»Just a dream ago, when the world was young.« Die Frau im Sarg oder Das Geheimnis der weißen Handschuhe: Ein has-been Produzent am Abgrund der Pleite (William Holden) versucht, eine legendäre Hollywood-Diva (Marthe Keller – ?) noch einmal vor die Kamera locken, wobei er unwillentlich das Mysterium der Zeitlosigkeit von Stars ergründet. »The Snows of Yesteryear« heißt das Drehbuch, das Barry Detweiler verfilmen will, die x-te Adaption von »Anna Karenina«, ein üppiges costume drama, wie in den alten Tagen, die längst vergangen sind. (»It’s a whole different business now. The kids with beards have taken over.«) Fedora soll die Hauptrolle spielen, Fedora (»You are Fedora.« – »Yes, of course.«), »the star of all stars«, so groß wie Garbo, Dietrich, Harlow, Monroe zusammen, Fedora (»You are Fedora.« – »I was Fedora.«), die sich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere von der Leinwand zurückzog. Ihr Domizil, die ›Villa Kalypso‹ (benannt nach jener Nymphe, die dem schiffbrüchigen Odysseus einst Unsterblichkeit und immerwährende Jugend versprach), auf einer winzigen Insel vor Korfu gelegen, gleicht einer Gruft, wo die Legende (»I am Fedora.«), in glanzvolle Vergangenheit eingemauert, ihre eigene Zeit überlebt. Doch: »You can’t cheat nature without paying the price.« Billy Wilder erzählt von der ewigen Wiederkehr falscher Hoffnungen, von Traum und Trug, von Glanz und Verhängnis. »Fedora« ist der Film eines alten Regisseurs über alte Menschen, die nicht wahrhaben wollen, daß sie nicht jung geblieben sind, ein elegisch-ironischer Abgesang auf (vermeintlich?) bessere Zeiten, ein letzter Walzer am späten Nachmittag, »when the light starts to go«. Das ist traurig, aber traurig schön, wie eine Beerdigung im Sommer, »wenn alles hell ist und die Erde für Spaten leicht.«
R Billy Wilder B Billy Wilder, I. A. L. Diamond V Tom Tryon K Gerry Fisher M Miklós Rózsa A Robert André S Stefab Arnsten, Fredric Steinkamp P Billy Wilder D William Holden, Marthe Keller, Hildegard Knef, José Ferrer, Frances Sternhagen, Mario Adorf | BRD & F | 116 min | 1:1,85 | f | 30. Mai 1978
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30.5.78
25.9.64
Die Festung (Alfred Weidenmann, 1964)
Rund 12 Millionen Deutsche mußten infolge des verlorenen Zweiten Weltkriegs ihre Heimat verlassen. Weder im westdeutschen noch im ostdeutschen Kino der Nachkriegszeit wurde diese unfreiwillige Völkerwanderung in einer Form thematisiert, die ihrer historischen Bedeutung entsprochen hätte … »Die Festung« (auch (un)bekannt unter dem reißerischen Titel »Verdammt zur Sünde«) ist einer der wenigen Filme, die das Schicksal von Vertriebenen schildern – allerdings nicht, wie man es erwarten dürfte, als realistisches Problemstück sondern als Mixtur aus naturalistischer Groteske und tragikomischem Gesellschaftsschwank. Hugo Starosta (fulminant: Martin Held), einst Gespannführer in Ostpreußen, haust mit seiner vielköpfigen Sippschaft in einer alten Burg, die hunderten von Flüchtlingen als Notunterkunft dient, vertrödelt dort saufend, spielend, paffend die Tage, meidet jede Verantwortung, wartet darauf, daß ihm sein persönliches Wirtschaftswunder in den Schoß fällt: ein Windbeutel, ein Maulheld, ein Schelm. Familiäre Entwicklungen – zwei Söhne verdingen sich auf dem Rummel, ein anderer landet im Erziehungsheim, die hübsche Tochter verkauft statt ihrer Arbeitskraft lieber ihre Reize, die zähe Oma (betörend: Tilla Durieux) spart eisern auf einen Sarg – sieht Hugo mit Gelassenheit, die Verhältnisse biegt, träumt, lügt er sich hin, wie er sie braucht, pocht dabei streitbar auf seine (vermeintlichen) Rechte. Regisseur Alfred Weidenmann deutet diesen Mikrokosmos nicht platt als soziales Gleichnis, beleuchtet vielmehr, mit Gespür für saftige Details und dramatische Verdichtung, einen denkwürdigen Einzelfall, der gleichwohl zum Exempel taugt: Nach der Entwurzelung kann es vielleicht eine neue Behausung geben, aber kein wirkliches Zuhause mehr, vielleicht wieder einen Alltag, aber wohl kaum noch Alltäglichkeit. Instinktiv mißtraut Starosta jeder Fiktion von Normalität, verweigert eine Betriebsamkeit, die schon einmal in die Katastrophe führte.
