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5.8.83

Vivement dimanche! (François Truffaut, 1983)

Auf Liebe und Tod

François Truffaut persi­fliert – unter Hinterlassung von fünf Leichen – sehr amüsant die ver­wickel­ten Plots des film noir, variiert spielerisch Hitchcock-Motive, zitiert sich freudvoll selbst, ohne der (mehr oder wenig überraschenden) Auflösung des ausgebreiteten Falls große Bedeutung beizumessen. Weniger interessant als die Identität des Mörders erscheint die Triebfeder seines Tuns – die Liebe zu den Frauen: »Les femmes sont magiques, alors je suis devenu magicien.« Nestor Almendros’ virtuos geführte Schwarzweiß-Kamera schaut auf Jean-Louis Trintignant (als aufbrausender Immobilienagent Julien Vercel) und Fanny Ardant (als für ihren Chef entflammte Sekretärin Barbara Becker) wie auf Bogart und Bacall, und das nächtlich-verregnete Städtchen an der Côte d’Azur ist – mit seinen Nachtclubs und Polizeistationen, Seitenstraßen und Hinterzimmern – ein (fast) ebenso dekorativer und abgründiger Schauplatz wie jeder klassische Asphaltdschungel. Mit diesem »gut gemachten«, durch und durch sympathischen Film, der sein letzter bleiben sollte, einer nostalgischen Hommage an ein längst vergangenes Kino (und an eine wunderbare starke Frau – die sich gleichwohl einige Ohrfeigen einfängt), ist Truffaut ironischerweise endgültig bei jenem cinéma de qualité angekommen, das er als zorniger junger Kritiker so heftig attackiert hatte.

R François Truffaut B François Truffaut, Suzanne Schiffman, Jean Aurel V Charles Williams K Nestor Almendros M Georges Delerue A Hilton McConnico Ko Michèle Cerf S Martine Barraqué P François Truffaut D Fanny Ardant, Jean-Louis Trintignant, Philippe Laudenbach, Philippe Morier-Genoud, Jean-Louis Richard | F | 111 min | 1:1,66 | sw | 5. August 1983

# 1025 | 10. September 2016

9.2.79

The Warriors (Walter Hill, 1979)

Die Warriors

»Thálatta! Thálatta!« (»When we see the ocean, we figure we’re home. We’re safe.«) Ein urbaner Kriegsfilm, eine Reise ans Ende der Nacht. Der Schauplatz: eine exemplarische Großstadt – New York. Die Protagonisten: ›Kool Killers‹ – gang members. Eines der klassischen Geschichtswerke des Abendlandes paraphrasierend, liegt Walter Hill wohl nichts ferner, als eine filmische Enquête über Jugendgewalt als Symptom gesellschaftlicher Verrohung zu liefern. Er erzählt (mit Sinn für Rhythmus, Stil und Posen) die archaische Geschichte eines versprengten Trupps auf dem Weg nach Hause – Ausgangspunkt: die Bronx, Ziel: Coney Island (Das Meer! Das Meer!) – und beschreibt, ganz en passant, den Krieg aller gegen alle als Normalzustand der verdämmernden westlichen Zivilisation. »Somewhere out on that horizon / Faraway from the neon sky / I know there must be somethin’ must be somethin’ better.«

R Walter Hill B Walter Hill, David Shaber V Sol Yurick, Xenophon K Andrew Laszlo M Barry De Vorzon A Don Swanagan, Robert Wightman S Freeman Davis, David Holden, Susan E. Morse, Billy Weber P Lawrence Gordon D Michael Beck, James Remar, Dorsey Whright, Brian Tyler, David Harris | USA | 92 min | 1:1,78 | f | 9. Februar 1979

9.4.75

Peur sur la ville (Henri Verneuil, 1975)

