Das Geld
»O argent, dieu visible, qu’est-ce que tu ne nous ferais pas faire.« Das Geld, schrieb Marx (auf eine Textstelle aus Shakespeares »Timon von Athen« verweisend), sei die sichtbare Gottheit, die Verwandlung aller menschlichen und natürlichen Eigenschaften in ihr Gegenteil, die allgemeine Verwechslung und Verkehrung der Dinge: Es verwandele die Treue in Untreue, die Liebe in Haß, die Tugend in Laster. Robert Bressons illusionslose Modellanordnung (nach einer literarischen Vorlage von Tolstoi) macht diese Eigenschaft des Geldes in glasklaren Bildern und Tönen anschaulich. Ein Halbwüchsiger bekommt von seinem Vater keinen Vorschuß aufs Taschengeld; mit einem Kameraden bringt er eine gefälschte Banknote in Umlauf; der geprellte Händler gibt die Blüte (und zwei weitere) an einen jungen Heizöllieferanten weiter, dessen Leben als Folge dieser Übervorteilung in Stücke bricht. »L’argent« zeigt, visuell und narrativ auf das Wesentliche konzentriert, den menschlichen Absturz des Protagonisten (bis hin zu mehrfachem Raubmord) als Konsequenz der verkehrenden Macht des Geldes in einer Welt, die nur die Wahl von Täuschung oder Betrogensein, von Sterben oder Töten läßt. Die vergebende Güte, die diesem Prinzip in Gestalt einer »petite femme« entgegentritt (»Si j’étais Dieu et s’il n’était que de moi, je pardonnerais à tout le monde.«), hat angesichts der allseits waltenden Zerstörungskräfte keine irdische Chance.
R Robert Bresson B Robert Bresson V Leo Tolstoi K Pasqualino de Santis, Emmanuel Machuel M Johann Sebastian Bach A Pierre Guffroy Ko Monique Dury S Jean-François Naudon P Jean-Marc Henchoz, Daniel Toscan du Plantier D Christian Patey, Vincent Risterucci, Caroline Lang, Sylvie van den Elsen, Béatrice Tabourin | F & CH | 85 min | 1:1,66 | f | 18. Mai 1983
# 1121 | 3. Juni 2018
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18.5.83
27.10.82
Une chambre en ville (Jacques Demy, 1982)
Ein Zimmer in der Stadt
»Le ciel de Nantes rend mon cœur chagrin.« (Barbara) ... Eine einfache Geschichte von Liebe und Tod: Ein unbemittelter Arbeiter, dessen Freundin ein Kind erwartet, und eine Frau aus sogenannten besseren Kreisen, deren Ehemann vor Eifersucht rast, entbrennen füreinander in unbändiger Leidenschaft. Der Schauplatz ist die westfranzösische Hafenstadt Nantes. Das Jahr ist 1955. Jacques Demy siedelt seine (nicht unblutige) tragi-comédie enchantée im historisch-politischen Umfeld des großen Streiks der Werftarbeiter an. Handlung und Charaktere sind so schlicht wie ergreifend: Wie von den Karten geweissagt, rauschen François (Richard Berry als sexy-sensibler Proletarier) und Edith (Dominique Sanda als auserlesen-unbürgerliche Venus im Pelz) aufeinander zu wie zwei aus der Bahn geratene Himmelskörper, und mit ebendieser Wucht erfüllt sich ihr irdisches Schicksal. An ihrer Seite agieren Danielle Darrieux als aristokratische Zimmerwirtin und besorgte Mutter, die nicht ganz so sittenfest ist, wie sie vorgibt, Michel Piccoli als besitzergreifender Fernsehhändler, dessen Impotenz sich in (Selbst-)Zerstörungswut verwandelt, und Fabienne Guyon als veilchenhaftes Geschöpf, das seinen rosa Traum vom kleinbürgerlichen Glück zerplatzen sieht. Mit »Une chambre en ville« kehrt Demy zurück, in die Zeit seiner Jugend, in seine Heimatstadt, zur Form der »opéra populaire«, die er mit »Les parapluies de Cherbourg« erfand, zurück auch in die passage Pommeraye, durch die einst Lola, die Heldin seines ersten Spielfilms, flanierte. Doch es ist keine fröhliche Heimkehr, kein glückliches Wiedersehen, es ist ein trauriger letzter Besuch, um (singend) Abschied zu nehmen. PS: Demys Haus- und Herzenskomponist Michel Legrand findet das alles zu dunkel, zu schwer; die Musik des Films schreibt ein anderer: Michel Colombier, der schon für Schattenmänner wie Melville, Labro und Friedkin gearbeitet hat.
R Jacques Demy B Jacques Demy K Jean Penzer M Michel Colombier A Bernard Evein Ko Rosalie Varda S Sabine Mamou P Christine Gouze-Rénal D Dominique Sanda, Richard Berry, Danielle Darrieux, Michel Piccoli, Fabienne Guyon | F | 90 min | 1:1,66 | f | 27. Oktober 1982
# 1122 | 5. Juni 2018
»Le ciel de Nantes rend mon cœur chagrin.« (Barbara) ... Eine einfache Geschichte von Liebe und Tod: Ein unbemittelter Arbeiter, dessen Freundin ein Kind erwartet, und eine Frau aus sogenannten besseren Kreisen, deren Ehemann vor Eifersucht rast, entbrennen füreinander in unbändiger Leidenschaft. Der Schauplatz ist die westfranzösische Hafenstadt Nantes. Das Jahr ist 1955. Jacques Demy siedelt seine (nicht unblutige) tragi-comédie enchantée im historisch-politischen Umfeld des großen Streiks der Werftarbeiter an. Handlung und Charaktere sind so schlicht wie ergreifend: Wie von den Karten geweissagt, rauschen François (Richard Berry als sexy-sensibler Proletarier) und Edith (Dominique Sanda als auserlesen-unbürgerliche Venus im Pelz) aufeinander zu wie zwei aus der Bahn geratene Himmelskörper, und mit ebendieser Wucht erfüllt sich ihr irdisches Schicksal. An ihrer Seite agieren Danielle Darrieux als aristokratische Zimmerwirtin und besorgte Mutter, die nicht ganz so sittenfest ist, wie sie vorgibt, Michel Piccoli als besitzergreifender Fernsehhändler, dessen Impotenz sich in (Selbst-)Zerstörungswut verwandelt, und Fabienne Guyon als veilchenhaftes Geschöpf, das seinen rosa Traum vom kleinbürgerlichen Glück zerplatzen sieht. Mit »Une chambre en ville« kehrt Demy zurück, in die Zeit seiner Jugend, in seine Heimatstadt, zur Form der »opéra populaire«, die er mit »Les parapluies de Cherbourg« erfand, zurück auch in die passage Pommeraye, durch die einst Lola, die Heldin seines ersten Spielfilms, flanierte. Doch es ist keine fröhliche Heimkehr, kein glückliches Wiedersehen, es ist ein trauriger letzter Besuch, um (singend) Abschied zu nehmen. PS: Demys Haus- und Herzenskomponist Michel Legrand findet das alles zu dunkel, zu schwer; die Musik des Films schreibt ein anderer: Michel Colombier, der schon für Schattenmänner wie Melville, Labro und Friedkin gearbeitet hat.
R Jacques Demy B Jacques Demy K Jean Penzer M Michel Colombier A Bernard Evein Ko Rosalie Varda S Sabine Mamou P Christine Gouze-Rénal D Dominique Sanda, Richard Berry, Danielle Darrieux, Michel Piccoli, Fabienne Guyon | F | 90 min | 1:1,66 | f | 27. Oktober 1982
# 1122 | 5. Juni 2018
18.2.82
Die Sehnsucht der Veronika Voss (Rainer Werner Fassbinder, 1982)
»Memories are made of this.« Nach Maria Braun und Lola, deren Blicke starr in die Zukunft gerichtet sind, stellt das zuletzt gedrehte Mittelstück von Rainer Werner Fassbinders BRD-Trilogie, angelehnt an das Schicksal des Ufa-Stars Sybille Schmitz, eine Frau ins Zentrum, die von der Vergangenheit beherrscht wird. München, 1955: Eine gewesene Filmgröße kauft sich die künstlichen Paradiese von Flucht (ins strahlende Gestern) und Vergessen (der tristen Gegenwart) bei einer alles Unglück sorgfältig berechnenden Nervenärztin. Ein Sportreporter verliebt sich in die strahlend-kaputte Diva, will sie retten, scheitert, verliert alles, macht irgendwie weiter. Mehr als die anderen Teile der Reihe ist »Die Sehnsucht der Veronika Voss« ein grandioser Schauspielerfilm: Rosel Zech (in der Titelrolle): wunderschön, depressiv, hysterisch; Hilmar Thate (als Journalist Robert Krohn): zerknautscht, alkoholisch, verunsichert; Cornelia Froboess (als Roberts Freundin Henriette): ironisch, klug, abgekämpft; Annemarie Düringer (als Veronikas Ärztin Dr. Katz): kalt, lächelnd, tödlich. Die Zeit, in der diese Menschen leben, ist friedlich, verlogen, sentimental. Das Land, das sie bevölkern, ist geschunden, grausam, verstört. Erinnerungen an früher sind nicht totzukriegen, nur mit Morphium zu ertragen. Die einen denken zurück an Babelsberg, die anderen an Treblinka. Massenkunst und Massenvernichtung – Traumfabrik und industrielle Tötung erscheinen als zwei Seiten einer Medaille, und den Überlebenden ist in beiden Fällen nur Aufschub gewährt: »You can't beat the memories you gave-a me.« Das Werk ähnelt einer Frottage: die Schrecken der vierziger Jahre durchgerieben auf die Oberfläche der fünfziger. Fassbinder bedient sich, um Traditionslinien kenntlich zu machen, offensiv traditioneller kinematographischr Mittel: Trickblenden und Sternchenfilter, artifizielle Bauten und dramatische Beleuchtungseffekte. Sein Film ist überdeutlich »gemacht«, ausdrücklich »hergestellt«: ein giftiges Melodram, ein weißlackierter Film noir, eine Erzählung über Licht und Schatten, Schmerz und Rausch, über den Irrglauben an den Sieg und die Realität der Niederlage.
