»In einer Demokratie muß man ja alles Mögliche genehmigen.« 1957: Ein neuer Baudezernent kommt in die Stadt, zugleich korrekt-altmodisch und aufgeschlossen-modern. Die expansiven Kräfte gelte es zu unterstützen, verkündet Herr von Bohm (Armin Mueller-Stahl) bei seinem Amtsantritt. Er verliebt sich in die attraktive Marie-Louise (Barbara Sukowa), geht tags mit ihr wandern, nicht ahnend, daß sie nachts die Hure Lola ist und zudem Geliebte von Schuckert (Mario Adorf), dem führenden Bauunternehmer des Ortes: »Ein Mensch hat viele Gesichter.« Als er seine Gefühle verraten sieht, wird der Moralist zum Don Quijote, der gegen die Windmühlen des Systems reitet. Das Kartell aus guten Familien und Banken, aus Politik und Presse erweist sich indes als ebenso widerstandsfähig wie flexibel. Am Ende steht eine gelungene Integration, und auch Lola, die bislang beklagte, daß man sie »nicht richtig mitmachen« lasse, wird vom Establishment adoptiert. Inspiriert von Heinrich Manns »Professor Unrat«, entwirft Rainer Werner Fassbinder ein schrilles Panorama der bürgerlichen Welt »in stampfender, rollender Zeit«: Im 3. Teil seiner BRD-Trilogie zeigt er die Welt als Puff, das allgegenwärtige Kaufen und Verkaufen, die Lust am Profit und die wechselseitige Befriedigung von Bedürfnissen. Die übertriebene Buntheit der Bilder erinnert an die Cartoon-Palette eines Frank Tashlin, wie auch an Edward Dmytryks rosa-azurblau schillerndes Fünfziger-Jahre-Remake des »Blauen Engel«, das den Mann-Roman ebenfalls in ein deutsches Provinznest der Nachkriegszeit verlegte. Die Sicht auf die allgegenwärtige Korruption ist bitter und aufgekratzt zugleich – »Lola« verbindet als knallige Sittenkomödie sarkastische Schärfe und resignative Fröhlichkeit: »Deswegen nennen wir unsere Marktwirtschaft sozial, weil für jeden etwas hängen bleibt.«
R Rainer Werner Fassbinder B Peter Märthesheimer, Pea Fröhlich, Rainer Werner Fassbinder K Xaver Schwarzenberger M Peer Raben A Rolf Zehetbauer Ko Barbara Baum S Juliane Lorenz, Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Horst Wendlandt D Barbara Sukowa, Armin Mueller-Stahl, Mario Adorf, Karin Baal, Matthias Fuchs, Ivan Desny | BRD | 113 min | 1:1,66 | f | 20. August 1981
# 1115 | 29. Mai 2018
Posts mit dem Label Wirtschaft werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Wirtschaft werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
20.8.81
21.5.80
Mon oncle d’Amérique (Alain Resnais, 1980)
Mein Onkel aus Amerika
»La seule raison d’être d'un être, c’est d’être.« Wie eigentlich funktioniert der Mensch? Der Verhaltensbiologe Henri Laborit erläutert seine diesbezüglichen (Hypo-)Thesen, aus denen Jean Gruault eine Filmerzählung für Alain Resnais generiert. Der einzige Grund eines Lebewesens zu leben ist zu leben, seine Struktur zu bewahren, weiterzuleben. Drei Lebewesen, drei Versuchstiere: Jean Le Gall, großbürgerlich-intellektueller Technokrat; Janine Garnier, Schauspielerin aus kommunistischer Pariser Familie; René Ragueneau, leitender Angestellter mit bäuerlichen Wurzeln. »Mon oncle d’Amérique«, angelegt wie eine populärwissenschaftliche Enquête, entfaltet und verwickelt die Biographien der drei Protagonisten, um Laborits Theorien über die Anlage des dreistufigen menschlichen Gehirns zu illustrieren: die (Basis-)Triebe des Selbsterhalts und der Fortpflanzung; die Gefühle und die Erinnerung: Glück und Trauer, Angst und Zorn und Liebe (ein lebendes Wesen, sagt Laborit, ist ein Gedächtnis, das handelt); die Fähigkeit zu assoziieren, zu erfinden, Imaginäres zu realisieren. Wie eigentlich funktioniert ein Film? »Mon oncle d’Amérique« beobachtet nicht nur das Verhalten der drei Anschauungsobjekte in Bezug auf ihre Umgebung (wir, sagt Laborit, sind Produkte der anderen, wenn wir sterben, sterben all jene, die uns gemacht haben), zeigt nicht nur Selbsterhaltung, nicht nur Verlangen nach Belohnung und Furcht vor Strafe, nicht nur Menschen auf der Flucht oder im Kampf oder von den äußeren Umständen gelähmt: Indem Resnais die Hauptfiguren seines Films immer wieder mit historischen Leinwandheld(inn)en kurzschließt – Roger Pierre (Jean) und Danielle Darrieux; Nicole Garcia (Janine) und Jean Marais; Gérard Depardieu (René) und Jean Gabin –, studiert er (ganz spielerisch, ohne endgültige Ergebnisse zu postulieren) mit der Natur des Menschen auch das Wesen des Kinos. PS: »L'Amérique, ça n'existe pas … Je le sais, j'y ai vécu.«
R Alain Resnais B Jean Gruault V Henri Laborit K Sacha Vierny M Arié Dzierlatka A Jacques Saulnier Ko Catherine Leterrier S Albert Jurgenson P Philippe Dussart D Roger Pierre, Nicole Garcia, Gérard Depardieu, Pierre Arditi, Henri Laborit | F | 125 min | 1:1,66 | f | 21. Mai 1980
»La seule raison d’être d'un être, c’est d’être.« Wie eigentlich funktioniert der Mensch? Der Verhaltensbiologe Henri Laborit erläutert seine diesbezüglichen (Hypo-)Thesen, aus denen Jean Gruault eine Filmerzählung für Alain Resnais generiert. Der einzige Grund eines Lebewesens zu leben ist zu leben, seine Struktur zu bewahren, weiterzuleben. Drei Lebewesen, drei Versuchstiere: Jean Le Gall, großbürgerlich-intellektueller Technokrat; Janine Garnier, Schauspielerin aus kommunistischer Pariser Familie; René Ragueneau, leitender Angestellter mit bäuerlichen Wurzeln. »Mon oncle d’Amérique«, angelegt wie eine populärwissenschaftliche Enquête, entfaltet und verwickelt die Biographien der drei Protagonisten, um Laborits Theorien über die Anlage des dreistufigen menschlichen Gehirns zu illustrieren: die (Basis-)Triebe des Selbsterhalts und der Fortpflanzung; die Gefühle und die Erinnerung: Glück und Trauer, Angst und Zorn und Liebe (ein lebendes Wesen, sagt Laborit, ist ein Gedächtnis, das handelt); die Fähigkeit zu assoziieren, zu erfinden, Imaginäres zu realisieren. Wie eigentlich funktioniert ein Film? »Mon oncle d’Amérique« beobachtet nicht nur das Verhalten der drei Anschauungsobjekte in Bezug auf ihre Umgebung (wir, sagt Laborit, sind Produkte der anderen, wenn wir sterben, sterben all jene, die uns gemacht haben), zeigt nicht nur Selbsterhaltung, nicht nur Verlangen nach Belohnung und Furcht vor Strafe, nicht nur Menschen auf der Flucht oder im Kampf oder von den äußeren Umständen gelähmt: Indem Resnais die Hauptfiguren seines Films immer wieder mit historischen Leinwandheld(inn)en kurzschließt – Roger Pierre (Jean) und Danielle Darrieux; Nicole Garcia (Janine) und Jean Marais; Gérard Depardieu (René) und Jean Gabin –, studiert er (ganz spielerisch, ohne endgültige Ergebnisse zu postulieren) mit der Natur des Menschen auch das Wesen des Kinos. PS: »L'Amérique, ça n'existe pas … Je le sais, j'y ai vécu.«
R Alain Resnais B Jean Gruault V Henri Laborit K Sacha Vierny M Arié Dzierlatka A Jacques Saulnier Ko Catherine Leterrier S Albert Jurgenson P Philippe Dussart D Roger Pierre, Nicole Garcia, Gérard Depardieu, Pierre Arditi, Henri Laborit | F | 125 min | 1:1,66 | f | 21. Mai 1980
# 817 | 21. Dezember 2013
Labels:
Arbeit,
Bühne,
Depardieu,
Drama,
Ehe,
Gesellschaft,
Gruault,
Kindheit,
Komödie,
Medien,
Politik,
Resnais,
Romanze,
Wirtschaft,
Wissenschaft
22.3.78
La zizanie (Claude Zidi, 1978)
Der Querkopf
Guillaume Daubray-Lacaze (Louis de Funès), Kleinfabrikant mit einem Bein im Konkursgericht und Bürgermeister einer beschaulichen Provinzstadt, verkauft unverhofft 3000 Stück seines Rauchverzehrers CX-22 an japanische Geschäftsleute. Weil die Produktionskapazitäten nicht ausreichen, funktioniert der Boß sein Wohnhaus kurzerhand zur Werkstatt um; Gattin Bernadette (Annie Girardot) trägt die Prüfung mit ehefraulicher Geduld – bis ihr hingebungsvoll gepflegter Gemüsegarten und das geliebte Gewächshaus Raub der ungezügelten unternehmerischen Aktivitäten werden … Der schlagartig ausbrechende Ehekrieg, in dessen Verlauf Bernadette als Vertreterin der Liste »Défense de la nature« bei den Gemeinderatswahlen gegen ihren wachstumsorientierten Mann (»Mon programme en trois points : premièrement, le plein emploi, deuxièmement, le plein emploi et troisièmement, le plein emploi!«) antritt, umschreibt in Form einer quatschigen Groteske den Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie, der die zunehmend im Wohlstandsmüll versinkenden westlichen Konsumgesellschaften in den 1970er Jahren erfaßt. Claude Zidi ist an zivilisationskritischen Untertönen allerdings nur in dem Maße gelegen, wie sie das ungebremste Spiel der temperamentvollen Hauptdarsteller nicht stören.
