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27.3.72

Sonnensucher (Konrad Wolf, 1958/1972)

Fast 15 Jahre lang lag Konrad Wolfs Urangräberdrama auf Eis, bevor es seine Uraufführung erleben durfte. Zu ungeschminkt vielleicht schildert »Sonnensucher« die rauhe Atmosphäre der beschwerlichen Suche nach dem strahlenden Erz, zu offen möglicherweise spricht der Film von den Konflikten zwischen deutschen Arbeitern und sowjetischen Offizieren, die den Rohstoff für Stalins Bombe herbeischaffen sollen: Felsach, das (fiktive) erzgebirgische Bergbaustädtchen mit seinen schlammigen Straßen und hölzernen Baracken, mit seinen platzhirschhaften Rivalitäten und handgreiflichen Vergnügungen gleicht eher einer Westernkulisse als einem Ort, an dem der Sozialismus aufgebaut wird. Die Perspektive der Erzählung ist mehrfach gebrochen – im Mittelpunkt steht mal der »starke Mann« und Herzenskommunist Jupp (Erwin Geschonneck), dann wieder das herumgeschubste Waisenmädchen Lutz (Ulrike Germer), das zwischen drei Männer gerät: einen lieben, aber unbedarften Kumpel, einen sensiblen russischen Ingenieur und einen reizbaren, geistig wie heimatlich entwurzelten Obersteiger (Günther Simon) – deren diffizilen Charakteren Drehbuch und Regie allesamt verstehend Rechnung tragen. Von gelegentlichen agitatorischen Ausführungen unterbrochen, glückt Wolf ein formal beherrschtes, zwar strikt parteiliches, dabei aber inhaltlich nuanciertes Kaleidoskop des mühevollen Neuanfangs, der menschlichen (und politischen) Widersprüche, des ehrgeizigen Vorhabens, die nachkriegerische Unordnung in ein neues Gleichmaß zu bringen.

R Konrad Wolf B Karl Georg Egel, Paul Wiens K Werner Bergmann M Joachim Werzlau, Hans-Dieter Hosalla A Karl Schneider S Christa Wernicke P Hans-Joachim Schoeppe D Ulrike Germer, Erwin Geschonneck, Günther Simon, Manja Behrens, Wiktor Awdjuschko | DDR | 116 min | 1:1,37 | sw | 27. März 1972

25.6.69

The Bed Sitting Room (Richard Lester, 1969)

Danach

Lord Fortnum fühlt sich unwohl, verliert gelegentlich einen Backstein und verwandelt sich in ein Wohnschlafzimmer (leider nicht in guter Gegend). ›Mother‹ erhält ihre Sterbeurkunde ausgehändigt, zieht eine Schublade aus ihrer Brust und metamorphosiert zu einem dreitürigen Kleiderschrank. ›Father‹, der aufgrund gewisser körperlicher Vorzüge politische Ambitionen verspürt, wird zum (wohlschmeckenden) Papagei. Töchterchen Penelope bringt nach anderthalbjähriger Schwangerschaft ein Ding zur Welt, das bis zu seinem frühen Tod in einer Reisetasche umhergetragen wird … Wir schreiben das Jahr 3 (oder 4) nach dem Dritten Weltkrieg, der genau 2 Minuten und 28 Sekunden dauerte. London ist nur mehr eine wüstenhafte Müllkippe, durchzogen von Halden zerbrochenen Porzellans, rostigen Autoschlangen und schwärenden Tümpeln. Die etwa 20 Überlebenden der »nuklearen Meinungsverschiedenheit« hatten alle Hände voll zu tun, die 40 Millionen Toten zu verscharren, jetzt geben sie, mit robuster Ignoranz und unerschütterlicher Würde in allen Lebens(?)lagen, ihr Bestes, die Maschinerie der guten alten Britannia am Laufen zu halten: als Elektrizitätswerk, als BBC oder als Gesundheitssystem. »Keep moving!« ist das Motto der Stunde – bloß kein festes Ziel bieten, falls es zu einem weiteren Angriff auf die stolze Nation und ihre ehernen Werte kommt. Richard Lester läßt seine brillant-zerklüftete postapokalyptische Gesellschaftskomödie mit einem dreifachen happy ending ausklingen: Blumen blühen, ein Baby wird geboren, Großbritannien ist wieder Atommacht.

