Karl Erp (Dieter Mann), 40, Leiter einer Ostberliner Bücherei, Genosse, Ehemann, Familienvater, Bewohner eines Hauses mit Garten am Stadtrand – ein sozialistischer Arrivist, den die Erinnerung an hochfliegende Jugendträume und ehrgeizige Berufspläne nicht mehr erschüttern kann. Es ist die Liebe, die Erp aus der Bahn wirft, es ist die plötzlich aufflammende Leidenschaft für die ambitionierte Nachwuchsbibliothekarin Fräulein Broder (Ute Lubosch), die diesem Mann in den sogenannten besten Jahren die Mittelmäßigkeit seines geordneten Lebens an der Seite einer angepaßten Hausfrau (Jutta Wachowiak) schlagartig bewußt macht. Der romantische Reiz einfacher Verhältnisse (Hinterhof, Ofenheizung, Außenklo) verfliegt indes schnell, und auch die Ansprüche der jungen Frau (an Idealismus, Integrität, Initiative) setzen Erp unter unerwarteten Druck … Herrmann Zschoche inszeniert Ulrich Plenzdorfs lakonische Adaption des Romans »Buridans Esel« von Günter de Bruyn mit spröder Distanz zu den Figuren und ihren Haltungen – zwar fällt der eine oder andere mokante Seitenblick ins real-existierende Justemilieu und auf fortschrittlich tuenden Chauvinismus, doch gebricht es »Glück im Hinterhaus« an der nadelfeinen Ironie der Vorlage, in der sich die Chronik einer Midlife-Crisis zum kritisch-amüsanten Panorama postrevolutionärer Kleinbürgerlichkeit weitet.
R Herrmann Zschoche B Ulrich Plenzdorf V Günter de Bruyn K Günter Jaeuthe M Günther Fischer A Peter Wilde Ko Christiane Dorst S Monika Schindler P Rolf Martius D Dieter Mann, Ute Lubosch, Jutta Wachowiak, Käthe Reichel, Gerry Wolff | DDR | 97 min | 1:1,37 | f | 5. März 1980
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5.3.80
22.9.78
Anton der Zauberer (Günter Reisch, 1978)
»Er war einer von uns.« Kurzweilig-systemkonformer Schelmenroman querfeldein durch die Geschichte der DDR: Anton Grubke (Ulrich Thein), begeisterter Autoschrauber, gewinnender Charmeur und fassungsvermögender Biertrinker, unterstützt auf seine (recht eigennützige Weise) den Aufbau des sozialistischen Vaterlandes – nicht der Mensch, das Geld steht (zunächst) im Mittelpunkt seiner privaten Planwirtschaft. Durch eine Haftstrafe auf den rechten (= linken) Weg gebracht, wird der begnadete Selbsthelfer zum revolutionären Zauberer des Glücks für alle, das heißt (in der Logik der (ideologischen) Erzählung): auch für sich persönlich. Wo der Jäger von Ersatzteilen zuvor nur den eigenen Vorteil (= das eigene Konto) im Auge hatte, nutzt er nach der (Selbst-)Erweckung sein Talent zur Verwandlung von Alt in Neu nur mehr im Sinne (= zum Wohle) des großen Ganzen. Günter Reischs Film kapituliert bei allem kritischen Anspruch letzten Endes vor der eigenen, allumfassenden Nettigkeit, die jeden satirischen Funken im Keim erstickt; zudem triumphiert die parteiliche Didaktik über die historische Atmosphärenmalerei: die 40er, die 50er, die 60er – alle Jahrzehnte sehen aus wie die 70er.
R Günter Reisch B Karl Georg Egel, Günter Reisch K Günter Haubold M Wolfram Heicking A Hans-Jörg Mirr S Bärbel Weigel P Manfred Renger D Ulrich Thein, Anna Dymna, Erwin Geschonneck, Barbara Dittus, Erik S. Klein | DDR | 106 min | 1:2,35 | f | 22. September 1978
R Günter Reisch B Karl Georg Egel, Günter Reisch K Günter Haubold M Wolfram Heicking A Hans-Jörg Mirr S Bärbel Weigel P Manfred Renger D Ulrich Thein, Anna Dymna, Erwin Geschonneck, Barbara Dittus, Erik S. Klein | DDR | 106 min | 1:2,35 | f | 22. September 1978
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4.4.74
Der nackte Mann auf dem Sportplatz (Konrad Wolf, 1974)
Szenen aus dem Leben eines Bildhauers im real-existierenden Sozialismus: Kemmel (gleichermaßen weich und kantig: Kurt Böwe) lebt mit Frau und Sohn am Rand der großen Stadt Berlin und sucht (s)einen Weg als Künstler zwischen gesellschaftlicher Erwartung und persönlicher Perspektive. Regisseur Konrad Wolf und Autor Wolfgang Kohlhaase erzählen betont distanziert, bewußt elliptisch, zerlegen das Geschehen in präzise beobachtete Momentaufnahmen von melancholischer Emotionalität und/oder spröder Ironie. Der dokumentarische Gestus der Gestaltung (Kamera: Werner Bergmann) erweist sich dabei als überaus sorgfältiges filmische Arrangement, in der jede scheinbare Augenblicksinspiration, jede noch so beiläufig anmutende Situationsbeschreibung ihren exakt festgelegten Platz im großen Ganzen hat. PS: Die urste Besetzung gleicht einem Who’s Who des DDR-Schauspiels: Gerhard Bienert, Elsa Grube-Deister, Rolf Hoppe, Ursula Karrusseit, Marga Legal, Dieter Mann, Dieter Montag, Vera Oelschlegel, Günter Schubert, Jaecki Schwarz, Katharina Thalbach.
