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5.8.83

Vivement dimanche! (François Truffaut, 1983)

Auf Liebe und Tod

François Truffaut persi­fliert – unter Hinterlassung von fünf Leichen – sehr amüsant die ver­wickel­ten Plots des film noir, variiert spielerisch Hitchcock-Motive, zitiert sich freudvoll selbst, ohne der (mehr oder wenig überraschenden) Auflösung des ausgebreiteten Falls große Bedeutung beizumessen. Weniger interessant als die Identität des Mörders erscheint die Triebfeder seines Tuns – die Liebe zu den Frauen: »Les femmes sont magiques, alors je suis devenu magicien.« Nestor Almendros’ virtuos geführte Schwarzweiß-Kamera schaut auf Jean-Louis Trintignant (als aufbrausender Immobilienagent Julien Vercel) und Fanny Ardant (als für ihren Chef entflammte Sekretärin Barbara Becker) wie auf Bogart und Bacall, und das nächtlich-verregnete Städtchen an der Côte d’Azur ist – mit seinen Nachtclubs und Polizeistationen, Seitenstraßen und Hinterzimmern – ein (fast) ebenso dekorativer und abgründiger Schauplatz wie jeder klassische Asphaltdschungel. Mit diesem »gut gemachten«, durch und durch sympathischen Film, der sein letzter bleiben sollte, einer nostalgischen Hommage an ein längst vergangenes Kino (und an eine wunderbare starke Frau – die sich gleichwohl einige Ohrfeigen einfängt), ist Truffaut ironischerweise endgültig bei jenem cinéma de qualité angekommen, das er als zorniger junger Kritiker so heftig attackiert hatte.

R François Truffaut B François Truffaut, Suzanne Schiffman, Jean Aurel V Charles Williams K Nestor Almendros M Georges Delerue A Hilton McConnico Ko Michèle Cerf S Martine Barraqué P François Truffaut D Fanny Ardant, Jean-Louis Trintignant, Philippe Laudenbach, Philippe Morier-Genoud, Jean-Louis Richard | F | 111 min | 1:1,66 | sw | 5. August 1983

# 1025 | 10. September 2016

26.5.77

Der amerikanische Freund (Wim Wenders, 1977)

Das Leben, vom Tode aus betrachtet … Ja, da ist auch ein Thriller: betrügerische (Kunst-) Geschäfte, Gangster, die mit Pornos handeln, Auftragsmord in der Eisenbahn, Leichen, die beseitigt werden müssen. Aber vor allem ist da dieser epi-nostalgische, larmo-romantische Kinotraum über Männer: über ihren blöden Stolz und ihre noch blöderen Empfindlichkeiten, über ihre kindische Angst und ihre jungenhaften Sehnsüchte, über ihr Verlangen nach (unmöglicher!) Freundschaft, nach (utopischer!) Liebe, über ihre Fähigkeit zu beiläufiger Zärtlichkeit, zu wortlosem Verstehen. »Der amerikanische Freund« erzählt (frei nach Patricia Highsmiths Roman »Ripley’s Game«) davon, wie diese Männer in geisterhaften Städten, in Hamburg, in New York, in Paris, ihre riskanten, infamen, todbringenden Spiele spielen. Sie leben (?) in grandios-vergammelten Villen (Ripley = Dennis Hopper), in einsam ragenden Häusern am Fluß (Jonathan = Bruno Ganz), in weitläufigen Appartements über dem Häusermeer (Minot = Gérard Blain). Sie sind Tote auf Urlaub in einer Welt hinter Glas, (vergeblich) bemüht, Isolation, Melancholie, Distanz zu überwinden. Wim Wenders (der in Nebenrollen nicht ohne Grund Regielegenden wie Nicholas Ray und Sam Fuller besetzt) verschickt die mythischen Gestalten des Western, des film noir, des Melodrams in eine novembrige Gegenwart, in eine Zeit aus Blei, wo sie in kühlem Edward-Hopper-Licht (Kamera: Robby Müller) durch anonyme Flughäfen und menschenleere U-Bahnhöfe, über verlassene Parkways und urbane Brachflächen irren. Heimatlose. Suchende. Männer: »My thought just weigh me down / And drag me to the ground / And shake my head till there's no more life in me.« PS: Ja, da ist auch eine Frau: Sie heißt … wie heißt sie doch gleich?

R Wim Wenders B Wim Wenders V Patricia Highsmith K Robby Müller M Jürgen Knieper A Heidi Lüdi, Toni Lüdi S Peter Przygodda P Wim Wenders D Bruno Ganz, Dennis Hopper, Lisa Kreuzer, Gérard Blain, Rudolf Schündler | BRD & F | 126 min | 1:1,66 | f | 26. Mai 1977

8.8.75

Farewell, My Lovely (Dick Richards, 1975)

