnachtung frappierende Gedichte schreibt: »Das Leben ist überraschend, / und manchmal denkt man es etwas klein. / Aber in Ewigkeit ist es sehr schön.«) oder aber: der Tod im strömenden Regen.
R Alfred Vohrer B Manfred Purzer V Johannes Mario Simmel K Charly Steinberger M Erich Ferstl A Horst Hennicke S Jutta Hering P Luggi Waldleitner D Judy Winter, Malte Thorsten, Herbert Fleischmann, Donata Höffer, Inge Langen | BRD | 111 min | 1:1,66 | f | 10. November 1971
# 854 | 16. April 2014
R Alfred Vohrer B Manfred Purzer V Johannes Mario Simmel K Charly Steinberger M Erich Ferstl A Horst Hennicke S Jutta Hering P Luggi Waldleitner D Judy Winter, Malte Thorsten, Herbert Fleischmann, Donata Höffer, Inge Langen | BRD | 111 min | 1:1,66 | f | 10. November 1971
# 854 | 16. April 2014
3.10.71
The Last Picture Show (Peter Bogdanovich, 1971)
Die letzte Vorstellung
»When old age shall this generation waste …« Der Ort: ein abgelegenes Nest in Texas. Die Zeit: 1951/52. Schon die erste Einstellung, ein langsamer Schwenk über die main street von Anarene, verbreitet Abschiedsschmerz – und das bleierne Gefühl des Leerlaufs: So vergeblich wie die Bemühung des einfältigen Billy, im ewigen Wind den ewigen Staub von der Straße zu fegen, mutet das Leben und Trachten aller Bewohner der Kleinstadt an. Jugendliche Träume spiegeln sich düster in der Desillusion der Erwachsenen: Die großen Erwartungen von Jacy (Cybill Shepherd als engelhaftes Biest), von Duane (Jeff Bridges als grüner Heißsporn), von Sonny (Timothy Bottoms als stilles Wasser) sprießen in einer Atmosphäre seelischer Beklemmung, verpaßter Gelegenheiten, sexueller Frustration. Und dann wird mit Sam the Lion (Ben Johnson), dem knorrig-wortkargen Betreiber des Cafés, der pool hall und des einzigen Kinos, auch noch der gute Geist, die moralische Instanz des tristen Fleckens zu Grabe getragen … Peter Bogdanovich entfaltet sein meisterliches Sittenbild in strengen, fast asketischen Schwarzweiß-Bildern (Kamera: Robert Surtees), wobei er das Geschehen mittels eleganter erzählerischer Ellipsen rafft und die spröde Stimmung des Provinz-Panoramas durch ausschließliche Verwendung von zeitgenössischer source music (Hank Williams, Eddie Fisher, Tony Bennett im Autoradio oder vom Plattenspieler) intensiviert. Vieles geht zu Ende in »The Last Picture Show«: die Schulzeit, das Jungsein, die Unbedarftheit. Auch das Kino muß schließen. In der letzten Vorstellung des ›Royal Theater‹ sehen Duane und Sonny einen Western von Howard Hawks. »Red River« zeigt Herausforderungen und Konflikte, einen Aufbruch und die Versöhnung der Generationen: »Well, that was a good movie.« – »Yeah, seen it here before once.«
R Peter Bogdanovich B Larry McMurtry, Peter Bogdanovich V Larry McMurtry K Robert Surtees M diverse A Polly Platt S Donn Cambern P Stephen J. Friedman D Timothy Bottoms, Cybill Shepherd, Jeff Bridges, Ben Johnson, Cloris Leachman, Ellen Burstyn, Eileen Brennan | USA | 127 min | 1:1,85 | sw | 3. Oktober 1971
# 962 | 10. Juli 2015
»When old age shall this generation waste …« Der Ort: ein abgelegenes Nest in Texas. Die Zeit: 1951/52. Schon die erste Einstellung, ein langsamer Schwenk über die main street von Anarene, verbreitet Abschiedsschmerz – und das bleierne Gefühl des Leerlaufs: So vergeblich wie die Bemühung des einfältigen Billy, im ewigen Wind den ewigen Staub von der Straße zu fegen, mutet das Leben und Trachten aller Bewohner der Kleinstadt an. Jugendliche Träume spiegeln sich düster in der Desillusion der Erwachsenen: Die großen Erwartungen von Jacy (Cybill Shepherd als engelhaftes Biest), von Duane (Jeff Bridges als grüner Heißsporn), von Sonny (Timothy Bottoms als stilles Wasser) sprießen in einer Atmosphäre seelischer Beklemmung, verpaßter Gelegenheiten, sexueller Frustration. Und dann wird mit Sam the Lion (Ben Johnson), dem knorrig-wortkargen Betreiber des Cafés, der pool hall und des einzigen Kinos, auch noch der gute Geist, die moralische Instanz des tristen Fleckens zu Grabe getragen … Peter Bogdanovich entfaltet sein meisterliches Sittenbild in strengen, fast asketischen Schwarzweiß-Bildern (Kamera: Robert Surtees), wobei er das Geschehen mittels eleganter erzählerischer Ellipsen rafft und die spröde Stimmung des Provinz-Panoramas durch ausschließliche Verwendung von zeitgenössischer source music (Hank Williams, Eddie Fisher, Tony Bennett im Autoradio oder vom Plattenspieler) intensiviert. Vieles geht zu Ende in »The Last Picture Show«: die Schulzeit, das Jungsein, die Unbedarftheit. Auch das Kino muß schließen. In der letzten Vorstellung des ›Royal Theater‹ sehen Duane und Sonny einen Western von Howard Hawks. »Red River« zeigt Herausforderungen und Konflikte, einen Aufbruch und die Versöhnung der Generationen: »Well, that was a good movie.« – »Yeah, seen it here before once.«
R Peter Bogdanovich B Larry McMurtry, Peter Bogdanovich V Larry McMurtry K Robert Surtees M diverse A Polly Platt S Donn Cambern P Stephen J. Friedman D Timothy Bottoms, Cybill Shepherd, Jeff Bridges, Ben Johnson, Cloris Leachman, Ellen Burstyn, Eileen Brennan | USA | 127 min | 1:1,85 | sw | 3. Oktober 1971
# 962 | 10. Juli 2015
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28.4.71
Le souffle au cœur (Louis Malle, 1971)
Herzflimmern