R Konrad Wolf B Wolfgang Kohlhaase, Konrad Wolf K Werner Bergmann M Karl-Ernst Sasse A Alfred Hirschmeier S Evelyn Carow P Herbert Ehler D Kurt Böwe, Ursula Karusseit, Martin Trettau, Else Grube-Deister, Marga Legal | DDR | 101 min | 1:1,66 | f | 4. April 1974
R Konrad Wolf B Wolfgang Kohlhaase, Konrad Wolf K Werner Bergmann M Karl-Ernst Sasse A Alfred Hirschmeier S Evelyn Carow P Herbert Ehler D Kurt Böwe, Ursula Karusseit, Martin Trettau, Else Grube-Deister, Marga Legal | DDR | 101 min | 1:1,66 | f | 4. April 1974
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1.6.73
Das zweite Leben des Friedrich Wilhelm Georg Platow (Siegfried Kühn, 1973)
»Was ist Klassenkampf?« – »Daß die Gleise in Ordnung sind und daß der Zug pünktlich fährt.« 57 Jahre alt ist Friedrich Wilhelm Georg Platow, 34 davon hat er als Schrankenwärter auf dem Bahnhof Luege verbracht. Die »Elektronifizierung« der Strecke beendet Platows beschauliches Leben, und der verschrobene Fahrdienstleiter beginnt – »auf ziemlich beispiellose Weise« – ein neues … Nach einem Drehbuch des Brecht-Adepten Helmut Baierl erzählt Siegfried Kühn eine tragikomische Antiheldensage aus den Wirren der wissenschaftlich-technischen Revolution, die den Protagonisten mit den Herausforderungen der »modernen Zeiten« (Fortschritt, Rationalisierung, Technokratie) konfrontiert. Durch die couragierte Zergliederung der dargelegten Biographie in gestalterisch disparate Kapitel (mit den Titeln »Lebenslauf«, »Testament«, »Tagebuch«, »Feuilleton«, »Reportage«), durch die eigentümliche Historisierung der Gegenwart (»die siebziger Jahre unseres Jahrhunderts«), durch das stellenweise groteske Spiel der Darsteller wird das gesellschaftlich brisante Thema satirisch überhöht und recht elegant der politischen Phraseologie entzogen. Platow, gleichsam eine spöttische Dekonstruktion der sozialistischen Arbeiterpersönlichkeit, ignoriert auf seine eigene kauzige Weise die an ihn gestellten Ansprüche und schafft es dabei dennoch, sich zu »qualifizieren« – als Eisenbahner, vor allem aber als Mensch.
R Siegfried Kühn B Helmut Baierl, Siegfried Kühn K Roland Dressel M Hans Jürgen Wenzel A Georg Wratsch S Brigitte Krex P Herbert Ehler D Fritz Marquardt, Jürgen Holtz, Gisela Hess, Volkmar Kleinert, Hermann Beyer, Rolf Hoppe | DDR | 90 min | 1:1,66 | f & sw | 1. Juni 1973
# 977 | 9. November 2015
R Siegfried Kühn B Helmut Baierl, Siegfried Kühn K Roland Dressel M Hans Jürgen Wenzel A Georg Wratsch S Brigitte Krex P Herbert Ehler D Fritz Marquardt, Jürgen Holtz, Gisela Hess, Volkmar Kleinert, Hermann Beyer, Rolf Hoppe | DDR | 90 min | 1:1,66 | f & sw | 1. Juni 1973
# 977 | 9. November 2015
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29.3.73
Die Legende von Paul und Paula (Heiner Carow, 1973)
»Ideal und Wirklichkeit gehen nie übereinander. Ein Rest bleibt immer.« Das Ideal des Films ist die bedingungslose Liebe, seine Wirklichkeit ist der real-existierende Sozialismus. Während das Gestern Haus für Haus weggesprengt wird und aus dem Trümmerstaub eine schöne neue Plattenwelt ersteht, begegnen und verlieben sich die zweifache Mutter und Kaufhallenkraft Paula (aus dem Altbau: Angelica Domröse) und der verheiratete Nachwuchsfunktionär Paul (aus dem Neubau: Winfried Glatzeder). »Wir wollen folgendes machen«, sagt Paula, »wir lassen es dauern, solange es dauert. Wir machen nichts dagegen und nichts dafür.« Ihr radikaler Glücksanspruch steht zunächst gegen seinen aufstiegsorientierten Opportunismus, bis Paul erkennt, daß er als Teil des Systems nicht viel zu gewinnen hat, und so legt er sich in den Schatten seiner schönen Freundin … Das Drehbuch von Ulrich Plenzdorf verbindet gekonnt und wirkungsvoll scharfe Milieuzeichnung mit märchenhafter Darstellung, umgibt die graue Flüchtigkeit des Alltags mit dem Schein von Ewigkeit und (biblischem) Mythos: »Jegliches hat seine Zeit,
/ Steine sammeln, Steine zerstreun,
/ Bäume pflanzen, Bäume abhaun,
/ leben und sterben und Streit.« Heiner Carows kongeniale Regie verleiht der Ostberliner (genauer gesagt: Friedrichshainer) Liebesdichtung aus den frühen 1970er Jahren Gültigkeit weit über Zeit und Ort hinaus. »Die Legende von Paul und Paula« beschreibt den permanenten, überall bestehenden Konflikt zwischen Individualismus und Anpassung – und feiert dabei, ohne Rücksicht auf Verluste, das ganz große Gefühl: »Ihre Liebe war stark wie der Tod.«
R Heiner Carow B Ulrich Plenzdorf K Jürgen Brauer M Peter Gotthardt, Puhdys A Harry Leupold S Evelyn Carow P Erich Albrecht D Angelica Domröse, Winfried Glatzeder, Fred Delmare, Heidemarie Wenzel, Rolf Ludwig | DDR | 109 min | 1:1,66 | f | 29. März 1973
R Heiner Carow B Ulrich Plenzdorf K Jürgen Brauer M Peter Gotthardt, Puhdys A Harry Leupold S Evelyn Carow P Erich Albrecht D Angelica Domröse, Winfried Glatzeder, Fred Delmare, Heidemarie Wenzel, Rolf Ludwig | DDR | 109 min | 1:1,66 | f | 29. März 1973
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27.3.72
Sonnensucher (Konrad Wolf, 1958/1972)
Fast 15 Jahre lang lag Konrad Wolfs Urangräberdrama auf Eis, bevor es seine Uraufführung erleben durfte. Zu ungeschminkt vielleicht schildert »Sonnensucher« die rauhe Atmosphäre der beschwerlichen Suche nach dem strahlenden Erz, zu offen möglicherweise spricht der Film von den Konflikten zwischen deutschen Arbeitern und sowjetischen Offizieren, die den Rohstoff für Stalins Bombe herbeischaffen sollen: Felsach, das (fiktive) erzgebirgische Bergbaustädtchen mit seinen schlammigen Straßen und hölzernen Baracken, mit seinen platzhirschhaften Rivalitäten und handgreiflichen Vergnügungen gleicht eher einer Westernkulisse als einem Ort, an dem der Sozialismus aufgebaut wird. Die Perspektive der Erzählung ist mehrfach gebrochen – im Mittelpunkt steht mal der »starke Mann« und Herzenskommunist Jupp (Erwin Geschonneck), dann wieder das herumgeschubste Waisenmädchen Lutz (Ulrike Germer), das zwischen drei Männer gerät: einen lieben, aber unbedarften Kumpel, einen sensiblen russischen Ingenieur und einen reizbaren, geistig wie heimatlich entwurzelten Obersteiger (Günther Simon) – deren diffizilen Charakteren Drehbuch und Regie allesamt verstehend Rechnung tragen. Von gelegentlichen agitatorischen Ausführungen unterbrochen, glückt Wolf ein formal beherrschtes, zwar strikt parteiliches, dabei aber inhaltlich nuanciertes Kaleidoskop des mühevollen Neuanfangs, der menschlichen (und politischen) Widersprüche, des ehrgeizigen Vorhabens, die nachkriegerische Unordnung in ein neues Gleichmaß zu bringen.