Fahr zur Hölle, Liebling

»What a world.« Er bräuchte einen Drink, er bräuchte eine Lebensversicherung, er bräuchte Urlaub ... und alles, was er hat, sind ein Mantel, ein Hut und eine Knarre. Dick Richards (zu Ruhm gekommen als Fotograf und Werbefilmer) nutzt Chandlers unerhört verwickelte Geschichte des (doppelten) Abschieds von einem Leben und von einer Liebe als Vorlage für eine melancholisch-süffisante (und ziemlich stylishe) Retro-Noir-Etüde, deren (alp-)traumhafte Stimmung sich vor allem einem sinnlich-coolen Jazz-Score (David Shire), den dunkel-nostalgischen Technicolor-Bildern (John A. Alonzo) und ihrem Hauptdarsteller verdankt: Robert Mitchum, legendärer Star schwarzer Kino-Klassiker wie »Out of the Past«, »Angel Face« oder »The Night of the Hunter«, wird in der Rolle des nicht minder legendären Hardboiled-Detektivs zum leibhaftigen Wiedergänger einer fernen Epoche, dessen Erscheinen die hochpolierte Pulpstory um eine verschwundene Perlenkette und eine verschwundene Frau in die Vision einer verschwundenen Welt verwandelt, die sich bei aller nostalgischen Verklärung als genau so korrupt und desolat erweist wie die Ära von Vietnam und Watergate. So wird Richards’ Adaption – trotz der wie in Dmytryks 1944er-Fassung vorgenommenen Simplifizierung der Vorlage – zu einer Art filmischem Doppelspiegel, der Stimmungen und Mentalitäten von Vergangenheit und Gegenwart zu einem irisierenden Bild zusammenfließen läßt. »I wished it was part of my nightmare, but it wasn’t.«

R Dick Richards B David Zelag Goodman V Raymond Chandler K John A. Alonzo M David Shire A Dean Tavoularis S Joel Cox, Walter Thompson P Jerry Bruckheimer, George Pappas D Robert Mitchum, Charlotte Rampling, Jack O’Halloran, John Ireland, Sylvia Miles | USA | 95 min | 1:1,85 | f | 8. August 1975

# 1147 | 2. Februar 2019

20.6.74

Chinatown (Roman Polanski, 1974)

Chinatown

»Forget it, Jake. It’s Chinatown.« An Chandler und Hammett orientiertes Lumpenstück um politisch-wirtschaftliche Schweinereien und familiäre Abgründe im L.A. der 1930er Jahre: private eye J.J. (›Jake‹) Gittes (Jack Nicholson) wird von Autor Robert Towne in einen überaus komplexen Fall (concerning ›water and power‹) verwickelt und dabei in einen Gefühlsstrudel gezogen, der um eine gebrochen-fatale Frau (Faye Dunaway) kreist und an des Schnüfflers alte seelische Wunden rührt. »Chinatown« – der Titel bezeichnet weniger einen konkreten Handlungsort, sondern steht vielmehr (analog zu ›Watergate‹) als Metapher für Vertrauensverlust, Undurchschaubarkeit und Amoralität – schwelgt in nostalgischem Pessimismus: Jerry Goldsmiths mitternächtlicher Score und John Alonzos düster-geschmackvolle Fotografie sorgen für kultiviert-depressive Stimmung, während Roman Polanski die ausweglose Detektivgeschichte mit dem beherrschten, beinahe unpersönlichen Formgefühl eines contract directors der Studioära inszeniert. Der Clou des Films ist die Besetzung des väterlichen Schurken Noah Cross mit John Huston, jenem Regisseur, der mit »The Maltese Falcon« einst die Stilepoche des film noir einläutete: »You may think you know what you’re dealing with, but, believe me, you don’t.«

R Roman Polanski B Robert Towne K John A. Alonzo M Jerry Goldsmith A Richard Sylbert S Sam O’Steen P Robert Evans D Jack Nicholson, Faye Dunaway, John Huston, Perry Lopez, John Hillerman | USA | 130 min | 1:2,35 | f | 20. Juni 1974

30.11.67

48 Stunden bis Acapulco (Klaus Lemke, 1967)

Bundesdeutscher High-End-Pulp: Schwarzweiß, Breitwand, Krimiposen. Es beginnt mit einer stilisierten credit sequence, die (untermalt von Roland Kovacs furios trompetendem Cool-Jazz-Score, der an Miles Davis’ »Sketches of Spain« oder einen Morricone-B-Movie-Soundtrack denken läßt) das ultrafiktive Geschehen grafisch antizipiert: Ein junger Typ, der schlauer sein möchte, als er ist (Dieter Geissler), wittert das große Geschäft, das schnelle Geld, gerät zwischen zwei schöne, blonde Frauen (die eine liebt ihn, die andere liebt er – weitere Unterschiede sind kaum zu erkennen) und an einen Alten (›Swing-König‹ Teddy Stauffer), der so gnadenlos-lässig ist, wie es der nachwachsende Gernegroß nie werden könnte, nicht einmal, wenn er das gefährliche Vabanquespiel – das von Schliersee über München, Rom und Mexico City in »48 Stunden bis Acapulco« führt – überlebte … Klaus Lemke (Regie) und Max Zihlmann (Buch) transponieren ihre unübersehbaren Vorbilder – Nouvelle Vague und film noir – in den saloppen sound of Munich, träumen sich, wie Zuschauer im Dunkel des Saals, in ein rein kinematographisches Abenteuer, in eine schick rhythmisierte Bildstrecke ohne Anspruch auf Abbildung von platter Wirklichkeit, in eine endlose Fahrt in einem Alfa Romeo Giulietta Cabrio, in einen Düsenflug auf die andere Seite der Welt. Das Sehnsuchtsziel aber wird zur Endstation – die Zeit der romantischen Abenteu(r)er, sie ist lange schon vorbei.