R Rainer Werner Fassbinder B Peter Märthesheimer, Pea Fröhlich, Rainer Werner Fassbinder K Xaver Schwarzenberger M Peer Raben A Rolf Zehetbauer Ko Barbara Baum S Juliane Lorenz P Thomas Schühly D Rosel Zech, Hilmar Thate, Annemarie Düringer, Cornelia Froboess, Doris Schade | BRD | 104 min | 1:1,66 | sw | 18. Februar 1982
# 1116 | 29. Mai 2018
R Rainer Werner Fassbinder B Peter Märthesheimer, Pea Fröhlich, Rainer Werner Fassbinder K Xaver Schwarzenberger M Peer Raben A Rolf Zehetbauer Ko Barbara Baum S Juliane Lorenz P Thomas Schühly D Rosel Zech, Hilmar Thate, Annemarie Düringer, Cornelia Froboess, Doris Schade | BRD | 104 min | 1:1,66 | sw | 18. Februar 1982
# 1116 | 29. Mai 2018
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15.1.82
One from the Heart (Francis Ford Coppola, 1982)
Einer mit Herz
»Is there any way out of this dream?« Kaum erholt von den Strapazen seines höchstpersönlichen Dschungelkrieges (widely known as »Apocalypse Now«), stürzt sich Francis (Ford) Coppola in die nächste extravagante Maßlosigkeit: auch die ultrabanale Las-Vegas-Lovestory um Hank und Frannie, die am fünften Jahrestag ihres Kennenlernens im Streit auseinandergehen, um einander nach kurzen amourösen Abstechern wieder tränenreich in die Arme zu sinken, gerät dem Zampano des »New Hollywood« zur überkandidelten Superproduktion. Zugleich auf der Suche nach dem Glanz längst vergangener Traumfabrik-Zeiten und besessen von den unbegrenzten (?) Möglichkeiten des elektronischen Filmemachens, generiert Coppola eine neo(n)-barocke Farborgie (Kamera: Vittorio Storaro), ein popartiges Album sensationeller set pieces (Bauten: Dean Tavoularis), eine – streckenweise erstaunlich behäbig inszenierte – Revue romantischer Musterbilder (Musik: Tom Waits). Zusammengehalten durch nichts als den schieren Willen zur Größe, mangelt es dem retro-avantgardistischen Panoptikum alles in allem – ausgerechnet – an Herz: weder Frederic Forrest (als selbstgefälliger Spießer) noch Teri Garr (als oberflächliche Eskapistin) entwickeln mehr Attraktion als austauschbare Lichtdoubles, und ihre Liebe erscheint so tief wie der Widerschein von Leuchtreklamen im nassen Asphalt einer Kulissenstraße.
R Francis Ford Coppola B Francis Ford Coppola, Armyan Bernstein K Vittorio Storaro, Ronald Víctor García M Tom Waits A Dean Tavoularis Ko Ruth Morley S Anne Goursaud, Randy Roberts, Rudi Fehr P Fred Roos, Gray Frederickson D Teri Garr, Frederic Forrest, Raul Julia, Nastassja Kinski, Harry Dean Stanton | USA | 108 min | 1:1,37 | f | 15. Januar 1982
# 1130 | 28. Juni 2018
»Is there any way out of this dream?« Kaum erholt von den Strapazen seines höchstpersönlichen Dschungelkrieges (widely known as »Apocalypse Now«), stürzt sich Francis (Ford) Coppola in die nächste extravagante Maßlosigkeit: auch die ultrabanale Las-Vegas-Lovestory um Hank und Frannie, die am fünften Jahrestag ihres Kennenlernens im Streit auseinandergehen, um einander nach kurzen amourösen Abstechern wieder tränenreich in die Arme zu sinken, gerät dem Zampano des »New Hollywood« zur überkandidelten Superproduktion. Zugleich auf der Suche nach dem Glanz längst vergangener Traumfabrik-Zeiten und besessen von den unbegrenzten (?) Möglichkeiten des elektronischen Filmemachens, generiert Coppola eine neo(n)-barocke Farborgie (Kamera: Vittorio Storaro), ein popartiges Album sensationeller set pieces (Bauten: Dean Tavoularis), eine – streckenweise erstaunlich behäbig inszenierte – Revue romantischer Musterbilder (Musik: Tom Waits). Zusammengehalten durch nichts als den schieren Willen zur Größe, mangelt es dem retro-avantgardistischen Panoptikum alles in allem – ausgerechnet – an Herz: weder Frederic Forrest (als selbstgefälliger Spießer) noch Teri Garr (als oberflächliche Eskapistin) entwickeln mehr Attraktion als austauschbare Lichtdoubles, und ihre Liebe erscheint so tief wie der Widerschein von Leuchtreklamen im nassen Asphalt einer Kulissenstraße.
R Francis Ford Coppola B Francis Ford Coppola, Armyan Bernstein K Vittorio Storaro, Ronald Víctor García M Tom Waits A Dean Tavoularis Ko Ruth Morley S Anne Goursaud, Randy Roberts, Rudi Fehr P Fred Roos, Gray Frederickson D Teri Garr, Frederic Forrest, Raul Julia, Nastassja Kinski, Harry Dean Stanton | USA | 108 min | 1:1,37 | f | 15. Januar 1982
# 1130 | 28. Juni 2018
20.8.81
Lola (Rainer Werner Fassbinder, 1981)
»In einer Demokratie muß man ja alles Mögliche genehmigen.« 1957: Ein neuer Baudezernent kommt in die Stadt, zugleich korrekt-altmodisch und aufgeschlossen-modern. Die expansiven Kräfte gelte es zu unterstützen, verkündet Herr von Bohm (Armin Mueller-Stahl) bei seinem Amtsantritt. Er verliebt sich in die attraktive Marie-Louise (Barbara Sukowa), geht tags mit ihr wandern, nicht ahnend, daß sie nachts die Hure Lola ist und zudem Geliebte von Schuckert (Mario Adorf), dem führenden Bauunternehmer des Ortes: »Ein Mensch hat viele Gesichter.« Als er seine Gefühle verraten sieht, wird der Moralist zum Don Quijote, der gegen die Windmühlen des Systems reitet. Das Kartell aus guten Familien und Banken, aus Politik und Presse erweist sich indes als ebenso widerstandsfähig wie flexibel. Am Ende steht eine gelungene Integration, und auch Lola, die bislang beklagte, daß man sie »nicht richtig mitmachen« lasse, wird vom Establishment adoptiert. Inspiriert von Heinrich Manns »Professor Unrat«, entwirft Rainer Werner Fassbinder ein schrilles Panorama der bürgerlichen Welt »in stampfender, rollender Zeit«: Im 3. Teil seiner BRD-Trilogie zeigt er die Welt als Puff, das allgegenwärtige Kaufen und Verkaufen, die Lust am Profit und die wechselseitige Befriedigung von Bedürfnissen. Die übertriebene Buntheit der Bilder erinnert an die Cartoon-Palette eines Frank Tashlin, wie auch an Edward Dmytryks rosa-azurblau schillerndes Fünfziger-Jahre-Remake des »Blauen Engel«, das den Mann-Roman ebenfalls in ein deutsches Provinznest der Nachkriegszeit verlegte. Die Sicht auf die allgegenwärtige Korruption ist bitter und aufgekratzt zugleich – »Lola« verbindet als knallige Sittenkomödie sarkastische Schärfe und resignative Fröhlichkeit: »Deswegen nennen wir unsere Marktwirtschaft sozial, weil für jeden etwas hängen bleibt.«
R Rainer Werner Fassbinder B Peter Märthesheimer, Pea Fröhlich, Rainer Werner Fassbinder K Xaver Schwarzenberger M Peer Raben A Rolf Zehetbauer Ko Barbara Baum S Juliane Lorenz, Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Horst Wendlandt D Barbara Sukowa, Armin Mueller-Stahl, Mario Adorf, Karin Baal, Matthias Fuchs, Ivan Desny | BRD | 113 min | 1:1,66 | f | 20. August 1981