R Claude Zidi B Claude Zidi, Michel Fabre, Pascal Jardin K Claude Renoir M Vladimir Cosma A Théobald Meurisse S Robert Isnardon, Monique Isnardon P Christian Fechner D Louis de Funès, Annie Girardot, Julien Guiomar, Maurice Risch, Daniel Boulanger, Geneviève Fontanel | F | 97 min | 1:2,35 | f | 22. März 1978
# 901 | 4. August 2014
Guillaume Daubray-Lacaze (Louis de Funès), Kleinfabrikant mit einem Bein im Konkursgericht und Bürgermeister einer beschaulichen Provinzstadt, verkauft unverhofft 3000 Stück seines Rauchverzehrers CX-22 an japanische Geschäftsleute. Weil die Produktionskapazitäten nicht ausreichen, funktioniert der Boß sein Wohnhaus kurzerhand zur Werkstatt um; Gattin Bernadette (Annie Girardot) trägt die Prüfung mit ehefraulicher Geduld – bis ihr hingebungsvoll gepflegter Gemüsegarten und das geliebte Gewächshaus Raub der ungezügelten unternehmerischen Aktivitäten werden … Der schlagartig ausbrechende Ehekrieg, in dessen Verlauf Bernadette als Vertreterin der Liste »Défense de la nature« bei den Gemeinderatswahlen gegen ihren wachstumsorientierten Mann (»Mon programme en trois points : premièrement, le plein emploi, deuxièmement, le plein emploi et troisièmement, le plein emploi!«) antritt, umschreibt in Form einer quatschigen Groteske den Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie, der die zunehmend im Wohlstandsmüll versinkenden westlichen Konsumgesellschaften in den 1970er Jahren erfaßt. Claude Zidi ist an zivilisationskritischen Untertönen allerdings nur in dem Maße gelegen, wie sie das ungebremste Spiel der temperamentvollen Hauptdarsteller nicht stören.
R Claude Zidi B Claude Zidi, Michel Fabre, Pascal Jardin K Claude Renoir M Vladimir Cosma A Théobald Meurisse S Robert Isnardon, Monique Isnardon P Christian Fechner D Louis de Funès, Annie Girardot, Julien Guiomar, Maurice Risch, Daniel Boulanger, Geneviève Fontanel | F | 97 min | 1:2,35 | f | 22. März 1978
# 901 | 4. August 2014
Labels:
de Funès,
Ehe,
Gesellschaft,
Girardot,
Industrie,
Kleinstadt,
Komödie,
Politik,
Satire,
Umweltschutz,
Wirtschaft,
Zidi
27.10.76
Mado (Claude Sautet, 1976)
Mado
»Chacun se vend à sa façon«, sagt Mado: Jeder verkauft sich auf seine Weise. Mado (Ottavia Piccolo) verkauft ihren schönen Körper gelegentlich an wohlhabende Herren, unter anderem an den Baulöwen Simon (Michel Piccoli), der im Bett mit der jungen Frau die »Einsamkeit des reichen Mannes« zu vergessen sucht. »Mado« beginnt mit dem Selbstmord von Simons unlauterem Kompagnon und einem Loch von sechs Millionen Francs in der Firmenkasse. Simon, der bislang wert darauf legte, »das Spiel korrekt zu spielen«, sieht sich unversehens genötigt, selbst unfaire Mittel zu ergreifen, um die Aasgeier abzuwehren, die bereits über ihm kreisen … Die Beziehung zwischen dem Großbürger und der Nebenerwerbsprostituierten bildet den roten Faden, der durch ein komplexes Beziehungsgeflecht führt, in dem sich zahlreiche Lebenslinien kreuzen: Da sind (unter anderem) Pierre, der arbeitslose Buchhalter, Manecca, der betrogene Betrüger, Barachet, der korrupte Beamte, Lépidon, der skrupellose Geschäftemacher, und da ist Hélène, die in den Suff gestürzte Dame der Gesellschaft (Romy Schneider). Wieder eine dieser vielstimmigen, vielschichtigen Kompositionen, mit denen Claude Sautet, virtuos wie kein anderer, von den Dingen des Lebens erzählt – »Mado«, ein ungeschöntes Porträt der Wegwerfgesellschaft nach dem Ende des Booms, ein dunkler Film über die Käuflichkeit und über die Raffgier, über vermeintlichen Gewinn und über unvermeidlichen Verlust, gipfelt in einem Ausflug, in dessen Verlauf die genießende Klasse buchstäblich im Schlamm steckenbleibt. Die sarkastische Schlußsequenz wirkt, trotz nahender Rettung bei Sonnenaufgang, wie das Menetekel eines kommenden Systemzusammenbruchs.
R Claude Sautet B Claude Sautet, Claude Néron K Jean Boffety M Philippe Sarde A Pierre Guffroy S Jacqueline Thiédot P André Génovès D Michel Piccoli, Ottavia Piccolo, Jacques Dutronc, Charles Denner, Julien Guiomar, Romy Schneider | F & I & BRD | 121 min | 1:1,66 | f | 27. Oktober 1976
# 770 | 10. September 2013
»Chacun se vend à sa façon«, sagt Mado: Jeder verkauft sich auf seine Weise. Mado (Ottavia Piccolo) verkauft ihren schönen Körper gelegentlich an wohlhabende Herren, unter anderem an den Baulöwen Simon (Michel Piccoli), der im Bett mit der jungen Frau die »Einsamkeit des reichen Mannes« zu vergessen sucht. »Mado« beginnt mit dem Selbstmord von Simons unlauterem Kompagnon und einem Loch von sechs Millionen Francs in der Firmenkasse. Simon, der bislang wert darauf legte, »das Spiel korrekt zu spielen«, sieht sich unversehens genötigt, selbst unfaire Mittel zu ergreifen, um die Aasgeier abzuwehren, die bereits über ihm kreisen … Die Beziehung zwischen dem Großbürger und der Nebenerwerbsprostituierten bildet den roten Faden, der durch ein komplexes Beziehungsgeflecht führt, in dem sich zahlreiche Lebenslinien kreuzen: Da sind (unter anderem) Pierre, der arbeitslose Buchhalter, Manecca, der betrogene Betrüger, Barachet, der korrupte Beamte, Lépidon, der skrupellose Geschäftemacher, und da ist Hélène, die in den Suff gestürzte Dame der Gesellschaft (Romy Schneider). Wieder eine dieser vielstimmigen, vielschichtigen Kompositionen, mit denen Claude Sautet, virtuos wie kein anderer, von den Dingen des Lebens erzählt – »Mado«, ein ungeschöntes Porträt der Wegwerfgesellschaft nach dem Ende des Booms, ein dunkler Film über die Käuflichkeit und über die Raffgier, über vermeintlichen Gewinn und über unvermeidlichen Verlust, gipfelt in einem Ausflug, in dessen Verlauf die genießende Klasse buchstäblich im Schlamm steckenbleibt. Die sarkastische Schlußsequenz wirkt, trotz nahender Rettung bei Sonnenaufgang, wie das Menetekel eines kommenden Systemzusammenbruchs.