R Klaus Lemke B Max Zihlmann K Hubs Hagen, Niklaus Schilling M Roland Kovac S Wolfgang Limmer P Joseph ›Peps‹ Kommer D Dieter Geissler, Christiane Krüger, Monika Zinnenberg, Alexander Kerst, Teddy Stauffer | BRD | 81 min | 1:2,35 | sw | 30. November 1967

30.8.67

Point Blank (John Boorman, 1967)

Point Blank

»I want my money.« Ein abstrakter Pop-Noir-Thriller über Verrat und Vergeltung. Walker (als loner ohne Vornamen: Lee Marvin) beteiligt sich an einem Raubüberfall (im aufgelassenen Gefängnis Alcatraz), wird nach dem Coup von seinem Partner um den Anteil betrogen, verliert die Frau und beinahe das Leben. Der Partner kauft sich mit der Beute in das alles beherrschende Syndikat ein. Walker kehrt zurück, um die ihm zustehenden 93.000 Dollar zu holen: »I want my money.« Unterstützt von einem interessierten Hintermann, rollt Walker auf seinem Rachefeldzug die »organization«, die »corporation«, die »financial structure« von unten nach oben auf: der Einzelne gegen das System (und dabei – bewußt oder unbewußt – integraler Bestandteil desselben) … John Boorman inszeniert einen Film der kalten Oberflächen, der fragmentierten Erinnerungen, der gestorbenen Gefühle, ein American nightmare zwischen emotionaler Versteinerung und explosionsartigen Gewaltausbrüchen: »I want my money.« Walker zieht wie ein Geist, rastlos und unverwundbar, durch ein modern-menschenfeindliches Los Angeles, durch coole Luxusapartments, psychedelische Nachtclubs, ausgetrocknete Betonkanäle, ein entschlossener Todesengel, der Betten und Telefone erschießt, Werkzeug und Katalysator der (Selbst-)Zerstörung: »Walker is beautiful«, wird einem Mitglied des Syndikats höhnisch beschieden, »he’s just tearing you apart.«

R John Boorman B Alexander Jacobs, David Newhouse, Rafe Newhouse V Richard Stark (= Donald E. Westlake) K Philip H. Lathrop M Johnny Mandel A Albert Brenner, George W. Davis S Henry Berman P Robert Chartoff, Judd Bernard, Irwin Winkler D Lee Marvin, Angie Dickinson, Keenan Wynn, John Vernon, Lloyd Bochner | USA | 92 min | 1:2,35 | f | 30. August 1967

# 964 | 10. Juli 2015

13.12.62

Le doulos (Jean-Pierre Melville, 1962)

Der Teufel mit der weißen Weste

»Il faut choisir. Mourir … ou mentir?« Jean-Pierre Melvilles resignative Studie über Vertrauen und Zweifel gleicht einem Melodram unter Gangstern: Silien (Jean-Paul Belmondo), der Clever-Zwielichtige, und Faugel (Serge Reggiani), der Einfältig-Mißtrauische, diese beiden, die sich tief im Herzen wirklich mögen, können zusammen nicht kommen – immerhin ist die Dramaturgie so gnädig, sie am Schluß miteinander zu vereinen … Die schwarzweißen Bilder, in die Nicolas Hayer (der schon Clouzots »Le corbeau« und Cocteaus »Orphée« fotografierte) diese nächtliche Erzählung vom Lügen und Sterben faßt, sind bald klar und kontrastreich, ganz ohne Zwischentöne, gerade so als wären Hell und Dunkel, Gut und Böse tatsächlich zu unterscheiden, bald wieder verschwimmen sie grau in grau, als wollten sie die Ambivalenz der diffusen Charaktere bezeugen. Gewißheit, so stellt es sich dar, ist nur im Tod zu erlangen, und die Wahrheit wurde unter einer Gaslaterne in der Vorstadt vergraben. Melville erzeugt Spannung, indem er sich wie ein Verdächtiger bei der Polizei verhält und wichtige Informationen manipulativ verschweigt; formal scheint er (noch) ganz seinen Vorbildern verpflichtet zu sein: dem galligen Tonfall des amerikanischen film noir und dem romantischen Fatalismus des französischen Vorkriegsfilms – »Le doulos« bildet gleichsam die Rampe zu den eisigen Meisterwerken seiner kommenden blaugrauen Periode.

R Jean-Pierre Melville B Jean-Pierre Melville V Pierre Lesou K Nicolas Hayer M Paul Misraki A Daniel Guéret S Monique Bonnot P Georges de Beauregard, Carlo Ponti D Jean-Paul Belmondo, Serge Reggiani, Jean Desailly, Michel Piccoli, Fabienne Dali | F & I | 108 min | 1:1,66 | sw | 13. Dezember 1962

21.11.62

It’s Only Money (Frank Tashlin, 1962)