# 1115 | 29. Mai 2018
R Rainer Werner Fassbinder B Peter Märthesheimer, Pea Fröhlich, Rainer Werner Fassbinder K Xaver Schwarzenberger M Peer Raben A Rolf Zehetbauer Ko Barbara Baum S Juliane Lorenz, Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Horst Wendlandt D Barbara Sukowa, Armin Mueller-Stahl, Mario Adorf, Karin Baal, Matthias Fuchs, Ivan Desny | BRD | 113 min | 1:1,66 | f | 20. August 1981
# 1115 | 29. Mai 2018
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14.1.81
Lili Marleen (Rainer Werner Fassbinder, 1981)
»Und vor allem: mit viel mehr Gefühl!« Es war einmal im Dritten Reich: In einer meisterhaft simmelesken Verschmelzung (man könnte auch sagen: Verschmalzung) von Liebesdrama und Zeithistorie blättert Rainer Werner Fassbinder (nach einem Drehbuch des gewiegten Emotionsexploiteurs Manfred Purzer) den großen Schicksalsroman der ehrgeizig-treuherzigen Sängerin Willie Bunterberg (Hanna Schygulla) auf, folgt dem verschlungenen Lebensweg der sentimental-sinnlichen Diseuse zwischen Scheinfrieden und Weltkrieg, Bumslokal und Showbühne, Widerstand und Führerempfang, geilen Nazis und scharfen Juden. »Der Himmel hat viele Farben«, nannte Lale Andersen – Interpretin der melancholischen Schlagerballade »Lili Marleen«, der legendären »Schnulze mit den Totentanzgeruch« (Joseph Goebbels) –, Bunterbergs Vorbild aus dem sogenannten richtigen Leben, ihre Memoiren; und viele Farben hat auch »Lilli Marleen«, der Film: Selten waren die Nächte so blau, die Lippen so rot, die Klischees so grell. Fassbinder (der nach guter, alter Tradition als »Spielleiter« des Werks figuriert) zieht für seine radikal schwülstige, mit Sternchenfilter und Weichzeichner überzogene Großdeutschland-Revue wirksam alle Register der einst von der Ufa und von Hollywood gestimmten Gefühlsorgel. Seriös-abgewogene Erinnerungskultur sieht anders aus, hört sich anders an, aber wie sagte ein intellektueller Nationalsozialist so schön: »Wenn ich ›Kultur‹ höre, entsichere ich meinen Browning.«
R Rainer Werner Fassbinder B Manfred Purzer, Rainer Werner Fassbinder V Lale Andersen K Xaver Schwarzenberger M Peer Raben A Rolf Zehetbauer Ko Barbara Baum S Juliane Lorenz, Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Luggi Waldleitner D Hanna Schygulla, Giancarlo Giannini, Mel Ferrer, Erik Schumann, Hark Bohm | BRD | 120 min | 1:1,66 | f | 14. Januar 1981
# 1114 | 29. Mai 2018
R Rainer Werner Fassbinder B Manfred Purzer, Rainer Werner Fassbinder V Lale Andersen K Xaver Schwarzenberger M Peer Raben A Rolf Zehetbauer Ko Barbara Baum S Juliane Lorenz, Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Luggi Waldleitner D Hanna Schygulla, Giancarlo Giannini, Mel Ferrer, Erik Schumann, Hark Bohm | BRD | 120 min | 1:1,66 | f | 14. Januar 1981
# 1114 | 29. Mai 2018
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Zweiter Weltkrieg
14.6.80
Le dernier métro (François Truffaut, 1980)
Die letzte Metro
1942. Paris ist von den Deutschen besetzt. Im théâtre Montmartre wird ein neues Stück geprobt. Lucas Steiner (Heinz Bennent), jüdischer Intendant und Besitzer der Spielstätte, ist untergetaucht. Seine Frau Marion (Catherine Deneuve), umschwärmter Star des Hauses, bemüht sich nach Kräften, den Betrieb am Laufen zu halten. Der hitzköpfige Nachwuchsschauspieler Bernard Granger (Gérard Depardieu) ist ihr dabei nicht nur eine Hilfe … Eine delikate Dreieckskonstellation als Aufhänger eines atmosphärischen Zeitbildes: François Truffaut, der die Okkupation seiner Geburtsstadt als Kind erlebte, erinnert (sich) an Schwarzmarkt und Sperrstunde, an Widerstand und Kollaboration, gestaltet seinen Film jedoch nicht als düsteres Panorama, eher als schillerndes Divertimento, als Aufeinanderfolge schlaglichtartiger (Alltags-)Beobachtungen. Ein geschmuggelter Schinken im Cellokasten, aufgemalte Seidenstrümpfe oder Autoscheinwerfer, die als Bühnenbeleuchtung dienen, haben die gleiche erzählerische Relevanz wie antisemitische Hetzreden im Rundfunk, nächtliche Besuche der Gestapo oder das Leben im Kellerversteck. Daß »Le dernier métro« über besinnliches Qualitätskino dennoch weit hinausgeht, verdankt sich neben Truffauts tiefem Humanismus und dem differenzierten Spiel der Darsteller insbesondere der dramaturgischen Idee, einen der Handelnden aus dem Spiel zu nehmen, das er gleichwohl lenkt: Lucas Steiner, der zwangsweise »Verschwundene«, inszeniert das Drama »La disparue«, von seinem heimlichen Zufluchtsort unter der Bühne aus – so wird er zum Symbol des Geächteten, das eben nicht verschwindet, das sich nicht sang- und klanglos vernichten läßt, das fortbesteht und weiterwirkt.
R François Truffaut B François Truffaut, Suzanne Schiffman, Jean-Claude Grumberg K Nestor Almendros M Georges Delerue A Jean-Pierre Kohout-Svelko Ko Lisele Roos S Martine Barraqué P François Truffaut D Catherine Deneuve, Gérard Depardieu, Heinz Bennent, Andréa Ferréol, Jean Poiré, Jean-Louis Richard | F | 131 min | 1:1,66 | f | 16. September 1980
# 950 | 3. Juni 2015
1942. Paris ist von den Deutschen besetzt. Im théâtre Montmartre wird ein neues Stück geprobt. Lucas Steiner (Heinz Bennent), jüdischer Intendant und Besitzer der Spielstätte, ist untergetaucht. Seine Frau Marion (Catherine Deneuve), umschwärmter Star des Hauses, bemüht sich nach Kräften, den Betrieb am Laufen zu halten. Der hitzköpfige Nachwuchsschauspieler Bernard Granger (Gérard Depardieu) ist ihr dabei nicht nur eine Hilfe … Eine delikate Dreieckskonstellation als Aufhänger eines atmosphärischen Zeitbildes: François Truffaut, der die Okkupation seiner Geburtsstadt als Kind erlebte, erinnert (sich) an Schwarzmarkt und Sperrstunde, an Widerstand und Kollaboration, gestaltet seinen Film jedoch nicht als düsteres Panorama, eher als schillerndes Divertimento, als Aufeinanderfolge schlaglichtartiger (Alltags-)Beobachtungen. Ein geschmuggelter Schinken im Cellokasten, aufgemalte Seidenstrümpfe oder Autoscheinwerfer, die als Bühnenbeleuchtung dienen, haben die gleiche erzählerische Relevanz wie antisemitische Hetzreden im Rundfunk, nächtliche Besuche der Gestapo oder das Leben im Kellerversteck. Daß »Le dernier métro« über besinnliches Qualitätskino dennoch weit hinausgeht, verdankt sich neben Truffauts tiefem Humanismus und dem differenzierten Spiel der Darsteller insbesondere der dramaturgischen Idee, einen der Handelnden aus dem Spiel zu nehmen, das er gleichwohl lenkt: Lucas Steiner, der zwangsweise »Verschwundene«, inszeniert das Drama »La disparue«, von seinem heimlichen Zufluchtsort unter der Bühne aus – so wird er zum Symbol des Geächteten, das eben nicht verschwindet, das sich nicht sang- und klanglos vernichten läßt, das fortbesteht und weiterwirkt.
