18.12.58

Some Came Running (Vincente Minnelli, 1958)

Verdammt sind sie alle 

Tomographie einer amerikanischen Kleinstadt: Nach 16 Jahren kehrt der blockiert-verkrachte Schriftsteller Dave (Frank Sinatra) in seine Heimat zurück; im Gepäck trägt er viel Hader – mit sich und mit der Welt seines älteren Bruders (Arthur Kennedy), eines bigotten Gliedes der sogenannten besseren Gesellschaft. Untermalt von Elmer Bernsteins bald lyrisch-melancholischen, bald bedrohlich stampfenden Kompositionen, entwirft Vincente Minnelli das trostlos-ergreifende Cinema-Scope-Bild (Kamera: William H. Daniels) einer Lebensart, die von Frustration, Kleingeistigkeit, emotionaler Vereisung und Alkohol beherrscht wird. Beziehungen, Talente, Hoffnungen – alles ist irgendwie verpfuscht, und Mitleid scheint auf diesem Jahrmarkt der Traurigkeiten das höchste der möglichen Gefühle. Dean Martin verkörpert (als Inkarnation seiner selbst) einen professionellen Spieler, der – in einer hochprozentigen splendid isolation lebend – niemals den Hut absetzt (nur einmal, ganz zum Schluß, wird er ihn lüften); Martha Hyer flüchtet sich als hochmütig-mutlose Lehrerin ins platonische Unglück; im heimlichen Zentrum der Erzählung steht die von Shirley MacLaine gespielte Ginny: Das (nur vordergründig) sonnige Doofchen mit der rührenden Plüschtiertasche ist weit und breit die einzige, die in der Lage ist, ganz unverstellt Liebe zu geben und zu zeigen – im apokalyptisch illuminierten Finale wird ihr genau das zum Verhängnis. In seiner expressiv-analytischen Überspanntheit wirkt »Some Came Running« wie ein von Frank Tashlin inszeniertes Douglas-Sirk-Melodram.

R Vincente Minnelli B John Patrick, Arthur Sheekman V James Jones K William H. Daniels M Elmer Bernstein A William A. Horning, Urie McCleary S Adrienne Fazan P Sol C. Siegel D Frank Sinatra, Dean Martin, Shirley MacLaine, Arthur Kennedy, Martha Hyer | USA | 137 min | 1:2,35 | f | 18. Dezember 1958

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