Geld spielt keine Rolle 

Kurz vor dem ersten Todestag des Elektronik-Tycoons Charles P. Albright (»referred to as the ›father of television‹«) ist dessen vor 25 Jahren verlorengegangener Sohn noch immer abhanden. Es bleibt nur mehr eine Woche, um dem Erben des riesigen Vermögens auf die Spur zu kommen, bevor das Geld an die Schwester des Verewigten (Mae »Boop-Oop-a-Doop« Questel) fällt, die eine Belohnung von 100.000 Dollar für die Auffindung ihres Neffen ausgesetzt hat ... Lester March (Jerry Lewis), ehemaliger Waisenhauszögling, Technikfreak, Betreiber eines Fernsehreperaturdienstes (Nachtigall, man hört dich trapsen) – und: begeisterter Leser von Kriminalromanen (»Kiss the Blood Off My Neck«, »The Case of the Homicidal Homing Pigeon«, »Death Takes a Coffee Break«) – macht sich als Assistent eines Privatdetektivs auf die Jagd nach dem Gesuchten. Frank Tashlin schickt dem unbedarft-entschlossenen Amateurermittler einen geldgierigen Anwalt (oberschurkisch: Zachary Scott), einen mordlustigen Butler (»president of the Peter Lorre fan club«: Jack Weston), eine Armada von automatischen Rasenmähern sowie eine liebende Krankenschwester (blond: Joan O’Brien) in die Quere, und würzt die, von W. Wallace Kelley in kristallklarem Schwarzweiß fotografierte, aberwitzige Noirpersiflage mit ingeniösen Bilderfindungen. Einen skurrilen Glanzpunkt tashlinesker Komik bildet (neben der Visualisierung eines stereophonischen Eisenbahngeräuschs) jene Szene, in der Lester das Gemälde des vollbärtigen Patriarchen Albright rasiert, um zu beweisen, daß er selbst kein anderer als der vermißte Abkömmling ist: »Try ›Junior‹. I like that.«

R Frank Tashlin B John Fenton Murray K W. Wallace Kelley M Walter Scharf A Hal Pereira, Tambi Larsen S Arthur P. Schmidt P Paul Jones D Jerry Lewis, Zachary Scott, Mae Questel, Joan O’Brien, Jack Weston | USA | 83 min | 1:1,85 | sw | 21. November 1962

# | 8. September 2017

25.10.62

Das zweite Gleis (Joachim Kunert, 1962)

Ein kleines Nest irgendwo in der DDR: Walter Brock (Albert Hetterle), Fahrdienstleiter auf einem Rangierbahnhof, stellt einen Dieb, läßt ihn jedoch laufen, weil es sich bei dem Mann (wie sich zeigen wird) um ein Gespenst aus seiner Vergangenheit handelt. Mit den Augen von Brocks Tochter Vera (Annekathrin Bürger) bewegt sich der Film gleichsam durch den dichten Dampf der Lokomotiven und über das Gewirr der Gleise, um Licht ins Dunkel einer trüben (Familien-)Geschichte zu bringen (Drehbuch: Günter Kunert – der Lyriker). In wohlkomponierten, extrem kontrastreichen Schwarzweißbildern (Kamera: Rolf Sohre), zu bald verträumt, bald schrill tönenden Harfenklängen erzählt »Das zweite Gleis« einprägsam-beklemmend von Schuld und Verdrängung, von Vertrauen und Täuschung, von Feigheit und (zu) später Reue.

R Joachim Kunert B Günter Kunert, Joachim Kunert K Rolf Sohre M Pavel Simai A Gerhard Helwig S Christel Röhl P Bernhard Gelbe D Albert Hetterle, Annekathrin Bürger, Horst Jonischkan, Walter Richter-Reinick, Helga Göring | DDR | 80 min | 1:1,37 | sw | 25. Oktober 1962

24.5.62

Der rote Rausch (Wolfgang Schleif, 1962)

»Ich bin doch ein Mensch wie sie alle. Ich habe gelebt wie sie alle. Ich habe geredet wie alle. Ich habe gearbeitet wie alle.« Spätherbst. Tiefer Himmel. Flaches Land. Ein See an der Grenze. Aus dem Schilf stolpert ein Mann mit dem angstvollen Blick eines verirrten Kindes (Klaus Kinski). Die Bauern glauben, er komme von drüben. Ein Flüchtling. Ein Verfolgter. Auf dem nahegelegenen Hof gewährt man ihm Obdach. Die Gutstochter (Brigitte Grothum) hat vor Jahren ihren Ehemann an ebenjener Stelle verloren, wo der Fremde auftauchte. Die Hoffnung auf seine Rückkunft hat sie sich nie nehmen lassen. Der Ankömmling ist jedoch kein Heimkehrer sondern ein Entsprungener aus der ›Bewahranstalt für kriminelle Geisteskranke‹, ein liebebedürftiger Frauenwürger, dessen Tötungstrieb von roten Korallenketten ausgelöst wird, ein sanfter Killer, der sich an seine Taten nicht erinnern kann … »Der rote Rausch« verbindet wirksam das dezente Beziehungsdrama zwischen zwei unbehüteten Seelen mit einem expressiver Heimatthriller, der zum Ende – bei einer feurigen Mörderhatz – die Scheidelinie zwischen Mensch und Monster verwischt. Wolfgang Schleif inszeniert Landschaften und Leute mit grauer Poesie; Kinski nutzt seine hochexplosive Kunst mit überraschender Zurückhaltung: Wenn er das Fahndungsplakat mit seinem Konterfei erblickt, wenn er für ein Kind Oscar Wildes Märchen vom selbstsüchtigen Riesen rezitiert, wenn er eine schreiende Frau um Hilfe anfleht – stets ist er das schattenhafte Individuum ohne Ich, ein fassungsloses Wesen, das seine Schuld nicht greifen kann: »Mit diesen Händen habe ich gemordet, sagen sie. Bitte, guck dir diese Hände an. Sag mir, ob das die Hände eines Mörders sind!«