R François Truffaut B François Truffaut, Suzanne Schiffman, Jean-Claude Grumberg K Nestor Almendros M Georges Delerue A Jean-Pierre Kohout-Svelko Ko Lisele Roos S Martine Barraqué P François Truffaut D Catherine Deneuve, Gérard Depardieu, Heinz Bennent, Andréa Ferréol, Jean Poiré, Jean-Louis Richard | F | 131 min | 1:1,66 | f | 16. September 1980
# 950 | 3. Juni 2015
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Zweiter Weltkrieg
21.5.80
Mon oncle d’Amérique (Alain Resnais, 1980)
Mein Onkel aus Amerika
»La seule raison d’être d'un être, c’est d’être.« Wie eigentlich funktioniert der Mensch? Der Verhaltensbiologe Henri Laborit erläutert seine diesbezüglichen (Hypo-)Thesen, aus denen Jean Gruault eine Filmerzählung für Alain Resnais generiert. Der einzige Grund eines Lebewesens zu leben ist zu leben, seine Struktur zu bewahren, weiterzuleben. Drei Lebewesen, drei Versuchstiere: Jean Le Gall, großbürgerlich-intellektueller Technokrat; Janine Garnier, Schauspielerin aus kommunistischer Pariser Familie; René Ragueneau, leitender Angestellter mit bäuerlichen Wurzeln. »Mon oncle d’Amérique«, angelegt wie eine populärwissenschaftliche Enquête, entfaltet und verwickelt die Biographien der drei Protagonisten, um Laborits Theorien über die Anlage des dreistufigen menschlichen Gehirns zu illustrieren: die (Basis-)Triebe des Selbsterhalts und der Fortpflanzung; die Gefühle und die Erinnerung: Glück und Trauer, Angst und Zorn und Liebe (ein lebendes Wesen, sagt Laborit, ist ein Gedächtnis, das handelt); die Fähigkeit zu assoziieren, zu erfinden, Imaginäres zu realisieren. Wie eigentlich funktioniert ein Film? »Mon oncle d’Amérique« beobachtet nicht nur das Verhalten der drei Anschauungsobjekte in Bezug auf ihre Umgebung (wir, sagt Laborit, sind Produkte der anderen, wenn wir sterben, sterben all jene, die uns gemacht haben), zeigt nicht nur Selbsterhaltung, nicht nur Verlangen nach Belohnung und Furcht vor Strafe, nicht nur Menschen auf der Flucht oder im Kampf oder von den äußeren Umständen gelähmt: Indem Resnais die Hauptfiguren seines Films immer wieder mit historischen Leinwandheld(inn)en kurzschließt – Roger Pierre (Jean) und Danielle Darrieux; Nicole Garcia (Janine) und Jean Marais; Gérard Depardieu (René) und Jean Gabin –, studiert er (ganz spielerisch, ohne endgültige Ergebnisse zu postulieren) mit der Natur des Menschen auch das Wesen des Kinos. PS: »L'Amérique, ça n'existe pas … Je le sais, j'y ai vécu.«
R Alain Resnais B Jean Gruault V Henri Laborit K Sacha Vierny M Arié Dzierlatka A Jacques Saulnier Ko Catherine Leterrier S Albert Jurgenson P Philippe Dussart D Roger Pierre, Nicole Garcia, Gérard Depardieu, Pierre Arditi, Henri Laborit | F | 125 min | 1:1,66 | f | 21. Mai 1980
»La seule raison d’être d'un être, c’est d’être.« Wie eigentlich funktioniert der Mensch? Der Verhaltensbiologe Henri Laborit erläutert seine diesbezüglichen (Hypo-)Thesen, aus denen Jean Gruault eine Filmerzählung für Alain Resnais generiert. Der einzige Grund eines Lebewesens zu leben ist zu leben, seine Struktur zu bewahren, weiterzuleben. Drei Lebewesen, drei Versuchstiere: Jean Le Gall, großbürgerlich-intellektueller Technokrat; Janine Garnier, Schauspielerin aus kommunistischer Pariser Familie; René Ragueneau, leitender Angestellter mit bäuerlichen Wurzeln. »Mon oncle d’Amérique«, angelegt wie eine populärwissenschaftliche Enquête, entfaltet und verwickelt die Biographien der drei Protagonisten, um Laborits Theorien über die Anlage des dreistufigen menschlichen Gehirns zu illustrieren: die (Basis-)Triebe des Selbsterhalts und der Fortpflanzung; die Gefühle und die Erinnerung: Glück und Trauer, Angst und Zorn und Liebe (ein lebendes Wesen, sagt Laborit, ist ein Gedächtnis, das handelt); die Fähigkeit zu assoziieren, zu erfinden, Imaginäres zu realisieren. Wie eigentlich funktioniert ein Film? »Mon oncle d’Amérique« beobachtet nicht nur das Verhalten der drei Anschauungsobjekte in Bezug auf ihre Umgebung (wir, sagt Laborit, sind Produkte der anderen, wenn wir sterben, sterben all jene, die uns gemacht haben), zeigt nicht nur Selbsterhaltung, nicht nur Verlangen nach Belohnung und Furcht vor Strafe, nicht nur Menschen auf der Flucht oder im Kampf oder von den äußeren Umständen gelähmt: Indem Resnais die Hauptfiguren seines Films immer wieder mit historischen Leinwandheld(inn)en kurzschließt – Roger Pierre (Jean) und Danielle Darrieux; Nicole Garcia (Janine) und Jean Marais; Gérard Depardieu (René) und Jean Gabin –, studiert er (ganz spielerisch, ohne endgültige Ergebnisse zu postulieren) mit der Natur des Menschen auch das Wesen des Kinos. PS: »L'Amérique, ça n'existe pas … Je le sais, j'y ai vécu.«
R Alain Resnais B Jean Gruault V Henri Laborit K Sacha Vierny M Arié Dzierlatka A Jacques Saulnier Ko Catherine Leterrier S Albert Jurgenson P Philippe Dussart D Roger Pierre, Nicole Garcia, Gérard Depardieu, Pierre Arditi, Henri Laborit | F | 125 min | 1:1,66 | f | 21. Mai 1980
# 817 | 21. Dezember 2013
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Gruault,
Kindheit,
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Wirtschaft,
Wissenschaft
12.4.80
Bad Timing (Nicolas Roeg, 1980)
Blackout – Anatomie einer Leidenschaft
»They’re happy.« – »That’s because they don’t know each other well enough yet.« Gemälde von Gustav Klimt und Egon Schiele. »Der Kuß« und »Der Tod und das Mädchen«. Ein Mann, eine Frau, versunken in die Betrachtung der Bilder. Tom Waits singt: » Well, it's just an invitation to the blues.« Ein Rettungswagen rast durch das nächtliche Wien. Eine Frau, bewußtlos, ein Mann, sprachlos. Milena (Theresa Russell) hat einen Selbstmordversuch unternommen, ihr Freund Alex (Art Garfunkel) hat sie gefunden. Ein Inspektor (Harvey Keitel) untersucht Milenas Fall, um Widersprüche in Alex’ Aussagen aufzuklären. Noch radikaler als in seinen vorhergehenden Werken hebt Nicolas Roeg in »Bad Timing« die Chronologie die Ereignisse auf. Zeitschichten existieren im Universum des Films parallel, Gestern und Heute (und Morgen) bilden das Mosaik eines erotischen Melodramas, eines psychologischen Thrillers, einer unsentimentalen Beziehungsstudie. »If we don’t meet, there could always be the possibility that it would have been perfect.« Das Verhältnis zwischen dem kontrollierten Intellektuellen (der am Geburtsort der Psychoanalyse die Geheimnisse der Seele erforscht) und der impulsiven Hedonistin (die Symptome einer bipolaren Störung zeigt) entwickelt die hohe Gefühlsamplitude eines amour fou – einerseits Überschwang bis zur Hysterie, andererseits Depression bis zur (Selbst-)Zerstörung. »Leave and you kill me, leave and I’m dead.« Alex’ beharrliches Dominanzstreben, seine obsessive Eifersucht, Milenas unstillbarer Liebeshunger, ihre aggressive Freizügigkeit lassen die Affäre schließlich in ein Debakel münden. Ein Koma, eine Vergewaltigung, eine Nacht im Krankenhaus. Ein stummes Wiedersehen, nach Jahren, in einer anderen Stadt. Eine Narbe. Ein Fluß, über den keine Brücke führt. Billie Holiday singt: » The same old story. It's as old as the stars above.«