R Konrad Wolf B Karl Georg Egel, Paul Wiens K Werner Bergmann M Joachim Werzlau, Hans-Dieter Hosalla A Karl Schneider S Christa Wernicke P Hans-Joachim Schoeppe D Ulrike Germer, Erwin Geschonneck, Günther Simon, Manja Behrens, Wiktor Awdjuschko | DDR | 116 min | 1:1,37 | sw | 27. März 1972
R Konrad Wolf B Karl Georg Egel, Paul Wiens K Werner Bergmann M Joachim Werzlau, Hans-Dieter Hosalla A Karl Schneider S Christa Wernicke P Hans-Joachim Schoeppe D Ulrike Germer, Erwin Geschonneck, Günther Simon, Manja Behrens, Wiktor Awdjuschko | DDR | 116 min | 1:1,37 | sw | 27. März 1972
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16.3.72
Der Dritte (Egon Günther, 1972)
Die Frau in der wissenschaftlich-technischen Revolution oder: Mutti füttert nicht nur die Kinder sondern auch den Computer. Aus rein männlicher Perspektive (Regisseur, Autoren, Dramaturg, Kameramann – alles Herren) wird die Geschichte einer »emanzipierten« Programmiererin (Jutta Hoffmann) aufgerollt, die zwei Töchter von zwei Männern hat und sich nun auf die Suche nach dem Dritten (und hoffentlich Richtigen) macht – Kybernetik und Liebe. Formal nicht frei von modischem Schnickschnack wie bewußten Unschärfen, schnellen Zooms, wilden Reißschwenks und vibraphonigem Fahrstuhljazz, überzeugt Egon Günthers kurzweilige Romanze erzählerisch durch eine ausgetüftelte Struktur, die nicht nur einen ebenso exemplarischen wie ungewöhnlichen Lebensweg im DDR-Sozialismus nachzeichnet, sondern auch Raum läßt für mitunter recht ironische Skizzen des real-existierenden Alltags zwischen Werkskantine und Konfliktkommission, Kegelbahn und Plattenbau.
R Egon Günther B Günther Rücker, Egon Günther V Eberhard Panitz K Erich Gusko M Karl-Ernst Sasse A Harald Horn S Rita Hiller P Heinz Mentel D Jutta Hofmann, Barbara Dittus, Rolf Ludwig, Armin Mueller-Stahl, Peter Köhncke | DDR | 111 min | 1:1,37 | f | 16. März 1972
R Egon Günther B Günther Rücker, Egon Günther V Eberhard Panitz K Erich Gusko M Karl-Ernst Sasse A Harald Horn S Rita Hiller P Heinz Mentel D Jutta Hofmann, Barbara Dittus, Rolf Ludwig, Armin Mueller-Stahl, Peter Köhncke | DDR | 111 min | 1:1,37 | f | 16. März 1972
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29.1.70
He, Du! (Rolf Römer, 1970)
Erstaunlich vitale sozialistische Romanze um eine staatsbürgerlich engagierte Lehrerin (Annekathrin Bürger), die den drögen Kollegen gegen einen sympathischen (und attraktiven) Baubrigadier eintauscht. Die schwarzweiße Totalvision-Kamera (Peter Krause) beobachtet nicht nur intensiv die Schwierigkeiten der Paarfindung unter den Bedingungen der wissenschaftlich-technischen Revolution, sie sieht auch freudig zu, wie das alte Berlin in Trümmer sinkt, um Platz für die architektonischen Errungenschaften der Ostmoderne zu machen – während in den genormten Schulbauten (›Typ Dresden‹) der Mensch von morgen erzogen wird. Mit seinen Impressionen aus der Zeit unter Ulbricht gibt sich Autor und Regisseur Rolf Römer zwar kinematographisch betont unangepaßt, schlendert aber im Grunde recht artig auf der Straße der ideologischen Affirmation. Trotz alledem: ein Film so locker und leicht, der schwimmt sogar in Club-Cola.
