Eselshaut
»La situation mérite attention.« Ein musikalisches Märchen über Verlangen und Inzest, mit sprechenden Rosen und aphrodisierendem Backwerk – psychedelisch, surreal, romantisch, kokett: Dem König der Blauen (Jean Marais) ist die Königin gestorben, und weil er ihr auf dem Totenbett versprechen mußte, dereinst nur eine noch Schönere zu ehelichen, verfällt der Monarch darauf, die einzige Tochter (Catherine Deneuve) zur Frau zu nehmen. Um ihren heiratswütigen Vater hinzuhalten, verlangt die Prinzessin – auf Anraten einer weltklugen Fee (Delphine Seyrig: »Mon enfant, on n’épouse jamais ses parents!«) – Kleider in der Farbe des Wetters, des Mondes, der Sonne, zu guter Letzt die Haut eines goldscheißenden Esels. Sie bekommt, was sie fordert, also bleiben ihr nur die Flucht, das Verstecken, die Maskerade als Schweinemagd, als häßlichste der Häßlichen, schmutzigste der Schmutzigen, allerletzte der Letzten. Natürlich wird sie unter der gräulichen Hülle, die sie tarnt, in ihrer Anmut, Unschuld, Hoheit erkannt – von einem Prinzen aus dem Reich der Roten (Jacques Perrin, der schon in »Les demoiselles de Rochefort« seinem »idéal féminin« nachjagte). In seiner kinematographischen Zauberküche amalgamiert Jacques Demy Cocteausche Es-war-einmal-Phantastik und comichaften Disney-Kitsch, popartige Extravaganz (ein Thron in Katzenform, eine gläserne Sphäre als Katafalk) und verblüffende Anachronismen (Gedichte aus der Zukunft, ein vom Himmel schwebender Helikopter) zu einem zeitlosen (von Michel Legrand kongenial in Töne gesetzten) Loblied auf die verrückte, die geheimnisvolle, die wahre Liebe: »Amour, amour, je t’aime tant.«
R Jacques Demy B Jacques Demy V Charles Perrault K Ghislain Cloquet M Michel Legrand A Jim Leon, Jacques Dugied S Anne-Marie Cotret P Mag Bodard D Catherine Deneuve, Jean Marais, Jacques Perrin, Delphine Seyrig, Micheline Presle | F | 89 min | 1:1,66 | f | 16. Dezember 1970
# 1127 | 13. Juni 2018
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16.12.70
16.3.67
Fantômas contre Scotland Yard (André Hunebelle, 1967)
Fantomas bedroht die Welt
Maske in Blau – Teil 3. Nach Abenteuern in Paris und Rom wird die Jagd auf den metamorphischen Bösewicht im schottischen Hochland fortgesetzt. Das Genie des zweckfreien Verbrechens hat sein Interesse auf schnöden Gelderwerb verlagert und plant, den vermögendsten Männern der Welt eine Sonderabgabe auf ihr Leben abzupressen – Motto: »Das Funktionieren jeder Gesellschaftsform basiert auf einem straffen Steuersystem.« Die räumliche Beschränkung der Erzählung auf Schloß und Park eines steinreichen Landedelmannes rückt »Fantômas contre Scotland Yard« vollends in die Nähe gediegen-spleeniger Krimiunterhaltung, die durch zahlreiche ungebremste Auftritte von Louis de Funès schwere Schlagseite ins Drollig-Burleske bekommt.
R André Hunebelle B Jean Halain, Pierre Foucaud V Pierre Souvestre, Marcel Allain K Marcel Grignon M Michel Magne A Max Douy S Pierre Gillette P Paul Cadéac, Alain Poiré D Jean Marais, Louis de Funès, Mylène Demongeot, Françoise Christophe, Jean-Roger Caussimon | F & I | 104 min | 1:2,35 | f | 16. März 1967
Maske in Blau – Teil 3. Nach Abenteuern in Paris und Rom wird die Jagd auf den metamorphischen Bösewicht im schottischen Hochland fortgesetzt. Das Genie des zweckfreien Verbrechens hat sein Interesse auf schnöden Gelderwerb verlagert und plant, den vermögendsten Männern der Welt eine Sonderabgabe auf ihr Leben abzupressen – Motto: »Das Funktionieren jeder Gesellschaftsform basiert auf einem straffen Steuersystem.« Die räumliche Beschränkung der Erzählung auf Schloß und Park eines steinreichen Landedelmannes rückt »Fantômas contre Scotland Yard« vollends in die Nähe gediegen-spleeniger Krimiunterhaltung, die durch zahlreiche ungebremste Auftritte von Louis de Funès schwere Schlagseite ins Drollig-Burleske bekommt.