R Nicolas Roeg B Yale Udoff K Anthony Richmond M diverse A David Brockhurst Ko Marit Allen S Tony Lawson P Jeremy Thomas D Art Garfunkel, Theresa Russell, Harvey Keitel, Denholm Elliott, Daniel Massey | UK | 123 min | 1:2,35 | f | 12. April 1980
# 1064 | 31. Juli 2017
»They’re happy.« – »That’s because they don’t know each other well enough yet.« Gemälde von Gustav Klimt und Egon Schiele. »Der Kuß« und »Der Tod und das Mädchen«. Ein Mann, eine Frau, versunken in die Betrachtung der Bilder. Tom Waits singt: » Well, it's just an invitation to the blues.« Ein Rettungswagen rast durch das nächtliche Wien. Eine Frau, bewußtlos, ein Mann, sprachlos. Milena (Theresa Russell) hat einen Selbstmordversuch unternommen, ihr Freund Alex (Art Garfunkel) hat sie gefunden. Ein Inspektor (Harvey Keitel) untersucht Milenas Fall, um Widersprüche in Alex’ Aussagen aufzuklären. Noch radikaler als in seinen vorhergehenden Werken hebt Nicolas Roeg in »Bad Timing« die Chronologie die Ereignisse auf. Zeitschichten existieren im Universum des Films parallel, Gestern und Heute (und Morgen) bilden das Mosaik eines erotischen Melodramas, eines psychologischen Thrillers, einer unsentimentalen Beziehungsstudie. »If we don’t meet, there could always be the possibility that it would have been perfect.« Das Verhältnis zwischen dem kontrollierten Intellektuellen (der am Geburtsort der Psychoanalyse die Geheimnisse der Seele erforscht) und der impulsiven Hedonistin (die Symptome einer bipolaren Störung zeigt) entwickelt die hohe Gefühlsamplitude eines amour fou – einerseits Überschwang bis zur Hysterie, andererseits Depression bis zur (Selbst-)Zerstörung. »Leave and you kill me, leave and I’m dead.« Alex’ beharrliches Dominanzstreben, seine obsessive Eifersucht, Milenas unstillbarer Liebeshunger, ihre aggressive Freizügigkeit lassen die Affäre schließlich in ein Debakel münden. Ein Koma, eine Vergewaltigung, eine Nacht im Krankenhaus. Ein stummes Wiedersehen, nach Jahren, in einer anderen Stadt. Eine Narbe. Ein Fluß, über den keine Brücke führt. Billie Holiday singt: » The same old story. It's as old as the stars above.«
R Nicolas Roeg B Yale Udoff K Anthony Richmond M diverse A David Brockhurst Ko Marit Allen S Tony Lawson P Jeremy Thomas D Art Garfunkel, Theresa Russell, Harvey Keitel, Denholm Elliott, Daniel Massey | UK | 123 min | 1:2,35 | f | 12. April 1980
# 1064 | 31. Juli 2017
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20.12.79
All That Jazz (Bob Fosse, 1979)
Hinter dem Rampenlicht
»It’s showtime, folks!« Egomaner Workaholic, unersättlicher Schürzenjäger, ketterauchender Amphetamin-Junkie, perfektionistischer Alleskönner (und -woller) – Joe Gideon (Roy Scheider als Bob-Fosse-Substitut), als Regisseur am Broadway so erfolgreich wie in Hollywood, emotional hin- und hergerissen zwischen Exfrau und Freundin, Betthäschen und Tochter, probt seine neue Bühnenshow, während er seinen zuletzt abgedrehten Film ein ums andere Mal umschneidet ... und in den Kulissen seines Lebens schon ein lächelnder Todesengel (Jessica Lange) auf ihn wartet. »Sometimes I don’t know where the bullshit ends and the truth begins.« Fosse knallt eine radikal narzißtische, um nicht zu sagen: eine einmalig eitle Selbstbespiegelung in der Tradition von Federico Fellinis »8 ½ « auf die Leinwand – und durch seine traumwandlerisch sichere Beherrschung der erzählerischen und formalen Mittel schlägt der im Übermaß versprühte Flitter dieses autobiographischen Backstage-Musicals in fröhliche, traurige, glamouröse, herzergreifende Wahrheit (und atemberaubende Filmkunst) um. Das Porträt des Künstlers als sterbender Mann gipfelt –konsequent makaber – in einer fulminanten Abschiedsnummer (»Bye-bye, my life, goodbye!«), die unmißverständlich klarmacht: There’s no people like show people.
R Bob Fosse B Bob Fosse, Robert Alan Aurthur K Giuseppe Rotunno M Ralph Burns A Philip Rosenberg S Alan Heim P Robert Alan Aurthur D Roy Scheider, Jessica Lange, Leland Palmer, Ann Reinking, Ben Vereen | USA | 123 min | 1:1,85 | f | 20. Dezember 1979
»It’s showtime, folks!« Egomaner Workaholic, unersättlicher Schürzenjäger, ketterauchender Amphetamin-Junkie, perfektionistischer Alleskönner (und -woller) – Joe Gideon (Roy Scheider als Bob-Fosse-Substitut), als Regisseur am Broadway so erfolgreich wie in Hollywood, emotional hin- und hergerissen zwischen Exfrau und Freundin, Betthäschen und Tochter, probt seine neue Bühnenshow, während er seinen zuletzt abgedrehten Film ein ums andere Mal umschneidet ... und in den Kulissen seines Lebens schon ein lächelnder Todesengel (Jessica Lange) auf ihn wartet. »Sometimes I don’t know where the bullshit ends and the truth begins.« Fosse knallt eine radikal narzißtische, um nicht zu sagen: eine einmalig eitle Selbstbespiegelung in der Tradition von Federico Fellinis »8 ½ « auf die Leinwand – und durch seine traumwandlerisch sichere Beherrschung der erzählerischen und formalen Mittel schlägt der im Übermaß versprühte Flitter dieses autobiographischen Backstage-Musicals in fröhliche, traurige, glamouröse, herzergreifende Wahrheit (und atemberaubende Filmkunst) um. Das Porträt des Künstlers als sterbender Mann gipfelt –konsequent makaber – in einer fulminanten Abschiedsnummer (»Bye-bye, my life, goodbye!«), die unmißverständlich klarmacht: There’s no people like show people.
R Bob Fosse B Bob Fosse, Robert Alan Aurthur K Giuseppe Rotunno M Ralph Burns A Philip Rosenberg S Alan Heim P Robert Alan Aurthur D Roy Scheider, Jessica Lange, Leland Palmer, Ann Reinking, Ben Vereen | USA | 123 min | 1:1,85 | f | 20. Dezember 1979
23.2.79
Kassbach – Ein Portrait (Peter Patzak, 1979)
Walter Kohut als Wiener Greißler Karl Kassbach, dem sklavische Gier auf weibliches Fleisch und schwelende Wut auf alles, was gedanklich jenseits seines Horizonts liegt, aus sämtlichen Poren dampft. Mit kämpferischen Kameraden gründet der zum Äußersten entschlossene Kleinbürger die »Initiative«, eine kryptofaschistische Vereinigung, die den Tschuschen, den Sozen, den Gammlern, kurz: dem ganzen Gesindel den Garaus machen will. Peter Patzak und Helmut Zenker entwerfen ein grimmig-sarkastisches Sittenbild zwischen Ordnung und Amok, Ohnmacht und Übergriff, Gemütlichkeit und Terror; sie porträtieren Kassbach als sozialen Prototypen in charakteristischen Situationen: mit frustrierter Ehefrau und widerständigem Sohn, mit klatschsüchtigen Kunden und ideologischen Gefährten, im stickigen Zuhause, im schäbigen Geschäft, im trüben Vereinszimmer, beim Sex mit wahllosen Lustobjekten, beim massenhaften Abschuß von Meerschweinchen, bei der finalen Attacke auf den Feind. Eingestreute Statements von Angehörigen und Bekannten, Einschätzungen von Experten zur Person des Protagonisten sowie direkte Aussagen der Hauptfigur (»Erbsen mit Speck kennt i essen bis zur Vergasung.«) schaffen gleichermaßen kalte Distanz und peinliche Nähe: Kassbach ist ein Randphänomen, Kassbach ist mitten unter uns.