R Claude Sautet B Claude Sautet, Claude Néron K Jean Boffety M Philippe Sarde A Pierre Guffroy S Jacqueline Thiédot P André Génovès D Michel Piccoli, Ottavia Piccolo, Jacques Dutronc, Charles Denner, Julien Guiomar, Romy Schneider | F & I & BRD | 121 min | 1:1,66 | f | 27. Oktober 1976
# 770 | 10. September 2013
Labels:
Alkohol,
Drama,
Geld,
Gesellschaft,
Korruption,
Paris,
Piccoli,
Prostitution,
Sautet,
Schneider,
Tod,
Wirtschaft
L’aile ou la cuisse (Claude Zidi, 1976)
Brust oder Keule
Für seine Verdienste um die beiden heiligen Kühe Frankreichs – Küche und Sprache – soll Charles Duchemin (Louis de Funès), wortmächtiger Kulinarier und Herausgeber eines berühmten (und von vielen gefürchteten) Restaurantführers, in die Académie française aufgenommen werden. Bevor er, gewandet in den ehrwürdigen habit vert, das traditionelle Festessen im Kreise der ›Unsterblichen‹ genießen kann, muß Duchemin einerseits seinen Sohn und designierten Nachfolger Gérard (Coluche), der ein Doppelleben als Zirkusclown führt, bei der familiären Stange halten, andererseits in einem Fernsehduell die chemisch-industriellen Schweinereien des diabolischen Lebensmittel-Tycoons Jacques Tricatel (Julien Guiomar) ans Licht der Öffentlichkeit bringen. Duchemin gegen Tricatel, das heißt nicht nur ›grande cuisine‹ gegen ›malbouffe‹, sondern ganz allgemein: kulturelle Verfeinerung gegen profitgierige Barbarei. Gerade von einem doppelten Herzinfarkt genesen, wirkt die ewige Krawalltüte Louis de Funès in Claude Zidis satirischer Gastro-Farce etwas schallgedämpft; dem fröhlichen Wahnwitz seiner Reise vom Himmel der Feinschmeckerei in die Hölle der Fertiggerichte und wieder zurück tut dies freilich keinen Abbruch.
R Claude Zidi B Claude Zidi, Michel Fabre K Claude Renoir M Vladimir Cosma A Michel de Broin S Robert Isnardon, Monique Isnardon P Christian Fechner D Louis de Funès, Coluche, Julien Guiomar, Ann Zacharias, Claude Gensac, Marcel Dalio | F | 104 min | 1:2,35 | f | 27. Oktober 1976
# 900 | 4. August 2014
Für seine Verdienste um die beiden heiligen Kühe Frankreichs – Küche und Sprache – soll Charles Duchemin (Louis de Funès), wortmächtiger Kulinarier und Herausgeber eines berühmten (und von vielen gefürchteten) Restaurantführers, in die Académie française aufgenommen werden. Bevor er, gewandet in den ehrwürdigen habit vert, das traditionelle Festessen im Kreise der ›Unsterblichen‹ genießen kann, muß Duchemin einerseits seinen Sohn und designierten Nachfolger Gérard (Coluche), der ein Doppelleben als Zirkusclown führt, bei der familiären Stange halten, andererseits in einem Fernsehduell die chemisch-industriellen Schweinereien des diabolischen Lebensmittel-Tycoons Jacques Tricatel (Julien Guiomar) ans Licht der Öffentlichkeit bringen. Duchemin gegen Tricatel, das heißt nicht nur ›grande cuisine‹ gegen ›malbouffe‹, sondern ganz allgemein: kulturelle Verfeinerung gegen profitgierige Barbarei. Gerade von einem doppelten Herzinfarkt genesen, wirkt die ewige Krawalltüte Louis de Funès in Claude Zidis satirischer Gastro-Farce etwas schallgedämpft; dem fröhlichen Wahnwitz seiner Reise vom Himmel der Feinschmeckerei in die Hölle der Fertiggerichte und wieder zurück tut dies freilich keinen Abbruch.
R Claude Zidi B Claude Zidi, Michel Fabre K Claude Renoir M Vladimir Cosma A Michel de Broin S Robert Isnardon, Monique Isnardon P Christian Fechner D Louis de Funès, Coluche, Julien Guiomar, Ann Zacharias, Claude Gensac, Marcel Dalio | F | 104 min | 1:2,35 | f | 27. Oktober 1976
# 900 | 4. August 2014
Labels:
de Funès,
Fernsehen,
Industrie,
Komödie,
Paris,
Restaurant,
Satire,
Vater,
Wirtschaft,
Zidi
18.3.76
The Man Who Fell to Earth (Nicolas Roeg, 1976)
Der Mann, der vom Himmel fiel
»I’m just visiting.« – »Oh, a traveler!« Ein Außerirdischer landet auf der Erde. Unter dem Namen Thomas Jerome Newton verschafft sich der rothaarige Besucher Bargeld und baut mittels einiger bahnbrechender Patente einen der größten Konzerne der Vereinigten Staaten auf – es sind weder Macht noch Reichtum, die ihn dabei interessieren, ihm geht es einzig um die Mittel, seinen verdurstenden Heimatplaneten (auf dem er Frau und Kinder zurückließ) mit Wasser zu versorgen. Die Science-Fiction-Erzählung bildet den Rahmen, um aus der Sicht eines Fremden auf Bekanntes – oder: für bekannt Gehaltenes – zu blicken, auf Talmiglanz und Elend der westlichen Zivilisation, auf ihre Gesetze des Marktes und der Stärkeren. In kühnen Ellipsen, in fragmentierten Szenen, in Bildern von halluzinatorischer Qualität verschmilzt Nicolas Roeg hochartifizielle Gesellschaftskritik und rigorose Genredekonstruktion zu einer sarkastische Dystopie, die nicht als Zukunftsvision daherkommt, sondern, vermittelt durch die Perspektive eines Alien, als beklemmendes Zeitbild. David Bowie, der als Popstar zuvor selbst mit außerirdischen Identitäten jonglierte, spielt Newton, den genialischen Magnaten und einzelgängerischen Exzentriker, Simplicissimus, Messias, Ikarus, Freak, ultimativer »stranger in a strange land«. Mit seltsam aufgekratzter Ungerührtheit zeigt Roeg, wie sich »The Man Who Fell to Earth« in eine problematische Beziehung verwickelt, wie er dem Alkohol und hemmungslosem Fernsehkonsum verfällt, wie er sein großes Ziel allmählich aus den Augen verliert – ein fataler Prozeß der Entfremdung (und zugleich Menschwerdung), der in stiller Melancholie endet. »I may not stay sober anymore. But, I still have money.«
R Nicolas Roeg B Paul Mayersberg V Walter Tevis K Anthony Richmond M diverse A Brian Eatwell S Graeme Clifford P Michael Deeley, Barry Spikings D David Bowie, Candy Clark, Rip Torn, Buck Henry, Bernie Casey | UK | 139 min | 1:2,35 | f | 18. März 1976
# 1065 | 31. Juli 2017
»I’m just visiting.« – »Oh, a traveler!« Ein Außerirdischer landet auf der Erde. Unter dem Namen Thomas Jerome Newton verschafft sich der rothaarige Besucher Bargeld und baut mittels einiger bahnbrechender Patente einen der größten Konzerne der Vereinigten Staaten auf – es sind weder Macht noch Reichtum, die ihn dabei interessieren, ihm geht es einzig um die Mittel, seinen verdurstenden Heimatplaneten (auf dem er Frau und Kinder zurückließ) mit Wasser zu versorgen. Die Science-Fiction-Erzählung bildet den Rahmen, um aus der Sicht eines Fremden auf Bekanntes – oder: für bekannt Gehaltenes – zu blicken, auf Talmiglanz und Elend der westlichen Zivilisation, auf ihre Gesetze des Marktes und der Stärkeren. In kühnen Ellipsen, in fragmentierten Szenen, in Bildern von halluzinatorischer Qualität verschmilzt Nicolas Roeg hochartifizielle Gesellschaftskritik und rigorose Genredekonstruktion zu einer sarkastische Dystopie, die nicht als Zukunftsvision daherkommt, sondern, vermittelt durch die Perspektive eines Alien, als beklemmendes Zeitbild. David Bowie, der als Popstar zuvor selbst mit außerirdischen Identitäten jonglierte, spielt Newton, den genialischen Magnaten und einzelgängerischen Exzentriker, Simplicissimus, Messias, Ikarus, Freak, ultimativer »stranger in a strange land«. Mit seltsam aufgekratzter Ungerührtheit zeigt Roeg, wie sich »The Man Who Fell to Earth« in eine problematische Beziehung verwickelt, wie er dem Alkohol und hemmungslosem Fernsehkonsum verfällt, wie er sein großes Ziel allmählich aus den Augen verliert – ein fataler Prozeß der Entfremdung (und zugleich Menschwerdung), der in stiller Melancholie endet. »I may not stay sober anymore. But, I still have money.«