R André Hunebelle B Jean Halain, Pierre Foucaud V Pierre Souvestre, Marcel Allain K Marcel Grignon M Michel Magne A Max Douy S Pierre Gillette P Paul Cadéac, Alain Poiré D Jean Marais, Louis de Funès, Mylène Demongeot, Françoise Christophe, Jean-Roger Caussimon | F & I | 104 min | 1:2,35 | f | 16. März 1967
8.12.65
Fantômas se déchaîne (André Hunebelle, 1965)
Fantomas gegen Interpol
In der Maske der Unschuld schaut das Medium Kino zurück auf seine Kindertage, beschwört noch einmal die Welt der unterirdischen Gewölbe, wo geheimnisvolle Verschwörungen ausgeheckt werden, eine Welt, in der sich Holzbeine in Maschinenpistolen verwandeln und Autos in Flugzeuge. »Fantômas se déchaîne« – der zweite Teil des Serial-Aufgusses um den niederträchtigen Blaumann, den heroischen Reporter und den zappeligen Kommissar (der sich den Gegner verwandlungstechnisch zum Vorbild nimmt und nacheinander als Eisenbahnschaffner, italienischer General, Hoteldiener, Monsignore und Pirat auftritt) – wirkt naiv im unmittelbaren Sinne des Wortes: unbefangen und kindlich, ist dabei Lichtjahre entfernt vom formalen Modernismus der silbernen Sechziger (der nichtsdestoweniger spielerisch als Kulisse genutzt wird), zugleich durchdrungen vom Schwung einer Ära, die den Citroën DS erfindet, blind an die Zukunft glaubt und sich (beinahe) erfolgreich die eigene Arglosigkeit vorlügt. Die Innovation des Films liegt (wenn überhaupt) weder in der Erzählform, noch in Bildkomposition oder Montage sondern in der Verbindung von gnadenlosem Slapstick (ein weiterer Rückgriff auf die Frühzeit der Filmkunst) und gnadenlosem Verbrechen – es ist ein sehr subtiler Zynismus, der hier waltet. »Die Menschen«, heißt es in einem Film von Jean-Pierre Melville, »werden unschuldig geboren, aber sie bleiben es nicht.« Dieser Satz könnte auch für das Kino gelten. PS: »Fantômas, je te retrouverai, tu seras puni!«
R André Hunebelle B Jean Halain, Pierre Foucaud V Pierre Souvestre, Marcel Allain K Raymond Lemoigne M Michel Magne A Max Douy S Jean Feyte P Paul Cadéac, Alain Poiré D Jean Marais, Louis de Funès, Mylène Demongeot, Jacques Dynam, Robert Dalban | F & I | 94 min | 1:2,35 | f | 8. Dezember 1965
In der Maske der Unschuld schaut das Medium Kino zurück auf seine Kindertage, beschwört noch einmal die Welt der unterirdischen Gewölbe, wo geheimnisvolle Verschwörungen ausgeheckt werden, eine Welt, in der sich Holzbeine in Maschinenpistolen verwandeln und Autos in Flugzeuge. »Fantômas se déchaîne« – der zweite Teil des Serial-Aufgusses um den niederträchtigen Blaumann, den heroischen Reporter und den zappeligen Kommissar (der sich den Gegner verwandlungstechnisch zum Vorbild nimmt und nacheinander als Eisenbahnschaffner, italienischer General, Hoteldiener, Monsignore und Pirat auftritt) – wirkt naiv im unmittelbaren Sinne des Wortes: unbefangen und kindlich, ist dabei Lichtjahre entfernt vom formalen Modernismus der silbernen Sechziger (der nichtsdestoweniger spielerisch als Kulisse genutzt wird), zugleich durchdrungen vom Schwung einer Ära, die den Citroën DS erfindet, blind an die Zukunft glaubt und sich (beinahe) erfolgreich die eigene Arglosigkeit vorlügt. Die Innovation des Films liegt (wenn überhaupt) weder in der Erzählform, noch in Bildkomposition oder Montage sondern in der Verbindung von gnadenlosem Slapstick (ein weiterer Rückgriff auf die Frühzeit der Filmkunst) und gnadenlosem Verbrechen – es ist ein sehr subtiler Zynismus, der hier waltet. »Die Menschen«, heißt es in einem Film von Jean-Pierre Melville, »werden unschuldig geboren, aber sie bleiben es nicht.« Dieser Satz könnte auch für das Kino gelten. PS: »Fantômas, je te retrouverai, tu seras puni!«