Dijon, Frühjahr 1954. Im Mittelpunkt der Szenen aus dem Provinzleben steht der 15jährige Gymnasiast Laurent Chevalier (frühreif: Benoît Ferreux), jüngster Sohn eines großbürgerlichen Gynäkologen (schmerzfrei: Daniel Gélin), der nach der Schule Geld für die Verwundeten von Dien Bien Phu sammelt, dem das Camus’sche Problem des Selbstmords zu denken gibt, der sich von seinen älteren Brüdern piesacken lassen muß, dem die temperamentvolle italienische Mama (verführerisch: Lea Massari) alles durchgehen läßt, der Platten des verehrten Charlie Parker klaut, dem der katholische Lehrer an den muskulösen Schenkel geht, der bei einer netten Nutte fast seine Unschuld verliert, den plötzlich auftretende Herzrhythmusstörungen zu einem längeren Kuraufenthalt in mütterlicher Begleitung zwingen. Louis Malles (partiell autobiographische) Erzählung verbindet Weltgeschehen und Intimsphäre zu einer éducation sentimentale ganz ohne Schwere und Gefühlsduselei: Während im fernen Indochina die Totenglocke für den französischen Kolonialismus läutet, sieht sich der halbwüchsige Protagonist mit den existenziellen Nöten (und beiläufigen Freuden) des Erwachsenwerdens konfrontiert. Die Subversion der federleichten (doch keineswegs leichtgewichtigen) Sittenkomödie besteht in erster Linie darin, den skandalösesten Tabubruch (Inzest!) ganz einfach wegzulachen und im Alltäglichen aufzulösen
R Louis Malle B Louis Malle K Ricardo Aronovich M diverse A Jean-Jacques Caziot S Suzanne Baron P Vincent Malle, Claude Nedjar D Benoît Ferreux, Lea Massari, Daniel Gélin, Michael Lonsdale, Ave Ninchi, Gila von Weitershausen | F & I & BRD | 120 min | 1:1,66 | f | 28. April 1971
# 1194 | 7. Juni 2020
Dijon, Frühjahr 1954. Im Mittelpunkt der Szenen aus dem Provinzleben steht der 15jährige Gymnasiast Laurent Chevalier (frühreif: Benoît Ferreux), jüngster Sohn eines großbürgerlichen Gynäkologen (schmerzfrei: Daniel Gélin), der nach der Schule Geld für die Verwundeten von Dien Bien Phu sammelt, dem das Camus’sche Problem des Selbstmords zu denken gibt, der sich von seinen älteren Brüdern piesacken lassen muß, dem die temperamentvolle italienische Mama (verführerisch: Lea Massari) alles durchgehen läßt, der Platten des verehrten Charlie Parker klaut, dem der katholische Lehrer an den muskulösen Schenkel geht, der bei einer netten Nutte fast seine Unschuld verliert, den plötzlich auftretende Herzrhythmusstörungen zu einem längeren Kuraufenthalt in mütterlicher Begleitung zwingen. Louis Malles (partiell autobiographische) Erzählung verbindet Weltgeschehen und Intimsphäre zu einer éducation sentimentale ganz ohne Schwere und Gefühlsduselei: Während im fernen Indochina die Totenglocke für den französischen Kolonialismus läutet, sieht sich der halbwüchsige Protagonist mit den existenziellen Nöten (und beiläufigen Freuden) des Erwachsenwerdens konfrontiert. Die Subversion der federleichten (doch keineswegs leichtgewichtigen) Sittenkomödie besteht in erster Linie darin, den skandalösesten Tabubruch (Inzest!) ganz einfach wegzulachen und im Alltäglichen aufzulösen
R Louis Malle B Louis Malle K Ricardo Aronovich M diverse A Jean-Jacques Caziot S Suzanne Baron P Vincent Malle, Claude Nedjar D Benoît Ferreux, Lea Massari, Daniel Gélin, Michael Lonsdale, Ave Ninchi, Gila von Weitershausen | F & I & BRD | 120 min | 1:1,66 | f | 28. April 1971
# 1194 | 7. Juni 2020
31.3.71
The Beguiled (Don Siegel, 1971)
Betrogen
»Take warning by me, don’t go for a soldier, don’t join no army.« Neun Frauen und ein Mann: Corporal John McBurney (Clint Eastwood), Soldat der Unionstruppen im Sezessionskrieg, gelangt/gerät, schwer verwundet, in die Obhut/Gefangenschaft der Bewohnerinnen einer Mädchenschule im tiefen Süden, wo das Spanische Moos die Bäume überwuchert. Die verwunschene weibliche Welt im alten, abseits gelegenen Herrenhaus, das neben der Leiterin des Instituts (Geraldine Page) eine Lehrerin, sechs Schülerinnen und eine Sklavin beherbergt, scheint dem allmählich genesenden Yankee allerlei reizvolle Möglichkeiten zu eröffnen; viel zu spät erkennt er die tödliche Gefahr, die aus dem gegenseitigen Wechselspiel von Verführung und Betrug erwächst. Begleitet von kurzen inneren Monologen, langsamen Überblendungen und geisterhaften Doppelbelichtungen läßt Don Siegel die Stimmung seines schwülen Southern-Gothic-Dramas über geheime Sehnsüchte und unterdrückte Begierden fast unmerklich von märchenhaft-traumverlorener Morbidezza in blutig-groteske Hysterie umschlagen. Im drastisch ausgemalten Schicksal des machistischen Helden spiegeln sich wohl auch männliche Ängste vor der Unterminierung hergebrachter Geschlechterhierarchien. »For the dove she will leave you, the raven will come.«
R Don Siegel B Albert Maltz, Irene Kamp V Thomas P. Cullinan K Bruce Surtees M Lalo Schiffrin A Ted Haworth S Carl Pingitore P Don Siegel D Clint Eastwood, Geraldine Page, Elizabeth Hartmann, Jo Ann Harris, Pamelyn Ferdin | USA | 105 min | 1:1,85 | f | 31. März 1971
# 1009 | 14. Juli 2016
»Take warning by me, don’t go for a soldier, don’t join no army.« Neun Frauen und ein Mann: Corporal John McBurney (Clint Eastwood), Soldat der Unionstruppen im Sezessionskrieg, gelangt/gerät, schwer verwundet, in die Obhut/Gefangenschaft der Bewohnerinnen einer Mädchenschule im tiefen Süden, wo das Spanische Moos die Bäume überwuchert. Die verwunschene weibliche Welt im alten, abseits gelegenen Herrenhaus, das neben der Leiterin des Instituts (Geraldine Page) eine Lehrerin, sechs Schülerinnen und eine Sklavin beherbergt, scheint dem allmählich genesenden Yankee allerlei reizvolle Möglichkeiten zu eröffnen; viel zu spät erkennt er die tödliche Gefahr, die aus dem gegenseitigen Wechselspiel von Verführung und Betrug erwächst. Begleitet von kurzen inneren Monologen, langsamen Überblendungen und geisterhaften Doppelbelichtungen läßt Don Siegel die Stimmung seines schwülen Southern-Gothic-Dramas über geheime Sehnsüchte und unterdrückte Begierden fast unmerklich von märchenhaft-traumverlorener Morbidezza in blutig-groteske Hysterie umschlagen. Im drastisch ausgemalten Schicksal des machistischen Helden spiegeln sich wohl auch männliche Ängste vor der Unterminierung hergebrachter Geschlechterhierarchien. »For the dove she will leave you, the raven will come.«