Angst über der Stadt

Körper in Angst, Körper in der Stadt – »Peur sur la ville« ist hochgradig triebhaftes, rein physisches, entschieden urbanes (Action-)Kino. Die Stadt ist Paris: funkelnd, vibrierend, gewaltig. Die männlichen Körper sind: ein obsessiver Kriminalist, ein psychopathischer Serienmörder, ein rücksichtsloser Schwerverbrecher – Kraft, die sinnlos waltet. Die weiblichen Körper sind: eine lustige Witwe, eine offenherzige Krankenschwester, ein geschäftstüchtiger Pornostar – Fleisch, das zum Verzehren einlädt. Schrecken verbreitet ein sexuell gekränkter Mann, der Frauen umbringt, weil er anders nicht über sie verfügen kann; gehetzt wird er von einem professionell gekränkten Polizisten, dessen unbeherrschter Rachedurst Angst macht – gespalten-frustrierte Charaktere, würdige Gegner. Die Story ist forciert bis zur Groteske, Henri Verneuil erzählt sie direkt bis zur Vulgarität, borgt beim Poliziottesco den einzelgängerischen tough cop (Jean-Paul Belmondo als lederbejackter Kommissar Letellier) und beim Giallo den weiberhassenden Totmacher (Adalberto Maria Merli als glasäugiger Killer ›Minos‹), inszeniert virtuose Verfolgungsjagden durch Straßen und über Dächer, durch U-Bahnhöfe und über die Dächer von Métro-Zügen. Ein dissonant-treibender Morricone-Score hält den Pulsschlag dieser schmutzigen Perle des französischen Genrefilms bis zum finalen Schlagabtausch auf hoher Frequenz.

R Henri Verneuil B Henri Verneuil, Francis Veber, Jean Laborde K Jean Penzer M Ennio Morricone A Jean André S Pierre Gillette, Henri Lanoë P Jean-Paul Belmondo D Jean-Paul Belmondo, Charles Denner, Adalberto Maria Merli, Rosy Varte, Léa Massari | F & I | 125 min | 1:1,85 | f | 9. April 1975

12.10.67

Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn (Rolf Olsen, 1967)

»Dieser Film ist ein Tatsachenbericht. Er schildert Begebenheiten der jüngsten Zeit.« Kiez-Reporter Danny Sonntag (Erik Schumann) auf der Spur einer brandheißen Story: Jungs aus gutem Hause (unter ihnen Fritz Wepper) versorgen bemittelte ältere Lustmolche mit Partyspaß und flotten Bienen, wobei die Mädchen unter Zuhilfenahme von selbstdestilliertem LSD gefügig gemacht werden, was wiederum nicht ohne gelegentliche (tödliche) Reibungsverluste abgeht. Väter und Söhne zwischen Elbchaussee und Großer Freiheit – in der Hamburger Gesellschaft bleiben das Verlangen in der Familie und der Generationenkonflikt eine Sache des Geschäfts … Rolf Olsen (der in einer markanten Nebenrolle als unsentimentaler Arzt im Hafenkrankenhaus auftritt) erzählt zügig und effizient, dabei streng pseudoauthentisch und vergnügt doppelmoralisch von netten Ganoven und eiskalten Rebellen, läßt Titten hüpfen und Messer blitzen wie ein gewiefter Boulevardjournalist, springt wendig aus dem Puff ins Polizeipräsidium, von der Luxusyacht auf den Schulhof, aus der Unternehmervilla ins Bumslokal. Die Männer in diesem herzlich-harten St.-Pauli-Nachtstück sind brutal oder geil oder sensibel (oder alles zusammen), die Frauen sind naiv oder berechnend oder willig (oder alles zusammen), und das Verbrechen ist die unvermeidliche Zivilisationskrankheit dieser besten aller käuflichen Welten, in der die wahren Monster niemals auf die Titelseite geknallt werden.

R Rolf Olsen B Rolf Olsen K Franz X. Lederle M Erwin Halletz A Günther Kob S Renate Willeg P Heinz Willeg D Erik Schumann, Fritz Wepper, Jürgen Draeger, Konrad Georg, Marianne Hoffmann | BRD | 98 min | 1:1,66 | f | 12. Oktober 1967

9.9.64

Polizeirevier Davidswache (Jürgen Roland, 1964)