R Nicolas Roeg B Paul Mayersberg V Walter Tevis K Anthony Richmond M diverse A Brian Eatwell S Graeme Clifford P Michael Deeley, Barry Spikings D David Bowie, Candy Clark, Rip Torn, Buck Henry, Bernie Casey | UK | 139 min | 1:2,35 | f | 18. März 1976
# 1065 | 31. Juli 2017
Labels:
Alkohol,
Außerirdische,
Drama,
Geld,
Medien,
New Mexico,
New York,
Raumfahrt,
Roeg,
Satire,
Science fiction,
Wirtschaft
18.12.74
In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod (Alexander Kluge & Edgar Reitz, 1974)
»Ich habe eine gewisse Übersicht. Die Lage ist hochkompliziert.« Eine mittlere Großstadt in der Bundesrepublik Deutschland. Der Ort heißt Frankfurt und hat gesellschaftlichen Modellcharakter. Die Verhältnisse sind mit einer kohärenten Erzählung nicht zu fassen. Die Zusammenhänge liegen in den Widersprüchen. Alexander Kluge und Edgar Reitz erzählen die Geschichte einer Beischlafdiebin, die um die Defizite männlicher Versprechungen weiß, sowie die Geschichte einer östlichen Geheimagentin, die – anstatt sogenannte Staatsgeheimnisse auszuspähen (welche man genauso gut im Wirtschaftsteil der FAZ nachlesen könne) – mit ihren Mikrofonen und Kameras die konkrete Wirklichkeit untersucht; sie ist der festen Überzeugung, daß dort die wahren Geheimnisse liegen. Auch Kluge und Reitz studieren die konkrete Wirklichkeit: Karnevalssitzungen und Häuserräumungen, Tagungen von Astronomen und jungen Unternehmern, Polizeieinsätze und Parteiversammlungen. Es ist »die Sprechweise öffentlicher Ereignisse«, die im Mittelpunkt ihres Interesses steht: das blasierte Geschwätz eines Bundestagsabgeordneten, die technokratischen Rechtfertigungen eines Polizeipräsidenten vor seinen Genossen, die Streikdiskussion von Opernangestellten, die papierdeutschen Erklärungen eines Abbruchunternehmers. »Gefühle zählen nicht, Fakten zählen«, sagt ein unzufriedener Führungsoffizier zu der Agentin, die sich in Lyrismen ergehe, anstatt Handfestes zu liefern. Kluge und Reitz versuchen, die Gefühlstiefe des Faktischen auszuloten. »Gibt es ein Leben vor dem Tod?« fragt ein Graffiti in einem besetzten Abrißhaus im Frankfurter Westend. Der Film kennt keine Antwort, bringt aber eine Überlegung von Karl Marx ins Spiel: »Man muß den versteinerten Dingen ihre eigene Melodie vorspielen, um sie zum Tanzen zu bringen.«
R Alexander Kluge, Edgar Reitz B Alexander Kluge, Edgar Reitz K Edgar Reitz, Alfred Hürmer, Günter Hörmann M diverse S Beate Mainka-Jellinghaus P Alexander Kluge, Edgar Reitz D Dagmar Bödderich, Jutta Winkelmann, Alfred Edel, Kurt Jürgens, André Mozart | BRD | 90 min | 1:1,37 | f | 18. Dezember 1974
# 899 | 25. Juli 2014
R Alexander Kluge, Edgar Reitz B Alexander Kluge, Edgar Reitz K Edgar Reitz, Alfred Hürmer, Günter Hörmann M diverse S Beate Mainka-Jellinghaus P Alexander Kluge, Edgar Reitz D Dagmar Bödderich, Jutta Winkelmann, Alfred Edel, Kurt Jürgens, André Mozart | BRD | 90 min | 1:1,37 | f | 18. Dezember 1974
# 899 | 25. Juli 2014
Labels:
Dokumentarfilm,
Frankfurt,
Gesellschaft,
Kapitalismus,
Kluge,
Politik,
Reitz,
Satire,
Spionage,
Wirtschaft
20.11.74
Die Antwort kennt nur der Wind (Alfred Vohrer, 1974)
Die Welt der Schönen und Reichen und Gemeinen. Cannes: Palmen, Villen, Strand, Meer, eine explodierende Luxusyacht. Der in die Luft geflogene Eigner war ein Bankier in Geldnöten, sein Schiff war hoch versichert. Assekuranz-Detektiv Robert Lucas (Maurice Ronet), desillusioniert und herzkrank, reist an, um die Hintergründe der Tat aufzuklären: Mord oder Suizid? Unterstützung erfährt der Ermittler durch die attraktive Prominenten-Malerin Angela (!) (Marthe Keller), die ihm nicht nur ihre Bluse öffnet sondern auch den Zugang zu den pompösen Salons der durch und durch verlotterten Gesellschaft … Nach Gelde drängt, am Gelde hängt doch alles. Johannes Mario Simmel (der einen Cameo-Auftritt als Nabob im weißen Smoking absolviert) zeigt mit ausgestrecktem Finger auf die bösen Finanzkapitalisten, die die Welt ausleeren wie eine Flasche Champagner (1964er Krug); Alfred Vohrer inszeniert Simmels Anklage straff und geradlinig, mit Gefühl für melodramatische Effekte und Sympathie für den Weg des fragwürdigen Helden: Auch Robert will sein Stück vom Kuchen. Warum alles den gewissenlosen Spekulanten überlassen? Warum nicht auch Handel treiben? Warum nicht ein paar gewonnene Informationen nutzbringend verwenden? Warum nicht selbst ein Nummernkonto (Kennwort: »Angela«) in der Schweiz eröffnen? Doch ganz so einfach ist es nicht. Die Schweine bleiben lieber unter sich, tun alles, um ihren exklusiven Club zu schützen: Attentate, Bestechung, Autobomben. Kein Wunder, wenn ob dieser Schlechtigkeit irgendwann das gebrochene Herz stehen bleibt. Einfach so.
R Alfred Vohrer B Manfred Purzer V Johannes Mario Simmel K Petrus Schloemp M Erich Ferstl A Max Dietl S Ingeborg Taschner P Luggi Waldleitner D Maurice Ronet, Marthe Keller, Karin Dor, Raymond Pellegrin, Charlotte Kerr | BRD & F | 105 min | 1:1,66 | f | 20. November 1974
# 858 | 16. April 2014
R Alfred Vohrer B Manfred Purzer V Johannes Mario Simmel K Petrus Schloemp M Erich Ferstl A Max Dietl S Ingeborg Taschner P Luggi Waldleitner D Maurice Ronet, Marthe Keller, Karin Dor, Raymond Pellegrin, Charlotte Kerr | BRD & F | 105 min | 1:1,66 | f | 20. November 1974
# 858 | 16. April 2014
Labels:
Cannes,
Côte d'Azur,
Drama,
Geld,
Gesellschaft,
Krimi,
Melodram,
Mord,
Polizei,
Purzer,
Ronet,
Simmel,
Vohrer,
Wirtschaft,
Zürich
7.12.73
Gelegenheitsarbeit einer Sklavin (Alexander Kluge, 1973)
»Roswitha fühlt in sich eine ungeheure Kraft, und sie weiß aus Filmen, daß es diese Kraft auch wirklich gibt.« Ein halbes Jahr aus dem Leben der Frankfurter Familie Bronski: der herrische Franz (Bion Steinborn) konzentriert sich aufs Zweitstudium, die umtriebige Roswitha (Alexandra Kluge) kümmert sich nicht nur um Haushalt und Kinder, mit einer Abtreibungspraxis kommt sie außerdem für den Unterhalt der Ihren auf. Nach dem zwangsweisen Ende der – in wertfreier Deutlichkeit gezeigten – illegalen Tätigkeit (aufgrund der Denunzierung durch eine Konkurrentin) wendet sich Roswitha gesellschaftspolitischen Aktivitäten zu, studiert Lebensbedingungen, hinterfragt Meinungsbildungsprozesse, kämpft gegen Unternehmerwillkür. Alexander Kluge zeichnet das facettenreiche Portrait einer Frau, die fest an die Möglichkeit von Veränderung in einer hermetischen Männerwelt glaubt, wenn sie auch – aufgrund einer gewissen aktionistischen Planlosigkeit – eher als Partisanin des Gefühls denn als methodische Bewußtseinsarbeiterin erscheint. Am Ende des sozialsatirischen Lehrstücks eröffnet die Protagonistin eine konspirative Imbißbude in unmittelbarer Nähe einer großen Fabrik. Der Werkschutz hält Roswithas Würste (aus Gründen) für eine Beeinträchtigung des Betriebsfriedens: »Irgendeinen Sinn muß das haben. Aber welchen?«