R Richard Lester B John Antrobus, Charles Wood V Spike Milligan, John Antrobus K David Watkin M Ken Thorne A Assheton Gorton S John Victor-Smith P Oscar Lewenstein, Richard Lester D Rita Tushingham, Michael Hordern, Mona Washbourne, Ralph Richardson, Dudley Moore, Marty Feldman | UK | 90 min | 1:1,66 | f | 25. Juni 1969

# 824 | 9. Januar 2014

10.8.67

Mister Dynamit – Morgen küßt Euch der Tod (Franz Josef Gottlieb, 1967)

»Stirb langsam, du hast mehr davon.« Bob Urban (Lex Barker), der »beste Mann des BND« (und ein hochbegabter Bauchredner), leistet der überforderten CIA Amtshilfe bei der Jagd auf einen infamen Erpresser, der die Regierung der Vereinigten Staaten mittels einer entwendeten Atombombe um eine Milliarde Dollar erleichtern will … Franz Josef Gottliebs launig-quatschiger Beitrag zum Eurospy-Genre ist der einzige Leinwandauftritt des langlebigen Pabel-Pulp-Protagonisten »Mister Dynamit« (dessen Schöpfer Karl-Heinz Günther auch den New Yorker Privatdetektiv »Kommissar X« erfand): Zu Armando Trovajolis prickelnden Easy-Listening-Klängen kämpft sich der bundesdeutsche Nachrichtendienstler durch allerlei gefahrvolle Abenteuer (und ein paar Schlafzimmer), um den Plan des öligen Erzschurken Bardo Baretti (Amedeo Nazzari), eines Exzentrikers, der leidenschaftlich gerne mit seiner Modelleisenbahn spielt und sich bisweilen in einen Perserteppich einrollt, zu vereiteln. Gottlieb dekliniert mit kindlicher Freude (und eingeschränkten Mitteln) die bekannten Motive des Agententhrillers Bond’scher Prägung durch: exotische Schauplätze und geschmackvolle Brutalität, fiese Schergen und widerspenstig-willige Frauen. Sogar ein veritables »Q«-Äquivalent tritt auf: Professor Strahlmann (Eddi Arent) stattet den Helden der westlichen Welt mit Nebelpillen, Minibandgerät, Tauchnuß und einem Schlauchboot im Aktenkoffer aus.

R Franz Josef Gottlieb B Franz Josef Gottlieb V C. H. Guenter (= Karl-Heinz Günther) K Siegfried Hold M Armando Trovajoli A Juan Alberto Soler S Gisa Radicilevi P Theo Maria Werner D Lex Barker, Amedeo Nazzari, Maria Perschy, Ullrich Haupt, Siegfried Rauch, Eddi Arent | BRD & E & I | 111 min | 1:1,66 | f | 10. August 1967

# 926 | 28. Dezember 2014

9.12.65

Thunderball (Terence Young, 1965)

James Bond 007 – Feuerball 

»His fight goes on and on and on.« James Bond (zu routiniert: Sean Connery) auf der Suche nach zwei in erpresserischer Absicht entführten NATO-Atomsprengköpfen. Die Spur führt ziemlich umweglos auf die Bahamas, wo der Doppelnull-Agent in schier endlose Unterwasserermittlungen verwickelt wird. Das Hirn des Bombnappings, SPECTREs ›Number Two‹ (Adolfo Celi), hat, trotz Augenklappe, Haifischbecken und Millionärsyacht, leider nur die Strahlkraft eines Hilfsteufels – wodurch der badeferienhaft-submarine Erzählrhythmus nicht eben an Dramatik gewinnt. So sorgen lediglich die Heimtücke von henchwoman Fiona Volpe (Luciana Paluzzi) sowie Ken Adams märchenhafte Konferenzraum-Architekturen (ultramodern-simplizistisch bei den Bösen, neobarock-monumental bei den Guten) für sporadische Aha-Effekte.

