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2.9.59

Maigret et l’affaire Saint-Fiacre (Jean Delannoy, 1959)

Maigret kennt kein Erbarmen 

Vierzig Jahre nachdem er seine Heimat (in der Auvergne) verließ, kehrt Maigret zurück auf das Schloß, wo sein Vater einst als Verwalter diente. Die lange schon verwitwete Gräfin de Saint-Fiacre (als Junge war Maigret ein wenig in sie verliebt) hat ihn gerufen, weil sie einen anonymen Brief erhielt, der ihren Tod für den Aschermittwoch verkündet – und tatsächlich stirbt die fromme Dame mit dem Aschenkreuz auf der Stirn während der Heiligen Messe … Maigret hat nicht nur den Heimgang einer alten Flamme zu beklagen (und kriminalistisch zu untersuchen), er sieht (s)ein (jedenfalls gefühlt) besseres Gestern in Scherben liegen: Der Herrensitz wurde leergeplündert, um die Verschwendungssucht des Sohnes (Michel Auclair) zu befriedigen; statt Klasse, Stolz und Tugend walten nur mehr Gier, Zynismus und Herzlosigkeit hinter der vornehmen Fassade. Jean Delannoy taucht »Maigret et l’affaire Saint-Fiacre« in novembrige Stimmung, in erschöpftes Grau, in ländliche Tristesse; Jean Gabin spielt den Kommissar mit leiser Resignation, die peu à peu in einen doppelten Zorn umschlägt: Zorn (und Degout) über die heruntergekommene Provinzgesellschaft, Zorn (und Schmerz) über die zweite Vertreibung aus dem Paradies der Kindheit.

R Jean Delannoy B Jean Delannoy, Michel Audiard, Rodolphe-Maurice Arlaud V Georges Simenon K Louis Page M Jean Prodromidès A René Renoux S Henri Taverna P Jean-Paul Guibert, Robert Gascuel D Jean Gabin, Michel Auclair, Robert Hirsch, Valentine Tessier, Paul Frankeur | F & I | 101 min | 1:1,66 | sw | 2. September 1959

29.1.58

Maigret tend un piège (Jean Delannoy, 1958)

Maigret stellt eine Falle

Sommer in Paris – eine Serie von Frauenmorden in den verwinkelten Straßen des Marais (einem eher kleineleutemäßigen und ziemlich zerschlissenen Quartier) hält die Stadt in Atem. Jean Delannoy läßt gewissenhaft und in aller filmischen Ruhe ermitteln: »Maigret tend un piège« bietet wenig an vordergründigen Schauwerten und noch weniger an äußerer Spannung (bald schon wird klar, wer die Bluttaten begangen hat, deren (nicht allzu) tiefliegende familiäre (Ab-)Gründe in einer Fleischerei zu suchen sind), dafür jede Menge Dreigroschenpsychologie sowie einige beachtliche Schauspielerleistungen: Lucienne Bogaert als besitzergreifende Terrormutter, Jean Desailly als ewiger Junge mit mörderischer Wut, Annie Girardot als Ehefrau, deren rätselhafte Liebe bis zum Letzten geht, und – gardons le meilleur pour la fin – Jean Gabin als unerschütterlicher Kommissar Maigret, aus dessen einfühlender, gutbürgerlicher Jovialiät ganz überraschend eine virile, proletarische Energie hervorbrechen kann.

R Jean Delannoy B Jean Delannoy, Michel Audiard, Rodolphe-Maurice Arlaud V Georges Simenon K Louis Page M Paul Misraki A René Renoux S Henri Taverna P Jean-Paul Guibert, Claude Hasser D Jean Gabin, Annie Girardot, Jean Desailly, Lucienne Bogaert, Gérard Séty | F & I | 119 min | 1:1,37 | sw | 29. Januar 1958

19.12.47

Les jeux sont faits (Jean Delannoy, 1947)