R Alexander Kluge B Alexander Kluge K Thomas Mauch M diverse S Beate Mainka-Jellinghaus P Alexander Kluge D Alexandra Kluge, Franz Bronski (= Bion Steinborn), Silvia Gartmann, Traugott Buhre, Alfred Edel | BRD | 91 min | 1:1,37 | sw | 7. Dezember 1973
# 1188 | 9. Januar 2020
R Alexander Kluge B Alexander Kluge K Thomas Mauch M diverse S Beate Mainka-Jellinghaus P Alexander Kluge D Alexandra Kluge, Franz Bronski (= Bion Steinborn), Silvia Gartmann, Traugott Buhre, Alfred Edel | BRD | 91 min | 1:1,37 | sw | 7. Dezember 1973
# 1188 | 9. Januar 2020
Labels:
Abtreibung,
Drama,
Ehe,
Familie,
Frankfurt,
Gesellschaft,
Kluge,
Politik,
Presse,
Satire,
Wirtschaft
30.8.68
Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos (Alexander Kluge, 1968)
»Die Dickhäuter schwören: Wir vergessen nichts.« Ein gleichermaßen faszinierender wie ermüdender Elefantenritt durch Alexander Kluges Assoziationsmanege. Der Zirkus als Metapher für ... ja, für was eigentlich? ... für Kreativität, für Kunstproduktion, für die Situation des Kinos in der BRD. Leni Peickert (Hannelore Hoger), Tochter eines visionären Hochseilakrobaten, der sich in einem Anfall von Melancholie zu Tode stürzte, will einen Reformzirkus aufbauen, der dem Publikum nicht nur Sensationen zeigt, sondern es für die Zustände sensibilisiert, in denen die große Schau dargeboten wird. Ihre ehrgeizig-originellen Vorstellungen (»Sieben Tiger versuchen, sechzig rote Mäuse aufzuhalten. Das gelingt nicht. Daraufhin bauen die Tiger eine Pyramide und machen ›schön‹«.) scheitern an ökonomischen Realitäten und an eingefahrenen Erwartungshaltungen: »Tut der Kapitalist, was er liebt, und nicht was ihm nützt, wird er von dem, was ist, nicht unterstützt.« Leni denkt um (»Mit großen Schritten macht man sich nur lächerlich. Aber mit lauter kleinen Schritten könnte ich Staatssekretärin im Auswärtigen Amt werden.«), und geht auf den langen Marsch durch die Institutionen: Das Fernsehen verspricht, ihrer »Liebe zur Sache« eine taugliche Plattform zu bieten. Kluge, der seine eigene glanzvolle Zukunft als TV-Impressario vorauszuahnen scheint, zieht so flott, daß seinen gedanklichen Zaubertricks schwerlich zu folgen ist, Anekdoten und Zitate, Kuriosa und Theorien aus dem Zylinder; das Bild dient ihm dabei vor allem als Folie für halsbrecherische Gedankensprünge und hinreißende intellektuelle Kalendersprüche: »Die Utopie wird immer besser, während wir auf sie warten.«
R Alexander Kluge B Alexander Kluge K Günther Hörmann, Thomas Mauch M diverse S Beate Mainka-Jellinghaus P Alexander Kluge D Hannelore Hoger, Alfred Edel, Sigi Graue, Bernd Hoeltz, Klaus Schwarzkopf | BRD | 103 min | 1:1,37 | f & sw | 30. August 1968
# 898 | 24. Juli 2014
R Alexander Kluge B Alexander Kluge K Günther Hörmann, Thomas Mauch M diverse S Beate Mainka-Jellinghaus P Alexander Kluge D Hannelore Hoger, Alfred Edel, Sigi Graue, Bernd Hoeltz, Klaus Schwarzkopf | BRD | 103 min | 1:1,37 | f & sw | 30. August 1968
# 898 | 24. Juli 2014
Labels:
Drama,
Fernsehen,
Geld,
Gesellschaft,
Kapitalismus,
Kluge,
Komödie,
Kunst,
Wirtschaft,
Zirkus
27.2.64
Schwarzer Samt (Heinz Thiel, 1964)
Stasi-Offizier Alexander Berg will gerade seinen (seit Jahren immer wieder verschobenen) Winterurlaub antreten, als er den Auftrag erhält, Licht in eine undurchsichtige Sache zu bringen: Es beginnt mit einem verdächtigen Volkswagen an der Ecke Marien- und Luisenstraße in Berlin-Mitte und endet mit der Auflösung eines Intrigengeflechts aus versuchter Sabotage und geplanter Republikflucht, imperialistischer Wühlarbeit und taktischem Ehebruch im Umfeld der Leipziger Frühjahrsmesse … Heinz Thiel inszeniert die Spionagestory ideologisch zuverlässig, dabei durchaus mit Sinn für (vor allem zwischenmenschliche) Spannungsmomente. Interesse verdient »Schwarzer Samt« aber in erster Linie wegen seiner gegen den Strich gebürsteten Besetzung: Der koboldhafte Charaktermime Fred Delmare gibt den ausgebufften Geheimdienstmann, indes Günther Simon, ansonsten auf die Darstellung wackerer Sozialisten abonniert, einen fleischig-verschlagenen Ingenieur spielt, der nicht nur Werk, Staat und Ehefrau hintergeht, sondern, Gipfel der Falschheit, auch noch die eigene Geliebte (die dem Scheißkerl freilich die Rechnung präsentiert).
R Heinz Thiel B Gerhard Bengsch V Fred Unger K Horst E. Brandt M Helmut Nier A Alfred Tolle S Anneliese Hinze-Sokolow P Dieter Dormeier D Fred Delmare, Günther Simon, Christa Gottschalk, Christine Laszar, Herbert Köfer | DDR | 80 min | 1:2,35 | sw | 27. Februar 1964
# 809 | 2. Dezember 2013
R Heinz Thiel B Gerhard Bengsch V Fred Unger K Horst E. Brandt M Helmut Nier A Alfred Tolle S Anneliese Hinze-Sokolow P Dieter Dormeier D Fred Delmare, Günther Simon, Christa Gottschalk, Christine Laszar, Herbert Köfer | DDR | 80 min | 1:2,35 | sw | 27. Februar 1964
# 809 | 2. Dezember 2013
Labels:
Ehe,
Geheimdienst,
Günther Simon,
Hotel,
Krimi,
Leipzig,
Messe,
Ost/West,
Spionage,
Thiel,
Wirtschaft
9.10.63
Le mani sulla città (Francesco Rosi, 1963)
Hände über der Stadt
Ein Politdrama ohne all das, was Politdramen allzuoft verwässert, was sie leichter konsumierbar und damit letzten Endes unergiebig macht, ein Politdrama ohne love interest, ohne human touch, ohne happy ending. »Le mani sulla città« zeigt nichts als die Mechanik der Macht, das Triebwerk der Gier, das Ballett der Interessen, die Verhöhnung des Rechts. Francesco Rosi zergliedert das System, in dem es nur eine Sünde gibt: zu verlieren. Ort der Enquête ist Neapel. Es könnte jeder andere Ort im Reich des Geldes sein. Zeit ist die Gegenwart des demokratischen Kapitalismus. Anlaß der Recherche: Einsturz einer altersschwachen Mietskaserne neben einer Baustelle des Immobilienlöwen und Abgeordneten Eduardo Nottola (Rod Steiger). Ein gegen den Widerstand der (rechten) Regierungsfraktionen von der (linken) Opposition durchgesetzter Parlamentsausschuß soll die Hintergründe des Unglücks ermitteln. Doch im Zirkus der administrativen Zuständigkeiten ist keine Verantwortung auszumachen, im geölten Räderwerk des politischen Betriebes kann kein Schuldiger benannt werden … In einem Schlüsselmoment des Films erklärt ein Verwaltungsbeamter der Untersuchungskommission, daß es zwei Städte gebe: die oberirdische, sichtbare Stadt und die subterrane, verborgene Stadt, die sei wie ein Schweizer Käse, voller unbekannter Gänge, Tunnel und Spalten: »Voi non avete idea, voi non sapete che cosa nel sottosuolo esiste.« Ihr habt keine Ahnung, was sich da unten tut. Im Gegensatz zu den versteckten Schlünden der Topographie liegen die Abgründe der Politik offen zu Tage. Aber das spielt keine Rolle. Denn wie sagt ein Volksvertreter: Die öffentliche Meinung, das sind wir … Ein kalter, kluger Film in analytisch-entlarvenden Bildern (Gianni Di Venanzo), getrieben von einem brutalistisch-dissonanten Score (Piero Piccioni), ein leidenschaftlicher, zeitloser Film über Häuser und Menschen, Gesetz und Vorteil, Hände und Taschen.