R André Hunebelle B Jean Halain, Pierre Foucaud V Pierre Souvestre, Marcel Allain K Raymond Lemoigne M Michel Magne A Max Douy S Jean Feyte P Paul Cadéac, Alain Poiré D Jean Marais, Louis de Funès, Mylène Demongeot, Jacques Dynam, Robert Dalban | F & I | 94 min | 1:2,35 | f | 8. Dezember 1965
5.5.65
Thomas l’imposteur (Georges Franju, 1965)
Thomas, der Schwindler
»Cette guerre comença dans le plus grand désordre.« Schuf er in seiner Louis-Feuillade-Hommage »Judex« eine Phantasmagorie der »nicht glücklichen« Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, wendet sich Georges Franju mit der Adaption eines Romans von Jean Cocteau dem großen Völkerschlachten selbst zu. Protagonisten der Erzählung sind die princesse de Bormes (Emmanuelle Riva), »une amoureuse folle des modes«, glänzender Mittelpunkt der Pariser Gesellschaft, die auf eigene Verantwortung Verwundetentransporte von der Front organisiert, und der halbwüchsige Thomas (Fabrice Rouleau), dem sich als vermeintlichem Neffen eines berühmten Generals alle Türen öffnen, wodurch er die Mission der extravaganten Aristokratin hilfreich unterstützen kann. Die Prinzessin und Thomas gehen in den Krieg wie in ein Theaterstück, sie auf der Suche nach Zerstreuung und Abenteuer, er weil er Spiel und Wirklichkeit nicht auseinanderhalten kann (oder will). Franju, selbst ein schwarzer Romantiker, hält den Film kunstvoll in der Schwebe zwischen Imagination und Realität, zeigt das Kriegsgeschehen bald als grausames Wirken totaler Zerstörungskräfte, bald als absurden Rummel, bald als dunkles Märchen mit brennenden Pferden und malerischen Ruinen. Die klangvolle Stimme von Jean Marais begleitet den jugendlichen Titelhelden bis an den Ort seiner Bestimmung, die Dünen der belgischen Küste: »Der Friedhof der Seeleute in Nieuport gleicht einem abgetriebenen Segelschiff. Ein tiefer Schlaf hält die Mannschaft umfangen.«
R Georges Franju B Jean Cocteau, Michel Worms, Georges Franju, Raphael Cluzel V Jean Cocteau K Marcel Fradetal M Georges Auric A Claude Pignot S Gilbert Natot P Eugène Lépicier D Emmanuelle Riva, Fabrice Rouleau, Jean Servais, Sophie Darès, Rosy Varte, Jean Marais | F | 94 min | 1:1,66 | sw | 5. Mai 1965
# 11117 | 29. Mai 2018
»Cette guerre comença dans le plus grand désordre.« Schuf er in seiner Louis-Feuillade-Hommage »Judex« eine Phantasmagorie der »nicht glücklichen« Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, wendet sich Georges Franju mit der Adaption eines Romans von Jean Cocteau dem großen Völkerschlachten selbst zu. Protagonisten der Erzählung sind die princesse de Bormes (Emmanuelle Riva), »une amoureuse folle des modes«, glänzender Mittelpunkt der Pariser Gesellschaft, die auf eigene Verantwortung Verwundetentransporte von der Front organisiert, und der halbwüchsige Thomas (Fabrice Rouleau), dem sich als vermeintlichem Neffen eines berühmten Generals alle Türen öffnen, wodurch er die Mission der extravaganten Aristokratin hilfreich unterstützen kann. Die Prinzessin und Thomas gehen in den Krieg wie in ein Theaterstück, sie auf der Suche nach Zerstreuung und Abenteuer, er weil er Spiel und Wirklichkeit nicht auseinanderhalten kann (oder will). Franju, selbst ein schwarzer Romantiker, hält den Film kunstvoll in der Schwebe zwischen Imagination und Realität, zeigt das Kriegsgeschehen bald als grausames Wirken totaler Zerstörungskräfte, bald als absurden Rummel, bald als dunkles Märchen mit brennenden Pferden und malerischen Ruinen. Die klangvolle Stimme von Jean Marais begleitet den jugendlichen Titelhelden bis an den Ort seiner Bestimmung, die Dünen der belgischen Küste: »Der Friedhof der Seeleute in Nieuport gleicht einem abgetriebenen Segelschiff. Ein tiefer Schlaf hält die Mannschaft umfangen.«
