Posts mit dem Label Ingmar Bergman werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Ingmar Bergman werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

28.10.77

The Serpent’s Egg (Ingmar Bergman, 1977)

Das Schlangenei 

»Go to hell!« – »Where do you think we are?« Ingmar Bergman schickt Dr. Mabuse ins Cabaret. »The scene is Berlin, the evening of Saturday, November 3, 1923.« Abel Rosenberg (mit versoffener Klarheit: John Carradine), Jude, Amerikaner, abgetakelter Trapezartist, stromert nach dem Selbstmord seines Bruders durch das Inflationschaos der Reichshauptstadt. Seine Exschwägerin, die Tingeltangeldiseuse und Gelegenheitsnutte Manuela (mit grüner Lockenperücke: Liv Ullmann), und der Arzt und (Menschen-)Forscher Dr. Hans Vergérus (mit gefährlich-randloser Brille: Heinz Bennent), ein geheimnisvoll-unheimlicher Bekannter aus sonnigen Jugendjahren, kreuzen Abels Wege durch das irdische Jammertal. Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und die Ahnung von der kommenden großen Katastrophe ziehen wie giftige Nebelschwaden durch die Seelen der Menschen – und durch die Straßen der Stadt, in die sich ein Sturzbach von übel zugerichteten Leichen ergießt, allesamt Opfer unverständlicher Gräueltaten: Verbrechen, die der aufrechte Inspektor Bauer (Gert Fröbe), seiner preußischen Beamtenpflicht folgend, mit trübsinniger Hartnäckigkeit aufzuklären versucht … Bergman, von schwedischen Steuerbürokraten ins Münchner Exil getrieben, inszeniert, fern der Heimat, in einer der grandiosesten jemals in Deutschland errichteten Filmarchitekturen (Rolf Zehetbauer), einmal mehr eine Vision der Hölle auf Erden – eine Gesellschaft in Auflösung, Menschen in Angst, Körper in Qualen – und einen poetisch-politischen rückblickenden Ausblick auf den (aus der Furcht und dem Entsetzen der von Gott verlassenen Kreaturen) heraufsteigenden Faschismus: »I wake up from a nightmare and find that real life is worse than the dream.«

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist M Rolf A. Wilhelm A Rolf Zehetbauer S Jutta Hering P Dino De Laurentiis D Liv Ullmann, David Carradine, Gert Fröbe, Heinz Bennent, James Whitmore | USA & BRD | 120 min | 1:1,66 | f | 28. Oktober 1977

21.12.72

Viskningar och rop (Ingmar Bergman, 1972)

Schreie und Flüstern

Ein Traumspiel der Emotionen. Ein Totentanz der Lebenden. Eine Gespenstersonate in Rot. Drei Schwestern in einem Landhaus: Agnes (Harriet Andersson) stirbt einen langsamen, qualvollen Tod, Karin (Ingrid Thulin) und Maria (Liv Ullmann) stehen dabei, sitzen daneben, schauen hin und doch weg. Das glühende Innere des vornehmen Baus – rote Wände, rote Böden, rot bezogene Möbel – als Inneres des Schmerzes, der die drei Frauen umfängt, als Bühne eines Kammerspiels der falschen Liebe und des echten Zorns: Maria, oberflächlich-kokett, verheiratet mit einem weinerlichen Schwächling, sucht vergebens Bestätigung bei einem Geliebten, der ihr (als Arzt) mit wissenschaftlicher Präzision die Spuren ihres körperlichen Verfalls erläutert; Karin, an der Seite eines eisigen Karrieristen selbst bis aufs Blut erkaltet, findet sinnliches Erleben nur mehr in selbst beigebrachten Verletzungen; Agnes krümmt sich in körperlicher Qual, schreit nach Hilfe, fragt nach dem Sinn ihres unverdienten Leidens. Wahre Berührungen scheinen unter den Schwestern unmöglich, bleiben der in ihrer Natürlichkeit ruhenden Zofe Anna überlassen, die die Sterbende in den Armen wiegt wie die Schmerzensmutter den Gekreuzigten… Mit der Sicherheit des großen Meisters flicht Ingmar Bergman Gestern und Heute seiner Erzählung kunstvoll ineinander, läßt eine Tote auferstehen und Rechenschaft fordern, wirft, nach einer Überfahrt über das Meer der Tränen, Anker an der Insel der seligen Erinnerung: Agnes, die vielleicht aufrichtigste, unverdorbenste der drei Schwestern, die einzige anscheinend, die sich selbst (und damit anderen) im Leben nahe kommen konnte, beschreibt (imaginiert?) – nach ihrem Tod noch einmal lebendig geworden in den Zeilen ihres Tagebuchs – einen fast überirdischen Moment des Glücks: drei Schwestern auf einer Schaukel vereint, sanft bewegt im weichen Licht eines heiteren Frühlingstages. Nach den Exzessen der Kälte und Fremdheit, die »Viskningar och rop« ausgebreitet hat, kann diese Reminiszenz eigentlich nur eine schöne Lüge sein – aber wen sollte es kümmern, wenn sie denn tief empfunden ist…

