Die goldene Karosse
»Where is truth? Where does the theatre end and life begin?« Der rote Samtvorhang hebt sich. Die Kamera fährt durch das Portal auf die Szene. Das Spiel beginnt. Es zeigt eine Frau zwischen Bühne und Leben, eine Schauspielerin zwischen drei Männern, dazu eine prächtige Kutsche als katalytisches Objekt aller Begierden: Die naturgewaltige Anna Magnani als Camilla (im (Film-)Leben) und Colombine (auf der (Kino-)Bühne) – quirlige Protagonistin einer Commedia-dell’arte-Truppe auf Gastspiel in einer spanischen Kolonie Südamerikas – verdreht die Köpfe eines honetten Offiziers, eines großtuerischen Stierkämpfers, eines genußfreudigen Vizekönigs, dessen eigenmächtiger Umgang mit dem titelgebenden Fuhrwerk allerhand Aufregung verursacht ... In leuchtendem Technicolor, animiert von den Klängen Antonio Vivaldis verschachtelt Jean Renoir eine Aufführung in eine andere Aufführung, verwischt die Grenzen zwischen Darstellung der Realität und der Realität selbst, stiftet Verwirrung zwischen dem Spiel auf der Bühne und dem Spiel im Leben: hier wie dort Masken und Kostüme, Perücken und Requisiten, Verstellung und Posen, Kabale und Liebe – oder um es mit Shakespeare zu sagen: »Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler, sie treten auf und gehen wieder ab.« Am Ende triumphiert die Darstellung über das sogenannte richtige Leben. Glück ist für Camilla/Colombine nur auf eine Art zu haben, »on the stage and in platform and in public place during those two little hours when you become another person, your true self.«
R Jean Renoir B Jean Renoir, Jack Kirkland, Renzo Avanzo, Giulio Macchi, Ginette Doynel V Prosper Mérimée K Claude Renoir M Antonio Vivaldi A Mario Chiari S David Hawkins P Francesco Alliata D Anna Magnani, Duncan Lamont, Riccardo Rioli, Odoardo Spadaro, Ralph Truman | F & I | 103 min | 1:1,37 | f | 3. Dezember 1952
#1100 | 1. März 2018
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3.12.52
20.11.45
Yolanda and the Thief (Vincente Minnelli, 1945)
Yolanda und der Dieb
Ein bonbonbuntes Wolkenkuckucksheim, ein filmisches Schaumbad in Eskapismus und Kulissenbarock, eine subtropische Fieberfantasie aus dem imaginären lateinamerikanischen Staat Patria: Am Tag ihrer Volljährigkeit wird Yolanda Aquavita (Lucille Bremer) aus der Klosterschule in die Welt entlassen. Die lebensfremde Erbin eines riesigen Vermögens, sehnt sich, eingeschüchtert von den Obliegenheiten einer zigfachen Millionärin, nach der liebevollen Fürsorge ihres himmlischen Schutzengels – eine Rolle, in die der charmante Hochstapler Johnny Riggs (Fred Astaire) nur allzu gerne hineinschlüpft: »You have trouble about money. I shall relieve you of it … the trouble, I mean.« Vincente Minnellis maßlos-synthetisches Musical, ein Paradebeispiel für den More-is-more-Furor der MGM-Traumwäscherei, benutzt das dürre Handlungsgerippe lediglich als Vorwand für das Abfeiern luxuriös-pseudokaribischer Trugbilder in extraordinären Dekorationen. Rauschhafte Höhepunkte der geistesabwesenden Fabel sind zwei überlange Shownummern, eine surreale (Angst-)Traumsequenz und ein opulenter Karneval, irre Kumulationen von Lamas und Sombreros, Tänzern und Komparsen, Schleiern und Konfetti, eingefangen von Charles Roshers beschwipst kurvender Kamera. Das unabwendbar harmonische Finale sieht den falschen Engel märchenhaft geläutert von der engelhaften Einfalt seiner gutbetuchten Beute: »This is a day for love, / this is a day for song. / And all together we will merrily walk along.«
R Vincente Minnelli B Irving Brecher, Jacques Théry, Ludwig Bemelmans K Charles Rosher M Lennie Hayton A Cedric Gibbons, Jack Martin Smith S George White P Arthur Freed D Fred Astaire, Lucille Bremer, Frank Morgan, Mildred Natwick, Leon Ames | USA | 108 min | 1:1,37 | f | 20. November 1945
# 943 | 10. Februar 2015
Ein bonbonbuntes Wolkenkuckucksheim, ein filmisches Schaumbad in Eskapismus und Kulissenbarock, eine subtropische Fieberfantasie aus dem imaginären lateinamerikanischen Staat Patria: Am Tag ihrer Volljährigkeit wird Yolanda Aquavita (Lucille Bremer) aus der Klosterschule in die Welt entlassen. Die lebensfremde Erbin eines riesigen Vermögens, sehnt sich, eingeschüchtert von den Obliegenheiten einer zigfachen Millionärin, nach der liebevollen Fürsorge ihres himmlischen Schutzengels – eine Rolle, in die der charmante Hochstapler Johnny Riggs (Fred Astaire) nur allzu gerne hineinschlüpft: »You have trouble about money. I shall relieve you of it … the trouble, I mean.« Vincente Minnellis maßlos-synthetisches Musical, ein Paradebeispiel für den More-is-more-Furor der MGM-Traumwäscherei, benutzt das dürre Handlungsgerippe lediglich als Vorwand für das Abfeiern luxuriös-pseudokaribischer Trugbilder in extraordinären Dekorationen. Rauschhafte Höhepunkte der geistesabwesenden Fabel sind zwei überlange Shownummern, eine surreale (Angst-)Traumsequenz und ein opulenter Karneval, irre Kumulationen von Lamas und Sombreros, Tänzern und Komparsen, Schleiern und Konfetti, eingefangen von Charles Roshers beschwipst kurvender Kamera. Das unabwendbar harmonische Finale sieht den falschen Engel märchenhaft geläutert von der engelhaften Einfalt seiner gutbetuchten Beute: »This is a day for love, / this is a day for song. / And all together we will merrily walk along.«
R Vincente Minnelli B Irving Brecher, Jacques Théry, Ludwig Bemelmans K Charles Rosher M Lennie Hayton A Cedric Gibbons, Jack Martin Smith S George White P Arthur Freed D Fred Astaire, Lucille Bremer, Frank Morgan, Mildred Natwick, Leon Ames | USA | 108 min | 1:1,37 | f | 20. November 1945
# 943 | 10. Februar 2015
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