Lola Montez
»La vie, c’est pour moi le mouvement«, sagt Lola Montez (Martine Carol) mit wehmütig-lüsternem Unterton zu einem Liebhaber, dem sie in allernächster Zukunft den Laufpaß geben wird. »Le cinéma, c’est pour moi le mouvement«, könnte Max Ophüls gesagt haben, ein Regisseur, der auch in diesem (seinem letzten) Film der Kamera kaum einen Moment des Innehaltens gestattet, der mit den äußeren Bewegungen des Apparates den inneren Bewegungen der Figuren nachzuspüren sucht. Ironischerweise läßt Ophüls die Titelfigur seiner biographischen Phantasie, die zu ihrer Zeit skandalumwittertste Frau der Welt (Ballerina, Kurtisane, Libertinerin), wie ein kostbares Denkmal ihrer selbst fast unbewegt im Drehpunkt eines buntschillernden kinematographischen Karussells Platz nehmen. So wird Lola, die im Rahmen eines extravaganten Zirkusprogramms (mit reichlich Zwergen und Artisten, Musikern und Clowns) allabendlich vor schaulustigem Publikum ihr bewegtes Leben Revue passieren läßt, zum Spiegel von Illusionen, zur Projektionsfläche von Wünschen, zur Katalysatorin, die vielfältige emotionale Reaktionen bei ihren schnell wechselnden Partnern auslöst: die unsentimetale Genußfreude eines illustren Klavierstars (Will Quadflieg als Franz Liszt), die machohafte Zudringlichkeit eines versoffenen Offiziers (Ivan Desny), die hitzige Schwärmerei eines jungen Studenten (Oskar Werner), das erotische Heimweh eines alternden Monarchen (Adolf Wohlbrück als Bayernkönig Ludwig I.) und nicht zuletzt die ausbeuterische Zuneigung des (von Peter Ustinov gespielten) peitscheschwingenden Conférenciers. Im nonchalanten Hin und Her zwischen Manegennummern und Rückblenden, im freien Spiel der Bildausschnitte erfindet Ophüls ein opulentes Spektakel der (kurzlebigen) Liebe und des (flüchtigen) Geldes, der (zerfallenden) Macht und des (vergänglichen) Ruhms, einen intimes Panorama von Aufstieg (»Plus haut, Lola, plus haut!«) und schließlichem Fall einer öffentlichen Person. Der letzte Auftritt zeigt Lola, die gewesene machine à scandale, zwischen den anderen wilden Tieren der Menagerie in einem Käfig thronend, für jedermann gegen kleines Geld zu begaffen und betatschen: »Venez, venez, venez! Un dollar seulement!«
R Max Ophüls B Annette Wademant, Max Ophüls, Jacques Natanson V Cécil Saint Laurent K Christian Matras M Georges Auric A Jean d’Eaubonne S Madeleine Gug P Albert Caraco D Martine Carol, Peter Ustinov, Adolf Wohlbrück, Oskar Werner, Ivan Desny, Will Quadflieg | F & BRD | 115 min | 1:2,35 | f | 22. Dezember 1955
# 1098 | 1. März 2018
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22.12.55
Lola Montès (Max Ophüls, 1955)
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14.11.52
Les belles de nuit (René Clair, 1952)
Die Schönen der Nacht
»Au bord de l’ombre, / au fond des songes, / c’est mon souvenir que tu suis: / au bout du monde, / au creux des nuits.