7.12.76

Il Casanova di Federico Fellini (Federico Fellini, 1976)

Fellinis Casanova

Ein Jahr nach »Barry Lyndon« folgt mit »Il Casanova di Federico Fellini« eine weitere außer­gewöhnliche Kino-Abenteuergeschichte aus dem galanten Zeitalter. Wo Stanley Kubrick gestalterisch auf penible Rekonstruktion der Epoche setzt, unternimmt Fellini (mit seinem Ausstatter Danilo Donati) die karnevaleske Neuerfindung der vorrevolutionären Ära: Die Lagune von Venedig wird zum Meer aus wogender Plastikfolie, London ist eine Brücke im (Bühnen-) Nebel, Dresden erscheint als barockes Theater, dessen leere Logen wie tote Augen glotzen. Der Titel- und Frauenheld stolziert wie ein gespreizter (gegen Ende des Films: wie ein gerupfter) Pfau durch diese üppig-stilisierte Kulissenwelt, trifft auf geile Nonnen und spiritistische Fürstinnen, auf feinfühlige Riesinnen und anämische Nähmädchen, erlebt eine endlos scheinende Abfolge erotischer Eskapaden. Die Freud- und Seelenlosigkeit, mit der Casanova (Donald Sutherland verkörpert den Vater aller Liebhaber als lächerlich-arroganten Deckhengst) seine sexuellen Aventüren exekutiert, hat etwas zutiefst Maschinenhaftes – die endgültige Erfüllung seiner totalen Begierde, die ihn rastlos ganz Europa durchjagen läßt, findet der alternde Stecher denn auch sinnigerweise im Beischlaf mit einer mechanischen Puppe. In diesem grotesken Ausdruck der Begeisterung des 18. Jahrhunderts für alle Arten von Automaten spiegelt sich nicht nur die heutige Fetischisierung von Technik und Machbarkeit, es wird auch die trostlose Kälte spürbar, die herrscht, wenn Liebe allein in Kategorien wie »schneller – länger – weiter« betrieben wird.

R Federico Fellini B Federico Fellini, Bernardino Zapponi V Giacomo Casanova K Giuseppe Rotunno M Nino Rota A Danilo Donati S Ruggero Mastroianni P Alberto Grimaldi D Donald Sutherland, Tina Aumont, Cicely Browne, Carmen Scarpitta, Clara Algranti | I & USA | 155 min | 1:1,85 | f | 7. Dezember 1976

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