»Alle Geschehnisse dieses Films haben sich tatsächlich zugetragen.« Regisseur Jürgen Roland und Autor Wolfgang Menge, die sich mit ihrer erfolgreichen Fernsehreihe »Stahlnetz« als Spezialisten für halbdokumentarische Kriminalfilme (»Dieser Fall ist wahr!«) ausgewiesen haben, erkunden das Gebiet des Hamburger Polizeireviers 15, »ein halber Quadratkilometer zwischen Millerntor, Hafen und Nobistor«. 48 Stunden auf St. Pauli: Heilsarmee und Herbertstraße, Striptease und Flottenbesuch, reinster Nepp und kalter Mord. Protagonisten der kaleidoskopischen Nachtrevue rund um die Davidswache sind die Hauptwachtmeister Schriever und Glantz (Wolfgang Kieling als braver Beamter, dessen baldiger Tod zu Beginn der Erzählung angekündigt wird) sowie der nach vier Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassene Gentleman-Ganove Bruno Kapp (zynisch-brutal: Günther Ungeheuer) der, ganz anders als seine bieder-naive Freundin, nicht davon träumt, ein kleines Haus im Vorort zu beziehen; dazu gesellen sich Dutzende aus dem Leben (oder aus dem Groschenheft) gegriffene Figuren, die, nach kurzer schlaglichtartiger Beleuchtung, wieder in der Anonymität der Großstadt abtauchen. Im Widerspruch zum Bemühen um journalistische Nüchternheit, versetzen Roland und Menge die pointierten Vignetten aus dem schillernden Amüsierbetrieb mit einer gewissen Portion fatalistischer Melodramatik und einem guten Schuß piefiger Kiez-Sentimentalität, wodurch zwar die Authentizität, nicht aber der Unterhaltungswert ihrer Milieustudie beeinträchtigt wird.

R Jürgen Roland B Wolfgang Menge K Günter Haase M Günter Marschner A Dieter Bartels, Dieter Reinecke S Susanne Paschen P Hans Eckelkamp D Wolfgang Kieling, Günther Neutze, Günther Ungeheuer, Hannelore Schroth, Silvana Sansoni, Jürgen Draeger | BRD | 101 min | 1:1,66 | sw | 9. September 1964

# 1020 | 22. August 2016

31.3.61

Pleins feux sur l’assassin (Georges Franju, 1961)

Der Mitternachtsmörder 

»Mais où sont les funérailles d’antan?« Als er fühlt, daß es mit ihm zu Ende geht, legt der alte comte de Kéraudren (Pierre Brasseur) das Gewand eines Malteser-Ritters an, setzt sich in seinen geheimen Wandschrank und stirbt. Hinter einer Spiegelscheibe verborgen, beobachtet der Tote das weitere Geschehen: Solange die Leiche des Grafen verschwunden ist, können die Hinterbliebenen (unter ihnen Jean-Louis Trintignant als vorwitziger Medizinstudent und Marianne Koch als herb-sinnliche deutsche Cousine) ihr Erbe nicht antreten; während der Wartezeit schrumpft der Kreis der Anwärter auf das gräfliche Vermögen erheblich … Es ist nicht der von Boileau-Narcejac nachlässig konstruierte Zehn-kleine-Negerlein-Krimi, der Georges Franju interessiert (keiner der zahlreichen Todesfälle zieht polizeiliche Ermittlungen nach sich!), es sind vielmehr die Kulisse eines spitztürmig-verwinkelten Märchenschlosses, das Gemisch aus nachtwandlerischem Schattentheater und makabrem Schicksalsspiel voller Stimmenhören und Vogelgeflatter, die »Pleins feux sur l’assassin« ein eigentümlich schwarzes (und schwarzhumoriges) Kolorit verleihen. Halluzinatorische Qualität entwickelt der Film, wenn die mittelalterliche Familienlegende vom eifersüchtigen Ritter und seinem ungetreuen Weib mittels moderner Technik als publikumswirksames son-et-lumière-Spektakel im Schloßhof nachinszeniert wird (die verhinderten Erben brauchen Geld!): Einst und Jetzt fließen wie im Traum zusammen, bis die Gegenwart tödlich aus der Vergangenheit hervorbricht …

R Georges Franju B Pierre Boileau, Thomas Narcejac, Robert Thomas, Georges Franju K Marcel Fradetal M Maurice Jarre A Roger Briaucourt S Gilbert Natot P Jules Borkon D Jean-Louis Trintignant, Marianne Koch, Philippe Leroy, Dany Saval, Pierre Brasseur | F | 95 min | 1:1,37 | sw | 31. März 1961

12.11.59

La notte brava (Mauro Bolognini, 1959)