R Georges Franju B Jean Cocteau, Michel Worms, Georges Franju, Raphael Cluzel V Jean Cocteau K Marcel Fradetal M Georges Auric A Claude Pignot S Gilbert Natot P Eugène Lépicier D Emmanuelle Riva, Fabrice Rouleau, Jean Servais, Sophie Darès, Rosy Varte, Jean Marais | F | 94 min | 1:1,66 | sw | 5. Mai 1965
# 11117 | 29. Mai 2018
4.11.64
Fantômas (André Hunebelle, 1964)
Fantomas
Wer hat Angst vorm Blauen Mann? oder Die Wiedergeburt eines genußvoll-sadistischen Superverbrechers als vermummungslustiger Kinderschreck: André Hunebelle erweckt die Stummfilmlegende »Fantômas«, die das Paris der späten Belle Époque unsicher machte und den Surrealisten Begeisterungsseufzer entlockte, als konsumierbaren Antihelden einer modischen (streckenweise recht behäbig inszenierten) Actionklamotte zu neuem Leben. Drei Gerechte ziehen gegen den Schurken zu Felde: ein alerter Journalist (Jean Marais), eine platinblonde Fotografin (Mylène Demongeot) und ein Gesetzeshüter am Rande des Nervenzusammenbruchs. Louis de Funès in der Rolle des fratzenschneidenden, wild gestikulierenden Kommissar Juve hat den Film fest im Griff und stiehlt dem statuarischen, mimisch durch die Latexmaske arg eingeschränkten Titelhelden die kriminelle Schau. Vor allem durch de Funès' Turbo-Performance verwandelt sich der schwarze Pulp-Anarchismus der Vorlage in einen neckischen Pop-Mummenschanz ohne Bedrohungspotential. PS: »Non, ce n’est pas fini! Nous nous retrouverons, Fantômas!«
R André Hunebelle B Jean Halain, Pierre Foucaud V Pierre Souvestre, Marcel Allain K Marcel Grignon M Michel Magne A Paul-Louis Boutié S Jean Feyte P Paul Cadéac, Alain Poiré D Jean Marais, Louis de Funès, Mylène Demongeot, Jacques Dynam, Robert Dalban | F & I | 100 min | 1:2,35 | f | 4. November 1964
Wer hat Angst vorm Blauen Mann? oder Die Wiedergeburt eines genußvoll-sadistischen Superverbrechers als vermummungslustiger Kinderschreck: André Hunebelle erweckt die Stummfilmlegende »Fantômas«, die das Paris der späten Belle Époque unsicher machte und den Surrealisten Begeisterungsseufzer entlockte, als konsumierbaren Antihelden einer modischen (streckenweise recht behäbig inszenierten) Actionklamotte zu neuem Leben. Drei Gerechte ziehen gegen den Schurken zu Felde: ein alerter Journalist (Jean Marais), eine platinblonde Fotografin (Mylène Demongeot) und ein Gesetzeshüter am Rande des Nervenzusammenbruchs. Louis de Funès in der Rolle des fratzenschneidenden, wild gestikulierenden Kommissar Juve hat den Film fest im Griff und stiehlt dem statuarischen, mimisch durch die Latexmaske arg eingeschränkten Titelhelden die kriminelle Schau. Vor allem durch de Funès' Turbo-Performance verwandelt sich der schwarze Pulp-Anarchismus der Vorlage in einen neckischen Pop-Mummenschanz ohne Bedrohungspotential. PS: »Non, ce n’est pas fini! Nous nous retrouverons, Fantômas!«
R André Hunebelle B Jean Halain, Pierre Foucaud V Pierre Souvestre, Marcel Allain K Marcel Grignon M Michel Magne A Paul-Louis Boutié S Jean Feyte P Paul Cadéac, Alain Poiré D Jean Marais, Louis de Funès, Mylène Demongeot, Jacques Dynam, Robert Dalban | F & I | 100 min | 1:2,35 | f | 4. November 1964
6.9.57
Le notti bianche (Luchino Visconti, 1957)
