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26.4.68

Je t’aime, je t’aime (Alain Resnais, 1968)

Ich liebe dich, ich liebe dich

»C’était bien?« – »Très.« Er liegt in der Klinik. Er hat versucht sich umzubringen. Man ist an ihm interessiert. Warum? Weil er nichts zu verlieren hat. Hat er eine Chance zurückzukommen? Das weiß niemand. Er wird aus dem Krankenhaus entlassen. Er heißt Claude Ridder. Er willigt ein, an einem Experiment teilzunehmen. Im Forschungszentrum Crespel beschäftigt man sich mit der Zeit. Bislang wurden Versuche mit Mäusen angestellt, nun soll Ridder als erster Mensch in seine eigene Vergangenheit reisen, soll eine Minute seines Lebens wiedererleben, eine Minute, die exakt ein Jahr zurückliegt. Die Zeitmaschine, die Alain Resnais für seinen Film konstruiert hat, ist keine modernistische High-Tech-Installation à la Irwin Allen, vielmehr ähnelt die organisch geformte Anlage mit ihrem höhlenartigen Inneren einer gigantischen Knolle, oder einer übergroßen Herzkammer, oder einem riesigen Gehirn. Der Versuch beginnt. Ridder schwimmt unter Wasser, er taucht aus dem Meer. Am Ufer liegt eine Frau, sie fragt ihn: »C’était bien?« – »Très.« – »Tu as vu beaucoup de poissons?« Dann läuft etwas schief. Ridder geht verloren, wird durch die Zeiten geschleudert, treibt kreuz und quer durch seine Erinnerungen. Fragmente einer Biographie blitzen auf, elliptisch, diskontinuierlich, flüchtig wie Reflexe eines Spiegelkugel, Momente, Situationen, Begegnungen, heiter, banal, quälend: berufliche Stationen, eine komplizierte Liebesgeschichte, Glück, Langweile, Schuld. Gedanken, Assoziationen, Wiederholungen: zahllose Perspektiven, die sich nicht zu einem Gesamtbild fügen. Der Mensch als unerforschliches Wesen, als Gefangener seines sprunghaften Gedächtnisses, als Irrender in einem ewig unvollendeten Labyrinth, aus dem nur ein einziger Weg herausführt. »Tu as vu beaucoup de poissons?« – »Deux serpents de mer, quelques requins, des méduses géantes. A part ça, rien de très particulier.«

R Alain Resnais B Jacques Sternberg K Jean Boffety M Krzysztof Penderecki A Jacques Dugied, Augusto Pace S Albert Jurgenson, Colette Leloup P Mag Bodard D Claude Rich, Olga Georges-Picot, Anouk Ferjac, Van Doude, Bernard Fresson | F | 92 min | 1:1,66 | f | 26. April 1968

# 841 | 7. März 2014

1.7.60

Beyond the Time Barrier (Edgar G. Ulmer, 1960)

»None of this is real. It’s all an illusion to me.« Als Major Bill Allison, Testpilot der US-Luftwaffe, von einem Überschallflug in großer Höhe zurückkehrt, findet er seine Air Base in Trümmern liegend. Er wandert durch desolate Landschaften und gelangt zu einer strahlenden Stadt, deren Bewohner ihn gefangen setzen. Langsam begreift Allison, daß er durch die Zeit ins Jahr 2024 geschleudert wurde. In der »Zitadelle«, einer caligaresken Art-Déco-Festung, deren phantastische pyramidal-trianguläre Innenwelten (Bauten: Ernst Fegté) die eigentliche Attraktion des Films ausmachen, haben sich die Überlebenden einer (durch Kernwaffenversuche herbeigeführten) Pandemie verschanzt, die im Jahre 1971 fast die gesamte Erdbevölkerung dahinraffte. Von aggressiven »Mutanten« bedroht, stumm (bis auf den alten, weisen Anführer) und unfruchtbar (bis auf die hübsche Enkelin des Chefs), sehen die letzten Menschen in Major Allison ihre letzte Hoffnung: Er soll in die Zeit vor der Katastrophe zurückkehren, um das große Sterben zu verhindern … Chris Marker wird ein ähnliches Szenario drei Jahre später in seinem vielschichtigen photo-roman »La jetée« auf ungleich höherem philosophischen und visuellen Niveau entwickeln, Edgar G. Ulmer verarbeitet Themen wie Atomangst und mögliche Zerstörung aller Lebensgrundlagen zu einer naiv-linkischen Pulp-Dystopie mit warnender Schlußbelehrung: »Gentlemen, we’ve got a lot to think about.«