Wir von der Straße

Mauro Bolognini inszeniert, nach einem Drehbuch des Romanautors, gleichsam die Alta-moda-Version von Pier Paolo Pasolinis römischer Lumpenproletariatsapotheose »Ragazzi di vita«. Die jugendlichen Straßenmädchen und Gassenjungen des Films – verkörpert von kommenden Stars des internationalen Kinos wie Laurent Terzieff und Jean-Claude Brialy, Elsa Martinelli und Rosanna Schiaffino – entbehren jeglicher randständigen Ungeschliffenheit, ihre stolze Obszönität erscheint eher als trendige Pose denn als Ausdruck von Herkunft oder Naturell. Die Schauplätze der episodischen, einen Tag und eine Nacht umspannenden Handlung, trostlose Vororte, enge Sozialwohnungen, struppige Brachflächen, wirken wie dekorative Kulissen für das ziellose Treiben der Protagonisten, für Diebstähle und Betrügereien, Hurerei und Gewaltausbrüche. Unter der (von Armando Nannuzzi effektvoll fotografierten) Oberfläche zeigt sich indes das Drama eines Daseins am Rande – der Stadt, der Gesellschaft, der Hoffnung –, das Drama eines Daseins, das bei aller Abwesenheit von Freundschaft, von Solidarität, von Perspektive so etwas wie Momente einer glanzvollen, schäbigen, wilden Freiheit kennt, Momente, die zwar mit Geld zu bezahlen, aber in Wahrheit unbezahlbar sind.

R Mauro Bolognini B Pier Paolo Pasolini, Jacques-Laurent Bost V Pier Paolo Pasolini K Armando Nannuzzi M Piero Piccioni A Carlo Egidi S Nino Baragli P Antonio Cervi, Alessandro Jacovini D Laurent Terzieff, Jean-Claude Brialy, Rosanna Schiaffino, Elsa Martinelli, Antonella Lualdi, Mylène Demongeot | I & F | 95 min | 1:1,85 | sw | 12. November 1959

# 919 | 18. November 2014

14.5.58

Le désordre et la nuit (Gilles Grangier, 1958)

Im Mantel der Nacht | Das Geheimnis der Dame in Weiß

Sie heißt Lucky. Sie ist nicht glücklich. Sie kommt aus Deutschland. Sie hat einen reichen Vater. Sie lebt im teuersten Hotel von Paris. Sie will Sängerin werden. Sie will singen mit der Stimme und der Seele einer Schwarzen. Aber wenn sie singt, sagen die Leute, sie solle aufhören. Sie nimmt Drogen. Sie verliert sich zwischen irgendwelchen Männern … Als einer dieser Männer ermordet wird, gerät Lucky (Nadja Tiller) in Verdacht. Inspektor Valois (Jean Gabin), ein desillusionierter Einzelgänger (von dem es heißt, daß er gerne mal einen über den Durst trinke), führt die Ermittlungen; die scheinbar unerschütterliche Statuarik, mit der er auf den Plan tritt, wird sich als (Schutz-)Hülle einer Unordnung ganz eigener Art erweisen. Lucky und Valois, zwei Einsame, die einander ausnutzen und kompromittieren, zwei Verirrte, die sich finden. Ein jazziges Nachtstück, von Gilles Grangier unterkühlt inszeniert: distanzierte Blicke auf Rausch und Katzenjammer, auf Sehnsucht und Enttäuschung. Der Schluß rückt eine vorgeblich beherrschte Apothekerin (Danielle Darrieux ) ins Zentrum des Geschehens, und in die zergliedernde Kälte des Psychogramms schleicht sich unversehens ein lauwarmer Ton melodramatischer Phrasenhaftigkeit.

R Gilles Grangier B Michel Audiard, Jacques Robert, Gilles Grangier V Jacques Robert K Louis Page M Jean Yatove A Robert Bouladoux S Jacqueline Sadoul P Lucien Villard D Jean Gabin, Nadja Tiller, Danielle Darrieux, Paul Frankeur, Roger Hanin | F | 93 min | 1:1,66 | sw | 14. Mai 1958

# 819 | 31. Dezember 2013

6.9.57

Le notti bianche (Luchino Visconti, 1957)