R Alfred Weidenmann B Eberhard Keindorff, Johanna Sibelius V Henry Jaeger K Enzo Serafin M Gert Wilden A Herta Pischinger P Eberhard Klagemann D Martin Held, Else Knott, Hildegard Knef, Michael Ande, Christa Linder, Tilla Durieux | BRD | 104 min | 1:1,66 | sw | 25. September 1964
R Alfred Weidenmann B Eberhard Keindorff, Johanna Sibelius V Henry Jaeger K Enzo Serafin M Gert Wilden A Herta Pischinger P Eberhard Klagemann D Martin Held, Else Knott, Hildegard Knef, Michael Ande, Christa Linder, Tilla Durieux | BRD | 104 min | 1:1,66 | sw | 25. September 1964
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23.4.64
Wartezimmer zum Jenseits (Alfred Vohrer, 1964)
Ein kühler, trister, fast schwermütiger Sonderling, dieser seltsam schöne Alfred-Vohrer-Film, ein leicht verschnittenes Krimi-Couture-Stück, weggehängt und vergessen zwischen geläufiger Wallace-Stangenware. James Hadley Chase lieferte die Vorlage: Es geht um ein Erpressersyndikat, das reichen Herren gegen Bezahlung das Leben läßt; Hildegard Knef spielt die unendlich traurige Organisatorin des Terrors, weltweit unterwegs im Auftrag eines gelähmten Hintermannes (erbarmungslos: Richard Münch), der als hochgeschätzter Marchese in einem Traumschloß an der Adria residiert; ein junger Mann (resolut: Götz George), dessen Onkel Opfer der Verbrecher wurde, will den Laden aufmischen … Es sind die Ultrascope-Bilder von ungerührter Klarheit (Kamera: Bruno Mondi), die melancholischen Klavierkaskaden (Musik: Martin Böttcher), die alabasterglänzenden Unterwelten (Bauten: Mathias Matthies & Ellen Schmidt), die dieses Ballett des Mißtrauens und des Verrats, diesen Thriller, der cool an der Grenze von rauhem Spät-Noir und barocker Mabuse-Phantastik wandelt, über den (deutschen) Genre-Durchschnitt heben – aber es ist die nicht erzählte Liebesgeschichte zwischen einer müden Frau und einem draufgängerischen Grünschnabel, die im Gedächtnis bleibt.
R Alfred Vohrer B Eberhard Keindorff, Johanna Sibelius V James Hadley Chase K Bruno Mondi M Martin Böttcher A Mathias Matthies, Ellen Schmidt S Hermann Haller P Horst Wendlandt D Hildegard Knef, Götz George, Richard Münch, Pinkas Braun, Klaus Kinski | BRD | 90 min | 1:2,35 | sw | 23. April 1964
R Alfred Vohrer B Eberhard Keindorff, Johanna Sibelius V James Hadley Chase K Bruno Mondi M Martin Böttcher A Mathias Matthies, Ellen Schmidt S Hermann Haller P Horst Wendlandt D Hildegard Knef, Götz George, Richard Münch, Pinkas Braun, Klaus Kinski | BRD | 90 min | 1:2,35 | sw | 23. April 1964
25.1.63
Landru (Claude Chabrol, 1963)
Der Frauenmörder von Paris
Henri Désiré Landru war ein notorischer Betrüger und Heiratsschwindler. Aber war er auch ein Serienkiller? 1922 schlug man ihm wegen der Ermordung von zehn verschwundenen Frauen den Kopf ab. Die Leichen der mutmaßlichen Opfer wurden nie gefunden … Claude Chabrol und seine Szenaristin Françoise Sagan lassen die Affäre Landru in Form einer hochstilisierten Schwarzkomödie aus der nicht besonders guten alten Zeit Revue passieren; die an Zeitschriftenillustrationen erinnernden Dekors (Jacques Saulnier), die theatralen Dialoge, das distanzierte, oftmals outrierte, hin und wieder sogar slapstickhafte Spiel der Darsteller (allen voran Charles Denner in der diabolisch-spitzbärtigen Titelrolle) verwandeln den legendären Kriminalfall aus den Jahren des Ersten Weltkriegs in ein elegant-moritatenhaftes Schauerstück. Der unklaren Beweislage folgend, zeigt Chabrol keine einzige Bluttat, nur die einfrierenden Gesichter liebeshungriger Damen (darunter Michèle Morgan und Danielle Darrieux) und immer wieder einen rauchenden Schornstein. Kurze Einschübe historischen Bildmaterials setzen das politisch legitimierte Massensterben des Krieges ins Verhältnis zum inkriminierten zivilen Tötungsdelikt: »Quelle horreur, 10000 morts.« – »Et alors, la vie est faite de sang et de terreur, ma chère amie.« Denner gestaltet Landru als Phänotypen der Epoche: charmanter Bonhomme und gefühlloser Profiteur, sorgender Familienvater und zynischer Pedant, sanftes Monster und beschränktes Genie. Die Wahrheit über sich und seine Machenschaften mag der Mythos zu Lebzeiten auch angesichts des bevorstehenden Todes unter dem Fallbeil nicht preisgeben: »C’est mon petit bagage.«