« Claude, ein sensibler junger Komponist (Gérard Philipe) – frustriert ob seiner beständigen Erfolglosigkeit und entnervt vom allgegenwärtigen Lärm des modernen Lebens (Motoren, Hupen, Preßlufthämmer, Flugzeuge, Kinder) –, träumt sich in die (vermeintliche) Hochstimmung und den (falschen) Frieden der (sogenannten) guten alten Zeit hinein. Da aber jede »gute alte Zeit« ihre eigene »gute alte Zeit« hat, fällt er, von Morpheus umarmt, immer tiefer in den Abgrund der Epochen – vom tristen Jetzt der Nachkriegsjahre in die opulente Belle Epoque in die koloniale Euphorie der Julimonarchie in den Befreiungsfuror der französischen Revolution in die chevalereske Ära der Musketiere und im Strudel der Geschichte weiter, weiter, bis hinab in die rohe Steinzeit… René Clair, der in der 1920er Jahren mit den Surrealisten gefrühstückt hat, extrapoliert aus der verdrießlichen Gegenwart seines Protagonisten ein hochmusikalisches, beschwingt zwischen den Äonen tanzendes Nachtstück von künstlerischem Erfolg und emotionaler Verzückung (verkörpert unter anderem von Gina Lollobrigida und Martine Carol), dessen hoffnungsfrohe Operettenhaftigkeit freilich schon bald in bedrohliche Alptraumvisionen (von schwirrenden Krummsäbeln, blanken Fallbeilen und schweren Keulen) umschlägt – denn merke: Wahres Glück ist nicht im Schlaf sondern nur, wachen Geistes und sehenden Auges, im Hier und Heute zu haben (in diesem (schönen) Fall mit der Tochter des scheppernden Automechanikers).
R René Clair B René Clair, Pierre Barillet, Jean-Pierre Grédy K Armand Thirard M Georges Van Parys A Léon Barsacq S Louisette Hautecœur P René Clair, Angelo Rizzoli D Gérard Philipe, Martine Carol, Gina Lollobrigida, Magali Vendeuil, Raymond Bussières | F & I | 87 min | 1:1,37 | sw | 14. November 1952
»Au bord de l’ombre, / au fond des songes, / c’est mon souvenir que tu suis: / au bout du monde, / au creux des nuits.« Claude, ein sensibler junger Komponist (Gérard Philipe) – frustriert ob seiner beständigen Erfolglosigkeit und entnervt vom allgegenwärtigen Lärm des modernen Lebens (Motoren, Hupen, Preßlufthämmer, Flugzeuge, Kinder) –, träumt sich in die (vermeintliche) Hochstimmung und den (falschen) Frieden der (sogenannten) guten alten Zeit hinein. Da aber jede »gute alte Zeit« ihre eigene »gute alte Zeit« hat, fällt er, von Morpheus umarmt, immer tiefer in den Abgrund der Epochen – vom tristen Jetzt der Nachkriegsjahre in die opulente Belle Epoque in die koloniale Euphorie der Julimonarchie in den Befreiungsfuror der französischen Revolution in die chevalereske Ära der Musketiere und im Strudel der Geschichte weiter, weiter, bis hinab in die rohe Steinzeit… René Clair, der in der 1920er Jahren mit den Surrealisten gefrühstückt hat, extrapoliert aus der verdrießlichen Gegenwart seines Protagonisten ein hochmusikalisches, beschwingt zwischen den Äonen tanzendes Nachtstück von künstlerischem Erfolg und emotionaler Verzückung (verkörpert unter anderem von Gina Lollobrigida und Martine Carol), dessen hoffnungsfrohe Operettenhaftigkeit freilich schon bald in bedrohliche Alptraumvisionen (von schwirrenden Krummsäbeln, blanken Fallbeilen und schweren Keulen) umschlägt – denn merke: Wahres Glück ist nicht im Schlaf sondern nur, wachen Geistes und sehenden Auges, im Hier und Heute zu haben (in diesem (schönen) Fall mit der Tochter des scheppernden Automechanikers).
R René Clair B René Clair, Pierre Barillet, Jean-Pierre Grédy K Armand Thirard M Georges Van Parys A Léon Barsacq S Louisette Hautecœur P René Clair, Angelo Rizzoli D Gérard Philipe, Martine Carol, Gina Lollobrigida, Magali Vendeuil, Raymond Bussières | F & I | 87 min | 1:1,37 | sw | 14. November 1952
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