R Edgar G. Ulmer B Arthur C. Pierce K Meredith M. Nicholson M Darrell Calker A Ernst Fegté S Jack Ruggiero P Robert Clarke D Robert Clarke, Darlene Tompkins, Vladimir Sokoloff, Stephen Bekassy, Arianne Ulmer | USA | 75 min | 1:1,37 | sw | 1. Juli 1960

# 780 | 13. Oktober 2013 

14.11.52

Les belles de nuit (René Clair, 1952)

Die Schönen der Nacht

»Au bord de l’ombre, / au fond des songes, / c’est mon souvenir que tu suis: / au bout du monde, / au creux des nuits.« Claude, ein sensibler junger Komponist (Gérard Philipe) – frustriert ob seiner beständigen Erfolglosigkeit und entnervt vom allgegenwärtigen Lärm des modernen Lebens (Motoren, Hupen, Preßlufthämmer, Flugzeuge, Kinder) –, träumt sich in die (vermeintliche) Hochstimmung und den (falschen) Frieden der (sogenannten) guten alten Zeit hinein. Da aber jede »gute alte Zeit« ihre eigene »gute alte Zeit« hat, fällt er, von Morpheus umarmt, immer tiefer in den Abgrund der Epochen – vom tristen Jetzt der Nachkriegsjahre in die opulente Belle Epoque in die koloniale Euphorie der Julimonarchie in den Befreiungsfuror der französischen Revolution in die chevalereske Ära der Musketiere und im Strudel der Geschichte weiter, weiter, bis hinab in die rohe Steinzeit… René Clair, der in der 1920er Jahren mit den Surrealisten gefrühstückt hat, extrapoliert aus der verdrießlichen Gegenwart seines Protagonisten ein hochmusikalisches, beschwingt zwischen den Äonen tanzendes Nachtstück von künstlerischem Erfolg und emotionaler Verzückung (verkörpert unter anderem von Gina Lollobrigida und Martine Carol), dessen hoffnungsfrohe Operettenhaftigkeit freilich schon bald in bedrohliche Alptraumvisionen (von schwirrenden Krummsäbeln, blanken Fallbeilen und schweren Keulen) umschlägt – denn merke: Wahres Glück ist nicht im Schlaf sondern nur, wachen Geistes und sehenden Auges, im Hier und Heute zu haben (in diesem (schönen) Fall mit der Tochter des scheppernden Automechanikers).

R René Clair B René Clair, Pierre Barillet, Jean-Pierre Grédy K Armand Thirard M Georges Van Parys A Léon Barsacq S Louisette Hautecœur P René Clair, Angelo Rizzoli D Gérard Philipe, Martine Carol, Gina Lollobrigida, Magali Vendeuil, Raymond Bussières | F & I | 87 min | 1:1,37 | sw | 14. November 1952

9.1.21

Frau Venus und ihr Teufel (Ralf Kirsten, 1967)

Schwerfälliges Possenspielchen um einen liebesunwilligen Berliner Stiesel (Manfred Krug), der (mitsamt seiner schwärmerischen Freundin) bei einem Ausflug auf die Wartburg von Frau Venus (Inge Keller) ins minnesängerische Mittelalter versetzt wird, wo er die tiefere Bedeutung von Gefühl und Treue erkennen soll. Ralf Kirsten findet für das aufs Satirische abzielende, doch leider ziemlich sinnbefreite Orwocolor-Breitwand-Gemisch aus Rittersage, Romanze und Erziehungsstück keinen schlüssigen inszenatorischen Dreh, und auch Krugs musikalisches Talent kommt trotz Tannhäuser-Auftritt im Sängerkrieg nicht wirklich zum Tragen.

R Ralf Kirsten B Brigitte Kirsten, Ralf Kirsten, Manfred Krug K Hans Heinrich M André Asriel A Hans Poppe, Jochen Keller Ko Elli-Charlotte Löffler S Christa Helwig P Werner Liebscher D Manfred Krug, Ursula Werner, Inge Keller, Wolfgang Greese, Rolf Hoppe | DDR | 100 min | 1:2,35 | f | 25. Juni 1967


# 1208 | 8. Januar 2021