R Wolfgang Schleif B Hellmut Andics V Hans Ulrich Horster (= Eduard Rhein) K Walter Partsch M Hans-Martin Majewski A Theodor Harisch S Paula Dvorak P Ernest Müller D Klaus Kinski, Brigitte Grothum, Sieghardt Rupp, Jochen Brockmann, Dieter Borsche | BRD | 87 min | 1:1,66 | sw | 24. Mai 1962

13.4.61

Schwarzer Kies (Helmut Käutner, 1961)

»Früher war es ein Kuhstall, jetzt ist es ein Saustall.« Das Dorf Sohnen im Hunsrück: 250 bundesdeutsche Seelen, daneben die 6000 Mann eines amerikanischen Jagdbomber-Stützpunkts. Tagsüber wird der Untergrund für eine weitere Startbahn der Airbase geschüttet, nachts verschiebt man gestohlenen Kies oder vergnügt sich fraternisierend in der Atlantic Bar. Die Provinz, in der Helmut Käutner sein krawalliges Sittenbild – eine wirkungsvolle Mischung aus Noir-Melodram und B-Thriller mit Westernanklängen – ansiedelt, wird von den dunklen Wolken der Weltpolitik ebenso verschattet wie von Gier und Eigennutz, Stupfsinn und Einsamkeit der zusammengewürfelten Bewohnerschaft. Die Hauptrolle des desillusionierten Kraftfahrers Robert Neidhardt hat Käutner mit Helmut Wildt besetzt, einem kantigen, sinnlichen Typen, der deutschen Ausgabe eines Jeff Chandler (»Ten Seconds to Hell«) oder eines Yves Montand (»Le salair de la peur«); ihm gegenüber: Ingmar Zeisberg als Gattin eines US-Offiziers, deren Wunsch nach Sicherheit und Ruhe auf frustrierende Weise in Erfüllung gegangen ist. Träume von einem besseren Leben führen aus dieser Endstation, wo jeder nur seinen Schnitt machen will und das erste Bumslokal am Platze von einem Holocaust-Überlebenden betrieben wird, nicht hinaus: Unter dem Dröhnen der Düsenjäger, begleitet vom Getöse der Jukebox wird im schwarzen Kiesbett der neuen Piste nicht nur ein toter Hund begraben.

R Helmut Käutner B Helmut Käutner, Walter Ulbrich K Heinz Pehlke M diverse A Gabriel Pellon S Klaus Dudenhöfer P Walter Ulbrich D Helmut Wildt, Ingmar Zeisberg, Anita Höfer, Hans Cossy, Wolfgang Büttner | BRD | 117 min | 1:1,66 | sw | 13. April 1961

# 985 | 4. Februar 2016

21.10.60

Tirez sur le pianiste (François Truffaut, 1960)

Schießen Sie auf den Pianisten 

Nach einem formal eher konventionellen Debüt spielt François Truffaut in seinem Zweitlingswerk virtuos mit Genreversatzstücken und avancierteren filmischen Gestaltungsmustern: Ein poetisch-(un)realistisches Melodram – Liebe, Musik, und Tod – durchmischt mit einem komitragischen film noir – Gangster, Entführung und (wiederum) Tod –, hergerichtet mit jump cuts, Reißschwenks und available light (Kamera: Raoul Coutard). Aus alldem entsteht das kunstvoll-dissonante Psychogramm eines schüchternen Frauenhelden, eines biographisch Zerrissenen, eines Einsamen unter vielen. Dieser Charlie Koller (tieftraurig: Charles Aznavour), der unter einem anderem (seinem richtigen) Namen einst ein berühmter Konzertpianist war, bevor er nach einer persönlichen Katastrophe in die Pseudonymität entfloh, klimpert in einer tristen Kaschemme Melodien von falscher Lustigkeit; zum selben Zeitpunkt, da sich durch den Auftritt (und die Hingabe) einer Frau (beherzt: Marie Dubois) für ihn alles zurück zum Guten wenden könnte, wird Charlie fatalerweise in die Machenschaften seines kriminellen Bruders verwickelt… Das Beieinander von slapstickhafter Überspitztheit und trockener Sentimentalität, von einfühlsamen Charakterbildern und kinematographischer Retrospektive verleiht »Tirez sur le pianist« die künstliche, aber seltsam bewegende Emotionalität eines mechanischen Klaviers.

R François Truffaut B François Truffaut, Marcel Moussy V David Goodis K Raoul Coutard M Raoul Coutard A Jacques Mély S Claudine Bouché, Cécile Decugis P Pierre Braunberger D Charles Aznavour, Marie Dubois, Nicole Berger, Michèle Mercier, Serge Davri | F | 80 min | 1:2,35 | sw | 21. Oktober 1960

23.3.60

Classe tous risques (Claude Sautet, 1960)

Der Panther wird gehetzt

Der Gangster Abel Davos (kompakt: Lino Ventura) ist seit Jahren auf der Flucht. In Frankreich zum Tode verurteilt, brennt ihm nun auch in Italien der Boden unter den Füßen – und er will zurück nach Paris. An der Grenze wird seine Frau erschossen, Abel bleibt allein mit seinen beiden kleinen Söhnen. Die (inzwischen saturierten) alten Freunde gehen auf (lebensgefährliche) Distanz, nur Éric Stark (ausgefuchst: Jean-Paul Belmondo), ein ihm bis dato vollkommen Unbekannter, bietet Abel Hilfe und Freundschaft … Claude Sautet gestaltet in seinem erfrischend unmoralisierenden Film eine einfache Geschichte über Einsamkeit und Gemeinschaft, über Treulosigkeit und Loyalität. Die lakonische Kamera (Ghislain Cloquet) stellt neorealistisch inspirierte Authentizität über gattungsspezifische Expressivität: kein dramatisches Hell-Dunkel, stattdessen unsentimentales Grau in Grau. »Classe tous risques« überzeugt als differenziert-milieuechtes Genrebild, als spröde-intensives Charakterstück der Blicke und Gesten, der kurzen Berührungen und knappen Wortwechsel. Am Ende, nach (aller-)letzten Begegnungen mit den verräterischen ehemaligen Weggefährten, verschwindet Abel ganz einfach in der Menschenmenge auf einem Pariser Boulevard. Ein Off-Kommentar berichtet alles Weitere – und das ist nicht mehr viel.