Weiße Nächte
Hermetisches Melodram in sagenhafter Studiodekoration: Luchino Visconti läßt von seinem ingeniösen Architekten Mario Chiari das traumverwinkelte Konzentrat einer ganzen Stadt – mit Gassen und Plätzen, Kanälen und Brücken, Nachtbars und Tankstellen – in Cinecittà errichten und macht diese Szenerie zur Bühne einer Reihe von nächtlich-romantischen Begegnungen zwischen dem sehnsüchtigen Drifter Mario (Marcello Mastroianni) und der hysterischen Schwärmerin Natalia (Maria Schell); die junge Frau erwartet die Rückkehr eines inbrünstig verehrten (namenlosen) Fremden (Jean Marais), der ihr, bevor er sich für ein Jahr verabschiedete, ewige Treue versprochen hatte … Aus den (durch unterschiedliche Erwartungshaltungen und Wunschvorstellungen emotional aufgeladenen) Zusammentreffen zweier heimatloser Figuren (von Charakteren ist angesichts der forcierten Künstlichkeit der Inszenierung und des bewußt überspannten Verhaltens der Protagonisten kaum zu sprechen) entwickelt »Le notti bianche« ein theatrales Wechselspiel von Illusionen und Tatsachen, von Ideal und Wirklichkeit, von Erinnerung (≈ Gefangenschaft) und Gegenwart (≈ Unabhängigkeit), sowie – auf der kinematographischen Ebene – von Straßenfilm und Kammerspiel. Auch als (bald nebliger, bald regennasser, bald verschneiter) Ort an der Grenze von Diesseits und Jenseits könnte Viscontis magisch-realistische Kulissenwelt begriffen werden: Der zeitlos schöne, seltsam statuarische »Fremde« wäre dann ein Engel des Todes, der die Seelen der Lebenden (zärtlich) in seinen Besitz bringt und die Herzen der Liebenden (dramatisch) voneinander trennt.
R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Suso Cecchi D’Amico V Fjodor M. Dostojewski K Giuseppe Rotunno M Nino Rota A Mario Chiari S Mario Serandrei P Franco Cristaldi D Marcello Mastroianni, Maria Schell, Jean Marais, Clara Calamei, Marcella Rovena | I & F | 107 min | 1:1,66 | sw | 6. September 1957
Hermetisches Melodram in sagenhafter Studiodekoration: Luchino Visconti läßt von seinem ingeniösen Architekten Mario Chiari das traumverwinkelte Konzentrat einer ganzen Stadt – mit Gassen und Plätzen, Kanälen und Brücken, Nachtbars und Tankstellen – in Cinecittà errichten und macht diese Szenerie zur Bühne einer Reihe von nächtlich-romantischen Begegnungen zwischen dem sehnsüchtigen Drifter Mario (Marcello Mastroianni) und der hysterischen Schwärmerin Natalia (Maria Schell); die junge Frau erwartet die Rückkehr eines inbrünstig verehrten (namenlosen) Fremden (Jean Marais), der ihr, bevor er sich für ein Jahr verabschiedete, ewige Treue versprochen hatte … Aus den (durch unterschiedliche Erwartungshaltungen und Wunschvorstellungen emotional aufgeladenen) Zusammentreffen zweier heimatloser Figuren (von Charakteren ist angesichts der forcierten Künstlichkeit der Inszenierung und des bewußt überspannten Verhaltens der Protagonisten kaum zu sprechen) entwickelt »Le notti bianche« ein theatrales Wechselspiel von Illusionen und Tatsachen, von Ideal und Wirklichkeit, von Erinnerung (≈ Gefangenschaft) und Gegenwart (≈ Unabhängigkeit), sowie – auf der kinematographischen Ebene – von Straßenfilm und Kammerspiel. Auch als (bald nebliger, bald regennasser, bald verschneiter) Ort an der Grenze von Diesseits und Jenseits könnte Viscontis magisch-realistische Kulissenwelt begriffen werden: Der zeitlos schöne, seltsam statuarische »Fremde« wäre dann ein Engel des Todes, der die Seelen der Lebenden (zärtlich) in seinen Besitz bringt und die Herzen der Liebenden (dramatisch) voneinander trennt.