R Terence Young B Richard Maibaum, John Hopkins, Jack Whittingham V Ian Fleming, Kevin McClory, Jack Whittingham K Ted Moore M John Barry A Ken Adam S Peter Hunt P Kevin McClory, Albert R. Broccoli, Harry Saltzman D Sean Connery, Claudine Auger, Adolfo Celi, Luciana Paluzzi, Rik Van Nutter | UK | 130 min | 1:2,35 | f | 9. Dezember 1965

29.1.64

Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb (Stanley Kubrick, 1964)

Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben

»You can't fight in here! This is the War Room!« Zwei Weltmächte mit der Fähigkeit die Welt, über die sie Macht ausüben, jederzeit zu atomisieren; an der Spitze jeweils ein älterer Herr, den nervösen Finger am roten Knopf. Stanley Kub­ricks Doomsday-Farce faßt den systemischen Irrsinn des Kalten Krieges (»War is too important to be left to politicians.«) trefflich zusammen: Infiltration und Indoktrination, Subversion und aufwallende Körpersäfte, die Erde als operatives Planungsfeld, Städte als Koordinaten potentieller Angriffe. Verrückte Militärs, besoffene Generalsekretäre, wohlmeinende Präsidenten, mannhafte Bomberpiloten, draufgängerische Berater, kühl kalkulierende (Spiel-)Theoretiker – Jack D. Ripper, Dimitri Kissoff, Merkin Muffley, T. J. Kong, Buck Turgidson, Dr. Strangelove (»What kind of a name is that? That ain't no Kraut name is it?« – »He changed it when he became a citizen. Used to be Merkwürdigliebe.«) –, sie alle wollen nur das (für sich) Beste, und ihnen allen tut es am Ende ganz schrecklich leid (oder auch nicht). »Die Welt ist eine Komödie für die, die denken, eine Tragödie für die, die fühlen«, sagte ein englischer Homme de lettres und Politiker (der nebenbei die Gothic fiction begründete). Kubrick denkt. Denkt das Undenkbare: »Sir! I have a plan! … Mein Führer! I can walk!« Trost bleibt dennoch: »We'll meet again, don't know where, don't know when. / But I'm sure we'll meet again some sunny day.«

R Stanley Kubrick B Stanley Kubrick, Terry Southern, Peter Bryant V Peter Bryant K Gilbert Taylor M Laurie Johnson A Ken Adam S Anthony Harvey P Stanley Kubrick D Peter Sellers, George C. Scott, Slim Pickens, Sterling Hayden, Peter Bull | USA & UK | 95 min | 1:1,66 | sw | 29. Januar 1964

# 772 | 16. September 2013  

19.5.63

The Damned (Joseph Losey, 1963)

Sie sind verdammt

»When the time comes …« Joseph Losey goes Hammer. Das spröde Science-fiction-Drama (in schwarzweißem ›Hammerscope‹) beginnt ungemütlich in scheinbar heiterer südenglischer Ferienatmosphäre: Ein amerikanischer Tourist gabelt ein Mädchen auf, das ihn in einen Hinterhalt der Rockergang ihres latent inzestuösen Bruders lockt. Übel zugerichtet muß sich das Opfer von einem soignierten Herrn darüber aufklären lassen, daß auch Merry England im Zeitalter der sinnlosen Gewalt angekommen sei. Bei der nächsten Begegnung der Männer erweist sich der beredte Gentleman als genial-kaltblütiger Wissenschaftler, der in einer geheimen unterirdischen Forschungsstätte das Überleben der Menschheit nach einem Atomkrieg vorbereitet. Thinking about the unthinkable! Ein knappes Dutzend radioaktiv mutierter Kinder wird darauf eingestimmt, die strahlenden Trümmer unserer Zivilisation zu erben: »Life has the power to change.« Am Ende sind sich der triebgesteuerte Bandenführer King (Oliver Reed), der nur, indem er zerstört, so etwas wie Lust erleben kann, und der von seiner Mission besessene Gelehrte Bernard (Alexander Knox), der auch vor der Liquidierung seiner Geliebten Freya (Viveca Lindfors), einer prä-apokalyptischen Künstlerin, nicht zurückschreckt, erstaunlich ähnlich: Sie sind zwei Seiten einer Medaille, verkörpern zwei Spielarten von Nötigung, von Verrohung, von Angst im Angesicht einer kommenden Katastrophe. PS: »Black leather, black leather! / Kill, kill, kill!«