R Peter Patzak B Peter Patzak, Helmut Zenker V Helmut Zenker K Dietrich Lohmann M Peter Zwetkoff A Elisabeth Klobassa S Traudl Gruber P Peter Patzak D Walter Kohut, Immy Schell, Konrad Becker, Hanno Pöschl, Erni Mangold | A | 110 min | 1:1,66 | f | 23. Februar 1979
R Peter Patzak B Peter Patzak, Helmut Zenker V Helmut Zenker K Dietrich Lohmann M Peter Zwetkoff A Elisabeth Klobassa S Traudl Gruber P Peter Patzak D Walter Kohut, Immy Schell, Konrad Becker, Hanno Pöschl, Erni Mangold | A | 110 min | 1:1,66 | f | 23. Februar 1979
20.2.79
Die Ehe der Maria Braun (Rainer Werner Fassbinder, 1979)
»Ich mache die Wunder lieber, als daß ich auf sie warte.« Ein Zeitbild, ein Entwicklungsroman, eine Dreiecksgeschichte, ein »women’s picture«. Es ist Krieg, als Maria und Hermann Braun heiraten. Bomben fallen, das Standesamt fliegt in die Luft. Die Ehe dauert einen halben Tag und eine ganze Nacht, dann hört sie auf und geht doch immer weiter: durch Zusammenbruch und Nachkrieg, Besatzung und Wiederaufbau. Hermann (Klaus Löwitsch) gilt für tot, taucht unerwartet auf, geht für Maria (Hanna Schygulla) ins Gefängnis, verschwindet, kommt zurück. Ein Wechselbad von Verschollensein und Heimkehr, Verlust und Wiederfinden: »Es ist keine gute Zeit für Gefühle.« Derweil macht Maria Karriere, wird die wichtigste Mitarbeiterin und Geliebte des Unternehmers Oswald (Ivan Desny), schuftet wie eine Besessene, schafft Geld heran, für später: »Mit dem Leben fangen wir an, wenn wir wieder zusammen sind«, sagt sie zu Hermann. Rainer Werner Fassbinder präsentiert Maria als Bahnbrecherin und Produkt ihrer Zeit, unabhängig und ausgeliefert, weitsichtig und blind. Sie spricht von Liebe und denkt an Besitz, sie trennt Emotion von Geschäft und vermischt Glück mit Interessen: eine »Meisterin der Verstellung«, der das Rollenspiel zur Natur wird, eine »Mata Hari des Wirtschaftswunders«, die sich vor allem selbst verrät. »Ich hab mich gemacht«, behauptet Maria stolz von sich, ohne zu ahnen, daß sie das Objekt eines Handels ist. Fassbinder zeigt, mokant und bekümmert, gefühlvoll und gallig, die Gründungsjahre der Bundesrepublik, mit ihren Menschen, die immer kälter, immer dicker, einander immer fremder werden: Bewohner eines Landes, das Wahnsinn heißt. Die komplexe Tonspur bettet die Dialoge in zeitgenössische Musik, ins Knattern der Preßlufthämmer, in bedeutungsvolle historische Tondokumente: Suchmeldungen des Rundfunks, widersprüchliche Kanzlerreden, euphorische Reportagen: »Aus! Aus! Aus! Deutschland ist Weltmeister!«
R Rainer Werner Fassbinder B Peter Märthesheimer, Pea Fröhlich K Michael Ballhaus M Peer Raben A Norbert Scherer Ko Barbara Baum S Juliane Lorenz, Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Michael Fengler D Hanna Schygulla, Ivan Desny, Klaus Löwitsch, Gisela Uhlen, Elisabeth Trissenaar, Hark Bohm | BRD | 120 min | 1:1,85 | f | 20. Februar 1979
# 893 | 5. Juli 2014
R Rainer Werner Fassbinder B Peter Märthesheimer, Pea Fröhlich K Michael Ballhaus M Peer Raben A Norbert Scherer Ko Barbara Baum S Juliane Lorenz, Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Michael Fengler D Hanna Schygulla, Ivan Desny, Klaus Löwitsch, Gisela Uhlen, Elisabeth Trissenaar, Hark Bohm | BRD | 120 min | 1:1,85 | f | 20. Februar 1979
# 893 | 5. Juli 2014
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9.2.79
Hardcore (Paul Schrader, 1979)
Hardcore – Ein Vater sieht rot
»Turn it off! Turn it off!! TURN IT OFF!!!« oder »Völlige Verderbtheit, bedingungslose Erwählung, begrenzte Versöhnung, unwiderstehliche Gnade und die Beharrlichkeit der Heiligen.« – Paul Schraders Schmuddel-Meditation über Calvinismus und Pornographie: Die halbwüchsige Tochter des tiefreligiösen Mittelwestlers Jake VanDorn (George C. Scott) geht auf einer Klassenfahrt in Kalifornien verloren. Die Polizei ist ratlos. Ein schmierig-fusselhaariger Privatschnüffler (Peter Boyle) findet die Spur des Mädchens – und präsentiert dem schockierten Jake den Auftritt seines Kindes in einem billigen Hardcore-Streifen… Als Reinkarnation von Ethan Edwards begibt sich der moderne »searcher« auf eine Reise durch das neonbunte Inferno der amerikanischen Lustindustrie, er tarnt sich mit Toupet, falschem Schnauz und großgemusterten Hemden, deren Kragenspitzen bis (fast) zum Bauchnabel reichen, er trifft auf großkalibrige Typen mit so klingenden Namen wie ›Jism Jim‹ oder ›Big Dick Blaque‹ – und er muß der schrecklichen Wahrheit ins Auge sehen, daß die Welt des Sex und das Reich des Glaubens spiegelbildliche Universen sind, deren Bewohner ähnliche Blessuren tragen. Die sonderbare Unentschiedenheit des schroffen Werkes zwischen moralischem Thrill und zynischer Parodie sorgt gleichermaßen für Irritation wie für Intensität.
R Paul Schrader B Paul Schrader K Michael Chapman M Jack Nitzsche A Paul Sylbert S Tom Rolf P Buzz Feitshans D George C. Scott, Peter Boyle, Season Hubley, Dick Sargent, Leonard Gaines | USA | 109 min | 1:1,85 | f | 9. Februar 1979
»Turn it off! Turn it off!! TURN IT OFF!!!« oder »Völlige Verderbtheit, bedingungslose Erwählung, begrenzte Versöhnung, unwiderstehliche Gnade und die Beharrlichkeit der Heiligen.« – Paul Schraders Schmuddel-Meditation über Calvinismus und Pornographie: Die halbwüchsige Tochter des tiefreligiösen Mittelwestlers Jake VanDorn (George C. Scott) geht auf einer Klassenfahrt in Kalifornien verloren. Die Polizei ist ratlos. Ein schmierig-fusselhaariger Privatschnüffler (Peter Boyle) findet die Spur des Mädchens – und präsentiert dem schockierten Jake den Auftritt seines Kindes in einem billigen Hardcore-Streifen… Als Reinkarnation von Ethan Edwards begibt sich der moderne »searcher« auf eine Reise durch das neonbunte Inferno der amerikanischen Lustindustrie, er tarnt sich mit Toupet, falschem Schnauz und großgemusterten Hemden, deren Kragenspitzen bis (fast) zum Bauchnabel reichen, er trifft auf großkalibrige Typen mit so klingenden Namen wie ›Jism Jim‹ oder ›Big Dick Blaque‹ – und er muß der schrecklichen Wahrheit ins Auge sehen, daß die Welt des Sex und das Reich des Glaubens spiegelbildliche Universen sind, deren Bewohner ähnliche Blessuren tragen. Die sonderbare Unentschiedenheit des schroffen Werkes zwischen moralischem Thrill und zynischer Parodie sorgt gleichermaßen für Irritation wie für Intensität.
R Paul Schrader B Paul Schrader K Michael Chapman M Jack Nitzsche A Paul Sylbert S Tom Rolf P Buzz Feitshans D George C. Scott, Peter Boyle, Season Hubley, Dick Sargent, Leonard Gaines | USA | 109 min | 1:1,85 | f | 9. Februar 1979
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17.1.79
Nosferatu – Phantom der Nacht (Werner Herzog, 1979)
»Nosferatu. Tönt dies Wort Dich nicht an wie der mitternächtige Ruf eines Totenvogels?« Werner Herzog küßt (= stillt seinen Hunger an) Friedrich Wilhelm Murnau … Die simple Schönheit der Bilder, die abgrundtiefe Todessehnsucht, die Myriaden von Ratten, das gierige Röcheln von Klaus Kinski, das irre Lachen von Roland Topor, die schlaftrunkene Schönheit von Isabelle Adjani, das finale Grinsen von Bruno Ganz, die blaue Schwärze der Nacht, die matte Erotik der Pest, die phantasmagorische Beschwörung von existentieller Stummheit im weiten Meer der Töne, die sonderbare Atmosphäre von Verwesung, in der selbst Rottöne einen fahlen Grünstich haben – all dies hat eine imponierende, aus aller Zeit und Welt gefallene Klasse. 1979 ist 1922 ist immerdar: Die Bilder des Lebens verblassen zu Schatten, spukhafte Träume steigen aus dem Herzen und nähren sich von Deinem Blut. PS: »Es ist noch lange bis zum Sonnenaufgang.«
R Werner Herzog B Werner Herzog V Bram Stoker, Henrik Galeen K Jörg Schmitt-Reitwein M Popol Vuh A Henning von Gierke S Beate Mainka-Jellighaus P Werner Herzog D Klaus Kinski, Isabelle Adjani, Bruno Ganz, Roland Topor, Walter Ladengast | BRD & F | 103 min | 1:1,85 | f | 17. Januar 1979
R Werner Herzog B Werner Herzog V Bram Stoker, Henrik Galeen K Jörg Schmitt-Reitwein M Popol Vuh A Henning von Gierke S Beate Mainka-Jellighaus P Werner Herzog D Klaus Kinski, Isabelle Adjani, Bruno Ganz, Roland Topor, Walter Ladengast | BRD & F | 103 min | 1:1,85 | f | 17. Januar 1979
22.11.78
Une histoire simple (Claude Sautet, 1978)
Eine einfache Geschichte
Claude Sautet erzählt von Marie (la femme de quarante ans: Romy Schneider), von ihren Männern und ihren Freundinnen, von ihrem fast erwachsenen Sohn und ihren ungeborenen Kindern, von Wünschen und Ängsten, von beklemmenden Zweifeln und reifender Einsicht: eine Geschichte, so einfach (= so kompliziert) wie das Leben, wie die Liebe. Die Figur der Marie – sie trennt sich unter Schmerzen von ihrem ruhelosen Lebensgefährten (Claude Brasseur), sie bandelt, fast ohne es zu wollen, wieder mit ihrem unerschütterlichen Exmann (Bruno Cremer) an, sie findet schließlich Halt und Unabhängigkeit in der Gemeinschaft mit ihrer gebeutelten Kameradin Gabrielle (Arlette Bonnard) – changiert fortwährend zwischen Zerbrechlichkeit und Stärke, Erschöpfung und Agilität, Anlehnungsbedürfnis und Emanzipationsdrang. Schneider, die den Film souverän trägt, wirkt, bei aller Nuanciertheit ihres Spiels, von dieser Spannung (die auch ihre eigene Biographie bestimmt haben mag) gleichermaßen beflügelt wie ausgelaugt – selbst über den (wenigen) Momenten von heiterer Unbeschwertheit, die Sautets Erzählung ihr gönnt, liegt der Schleier einer tiefen Müdigkeit.