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist M Johann Sebastian Bach A Marik Vos S Siv Lundgren P Lars-Owe Carlberg D Harriet Andersson, Ingrid Thulin, Liv Ullmann, Kari Sylwan, Erland Josephson | S | 91 min | 1:1,66 | f | 21. Dezember 1972

14.7.71

Beröringen (Ingmar Bergman, 1971)

Berührungen

Andreas (abgeklärt: Max von Sydow) und Karin (aufgeräumt: Bibi Andersson) leben mit zwei Kindern nebst Hund in einem hübschen Haus am Stadtrand. Gemeinsam liest man im Garten das Fallobst auf. Abends wird Schach gespielt. Es herrscht gutbürgerliche Harmonie – präsentiert wie ein Ikea-Glücksprospekt, unterlegt mit beschwingter Fahrstuhlmusik. Dann kommt der große Gefühlsknall in Gestalt des amerikanischen Archäologen David (rauhbautzig: Elliot Gould), der eine nahegelegene Kirche restauriert. Karin – sie weiß zunächst selbst nicht, warum – beginnt eine Affäre mit dem fordernden, zwischen Handgreiflichkeit und Depression, Hingabe und Verweigerung schwankenden Fremd-Körper. Andreas verhält sich indifferent, überläßt die Entscheidung über die eheliche Zukunft allein seiner Frau. Daß Ingmar Bergman sich in grellen Symbolismen ergeht (eine lächelnde gotische Madonna, Bild der Beziehung zwischen Karin und David, wird von Parasiten zerfressen; das Geschrei einer Kreissäge begleitet den Ehebruch) wäre vielleicht leichter zu akzeptieren, würde die existentielle Erschütterung aller Beteiligten nicht nur kühl behauptet sondern filmisch erfahrbar gemacht – doch »Beröringen« bleibt (trotz Anderssons beeindruckender Performance) eine Konstruktion vom emotionalen Reißbrett.

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist M Carl Michael Bellman A P. A. Lundgren, Ann-Christin Lobråten S Siv Lundgren P Lars-Owe Carlberg, Ingmar Bergman D Elliott Gould, Bibi Andersson, Max von Sydow, Sheila Reid, Barbro Hiort af Ornäs | S & USA | 115 min | 1:1,85 | f | 14. Juli 1971

10.11.69

En passion (Ingmar Bergman, 1969)

Passion

Eine weitere Umdrehung von Bergmans Hamsterrad des psychologischen Pessimismus: Kommunikationsstörungen, Beziehungsunfähigkeit, die Unmöglichkeit von Wahrheit. Wieder Fårö, dieser unwirtliche Rand der Welt, der alleweil unter einem schweren, tiefen Himmel liegt, und wieder die üblichen Verdächtigen: Anna Fromm-Ullmann, deren Mann und Kind bei einem Autounfall starben, verfängt sich im selbstgesponnenen Netz der Lügen über ihre gute (?) Ehe; Andreas Winkelman von Sydow verkriecht sich vor einem dunklen Geheimnis in seiner Vergangenheit; Eva Vergérus-Andersson weiß nicht, wer sie ist, sieht sich reduziert aufs Abbild der Vorstellungen von anderen; Elis Vergérus-Josephson, der zynische Künstler, nähert sich den Menschen nur noch, indem er sie fotografiert, und die Bilder nach seltsamen Kriterien ordnet. Nicht nur die Innen-, auch die Außenwelt ist feindlich, von virulenter Bosheit zersetzt: ein Tierquäler treibt sein Unwesen, knüpft Welpen auf, metzelt Schafe, zündet Pferde an; ein Unschuldiger – natürlich – muß für diese Taten büßen. Wahre Leidenschaft ist in »En passion« kaum zu verspüren: Als hätte Ingmar Bergman sich selbst mit seinen Figuren gelangweilt, läßt er die Schauspieler in Interviews über ihre Rollen improvisieren – ein müdes Experiment ohne große Überzeugungskraft.

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist M Johann Sebastian Bach A P. A. Lundgren S Siv Lundgren P Lars-Owe Carlberg D Max von Sydow, Liv Ullmann, Bibi Andersson, Erland Josephson, Erik Hell | S | 101 min | 1:1,66 | f | 10. November 1969

19.2.68

Vargtimmen (Ingmar Bergman, 1968)