R Don Siegel B Albert Maltz, Irene Kamp V Thomas P. Cullinan K Bruce Surtees M Lalo Schiffrin A Ted Haworth S Carl Pingitore P Don Siegel D Clint Eastwood, Geraldine Page, Elizabeth Hartmann, Jo Ann Harris, Pamelyn Ferdin | USA | 105 min | 1:1,85 | f | 31. März 1971
# 1009 | 14. Juli 2016
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18.9.70
Die Feuerzangenbowle (Helmut Käutner, 1970)
Nachdem er 1964 mit seiner Adaption der »Lausbubengeschichten« von Ludwig Thoma (wohl unwillentlich) zum Auslöser einer Flut von harmlos-deftigen Lümmel-, Pennen- und Paukerfilmen geworden war, liefert Helmut Käutner, auf dem Höhepunkt der Welle, mit der dritten (erstmals farbigen) Verfilmung von Heinrich Spoerls humorigem Gymnasialpunsch einen weiteren Beitrag zu diesem spezifisch bundesdeutschen Komödien-Subgenre. Ohne erkennbare künstlerische Ambition gießt Käutner einmal mehr die vorgestrig-behagliche Provinzialität und die altbekannten Schülerstreiche der Vorlage auf, ignoriert mit geradezu konterrevolutionärer Dickfälligkeit den Zeitgeist einer gesellschaftlichen Umbruchsphase. Theo Lingen (hilflos stotternd), Uschi Glas und Rudolf Schündler wurden direkt aus den Besetzungslisten der Lümmel-Filme übernommen, zuverlässige Chargenspieler wie Willi Rose (als Pedell) oder Willy Reichert (als Professor Bömmel) tun ihr Bestes, Hans Richter, der in der 1944er-Fassung die Schulbank drückte, kehrt als Studienrat in die Anstalt zurück, Nadja Tiller gibt die genüßlich outrierte Darbietung einer Stummfilmdiva. Einzig Walter Giller in der Hauptrolle des falschen Primaners bringt einen neuen Ton in das alte Lied: Giller, der seine Figuren stets eher ausstellt als nachfühlt, spielt den Pfeiffer mit drei F wie ein Zitat, schafft damit eine Distanz, aus der, beispielsweise, die ironische Hinterfragung nostalgischer Sehnsüchte möglich wäre. Doch Käutner ist in diesem Werk, das sein letztes fürs Kino bleiben wird, offenkundig nicht mehr daran interessiert, irgendetwas zur Diskussion zu stellen. Wie schon Wallenstein sagte: »Das war kein Heldenstück.«
R Helmut Käutner B Helmut Käutner V Heinrich Spoerl K Igor Oberberg M Bernhard Eichhorn A Michael Girschek S Jane Sperr P Horst Wendlandt D Walter Giller, Uschi Glas, Theo Lingen, Fritz Tillmann, Nadja Tiller | BRD | 100 min | 1:1,66 | f | 18. September 1970
# 883 | 22. Juni 2014
R Helmut Käutner B Helmut Käutner V Heinrich Spoerl K Igor Oberberg M Bernhard Eichhorn A Michael Girschek S Jane Sperr P Horst Wendlandt D Walter Giller, Uschi Glas, Theo Lingen, Fritz Tillmann, Nadja Tiller | BRD | 100 min | 1:1,66 | f | 18. September 1970
# 883 | 22. Juni 2014
31.7.70
Oh Happy Day (Zbynek Brynych, 1970)
»›Die Jugend‹, sagt Mao, ›ist wie die Sonne um acht oder neun Uhr morgens.‹« Anna (Anne-Marie Kuster), die schulmädchenhaft-kichernde, jungfräulich-liebesdurstige Protagonistin des Films, zitiert verkürzt; wörtlich sagte der große Vorsitzende: »Ihr jungen Menschen, frisch und aufstrebend, seid das erblühende Leben, gleichsam die Sonne um acht oder neun Uhr morgens. Unsere Hoffnungen ruhen auf euch.« Anna fühlt keinerlei Hoffnung auf sich ruhen, nur Ansprüche und Verständnislosigkeit, ihr erblühendes Leben droht unter einer Käseglocke herablassender Behütung noch vor der Maienzeit abzuwelken. Weder ihre Eltern (Nadja Tiller und Karl Michael Vogler) noch die Lehrerinnen an der Nonnenschule (darunter die erotisch-ironische Hanne Wieder) begreifen, was das Fräulein will. So geht Anna alleine auf die Suche nach der Freiheit, die sie meint, nach einem neuen Wort für Liebe, mäandert auf ihren tagträumerischen Wegen von einem schweigsamen Chauffeur (Siegfried Rauch) zu einem schmeichlerischen Geschäftsmann, von bedröhnten Hippies zu ihrem fußballbegeisterten Busenfreund Robert (Amadeus August). Zbynek Brynych, der hintersinnige Irre von Prag, verdichtet seinen popfarbenen Münchner Coming-of-age-Report auf zwei Tage erzählte Zeit, zwei »happy days« voller schriller Wortwechsel und alltäglicher Albdrücke, voller psychedelischer Einsichten und tiefer Blicke in die Augen der Akteure. Die ersehnte Befreiung findet schließlich in einem desinfizierten Hotelzimmer statt … Ein glucksendes Sittenbild wie aus dem Inneren einer Lavalampe.
»Oh Happy Day« R Zbynek Brynych B Alexander Fuhrmann K Josef Vanis M Peter Thomas A Leo Karen S Sophie Mikorey P Walter Tjaden D Anne-Marie Kuster, Amadeus August, Nadja Tiller, Karl Michael Vogler, Siegfried Rauch, Hanne Wieder | BRD | 90 min | 1: 1,66 | f | 31. Juli 1970
»Oh Happy Day« R Zbynek Brynych B Alexander Fuhrmann K Josef Vanis M Peter Thomas A Leo Karen S Sophie Mikorey P Walter Tjaden D Anne-Marie Kuster, Amadeus August, Nadja Tiller, Karl Michael Vogler, Siegfried Rauch, Hanne Wieder | BRD | 90 min | 1: 1,66 | f | 31. Juli 1970
27.2.70
Le boucher (Claude Chabrol, 1970)
Der Schlachter
Ein mörderisches Melodram, ein minimalistischer Thriller, die Geschichte eines verknallten Triebtäters und eines liebesmüden Engels, angesiedelt in einem Dorf in der Dordogne, nicht weit entfernt von einer jener Höhlen, in denen die Malereien des Cro-Magnon-Menschen zu finden sind. Claude Chabrol zieht eine kühne Verbindungslinie von der Prähistorie, als der Homo sapiens sich allmählich zivilisierte, in die Gegenwart, die immer noch, immer wieder das Aufbrechen des Rohen und Wilden in der menschlichen Natur erfahren läßt. Die unmögliche Romanze zwischen dem rustikal-anhänglichen Schlachter Popaul (Jean Yanne), der nach Ausbildung beim ungeliebten Vater und endlosen Jahren im Krieg seine Nächsten nur mehr als (lebendes oder totes) Fleisch begreifen kann, und der kultiviert-unnahbaren Lehrerin Hélène (Stéphane Audran), die infolge einer bitteren Enttäuschung freundliche aber strenge Distanz zu ihrer Umwelt wahrt, führt in dieser meisterlichen Variation von »La belle et la bête« nicht zur Erlösung vom Fluch sondern bewirkt geradewegs die Entfesselung der zerstörerischen Kräfte.