R Francesco Rosi B Francesco Rosi, Raffaele La Capria, Enzo Forcella, Enzo Provenzale K Gianni Di Venanzo M Piero Piccioni A Massimo Rosi S Mario Serandrei P Lionello Santi D Rod Steiger, Carlo Fermariello, Guido Alberti, Salvo Randone, Angelo D’Alessandro| I & F | 105 min | 1:1,85 | sw | 9. Oktober 1963
Ein Politdrama ohne all das, was Politdramen allzuoft verwässert, was sie leichter konsumierbar und damit letzten Endes unergiebig macht, ein Politdrama ohne love interest, ohne human touch, ohne happy ending. »Le mani sulla città« zeigt nichts als die Mechanik der Macht, das Triebwerk der Gier, das Ballett der Interessen, die Verhöhnung des Rechts. Francesco Rosi zergliedert das System, in dem es nur eine Sünde gibt: zu verlieren. Ort der Enquête ist Neapel. Es könnte jeder andere Ort im Reich des Geldes sein. Zeit ist die Gegenwart des demokratischen Kapitalismus. Anlaß der Recherche: Einsturz einer altersschwachen Mietskaserne neben einer Baustelle des Immobilienlöwen und Abgeordneten Eduardo Nottola (Rod Steiger). Ein gegen den Widerstand der (rechten) Regierungsfraktionen von der (linken) Opposition durchgesetzter Parlamentsausschuß soll die Hintergründe des Unglücks ermitteln. Doch im Zirkus der administrativen Zuständigkeiten ist keine Verantwortung auszumachen, im geölten Räderwerk des politischen Betriebes kann kein Schuldiger benannt werden … In einem Schlüsselmoment des Films erklärt ein Verwaltungsbeamter der Untersuchungskommission, daß es zwei Städte gebe: die oberirdische, sichtbare Stadt und die subterrane, verborgene Stadt, die sei wie ein Schweizer Käse, voller unbekannter Gänge, Tunnel und Spalten: »Voi non avete idea, voi non sapete che cosa nel sottosuolo esiste.« Ihr habt keine Ahnung, was sich da unten tut. Im Gegensatz zu den versteckten Schlünden der Topographie liegen die Abgründe der Politik offen zu Tage. Aber das spielt keine Rolle. Denn wie sagt ein Volksvertreter: Die öffentliche Meinung, das sind wir … Ein kalter, kluger Film in analytisch-entlarvenden Bildern (Gianni Di Venanzo), getrieben von einem brutalistisch-dissonanten Score (Piero Piccioni), ein leidenschaftlicher, zeitloser Film über Häuser und Menschen, Gesetz und Vorteil, Hände und Taschen.
R Francesco Rosi B Francesco Rosi, Raffaele La Capria, Enzo Forcella, Enzo Provenzale K Gianni Di Venanzo M Piero Piccioni A Massimo Rosi S Mario Serandrei P Lionello Santi D Rod Steiger, Carlo Fermariello, Guido Alberti, Salvo Randone, Angelo D’Alessandro| I & F | 105 min | 1:1,85 | sw | 9. Oktober 1963
Labels:
Architektur,
Drama,
Geld,
Korruption,
Neapel,
Parlament,
Politik,
Rosi,
Steiger,
Wirtschaft
20.11.59
Buddenbrooks – II. Teil (Alfred Weidenmann, 1959)
Alfred Weidenmanns Verfilmung der »Buddenbrooks« überzeugt weder als künstlerisch geglückte Transponierung des Erzählstoffes in ein anderes Medium noch als reine Inhaltsangabe: Nachdem schon die joviale Großelterngeneration des Romans komplett aus der Leinwandadaption gestrichen wurde, verkürzt der zweite Teil das Leben des kleinen Hanno, reduziert den Letzten des Stammes zur gescheiterten Hoffnung seines Vaters Thomas (der den ungeratenen Sohn, anders als im Buch, überlebt). Die Besetzungsliste wartet mit großen Namen auf, doch Hansjörg Felmys gequälter Dackelblick läßt so wenig hanseatisches Patriziertum ahnen wie Liselotte Pulvers honigkuchenpferdige Einfalt oder Lil Dagovers überlagerte Kurfürstendamm-Mondänität in der Rolle Konsulin; Nadja Tiller hat schlicht zu wenig Zeit, die über und neben den Dingen des Lebens schwebende Gerda zu entwickeln; allein Hanns Lothar gelingt es, das Wesen eines Charakters, Christians hoffnungslos-lustige Melancholie, spürbar zu machen. Interessant ist eine formale Parallele zum ersten Teil des Films: Wieder gibt es eine (einzige) sommerliche Freiluftszene – Thomas’ Kutschfahrt durch wogendes Getreide, das er auf dem Halm zum Schnäppchenpreis zu kaufen gedenkt –, wieder führt die lichtdurchflutete Außenaufnahme auf direktem Wege in den (diesmal geschäftlichen) Mißerfolg.
R Alfred Weidenmann B Erika Mann, Harald Braun, Jacob Geis V Thomas Mann K Friedel Behn-Grund M Werner Eisbrenner A Robert Herlth S Caspar van den Berg P Hans Abich D Lil Dagover, Liselotte Pulver, Hansjörg Felmy, Nadja Tiller, Hanns Lothar, Günther Lüders | BRD | 107 min | 1:1,37 | sw | 20. November 1959
# 823 | 6. Januar 2014
R Alfred Weidenmann B Erika Mann, Harald Braun, Jacob Geis V Thomas Mann K Friedel Behn-Grund M Werner Eisbrenner A Robert Herlth S Caspar van den Berg P Hans Abich D Lil Dagover, Liselotte Pulver, Hansjörg Felmy, Nadja Tiller, Hanns Lothar, Günther Lüders | BRD | 107 min | 1:1,37 | sw | 20. November 1959
# 823 | 6. Januar 2014
Labels:
19. Jahrhundert,
Drama,
Familie,
Felmy,
Lübeck,
Pulver,
Romanze,
Stadtpalais,
Thomas Mann,
Tiller,
Weidenmann,
Wirtschaft
11.11.59
Buddenbrooks – I. Teil (Alfred Weidenmann, 1959)
Nicht den »Verfall einer Familie« schildert Alfred Weidenmanns Adaption des Jahrhundertromans von Thomas Mann, statt von schwindender Lebenstüchtigkeit bei gleichzeitiger musischer Verfeinerung über vier Generationen hinweg erzählt die Verfilmung (ohne viel gesellschaftliches Bewußtsein) vom Scheitern dreier Geschwister aus großbürgerlichem Hause, die die Last ihres Erbes nicht zu tragen wissen: Thomas (Hansjörg Felmy) versagt als Geschäftsmann und Vater, Tony (Liselotte Pulver) verfehlt im Standesdünkel die Liebe; ihr Bruder Christian (Hanns Lothar) verweigert sich gleich ganz, flieht erst hinaus in die Welt, dann in den Suff und weiter in die geistige Umnachtung. Bemerkenswert hermetisch sind die von Robert Herlth gebauten Kulissen: leere Wände, schwere Möbel, wenige Durchblicke, fast keine Aussicht nach draußen – Räume wie Gruften, in denen alles Leben begraben liegt. (Das im Zweiten Weltkrieg stark zerstörte) Lübeck erscheint in engen Ausschnitten von Fassaden und Giebeln, in Architekturfragmenten, aus denen sich keine Stadt zusammensetzen will. Alles macht den Eindruck des Ungelüfteten, Verbauten, Sterilen. Weidenmann trifft kaum je den Ton der Vorlage; von Mannscher Ironie zeugt immerhin jene Sequenz, die (als beinahe einzige Freiluftszene des Films) Tonys zukunftslose Begegnung mit einem revolutionären Medizinstudenten in strahlend sonniges Tageslicht taucht.
R Alfred Weidenmann B Erika Mann, Harald Braun, Jacob Geis V Thomas Mann K Friedel Behn-Grund M Werner Eisbrenner A Robert Herlth S Caspar van den Berg P Hans Abich D Werner Hinz, Lil Dagover, Liselotte Pulver, Hansjörg Felmy, Hanns Lothar, Robert Graf | BRD | 99 min | 1:1,37 | sw | 11. November 1959
# 822 | 6. Januar 2014
R Alfred Weidenmann B Erika Mann, Harald Braun, Jacob Geis V Thomas Mann K Friedel Behn-Grund M Werner Eisbrenner A Robert Herlth S Caspar van den Berg P Hans Abich D Werner Hinz, Lil Dagover, Liselotte Pulver, Hansjörg Felmy, Hanns Lothar, Robert Graf | BRD | 99 min | 1:1,37 | sw | 11. November 1959
# 822 | 6. Januar 2014
Labels:
19. Jahrhundert,
Drama,
Familie,
Felmy,
Lübeck,
Pulver,
Romanze,
Stadtpalais,
Thomas Mann,
Tiller,
Weidenmann,
Wirtschaft
7.12.56
Der Hauptmann von Köln (Slatan Dudow, 1956)
Köln, in den Jahren des Wirtschaftwunders. Die Neonreklamen blinken, aber der arbeitslose Kellner Hans Albert Hauptmann (Rolf Ludwig) kriecht auf dem Zahnfleisch. Als er bei einem verschwitzten Kameradschaftsabend ehemaliger Wehrmachtssoldaten mit einem gewissen Hauptmann Hans Albert verwechselt wird, schlüpft er, ohne lange zu fackeln, in die Rolle des totgeglaubten Offiziers. Während der echte Hauptmann (Erwin Geschonneck), der sich wegen einiger häßlicher Kriegsverbrechen totstellen mußte, als Untermieter bei seiner eigenen Witwe lebt, wird der falsche Hauptmann von den Herren (und Damen) der Bonner Republik empfangen wie ein verlorener Sohn – und macht steile Karriere: Personalchef bei der Montan AG, Bundestagsabgeordneter, Staatssekretär in spe … Schon in »Frauenschicksale« zeigte Defa-Regisseur Slátan Dudow ein Faible für die cartooneske Ausmalung westlicher Lebensform; »Der Hauptmann von Köln«, eine grelle Politfarce, ein antifaschistisches Graubuch in Agfacolor, bietet ihm Gelegenheit, seiner filmisch-satirischen Leidenschaft ausgiebig zu frönen. (Vielleicht etwas zu ausgiebig – ein wenig Straffung hätte dem Werk nicht geschadet.) Wo das Adenauer-Kino (wenn überhaupt) höchstens kabarettistische Anspielungen auf bestimmte Entwicklungen im eigenen Lande wagt, läßt Dudow in Oskar Pietschs phantastisch-realistischen Studiobauten ein naturgetreu überzeichnetes Panoptikum bundesdeutscher Typen aufmarschieren: klüngelnde Amtsträger und zielbewußte Wirtschaftkapitäne, willig-fordernde society girls und alte Kämpen, die explosive Morgenluft wittern. Ob es sich dabei um die tendenziöse Verzerrung bedauerlicher Einzelfälle oder um das schonungslose Abbild symptomatischer Erscheinungen handelt, mag der Betrachter, je nach Standpunkt, selbst entscheiden.