Die Stunde des Wolfs 

Surrealistisches Nachtstück um die seltsamen Leiden einer Künstlerseele. »Die Stunde des Wolfs ist die Stunde zwischen Nacht und Morgen. Es ist die Stunde, in der die meisten Menschen sterben, in der der Schlaf am tiefsten ist, in der Alpträume Realität gewinnen. Es ist die Stunde, in der Dämonen ihre Macht entfalten, und es ist die Stunde, in der die meisten Kinder geboren werden.« Mit der fiktiven Rekonstruktion des sonderbaren Geschehens aus den nachgelassenen Papieren des verschwundenen Malers Johan Borg (Max von Sydow) und den Erzählungen seiner Frau Alma (Liv Ullmann) stellt sich Ingmar Bergman in die Tradition schwarzromantischer Spukphantasien à la E. T. A. Hoffmann (Kapellmeister Kreisler höchstselbst hat einen Auftritt), um ein dunkles Spektakel über Kreativität und Heimsuchung, Empathie und Besessenheit abrollen zu lassen. Die Einöde, in die sich das Ehepaar Borg zurückgezogen hat, wird plötzlich bevölkert von einer Reihe erst masken-, dann fratzenhafter Gestalten, die der Erinnerung und Imagination des Künstlers entspringen; auf einem Gruselschloß geraten Johan und Alma, die sich in ihren Mann so bedingungslos einfühlt, daß seine wahnhaft-sensibilisierte Wahrnehmung auch zu ihrer wird, in die Fänge dieser fellinesk-unheimlichen Gesellschaft von dekadenten Aristokraten und aufdringlichen Kulturbürgern: Sie erscheinen als Spiegelungen innerer und äußerer Realitäten – als Blutsauger des Kunst betriebs, als Gespenster der Vergangenheit, als Nachtmahre sexueller Obsessionen, als Totenvögel der Kreativität. In erbarmungslos hartem Schwarzweiß schaffen Bergman und sein Kameramann Sven Nykvist mit »Vargtimmen« ein vielschichtiges, gotisch-geisterhaftes Wechselspiel zwischen (seelischer) Inbesitznahme und (künstlerischer) Entäußerung, zwi­schen schöpferischer Explosion und depressiver Leere.

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist M Lars Johan Werle A Marik Vos S Ulla Ryghe P Lars-Owe Carlberg D Max von Sydow, Liv Ullmann, Ingrid Thulin, Erland Josephson, Gertrud Fridh, Naima Wifstrand | S | 90 min | 1:1,37 | sw | 19. Februar 1968

18.10.66

Persona (Ingmar Bergman, 1966)

Persona

Es werde Licht: Zwischen den Graphit-Elektroden der Kohlebogenlampe erstrahlt ein flammender Blitz. Ratternd setzt sich der Projektor in Bewegung. Der Zelluloidstreifen fädelt sich in die Führung. Ein Film beginnt. ›Ein‹ Film? ›Der‹ Film beginnt: mit dissonantem Soundtrack und einer Reihe disparater Bilder, gleich einem kinematographischen stream of consciousness – ein Startband, ein erigierter Schwanz, eine Slapstick-Szene, eine Stückchen Animation, eine krabbelnde Spinne, ein Lamm das geschlachtet wird, groß das tote Auge des Tieres, eine Hand, in die ein Nagel getrieben wird, Mauern, Landschaften, Tote, die plötzlich erwachen, ein Junge, der eine Leinwand abtastet, auf der sich in Unschärfe zwei Gesichter überlagern. Nach der hektischen credit sequence entwickelt sich in knappen, kühlen Szenen die Erzählung: Eine Schauspielerin (Liv Ullmann) verstummt auf der Bühne, verweigert sich fortan dem sprachlichen Zugriff der Umwelt. Die Ärztin schickt die körperlich und geistig für gesund Befundene in Begleitung einer Krankenschwester (Bibi Andersson) zur Kur in ein Haus am Meer. – Einschub: Das lateinische Wort ›persona‹ meint: ›Maske‹, ›Rolle‹, ›Charakter‹, aber auch: ›Persönlichkeit‹, ›Individualität‹. »Persona« handelt von Masken, Rollen und Charakteren, von Persönlichkeit und von Individualität. – Im Haus am Meer zunächst inniges Einvernehmen und zärtliches Verständnis zwischen den beiden Frauen: Die eine spricht viel, die andere sagt nichts – ein empfindliches, ein zerbrechliches Gleichgewicht. Dann ein (Film-)Riß: Die Schweigende macht sich (schriftlich) lustig über die Sprechende, die sich von der anderen betrogen, benutzt und beschmutzt fühlt. Sprechen verwandelt sich Bezichtigung und Anklage, aus Schweigen wird Widerstand und Verachtung. Mit dem immer weiteren Auseinanderdriften der Individualitäten entblößen sich die unübersehbaren Ähnlichkeiten – bis hin zur optischen Verschmelzung der Gesichter. »Persona« ist ein behutsames, zugleich schonungsloses Abtasten von Physiognomien, ein subtiles Spiel der Spaltungen und Doppelungen, eine permanente Schärfenverlagerung zwischen peinlicher Nähe und eisiger Distanz, eine hermetische Phantasie über die menschliche Natur, ein geheimnisvoller Kommentar zum Wesen des Kinos. PS: Der Arbeitstitel des Films »Persona« lautete übrigens »Kinematografi«.