Das Spiel ist aus

»Nous sommes seuls au monde. Il FAUT nous aimer. C’est notre seule chance.« Eine feine Dame (Micheline Presle) wird von ihrem habsüchtigen Gatten vergiftet. Ein revolutionärer Arbeiter (Marcello Pagliero) stirbt durch die Kugel eines Verräters. Im Jenseits (das von einer nicht unsympathischen älteren Amtsträgerin beaufsichtigt wird und aussieht wie das Diesseits, abgesehen davon, daß sich neben den Lebenden auch die Toten dort tummeln) treffen die beiden Hingeschiedenen aufeinander und verlieben sich – man könnte beinahe sagen: unsterblich – ineinander. Aufgrund einer bürokratischen Ausnahmeregelung erhalten sie die Gelegenheit, für 24 Stunden in ihre irdischen Existenzen zurückzukehren, um die Kraft ihrer Liebe zu beweisen und so das Leben wiederzugewinnen … Jean Delannoys kühle Verfilmung eines Drehbuchs von Jean-Paul Sartre verschmilzt mondänes Salonstück, neoveristische Zitate, leise gesellschaftskritische Ironie und vages politisches Engagement zu einem, gestalterisch delikaten, transzendenten Melodram, zu einer Allegorie auf die unüberwindliche Isolation des Individuums in einer Welt divergierender Interessen. »Les jeux sont faits« = Das Spiel ist aus, und zwar noch bevor es begonnen hat: Die Chance auf gegenseitiges Vertrauen bleibt – angesichts der ganz persönlichen Verstrickungen jedes Einzelnen – rein theoretisch. Daß der Versuch, die Utopie zu realisieren, trotzdem immer wieder unternommen wird, spricht zwar nicht für die Intelligenz des Menschen, aber vielleicht für die Schönheit seiner Seele.

R Jean Delannoy B Jean-Paul Sartre, Jean Delannoy, Pierre Bost K Christian Matras M Georges Auric A Serge Pimenoff S Henri Taverna P Louis Wipf D Micheline Presle, Marcello Pagliero, Marguerite Moreno, Fernand Fabre, Charles Dullin | F | 91 min | 1:1,37 | sw | 19. Dezember 1947

13.10.43

L’éternel retour (Jean Delannoy, 1943)

Der ewige Bann

Das Drehbuch zu »L’eternel retour«, von Jean Cocteau seinem Freund Jean Marais auf den schönen Leib gedichtet, transponiert die uralte (wohl keltische) Legende der leidenschaftlichen, unglücklich endenden Liebe zwischen Tristan und Isolde in eine mythisch-irrealisierte Gegenwart. Zwar gibt es Automobile und Boote mit Dieselmotor, Kneipenschlägereien und moderne Badezimmer, dann aber wieder kommt ein Liebestrank zu seinem mirakulösen Recht, und der Held nähert sich zu Pferde einer malerischen Burg, ganz wie ein Ritter in sagenhafter Vorzeit. Der (sehr literarisch bleibende) amour fou zwischen Patrice (strahlend: Marais) und Nathalie (berückend: Madeleine Sologne), der Gemahlin seines Onkels Marc, wird von einer mißgünstigen Verwandtschaft argusaugenhaft beobachtet und genüßlich hintertrieben – bis der Tod die beiden schicksalhaft füreinander Bestimmten vereint. Jean Delannoy inszeniert die jungen Liebenden in edlen Bildern (Kamera: Roger Hubert) und romantischem Dekor (Ausstattung: Georges Wakhévitch) als zeitlos idealisiertes, zugleich hochmodisches Paar, als makellose, archetypische Stars, auf deren blondem Haar zauberische Spitzlichter tanzen, während die mediokren Neider (wie im Märchen) alt, häßlich oder zwergenhaft verwachsen daherkommen. Die von diesen (im Grunde zutiefst bedauernswerten) Widersachern repräsentierte Niedertracht mag im Hier und Jetzt triumphieren, doch – so die tröstende Botschaft des Films – sie findet ihre Grenze an den Pforten der Ewigkeit, deren Wächter nur die Reinen im Herzen passieren lassen.

R Jean Delannoy B Jean Cocteau K Roger Hubert M Georges Auric A Georges Wakhévitch S Suzanne Fauvel P André Paulvé D Madeleine Sologne, Jean Marais, Jean Murat, Junie Astor, Piéral | F | 107 min | 1:1,37 | sw | 13. Oktober 1943