R Claude Sautet B Claude Sautet, José Giovanni, Pascal Jardin V José Giovanni K Ghislain Cloquet M Georges Delerue A Rino Mondellini S Albert Jurgenson P Jean Darvey D Lino Ventura, Sandra Milo, Jean-Paul Belmondo, Marcel Dalio, Michel Ardan | F & I | 110 min | 1:1,66 | sw | 23. März 1960

11.1.60

Les yeux sans visage (Georges Franju, 1960)

Augen ohne Gesicht

Was geschieht, wenn die Liebe eines Vaters zu seiner Tochter und die Besessenheit eines Wissenschaftlers für sein Fachgebiet Hand in Hand gehen? – Wenn die Tochter einen Unfall hatte, bei dem sie ihres engelhaften Gesichtes verlustig ging, und das Fachgebiet des Vaters die Transplantationsmedizin ist, kann es beispielsweise passieren, daß unschuldige junge Frauen verschleppt und im Keller einer einsam gelegenen Klinik zu Tode operiert werden, um eine verlorene Schönheit wiederherzustellen. So in »Les yeux sans visage«, mit dem Georges Franju den Surrealisten und den Pionieren des expressionistischen Kinos seine Reverenz erweist. Pierre Brasseur spielt den Chirurgen mit der Anmaßung eines großen Staatsmannes, seine Assistentin Alida Valli dient ihm mit maligner Bewunderung, und die arme Edith Scob, die Tochter, der nichts als Augen blieben, die Schreckliches sehen müssen, findet die ersehnte Ruhe erst, als sie die Hunde losläßt ... Dies dargeboten zu einem drehorgelig-moritatenhaften Score von Maurice Jarre und in Eugen Schüfftans Bildern, die die Klarheit des Wahnsinns atmen. Was diesen zarten, langsamen Horrorfilm so intensiv macht, ist, daß alles gleichermaßen normal und schrecklich erscheint: die Hingabe und die Hoffnung, die Schuld und die Verzweiflung, der Ehrgeiz und die Hybris.

R Georges Franju B Pierre Boileau, Thomas Narcejac, Claude Sautet, Jean Redon, Pierre Gascar V Jean Redon K Eugen Schüfftan M Maurice Jarre A Auguste Capelier S Gilbert Natot P Jules Borkon D Pierre Brasseur, Alida Valli, Edith Scob, Juliette Mayniel, François Guérin | F & I | 88 min | 1:1,66 | sw | 11. Januar 1960

1.2.59

City of Fear (Irving Lerner, 1959)

Stadt in Gefahr

»I’m not an animal. I’m a person. I want things.« Vince Ryker (Vince Edwards), entflohener Sträfling aus San Quentin, taucht in Los Angeles unter. Seine ganze Habe ist eine gestohlene Metallbüchse, von der er annimmt, sie enthalte ein Pfund reinen Heroins – in Wirklichkeit aber birgt sie hochradioaktives Cobalt-60. Verschlossen bedeutet der Behälter den sicheren Tod für seinen nichtsahnenden Besitzer, würde der Deckel geöffnet, bestünde akute Kontaminierungsgefahr für die Millionenstadt … Irving Lerners straffes Krimidrama zeigt in wirkungsvollen Parallelmontagen die kriminelle Geschäftstätigkeit des vergifteten, immer schwächer werdenden Flüchtlings (der glaubt, sich eine schwere Erkältung eingefangen zu haben) und die zunehmend verzweifelten (vor der Öffentlichkeit geheimgehaltenen) polizeilichen Anstrengungen, das verhängnisvolle Gefäß aufzuspüren. Überhaupt bestimmen gestalterische Kontraste die Inszenierung: Kameramann Lucien Ballard kombiniert die statische Tristesse steriler Innenräume mit hektischen Autofahrten durch die Stadt, mischt funktionale On-location-Fotografie und expressive Low-key-Aufnahmen; die fulminante Tonspur verbindet Jerry Goldsmiths bald fiebrig treibende, bald gespenstisch schwebende Musik mit dem aufgeregten Sirenengeheul der Einsatzwagen und dem unheilverkündenden Knirschen der Geigerzähler. Dabei steuert »City of Fear« (dessen Story Erinnerungen an zwei andere Nuklear-Thriller wachruft: Matés fatalistischen »D.O.A.« und Aldrichs exaltierten »Kiss Me Deadly«) ohne Umschweife auf sein süffisantes Ende zu: Vince, starrsinnig davon überzeugt, das große Los gezogen zu haben, klammert sich bis zuletzt, keuchend, schwitzend, stöhnend, an sein Verderben: »It’s worth a million!«