R Claude Sautet B Claude Sautet, Jean-Loup Dabadie K Jean Boffety M Philippe Sarde A Georges Lévy S Jacqueline Thiédot P Alain Sarde D Romy Schneider, Bruno Cremer, Claude Brasseur, Roger Pigaut, Arlette Bonnard | F & BRD | 107 min | 1:1,66 | f | 22. November 1978
# 1006 | 31. Mai 2016
Claude Sautet erzählt von Marie (la femme de quarante ans: Romy Schneider), von ihren Männern und ihren Freundinnen, von ihrem fast erwachsenen Sohn und ihren ungeborenen Kindern, von Wünschen und Ängsten, von beklemmenden Zweifeln und reifender Einsicht: eine Geschichte, so einfach (= so kompliziert) wie das Leben, wie die Liebe. Die Figur der Marie – sie trennt sich unter Schmerzen von ihrem ruhelosen Lebensgefährten (Claude Brasseur), sie bandelt, fast ohne es zu wollen, wieder mit ihrem unerschütterlichen Exmann (Bruno Cremer) an, sie findet schließlich Halt und Unabhängigkeit in der Gemeinschaft mit ihrer gebeutelten Kameradin Gabrielle (Arlette Bonnard) – changiert fortwährend zwischen Zerbrechlichkeit und Stärke, Erschöpfung und Agilität, Anlehnungsbedürfnis und Emanzipationsdrang. Schneider, die den Film souverän trägt, wirkt, bei aller Nuanciertheit ihres Spiels, von dieser Spannung (die auch ihre eigene Biographie bestimmt haben mag) gleichermaßen beflügelt wie ausgelaugt – selbst über den (wenigen) Momenten von heiterer Unbeschwertheit, die Sautets Erzählung ihr gönnt, liegt der Schleier einer tiefen Müdigkeit.
R Claude Sautet B Claude Sautet, Jean-Loup Dabadie K Jean Boffety M Philippe Sarde A Georges Lévy S Jacqueline Thiédot P Alain Sarde D Romy Schneider, Bruno Cremer, Claude Brasseur, Roger Pigaut, Arlette Bonnard | F & BRD | 107 min | 1:1,66 | f | 22. November 1978
# 1006 | 31. Mai 2016
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Sautet,
Schneider
8.11.78
In einem Jahr mit 13 Monden (Rainer Werner Fassbinder, 1978)
Frankfurt. Fünf Tage im August 1978. Fünf Tage aus dem Leben der Elvira Weishaupt. Ihre letzten. Geboren wurde Elvira (Volker Spengler) als Erwin. Von der Mutter weggegeben. Aufgezogen von Nonnen im Waisenhaus. Dann Metzgerlehre. Ehe. Kind. Später Operation in Casablanca. Aus Liebe zu einem Mann, der von dieser Liebe nichts wissen will. Schließlich Prostitution. Alkohol. Depression. Das Endspiel dieses kaputten (oder »von der Ordnung, die die Menschen sich geschaffen haben«, kaputtgemachten) Lebens läuft ab als groteske Nummernrevue der Verzweiflung: die (Geschäfts-)Welt erscheint als veritables Schlachthaus, als Analogie des Konzentrationslagers, als dumpfer Todesreigen, die Gesellschaft zeigt sich als kalte, häßliche Hölle der Ausbeutung, der Lüge, der Sprachlosigkeit, der Liebesverweigerung, des absoluten Nein. »Idee, Buch, Produktion, Kamera, Ausstattung, Schnitt, Regie: Rainer Werner Fassbinder«, verkündet der Vorspann. Das Ergebnis ist so etwas wie der totale Autorenfilm, eine ungelenke, ungebremste, oft unansehnliche, in ihrer radikalen Entblößung bisweilen erschütternde Mischung aus kaum zumutbarer Larmoyanz und schriller Travestie, aus deklamatorischer Anklage und wimmerndem Schmerz, aus glasklarer Erkenntnis und (selbst-) zerstörerischer Lust. »In einem Jahr mit 13 Monden« mag Fassbinders persönlichstes Werk sein: Seine kulinarisch genossene Unfähigkeit zum (bzw. seine Verweigerung des) Glück(s) hat sich kaum je so rundheraus, so maßlos in lebende (?) Bilder transformiert wie im horrenden Fall der Elvira Weishaupt.
R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder K Rainer Werner Fassbinder M Peer Raben A Rainer Werner Fassbinder S Rainer Werner Fassbinder P Rainer Werner Fassbinder D Volker Spengler, Ingrid Caven, Elisabeth Trissenaar, Gottfried John, Liselotte Eder | BRD | 124 min | 1:1,66 | f | 8. November 1978
R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder K Rainer Werner Fassbinder M Peer Raben A Rainer Werner Fassbinder S Rainer Werner Fassbinder P Rainer Werner Fassbinder D Volker Spengler, Ingrid Caven, Elisabeth Trissenaar, Gottfried John, Liselotte Eder | BRD | 124 min | 1:1,66 | f | 8. November 1978
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Drama,
Fassbinder,
Frankfurt,
Gesellschaft,
Melodram,
Selbstmord,
Tod,
Wirtschaftswunder
6.10.78
Rheingold (Niklaus Schilling, 1978)
»Jetzt machen wir ein Unglück.« Eine Eisenbahnfahrt entlang des deutschesten aller Flüsse, eine sentimentale Reise in den Tod, ein melodramatisches Dreieck: eine schöne Frau mit goldblonden Locken, ihr Geliebter, ihr eifersüchtiger Ehemann … Im Trans-Europ-Express »Rheingold« trifft Elisabeth Drossbach (Elke Haltaufderheide) eines Tages ihren besten Freund aus Kindertagen wieder, der auf der legendären Strecke als Zugkellner arbeitet. Eine Liebesgeschichte nach Fahrplan nimmt ihren Lauf, bis der gehörnte Gatte die Treulose im Affekt mit einem goldenen Brieföffner ersticht. Während Elisabeth langsam und geschmackvoll verblutet, ziehen vor dem Fenster ihres Abteils malerische Landschaften, nationale Mythen und persönliche Erinnerungen vorüber. Fremde steigen zu und wieder aus, begleiten die Sterbende jeweils einige Stationen auf ihrem letzten Weg: ein Mon-Chéri-süchtiger Astrologe, der Erfinder der kleinsten Nähmaschine der Welt, eine geheimnisvoll lächelnde Rothaarige, ein weißhaariger Großvater, der seiner gretelhaften Enkelin Geschichten erzählt, von der Loreley und ihren Opfern, von Raubrittern und ihren Burgen. Woge, du Welle, walle zur Wiege! Schäumende Klangwolken eines wagnerianischer Synthesizer-Sounds ballen sich über dem pathetischen Geschehen, durch das Niklaus Schilling immer wieder helle Blitze der Ironie zucken läßt. »Rheingold« – ein kinematographischer Luxuszug, ein Erster-Klasse-Bewußtseinsstrom, eine schillernde Assoziationskette aus Schwulst und Spott.