Weiße Nächte

Hermetisches Melodram in sagenhafter Studiodekoration: Luchino Visconti läßt von seinem ingeniösen Architekten Mario Chiari das traumverwinkelte Konzentrat einer ganzen Stadt – mit Gassen und Plätzen, Kanälen und Brücken, Nachtbars und Tankstellen – in Cinecittà errichten und macht diese Szenerie zur Bühne einer Reihe von nächtlich-romantischen Begegnungen zwischen dem sehnsüchtigen Drifter Mario (Marcello Mastroianni) und der hysterischen Schwärmerin Natalia (Maria Schell); die junge Frau erwartet die Rückkehr eines inbrünstig verehrten (namenlosen) Fremden (Jean Marais), der ihr, bevor er sich für ein Jahr verabschiedete, ewige Treue versprochen hatte … Aus den (durch unterschiedliche Erwartungshaltungen und Wunschvorstellungen emotional aufgeladenen) Zusammentreffen zweier heimatloser Figuren (von Charakteren ist angesichts der forcierten Künstlichkeit der Inszenierung und des bewußt überspannten Verhaltens der Protagonisten kaum zu sprechen) entwickelt »Le notti bianche« ein theatrales Wechselspiel von Illusionen und Tatsachen, von Ideal und Wirklichkeit, von Erinnerung (≈ Gefangenschaft) und Gegenwart (≈ Unabhängigkeit), sowie – auf der kinematographischen Ebene – von Straßenfilm und Kammerspiel. Auch als (bald nebliger, bald regennasser, bald verschneiter) Ort an der Grenze von Diesseits und Jenseits könnte Viscontis magisch-realistische Kulissenwelt begriffen werden: Der zeitlos schöne, seltsam statuarische »Fremde« wäre dann ein Engel des Todes, der die Seelen der Lebenden (zärtlich) in seinen Besitz bringt und die Herzen der Liebenden (dramatisch) voneinander trennt.

R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Suso Cecchi D’Amico V Fjodor M. Dostojewski K Giuseppe Rotunno M Nino Rota A Mario Chiari S Mario Serandrei P Franco Cristaldi D Marcello Mastroianni, Maria Schell, Jean Marais, Clara Calamei, Marcella Rovena | I & F | 107 min | 1:1,66 | sw | 6. September 1957

26.10.56

La traversée de Paris (Claude Autant-Lara, 1956)

Zwei Mann, ein Schwein und die Nacht von Paris

»Dans chaque Français il y a un cochon qui sommeille … et dans chaque homme peut-être.« In einer Nacht während der deutschen Okkupation (Verdunklung!) schleppen zwei Männer – ein duckmäuserischer Schieber (Bourvil) und ein impulsiver Künstler (Jean Gabin) – ein schwarz geschlachtetes Schwein, verteilt auf vier Koffer, quer durch Paris. Während der eine mit dem Schleichhandel sein zweifelhaftes Auskommen findet, sucht der andere die Abwechslung, den Nervenkitzel, die Inspiration. Verfolgt von einer wachsenden Zahl herrenloser Köter, begegnen die beiden ungleichen, aber gleichermaßen abstoßend-sympathischen Transportarbeiter auf ihrem gefahrvollen Weg (vorbei an argwöhnischen Flics, uniformierten Patrouillen und betagten Nutten) einigen ehrwürdigen Vertretern der französischen Gesellschaft ihrer Zeit: Leisetretern und Pharisäern, Maulhelden und Nutznießern des Mangels – kurze Zusammentreffen, die grelle Schlaglichter in die Düsternis der Besetzungsmentalität werfen. Claude Autant-Lara inszeniert »La traversée de Paris« als schäbige Komödie voller unappetitlicher Momente (etwa wenn Bourvil Akkordeon spielen muß, um das Todesquieken der von Louis de Funès gepeinigten Sau zu übertönen), eine Komödie, die er nicht ohne Konsequenz in ein kümmerliches Drama umschlagen läßt, um zu guter (?) Letzt noch eine maliziöse Schlußpointe draufzusetzen. PS: »Die Pflastersteine auf der Straß’, / Die sollen jetzt sich spalten …«

R Claude Autant-Lara B Jean Aurenche, Pierre Bost V Marcel Aymé K Jacques Natteau M René Cloërec A Max Douy S Madeleine Gug P Henry Deutschmeister D Jean Gabin, Bourvil, Jeannette Batti, Louis de Funès, Robert Arnoux | F & I | 80 min | 1:1,37 | sw | 26. Oktober 1956

24.8.56

Bob le flambeur (Jean-Pierre Melville, 1956)