R Irving Lerner B Steven Rich, Robert Dilllon K Lucien Ballard M Jerry Goldsmith A Jack Poplin S Robert Lawrence P Leon Chooluck D Vince Edwards, Lyle Talbot, John Archer, Steven Ritch, June Marlowe, Joseph Mell | USA | 75 min | 1:1,85 | sw | 1. Februar 1959

# 886 | 25. Juni 2014

1.12.58

Murder by Contract (Irving Lerner, 1958)

Der Tod kommt auf leisen Sohlen

»Now why would a stranger kill a stranger? Because somebody’s willing to pay. It's business.« Claude (Vince Edwards), ein adretter junger Mann mit sicherer Stellung und akzeptablem Gehalt, möchte sich verbessern: »I want to be a contractor.« Claude hat einen Traum: ein Haus am Fluß. Jeder Auftrag bringt ihm 500 $. So rückt das Ziel in greifbare Nähe: »When you do a good job, the money comes.« Nachdem er sich – in kurzen, elliptisch gestalteten Episoden – mehrfach bewährt hat (unter anderem durch Beseitigung seines Anwerbers), wird der umsichtige Killer (»I don’t make mistakes.«) nach Los Angeles geschickt, wo er, unterstützt und überwacht von zwei Komplizen, einen Kronzeugen vor der gerichtlichen Vernehmung eliminieren soll … Ein kühler Thriller, schnell produziert, ohne formale Schnörkel, eine existenzialistische Farce voll makabrer Komik und absurder Situationen, das lakonische Porträt eines Loners, der von sich behauptet, jedes persönliche Gefühl ausgeschaltet zu haben: »I feel hot, I feel cold, I get sleepy, and I get hungry.« Claude beginnt bezeichnenderweise die Kontrolle in jenem Moment zu verlieren, da er erfährt, daß der abzuservierende Zeuge eine Zeugin ist: »I don’t like women. They don’t stand still.« Irving Lerner und sein Kameramann Lucien Ballard (der auch Stanley Kubricks meisterlichen Spät-Noir »The Killing« fotografierte) geben diesem B-Movie das Gepräge eines grotesken (Genre-)Totentanzes mit parodistischem Unterton: Eine der schönsten Szenen von »Murder by Contract« spielt in den schäbigen Kulissen eines aufgelassenen Hollywood-Studios. Die kongeniale Endspiel-Musik von Perry Botkin zitiert Anton Karas’ legendären Wiener Zithersound: Ein grandioser, minimalistisch-melancholischer Gitarrenscore (die Tracks tragen so wunderbare Titel wie »The Executioner Theme« und »Waltz of the Hunter«) vereinigt, ebenso wie Lerners souveräne Regie, ironisch gebrochenes Pathos und todtraurigen Humor.

R Irving Lerner B Ben Simcoe K Lucien Ballard M Perry Botkin Sr. A Jack Poplin S Carlo Lodato P Leon Chooluck D Vince Edwards, Philip Pine, Herschel Bernardi, Caprice Toriel, Kathie Browne | USA | 81 min | 1:1,85 | sw | 1. Dezember 1958

# 885 | 25. Juni 2014

23.4.58

Touch of Evil (Orson Welles, 1958)

Im Zeichen des Bösen

»You’re a killer.« – »Partly. I’m a cop.« Der Noir-Thriller als Borderline-Erfahrung: In Los Robles, einer Kleinstadt an der Grenze zwischen Mexiko und den USA, werden ein wohlhabender Geschäftsmann und seine Geliebte durch eine Autobombe getötet. Die folgenden polizeilichen Ermittlungen bringen den amerikanischen Captain Hank Quinlan (monströs-verlottert: Orson Welles) und den mexikanischen Drogenfahnder Miguel Vargas (rational-gutmenschlich: Charlton Heston) professionell und emotional gegeneinander in Stellung – konstruiert der rassistische Quinlan, seinem kriminalistischem Beingefühl (»My game leg is startin’ to talk to me.«) folgend, schon mal passende Beweise, gerät der rechtschaffene Vargas (samt seiner frisch angetrauten blonden Ehefrau) in einen Strudel aus Heimtücke, Gewalt und Amoral ... Russell Mettys plakative Schwarzweiß-Fotografie scheut zur Veranschaulichung der prekären Zustände weder Weitwinkelverzerrungen noch schräge Perspektiven, während Henri Mancini Rock’n’Roll, Jazz und Pianolaklängen zu einem hektisch-aggressiven Soundtrack mixt. Orson Welles’ eigenwillige Kreuzung aus hysterisch-forciertem Genrestück und slam-poetischem Autorenfilm mißt der Aufklärung des explosiven Verbrechens konsequentermaßen deutlich weniger Bedeutung zu als der psychologische Sezierung einer ebenso überlebensgroßen wie selbstzerstörerischen Persönlichkeit und der schmuddelig-genießerischen Darstellung ihres unausweichlichen Untergangs. Quinlan, von Welles als ungeschlachter Fleischberg präsentiert, die Provinzkaffausgabe eines Charles Foster Kane oder Gregory Arkadin, ein Mann, dem das schmutzigste Mittel gerade recht ist, um sein Ziel zu erreichen, endet passenderweise in einem vermüllten Schlammloch – seine alte Flamme Tana (Marlene Dietrich als schwarzgelockte gypsy queen) zieht das unsentimentale Resümee: »He was some kind of a man. What does it matter what you say about people?«