R Claude Chabrol B Claude Chabrol K Jean Rabier M Pierre Jansen A Guy Littaye S Jacques Gaillard P André Génovès D Stéphane Audran, Jean Yanne, Mario Beccara, Roger Rudel, William Guérault | F & I | 94 min | 1:1,66 | f | 27. Februar 1970
# 1106 | 25. April 2018
Ein mörderisches Melodram, ein minimalistischer Thriller, die Geschichte eines verknallten Triebtäters und eines liebesmüden Engels, angesiedelt in einem Dorf in der Dordogne, nicht weit entfernt von einer jener Höhlen, in denen die Malereien des Cro-Magnon-Menschen zu finden sind. Claude Chabrol zieht eine kühne Verbindungslinie von der Prähistorie, als der Homo sapiens sich allmählich zivilisierte, in die Gegenwart, die immer noch, immer wieder das Aufbrechen des Rohen und Wilden in der menschlichen Natur erfahren läßt. Die unmögliche Romanze zwischen dem rustikal-anhänglichen Schlachter Popaul (Jean Yanne), der nach Ausbildung beim ungeliebten Vater und endlosen Jahren im Krieg seine Nächsten nur mehr als (lebendes oder totes) Fleisch begreifen kann, und der kultiviert-unnahbaren Lehrerin Hélène (Stéphane Audran), die infolge einer bitteren Enttäuschung freundliche aber strenge Distanz zu ihrer Umwelt wahrt, führt in dieser meisterlichen Variation von »La belle et la bête« nicht zur Erlösung vom Fluch sondern bewirkt geradewegs die Entfesselung der zerstörerischen Kräfte.
R Claude Chabrol B Claude Chabrol K Jean Rabier M Pierre Jansen A Guy Littaye S Jacques Gaillard P André Génovès D Stéphane Audran, Jean Yanne, Mario Beccara, Roger Rudel, William Guérault | F & I | 94 min | 1:1,66 | f | 27. Februar 1970
# 1106 | 25. April 2018
29.1.70
He, Du! (Rolf Römer, 1970)
Erstaunlich vitale sozialistische Romanze um eine staatsbürgerlich engagierte Lehrerin (Annekathrin Bürger), die den drögen Kollegen gegen einen sympathischen (und attraktiven) Baubrigadier eintauscht. Die schwarzweiße Totalvision-Kamera (Peter Krause) beobachtet nicht nur intensiv die Schwierigkeiten der Paarfindung unter den Bedingungen der wissenschaftlich-technischen Revolution, sie sieht auch freudig zu, wie das alte Berlin in Trümmer sinkt, um Platz für die architektonischen Errungenschaften der Ostmoderne zu machen – während in den genormten Schulbauten (›Typ Dresden‹) der Mensch von morgen erzogen wird. Mit seinen Impressionen aus der Zeit unter Ulbricht gibt sich Autor und Regisseur Rolf Römer zwar kinematographisch betont unangepaßt, schlendert aber im Grunde recht artig auf der Straße der ideologischen Affirmation. Trotz alledem: ein Film so locker und leicht, der schwimmt sogar in Club-Cola.
R Rolf Römer B Rolf Römer K Peter Krause M Klaus Lenz A Heike Bauersfeld S Brigitte Krex P Bernd Gerwien D Annekathrin Bürger, Frank Obermann, Petra Hinze, Hans-Dieter Knaup, Rolf Römer | DDR | 97 min | 1:2,35 | sw | 29. Januar 1970
R Rolf Römer B Rolf Römer K Peter Krause M Klaus Lenz A Heike Bauersfeld S Brigitte Krex P Bernd Gerwien D Annekathrin Bürger, Frank Obermann, Petra Hinze, Hans-Dieter Knaup, Rolf Römer | DDR | 97 min | 1:2,35 | sw | 29. Januar 1970
3.4.69
Sieben Tage Frist (Alfred Vohrer, 1969)
Von Alfred Vohrer weitgehend ohne formale Mätzchen in Szene gesetzt, entwickelt der in einem norddeutschen Nobelinternat angesiedelte Mit-den-Vätern-sterben-die-Söhne-Krimi seine Spannung aus der planvollen Verweigerung von Information und der generationskonfliktgeladenen Stimmung einer gesellschaftlichen Umbruchphase: Joachim Fuchsbergers aufgeklärte Autorität, Konrad Georgs verwundbare Kaltblütigkeit, Horst Tapperts zigarrenstummelspuckendes Amtgehabe stehen gegen die revoluzzerhaft-lässige Unbotmäßigkeit des Nachwuchses. Der leichenreiche Fall, in den gleichermaßen Lehrkörper und Dienstpersonal, Schüler und Elternschaft der Bildungsanstalt verwickelt sind, findet seine nicht gänzlich unerwartete Auflösung schließlich in Bundesdeutschlands tausendjähriger Vorgeschichte.
R Alfred Vohrer B Ernst Flügel (= Manfred Purzer) V Paul Henricks K Ernst W. Kalinke M Hans-Martin Majewski A Max Mellin S Susanne Paschen P Luggi Waldleitner D Joachim Fuchsberger, Konrad Georg, Horst Tappert, Karin Hübner, Robert Meyn | BRD | 100 min | 1:1,66 | f | 3. April 1969
# 1133 | 21. Oktober 2018
R Alfred Vohrer B Ernst Flügel (= Manfred Purzer) V Paul Henricks K Ernst W. Kalinke M Hans-Martin Majewski A Max Mellin S Susanne Paschen P Luggi Waldleitner D Joachim Fuchsberger, Konrad Georg, Horst Tappert, Karin Hübner, Robert Meyn | BRD | 100 min | 1:1,66 | f | 3. April 1969
# 1133 | 21. Oktober 2018
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Lehrer,
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Nationalsozialismus,
Polizei,
Purzer,
Schule,
Thriller,
Vohrer
24.2.69
The Prime of Miss Jean Brodie (Ronald Neame, 1969)
Die besten Jahre der Miss Jean Brodie
»Give me a girl at an impressionable age and she is mine for life.« Edinburgh in den 1930er Jahren: Miss Jean Brodie, Lehrerin an der Marcia Blaine School for Girls, widmet ihre besten Jahre (»I am truly in my prime.«) voller Leidenschaft (»I am a teacher! First, last, always!«) der Erziehung der ihr anbefohlenen Schülerinnen, von denen sie Großes erwartet (»All my pupils are the crème de la crème.«) ... Maggie Smith in der Titelrolle der unkonventionellen Pädagogin verwandelt Ronald Neames Romanadaption in eine kurzweilige One-Woman-Show, wobei die von Muriel Spark erfundene, faszinierend widersprüchliche Figur – ihr theatralischer Snobismus und ihre erotische Einbildungskraft, ihr überspannter Enthusiasmus und ihre Anfälligkeit für faschistische Ideen, ihr sinnenhaftes Schwanken zwischen Kunst (Mr. Lloyd) und Musik (Mr. Lowther) – letztlich zur mal kuriosen, mal grotesken jüngferlich-schwärmerischen Neurotikerin reduziert erscheint, die versäumte Chancen nachträglich im Leben ihrer Zöglinge zu realisieren trachtet. Wichtige Motive dieser Darstellung einer tragikomischen Existenzverfehlung – Liebe und Sex, Führung und Gefolgschaft, Vertrauen und Verrat – finden sich in Jay Presson Allens Bearbeitung zwar wieder, doch Sparks elegant strukturierte Erzählung mit ihren permanenten Zeitsprüngen und ständigen Perspektivwechseln wird umstandslos auf linearen Kurs gebracht, während entscheidende religiöse Aspekte gleich ganz unter den Tisch fallen.