R Claude Chabrol B Françoise Sagan K Jean Rabier M Pierre Jansen A Jacques Saulnier S Jacques Gaillard P Georges de Beauregard, Carlo Ponti D Charles Denner, Stéphane Audran, Danielle Darrieux, Michèle Morgan, Hildegard Knef | F & I | 115 min | 1:1,66 | f | 25. Januar 1963
Henri Désiré Landru war ein notorischer Betrüger und Heiratsschwindler. Aber war er auch ein Serienkiller? 1922 schlug man ihm wegen der Ermordung von zehn verschwundenen Frauen den Kopf ab. Die Leichen der mutmaßlichen Opfer wurden nie gefunden … Claude Chabrol und seine Szenaristin Françoise Sagan lassen die Affäre Landru in Form einer hochstilisierten Schwarzkomödie aus der nicht besonders guten alten Zeit Revue passieren; die an Zeitschriftenillustrationen erinnernden Dekors (Jacques Saulnier), die theatralen Dialoge, das distanzierte, oftmals outrierte, hin und wieder sogar slapstickhafte Spiel der Darsteller (allen voran Charles Denner in der diabolisch-spitzbärtigen Titelrolle) verwandeln den legendären Kriminalfall aus den Jahren des Ersten Weltkriegs in ein elegant-moritatenhaftes Schauerstück. Der unklaren Beweislage folgend, zeigt Chabrol keine einzige Bluttat, nur die einfrierenden Gesichter liebeshungriger Damen (darunter Michèle Morgan und Danielle Darrieux) und immer wieder einen rauchenden Schornstein. Kurze Einschübe historischen Bildmaterials setzen das politisch legitimierte Massensterben des Krieges ins Verhältnis zum inkriminierten zivilen Tötungsdelikt: »Quelle horreur, 10000 morts.« – »Et alors, la vie est faite de sang et de terreur, ma chère amie.« Denner gestaltet Landru als Phänotypen der Epoche: charmanter Bonhomme und gefühlloser Profiteur, sorgender Familienvater und zynischer Pedant, sanftes Monster und beschränktes Genie. Die Wahrheit über sich und seine Machenschaften mag der Mythos zu Lebzeiten auch angesichts des bevorstehenden Todes unter dem Fallbeil nicht preisgeben: »C’est mon petit bagage.«
R Claude Chabrol B Françoise Sagan K Jean Rabier M Pierre Jansen A Jacques Saulnier S Jacques Gaillard P Georges de Beauregard, Carlo Ponti D Charles Denner, Stéphane Audran, Danielle Darrieux, Michèle Morgan, Hildegard Knef | F & I | 115 min | 1:1,66 | f | 25. Januar 1963
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7.6.62
Lulu (Rolf Thiele, 1962)
Ehrgeizige Erotikposse (man könnte auch sagen: Sexklamotte ohne Sex) in elaboriertem Stummfilm-Look: Lulu, von Männern gemacht, bringt Männer zur Strecke – »Laß sie nicht entkommen! Du bist der nächste!« –, bis sie schließlich von Jack the Ripper geschlitzt wird. Nadja Tiller in der Titelrolle ist – wie immer bei Rolf Thiele – eher teilnahmslose Projektionsfläche von Begierden denn gestaltende Akteurin. An ihrer Seite: Rudolf Forster als greiser Strippenzieher Schigolch, O. E. Hasse als kultivierter Alphamann Schön, Leon Askin als altersgeiler Fettsack Goll, Mario Adorf als weltläufiger Strizzi Rodrigo, Hilde Knef als melancholische Lesbe Geschwitz, Charles Regnier als Conférencier und Vollstrecker von Lulus Schicksal – alle tanzen sie zur vulgär-dissonanten Jahrmarktsmusik von Carl de Groof. Vielleicht mehr Edgar Wallace als Frank Wedekind – aber vergnüglich allemal.