R Rolf Römer B Rolf Römer K Peter Krause M Klaus Lenz A Heike Bauersfeld S Brigitte Krex P Bernd Gerwien D Annekathrin Bürger, Frank Obermann, Petra Hinze, Hans-Dieter Knaup, Rolf Römer | DDR | 97 min | 1:2,35 | sw | 29. Januar 1970
R Rolf Römer B Rolf Römer K Peter Krause M Klaus Lenz A Heike Bauersfeld S Brigitte Krex P Bernd Gerwien D Annekathrin Bürger, Frank Obermann, Petra Hinze, Hans-Dieter Knaup, Rolf Römer | DDR | 97 min | 1:2,35 | sw | 29. Januar 1970
15.6.66
Spur der Steine (Frank Beyer, 1966)
»Mit Ihnen würde ich mir sogar ’nen DEFA-Film angucken.« Kabale und Liebe, Parteibürokratie und sozialistische Moral, Planwahn und Selbsthelfertum auf der fiktiven DDR-Großbaustelle Schkona (≈ Schkopau + Leuna) Anfang der 1960er Jahre, dargeboten in kraftvoll-schwarzweißen Totalvision-Bildern. Im Kern die Dreiecksgeschichte zwischen dem beruflich kämpferischen, privat hasenherzigen Parteisekretär Horrath (Eberhard Esche), dem äußerlich aufmüpfigen, innerlich untadeligen Brigadier Balla (Manfred Krug) und der herb-zarten, idealistisch-pragmatischen Ingenieurin Katie Klee (Krystyna Stypułkowska), irisiert Frank Beyers Adaption des gleichnamigen Aufbau-, Bildungs- und Erziehungsromans von Erik Neutsch zwischen lebensnahem Arbeiterwestern und ideologischem Thesenstück, zwischen sachlicher Romanze und deftigem Sittenpanorama … Zehn Gebote für den neuen sozialistischen Menschen postulierte der spitzbärtige Generalsekretär der Einheitspartei, unter anderem: »Du sollst sauber und anständig leben.« Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so. Es irrt der Mensch, solang er strebt – auch wenn über ihm die rote Fahne weht. »Spur der Steine« gelingt das Kunststück, die kindliche Wunschvorstellung von der unerschütterlich linientreuen sozialistischen Persönlichkeit zu desavouieren und dennoch nicht den betonfesten Glauben an die unvermeidliche Verbesserung der Menschheit zu verlieren. Horrath, Balla, Klee mögen dabei wegen ihrer selbstkritischen Fehlbarkeit mutmachende Beispiele abgeben – doch am Ende werden es mediokre Figuren wie der von SED-Apparatschik Hans-Peter Minetti verkörperte SED-Apparatschik Bleibtreu sein, die bellend den Ton angeben, die nimmermüde den Marsch blasen, die ein theoretisches Modell gegen jede Wirklichkeit und gegen alle Projektierungsfehler für real-existierend erklären.
R Frank Beyer B Karl Georg Egel, Frank Beyer V Erik Neutsch K Günter Marczinkowsky M Wolfram Heicking A Harald Horn S Hildegard Conrad P Dieter Dormeier D Manfred Krug, Eberhard Esche, Krystyna Stypułkowska, Johannes Wieke, Walter Jupé | DDR | 139 min | 1:2,35 | sw | 15. Juni 1966
R Frank Beyer B Karl Georg Egel, Frank Beyer V Erik Neutsch K Günter Marczinkowsky M Wolfram Heicking A Harald Horn S Hildegard Conrad P Dieter Dormeier D Manfred Krug, Eberhard Esche, Krystyna Stypułkowska, Johannes Wieke, Walter Jupé | DDR | 139 min | 1:2,35 | sw | 15. Juni 1966
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7.7.64
Der geteilte Himmel (Konrad Wolf, 1964)
»Den Himmel wenigstens können sie nicht zerteilen.« – »Doch, der Himmel teilt sich zuallererst.« Konrad Wolfs hochpathetische Romanze aus der Zeit der gerade noch offenen deutsch-deutschen Grenze beleuchtet in expressivem Schwarzweiß am Beispiel zweier Liebender aus einer namenlosen DDR-Großstadt die changierenden Gefühlszustände der Skeptischen und der Hoffnungsvollen, der Vergrübelten und der Empfindsamen, der Gehenden und der der Bleibenden. Der Film macht sich die sozialistische Religiosität seiner jungen Heldin (Renate Blume als Rita) bedingungslos zu eigen. Ihr frustriert vom politischen Glauben abfallender Geliebter (Eberhard Esche als Manfred), der am Ende in einem engen Zimmer in Westberlin sitzt, wird weniger desavouiert als bedauert: nichts bleibt ihm mehr »von diesem seltsamen Stoff Leben«. Der hohe Ton der Dialoge und Off-Kommentare (Drehbuch nach und von Christa Wolf) provoziert so manche nervliche Rückkopplung, aber mit seiner sachlich-symbolischen Szenographie (Alfred Hirschmeier) und seinen plakativ-poetischen Totalvision-Bildern (Werner Bergmann) sichert sich »Der geteilte Himmel« einen Platz unter den visuell stärksten Filmen des deutschen Nachkriegskinos.
R Konrad Wolf B Christa Wolf, Gerhard Wolf, Konrad Wolf, Willi Brückner, Kurt Barthel V Christa Wolf K Werner Bergmann M Hans-Dieter Hosalla A Alfred Hirschmeier S Helga Krause P Hans-Joachim Funk D Renate Blume, Eberhard Esche, Hans Hardt-Hardtloff, Hilmar Thate, Martin Flörchinger | DDR | 113 min | 1:2,35 | sw | 7. Juli 1964
R Konrad Wolf B Christa Wolf, Gerhard Wolf, Konrad Wolf, Willi Brückner, Kurt Barthel V Christa Wolf K Werner Bergmann M Hans-Dieter Hosalla A Alfred Hirschmeier S Helga Krause P Hans-Joachim Funk D Renate Blume, Eberhard Esche, Hans Hardt-Hardtloff, Hilmar Thate, Martin Flörchinger | DDR | 113 min | 1:2,35 | sw | 7. Juli 1964
30.8.63
Sonntagsfahrer (Gerhard Klein, 1963)
Der Mauerbau war an und für sich keine lustige Sache. Nach dem alten Schillerwort »Ernst ist das Leben, heiter die Kunst« unternimmt die ostzonale Defa zwei Jahre nach Errichtung des antifaschistischen Schutzwalls dennoch eine affirmativ-satirische Annährung an das heikle Thema: Acht Personen machen sich am 12. August 1961 zwecks Republikflucht auf den Weg von Leipzig nach Berlin – ein wortheldenhafter Innenarchitekt (und ehemaliger Wehrmachtsoffizier), ein gemütlicher Frisör, ein nachdenklicher Arzt, ein (eingebildet) herzkranker Wissenschaftler, nebst dazugehörigen bornierten Ehefrauen und kritischem Nachwuchs (ein junger Mann und eine junge Frau – wie passend). Die Fahrt erweist sich als abenteuerlich (für die Flüchtlingsgesellschaft) und lehrreich (fürs Publikum): Kühler kochen, Achsen brechen, Panzer rollen und (Charakter-)Masken fallen … So zusammengewürfelt wie die Reisegruppe, so divergent sind die von Regisseur Gerhard Klein und seinen Autoren bemühten gestalterischen Mittel – das Repertoire reicht von feinem Dialogwitz bis zum plumpen Kalauer, von stramm politischem Kabarett bis zum subtilen sittenkomödiantischen Spott, von billigen Namenswitzen (Spiessack, Denker, Rosentreter) bis zum didaktischen Aufsager. Am Ende von »Sonntagsfahrer« steht die Mauer, ist der Frieden gesichert, suchen die jungen Leute, die sowieso nicht mitwollten auf die andere Seite der Geschichte, ihr Heil lachend im Sozialismus – und auch den Alten (den Verbohrten, den Unbefriedigten, den Ewiggestrigen) bleibt nichts anderes übrig, als zu bleiben und sich (vielleicht) vom real-existierenden Glück überzeugen zu lassen.