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist M Lars Johan Werle A Bibi Lindström S Ulla Ryghe P Lars-Owe Carlberg D Bibi Andersson, Liv Ullmann, Margaretha Krook, Gunnar Björnstrand, Jörgen Lindström | S | 85 min | 1:1,37 | sw | 18. Oktober 1966

15.6.64

För att inte tala om alla dessa kvinnor (Ingmar Bergman, 1964)

Ach, diese Frauen

Ingmar Bergmans manieriert-bonbonbuntes Satyrspiel zum harten Schwarzweiß seiner »Kammerspiel-Trilogie«: Der Starkritiker (und Hobbykomponist) Cornelius will die Biographie des berühmten Cellisten Felix schreiben, dringt zum (unsichtbar bleibenden) Meister jedoch nicht vor – und verliert sich stattdessen in den Liebeshändeln und Ränkespielen des künstlerischen Hofstaates, der neben Impressario und Chauffeur einen siebenköpfigen Harem umfaßt. In ultrakünstlich-zuckerbäckerigen Kulissen (P. A. Lundgren) wird ein weitgehend blutleerer Retorten-Slapstick abgespult, eine ungalante Marivaudage, die als mokanter Racheakt an inkompetent-parasitären Kunstrichtern noch am ehesten nachzuvollziehen ist. Vor dem (meist starren) Auge von Sven Nykvists formal meisterlicher Kamera hampeln und chargieren die Akteure und Aktricen, daß die dünnen Wände wackeln. Für die provozierende Verweigerung von Ernst und Tiefgründigkeit gebührt Bergman (zumal nach einem so ernsten und tiefgründigen Werk wie »Tystnaden«) allerdings ein gewisser Respekt.

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman, Erland Josephson K Sven Nykvist M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Ulla Ryghe P Allan Ekelund D Jarl Kulle, Bibi Andersson, Harriet Andersson, Eva Dahlbeck, Gertrud Fridh | S | 80 min | 1:1,37 | f | 15. Juni 1964

23.9.63

Tystnaden (Ingmar Bergman, 1963)

Das Schweigen

»Nitsel stantnjon palik.« Eine fremde Stadt, eine unverständliche Sprache, drückende Hitze, drohender Krieg. Die Schwestern Ester (Ingrid Thulin) und Anna (Gunnel Lindblom) sowie Annas Sohn Johan (Jörgen Lindström) verbringen auf der Durchreise (Woher kommen sie? Wohin gehen sie?) einen Tag und eine Nacht in einem labyrinthischen Hotel, das von Ferne an den luxuriösen Palast aus »L’année dernière à Marienbad« erinnert. Die beiden ungleichen Frauen – die eine blond, die andere brünett, die eine lebensgefährlich erkrankt, die andere krankhaft lebendig – fechten symbolisch den (so permanenten wie nutzlosen) Kampf widerstreitender Lebensprinzipien aus: Kontrolliertheit vs. Freiheitsdrang, Intellektualität vs. Sinnlichkeit, Liebe vs. Haß. (Daß ihr Vater (ein Mensch voller Euphorie, wie es heißt) verstorben ist, mag eine schlichte biographische Tatsache sein, vielleicht ist es auch von metaphysischer Bedeutung.) Während Kampfflugzeuge über die Dächer der fremden Stadt Timoka donnern und Panzer durch die Straßen rollen, während sich seine Mutter lustvoll-heulend einem anonymen Liebhaber hingibt (»Es ist so schön, daß wir einander nicht verstehen.«), während die kluge Tante säuft und masturbiert und lautlos-schreiend zu ersticken droht, streift der Junge durch die Korridore des Hotels, trifft auf einen greisen Etagenkellner, der Fotos toter Verwandter herzeigt, und auf eine Truppe spanischer Liliputaner, die rätselhafte Späße mit ihm treiben … Die Zeit vergeht vernehmlich tickend, Einsamkeit und Unbehaustheit, Verständnislosigkeit und tiefe menschliche Not sind die Parameter des Alptraums, dessen zuckende Irrlichter Ingmar Bergman auf die Leinwand wirft. In dieser Atmosphäre unentrinnbarer Angst konstatiert Ester: »Dies ist nun die Ewigkeit.« Doch sie notiert zugleich – als könnte dies ein erster Schritt auf dem Weg zur Erlösung sein – für ihren Neffen die wenigen Wörter in der fremden Sprache, deren Bedeutung sie während des Aufenthaltes entschlüsseln konnte. »Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.« (Hebräer 13,14) – Timoka, so scheint es, ist eine der vielen schrecklichen Transitstationen auf dem trostlosen Weg nach Hause. PS: ›Kasi‹ bedeutet übrigens ›Hand‹ in der fremden Sprache, und ›kaigo‹ heißt ›Gesicht‹.