R Niklaus Schilling B Niklaus Schilling K Ernst Wild M Eberhard Schoener A Greta Zeppel S Thomas Nikel P Elke Haltaufderheide D Elke Haltaufderheide, Rüdiger Kirschstein, Gunther Malzacher, Reinfried Keilich, Frank Zimmermann | BRD | 91 min | 1:1,66 | f | 6. Oktober 1978
# 773 | 19. September 2013
R Niklaus Schilling B Niklaus Schilling K Ernst Wild M Eberhard Schoener A Greta Zeppel S Thomas Nikel P Elke Haltaufderheide D Elke Haltaufderheide, Rüdiger Kirschstein, Gunther Malzacher, Reinfried Keilich, Frank Zimmermann | BRD | 91 min | 1:1,66 | f | 6. Oktober 1978
# 773 | 19. September 2013
30.5.78
Fedora (Billy Wilder, 1978)
»Just a dream ago, when the world was young.« Die Frau im Sarg oder Das Geheimnis der weißen Handschuhe: Ein has-been Produzent am Abgrund der Pleite (William Holden) versucht, eine legendäre Hollywood-Diva (Marthe Keller – ?) noch einmal vor die Kamera locken, wobei er unwillentlich das Mysterium der Zeitlosigkeit von Stars ergründet. »The Snows of Yesteryear« heißt das Drehbuch, das Barry Detweiler verfilmen will, die x-te Adaption von »Anna Karenina«, ein üppiges costume drama, wie in den alten Tagen, die längst vergangen sind. (»It’s a whole different business now. The kids with beards have taken over.«) Fedora soll die Hauptrolle spielen, Fedora (»You are Fedora.« – »Yes, of course.«), »the star of all stars«, so groß wie Garbo, Dietrich, Harlow, Monroe zusammen, Fedora (»You are Fedora.« – »I was Fedora.«), die sich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere von der Leinwand zurückzog. Ihr Domizil, die ›Villa Kalypso‹ (benannt nach jener Nymphe, die dem schiffbrüchigen Odysseus einst Unsterblichkeit und immerwährende Jugend versprach), auf einer winzigen Insel vor Korfu gelegen, gleicht einer Gruft, wo die Legende (»I am Fedora.«), in glanzvolle Vergangenheit eingemauert, ihre eigene Zeit überlebt. Doch: »You can’t cheat nature without paying the price.« Billy Wilder erzählt von der ewigen Wiederkehr falscher Hoffnungen, von Traum und Trug, von Glanz und Verhängnis. »Fedora« ist der Film eines alten Regisseurs über alte Menschen, die nicht wahrhaben wollen, daß sie nicht jung geblieben sind, ein elegisch-ironischer Abgesang auf (vermeintlich?) bessere Zeiten, ein letzter Walzer am späten Nachmittag, »when the light starts to go«. Das ist traurig, aber traurig schön, wie eine Beerdigung im Sommer, »wenn alles hell ist und die Erde für Spaten leicht.«
R Billy Wilder B Billy Wilder, I. A. L. Diamond V Tom Tryon K Gerry Fisher M Miklós Rózsa A Robert André S Stefab Arnsten, Fredric Steinkamp P Billy Wilder D William Holden, Marthe Keller, Hildegard Knef, José Ferrer, Frances Sternhagen, Mario Adorf | BRD & F | 116 min | 1:1,85 | f | 30. Mai 1978
R Billy Wilder B Billy Wilder, I. A. L. Diamond V Tom Tryon K Gerry Fisher M Miklós Rózsa A Robert André S Stefab Arnsten, Fredric Steinkamp P Billy Wilder D William Holden, Marthe Keller, Hildegard Knef, José Ferrer, Frances Sternhagen, Mario Adorf | BRD & F | 116 min | 1:1,85 | f | 30. Mai 1978
19.5.78
Despair – Eine Reise ins Licht (Rainer Werner Fassbinder, 1978)
»Der perfekte Mord wäre der, der nie stattgefunden hat, aber dennoch verübt worden ist.« Berlin, um 1930 – Krise der Wirtschaft, Niedergang der Demokratie, Morgenröte der Nazis: Der russische Emigrant Hermann (disparat und desperat: Dirk Bogarde), »Sohn eines Deutschbalten und einer Rothschild«, bedrückt von den politischen Zeitumständen, von der ererbten Schokoladenfabrik, von seiner sinnlichen, aber hoffnungslos beschränkten Ehefrau Lydia (Andréa Ferréol), vor allem aber von der totalen Hohlheit der eigenen Existenz, sucht ein Entkommen aus seinem Dilemma – und findet es in einem Spiegelkabinett … »Sie wissen doch sicher, was ein Double ist?« fragt der vornehme Hermann den abgerissenen Felix (Klaus Löwitsch), den Mann, in dem er seinen Doppelgänger zu erkennen glaubt. »Nein«, sagt Felix. Darauf Hermann: »Aber Sie waren doch schon mal im Kino!?« Rainer Werner Fassbinders ultrakünstliche Adaption eines Romans von Vladimir Nabokov (nach einem Drehbuch des englischen Dramatikers Tom Stoppard) – ein metaphysisches Kriminalspiel, ein sperrig-luxuriöses, radikal überhöhtes Zeitbild, die psychopathologische Studie einer sich spaltenden Persönlichkeit – gleicht einem filmischen Labyrinth, das aus der hermetischen Art-Déco-Welt (Bauten: Rolf Zehetbauer) eines entwurzelten Ästheten ins schneeweiße Licht der erlösenden (Selbst-)Zerstörung führt: Verzweiflung als Chance, Wahnsinn als Weg.
R Rainer Werner Fassbinder B Tom Stoppard V Vladimir Nabokov K Michael Ballhaus M Peer Raben A Rolf Zehetbauer S Juliane Lorenz, Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Peter Märthesheimer D Dirk Bogarde, Andréa Ferréol, Klaus Löwitsch, Volker Spengler, Bernhard Wicki | BRD & F | 119 min | 1:1,66 | f | 19. Mai 1978
# 897 | 22. Juli 2014
R Rainer Werner Fassbinder B Tom Stoppard V Vladimir Nabokov K Michael Ballhaus M Peer Raben A Rolf Zehetbauer S Juliane Lorenz, Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Peter Märthesheimer D Dirk Bogarde, Andréa Ferréol, Klaus Löwitsch, Volker Spengler, Bernhard Wicki | BRD & F | 119 min | 1:1,66 | f | 19. Mai 1978
# 897 | 22. Juli 2014
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Schweiz,
Tragikomödie,
Weltwirtschaftskrise,
Wicki
5.4.78
La chambre verte (François Truffaut, 1978)
Das grüne Zimmer
François Truffauts dunkel umflortes, nur vom Schein Dutzender Altarkerzen illuminiertes Requiem erscheint erfüllt von der Ahnung des eigenen frühen Todes, der den Regisseur nur wenige Jahre später antreten wird ... Julien Davenne, Veteran des Ersten Weltkriegs, als Redakteur einer würdevoll verdämmernden Provinzzeitschrift hauptamtlicher Verfasser von Nachrufen, widmet sein Leben (sofern man diese Existenz überhaupt noch »Leben« nennen kann) der Erinnerung an seine hingeschiedenen Frau und dem Kult um jene Heimgegangenen, die ihm einst lieb und teuer waren. Alles, was atmet und blutet, was lacht und weint, läßt er peu à peu hinter sich, bis er seinen teuren Verstorbenen über die große Grenze folgt. Nathalie Baye, als junge Seelenfreundin des Todestrunkenen zwar auch dem Jenseits hingegeben, haucht dieser auf Motiven von Henry James basierenden Erzählung ein gewisses (und gebotenes) Maß an Wärme ein, während die finstere Energie, mit der Truffaut den Protagonisten spielt (seine dritte Hauptrolle nach »L’enfant sauvage« und »La nuit américaine«), trotz des bedrückenden Themas paradoxerweise zu keinem Zeitpunkt Trübsinn aufkommen läßt.
R François Truffaut B Jean Gruault, François Truffaut V Henry James K Néstor Almendros M Maurice Jaubert A Jean-Pierre Kohut-Svelko S Martine Barraqué P François Truffaut D François Truffaut, Nathalie Baye, Jean Dasté, Patrick Maléon, Jeanne Lobre | F | 94 min | 1:1,66 | f | 5. April 1978
François Truffauts dunkel umflortes, nur vom Schein Dutzender Altarkerzen illuminiertes Requiem erscheint erfüllt von der Ahnung des eigenen frühen Todes, der den Regisseur nur wenige Jahre später antreten wird ... Julien Davenne, Veteran des Ersten Weltkriegs, als Redakteur einer würdevoll verdämmernden Provinzzeitschrift hauptamtlicher Verfasser von Nachrufen, widmet sein Leben (sofern man diese Existenz überhaupt noch »Leben« nennen kann) der Erinnerung an seine hingeschiedenen Frau und dem Kult um jene Heimgegangenen, die ihm einst lieb und teuer waren. Alles, was atmet und blutet, was lacht und weint, läßt er peu à peu hinter sich, bis er seinen teuren Verstorbenen über die große Grenze folgt. Nathalie Baye, als junge Seelenfreundin des Todestrunkenen zwar auch dem Jenseits hingegeben, haucht dieser auf Motiven von Henry James basierenden Erzählung ein gewisses (und gebotenes) Maß an Wärme ein, während die finstere Energie, mit der Truffaut den Protagonisten spielt (seine dritte Hauptrolle nach »L’enfant sauvage« und »La nuit américaine«), trotz des bedrückenden Themas paradoxerweise zu keinem Zeitpunkt Trübsinn aufkommen läßt.
R François Truffaut B Jean Gruault, François Truffaut V Henry James K Néstor Almendros M Maurice Jaubert A Jean-Pierre Kohut-Svelko S Martine Barraqué P François Truffaut D François Truffaut, Nathalie Baye, Jean Dasté, Patrick Maléon, Jeanne Lobre | F | 94 min | 1:1,66 | f | 5. April 1978
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