R Joseph Losey B Evan Jones V H. L. Lawrence K Arthur Grant M James Bernard A Bernard Robinson S Reginald Mills P Anthony Hinds D Macdonald Carey, Shirley Ann Field, Viveca Lindfors, Alexander Knox, Oliver Reed | UK | 105 min | 1:2,35 | sw | 19. Mai 1963

21.3.63

La jetée (Chris Marker, 1963)

Am Rande des Rollfelds 

Orly. Sonntag. Der Flughafen in der Sonne. Blicke von einer Terrasse aufs Rollfeld. Eine Frau am Geländer. Ihre Haare im Wind. Ein Augenblick der Gewalt. Ahnung von kommendem Unheil. Einige Jahre später. Krieg. Zerstörung. Millionenfacher Tod. Vernichtung von Geschichte und Kultur. Von Leben und Glück. Überlebende in den Katakomben. Auf der Suche nach Rettung. In der Vergangenheit. In der Zukunft. Ein Reisender durch die Zeit. Auf der Suche nach einem verlorenen Bild. Nach einem verlorenen Gesicht. Strom der Gedanken. Sog der Bilder. Passagen durch Gesehenes. Nacherlebtes. Vorgestelltes. Chris Markers photo-roman »La jetée« ist visionäres Kino von größter Einfachheit. Von höchster Komplexität. Kino der gefrorenen Augenblicke. Der fließenden Erinnerung. Durch die Szenen hallen Echos von Auschwitz. Von Hiroshima. Es herrscht der Wahnsinn des Fortschritts. Die Auflösung von Kontinuität. Dazwischen Eindrücke, Ahnungen, Illusionen von Heil. Ein Morgen im Frieden. Ein Zimmer im Frieden. Kinder. Vögel. Katzen. Auch Gräber. Richtige Gräber. Oder eine schlafende Frau. Die die Augen aufschlägt. Und dich ansieht. Wirklich ansieht. Am Ende aber erkennst du dich selbst. Als Gefangener der Zeit. Im Augenblick der Wahrheit. An einem Sonntag. In Orly.

R Chris Marker B Chris Marker K Chris Marker M Trevor Duncan A Jean-Pierre Sudre S Jean Reval P Anatole Dauman D Hélène Chatelain, Davos Hanich, Jacques Ledoux, Jean Négroni | F | 28 min | 1:1,66 | sw | 21. März 1963

26.2.60

Der schweigende Stern (Kurt Maetzig, 1960)

Das internationalistisch besetzte Raumschiff ›Kosmokrator‹ reist anno 1970 zur Venus, nachdem auf der Erde eine mysteriöse Botschaft des Nachbarplaneten gefunden wurde. Der Stern schweigt sich zwar hartnäckig aus, dafür reden die Protagonisten dieser reichlich zähen Defa-Utopie (unter ihnen Günther Simon als Pilot Brinkmann) um so mehr – vor allem über Fortschritt, Völkerverständigung und drohenden Atomtod. Wenn auch die (locker auf einem Frühwerk von Stanisław Lem basierende) Erzählung nicht gerade mitreißt und Kurt Maetzig einen großen politisch-moralischen Zeigefinger durchs Geschehen bohrt, so sorgen doch die in glühendes Agfacolor getauchten, von Surrealisten wie Tanguy, Dalí und Max Ernst inspirierten, venusischen Endzeit-Dekorationen für bizarre optische Aha-Effekte.

R Kurt Maetzig B Jan Fethke, Wolfgang Kohlhaase, Günter Reisch, Günther Rücker, Alexander Graf Stenbock-Fermor, Kurt Maetzig V Stanisław Lem K Joachim Hasler M Andrzej Markowski A Anatol Radzinowicz, Alfred Hirschmeier S Lena Neumann P Hans Mahlich, Edward Zajicek D Günther Simon, Yoko Tani, Oldrich Lukes, Ignacy Machhowski, Michail N. Postnikow | DDR & PL | 95 min | 1:2,35 | f | 26. Februar 1960

10.6.59

Hiroshima, mon amour (Alain Resnais, 1959)