R Slátan Dudow B Michael Tschesno-Hell, Henryk Keisch, Slátan Dudow K Werner Bergmann, Helmut Bergmann M Wilhelm Neef A Oskar Pietsch S Lena Neumann P Adolf Fischer D Rolf Ludwig, Erwin Geschonneck, Christel Bodenstein, Kurt Steingraf, Marie-Luise Etzel | DDR | 118 min | 1:1,37 | f | 7. Dezember 1956
R Slátan Dudow B Michael Tschesno-Hell, Henryk Keisch, Slátan Dudow K Werner Bergmann, Helmut Bergmann M Wilhelm Neef A Oskar Pietsch S Lena Neumann P Adolf Fischer D Rolf Ludwig, Erwin Geschonneck, Christel Bodenstein, Kurt Steingraf, Marie-Luise Etzel | DDR | 118 min | 1:1,37 | f | 7. Dezember 1956
31.5.56
Die goldene Brücke (Paul Verhoeven, 1956)
Eine Frau (Ruth Leuwerik) zwischen zwei Männern (Paul Hubschmid und Curd Jürgens) – geschmackvoll inszenierter Illustriertenkitsch in gehobenem Milieu (Motorsport, Industrie, Film) oder Allegorie auf seelische Befindlichkeiten im bundesrepublikanischen Wirtschaftswunder? Vielleicht beides: Paul Verhoeven findet in der Sülze Ansatzpunkte für eine gleichnishafte Gesellschaftsdiagnose … Tima, Opernsängerin und Schauspielerin, ist verheiratet mit Stefan, einem verunfallten Rennfahrer, der sich larmoyant in seinem Scheitern, in der dunklen Vergangenheit verliert; begehrt wird sie von dem charismatischen Autofabrikanten Balder, der nur für seine Projekte, für die strahlende Zukunft lebt. Einem dehnt sich die Zeit qualvoll ins Unendliche, will nicht vergehen, am anderen rast die Zeit vorbei, vernichtet jedes wirkliche Gefühl. So steht Tima, die Verkörperung der Sehnsucht nach Gegenwart, zwischen der Gefangenschaft im Gestern und der Flucht ins Morgen. Am Ende bietet »Die goldene Brücke« dem Trio kolportagehafte Läuterung: Einer findet sein gehobenes Selbst, zwei finden (wieder) zueinander, und alle drei finden den Überweg ins Heute.
R Paul Verhoeven B Juliane Kay, Werner P. Zibaso V Lajos Zilahy K Werner Krien M Franz Grothe A Max Mellin, Rolf Englert S Gertrud Hinz-Nischwitz P Utz Utermann D Ruth Leuwerik, Curd Jürgens, Paul Hubschmidt, Rudolf Vogel, Adrienne Gessner | BRD | 101 min | 1:1,66 | sw | 31. Mai 1956
R Paul Verhoeven B Juliane Kay, Werner P. Zibaso V Lajos Zilahy K Werner Krien M Franz Grothe A Max Mellin, Rolf Englert S Gertrud Hinz-Nischwitz P Utz Utermann D Ruth Leuwerik, Curd Jürgens, Paul Hubschmidt, Rudolf Vogel, Adrienne Gessner | BRD | 101 min | 1:1,66 | sw | 31. Mai 1956
Labels:
Automobil,
Drama,
Film,
Gesellschaft,
Hamburg,
Hubschmid,
Jürgens,
Leuwerik,
Melodram,
München,
Paul Verhoeven I,
Wirtschaft,
Wirtschaftswunder
23.2.56
Ein Herz schlägt für Erika (Harald Reinl, 1956)
»Glück kann man nicht erzwingen, aber man kann es adoptieren.« Eine lupenreine Schnulze, von Harald Reinl nicht ohne gemütvollen Witz inszeniert. Anna Hartwig (Grethe Weiser) führt mit fester Hand und weichem Herzen ein traditionsreiches Bauunternehmen. Die Firma prosperiert (kein Wunder in Zeiten des Wiederaufbaus), und doch fehlt der patenten Geschäftsfrau, der allseits beliebten Chefin etwas Entscheidendes zum Lebensglück: ein Kind. Einen Mann, der es ihr machen könnte, ziehen weder die alleinstehende Anna noch die Autoren des Films in Erwägung – also holt sich die verhinderte Mutter ein Waisenmädchen ins Haus. Die kleine Erika Kayser (Christine Kaufmann), zuckersüß, aufgeweckt und genügsam, hätte darob allen Grund zur Freude, müßte sie nicht ihre drei ebenso reizenden Brüder im Kinderheim zurücklassen … Natürlich bekommen am Ende des possierlichen Rührstücks alle genau das, was sie sich inniglich wünschen, natürlich geht die Haupthandlung (gewürzt mit ein paar Intrigen, einigen Slapstick-Einlagen und viel Sentimentalität) weitgehend absehbar vonstatten, aber Reinl dreht netterweise auch die eine oder andere überflüssige Pirouette – etwa indem er amüsierte Seitenblicke auf einen verliebten Lebensmittelhändler wirft, der sein Herz in Form von Harzer Käse verschenkt.
R Harald Reinl B Maria von der Osten-Sacken, Walter Forster K Erich Claunigk M Lother Brühne A Willi A. Herrmann, Heinrich Weidemann S Johanna Meisel P Maria von der Osten-Sacken D Christine Kaufmann, Grethe Weiser, Gert Fröbe, Ingrid Stenn, Wolfgang Büttner | BRD | 92 min | 1:1,37 | sw | 23. Februar 1956
# 914 | 18. Oktober 2014
R Harald Reinl B Maria von der Osten-Sacken, Walter Forster K Erich Claunigk M Lother Brühne A Willi A. Herrmann, Heinrich Weidemann S Johanna Meisel P Maria von der Osten-Sacken D Christine Kaufmann, Grethe Weiser, Gert Fröbe, Ingrid Stenn, Wolfgang Büttner | BRD | 92 min | 1:1,37 | sw | 23. Februar 1956
# 914 | 18. Oktober 2014
Labels:
Adoption,
Emanzipation,
Fröbe,
Geld,
Kaufmann,
Kindheit,
Mutter,
Reinl,
Tragikomödie,
Weiser,
Wirtschaft,
Wirtschaftswunder
6.11.53
Weg ohne Umkehr (Victor Vicas, 1953)
Victor Vicas’ Drama einer (doppelten) weltanschaulichen Entfremdung beginnt im Mai 1945 mit dem Einmarsch der Roten Armee ins zerstörte Berlin. Mit beinahe neorealistischer Rauhheit wird die kurze, aber folgenreiche Begegnung des sowjetischen Offiziers Mischa (Ivan Desny) und des deutschen Mädchens Anna (Ruth Niehaus) geschildert; als sich die beiden sieben Jahre später wiedertreffen – er als Mitglied einer Industriekommission, sie als Sekretärin des Ostberliner MGB-Chefs (alarmierend: René Deltgen) –, entdecken sie sehr zögerlich ihre Liebe (wieder), um alsbald in einen Strudel aus Angst, Intrige und Mißtrauen zu geraten, der ihnen nur eine Ausflucht läßt … Auch »Weg ohne Umkehr« nutzt zur Darstellung des dramatischen Zeitgeschehens Elemente der Kolportage und malt (vor allem gegen Ende der Erzählung) expressive Bilder der zerklüfteten Trümmerlandschaften, doch ist es vielleicht die erzwungenermaßen kosmopolitische Biographie des Regisseurs (Vicas, als Sohn jüdischer Eltern in Moskau geboren, wuchs in Berlin auf, emigrierte zunächst nach Paris, floh später nach New York, arbeitete nach dem Kriegsdienst in der US-Armee als Dokumentarfilmer in Italien, Israel und Frankreich), die eine, in den Tagen des Kalten Krieges seltene, unideologische Abgewogenheit ermöglicht (oder geradezu bewirkt). Das zurückhaltend-sensible Spiel Desnys (eines weiteren »Weltbürgers«) trägt gleichermaßen zur sachlichen Emotionalität des Werks bei.