R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Suso Cecchi D’Amico V Fjodor M. Dostojewski K Giuseppe Rotunno M Nino Rota A Mario Chiari S Mario Serandrei P Franco Cristaldi D Marcello Mastroianni, Maria Schell, Jean Marais, Clara Calamei, Marcella Rovena | I & F | 107 min | 1:1,66 | sw | 6. September 1957
Labels:
Dostojewski,
Erinnerung,
Marais,
Maria Schell,
Mastroianni,
Melodram,
Nacht,
Romanze,
Visconti
1.3.50
Orphée (Jean Cocteau, 1950)
Orpheus
L'amour à mort ... Der antike Mythos, gesehen durch die Brille eines künstlerischen Tausendsassas – Jean Cocteau hat Esprit, Geschmack, Fantasie genug, den legendären Dichter der griechischen Sagenwelt plausibel und originell in eine pariserisch anmutende Nachkriegsgegenwart (samt dekorativer Trümmerszenerien und existentialistischer Literatenbohème) zu versetzen. Clou der kinematographischen Adaption: Der hochfahrend-selbstgewisse Poet (Jean Marais in der Titelrolle) gerät in einen gefühlsmäßigen Zwiespalt zwischen der beabsichtigten Rückführung der geliebten (wenn auch bisweilen vernachlässigten) Gattin Eurydike (Marie Déa) aus der Unterwelt – wo ein kafkaesker Gerichtshof nach unerforschlichem Ratschluß über das Schicksal der Verstorbenen (wie auch der Lebenden) befindet – und der amourösen Verfallenheit an den Tod selbst, den die aparte Maria Casarès mit feurig-dunkler Faszinationskraft verkörpert. Cocteaus Stärke als Cinéast liegt insbesondere in der Verwendung ebenso einfacher wie kostbarer filmischer Mittel: Zeitlupen und rückwärts laufende Aufnahmen, negative Bilder und quecksilbrige Spiegeltricks transformieren scheinbare Alltäglichkeiten in außerordentliche Phänomene und lassen die literarische Illusion zur greifbaren Realität werden.
R Jean Cocteau B Jean Cocteau K Nicolas Hayer M Georges Auric A Jean d’Eaubonne S Jacqueline Sadoul P André Paulvé D Jean Marais, Maria Casares, François Périer, Maria Déa, Juliette Gréco | F | 95 min | 1:1,37 | sw | 1. März 1950
# 1032 | 18. November 2016
L'amour à mort ... Der antike Mythos, gesehen durch die Brille eines künstlerischen Tausendsassas – Jean Cocteau hat Esprit, Geschmack, Fantasie genug, den legendären Dichter der griechischen Sagenwelt plausibel und originell in eine pariserisch anmutende Nachkriegsgegenwart (samt dekorativer Trümmerszenerien und existentialistischer Literatenbohème) zu versetzen. Clou der kinematographischen Adaption: Der hochfahrend-selbstgewisse Poet (Jean Marais in der Titelrolle) gerät in einen gefühlsmäßigen Zwiespalt zwischen der beabsichtigten Rückführung der geliebten (wenn auch bisweilen vernachlässigten) Gattin Eurydike (Marie Déa) aus der Unterwelt – wo ein kafkaesker Gerichtshof nach unerforschlichem Ratschluß über das Schicksal der Verstorbenen (wie auch der Lebenden) befindet – und der amourösen Verfallenheit an den Tod selbst, den die aparte Maria Casarès mit feurig-dunkler Faszinationskraft verkörpert. Cocteaus Stärke als Cinéast liegt insbesondere in der Verwendung ebenso einfacher wie kostbarer filmischer Mittel: Zeitlupen und rückwärts laufende Aufnahmen, negative Bilder und quecksilbrige Spiegeltricks transformieren scheinbare Alltäglichkeiten in außerordentliche Phänomene und lassen die literarische Illusion zur greifbaren Realität werden.