R Gerhard Klein B Wolfgang Kohlhaase, Karl Georg Egel K Helmut Bergmann M Wilhelm Neef A Paul Lehmann S Evelyn Carow P Bernhard Gelbe D Harald Halgardt, Herwart Grosse, Angelika Domroese, Gerrd Ehlers, Irene Korb | DDR | 87 min | 1:1,37 | sw | 30. August 1963
R Gerhard Klein B Wolfgang Kohlhaase, Karl Georg Egel K Helmut Bergmann M Wilhelm Neef A Paul Lehmann S Evelyn Carow P Bernhard Gelbe D Harald Halgardt, Herwart Grosse, Angelika Domroese, Gerrd Ehlers, Irene Korb | DDR | 87 min | 1:1,37 | sw | 30. August 1963
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15.1.63
Beschreibung eines Sommers (Ralf Kirsten, 1963)
»Wir bauen hier den Sozialismus auf!« – »Wir bauen hier erstmal ein Chemiewerk.« Bewußtsein und Beton: die (rot-)glühende FDJlerin und der unsentimentale Ingenieur, die feingliedrige Grit und der massige Tom, Christel Bodenstein und Manfred Krug. Ralf Kirstens »Beschreibung eines Sommers« (nach dem Ankunftsroman von Karl-Heinz Jakobs) ist die Schilderung des Lebens und Arbeitens auf einer Großbaustelle irgendwo in der jungen DDR, die Geschichte einer unmöglichen und doch unausweichlichen Liebe, ein bald zarter, bald ruppiger Film, ein sensibles, neugieriges Abtasten von Gesichtern und Landschaften. Es ist viel euphorische Hoffnung in dieser Erzählung (»Wie lange wird’s wohl dauern, bis wir im Kommunismus leben?« – »Hundert Jahre …« – »Viel früher!«), viel linientreue Romantik (Lagerfeuer, Klampfenklänge, Umgestaltung von Natur und Mensch), aber auch eine große Offenheit des Blicks, ein selbstverständliches Zulassen von Zweifeln, Konflikten, Ängsten und, am Wichtigsten vielleicht: glaubwürdige Gefühle, aufrichtiges Empfinden. Ein intimes Meisterstück des nachdenklichen Optimismus.
R Ralf Kirsten B Karl-Heinz Jakobs, Ralf Kirsten V Karl-Heinz Jakobs K Hans Heinrich M Wolfgang Lesser A Hans Poppe, Jochen Keller S Christel Röhl P Werner Liebscher D Manfred Krug, Christel Bodenstein, Günther Grabbert, Marita Böhme, Johanna Clas | DDR | 80 min | 1:1,37 | sw | 15. Januar 1963
R Ralf Kirsten B Karl-Heinz Jakobs, Ralf Kirsten V Karl-Heinz Jakobs K Hans Heinrich M Wolfgang Lesser A Hans Poppe, Jochen Keller S Christel Röhl P Werner Liebscher D Manfred Krug, Christel Bodenstein, Günther Grabbert, Marita Böhme, Johanna Clas | DDR | 80 min | 1:1,37 | sw | 15. Januar 1963
27.9.62
… und deine Liebe auch (Frank Vogel, 1962)
»Der Wind auf der Warschauer Brücke, / das Licht und der weiße Rauch … / Weißt du, die brauch' ich zum Leben / … und deine Liebe auch.« Der Mauerbau als Riß durch die Geschichte, die Stadt, die Gefühle – aber auch als Schlußstrich, als Aufbruchsignal: »Irgendwo muß eine Grenze sein.« Ostberlin, 1961: Klaus (Ulrich Thein) fährt Taxi im Westen und lebt gut vom »Schwindelkurs«, sein Nenn-Bruder Ulli (Armin Mueller-Stahl) arbeitet als Elektriker bei Narva und schützt als Kampfgruppenmann die Sicherung der Staatsgrenze am 13. August. Zwischen den Männern steht außer der Politik auch die Postbotin Eva (Kati Székely), die sich erst vom viril-klassenfeindlichen Klaus schwängern läßt, um dann doch ihre Zuneigung zum sensibel-sozialistischen Ulli zu entdecken … Frank Vogels Film erscheint so gespalten wie das Land, in dem er spielt: Während der Gedankenstrom der hochtönenden Off-Kommentare (Drehbuch: Paul Wiens) die Errichtung des »antifaschistischen Schutzwalls« propagandistisch rechtfertigt, bleiben die dokumentarischen Bilder (Kamera: Günter Ost) ganz dicht am Puls der Zeit, tasten beweglich die urbane Topographie ab, blicken vorübereilenden Menschen neugierig in die Gesichter, fixieren beiläufig den historischen Moment, atmen die Luft, den Dunst, die Stimmung des Schauplatzes – Entschlossenheit und Tristesse, Lyrik und Agitation, cinéma vérité … et mensonge.