R Victor Vicas B Gerhard T. Buchholz, Victor Vicas V Gregory Klimow K Klaus von Rautenfeld M Hans-Martin Majewski A Alfred Bütow, Ernst Schomer S Ira Oberberg P Gerhard T. Buchholz, Stuart Schulberg D Ivan Desny, Ruth Niehaus, René Deltgen, Karl John, Lila Kedrova | BRD | 95 min | 1:1,37 | sw | 6. November 1953
R Victor Vicas B Gerhard T. Buchholz, Victor Vicas V Gregory Klimow K Klaus von Rautenfeld M Hans-Martin Majewski A Alfred Bütow, Ernst Schomer S Ira Oberberg P Gerhard T. Buchholz, Stuart Schulberg D Ivan Desny, Ruth Niehaus, René Deltgen, Karl John, Lila Kedrova | BRD | 95 min | 1:1,37 | sw | 6. November 1953
Labels:
Berlin,
Desny,
Drama,
Fabrik,
Gerhard T. Buchholz,
Kommunismus,
Militär,
Nachkrieg,
Ost/West,
Politik,
Romanze,
Vicas,
Wirtschaft,
Zweiter Weltkrieg
2.9.52
Monkey Business (Howard Hawks, 1952)
Liebling, ich werde jünger
Dr. Barnaby Fulton (Cary Grant), Chefchemiker des Oxley-Konzerns, arbeitet an einem Präparat, das den Alterungsprozeß umkehren soll. Während der greise Firmenchef (Charles Coburn) dem Ergebnis sowohl aus persönlichen Gründen wie auch aus geschäftlichem Interesse entgegenfiebert, müht sich Fulton im Labor, das richtige Verhältnis der Ingredienzen zu treffen. Daß nicht der genial-zerstreute Wissenschaftler (der bedingt durch seine forscherischen Bemühungen die eigene Ehefrau (Ginger Rogers) schon mal wie Luft behandelt) sondern ein Laborschimpanse die Lösung findet, belegt Howard Hawks’ Sinn für hämischen Humor. Die weitere Handlung, in deren zunehmend chaotischem Verlauf die Beteiligten nach (mal gewolltem, mal ungewolltem) Genuß des Zaubermittels (»the most dubious discovery since itching powder«) mehrfach in den Zustand von präpotent-albernen, kindisch-prüden oder enthemmt-meschuggenen Heranwachsenden zurückgeworfen werden, offenbart die Zweifelhaftigkeit des uralten Menschheitstraums von ewiger Jugend: »Maladjustment, near-idiocy, and a series of low-comedy disasters, that’s what youth is.« Wieder zur Besinnung gekommen, findet Fulton schließlich die wahre Formel für körperliche und geistige Frische: »You’re old only when you forget you’re young.« Hawks hat es nicht vergessen.
R Howard Hawks B Ben Hecht, Charles Lederer, I. A. L. Diamond K Milton Krasner M Leigh Harline A Lyle Wheeler, George Patrick S William B. Murphy P Sol C. Siegel D Cary Grant, Ginger Rodgers, Charles Coburn, Marilyn Monroe, Hugh Marlowe | USA | 97 min | 1:1,37 | sw | 2. September 1952
# 990 | 9. März 2016
Dr. Barnaby Fulton (Cary Grant), Chefchemiker des Oxley-Konzerns, arbeitet an einem Präparat, das den Alterungsprozeß umkehren soll. Während der greise Firmenchef (Charles Coburn) dem Ergebnis sowohl aus persönlichen Gründen wie auch aus geschäftlichem Interesse entgegenfiebert, müht sich Fulton im Labor, das richtige Verhältnis der Ingredienzen zu treffen. Daß nicht der genial-zerstreute Wissenschaftler (der bedingt durch seine forscherischen Bemühungen die eigene Ehefrau (Ginger Rogers) schon mal wie Luft behandelt) sondern ein Laborschimpanse die Lösung findet, belegt Howard Hawks’ Sinn für hämischen Humor. Die weitere Handlung, in deren zunehmend chaotischem Verlauf die Beteiligten nach (mal gewolltem, mal ungewolltem) Genuß des Zaubermittels (»the most dubious discovery since itching powder«) mehrfach in den Zustand von präpotent-albernen, kindisch-prüden oder enthemmt-meschuggenen Heranwachsenden zurückgeworfen werden, offenbart die Zweifelhaftigkeit des uralten Menschheitstraums von ewiger Jugend: »Maladjustment, near-idiocy, and a series of low-comedy disasters, that’s what youth is.« Wieder zur Besinnung gekommen, findet Fulton schließlich die wahre Formel für körperliche und geistige Frische: »You’re old only when you forget you’re young.« Hawks hat es nicht vergessen.
R Howard Hawks B Ben Hecht, Charles Lederer, I. A. L. Diamond K Milton Krasner M Leigh Harline A Lyle Wheeler, George Patrick S William B. Murphy P Sol C. Siegel D Cary Grant, Ginger Rodgers, Charles Coburn, Marilyn Monroe, Hugh Marlowe | USA | 97 min | 1:1,37 | sw | 2. September 1952
# 990 | 9. März 2016
Labels:
Ehe,
Grant,
Hawks,
Jugend,
Komödie,
Monroe,
Rodgers,
Wirtschaft,
Wissenschaft
7.8.51
The Man in the White Suit (Alexander Mackendrick, 1951)
Der Mann im weißen Anzug
»Some fool has invented an indestructible cloth. Where is he? How much does he want?« Der Verrückte ist ein brillanter Wissenschaftler namens Sidney Stratton (Alec Guinness), und er will kein Geld sondern das Glück der Menschheit – die ihrerseits nicht unbedingt beglückt werden möchte. Unternehmer und Gewerkschaften sind sich einig: Ein unzerstörbares Material zerstört das empfindliche Gleichgewicht von Produktion und Gewinn, von Angebot und Nachfrage, mithin die Grundlagen von Wohlstand und Ordnung. Kurz: Die schmutzabweisende, reißfeste Wunderfaser ist der Stoff, aus dem die sozialen Alpträume sind. Alexander Mackendrick inszeniert den Interessenkonflikt zwischen Genie und Gesellschaft als schnippische Komödie mit blubbernden Retorten und asthmatischen Kapitalisten, mit explodierenden Laboratorien und standfesten Arbeitern – zugleich wirft »The Man in the White Suit« ein satirisches Licht auf das Beharrungsvermögen des Status quo und auf die Unbeirrbarkeit des menschlichen Schöpfergeistes, jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft. (Oder umgekehrt.)
R Alexander Mackendrick B Roger MacDougall, John Dighton, Alexander Mackendrick V Roger MacDougall K Douglas Slocombe M Benjamin Frankel A Jim Morahan S Bernard Gribble P Michael Balcon D Alec Guinness, Joan Greenwood, Cecil Parker, Michael Gough, Ernest Thesinger | UK | 85 min | 1:1,37 | sw | 7. August 1951
»Some fool has invented an indestructible cloth. Where is he? How much does he want?« Der Verrückte ist ein brillanter Wissenschaftler namens Sidney Stratton (Alec Guinness), und er will kein Geld sondern das Glück der Menschheit – die ihrerseits nicht unbedingt beglückt werden möchte. Unternehmer und Gewerkschaften sind sich einig: Ein unzerstörbares Material zerstört das empfindliche Gleichgewicht von Produktion und Gewinn, von Angebot und Nachfrage, mithin die Grundlagen von Wohlstand und Ordnung. Kurz: Die schmutzabweisende, reißfeste Wunderfaser ist der Stoff, aus dem die sozialen Alpträume sind. Alexander Mackendrick inszeniert den Interessenkonflikt zwischen Genie und Gesellschaft als schnippische Komödie mit blubbernden Retorten und asthmatischen Kapitalisten, mit explodierenden Laboratorien und standfesten Arbeitern – zugleich wirft »The Man in the White Suit« ein satirisches Licht auf das Beharrungsvermögen des Status quo und auf die Unbeirrbarkeit des menschlichen Schöpfergeistes, jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft. (Oder umgekehrt.)
R Alexander Mackendrick B Roger MacDougall, John Dighton, Alexander Mackendrick V Roger MacDougall K Douglas Slocombe M Benjamin Frankel A Jim Morahan S Bernard Gribble P Michael Balcon D Alec Guinness, Joan Greenwood, Cecil Parker, Michael Gough, Ernest Thesinger | UK | 85 min | 1:1,37 | sw | 7. August 1951
Labels:
Arbeit,
Fabrik,
Gesellschaft,
Guinness,
Komödie,
Mackendrick,
Wirtschaft,
Wissenschaft
Abonnieren
Posts (Atom)