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist M Ivan Renliden A P. A. Lundgren S Ulla Ryghe P Allan Ekelund D Ingrid Thulin, Gunnel Lindblom, Birger Malmsten, Håkan Jahnberg, Jörgen Lindström | S | 96 min | 1:1,37 | sw | 23. September 1963

11.2.63

Nattvardsgästerna (Ingmar Bergman, 1963)

Licht im Winter 

»Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Ein dunkler Sonntag im November: Pastor Tomas (!) Ericsson (Gunnar Björnstrand) zelebriert die Messe in einer fast leeren Kirche. Nach dem Abendmahl wird in kargen Szenen das Drama entrollt: Der Geistliche, vom Tod seiner Frau nachhaltig erschüttert, fühlt sich von Gott verlassen, ist außerstande, einem am ›Zeitalter der Angst‹ verzweifelnden Fischer (Max von Sydow) seelischen Beistand zu leisten, klagt stattdessen über die eigene Glaubenskrise, weist angeekelt die opferbereite Zuneigung seiner ehemaligen Geliebten, einer altjüngferlichen Lehrerin (Ingrid Thulin), zurück. Mit »Nattvardsgästerna« (= Abendmahlsgäste – der Originaltitel weiß nichts von einem »Licht im Winter«), einem unfaßbar (und unnahbar) präzise exekutierten Thesenstück, beginnen Bergman und sein Kameramann Sven Nykvist ihre Erkundungsfahrten in die menschliche Physiognomie: Insistierende Großaufnahmen dringen in psychologische Tiefen vor, die mit Dialogen kaum zu ergründen wären. (Überhaupt Nykvist: Was wären Bergmans Filme ohne sein unendlich fein moduliertes Licht, ohne seinen Mut zur Leere, ohne seinen durchdringenden Blick, der Gedanken in Bilder verwandelt?) Das eisige Endspiel mündet (nach wenigen Stunden erzählter Zeit) in einen niederschmetternden Zirkelschluß: Wieder steht der Pastor vor einer »Gemeinde«; die Bänke sind nun (bis auf eine nicht zu beirrende Ungläubige) vollkommen verwaist. Doch der Dienst an einem schweigenden Gott geht weiter… Wie es bei Beckett heißt: »Man muß weitermachen, ich kann nicht weitermachen, man muß weitermachen, ich werde also weitermachen.«

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Ulla Ryghe P Allan Ekelund D Gunnar Björnstrand, Ingrid Thulin, Gunnel Lindblom, Max von Sydow, Allan Edwall | S | 81 min | 1:1,37 | sw | 11. Februar 1963

16.10.61

Såsom i en spegel (Ingmar Bergman, 1961)

Wie in einem Spiegel

»Die Realität zerbrach, und ich fiel heraus. Alles kann passieren. Alles!« Die Suche nach Gott als Schußfahrt in den Wahnsinn: Mittsommer auf einer Insel in der Ostsee. Die vier Protagonisten der Erzählung – eine Frau und drei Männer – steigen aus dem Meer. Ingmar Bergman entwickelt mit ihnen in einer Nacht und einem Tag eine komplexe (familiäre) Konstellation: Karin (Harriet Andersson) leidet (wohl unheilbar) an Schizophrenie, ihr Vater David (Gunnar Björnstrand), ein ausgebrannter Schriftsteller, interessiert sich für den geistigen Zerfall der Tochter vornehmlich aus künstlerischem Verwertungsdrang, ihr Ehemann Martin (Max von Sydow), ein unterkühlter Arzt, betrachtet seine Frau als Patientin, ihr kleiner Bruder Minus (Lars Passgård), verwirrt von den körperlichen und seelischen Verwerfungen der Pubertät, will der Schwester helfen – und weiß doch nicht wie… Hinter der floral ornamentierten Tapete eines leeren Dachstübchens vernimmt Karin Stimmen, die von der baldigen Ankunft eines liebenden Gottes flüstern. Die erwartungsvoll Hörende gerät in Extase, doch als sich ihr der Allmächtige schließlich offenbart, wendet sie sich schreiend ab – zu schrecklich erscheinen das steinerne Gesicht, die Kälte der Augen: »Ich habe Gott gesehen.« In einem deklamatorischen Epilog räsoniert der geläuterte Vater über seine Hoffnung auf die Liebe als Gottesbeweis in der menschlichen Welt, eine Zuversicht, die auch seinen verzweifelten Sohn tröstet: »Papa hat mit mir gesprochen.« Differenziert gespielt und im Zwielicht der herben nördlichen Landschaft eindrucksvoll und nuanciert fotografiert (Kamera: Sven Nykvist), bleibt »Såsom i en spegel« dennoch eher thesenhafte Familienaufstellung denn beseeltes Drama – die Leere verwandelt sich nicht in Fülle…

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Ulla Ryghe P Allan Ekelund D Harriet Andersson, Gunnar Björnstrand, Max von Sydow, Lars Passgård | S | 89 min | 1:1,37 | sw | 16. Oktober 1961

17.10.60

Djävulens öga (Ingmar Bergman, 1960)