R Frank Vogel B Paul Wiens K Günter Ost M Hans-Dieter Hosalla A Werner Zieschang S Ella Ensink P Hans-Joachim Funk D Armin Mueller-Stahl, Ulrich Thein, Kati Székely, Marita Böhme, Alfonso Arau | DDR | 92 min | 1:1,37 | sw | 27. September 1962
R Frank Vogel B Paul Wiens K Günter Ost M Hans-Dieter Hosalla A Werner Zieschang S Ella Ensink P Hans-Joachim Funk D Armin Mueller-Stahl, Ulrich Thein, Kati Székely, Marita Böhme, Alfonso Arau | DDR | 92 min | 1:1,37 | sw | 27. September 1962
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18.1.62
Tanz am Sonnabend – Mord? (Heinz Thiel, 1962)
Mühlbach ist ein ganz normales Dorf in der DDR. Es gibt einen Gasthof und einen Feuersee, eine aufstrebende LPG und den Club der Ewiggestrigen, es wird gesächselt, daß sich die Scheunenbalken biegen. Apropos: Eines Sonnabends im Februar 1960 (nach einer Tanzveranstaltung) hängt in Paul Gäblers (lichterloh brennender) Scheune ein Toter am Balken: Paul Gäbler selbst. Alles spricht dafür, daß die gesellschaftspolitischen Umstände den eigensinnigen Bauern in den Freitod getrieben haben – alles, nur nicht das Seil: Es ist zu kurz für einen Selbstmord … Ein winterkalter Milieukrimi aus der Schlußphase der (Zwangs-)Kollektivierung der ostdeutschen Landwirtschaft; neben Mord bringt Regisseur Heinz Thiel – teilweise in Rückblenden, die aus subjektiver (Zeugen-)Sicht präsentiert werden – noch Brandstiftung und unerlaubten Waffenbesitz, Betrug und Ehebruch ins Spiel. Auch wenn hinter der beschaulichen Kulisse also einiges im Argen liegt, hat der ermittelnde Oberleutnant der Volkspolizei (latent verschnupft: Gerry Wolff) nicht allzu viel Mühe, den Fall zu lösen und die Ordnung der sozialistischen Gesellschaft wiederherzustellen – zumal Raffgier und Egoismus ja lediglich betrübliche Nachwirkungen von historisch längst überwundenen Denkmustern und Verhaltensweisen darstellen.
R Heinz Thiel B Lothar Creutz, Carl Andrießen K Horst E. Brandt M Helmut Nier A Herbert Nitzschke S Wally Gurschke P Paul Ramacher D Gerry Wolff, Rudolf Ulrich, Albert Garbe, Johannes Arpe, Ruth Kommerell | DDR | 87 min | 1:1,37 | sw | 18. Januar 1962
# 979 | 23. November 2015
R Heinz Thiel B Lothar Creutz, Carl Andrießen K Horst E. Brandt M Helmut Nier A Herbert Nitzschke S Wally Gurschke P Paul Ramacher D Gerry Wolff, Rudolf Ulrich, Albert Garbe, Johannes Arpe, Ruth Kommerell | DDR | 87 min | 1:1,37 | sw | 18. Januar 1962
# 979 | 23. November 2015
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Thiel
17.3.61
Flucht nach Berlin (Will Tremper, 1961)
»Die deutsche Not« heißt ein Buch, in dem die Schriftstellerin Erika von Hornstein im Jahre 1960 Dutzende Biographien von DDR-Flüchtlingen vereint – eine einmalige Sammlung von Selbstaussagen, die ein eindringlich-differenziertes Bild vom Leben, besser gesagt: vom Nicht-mehr-leben-Können in der sogenannten »Zone« zeichnen. Zur gleichen Zeit, kurz vor dem Bau der Berliner Mauer, die das letzte Schlupfloch von Ost nach West verschließen wird, schleudert der flinke Dreigroschenreporter (»Deutschland, deine Sternchen«) und gegenwartsnahe Szenarist (»Die Halbstarken«) Will Tremper sein Regiedebüt auf die Leinwand, thematisiert darin (als einer der ganz wenigen Kinomacher seiner Zeit) die millionenfache Wanderung von einem Deutschland ins andere. Er tut dies anhand zweier, miteinander unselig verflochtener, Einzelschicksale: Bauer Güden (Narziss Sokatscheff) verweigert den Eintritt in die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft seines Dorfes und haut ab; Genosse Baade (Christian Doermer), SED-Agitator der (Zwangs-)Kollektivierung, gerät wegen Güdens Flucht ins politische Zwielicht und setzt dem Abtrünnigen nach. Die dramatische Jagd führt – entlang von Autobahnen und Schienensträngen – ins undurchdringliche, beinahe mystisch wirkende Schilfdickicht am Berliner Grenzfluß Havel, wo es zum finalen Zweikampf kommt … Autorenfilmer Tremper, das ist sein Defizit und seine Stärke zugleich, schematisiert statt zu nuancieren, spitzt zu statt zu vertiefen, motzt auf statt abzuwägen; während (≈ indem) er wie eine Dampfwalze über den Acker der Geschichte schnauft, richtet er sein Augenmerk gleichermaßen auf ideologische Verblendung und opportunistisches Duckmäusertum, auf blinden Eigennutz und wohlstandssatten Stumpfsinn, kurz: auf das nationale Unglück, also: auf die deutsche Not. PS: »Es lebe die Freiheit!«
R Will Tremper B Will Tremper K Günter Haase, Gerd von Bonin M Peter Thomas S Will Tremper P Will Tremper, Michael Schwabacher D Christian Doermer, Narziss Sokatscheff, Susanne Korda | BRD | 103 min | 1:1,66 | sw | 17. März 1961
R Will Tremper B Will Tremper K Günter Haase, Gerd von Bonin M Peter Thomas S Will Tremper P Will Tremper, Michael Schwabacher D Christian Doermer, Narziss Sokatscheff, Susanne Korda | BRD | 103 min | 1:1,66 | sw | 17. März 1961
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12.1.61
Steinzeitballade (Ralf Kirsten, 1961)
»Es hat der Krieg nicht nur das Haus zerschlagen, / auch der Verstand war bei den meisten rar.« Berlin, 1946. Die Stadt liegt in Trümmern. Eine Gruppe von Frauen klopft Steine für Bauunternehmer Scharrhahn. Der Boß sieht im Aufbau nur ein weiteres gutes Geschäft, den Trümmerfrauen wird (auch durch Hinweise eines wohlmeinenden SED-Genossen) langsam klar, daß es gilt, eine neue Zeit zu bauen … Nach dem Prinzip des Epischen Theaters unterbrechen immer wieder Songs (getextet von Brecht-Meisterschüler Heinz Kahlau) die Handlung, kommentieren Verhaltensweisen, betonen die Musterhaftigkeit des Geschehens: Unter der selbstgewählten Führung von Betriebsrätin Anna Lubitzke (die dem zugrundeliegenden Roman von Ludwig ›Ein Prolet erzählt‹ Turek den Titel gab) überwinden die Frauen schließlich ihren Eigennutz, üben praktische Solidarität, übernehmen Verantwortung. Ralf Kirsten inszeniert seinen Film als demonstrativ unheroisches Lehrstück über Herausforderungen und Chancen des (individuellen und gesellschaftlichen) Neubeginns: »So stellten wir uns selber auf die Beine. / Zu Anfang kam uns das unmöglich vor.« Über den illusionären Charakter dieses (schein-)emanzipatorischen Aufbruchs, dem die politische Entmündigung auf dem Fuße folgte, schweigt sich »Steinzeitballade« freilich aus.