R Ronald Neame B Jay Presson Allen V Muriel Spark K Ted Moore M Rod McKuen A John Howell S Norman Savage P Robert Fryer D Maggie Smith, Robert Stephens, Gordon Jackson, Celia Johnson, Pamela Franklin | UK & USA | 116 min | 1:1,85 | f | 24. Februar 1969
# 1048 | 20. Februar 2017
»Give me a girl at an impressionable age and she is mine for life.« Edinburgh in den 1930er Jahren: Miss Jean Brodie, Lehrerin an der Marcia Blaine School for Girls, widmet ihre besten Jahre (»I am truly in my prime.«) voller Leidenschaft (»I am a teacher! First, last, always!«) der Erziehung der ihr anbefohlenen Schülerinnen, von denen sie Großes erwartet (»All my pupils are the crème de la crème.«) ... Maggie Smith in der Titelrolle der unkonventionellen Pädagogin verwandelt Ronald Neames Romanadaption in eine kurzweilige One-Woman-Show, wobei die von Muriel Spark erfundene, faszinierend widersprüchliche Figur – ihr theatralischer Snobismus und ihre erotische Einbildungskraft, ihr überspannter Enthusiasmus und ihre Anfälligkeit für faschistische Ideen, ihr sinnenhaftes Schwanken zwischen Kunst (Mr. Lloyd) und Musik (Mr. Lowther) – letztlich zur mal kuriosen, mal grotesken jüngferlich-schwärmerischen Neurotikerin reduziert erscheint, die versäumte Chancen nachträglich im Leben ihrer Zöglinge zu realisieren trachtet. Wichtige Motive dieser Darstellung einer tragikomischen Existenzverfehlung – Liebe und Sex, Führung und Gefolgschaft, Vertrauen und Verrat – finden sich in Jay Presson Allens Bearbeitung zwar wieder, doch Sparks elegant strukturierte Erzählung mit ihren permanenten Zeitsprüngen und ständigen Perspektivwechseln wird umstandslos auf linearen Kurs gebracht, während entscheidende religiöse Aspekte gleich ganz unter den Tisch fallen.
R Ronald Neame B Jay Presson Allen V Muriel Spark K Ted Moore M Rod McKuen A John Howell S Norman Savage P Robert Fryer D Maggie Smith, Robert Stephens, Gordon Jackson, Celia Johnson, Pamela Franklin | UK & USA | 116 min | 1:1,85 | f | 24. Februar 1969
# 1048 | 20. Februar 2017
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7.2.67
Katz und Maus (Hansjürgen Pohland, 1967)
Zwei Jahrzehnte nach Kriegsende reist Pilenz (Wolfgang Neuss) in seine Heimatstadt Danzig, nunmehr Gdańsk, um sich auf die Spuren des Schulkameraden Joachim Mahlke zu begeben. Mahlke, ein distanzierter Sonderling mit sportlichem Ehrgeiz, leidet unter einem übergroßen Adamsapfel, den er durch allerlei Zierat zu kaschieren sucht: Schraubenzieher, Wollbommeln, Ritterkreuze. Pilenz denkt zurück an die Zeit Anfang der vierziger Jahre, an sommerliche Schwimmausflüge mit der Clique, hinaus zum Wrack eines polnischen Minensuchers, wo Mahlke nach Schrott und Krempel tauchte, denkt an die Ansprachen ordensgeschmückter Offiziere in der Schulaula, die Mahlkes Appetit auf das »Bonbon« anregten … Hansjürgen Pohlands Adaption der Novelle von Günter Grass überblendet satirisch soldatische Ideale und eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung, ignoriert dabei die Konventionen des historischen Ausstattungskinos, arbeitet mit swingenden Jazz und skizzenhaften Bildern, holt die Vergangenheit in die Gegenwart der Rahmenhandlung: Pilenz befindet sich als Erwachsener mitten unter den Freunden von damals, die Stadt von heute wird zur Stadt von einst – ein überzeugender Distanzierungseffekt, der Erinnerung als Form von Fiktion ausweist (allerdings durch surrealistische Mätzchen mit lebensgroßen Puppen und ausgestopften Katzen etwas verunklart wird). Als Glücksgriff erweist sich die Besetzung der Willy-Brandt-Söhne Lars und Peter (als jüngerer und älterer Mahlke), deren eckiges Spiel der ratlos zwischen Ruhmsucht und Verweigerung driftenden Hauptfigur witzig-spröde Glaubwürdigkeit verleiht.
Katz und Maus | R Hansjürgen Pohland B Hansjürgen Pohland V Günter Grass K Wolf Wirth M Attila Zoller A Jerzy Szeski S Christa Pohland P Hansjürgen Pohland D Lars Brandt, Peter Brandt, Wolfgang Neuss, Claudia Bremer, Herbert Weißbach | BRD | 89 min | 1:1,37 | sw | 7. Februar 1967
# 925 | 12. Dezember 2014
Katz und Maus | R Hansjürgen Pohland B Hansjürgen Pohland V Günter Grass K Wolf Wirth M Attila Zoller A Jerzy Szeski S Christa Pohland P Hansjürgen Pohland D Lars Brandt, Peter Brandt, Wolfgang Neuss, Claudia Bremer, Herbert Weißbach | BRD | 89 min | 1:1,37 | sw | 7. Februar 1967
# 925 | 12. Dezember 2014
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5.9.66
De man die zijn haar kort liet knippen (André Delvaux, 1966)
Der Mann, der sich die Haare kurz schneiden ließ
Liebe, Schönheit und Tod oder Die Ballade vom richtigen Leben … Govert Miereveld, Jurist, Familienvater, Lehrer an einem Mädchengymnasium, verliert sein Herz an die Schülerin Fran, freilich ohne ihr seine Zuneigung zu gestehen. Nach dem Abgang der hoffnungslos Angebeteten (die sich auf dem Diplomfest mit einem brechtisch-weillschen Chanson –»Was morgen kommt, kann schlimmer sein. / Was morgen kommt, kann besser sein.« – verabschiedet), quittiert auch Govert den Schuldienst, um sein Dasein fortan als Gerichtsbeamter zu fristen. André Delvaux erzählt, gleichzeitig als Innenschau und Außenansicht, die Geschichte einer unbezähmbaren Erotomanie, eines süßen Wahns, den der Liebeskranke weniger als rauschhafte Ekstase denn als lähmenden Erschöpfungszustand erlebt … Jahre später, nachdem er kurz zuvor als angewiderter Zeuge der Exhumierung eines mutmaßlichen Bankräubers beigewohnt hatte, trifft Govert die vergötterte Frau (die mittlerweile eine gefeierte Sängerin ist) zufällig wieder. Ob die folgende innige Aussprache tatsächlich stattfindet oder sich nur in der Phantasie eines Verrückten abspielt, bleibt ebenso offen wie die Frage, ob Govert Fran tatsächlich getötet hat oder lediglich aufgrund seiner geistigen Zerrüttung in eine Heilanstalt eingewiesen wurde. So ambivalent wie die Hauptfigur Govert (≈ göttlicher Friede) Miereveld (≈ Ameisenhaufen) erscheint der ganze Film: Alles in Ghislain Cloquets so einfachen, so rätselhaften Schwarzweißbildern schwebt, schwimmt, schwankt, zwischen Sehnsucht und Begierde, zwischen Wachen und Träumen, zwischen Transparenz und Undurchsichtigkeit, zwischen Märchen und Schreckensnachricht.