Drei Uhr nachts

»Voici tel qu’on vous racontera à Montmartre, la très curieuse histoire de Bob le flambeur.« Nach Jacques Beckers »Touchez pas au grisbi« (1954) und Jules Dassins »Du rififi chez les hommes« (1955) inszeniert Jean-Pierre Melville 1956 den dritten großen heist film des französischen Nachkriegskinos. Während Becker das Geschehen nach einem Raubzug erzählt, Dassin sich dagegen fast vollständig auf den Ablauf eines Einbruches konzentriert, schildert »Bob le flambeur« die Vorgeschichte eines Überfalls – der letztendlich nicht stattfinden wird. Mehr noch als auf die konkreten Vorbereitungen der Tat richtet Melville sein (fast ethnographisches) Augenmerk dabei auf die handelnden Personen, auf ihre Beziehungen zueinander, auf das (zwielichtig-neonglänzende) Milieu, in dem sie gewinnen und verlieren, leben und sterben. Im Zentrum des filmischen Interesses steht Bob: fashionable, silberhaarig, ein (meist glückloser) Spieler, »un vieux jeune homme«; als die finale Pleite droht, plant er den Befreiungsschlag: den ganz großen Coup. In einer (formal stellenweise etwas grobgeschliffenen) Mischung aus genretypischer Stilisierung und impressionistisch-improvisatorischer Prä-Nouvelle-Vague-Ästhetik verbeugt sich Melville einerseits vor seinen amerikanischen Vorbildern, zeichnet zum anderen eine poetische Topographie der Stadt Paris (genauer gesagt: der Gegend von Pigalle) zwischen Abenddämmerung und Morgengrauen, unternimmt eine intime Seelenschau der Parigot(e)s, folgt ihnen durch die Müdigkeit des Tages in die Leidenschaft(en) der Nacht, zeigt ihre Treubrüche und ihre Kameradschaft, ihre Gier und ihre Generosität. In einer ironischen Schlußpointe beschert Melville seinem Helden den ganz großen Gewinn – freilich nicht unbedingt den, auf welchen Bob, der alte junge Vabanquier, zuvor spekuliert hatte …

R Jean-Pierre Melville B Jean-Pierre Melville, Auguste Le Breton K Henri Decaë M Eddie Barclay, Jo Boyer A Claude Bouxin S Monique Bonnot P Jean-Pierre Melville, Serge Silberman D Roger Duchesne, Isabelle Corey, Daniel Cauchy, André Garet, Guy Decomble | F | 98 min | 1:1,37 | sw | 24. August 1956

11.3.54

Night People (Nunnally Johnson, 1954)

Das unsichtbare Netz

Nachts in Berlin. Ein GI begleitet sein deutsches Mädchen nach Hause. Kurz nach dem zärtlichen Abschied kriegt er eins übergebraten und wird in den sowjetischen Sektor verschleppt. Der Vater des amerikanischen Soldaten, ein einflußreicher Unternehmer (Broderick Crawford), reist an, um den Verantwortlichen Feuer unterm Arsch zu machen. Colonel Van Dyke (Gregory Peck) vom militärischen Geheimdienst läßt sich allerdings nicht gerne von Amateuren erklären, wie er seinen Job zu erledigen hat, und expliziert dem ungebetenen Berlin-Besucher, der als guter Kapitalist glaubt, die Angelegenheit mit Dollars regeln zu können, mit welcher Art von Leuten sie es hier, an der Hauptkampflinie des Kalten Krieges, zu tun haben: »These are cannibals! Headhunting, bloodthirsty cannibals, who are out to eat us up.« … Nunnally Johnson entwickelt das verwirrend-verworrene (Doppel-)Spiel zwischen Ost und West vor allem als steifes Dialogdrama in schmucklosen Kulissen. Spannung kommt kaum auf, auch weil die wahren Opfer (tapfere britische bzw. adlige Anti-Nazis) und die echten Schurken (abgefeimte Alt-Nazis im roten Pelz) der Intrige im Dunkel der Nacht keine Kontur gewinnen.