R Rolf Thiele B Rolf Thiele, Herbert Reinecker V Frank Wedekind K Michel Kelber M Carl de Groof A Fritz Mögle, Heinz Ockermüller S Eleonore Kunze P Otto Dürer D Nadja Tiller, O. E. Hasse, Hildegard Knef, Mario Adorf, Charles Regnier | A | 100 min | 1:1,66 | sw | 7. Juni 1962
R Rolf Thiele B Rolf Thiele, Herbert Reinecker V Frank Wedekind K Michel Kelber M Carl de Groof A Fritz Mögle, Heinz Ockermüller S Eleonore Kunze P Otto Dürer D Nadja Tiller, O. E. Hasse, Hildegard Knef, Mario Adorf, Charles Regnier | A | 100 min | 1:1,66 | sw | 7. Juni 1962
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12.3.59
Der Mann, der sich verkaufte (Josef von Báky, 1959)
»Wenn man bedenkt, wo wir waren, und wo wir jetzt sind.« Niko Jost, junger, hungriger Journalist bei der »FWZ« (mit geblähten Nüstern: Hansjörg Felmy) kommt zufällig der Schiebervergangenheit eines erfolgreichen Hoteliers auf die Schliche, wittert die große Story, schreibt mit Feuereifer (»Da ist was faul, wenn einer derart hochkommt!«) die Serie »Schwarzer Markt und weiße Westen« – und läuft doch eigentlich nur an der (kurzen) Leine seines bedenkenlos-auflagengeilen Herausgebers (wohlgenährt: Ernst Schröder) ... Autor Erich Kuby (der seinem gesellschaftskritischen Unmut zuvor bereits mit »Das Mädchen Rosemarie« Luft machte) feuert eine Breitseite auf Medien, Politik und Wirtschaft, Regisseur Josef von Báky inszeniert das zeitdiagnostische Traktat über Seilschaftsdenken, Pharisäertum und Futterneid in der jungen Bundesrepublik mit der kühlen, schwarzen Präzision des späten Fritz Lang. In pointierten Nebenrollen treten auf: Hildegard Knef als vornehme Dame mit Vergangenheit, Kurt Ehrhardt als Unternehmer in plötzlichen Nöten und Hans Paetsch (der nachmalige »Märchenonkel der Nation«) als ebenso abgewogener wie abgemeldeter Chefredakteur.
R Josef von Báky B Erich Kuby K Friedl Behn-Grund M Georg Haentzschel A Erich Kettelhut, Johannes Ott S Caspar van den Berg P Hans Abich, Rolf Thiele D Hansjörg Felmy, Hildegard Knef, Ernst Schröder, Antje Weisgerber, Kurt Ehrhardt | BRD | 103 min | 1:1,37 | sw | 12. März 1959
R Josef von Báky B Erich Kuby K Friedl Behn-Grund M Georg Haentzschel A Erich Kettelhut, Johannes Ott S Caspar van den Berg P Hans Abich, Rolf Thiele D Hansjörg Felmy, Hildegard Knef, Ernst Schröder, Antje Weisgerber, Kurt Ehrhardt | BRD | 103 min | 1:1,37 | sw | 12. März 1959
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von Báky,
Wirtschaftswunder
2.11.53
The Man Between (Carol Reed, 1953)
Gefährlicher Urlaub
»Börlin is e stränsch, lardsch sitti. Sär ar männi riesns wei e jang görl kutt simpli vänisch fromm se striets.« (Aribert Wäscher als fetter, baskenbemützter Stasi-Scherge zu Claire Bloom in der Rolle einer abenteuerlustigen, britischen Unschuld.) Carol Reed wollte offenbar einen zweiten »The Third Man« in einer anderen Vier-Sektoren-Stadt drehen: Berlin statt Wien, James Mason statt Orson Welles, Hildegard Knef statt Alida Valli. Leider war Graham Greene nicht mit von der Partie – und so stehen lediglich ein paar Trümmer sehr dekorativ (Kamera: Desmond Dickinson) um ein ziemlich abgezehrtes Melodram (Buch: Harry Kurnitz) herum. Die trostlosen Impressionen aus der schneebedeckten Kapitale des Kalten Krieges sind immerhin stark genug, das Interesse an der – trotz einiger philosophistischer Dialoge gänzlich diesseitigen – Illustriertenstory um Menschenraub und Erpressung, politisch-moralischen Katzenjammer und systemübergreifende Liebe bis zum bitteren Ende wachzuhalten. »Are your feet cold?« – »Yes, and my hands are cold. Your heart is the coldest of all.«