R André Delvaux B André Delvaux, Anna de Pagter V Johan Daisne K Ghislain Cloquet M Frédéric Devreese A Jean-Claude Maes S Suzanne Baron P Paul Louyet, Jos Op De Beek D Senne Rouffaer, Beata Tyskiewicz, Hector Camerlynck, Paul s’Jongers, François Bernard | B | 98 min | 1:1,66 | sw | 5. September 1966
# 846 | 15. März 2014
4.6.63
The Nutty Professor (Jerry Lewis, 1963)
Der verrückte Professor
»Are you tired of being a square? Are you tired of a dull, dull, dull existence?« Nach drei Werken, die auf Entwicklung einer Fabel mehr oder weniger entschlossen verzichteten, unternimmt »total film-maker« Jerry Lewis erstmals den Versuch, seine Gags in eine (halbwegs) konventionell aufgebaute Handlung zu integrieren. Durch erzählerische Konzentration und eine exstatische Farbdramaturgie nähert sich Lewis’ Inszenierung dabei deutlich dem Vorbild seines Regie-Mentors Frank Tashlin. »The Nutty Professor« schildert (inspiriert von Stevensons »Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde«) einen krassen Fall von Persönlichkeitsstörung (»split, schizo, and all that jazz«): Um das Herz einer Studentin zu erobern und einigen jugendlichen Raufbolden zu trotzen, befreit Chemielehrer Julius F. Kelp (Lewis), ein kurzsichtiger, hasenzähniger, piepsstimmiger Katheder-Tolpatsch, mittels einer selbstgebrauten Wundermixtur sein Alter Ego Buddy Love (Lewis), einen schmalzlockigen, großmäuligen, schlagkräftigen nightclub-crooner … Basierte der Erfolg seiner zehnjährigen Komikerehe mit Dean Martin in erster Linie auf den lustvoll ausgereizten Gegenspielen zweier antithetischer Typen (»a handsome man and a monkey«), bündelt Jerry Lewis den Dualismus nunmehr in einer einzigen, in seiner eigenen Person: Der nette, gute Trottel und der große, böse Wolf erscheinen als zwei widerstreitende Seiten desselben (Show-)Charakters; jeder von beiden ist der »inner man« des anderen … Der Film endet (nach dem larmoyanten Vorbild des späten Chaplin) mit einer überlangen, belehrenden Botschaft von Professor Kelp: »You might as well like yourself. If you don’t think much of yourself, how can others?« Der Geist von Buddy Love obsiegt jedoch in einem fiebrig-zynischen Nachklapp: »Try Kelp’s Kool Tonic! You too can be the life of a party.«
R Jerry Lewis B Jerry Lewis, Bill Richmond K W. Wallace Kelley M Walter Scharf A Hal Pereira, Walter Tyler S John Woodcock P Ernest D. Glucksman D Jerry Lewis, Stella Stevens, Del Moore, Kathleen Freeman, Howard Morris | USA | 107 min | 1:1,85 | f | 4. Juni 1963
# 794 | 9. November 2013
»Are you tired of being a square? Are you tired of a dull, dull, dull existence?« Nach drei Werken, die auf Entwicklung einer Fabel mehr oder weniger entschlossen verzichteten, unternimmt »total film-maker« Jerry Lewis erstmals den Versuch, seine Gags in eine (halbwegs) konventionell aufgebaute Handlung zu integrieren. Durch erzählerische Konzentration und eine exstatische Farbdramaturgie nähert sich Lewis’ Inszenierung dabei deutlich dem Vorbild seines Regie-Mentors Frank Tashlin. »The Nutty Professor« schildert (inspiriert von Stevensons »Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde«) einen krassen Fall von Persönlichkeitsstörung (»split, schizo, and all that jazz«): Um das Herz einer Studentin zu erobern und einigen jugendlichen Raufbolden zu trotzen, befreit Chemielehrer Julius F. Kelp (Lewis), ein kurzsichtiger, hasenzähniger, piepsstimmiger Katheder-Tolpatsch, mittels einer selbstgebrauten Wundermixtur sein Alter Ego Buddy Love (Lewis), einen schmalzlockigen, großmäuligen, schlagkräftigen nightclub-crooner … Basierte der Erfolg seiner zehnjährigen Komikerehe mit Dean Martin in erster Linie auf den lustvoll ausgereizten Gegenspielen zweier antithetischer Typen (»a handsome man and a monkey«), bündelt Jerry Lewis den Dualismus nunmehr in einer einzigen, in seiner eigenen Person: Der nette, gute Trottel und der große, böse Wolf erscheinen als zwei widerstreitende Seiten desselben (Show-)Charakters; jeder von beiden ist der »inner man« des anderen … Der Film endet (nach dem larmoyanten Vorbild des späten Chaplin) mit einer überlangen, belehrenden Botschaft von Professor Kelp: »You might as well like yourself. If you don’t think much of yourself, how can others?« Der Geist von Buddy Love obsiegt jedoch in einem fiebrig-zynischen Nachklapp: »Try Kelp’s Kool Tonic! You too can be the life of a party.«
R Jerry Lewis B Jerry Lewis, Bill Richmond K W. Wallace Kelley M Walter Scharf A Hal Pereira, Walter Tyler S John Woodcock P Ernest D. Glucksman D Jerry Lewis, Stella Stevens, Del Moore, Kathleen Freeman, Howard Morris | USA | 107 min | 1:1,85 | f | 4. Juni 1963
# 794 | 9. November 2013
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4.5.59
Les 400 coups (François Truffaut, 1959)
Sie küßten und sie schlugen ihn
François Truffauts semiautobiographische Abrechnung mit den Autoritäten seiner Jugend: Als sei er selbst noch einmal 12½, stellt der Regisseur sein Alter Ego, den halbwüchsigen Antoine Doinel (intensiv: Jean-Pierre Léaud), frontal einem verständnislos-unverständlichen Milieu gegenüber, das mit dem Tunnelblick der Pubertät betrachtet wird: Die Mutter ist ein garstiges Flittchen, der (Stief-)Vater ein überforderter Schlappschwanz, die Lehrer erscheinen als bösartige Witzfiguren; Momente der Freundlichkeit, gar des Verstehens zwischen den Generationen (= Fronten) sind trügerisch, werden im nächsten Augenblick schon wieder von gefühlskalten Böen hinfortgeweht. Alle gegen einen – einer gegen alle: Dem ungeliebten Antoine, der seine Liebe Balzac und dem Kino schenkt, bleibt nichts als die Flucht aus der Gemeinheit – in die Matineen und auf den Rummel, in die Bücher und in die Pariser Nacht –, ein (mitunter kleinkrimineller) Freiheitsdrang, der von den elterlichen, schulischen, schließlich auch polizeilichen Gewalten nur als Renitenz gedeutet werden kann, die gebrochen werden muß. Durch die konsequente filmische Verabsolutierung der Perspektive des ungestüm-bevormundeten Helden verzichtet Truffaut zwar (willentlich) auf eine differenzierte Beschreibung des eng(herzig)en Kosmos seines Entwicklungsromans, führt (und trifft) aber auf diese Weise mitten hinein in die problematische Seelenwelt seines so melancholischen wie couragierten Protagonisten.