Das Teufelsauge

»Keine Strafe ist zu hart für den, der liebt.« Der Teufel hat ein Gerstenkorn, weil eine Pfarrerstochter (Bibi Andersson) unschuldig in die Ehe geht. Diesen himmlischen Triumph sucht man in der Unterwelt (wo es aussieht und zugeht wie in einer Molière-Komödie) zu verhindern, und so schickt der Satan seinen besten Mann auf die Erde, um das Mädchen vor dem Ja-Wort zu verführen: den stolzen Don Juan (Jarl Kulle) (samt Diener Pablo). Doch der große Frauenheld ist nach 300 Jahren Höllenpein (täglich werden ihm die alten Liebschaften zugeführt, und, kurz bevor es zum Letzten kommt, quälerisch entzogen) müde und melancholisch geworden, und statt die Jungfrau vom Weg der Tugend fortzulocken, verliebt er sich wie ein Pennäler selbst noch in das hübsche blonde Ding… Don Juans Erschöpfung liegt wie ein matter Schleier über diesem sonderbar bedrückten Lustspiel (Ingmar Bergman bezeichnet es als »Rondo capriccioso«), das zwar hohe formale Grazie und einige witzige Momente aufweist (etwa in den Szenenüberleitungen durch einen süffisanten Conférencier (Gunnar Björnstrand), oder wenn der einfältige Pastor einen knuffigen Dämon im Schrank einsperrt), aber weder als psychologische Liebeskomödie noch als metaphysische Farce so recht in die Gänge kommen will. PS: Zu guter Letzt schwillt (wegen einer anderen irdischen Sünde) das Auge des Teufels dann doch noch ab…

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Gunnar Fischer M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Oscar Rosander P Allan Ekelund D Jarl Kulle, Bibi Andersson, Nils Poppe, Gertrud Fridh, Gunnar Björnstrand | S | 87 min | 1:1,37 | sw | 17. Oktober 1960

8.2.60

Jungfrukällan (Ingmar Bergman, 1960)

Die Jungfrauenquelle

Eine archaische Legende aus dem Dämmerlicht des (noch nicht ganz so) christlichen Mittelalters, spröde, beinahe eindimensional gespielt, dargeboten in hartem Licht und holzschnittartigen Kadragen (Kamera: Sven Nykvist), in knappen, gravitätischen Dialogen und ohne den Trost von Musik. (Nur eine Maultrommel ertönt, und sie verkündet kommendes Unheil …) Die jungfräulich-verwöhnte Tochter eines reichen Bauern (Max von Sydow) wird auf dem Ritt vom Gutshof zur Kirche, wohin sie geschickt wurde, um Kerzen weihen zu lassen, von Wegelageren überfallen, geschändet und erschlagen. Der Vater nimmt grausame Rache, hadert mit einem Gott, der Mord und tödliche Vergeltung zuläßt. Gott, in seinem unerforschlichen Ratschluß, läßt ein Wunder geschehen und am Ort der Bluttat eine Quelle entspringen. Ingmar Bergman findet in »Jungfrukällan« durch suggestive Bildsprache und äußerste erzählerische Reduktion zu fast brutaler gestalterischer Geschlossenheit in der Art einer erlesenen Primitivität – den Höhepunkt bildet sicherlich jene Sequenz, in der Max von Sydow im Morgengrauen eine junge Birke niederringt, mit deren Zweigen er sich im Dampfbad schlägt und reinigt, bevor er zur Bestrafung der Unholde schreitet.

R Ingmar Bergman B Ulla Isaksson K Sven Nykvist M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Oscar Rosander P Allan Ekelund D Max von Sydow, Birgitta Valberg, Birgitta Pettersson, Gunnel Lindblom, Axel Düberg | S | 89 min | 1:1,37 | sw | 8. Februar 1960

26.12.59

Ansiktet (Ingmar Bergman, 1958)

Das Gesicht

Schweden, Mitte des 19. Jahrhunderts: »Doktor« Vogler, ein reisender Schausteller und Magnetiseur (Max von Sydow), und seine Truppe müssen sich, bevor sie in einem Provinznest auftreten dürfen, von den Honoratioren des Städtchens – Konsul, Polizeichef und Medizinalrat – examinieren lassen. Ingmar Bergman entwickelt einen bald farcenhaften, bald pathetischen Künstler-Bürger-Konflikt, in dem die Gaukelspieler als Projektionsfläche geheimer bürgerlicher Begierden herhalten, während sie sich gleichzeitig höhnischen Erniedrigungen durch die sogenannte bessere Gesellschaft ausgesetzt sehen. Noch eine weitere Kontroverse wird ausgetragen: die zwischen dem Glauben an das Unerklärliche und einem ganz und gar diesseitigen Rationalismus. Vor allem der schmallippige Dr. Vergérus (Gunnar Björnstrand) erweist sich als brutaler Entzauberer, der die Vernunft mit perfider Lust zur Waffe schmiedet – und selbst für die eigene Todesangst noch wissenschaftliche Erklärungen beibringt. Zum Ende naht dem fahrenden Volk Rettung (= Anerkennung) durch reitende Boten: Der König lädt Vogler und sein Ensemble zum Auftritt im Schloß. Wahre Noblesse, scheint diese märchenhafte Wendung zu sagen, erkennt sich gegenseitig – sei es der Adel des Blutes oder der Adel der (künstlerischen) Seele.