R Carol Reed B Harry Kurnitz K Desmond Dickinson M John Addison A Andrej Andrejew S Bert Bates P Carol Reed D James Mason, Clair Bloom, Hildegard Knef, Aribert Wäscher, Ernst Schröder, Geoffrey Toone | UK | 100 min | 1:1,37 | sw | 2. November 1953
»Börlin is e stränsch, lardsch sitti. Sär ar männi riesns wei e jang görl kutt simpli vänisch fromm se striets.« (Aribert Wäscher als fetter, baskenbemützter Stasi-Scherge zu Claire Bloom in der Rolle einer abenteuerlustigen, britischen Unschuld.) Carol Reed wollte offenbar einen zweiten »The Third Man« in einer anderen Vier-Sektoren-Stadt drehen: Berlin statt Wien, James Mason statt Orson Welles, Hildegard Knef statt Alida Valli. Leider war Graham Greene nicht mit von der Partie – und so stehen lediglich ein paar Trümmer sehr dekorativ (Kamera: Desmond Dickinson) um ein ziemlich abgezehrtes Melodram (Buch: Harry Kurnitz) herum. Die trostlosen Impressionen aus der schneebedeckten Kapitale des Kalten Krieges sind immerhin stark genug, das Interesse an der – trotz einiger philosophistischer Dialoge gänzlich diesseitigen – Illustriertenstory um Menschenraub und Erpressung, politisch-moralischen Katzenjammer und systemübergreifende Liebe bis zum bitteren Ende wachzuhalten. »Are your feet cold?« – »Yes, and my hands are cold. Your heart is the coldest of all.«
R Carol Reed B Harry Kurnitz K Desmond Dickinson M John Addison A Andrej Andrejew S Bert Bates P Carol Reed D James Mason, Clair Bloom, Hildegard Knef, Aribert Wäscher, Ernst Schröder, Geoffrey Toone | UK | 100 min | 1:1,37 | sw | 2. November 1953
23.10.52
Alraune (Arthur Maria Rabenalt, 1952)
»Sie herzte sanft ihr Spielzeug, / Bevor sie es zerbrach, / Und hatte eine Sehnsucht
/ Und wußte nicht wonach.« Hildegard Knef als künstliches Mädchen (»ihr Mund so rot wie Wein«, »ihr Herz so tot wie Stein«), das Männern erst die Herzen bricht und sie sodann kaltlächelnd in den Tod schickt. Alraune ist die Kreatur des genialen Forschers (oder eher: genialischen Alchimisten) Jakob ten Brinken (knurrig: Erich von Stroheim), der im Labor das Erbgut eines Mörders mit dem einer Prostituierten kreuzte, um die Gesetze der Genetik ergründen und der mißgünstigen Mitwelt einen Beweis seiner Begnadung zu liefern. Im Moment, da das kalte, einsame Wesen erfährt, was echtes Gefühl, was wahre Liebe ist, könnte alles gut werden, wenn es dafür nicht längst zu spät wäre … Nur am Rande thematisiert »Alraune« die Risiken des naturwissenschaftlichen Fortschritts; eher ist es Arthur Maria Rabenalt darum zu tun, die betörenden Reize der Knef in schimmernden Roben auszustellen und die jenseitig-zeitlose spätromantische Welt der Fabel flackernd zu illuminieren. Bei aller Trivialität der Erzählung evoziert der müde, dunkle Fatalismus des Werkes das Erbe des Stummfilms (Bauten: Robert Herlth) und erteilt (im tiefen Schatten eines verlorenen Krieges) dem hybriden Kult des Machbaren eine deutliche Absage: »Was blieb von ihrem Leben –
/ Ein Lied, das niemand sang.«
R Arthur Maria Rabenalt B Kurt Heuser V Hanns Heinz Ewers K Friedl Behn-Grund M Werner Richard Heymann A Robert Herlth S Doris Zeltmann P Günther Stapenhorst D Hildegard Knef, Erich von Stroheim, Karlheinz Böhm, Harry Meyen, Trude Hesterberg | BRD | 92 min | 1:1,37 | sw | 23. Oktober 1952
R Arthur Maria Rabenalt B Kurt Heuser V Hanns Heinz Ewers K Friedl Behn-Grund M Werner Richard Heymann A Robert Herlth S Doris Zeltmann P Günther Stapenhorst D Hildegard Knef, Erich von Stroheim, Karlheinz Böhm, Harry Meyen, Trude Hesterberg | BRD | 92 min | 1:1,37 | sw | 23. Oktober 1952
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Tod
15.1.52
Nachts auf den Straßen (Rudolf Jugert, 1952)
