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23.5.80

The Shining (Stanley Kubrick, 1980)

Shining

Overacting at the Overlook Hotel: Die feixende Grimassenschneiderei von Jack Nicholson (als blockierter Schriftsteller Jack Torrance) und das nölige Gewimmer von Shelley Duvall (als dessen beklommene Ehefrau Wendy Torrance) dominieren den parapsychologischen Haunted-House-Schrecken wie eine Axt das Holz – der Einzige, der nicht mit schauderbarer Penetranz des Wahnsinns fette Beute spielt, ist der sechsjährige Danny-Torrance-Darsteller Danny Lloyd. Doch weder reißerische Großschauspielerei noch visuelle Prachtentfaltung oder die recht vordergründige Masche, praktisch jeder Einstellung des Films durch den extensiven Einsatz moderner Musik (Bartok, Penderecki, Ligeti) einen Effekt von Beunruhigung oder Panik abgewinnen zu wollen, lassen echte Herzensangst aufkommen. Stanley Kubricks Strategien zur Emotionserzeugung haben allenfalls theoretische Wirkung, sein künstlerischer Kontrollzwang mündet immer wieder in aseptischem Perfektionismus. Die klinische Intellektualität des Regisseurs allerdings, sein eisig-ironischer Blick auf die Welt und die sie bevölkernden Zweibeiner, verwandeln das Genrestück in eine grotesk-brutale Zergliederung des Systems Vater-Mutter-Kind. Unter idealen Beobachtungsbedingungen, in winterlicher Isolation, unternimmt Kubrick eine höhnische Analyse kleinfamiliärer Verhältnisse und der ihnen innewohnenden Zerstörungskräfte. So überzeugt »The Shining« vielleicht nicht als Horrorschocker, triumphiert aber als sardonische Familienfarce – forever … and ever … and ever.

R Stanley Kubrick B Stanley Kubrick, Diane Johnson V Stephen King K John Alcott M diverse A Roy Walker Ko Milena Canonero S Ray Lovejoy P Stanley Kubrick D Jack Nicholson, Shelley Duvall, Danny Lloyd, Scatman Crothers, Philip Stone | UK & USA | 119 min | 1:1,66 | sw | 23. Mai 1980

18.12.75

Barry Lyndon (Stanley Kubrick, 1975)

Barry Lyndon

»Fate had determined that he should leave none of his race behind him, and that he should finish his life poor, lonely and childless.« … »Barry Lyndon« berichtet von Aufstieg und Fall eines Aufschneiders, Glücksritters und Ehrgeizlings, der sich mit wechselndem Geschick durchs »galante« 18. Jahrhundert schwindelt. (»Gentlemen may talk of the age of chivalry, but remember the ploughmen, poachers and pickpockets whom they lead.«) Stanley Kubricks manische Ambition, die versunkene Ära bis zur letzten Gürtelschnalle perfekt zu rekonstruieren, ist legendär. Indem er historische Gemälde und Grafiken als Vorlagen für die delikate Visualisierung des Stoffes nutzt, rekonstruiert er nicht nur die Zeit, in der die Geschichte spielt, sondern zugleich das Bild, das die vorrevolutionäre Epoche von sich selbst entwarf. Dabei stellt er die beinahe unbegreifliche Schönheit jeder einzelnen Einstellung (Kamera: John Alcott) gegen einen Erzählton von fatalistischer Ironie. Die marionettenhaft agierenden Schauspieler, die erlesenen Kompositionen der Fotografie, die immer wieder von Gewalteruptionen aufgebrochene feierliche Langsamkeit, die strenge Symmetrie der Erzählbewegung, die gnadenlose Einordnung der Figuren in atemberaubende Dekors (Ausstattung: Ken Adam), der raffinierte Einsatz (fast ausschließlich) zeitgenössischer Musik, der süffisante Off-Kommentar schaffen eine hochgradig distanzierende Atmosphäre. »Barry Lyndon« ist bei allem gestalterischen Reichtum ein einmalig frostiger Film, der sich über die tiefe Zerrüttung jener schönen, alten Welt, der er sich zu nähern sucht, keinerlei Illusionen hingibt, ein in jeder Beziehung sin­guläres Werk von höchster filmischer Intelligenz und geradezu furchteinflößender Perfektion, ein spektakuläres Meisterstück des ästhetischen Pessimismus. PS: »Good or bad, handsome or ugly, rich or poor – they are all equal now.«