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Gunnar Fischer M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Oscar Rosander P Allan Ekelund D Max von Sydow, Ingrid Thulin, Gunnar Björnstrand, Naima Wifstrand, Erland Josephson | S | 100 min | 1:1,37 | sw | 26. Dezember 1958

26.12.57

Smultronstället (Ingmar Bergman, 1957)

Wilde Erdbeeren

Das Leben als Reise – zum Ich oder daran vorbei. Der fast 80jährige, recht eigenbrötlerische Professor Isak Borg (die Initialen seines Namens entsprechen wohl nicht zufällig denen des Regisseurs) (Victor Sjöström) macht sich – begleitet von seiner, ihm in zwiespältiger Zuneigung verbundenen Schwiegertochter (Ingrid Thulin) – auf den Weg zu einer akademischen Ehrung. Die Fahrt wird zur sentimental journey in die Geschichte seines Lebens: Am Straßenrand warten die Träume, die Angst- und Wunschbilder, die Erinnerungen an Lichtblicke und dunkle Momente, an Hoffnungen und Enttäuschungen, an Zärtlichkeiten und (zwischen-) menschliche Verhärtungen. Zufällige Reisegefährten erscheinen als Spiegelbilder eigenen Versagens, provozieren Nachdenken über erlebte Pressionen und unkorrigierbare Fehlentscheidungen. Ingmar Bergman schiebt die Zeit-, Wahrnehmungs-, Reflexions- und Erzählebenen des biographischen Spiels souverän ineinander, breitet mit tiefem Mitgefühl das sommerlich-melancholische Panaroma einer splendid isolation: Isak Borg blickt zurück auf eine Existenz in Einsamkeit, in großer Entfernung zu sich und den anderen. Immerhin jedoch beschenkt ihn sein Leben mit der Gnade der, wenn auch späten, Selbsterkenntnis – und es schickt ihm (Ist es eine Phantasie? Ist es die Wirklichkeit?) eine junge Frau (Bibi Andersson), die dem Alten ein Ständchen singt und ihm zuruft, daß sie ihn liebe – heute, morgen und für immer…

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Gunnar Fischer M Erik Nordgren A Gittan Gustafsson S Oscar Rosander P Allan Ekelund D Victor Sjöström, Gunnar Björnstrand, Ingrid Thulin, Bibi Andersson, Naima Wifstrand | S | 91 min | 1:1,37 | sw | 26. Dezember 1957

16.2.57

Det sjunde inseglet (Ingmar Bergman, 1957)

Das siebente Siegel

»Dies irae, dies illa / solvet saeclum in favilla.« Ein finster-groteskes Mittelalter als ferner Spiegel moderner Ängste und Zweifel: Ein grüblerischer Ritter (Max von Sydow) und sein neunmalkluger Knappe (Gunnar Björnstrand) kehren aus dem Heiligen Land zurück in ihre von der Pest heimgesuchte Heimat; der Tod erscheint, den Ritter zu holen, läßt sich aber zu einer Schachpartie beschwatzen (der Schnitter spielt Schwarz – was sonst?) und gewährt Aufschub, solange das Match nicht entschieden ist. Auf ihrem weiteren Weg erleben der traurige Herr und sein wackerer Begleiter die Gefangenschaft der Menschen in existentieller Furcht vor dem großen Nichts, eine Furcht, die sich als moralische Verwesung, religiöser Wahn oder oberflächliche Sinnenlust manifestiert. Nur in der Gesellschaft eines naiven Gauklers, seiner treuherzigen Frau und ihres kleinen Sohnes – eine sympathische Travestie der heiligen Familie! – findet der Ritter Momente von Ruhe und Frieden. Das Idyll mit Lauten spiel, frisch gemolkener Milch und wilden Erdbeeren ist freilich nicht von Dauer, denn gegen den Tod ist à la longue kein Spiel zu gewinnen… Ingmar Bergmans danse macabre nutzt die dunkle Epoche als Folie einer, in stilisierten Tableaus (Kamera: Gunnar Fischer) ausgemalten, Sinn-(= Gott-)suche, die einmal mehr ohne greifbares Ergebnis bleibt: Das Schweigen des Schöpfers schallt stumm durch die Tiefe der Zeit.

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Gunnar Fischer M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Lennart Wallén P Allan Ekelund D Max von Sydow, Gunnar Björnstrand, Nils Poppe, Bibi Andersson, Bengt Ekerot | S | 96 min | 1:1,37 | sw | 16. Februar 1957

26.12.55

Sommarnattens leende (Ingmar Bergman, 1955)