Ohne daß er recht weiß, wie ihm geschieht, schlingert Fernfahrer Heinrich Schlüter (Hans Albers), treuer Ehemann, liebender Vater, pflichtbewußtes Arbeitstier, eines Nachts auf eine gefahrvolle Umleitung des Lebens: Erst streicht er heimlich die 20.000 Mark eines auf der Autobahn tödlich verunglückten Schiebers ein (um seiner »Alten« (Lucie Mannheim) endlich den seit 25 Jahren versprochenen Pelzmantel kaufen zu können), dann gerät er in den Bann seiner appetitlichen Straßenbekanntschaft Inge (Hildegard Knef), die von ihrem zynisch-unguten Lover (Marius Goring) ausgeschickt wurde, einen Dummen zu angeln, der sich für dunkle Geschäfte einspannen ließe … Mit viel Zuneigung zu seinen genau gezeichneten Figuren und einem wachen Blick für anschaulichen Details malt »Nachts auf den Straßen« ein noirisch angehauchtes Sittenbild des beginnenden Wirtschaftswunders, setzt betäubenden Konsum gegen verdrängte Erinnerungen, kleinbürgerliche Gemütlichkeit gegen impulsives Laissez-faire, emotionale Einsamkeit gegen das Bedürfnis nach Nähe, den Frust des Altwerdens gegen die Täuschung der Jugendfrische, die Statik eines beengenden Zuhauses gegen die Dynamik eines unsicheren Unterwegs. Auch wenn der (Irr-)Weg des Truckers schließlich und endlich wieder nach Hause führt, enthält sich Rudolf Jugerts offenherzig-unsentimentaler Genremix aus Romanze, Krimi und Roadmovie jeglicher Verdammung derjenigen, die (aus welchem Grund auch immer) vom Kurs abkommen.
R Rudolf Jugert B Helmut Käutner, Fritz Rotter K Václav Vich M Werner Eisbrenner A Ludwig Reiber, Rudolf Pfenniger S Fritz Stapenhorst P Erich Pommer D Hans Albers, Hildegard Knef, Lucie Mannheim, Marius Goring, Heinrich Gretler | BRD | 111 min | 1:1,37 | sw | 15. Januar 1952
R Rudolf Jugert B Helmut Käutner, Fritz Rotter K Václav Vich M Werner Eisbrenner A Ludwig Reiber, Rudolf Pfenniger S Fritz Stapenhorst P Erich Pommer D Hans Albers, Hildegard Knef, Lucie Mannheim, Marius Goring, Heinrich Gretler | BRD | 111 min | 1:1,37 | sw | 15. Januar 1952
18.1.51
Die Sünderin (Willi Forst, 1951)
»Auch ich kam ja aus einer guten Familie.« Hildegard Knef als Nutte mit Herz, die – einst vom geilen Stiefbruder auf die schiefe Bahn getrieben – paradoxerweise anständig (und auf ihre Art moralisch) wird, indem sie ihren sterbenskranken Geliebten (Gustav Fröhlich als aufbrausender Kunstmaler) per Veronal von seinem unheilbaren Leiden erlöst und ihm sodann freiwillig in den Tod folgt. Mondäne Nachtbars und verwunschene Gärten, hedonistische Resignation und fromme Hoffnung, Lichtgötter und Todesengel – Willi Forst inszeniert ein süffiges Schicksalsmelodram ohne Hemmung vor schrägem Pathos, plakativer Kolportage und wunderbarer Zufallsdramaturgie, läßt die Handlung virtous durch Zeiten und Orte springen, vor und zurück durch Krieg und Nachkrieg, von Danzig nach Hamburg nach München nach Venedig nach Positano nach Wien. Ein exzessiver Off-Kommentar – von der Knef als rückhaltlose Offenbarung mit einer Stimme gesprochen, die verrät, daß ihre junge Besitzerin schon viel erlebt hat – verdoppelt gleichsam die oft stummfilmhaft arrangierten Bilder (Kamera: Václav Vich) von den Stationen eines kurvenreiches Lebensweges, der aus Öde und Leere, »über Trümmerhaufen, durch Schmutz und Unrat« ins himmlische Reich von Glück und Liebe führt. »Die Sünderin« – ein einzigartiges Meisterwerk des »Ultrarealismus«, ein erregendes Groschentraktat über Geben und Nehmen, über Sex und Gefühl, über coole Selbstbestimmung und restloses Verschenken – schäumt wie süßer Sekt aus einer Flasche, die zu heftig geschüttelt wurde, und steigt fiebrig benebelnd in den Kopf des Betrachters.