R Ralf Kirsten B Heinz Kahlau, Ralf Kirsten V Ludwig Turek K Günter Haubold M Wolfgang Lesser A Willy Schiller S Christel Röhl P Alexander Lösche D Gisela Rimpler, Else Grube-Deister, Friedel Nowack, Agnes Kraus, Günter Naumann | DDR | 85 min | 1:1,37 | sw | 12. Januar 1961
R Ralf Kirsten B Heinz Kahlau, Ralf Kirsten V Ludwig Turek K Günter Haubold M Wolfgang Lesser A Willy Schiller S Christel Röhl P Alexander Lösche D Gisela Rimpler, Else Grube-Deister, Friedel Nowack, Agnes Kraus, Günter Naumann | DDR | 85 min | 1:1,37 | sw | 12. Januar 1961
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29.12.60
Silvesterpunsch (Günter Reisch, 1960)
»Wir singen euch das Lied vom Calciumcarbid: Die Welt wird schön wie nie. / Wir zaubern mit Chemie, / denn jetzt wird poly-polymerisiert …« Die Fortsetzung der frühlingshaften Defa-Chemie-Posse »Maibowle« spielt winterlich-verschneit (dabei strikt herzerwärmend) zum Jahreswechsel und muß dramaturgisch (neben dem begeisterten Ausblick aufs Plastikzeitalter) auch noch das sozialistische Programm zur massenhaften Leibesertüchtigung (»Jedermann an jedem Ort – einmal in der Woche Sport!«) angemessen verarbeiten. Im Mittelpunkt steht wiederum die archetypische Arbeiter-Familie Lehmann, deren Sprößlinge zwar leistungsmäßig überzeugen (111%ige Planerfüllung!), aber charakterlich entweder zu sportlich oder zu kulturell geraten sind – am Ende gelingt die Synthese der Extreme in Form einer kunterbunten, wissenschaftlich-technischen Eisrevue, die nur knapp am gehobenen Fortschrittssurrealismus des Queneau-/Resnaisschen Geniestreichs »Le chant du styrène« vorbeischrammt: »Die Mädchen tanzen jetzt Moleküle, vereinen sich dann zu Äthylen, aber alles entscheidend ist die Polymerisation.« Noch Fachfragen?
R Günter Reisch B Marianne Libera, Gerhard Weise K Karl Plintzner M Helmut Nier A Paul Lehmann S Hildegard Conrad P Hans Mahlich D Erich Franz, Friedel Nowack, Erika Dunkelmann, Christel Bodenstein, Ernst-Georg Schwill | DDR | 91 min | 1:1,37 | f | 29. Dezember 1960
R Günter Reisch B Marianne Libera, Gerhard Weise K Karl Plintzner M Helmut Nier A Paul Lehmann S Hildegard Conrad P Hans Mahlich D Erich Franz, Friedel Nowack, Erika Dunkelmann, Christel Bodenstein, Ernst-Georg Schwill | DDR | 91 min | 1:1,37 | f | 29. Dezember 1960
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6.10.60
Wir Kellerkinder (Jochen Wiedermann, 1960)
»Die Vergangenheit ist unbewältigt. Und wo bleibt der Film darüber? Schließlich müssen wir ja mal damit fertig werden.« Das Leben des Macke Prinz, von ihm selbst (in die Wochenschau-Kamera) erzählt … Macke (Wolfgang Neuss), 1938, zu Beginn der Geschichte, elf Jahre alt, Sohn eines Berliner Blockwarts, Trommler im Jungvolk, will nur eines: Schlagzeuger werden. In seinem Keller übt er fleißig; außerdem versteckt er dort während des Krieges einen verfolgten Kommunisten (der ihm kulturelle und menschliche Grundwerte vermittelt), später dann den eigenen Vater (den er immer gut leiden konnte – weil er ihn nicht kannte). Über die politisch-ideologische Schizophrenie von Nazi- und Nachkriegszeit verliert Macke den Verstand und landet in der Klapsmühle, wo er auf einen musikalischen Toilettenmann mit Führerkomplex (Jo Herbst) und einen aus der Zone geflüchteten Jazzpianisten (Wolfgang Gruner) trifft … Von Hitler zu Adenauer und Ulbricht sowie ein Ausflug zurück – eine satirische Vergangenheits- und Gegenwartsbewältigung aus der Kellerperspektive. Visuell betont unspektakulär, über weite Strecken die filmische Illustration des von Neuss vorgetragenen Off-Kommentars, zeigt »Wir Kellerkinder« deutsch(-deutsche) Charaktertypen an stilisierten Schauplätzen: alte und neue Kameraden, Pseudokommunisten und künstliche Demokraten, »ein ganzes Volk auf Zelluloid«, zwischen Ost und West, zwischen Heute und Gestern. »Es ist nicht einfach mit so etwas Schluß zu machen.«
R Jochen Wiedermann B Wolfgang Neuss, Herbert Kundler K Werner Lenz M Peter Sandloff A Ernst H. Albrecht S Walter von Bonhorst P Hans Oppenheimer D Wolfgang Neuss, Wolfgang Gruner, Jo Herbst, Karin Baal, Achim Strietzel | BRD | 86 min | 1:1,37 | sw | 6. Oktober 1960