R Orson Welles B Orson Welles V Whit Masterson (= Robert Allison Wade & H. William Miller) K Russell Metty M Hanry Mancini A Alexander Golitzen, Robert Clatworthy S Virgil Vogel, Aaron Stell P Albert Zugsmith D Orson Welles, Charlton Heston, Janet Leigh, Akim Tamiroff, Marlene Dietrich | USA | 95/111 min | 1:1,85 | sw | 23. April 1958

# 1093 | 29. Januar 2018

29.1.58

L’ascenseur pour l’échafaud (Louis Malle, 1958)

Fahrstuhl zum Schafott 

Ein Film wie eine 45er Schallplatte, die mit 33er Geschwindigkeit abgespielt wird: Alles scheint fast unerträglich zerdehnt – die Bezeugungen der Liebe ebenso wie das ironisch-verächtliche Wirken des Zufalls, und selbst die Ausbrüche von Aktion wirken seltsam eingefroren. Allein die Szene, in der eine flunschmündige Jeanne Moreau – auf der vergeblichen Suche nach ihrem im Fahrstuhl festhängenden Geliebten und Mordkomplizen (Maurice Ronet, der so clever, so perfekt sein wollte) – mit leerem Blick zu Miles Davis’ lamentierender Trompete durch das schwarzglänzende Paris eher schwebt als geht, scheint Stunden zu dauern. Was schief gehen kann, geht schief in diesem (von Henri Decaë mit eisiger Distanz fotografierten) Film, mit dem Louis Malle wohl stilvoll mitteilen möchte, daß das Leben nirgendwo anders enden kann als eben auf dem Schafott ... und daß man auf dem endlos langen Weg dorthin auch noch ständig auf die Fresse fliegt. Wenn einem nicht alles so zum Sterben egal wäre, könnte man herzlich darüber lachen.

R Louis Malle B Roger Nimier, Louis Malle V Noël Calef K Henri Decaë M Miles Davis A Rino Mondellini, Jean Mandaroux S Léonide Azar P Jean Thuillier D Jeanne Moreau, Maurice Ronet, Georges Poujoly, Yori Bertin, Lino Ventura | F | 92 min | 1:1,66 | sw | 29. Januar 1958

11.10.57

Les espions (Henri-Georges Clouzot, 1957)

Spione am Werk

Der versoffene Chef eines heruntergekommenen Nervensanatoriums gewährt gegen Geld (warum sonst?) einem abgetauchten Agenten mit atomar-brisanten Kenntnissen (Curd Jürgens) Unterschlupf. Nicht lange, und ein Pulk rivalisierender Geheimdienstler (darunter Martita Hunt und: Peter Ustinov!) tritt auf den Plan, um dem mysteriösen »Patienten« sein Wissen (wenn es sein muß: brutal) zu entreißen. Der arme Doktor, der plötzlich nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht, gerät zwischen die Fronten ... Die Welt als Irrenhaus, das Irrenhaus als Welt – von Henri-Georges Clouzot clever als sardonische Kalte-Kriegs-Travestie angelegt, von Christian Matras grandios in novembrigem Schwarzweiß fotografiert, verliert sich »Les espions« bedauerlicherweise in einer zunehmend wirren Handlung (wo gar keine mehr nötig gewesen wäre) und hilflos heraus­gestammeltem (weil obsoletem) Moralismus.

R Henri-Georges Clouzot B Henri-Georges Clouzot, Jérôme Géronimi V Egon Hostovsky K Christian Matras M Georges Auric A René Renoux S Madeleine Gug P Henri-Georges Clouzot D Curd Jürgens, Peter Ustinov, O. E. Hasse, Véra Clouzot, Martita Hunt, Gérard Séty | F & I | 125 min | 1:1,66 | sw | 11. Oktober 1957

19.9.57

Nachts, wenn der Teufel kam (Robert Siodmak, 1957)

Ein politischer film noir aus Deutschland um Fragen von Gerechtigkeit in rechtloser Zeit: Robert Siodmak erzählt die (während des Zweiten Weltkriegs spielende) Geschichte des grenzdebilen Massenmörders Bruno Lüdke (triebhaft-intensiv: Mario Adorf), dem nach zehn Jahren ungestraften Tötens von einem engagierten Ermittler (aufrecht-steif: Claus Holm) das Hand(!)werk gelegt wird. Ein ambitionierter SS-Führer (aasig-schwarz: Hannes Messemer) will den Fall als Rechtfertigung für ein Gesetz zur Vernichtung geistig Behinderter nutzen, wird aber von ganz oben zurückgepfiffen. Ein Unschuldiger (präpotent-schwitzig: Werner Peters) springt über die Klinge … »Nachts, wenn der Teufel kam« zeigt nicht nur, wie unter der Herrschaft des Verbrechens die Willkür zum Führungsprinzip wird, sondern reflektiert auch (sehr zurückhaltend) die Möglichkeiten des Einzelnen in einer totalitaristischen Welt.

R Robert Siodmak B Werner Jörg Lüddecke V Will Berthold K Georg Krause M Siegfried Franz A Rolf Zehetbauer, Gottfried Will S Walter Boos P Walter Traut, Robert Siodmak, Ilse Kubaschewski D Claus Holm, Mario Adorf, Hannes Messemer, Annemarie Düringer, Werner Peters | BRD | 104 min | 1:1,37 | sw | 19. September 1957