R Nunnally Johnson B Nunnally Johnson K Charles G. Clarke M Cyril Mockridge A Hans Kuhnert, Theo Zwierski S Dorothy Spencer P Nunnally Johnson D Gregory Peck, Broderick Crawford, Anita Björk, Rita Gam, Buddy Ebsen | USA | 93 min | 1:2,35 | f | 11. März 1954

6.4.51

Édouard et Caroline (Jacques Becker, 1951)

Edouard und Caroline

Szenen einer Ehe zwischen Abenddämmerung und Morgengrauen. Er: ein netter Junge aus einfachen Verhältnissen, stolz, sensibel und etwas zu hitzköpfig. Sie: ein hübsches Mädchen aus besserer Familie, kapriziös, empfindlich und ein bißchen zu aufbrausend. Beide: aufgeweckt, eigensinnig und etwas zu dünnhäutig. Sie lieben sich, sie balgen sich, sie küssen sich, sie treten sich in den Hintern – fragiles Gleichgewicht der Gefühle … Eigentlich soll Édouard (Daniel Gélin), der begabte Pianist, nur ein Hauskonzert beim snobistischen Onkel von Caroline (Anne Vernon) geben. Aber dann: eine weggeworfene Smokingweste, ein abgeschnittenes Abendkleid, eine Ohrfeige im Affekt. Die Katastrophe ist da. Die Liebe ist aus. Scheidung liegt in der Luft. Und natürlich haben es alle schon immer gewußt: So eine Verbindung kann ja nicht gut gehen … Jacques Becker, der Meister der zielstrebigen Abschweifung, bäckt ein filmisches Soufflé aus dem, was sich im Zwischenraum der Gegensätze findet, aus den Widersprüchen von Zuneigung und Streit, Geld und Kunst, Arm und Reich, Verstand und Empfindung, Bohème und Gesellschaft, Erwartung und Enttäuschung, studio und bel étage, Spiel und Ernst, Paar und Parallele. »Édouard et Caroline« liegt in der Schnittmenge von Oberflächlichkeit und Tiefgang: lockeres Charakterstück, zärtliche Sittensatire, romantisches Screwball-Nocturne. PS: Die Liebe kehrt zurück – unzerstörbar (bis zur nächsten Scheidung).

R Jacques Becker B Jacques Becker, Annette Wademant K Robert Lefebvre M Jean-Jacques Grünenwald A Jacques Colombier S Marguerite Renoir P Raymond Borderie D Daniel Gélin, Anne Vernon, Elina Labourdette, Jean Galland, Jacques François | F | 88 min | 1:1,37 | sw | 6. April 1951

# 814 | 12. Dezember 2013

25.6.43

The Leopard Man (Jacques Tourneur, 1943)

»Cats are funny, mister. They don’t want to hurt you, but if you scare them they go crazy.« Eine kleine Stadt in New Mexico: ein schwarzer Panther ist entlaufen, Angst geht um, eine junge Frau kommt zu Tode, die Ahnung wächst, daß etwas anderes durch die Straßen schleicht als das blutdürstige Raubtier. Geheimnisvoller Thriller, sachter Horrorfilm, finstere Romanze – nach einem Roman von Cornell Woolrich erzählt Jacques Torneur in kunstvollen Licht- und Schattenspielen von den geheimnisvollen Kräften, die das Leben antreiben wie einen leeren Ball, der auf der Spitze einer Fontäne tanzt. Elegant verknüpft das Drehbuch eine Vielzahl von Episoden und Figuren zu einem tödlichen Schicksalsreigen: eine glücklose Nachtclubsängerin und ihren ehrgeizigen Agenten, einen kreuzbraven Schausteller, eine taktvolle Wahrsagerin, einen nachdenklichen Museumsdirektor, das Mädchen, das von der Mutter ausgeschickt wird, Maismehl zu kaufen, die junge Frau, die auf dem Friedhof ihren heimlichen Verlobten treffen will, die Kastagnettentänzerin, die in der Nacht ihrem Liebhaber zu begegnen glaubt – allesamt Einsame, gebannt, gejagt, getrieben vom wilden Tier im Menschen: »I didn’t want to kill, but I had to.«

R Jacques Tourneur B Ardel Wray V Cornell Woolrich K Robert De Grasse M Roy Webb A Albert S. D'Agostino, Walter E. Keller S Mark Robson P Val Lewton D Dennis O'Keefe, Margo, Jean Brooks, James Bell, Abner Biberman | USA | 66 min | 1:1,37 | sw | 25. Juni 1943

# 1143 | 6. Januar 2019