Hiroshima, mon amour

Über das Unsagbare sprechen, das nicht Darstellbare zeigen, das Unmögliche wagen: »Hiroshima, mon amour« – der Ort der totalen Zerstörung und das höchste der Gefühle. Körperteile, in Asche gehüllt, Fleisch, bedeckt mit Schweiß, verschlungene Leiber: Sie (Emmanuelle Riva) ist eine französische Schauspielerin, er (Eiji Okada) ist ein japanischer Architekt. Sie ist nach Hiroshima gekommen, um in einem Film mitzuwirken, in einem Film über den Frieden. Sie hat das Krankenhaus gesehen und das Museum und den Fluß und das Denkmal und den Park und die Kraniche aus Papier. Alain Resnais zeigt alles, was sie gesehen hat, zeigt es in dokumentarischen Bildern. »Tu n’a rien vu à Hiroshima, rien«, sagt er zu ihr. »J’ai tout vu, tout«, sagt sie zu ihm. Sie lieben sich. Es ist der letzte Drehtag. Er fordert sie auf zu bleiben. Bei ihm. In Hiroshima. Sie will nach Hause zurückkehren. Sie ist glücklich verheiratet. So wie er. Marguerite Duras’ Dialoge klingen wie Opernduette, unwirklich-klar, sachlich-pathetisch. Er fragt sie, wo sie war, als in Hiroshima die Bombe fiel. Sie war in Paris, antwortet sie. Sie war glücklich. Weil der Krieg vorbei war. Weil ihr Unglück vorbei war. Ihr Unglück, das war auch und vor allem ihr Glück. Ein deutscher Soldat. Ihre erste Liebe. In ihrer Heimatstadt. In Nevers in Frankreich. Der deutsche Soldat wurde erschossen. Sie wurde geschoren. Sie wurde in einen Keller gesperrt. Weil sie einen Feind geliebt hatte. Sie wurde verrückt. Sie kam wieder zur Vernunft. Als sie ihre Liebe vergessen hatte. In Hiroshima, am Ort der Katastrophe, findet sie ihre erste Liebe wieder, ihr Glück, ihren Schmerz, ihr Leben. »Hi-ro-shi-ma … c’est ton nom«, sagt sie zu ihm. Und er sagt zu ihr: »Ton nom à toi est Nevers. Ne-vers-en-Fran-ce.« Hiroshima. Nevers. Erinnern. Vergessen. Liebe. Tod. Gestern. Heute. Immer. Überall.

R Alain Resnais B Marguerite Duras K Michio Takahashi, Sacha Vierny M Giovanni Fusco, Georges Delerue A Minoru Esaka, Mayo (= Antoine Malliarakis) S Henri Colpi, Jasmine Chasney P Samy Halfon D Emmanuelle Riva, Eiji Okada, Bernard Fresson | F & JP | 91 min | 1:1,37 | sw | 10. Juni 1959

# 842 | 7. März 2014

1.2.59

City of Fear (Irving Lerner, 1959)

Stadt in Gefahr

»I’m not an animal. I’m a person. I want things.« Vince Ryker (Vince Edwards), entflohener Sträfling aus San Quentin, taucht in Los Angeles unter. Seine ganze Habe ist eine gestohlene Metallbüchse, von der er annimmt, sie enthalte ein Pfund reinen Heroins – in Wirklichkeit aber birgt sie hochradioaktives Cobalt-60. Verschlossen bedeutet der Behälter den sicheren Tod für seinen nichtsahnenden Besitzer, würde der Deckel geöffnet, bestünde akute Kontaminierungsgefahr für die Millionenstadt … Irving Lerners straffes Krimidrama zeigt in wirkungsvollen Parallelmontagen die kriminelle Geschäftstätigkeit des vergifteten, immer schwächer werdenden Flüchtlings (der glaubt, sich eine schwere Erkältung eingefangen zu haben) und die zunehmend verzweifelten (vor der Öffentlichkeit geheimgehaltenen) polizeilichen Anstrengungen, das verhängnisvolle Gefäß aufzuspüren. Überhaupt bestimmen gestalterische Kontraste die Inszenierung: Kameramann Lucien Ballard kombiniert die statische Tristesse steriler Innenräume mit hektischen Autofahrten durch die Stadt, mischt funktionale On-location-Fotografie und expressive Low-key-Aufnahmen; die fulminante Tonspur verbindet Jerry Goldsmiths bald fiebrig treibende, bald gespenstisch schwebende Musik mit dem aufgeregten Sirenengeheul der Einsatzwagen und dem unheilverkündenden Knirschen der Geigerzähler. Dabei steuert »City of Fear« (dessen Story Erinnerungen an zwei andere Nuklear-Thriller wachruft: Matés fatalistischen »D.O.A.« und Aldrichs exaltierten »Kiss Me Deadly«) ohne Umschweife auf sein süffisantes Ende zu: Vince, starrsinnig davon überzeugt, das große Los gezogen zu haben, klammert sich bis zuletzt, keuchend, schwitzend, stöhnend, an sein Verderben: »It’s worth a million!«