R Jean Cocteau B Jean Cocteau K Nicolas Hayer M Georges Auric A Jean d’Eaubonne S Jacqueline Sadoul P André Paulvé D Jean Marais, Maria Casares, François Périer, Maria Déa, Juliette Gréco | F | 95 min | 1:1,37 | sw | 1. März 1950
# 1032 | 18. November 2016
13.10.43
L’éternel retour (Jean Delannoy, 1943)
Der ewige Bann
Das Drehbuch zu »L’eternel retour«, von Jean Cocteau seinem Freund Jean Marais auf den schönen Leib gedichtet, transponiert die uralte (wohl keltische) Legende der leidenschaftlichen, unglücklich endenden Liebe zwischen Tristan und Isolde in eine mythisch-irrealisierte Gegenwart. Zwar gibt es Automobile und Boote mit Dieselmotor, Kneipenschlägereien und moderne Badezimmer, dann aber wieder kommt ein Liebestrank zu seinem mirakulösen Recht, und der Held nähert sich zu Pferde einer malerischen Burg, ganz wie ein Ritter in sagenhafter Vorzeit. Der (sehr literarisch bleibende) amour fou zwischen Patrice (strahlend: Marais) und Nathalie (berückend: Madeleine Sologne), der Gemahlin seines Onkels Marc, wird von einer mißgünstigen Verwandtschaft argusaugenhaft beobachtet und genüßlich hintertrieben – bis der Tod die beiden schicksalhaft füreinander Bestimmten vereint. Jean Delannoy inszeniert die jungen Liebenden in edlen Bildern (Kamera: Roger Hubert) und romantischem Dekor (Ausstattung: Georges Wakhévitch) als zeitlos idealisiertes, zugleich hochmodisches Paar, als makellose, archetypische Stars, auf deren blondem Haar zauberische Spitzlichter tanzen, während die mediokren Neider (wie im Märchen) alt, häßlich oder zwergenhaft verwachsen daherkommen. Die von diesen (im Grunde zutiefst bedauernswerten) Widersachern repräsentierte Niedertracht mag im Hier und Jetzt triumphieren, doch – so die tröstende Botschaft des Films – sie findet ihre Grenze an den Pforten der Ewigkeit, deren Wächter nur die Reinen im Herzen passieren lassen.
R Jean Delannoy B Jean Cocteau K Roger Hubert M Georges Auric A Georges Wakhévitch S Suzanne Fauvel P André Paulvé D Madeleine Sologne, Jean Marais, Jean Murat, Junie Astor, Piéral | F | 107 min | 1:1,37 | sw | 13. Oktober 1943
Das Drehbuch zu »L’eternel retour«, von Jean Cocteau seinem Freund Jean Marais auf den schönen Leib gedichtet, transponiert die uralte (wohl keltische) Legende der leidenschaftlichen, unglücklich endenden Liebe zwischen Tristan und Isolde in eine mythisch-irrealisierte Gegenwart. Zwar gibt es Automobile und Boote mit Dieselmotor, Kneipenschlägereien und moderne Badezimmer, dann aber wieder kommt ein Liebestrank zu seinem mirakulösen Recht, und der Held nähert sich zu Pferde einer malerischen Burg, ganz wie ein Ritter in sagenhafter Vorzeit. Der (sehr literarisch bleibende) amour fou zwischen Patrice (strahlend: Marais) und Nathalie (berückend: Madeleine Sologne), der Gemahlin seines Onkels Marc, wird von einer mißgünstigen Verwandtschaft argusaugenhaft beobachtet und genüßlich hintertrieben – bis der Tod die beiden schicksalhaft füreinander Bestimmten vereint. Jean Delannoy inszeniert die jungen Liebenden in edlen Bildern (Kamera: Roger Hubert) und romantischem Dekor (Ausstattung: Georges Wakhévitch) als zeitlos idealisiertes, zugleich hochmodisches Paar, als makellose, archetypische Stars, auf deren blondem Haar zauberische Spitzlichter tanzen, während die mediokren Neider (wie im Märchen) alt, häßlich oder zwergenhaft verwachsen daherkommen. Die von diesen (im Grunde zutiefst bedauernswerten) Widersachern repräsentierte Niedertracht mag im Hier und Jetzt triumphieren, doch – so die tröstende Botschaft des Films – sie findet ihre Grenze an den Pforten der Ewigkeit, deren Wächter nur die Reinen im Herzen passieren lassen.
R Jean Delannoy B Jean Cocteau K Roger Hubert M Georges Auric A Georges Wakhévitch S Suzanne Fauvel P André Paulvé D Madeleine Sologne, Jean Marais, Jean Murat, Junie Astor, Piéral | F | 107 min | 1:1,37 | sw | 13. Oktober 1943
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