R François Truffaut B François Truffaut, Marcel Moussy K Henri Decaë M Jean Constantin A Bernard Evein S Marie-Josèphe Yoyotte P François Truffaut D Jean-Pierre Léaud, Claire Maurier, Albert Rémy, Guy Decomble, Patrick Auffay | F | 99 min | 1:2,35 | sw | 4. Mai 1959
François Truffauts semiautobiographische Abrechnung mit den Autoritäten seiner Jugend: Als sei er selbst noch einmal 12½, stellt der Regisseur sein Alter Ego, den halbwüchsigen Antoine Doinel (intensiv: Jean-Pierre Léaud), frontal einem verständnislos-unverständlichen Milieu gegenüber, das mit dem Tunnelblick der Pubertät betrachtet wird: Die Mutter ist ein garstiges Flittchen, der (Stief-)Vater ein überforderter Schlappschwanz, die Lehrer erscheinen als bösartige Witzfiguren; Momente der Freundlichkeit, gar des Verstehens zwischen den Generationen (= Fronten) sind trügerisch, werden im nächsten Augenblick schon wieder von gefühlskalten Böen hinfortgeweht. Alle gegen einen – einer gegen alle: Dem ungeliebten Antoine, der seine Liebe Balzac und dem Kino schenkt, bleibt nichts als die Flucht aus der Gemeinheit – in die Matineen und auf den Rummel, in die Bücher und in die Pariser Nacht –, ein (mitunter kleinkrimineller) Freiheitsdrang, der von den elterlichen, schulischen, schließlich auch polizeilichen Gewalten nur als Renitenz gedeutet werden kann, die gebrochen werden muß. Durch die konsequente filmische Verabsolutierung der Perspektive des ungestüm-bevormundeten Helden verzichtet Truffaut zwar (willentlich) auf eine differenzierte Beschreibung des eng(herzig)en Kosmos seines Entwicklungsromans, führt (und trifft) aber auf diese Weise mitten hinein in die problematische Seelenwelt seines so melancholischen wie couragierten Protagonisten.
R François Truffaut B François Truffaut, Marcel Moussy K Henri Decaë M Jean Constantin A Bernard Evein S Marie-Josèphe Yoyotte P François Truffaut D Jean-Pierre Léaud, Claire Maurier, Albert Rémy, Guy Decomble, Patrick Auffay | F | 99 min | 1:2,35 | sw | 4. Mai 1959
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29.11.57
Sheriff Teddy (Heiner Carow, 1957)
In Westberlin war Kalle wer: Als Anführer der Teddy-Bande führte er ein strenges Regiment und machte mit seinen Kumpels die Ruinen unsicher. Nach dem Umzug in den »demokratischen Sektor« der geteilten Stadt, muß sich der rüpelig-verstockte 13jährige plötzlich mit Phänomenen wie Anstand, Vertrauen und Ehrlichkeit herumschlagen … In seinem Debütfilm leuchet Heiner Carow die Gefühlswelt eines (nicht besonders sympathischen) Jungen aus, der zwischen sprachlosen Eltern und kriminellem Bruder, zwischen schundliterarischen Idolen und streberhaften Jungpionieren, zwischen Gesundbrunnen (West) und Prenzlauer Berg (Ost) die Orientierung zu verlieren droht. Die unermüdliche Energie, mit der Kalles humanistisch inspiriertes neues Umfeld (darunter ein gemütvoller Pädagoge (Günther Simon) und ein beherzter Klassenkamerad) trotz aller Rückschläge die Seelenrettung des groben Klotzes betreibt, könnte als rosarotes Märchenmotiv durchgehen, wären da nicht die rauhe Straßenfotografie (Kamera: Götz Neumann) und die borstige Berliner Stimmlage, die die Härte der Zeit (sowie der diversen Faustkämpfe) in unsentimentalen Bildern und Tönen wirkungsvoll einfangen.
R Heiner Carow B Benno Pludra, Heiner Carow V Benno Pludra K Götz Neumann M Günter Klück A Alfred Tolle S Friedel Welsandt P Paul Ramacher D Gerhard Kuhn, Axel Dietz, Günther Simon, Erich Franz, Hartmut Reck | DDR | 68 min | 1:1,37 | sw | 29. November 1957
R Heiner Carow B Benno Pludra, Heiner Carow V Benno Pludra K Götz Neumann M Günter Klück A Alfred Tolle S Friedel Welsandt P Paul Ramacher D Gerhard Kuhn, Axel Dietz, Günther Simon, Erich Franz, Hartmut Reck | DDR | 68 min | 1:1,37 | sw | 29. November 1957
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29.1.55
Les diaboliques (Henri-Georges Clouzot, 1955)
Die Teuflischen
Die kalte, klaustrophobische Hölle, in der Henri-Georges Clouzot »Les diaboliques« ansiedelt, ist eine Privatschule in der Pariser Banlieue, ein verfluchter, grauer Kasten, wo ewiger November herrscht, wo den Zöglingen der stinkende Fisch von gestern serviert wird. Direktor Delassalle (Paul Meurisse) ist ein Sadist, der seine herzkranke Frau (Véra Clouzot) und seine aparte Geliebte (Simone Signoret) gleichermaßen lustvoll quält – bis die Frauen beschließen, das Scheusal zu töten: Delassalle wird sediert und sodann ersäuft wie eine Katze – doch wie eine Katze hat auch er mehr Leben als eins ... Der Horror des Films liegt weniger in Schock- oder Gruseleffekten, als vielmehr in der völligen Abwesenheit von Nächstenliebe sowie in der bodenlosen moralischen Schäbigkeit, von denen die beschriebene kleine, enge Welt (die wohl als Metapher der großen, weiten verstanden werden darf) beherrscht wird. Mit einem vorangestellten Motto beansprucht Clouzot für die schwarze Erzählung (nach einen Roman von Boileau und Narcejac) eine kathartische Wirkung, aber letztlich lassen seine boshafte Freude an genüßlich ausgebreiteten Gemeinheiten und sein diebische Vergnügen am kinematographischen Hakenschlagen das ethische Erkenntnisinteresse in den Hintergrund treten. Neben der zentralen Dreierkonstellation spielen Michel Serrault und Pierre Larquey (als armselige Schulmeister) sowie Charles Vanel (als insistierender Bulle im Ruhestand) prägnante Nebenrollen; Armand Thirard kleidet die Verkommenheit in vollkommene Bilder.
R Henri-Georges Clouzot B Henri-Georges Clouzot, Jérôme Géronimi V Pierre Boileau, Thomas Narcejac K Armand Thirard M Georges Van Parys A Léon Barsacq S Madeleine Gug P Henri-Georges Clouzot D Simone Signoret, Véra Clouzot, Paul Meurisse, Charles Vanel, Noël Roquevert | F | 114 min | 1:1,37 | sw | 29. Januar 1955
Die kalte, klaustrophobische Hölle, in der Henri-Georges Clouzot »Les diaboliques« ansiedelt, ist eine Privatschule in der Pariser Banlieue, ein verfluchter, grauer Kasten, wo ewiger November herrscht, wo den Zöglingen der stinkende Fisch von gestern serviert wird. Direktor Delassalle (Paul Meurisse) ist ein Sadist, der seine herzkranke Frau (Véra Clouzot) und seine aparte Geliebte (Simone Signoret) gleichermaßen lustvoll quält – bis die Frauen beschließen, das Scheusal zu töten: Delassalle wird sediert und sodann ersäuft wie eine Katze – doch wie eine Katze hat auch er mehr Leben als eins ... Der Horror des Films liegt weniger in Schock- oder Gruseleffekten, als vielmehr in der völligen Abwesenheit von Nächstenliebe sowie in der bodenlosen moralischen Schäbigkeit, von denen die beschriebene kleine, enge Welt (die wohl als Metapher der großen, weiten verstanden werden darf) beherrscht wird. Mit einem vorangestellten Motto beansprucht Clouzot für die schwarze Erzählung (nach einen Roman von Boileau und Narcejac) eine kathartische Wirkung, aber letztlich lassen seine boshafte Freude an genüßlich ausgebreiteten Gemeinheiten und sein diebische Vergnügen am kinematographischen Hakenschlagen das ethische Erkenntnisinteresse in den Hintergrund treten. Neben der zentralen Dreierkonstellation spielen Michel Serrault und Pierre Larquey (als armselige Schulmeister) sowie Charles Vanel (als insistierender Bulle im Ruhestand) prägnante Nebenrollen; Armand Thirard kleidet die Verkommenheit in vollkommene Bilder.