Das Lächeln einer Sommernacht 

»Where are the clowns? / Send in the clowns.« Ein Bergman-Film ohne Grübelei, Düsternis, Weltschmerz oder Seelennot. Obwohl… da sind der alternde Advokat, der vor den großen Fragen des Lebens (und der Liebe) in die Ironie flüchtet (Gunnar Björnstrand), seine blutjunge, verunsicherte, immer noch unberührte Frau, die vor Sehnsucht vergeht (Ulla Jacobsen), und sein Sohn aus erster Ehe, ein angehender Theologe, in dessen Haupthaar die Vögel des Kummers ihre Nester bauen (Björn Bjelfvenstam); da ist die gefeierte Schauspielerin, der die Männer zwar zu Füßen (und anderswo) liegen, aber deren Hand sie nicht ergreifen wollen (Eva Dahlbeck); außerdem der eitle, eifersuchtsblinde Militär (Jarl Kulle) und seine vernachlässigte Gemahlin (Margit Carlquist) – es könnte böse ausgehen mit ihnen. Aber Gott (?) sei Dank gibt es da auch eine alte, lebenskluge Dame (Naima Wifstrand), die es einfach ignoriert, wenn die Leute reden, weil sie weiß, daß anderen zuzuhören nur unglücklich macht. Auf ihrem Anwesen wendet sich in einer lächelnden Sommernacht alles zum Guten… Ingmar Bergman konstruiert mit viel Zartgefühl eine kinematographische Spieluhr, zu deren feiner Melodie sich die füreinander Bestimmten tatsächlich finden. Man könnte es auch so sagen: Der Abgrund ist da, aber keiner stürzt sich hinab – alle stehen sie neben einander am Rand der Schlucht, halten sich fest bei den Händen und spucken hinunter.

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Gunnar Fischer M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Oscar Rosander P Allan Ekelund D Gunnar Björnstrand, Ulla Jacobsson, Björn Bjelfvenstam, Eva Dahlbeck, Jarl Kulle, Harriet Andersson | S | 108 min | 1:1,37 | sw | 26. Dezember 1955

14.9.53

Gycklarnas afton (Ingmar Bergman, 1953)

Abend der Gaukler 

»Empty spaces – what are we living for?« Ein schäbiger Wanderzirkus zieht unter bleiernem Himmel durch die graue schwedische Provinz. Verachtet nicht nur von den guten Bürgersleuten, sondern auch sich selbst ein Ekel, suchen die Artisten Auswege aus der Misere: Der spindeldürre weiße Clown findet Trost im Schnaps, seine verlebte Frau hängt ihr Herz an eine alte Bärendame, »Direktor« Alberti (kraftprotzig-kleinmütig: Åke Grönberg) bittet (vergeblich) um Unterschlupf bei seiner ehrbar gewordenen Exfrau, während seine Geliebte Anne (schlampig-explosiv: Harriet Andersson) sich einem (wie sich zeigen wird: eiskalten) Schmierenschauspieler an den Hals wirft. Ingmar Bergman entwirft ein Universum aus Sägemehl und Flitter als Gleichnis einer unbarmherzigen Welt, er verbindet poetischen Realismus und grimmigen Sarkasmus, erbärmliche Lustigkeit und ehrliche Sentimentalität zu einer ex­pressiven Studie menschlicher (Selbst-)Demütigung. Am Schluß bezahlt die einzig unschuldige Kreatur für die allseitige Entwürdigung mit dem Leben. Erlösung bleibt aus, und der Zirkus zieht weiter: »The show must go on« – warum auch immer…

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist, Hilding Bladh M Karl-Birger Blomdahl A Bibi Lindström S Carl-Olov Skeppstedt P Rune Waldekranz D Åke Grönberg, Harriet Andersson, Hasse Ekman, Anders Ek, Gunnar Björnstrand | S | 93 min | 1:1,37 | sw | 14. September 1953

9.2.53

Sommaren med Monika (Ingmar Bergman, 1953)

Die Zeit mit Monika

Freiheit ist ein großes Wort, das alle gern im Munde führen. Doch was heißt es, frei zu sein? Für Monika, ein 18jähriges Mädchen aus tristen Stockholmer Verhältnissen, heißt es: den stupiden Job zu schmeißen, sich einen Freund (Lars Ekborg) anzulachen, mit ihm durchzubrennen, den Sommer auf einem Boot in den Schären zu verbringen, nackt über Felsen zu springen, Essen zu klauen, ein Kind zu wollen und zu kriegen – und dann den Mann und das Kind zu verlassen, weil alles so trist und stupide ist. Freiheit heißt (in diesem Fall), im Augenblick zu leben, die Konsequenzen weder zu bedenken noch zu tragen, bei sich zu sein, egal ob es Glück oder Unglück für einen selbst oder andere bedeutet. Monika (vulgär-vital: Harriet Andersson) stößt ab und zieht an, macht sich unmöglich und bleibt verlockend dabei. Und wenn Ingmar Bergman sie, zu den Klängen einer Musicbox, eine unglaubliche halbe Minute lang durch das Objektiv der Kamera dem Publikum direkt in die Augen blicken läßt, mag wohl keiner mehr einen Stein nach ihr werfen.

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman, Per Anders Fogelström K Gunnar Fischer M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Tage Holmberg, Gösta Lewin P Allan Ekelund D Harriet Andersson, Lars Ekborg, Dagmar Ebbesen, Åke Fridell, Naemi Briese | S | 96 min | 1:1,37 | sw | 9. Februar 1953