R Willi Forst B Gerhard Menzel, Willi Forst, Georg Marischka K Václav Vich M Theo Mackeben A Franz Schroedter S Max Brenner P Rolf Meyer D Hildegard Knef, Gustav Fröhlich, Robert Meyn, Änne Bruck, Jochen-Wolfgang Meyn | BRD | 87 min | 1:1,37 | sw | 18. Januar 1951
R Willi Forst B Gerhard Menzel, Willi Forst, Georg Marischka K Václav Vich M Theo Mackeben A Franz Schroedter S Max Brenner P Rolf Meyer D Hildegard Knef, Gustav Fröhlich, Robert Meyn, Änne Bruck, Jochen-Wolfgang Meyn | BRD | 87 min | 1:1,37 | sw | 18. Januar 1951
24.1.48
Film ohne Titel (Rudolf Jugert, 1948)
Ein Drehbuchautor, ein Regisseur und ein Schauspieler (Willy Fritsch als er selbst) sitzen vor einer Laube und denken nach: über einen gemeinsamen Film, ihren ersten nach der »Stunde Null«. Jeder von ihnen weiß genau, was er nicht will: Kein Trümmerfilm soll es sein, kein Heimkehrerfilm, kein Anti-Nazifilm (»Das wäre ja auch taktlos.«), kein politischer Film, kein Bombenfilm, überhaupt kein Film für oder gegen etwas. »Was für ein Film soll es denn nun aber sein?« Vielleicht ein Film über das glückliche Paar, das gerade vorbeispaziert ist. Der Autor kennt ihre Geschichte: Im ersten Teil verschlägt es Christine Fleming (Hildegard Knef), eine agile Bauerntochter aus dem Niedersächsischen, kurz vor Kriegsende als Dienstmädchen nach Berlin, in den großbürgerlichen Haushalt des Antiquitätenhändlers Martin Delius (Hans Söhnker), eines Feingeistes, der alles Störende (Fliegeralarm, Gefühle) mit stoischem Gleichmut auszublenden pflegt; sie verlieben sich, aber die gesellschaftlichen Umstände stehen zwischen ihnen; im zweiten Teil verschlägt es Martin kurz nach Kriegsende in das kleine Dorf, wo Christine nun wieder bei Vater und Mutter lebt; sie lieben sich immer noch, aber der wohlhabende Hofbesitzer wünscht sich für seine Tochter etwas Besseres als einen abgerissenen Flüchtling, der alles verloren hat; es gilt ein Liebesverbot mit umgekehrten Vorzeichen – zunächst … Helmut Käutner (Produktion und Drehbuch) und Rudolf Jugert (Regie) nutzen die reziproke Fish-out-of-water-Romanze, um mit den erzählerischen Möglichkeiten des Stoffes zu jonglieren, um denkbare Szenarien und Kinoklischees durchzuspielen, vom pathetischen Melodram über zeitkritische Sachlichkeit bis zur heimatseligen Komödie. Indem alle Optionen verworfen werden, gelingt die Quadratur des Kreises, und es entsteht der »Film ohne Titel«: »eine Komödie, die mit beiden Beinen auf der Erde steht, vor dem düsteren Hintergrund der Zeit«.