R Henri-Georges Clouzot B Henri-Georges Clouzot, Jérôme Géronimi V Pierre Boileau, Thomas Narcejac K Armand Thirard M Georges Van Parys A Léon Barsacq S Madeleine Gug P Henri-Georges Clouzot D Simone Signoret, Véra Clouzot, Paul Meurisse, Charles Vanel, Noël Roquevert | F | 114 min | 1:1,37 | sw | 29. Januar 1955
28.1.44
Die Feuerzangenbowle (Helmut Weiss, 1944)
Weil er privat erzogen wurde, Glanz und Elend einer echten »Penne« mithin nie kennenlernte, wird Erfolgsschriftsteller Dr. Johannes Pfeiffer (Heinz Rühmann) von einer nostalgisch-beduselten Herrenrunde zurück auf die Schulbank gezaubert: Bart ab, Haare gestutzt, Primanermütze auf den Kopf – und los geht die Reise in eine Vergangenheit, die es nie gab. Die demonstrativ lustigen Abenteuer, die Pfeiffer mit seinen überaus lausbübischen Klassenkameraden und den selten einfältigen Lehrerkarikaturen »Schnauz«, »Bömmel« und »Zeus« erlebt, sind an drolliger Harmlosigkeit kaum zu überbieten. Angesiedelt in einem illusionär-kleinstädtischen, beschaulich-verträumten Nirgendwo, schleichen sich nichtsdestoweniger die ideologischen Untertöne einer »neuen Zeit« in das selbsternannte »Loblied auf die Schule«: »Junge Bäume, die wachsen wollen, muß man anbinden, daß sie schön gerade wachsen, nicht nach allen Seiten ausschlagen – und genauso ist es mit den jungen Menschen.« Sagt Musterpädagoge Dr. Brett (!), der allseits respektierte »feine Kerl«. Nachdem er seine braven (noch dazu erklärtermaßen fiktiven) Tollheiten genüßlich ausgekostet hat, fügt sich der kleine Waghals Pfeiffer (»mit drei F«) denn auch wieder ins wunschlose Normalmaß: »Wahr sind nur die Erinnerungen, die wir mit uns tragen, die Träume, die wir spinnen, und die Sehnsüchte, die uns treiben. Damit wollen wir uns bescheiden.« Amen. Zu deutsch: So sei es.
R Helmut Weiss B Heinrich Spoerl V Heinrich Spoerl K Ewald Daub M Werner Bochmann A Willi A. Herrmann S Helmuth Schönnenbeck P Heinz Rühmann D Heinz Rühmann, Karin Himboldt, Erich Ponto, Paul Henckels, Hans Leibelt | D | 94 min | 1:1,37 | sw | 28. Januar 1944
R Helmut Weiss B Heinrich Spoerl V Heinrich Spoerl K Ewald Daub M Werner Bochmann A Willi A. Herrmann S Helmuth Schönnenbeck P Heinz Rühmann D Heinz Rühmann, Karin Himboldt, Erich Ponto, Paul Henckels, Hans Leibelt | D | 94 min | 1:1,37 | sw | 28. Januar 1944
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9.1.21
Terza liceo (Luciano Emmer, 1954)
Der letzte Schultag
In vierten (und letzten) seiner filmischen Gruppenbilder nimmt Luciano Emmer eine Handvoll Schülerinnen und Schüler der Abschlußklasse eines römischen Gymnasiums in den Blick, wobei – vom Beginn des Schuljahres bis zum Tag der Reifeprüfung – in erster Linie die amourösen Irrungen und Wirrungen der Adoleszenten thematisiert werden: die Beziehung zwischen dem Eisenbahnersohn Andrea und der höheren Tochter Lucia scheitert an den unüberwindlichen Klassenschranken, Giulia verliebt sich in den Schwarm ihrer besten Freundin Maria, die kokette Teresa hält sich mehrere männliche Optionen offen und so weiter, und so fort. Zwar sorgt das ungekünstelte Spiel der jungen Laiendarsteller für eine gewisse Lebensnähe, doch Emmers skizzenhafte Prägnanz weicht in diesem Falle einer gefälligen Oberflächlichkeit, zumal die eher klischeeartigen Begebenheiten das Werk bisweilen wie eine reportagig angehauchte Seifenoper erscheinen lassen.
R Luciano Emmer B Sergio Amidei, Carlo Bernari, Vasco Pratolini, Luciano Emmer, Giulio Moreno K Mario Bava M Carlo Innocenzi, Mario Garbuglia A Mario Chiari Ko Maria Rosaria Crimi S Eraldo Da Roma P Mario Levi, Annio Casali, Aldo Quinti D Isabella Redi (= Ilaria Occhini), Ferdinando Cappablanca, Giulia Rubini, Anna Maria Sandri, Eriprando Visconti | I | 100 min | 1:1,37 | sw | 18. März 1954
# 1201 | 11. September 2020
In vierten (und letzten) seiner filmischen Gruppenbilder nimmt Luciano Emmer eine Handvoll Schülerinnen und Schüler der Abschlußklasse eines römischen Gymnasiums in den Blick, wobei – vom Beginn des Schuljahres bis zum Tag der Reifeprüfung – in erster Linie die amourösen Irrungen und Wirrungen der Adoleszenten thematisiert werden: die Beziehung zwischen dem Eisenbahnersohn Andrea und der höheren Tochter Lucia scheitert an den unüberwindlichen Klassenschranken, Giulia verliebt sich in den Schwarm ihrer besten Freundin Maria, die kokette Teresa hält sich mehrere männliche Optionen offen und so weiter, und so fort. Zwar sorgt das ungekünstelte Spiel der jungen Laiendarsteller für eine gewisse Lebensnähe, doch Emmers skizzenhafte Prägnanz weicht in diesem Falle einer gefälligen Oberflächlichkeit, zumal die eher klischeeartigen Begebenheiten das Werk bisweilen wie eine reportagig angehauchte Seifenoper erscheinen lassen.
R Luciano Emmer B Sergio Amidei, Carlo Bernari, Vasco Pratolini, Luciano Emmer, Giulio Moreno K Mario Bava M Carlo Innocenzi, Mario Garbuglia A Mario Chiari Ko Maria Rosaria Crimi S Eraldo Da Roma P Mario Levi, Annio Casali, Aldo Quinti D Isabella Redi (= Ilaria Occhini), Ferdinando Cappablanca, Giulia Rubini, Anna Maria Sandri, Eriprando Visconti | I | 100 min | 1:1,37 | sw | 18. März 1954
# 1201 | 11. September 2020
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