# 802 | 22. November 2013
R Jochen Wiedermann B Wolfgang Neuss, Herbert Kundler K Werner Lenz M Peter Sandloff A Ernst H. Albrecht S Walter von Bonhorst P Hans Oppenheimer D Wolfgang Neuss, Wolfgang Gruner, Jo Herbst, Karin Baal, Achim Strietzel | BRD | 86 min | 1:1,37 | sw | 6. Oktober 1960
# 802 | 22. November 2013
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8.5.60
Leute mit Flügeln (Konrad Wolf, 1960)
Breit angelegte filmische Historienmalerei aus streng parteilicher Sicht: Rückblicke in die Geschichte eines Flugzeugwerkes und seiner Belegschaft von Ende der Weimarer Republik und Machtübergabe an die Nazis, über Spanien- und Weltkrieg, Konzentrationslager und Befreiung, bis hin zum dornigen aber planmäßigen Aufbau des Sozialismus im kleineren aber besseren Teil Deutschlands. Im Mittelpunkt des ideologischen Ringens: der Mensch, genauer gesagt: ein Mensch. Genosse Ludwig Bartuschek (Erwin Geschonneck), Flugmechaniker, Klassenkämpfer, Kommunist mit Leib und (vor allem natürlich) Seele, schreitet durch die Zeiten mit sicherem Schritt und einem festem Ziel vor den Augen: Allen die Welt und jedem der Himmel! Aber Vorsicht: »Wer fliegen will, bevor er gehen gelernt hat, macht ’ne Bruchlandung.« Mit Sinnsprüchen wie aus dem Brigadetagebuch weist der stets aufrechten Held sich und (fast) allen anderen – auch seinem leidenschaftlich-widerspenstigen Sohn Henne (Hilmar Thate), den er einst auf der Flucht vor den Faschisten zurücklassen mußte und später als Flakhelfer wiederfand – den Weg aus Unglück und Ruinen in eine glückliche Zukunft, um schließlich seinen großen Traum emporfliegen zu sehen: Ein real-existierendes Düsenverkehrsflugzeug aus deutsch-demokratischer Produktion erhebt sich majestätisch in die Lüfte. PS: Konrad Wolfs andächtig-hölzernes Epos über »Menschen, die uns Flügel geben« wird schon kurz nach seiner Premiere, wegen der auf höchster politischer Ebene beschlossenen Abwicklung der DDR-Luftfahrtindustrie, im Archiv verschwinden. Wer fliegen will, bevor er gehen gelernt hat …
R Konrad Wolf B Karl Georg Egel, Paul Wiens K Werner Bergmann M Hans-Dieter Hosalla A Gerhard Helwig S Christa Wernicke P Siegfried Nürnberger D Erwin Geschonneck, Wilhelm Koch-Hooge, Hilmar Thate, Franz Kutschera, Rosita Fernandez | DDR | 121 min | 1:1,37 | sw & f | 8. Mai 1960
R Konrad Wolf B Karl Georg Egel, Paul Wiens K Werner Bergmann M Hans-Dieter Hosalla A Gerhard Helwig S Christa Wernicke P Siegfried Nürnberger D Erwin Geschonneck, Wilhelm Koch-Hooge, Hilmar Thate, Franz Kutschera, Rosita Fernandez | DDR | 121 min | 1:1,37 | sw & f | 8. Mai 1960
5.10.59
Maibowle (Günter Reisch, 1959)
»Der junge Vater Mai ist ein Kollege. / Er kommt im hellen Hemd und roten Schlips.« Zum 10. Jahrestag der DDR (und zur Beflügelung des staatlichen Chemieprogramms) legt die Defa ein leicht angeschwipstes Lustspiel auf den Gabentisch der Republik: Der alte Herzenskommunist Meister Lehmann (knorrig: Erich Franz) wird zum 65. Geburtstag mit dem ›Banner der Arbeit‹ ausgezeichnet; seine vielen Kinder erfinden zunächst allerlei Ausreden, um dem Ehrenfest fernzubleiben, versammeln sich dann aber doch vor der Kulisse des fröhlich dampfenden Werks zum Anstoßen mit der traditionellen »Maibowle« … Der Schauplatz der musikalischen Klamotte, die sich redlich müht, einige Entartungen des sozialistischen Alltags aufzuspießern, heißt Grünefeld (ein Schelm, wer Böses (= Bitterfeld) dabei denkt); die Stimmung ist so gelöst wie beim vorgärtlichen Tischtennismatch zwischen Walter Ulbricht und seiner Lotte. PS: »Chemie gibt Brot, Wohlstand, Schönheit«, dichten die Planakrobaten – »… und Kunst!« möchte der neue (= rote) Mensch zukunftsfreudig ergänzen.
R Günter Reisch B Marianne Libera, Gerhard Weise K Otto Merz M Helmut Nier A Paul Lehmann S Hildegard Conrad P Hans Mahlich D Erich Franz, Albert Hetterle, Erika Dunkelmann, Christel Bodenstein, Ekkehard Schall | DDR | 94 min | 1:1,37 | f | 5. Oktober 1959
R Günter Reisch B Marianne Libera, Gerhard Weise K Otto Merz M Helmut Nier A Paul Lehmann S Hildegard Conrad P Hans Mahlich D Erich Franz, Albert Hetterle, Erika Dunkelmann, Christel Bodenstein, Ekkehard Schall | DDR | 94 min | 1:1,37 | f | 5. Oktober 1959
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