R Stanley Kubrick B Stanley Kubrick V William Makepeace Thackerey K John Alcott M diverse A Ken Adam S Tony Lawson P Stanley Kubrick D Ryan O’Neal, Marisa Berenson, Patrick Magee, Hardy Krüger, Steven Berkoff | UK & USA | 184 min | 1:1,66 | f | 18. Dezember 1975

19.12.71

A Clockwork Orange (Stanley Kubrick, 1971)

Uhrwerk Orange

»Viddy well, little brother, viddy well.« Nachdem er sich mit dem speziellen Angebot der Korova Milk Bar für »a bit of the old ultraviolence« in Stimmung gebracht hat, kommt Alex (»your humble narrator«: Malcolm McDowell) mit seinen droogs Pete, Georgie und Dim einmal mehr auf den ultimativen Trip: Gewalt und Sex und Musik – Tritte, Schläge, Stöße gegen, auf, in alles, was da geht, steht, liegt, dazu ein paar Takte vom alten Ludwig Van. Stanley Kubricks brutal-ironischer Zukunfts- und Entwicklungsroman (nach der Vorlage von Anthony Burgess) verfolgt Alex’ Weg von der lustvollen Enthemmung des soziopathischen Individuums, über die staatlicherseits verfügte Transformation des juvenilen Delinquenten (mittels »Ludovico technique«) in ein zwangsweise friedfertiges Wesen und dessen totale Erniedrigung, bis hin zum Wiedererwachen des freien Willens in allseitigem Einvernehmen: »real horrorshow« … In einer beklemmend präzise choreographierten Orgie aus plakativen Weitwinkel-Bildern und klirrenden Synthesizer-Klängen, aus quietschbuntem Carnaby-Street-Kitsch und bleierner New-Town-Tristesse pointiert »A Clockwork Orange« den Konflikt von gesellschaftlichen Ordnungsprinzipien und irrationalem menschlichen Verhalten, von moralischer Wahlmöglichkeit und administrativer Bestimmung, zeigt die Erosion sozialer Einheiten, die Auflösung von männlicher Selbstgewißheit in zügellosen Exzeß, stotternde Feigheit, törichten Drill, aasige Berechnung. Für Alex, den attraktiv-sadistischen malchick mit Stock und Melone, mit Suspensorium und Springerstiefeln, mit weißem Overall und falschen Wimpern am rechten Auge, zugleich Protagonist und Opfer der modernen Zeit, geht Kubricks böse coming-of-age-story in jeder Beziehung gut aus: »I was cured, all right!«

R Stanley Kubrick B Stanley Kubrick V Anthony Burgess K John Alcott M diverse A John Barry S Bill Butler P Stanley Kubrick D Malcolm McDowell, Patrick Magee, Anthony Sharp, Michael Bates, Philip Stone | UK & USA | 136 min | 1:1,66 | f | 19. Dezember 1971

# 968 | 9. August 2015

29.1.64

Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb (Stanley Kubrick, 1964)

Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben

»You can't fight in here! This is the War Room!« Zwei Weltmächte mit der Fähigkeit die Welt, über die sie Macht ausüben, jederzeit zu atomisieren; an der Spitze jeweils ein älterer Herr, den nervösen Finger am roten Knopf. Stanley Kub­ricks Doomsday-Farce faßt den systemischen Irrsinn des Kalten Krieges (»War is too important to be left to politicians.«) trefflich zusammen: Infiltration und Indoktrination, Subversion und aufwallende Körpersäfte, die Erde als operatives Planungsfeld, Städte als Koordinaten potentieller Angriffe. Verrückte Militärs, besoffene Generalsekretäre, wohlmeinende Präsidenten, mannhafte Bomberpiloten, draufgängerische Berater, kühl kalkulierende (Spiel-)Theoretiker – Jack D. Ripper, Dimitri Kissoff, Merkin Muffley, T. J. Kong, Buck Turgidson, Dr. Strangelove (»What kind of a name is that? That ain't no Kraut name is it?« – »He changed it when he became a citizen. Used to be Merkwürdigliebe.«) –, sie alle wollen nur das (für sich) Beste, und ihnen allen tut es am Ende ganz schrecklich leid (oder auch nicht). »Die Welt ist eine Komödie für die, die denken, eine Tragödie für die, die fühlen«, sagte ein englischer Homme de lettres und Politiker (der nebenbei die Gothic fiction begründete). Kubrick denkt. Denkt das Undenkbare: »Sir! I have a plan! … Mein Führer! I can walk!« Trost bleibt dennoch: »We'll meet again, don't know where, don't know when. / But I'm sure we'll meet again some sunny day.«

R Stanley Kubrick B Stanley Kubrick, Terry Southern, Peter Bryant V Peter Bryant K Gilbert Taylor M Laurie Johnson A Ken Adam S Anthony Harvey P Stanley Kubrick D Peter Sellers, George C. Scott, Slim Pickens, Sterling Hayden, Peter Bull | USA & UK | 95 min | 1:1,66 | sw | 29. Januar 1964

# 772 | 16. September 2013  

19.5.56

The Killing (Stanley Kubrick, 1956)

Die Rechnung ging nicht auf

Von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens wußte schon Brecht ein Liedchen zu singen, und Pascal merkte an, daß Gott zum Lachen zu bringen wäre, indem man ihm von seinen Plänen erzählte. Stanley Kubrick exemplifiziert die Unwägbarkeit aller Vorhaben an minutiöser Vorbereitung und kaltblütiger Durchführung des Überfalls auf den Kassenraum einer Pferderennbahn, ein ehrgeiziges Unternehmen, das nach scheinbarem Triumph auf absurd-verhängnisvolle Weise fehlschlägt ... Angelehnt an John Hustons Noir-Klassiker »The Asphalt Jungle« – und mit demselben Darsteller in der Hauptrolle (Sterling Hayden als Johnny Clay) –, präsentiert »The Killing« die Abläufe des Verbrechens und die daran beteiligten Personen in einer wirkungsvollen Mischung aus dokumentarischem Realismus und fast karikaturesker Überzeichnung: die Erzählung springt spannungssteigernd vor und zurück, der hold-up wird nacheinander aus drei verschiedenen Perspektiven gezeigt, wobei ein schnarrender Kommentar für (theoretische) Übersicht sorgt; aufreizend präzise Zeit- und Ortsangaben kontrastieren mit typisierten Figuren, deren jeweilige Charakterzüge die Handlung in entscheidenden Momenten (zumeist ungut) beeinflussen. Kubricks kalter Blick auf Menschen als Teile eines Puzzlespiels (das sich letztlich nicht zusammensetzen läßt), als Glieder eines Räderwerks (dem Zufall oder Schicksal ins Getriebe greifen) findet seine optische Entsprechung in den häufig verkanteten Einstellungen, in härtestem Schwarzweiß, im extensiven Einsatz von Weitwinkel und Tiefenschärfe. Der Schluß (»Just a bad joke without a punch line.«) liefert ein Beispiel für die finstere Ironie des Regisseurs: ein defektes Kofferschloß, ein aufgeregter Köter, der Luftstrom eines Flugzeugpropellers, und alle Träume werden vom Winde verweht. Der Arglist des Fatums ist nur mit Gleichmut zu begegnen: »Johnny, you’ve got to run!« – »What’s the difference?«

R Stanley Kubrick B Stanley Kubrick, Jim Thompson V Lionel White K Lucien Ballard M Gerald Fried A Ruth Sobotka S Betty Steinberg P James B. Harris D Sterling Hayden, Mary Windsor, Elisha Cook Jr., Vince Edwards, Coleen Gray | USA | 85 min | 1:1,37 | sw | 19. Mai 1956

# 1063 | 19. Juli 2017