17.7.59

North by Northwest (Alfred Hitchcock, 1959)

Der unsichtbare Dritte

Jemand mußte Roger O. Thornhill verwechselt haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Tages verschleppt ... Nach der komplexen Gefühlsspirale von »Vertigo« folgt Alfred Hitchcock in »North by Northwest« einer einfachen linearen Bewegung von New York über Chicago nach Rapid City, South Dakota. Auf diesem pfeilgeraden Weg liegt allerdings – neben Mord, Betrug und Angst – das beklemmende Gefühl der Geworfenheit in eine unverständliche Welt, begleitet vom galoppierenden Ich-Zerfall des fassungslosen Helden (the ideal average man: Cary Grant). Mit alptraumhafter Klarheit und hochentwickeltem Sinn für das Absurde – besonders intensiv in einer knapp zehnminütigen, auf jede musikalische Untermalung verzichtenden Sequenz mitten im strahlend sonnigen Nirgendwo der Prärie – läßt Hitchcock die Geschichte eines Mannes ablaufen, der nicht nur in die Rolle eines anderen gedrängt wird, sondern (höhnische Quadratur des Identitätsverlustes!) in die Rolle eines anderen, den es gar nicht gibt. »All I want to do is write the Hitchcock picture to end all Hitchcock pictures«, bemerkte Drehbuchautor Ernest Lehman; Hitchcock jedoch wäre nicht Hitchcock, hätte er nicht zwischen »wit, glamor, sophistication and suspense« den Altar plaziert, auf dem er mit Inbrunst seiner Religion der Willkür huldigt – und auf diese Weise ein »real movie movie« erhöht zu einem fantastischerweise zugleich abstrakten und anschaulichen (und dabei noch romantischen) Thriller über Ausgeliefertsein und (Un-)Schuld, zu einer kulinarisch-kalkulierten Studie reiner Emotion und reiner Bewegung. PS: »You gentlemen aren't REALLY trying to kill my son, are you?«

R Alfred Hitchcock B Ernest Lehman K Robert Burks M Bernard Herrmann A William A. Horning, Merrill Pye S George Tomasini P Alfred Hitchcock D Cary Grant, Eva Marie Saint, James Mason, Jessie Royce Landis, Leo G. Carroll | USA | 131 min | 1:1,85 | f | 17. Juli 1959

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