Zeuge einer Verschwörung
Am Unabhängigkeitstag wird ein populärer Senator erschossen. »There is no evidence of a conspiracy«, befindet die unabhängige Untersuchungskommission trotz gewisser Ungereimtheiten. Nach und nach sterben zahlreiche Zeugen des Verbrechens auf rätselhafte Weise. Ein hitziger Provinzjournalist (Warren Beatty), der es mit den Standesregeln seines Berufes nicht allzu genau nimmt, schickt sich an, die Hintergründe des Attentats zu erhellen … Im Gewand eines Thrillers über politischen Mord und den (aussichtslosen) Versuch der Aufklärung thematisiert »The Parallax View« das Prinzip, das den beschriebenen Fall (der als einer von vielen erscheint) erst möglich macht, die Verfaßtheit einer Gesellschaftsordnung, die auf Manipulation sowie auf der Ausübung und Nutzbarmachung von Aggression gründet, einer Aggression, die nicht nur nach außen sondern vor allem nach innen gerichtet ist, besser gesagt: gerichtet wird. Alan J. Pakula setzt für sein finsteres Anti-Americana archetypische Schauplätze, Farben, Situationen und Figuren in Szene, Motive, deren fast groteske Klischeehaftigkeit entlarvende Funktion hat: Höhepunkt des Films ist eine fünfminütige Montageseqzenz (»We hope you find the test a pleasant experience.«), die Symbolbilder und Schlüsselbegriffe des amerikanischen Traums zelebriert, verwirrt, zertrümmert, um schließlich das traumatische Gegengesicht der nationalen Fiktionen sichtbar zu machen. Auf die Polarität zwischen Illusion und Alptraum verweisen auch der Score von Michael Small, der bedrohlichen Minimalismus und hysterisches Pathos kontrastiert, und die Bildgestaltung von Gordon Willis, der die Orte des Geschehens in kalte Helligkeit oder trostloses Dunkel taucht, der in extravaganten Perspektiven den Einzelnen als Spielball unkontrollierbarer Vorgänge zeigt. ... »There will be no questions.«
R Alan J. Pakula B Lorenzo Semple Jr., David Giler V Loren Singer K Gordon Willis M Michael Small A George Jenkins S John W. Wheeler P Alan J. Pakula D Warren Beatty, Hume Cronyn, Kenneth Mars, Walter McGinn, William Daniels, Paula Prentiss | USA | 102 min | 1:2,35 | f | 14. Juni 1974
# 840 | 23. Februar 2014
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14.6.74
10.10.61
Splendor in the Grass (Elia Kazan, 1961)
Fieber im Blut
Eine Romanze. Ein Melodram. Ein Sittenbild. Der Ort: eine Kleinstadt im Mittleren Westen der USA. Die Zeit: das Jahr vor dem Great Crash von 1929. Deanie (Natalie Wood), Tochter eines kleinen Ladenbesitzers, und Bud (Warren Beatty), Sohn eines reichen Unternehmers, lieben sich, sind das schönste Paar der High School, könnten unsterblich glücklich sein – wären da nicht die anderen, vor allem die Eltern: Ihre besorgte Mutter (Audrey Christie) warnt die Tochter vor den Folgen der sexuellen Begierde (die Frauen sowieso nicht genießen könnten); sein fordernder Vater (Pat Hingle) beharrt, der Sohn würde noch eine Bessere finden (und solle seinen erotischen Dampf anderweitig ablassen). Die Drangsal äußert sich nicht in physischer Gewalt, sondern in penetranter moralisch-ideologischer Infiltration, in einer gutgemeint-teuflischen Mischung aus Zutexten und Weghören – eine (nicht nur) amerikanische Tragödie, die von den alten und jungen Darstellern in jenem intensiv-entfesselten ›Method‹-Modus präsentiert wird, dessen schweißtreibender Naturalismus gewöhnlich für große Schauspielkunst gilt. Elia Kazan (Regie) und William Inge (Drehbuch) durchschlagen den psychologisch-dramaturgischen Knoten aus eigenen und fremden, aus persönlichen und gesellschaftlichen Ansprüchen mit Hilfe einer inneren Katastrophe und eines historischen Desasters: Ein Nervenzusammenbruch und der Börsenkrach öffnen für Deanie und Bud die Tore zu Selbstgefühl und Autonomie. Die Trümmer des unsterblichen Glücks aber, das es in der Wirklichkeit, so wie sie ist, wohl nicht geben kann, werden, mit einiger Güte des Schicksals, zu Bausteinen eines abgeklärten Weiterlebens: »Though nothing can bring back the hour / Of splendour in the grass, of glory in the flower; / We will grieve not, rather find / Strenght in what remains behind.«
R Elia Kazan B William Inge K Boris Kaufman M David Amram A Richard Sylbert S Gene Mildford P Elia Kazan D Natalie Wood, Warren Beatty, Pat Hingle, Audrey Christie, Barbara Loden | USA | 124 min | 1:1,85 | f | 10. Oktober 1961
Eine Romanze. Ein Melodram. Ein Sittenbild. Der Ort: eine Kleinstadt im Mittleren Westen der USA. Die Zeit: das Jahr vor dem Great Crash von 1929. Deanie (Natalie Wood), Tochter eines kleinen Ladenbesitzers, und Bud (Warren Beatty), Sohn eines reichen Unternehmers, lieben sich, sind das schönste Paar der High School, könnten unsterblich glücklich sein – wären da nicht die anderen, vor allem die Eltern: Ihre besorgte Mutter (Audrey Christie) warnt die Tochter vor den Folgen der sexuellen Begierde (die Frauen sowieso nicht genießen könnten); sein fordernder Vater (Pat Hingle) beharrt, der Sohn würde noch eine Bessere finden (und solle seinen erotischen Dampf anderweitig ablassen). Die Drangsal äußert sich nicht in physischer Gewalt, sondern in penetranter moralisch-ideologischer Infiltration, in einer gutgemeint-teuflischen Mischung aus Zutexten und Weghören – eine (nicht nur) amerikanische Tragödie, die von den alten und jungen Darstellern in jenem intensiv-entfesselten ›Method‹-Modus präsentiert wird, dessen schweißtreibender Naturalismus gewöhnlich für große Schauspielkunst gilt. Elia Kazan (Regie) und William Inge (Drehbuch) durchschlagen den psychologisch-dramaturgischen Knoten aus eigenen und fremden, aus persönlichen und gesellschaftlichen Ansprüchen mit Hilfe einer inneren Katastrophe und eines historischen Desasters: Ein Nervenzusammenbruch und der Börsenkrach öffnen für Deanie und Bud die Tore zu Selbstgefühl und Autonomie. Die Trümmer des unsterblichen Glücks aber, das es in der Wirklichkeit, so wie sie ist, wohl nicht geben kann, werden, mit einiger Güte des Schicksals, zu Bausteinen eines abgeklärten Weiterlebens: »Though nothing can bring back the hour / Of splendour in the grass, of glory in the flower; / We will grieve not, rather find / Strenght in what remains behind.«
R Elia Kazan B William Inge K Boris Kaufman M David Amram A Richard Sylbert S Gene Mildford P Elia Kazan D Natalie Wood, Warren Beatty, Pat Hingle, Audrey Christie, Barbara Loden | USA | 124 min | 1:1,85 | f | 10. Oktober 1961
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