R Irving Lerner B Steven Rich, Robert Dilllon K Lucien Ballard M Jerry Goldsmith A Jack Poplin S Robert Lawrence P Leon Chooluck D Vince Edwards, Lyle Talbot, John Archer, Steven Ritch, June Marlowe, Joseph Mell | USA | 75 min | 1:1,85 | sw | 1. Februar 1959

# 886 | 25. Juni 2014

18.5.55

Kiss Me Deadly (Robert Aldrich, 1955)

Rattennest

»Don’t open the box!« Robert Aldrichs ins Surreale kippende farce noire um Sado-Detektiv Mike Hammer (Ralph Meeker) führt direkt ins Herz der Finsternis, die in diesem Fall ein stechender Lichtblitz ist. Ein halbes Dutzend schräger Vögel versucht, ein unbenanntes (nur bedrohlich umschriebenes: »Manhattan Project, Los Alamos, Trinity«) Geheimnis zu ergründen, ein anderes halbes Dutzend müht sich, es unter dem Deckel zu halten. Dabei hat irgendjemand die verhängnisvolle Box schon lange vor »Kiss Me Deadly« geöffnet: »Va-va-voom!«

R Robert Aldrich B A. I. Bezzerides V Mickey Spillane K Ernest Laszlo M Frank De Vol A William Glasgow S Michael Luciano P Robert Aldrich D Ralph Meeker, Albert Dekker, Paul Stewart, Wesley Addy, Cloris Leachman | USA | 104 min | 1:1,66 | sw | 18. Mai 1955

28.9.46

Cloak and Dagger (Fritz Lang, 1946)

Im Geheimdienst

»There was a time when I thought I wanted to be some kind of secret agent. I gave it up when I was eight.« Dennoch läßt sich der amerikanische Kernphysiker Alvah Jesper, von Gary Cooper mit kraftvollem Understatement gespielt, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs überzeugen, in den Dienst des Office of Strategic Services einzutreten, um den Stand der großdeutschen Atom(bomben)forschung zu eruieren. Jespers Weg führt durch die (spionisch unterwanderte) Schweiz ins faschistische Italien, wo er nicht nur einen von braunen Schurken zur Mitarbeit gepreßten Wissenschaftler aufspürt, sondern auch der spröden Widerstandkämpferin Gina (Lilli Palmer) näherkommt; die (vom Produzenten geschnittene) Schlußetappe der Expedition hätte ihn das Herz der Finsternis, das unter Zurücklassung von zigtausend toten Zwangsarbeitern geräumte (mutmaßlich nach Südamerika verlegte) deutsche Nuklearlabor, entdecken lassen sollen ... Die Figur des geheimdienstlichen Laien erinnert an die unheldischen Helden der frühen Romane von Eric Ambler, Journalisten, Ingenieure, Geschäftsleute, die sich nolens volens in unübersichtlichen (und lebensgefährlicher) Umständen bewähren müssen. »The Dark Frontier«, »Uncommon Danger«, »Journey Into Fear« wären denn auch passende Titel für Fritz Langs (vierten und letzten) Anti-Nazi-Thriller, der seinen Protagonisten zumeist beobachtend, zuhörend, reagierend, in Momenten der Gefahr aber entschlossen handelnd zeigt: Mit der betont nüchtern gestalteten Szene des lautlosen Totmachens eines Verfolgers nimmt Lang gar die (ungleich kokettere) Darstellung eines ähnlichen Vorgangs in Alfred Hitchcocks vergleichbarem Amateuragentenstück »Torn Curtain« vorweg.

R Fritz Lang B Ring Lardner Jr., Albert Maltz, Boris Ingster, John Larkin V Corey Ford, Alastair MacBain K Sol Polito M Max Steiner A Max Parker S Christian Nyby P Milton Sperling D Gary Cooper, Lilli Palmer, Robert Alda, Vladimir Sokoloff, Marc Lawrence | USA | 106 min | 1:1,37 | sw | 28. September 1946

# 1112 | 18. Mai 2018

15.8.46

Notorious (Alfred Hitchcock, 1946)

Berüchtigt

»This is a very strange love affair.« Die sehr seltsame Liebesaffäre beginnt in Miami, Florida, um drei Uhr zwanzig nachmittags, am vierundzwanzigsten April des Jahres neunzehnhundertsechsundvierzig. Ein in den USA lebender Deutscher wird wegen Landesverrats zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. Dem amerikanischen Agenten Devlin (Cary Grant) gelingt es, Alicia Huberman (Ingrid Bergman), leichtlebiges party girl und Tochter des Verräters, dafür zu gewinnen, einen nach Brasilien geflohenen Nazi-Freund ihres Vaters auszuforschen ... Die Spionagestory (in der unter anderem eine nicht mit 1934er Pommard sondern mit Uranerz gefüllte Weinflasche eine wichtige Rolle spielt) bildet die Folie für eine dramatisch-ironische Thriller-Romanze, deren suspense sich in erster Linie aus dem erotisch-angespannten Verhältnis zwischen Devlin und Alicia entwickelt: Er kann es nicht ertragen, sein Herz an ein Flittchen verloren zu haben, während sie von der Gefühlskälte des ersehnten Mannes ins Ehebett ihrer Zielperson getrieben wird. So gelingt Alfred Hitchcock mit »Notorious«, von Ted Tetzlaff in stilvollem Hochglanz-Noir fotografiert, eine komplex angelegte Studie menschlicher Beziehungen im Spannungsfeld von Liebe und Pflicht, Vertrauen und Betrug. Mit Madame Sebastian (Leopoldine Konstantin als eisige Matrone), deren Sohn Alex (Claude Rains als treuherziger Schurke) von Alicia observiert wird, eröffnet der Regisseur überdies seine Galerie markanter Mutterfiguren.

R Alfred Hitchcock B Ben Hecht K Ted Tetzlaff M Roy Webb A Carroll Clark, Albert S. D’Agostino Ko Edith Head S Theron Warth P Alfred Hitchcock D Ingrid Bergman, Cary Grant, Claude Rains, Leopoldine Konstantin, Louis Calhern, Reinhold Schünzel | USA | 101 min | 1:1,37 | sw | 15. August 1946

# 1044 | 14. Februar 2017

10.9.45

The House on 92nd Street (Henry Hathaway, 1945)

Das Haus in der 92. Straße

»War is thought, and thought is information. And he who knows most strikes hardest.« Extratrockene Eloge auf die mühselige, gefahrvolle, effektive Arbeit der G-Men des ›Federal Bureau of Investigation‹ zum Wohle ihrer Nation. In Form eines informationsdichten Dokumentarspiels rollt »The House on 92nd Street« ein Kapitel aus dem Kampf der US-Bundespolizei gegen die Fünfte Kolonne der Nationalsozialisten auf: Das Zusammenwirken eines mutigen field agent, eines klugen Top-Ermittlers sowie des Überwachungs- und Analyseapparates der Behörde verhindert die Weiterleitung brisanter Informationen über den Bau der amerikanischen Atombombe an den Feind. Produzent Louis de Rochemont (Erfinder der Wochenschau »The March of Time«) und Regisseur Henry Hathaway enthalten sich (fast) aller Hollywood-üblichen erzählerischen Emotionalisierungen, setzen stattdessen auf die Authentizität der Originalschauplätze, die Mitwirkung echter FBI-Leute, die intensive Demonstration geheimpolizeilicher Techniken und eine schnarrende Erklärstimme aus dem Off, um das spröde Aktenmaterial, auf dem die Story beruht, in spannendes Faction-Kino mit Noir-Touch zu verwandeln.

R Henry Hathaway B Barré Lyndon, Charles G. Booth, John Monks Jr. K Norbert Brodine M David Buttolph A Lewis Creber, Lyle R. Wheeler S Harmon Jones P Louis de Rochemont D William Eythe, Lloyd Nolan, Signe Hasso, Gene Lockhart, Leo G. Carroll | USA | 88 min | 1:1,37 | sw | 10. September 1945