R Rudolf Jugert B Helmut Käutner, Ellen Fechner, Rudolf Jugert K Igor Oberberg M Bernhard Eichhorn A Robert Herlth S Wolfgang Wehrum, Luise Dreyer-Sachsenberg P Helmut Käutner D Hans Söhnker, Hildegard Knef, Irene von Meyendorff, Willy Fritsch, Fritz Odemar, Peter Hamel | D (W) | 99 min | 1:1,37 | sw | 24. Januar 1948
# 875 | 8. Juni 2014
R Rudolf Jugert B Helmut Käutner, Ellen Fechner, Rudolf Jugert K Igor Oberberg M Bernhard Eichhorn A Robert Herlth S Wolfgang Wehrum, Luise Dreyer-Sachsenberg P Helmut Käutner D Hans Söhnker, Hildegard Knef, Irene von Meyendorff, Willy Fritsch, Fritz Odemar, Peter Hamel | D (W) | 99 min | 1:1,37 | sw | 24. Januar 1948
# 875 | 8. Juni 2014
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11.12.47
Zwischen gestern und morgen (Harald Braun, 1947)
Menschen im Hotel in Trümmern. München, 1947: Ein Mann (Viktor de Kowa) kehrt zurück. Fast zehn Jahre war er nicht mehr zu Hause. »Es hat sich viel verändert«, meint ein alter Bekannter zu ihm – die Untertreibung des Jahrhunderts. Die Stadt, das Land, das Leben liegen in Schutt und Asche. Harald Braun webt ein heikles Geflecht von Beziehungen, schiebt Erinnerung und Gegenwart ineinander, er erzählt eine Romanze und ein Melodram und, ganz vorsichtig, so etwas wie einen deutschen film noir, er wirft die großen Themen auf: Schuld und Verantwortung, Liebe und Tod. Verhängnis liegt in der Luft, aber auch Hoffnung – denn: »Es muß doch weitergehen.« Die Vergangenheit lastet wie ein Schatten auf den Menschen, die Zukunft liegt als vages Versprechen vor ihnen, das Heute erscheint als Provisorium, Zwischenstation, Transitzone. Vor allem die Schauspielerinnen sind es, die diesem Film, der durch die Kolportage zum Zeitbild findet, seine Stärke verleihen: Sybille Schmitz (der Fassbinder als »Veronika Voss« ein posthumes Denkmal setzen wird) bringt die Tragik ihrer eigenen, dunkel umflorten Existenz in die Darstellung der Jüdin Nelly Dreyfuss ein; Hildegard Knef als traurig-aufgewecktes Flüchtlingsmädchen Kat wirkt wie die aus einem Bombentrichter gezogene Wiedergängerin des Ufa-Stars, der sie nie war; Winnie Markus spielt eine Zurückgelassene, die sich mit Tapferkeit gegen die Schwermut panzert – nicht nur im Krieg, auch im Nachkrieg ist Leben vor allem Überstehen.
R Harald Braun B Harald Braun, Herbert Witt K Günther Anders M Werner Eisbrenner A Robert Herlth S Adolf Schlyßleder P Walter Bolz D Viktor de Kowa, Winnie Markus, Willy Birgel, Sybille Schmitz, Hildegard Knef | D (W) | 109 min | 1:1,37 | sw | 11. Dezember 1947
R Harald Braun B Harald Braun, Herbert Witt K Günther Anders M Werner Eisbrenner A Robert Herlth S Adolf Schlyßleder P Walter Bolz D Viktor de Kowa, Winnie Markus, Willy Birgel, Sybille Schmitz, Hildegard Knef | D (W) | 109 min | 1:1,37 | sw | 11. Dezember 1947
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Zweiter Weltkrieg
15.10.46
Die Mörder sind unter uns (Wolfgang Staudte, 1946)
Die Stunde Null, die keine ist. Schatten der schuldhaften Vergangenheit liegen über der zerstörten Stadt, über den geschlagenen Menschen. Ernst Wilhelm Borchert als Chirurg Dr. Mertens (= der Trübsinn) – ein Arzt, der kein Blut sehen kann, ein Mann, der über seine schlimmen Kriegserinnerungen zum Säufer wird. Hildegard Knef als junge KZ-Überlebende Susanne Wallner (= die Zuversicht), die dem gebrochenen Mediziner aufmunternde Stütze, gutes Gewissen, schließlich verständnisvolle Gefährtin ist. Der Mörder (einer stellvertretend für viele) erscheint als gemütlicher Dicker (Arno Paulsen), der als Wehrmachtsoffizier am Weihnachtsabend 1942 irgendwo im Osten ein Dorf ausradieren ließ. Nach Kriegsende ist Ferdinand Brückner (so heißt der joviale Unmensch) schnell wieder obenauf, verarbeitet Stahlhelme zu Kochtöpfen. Am Weihnachtsabend 1945 soll der Täter für seine Taten zur Rechenschaft gezogen werden ... Der erste deutsche Film nach der bedingungslosen Kapitulation, entstanden bei der sowjetisch lizensierten Defa. Wolfgang Staudte orientiert sich weniger am kargen Verismus des italienischen Nachkriegsfilms, eher an der delikaten Stimmungsmalerei des traditionellen Studiokinos. Nie (außer vielleicht in den Bombennächten) waren die Ruinen von Berlin so effektvoll illuminiert wie in diesem neoexpressionistischem Trümmermelodram, das auf die erzieherische Moral hinausläuft, nichts zu vergessen, aber stets auch hoffnungsvoll nach vorne zu schauen.
R Wolfgang Staudte B Wolfgang Staudte K Friedl Behn-Grund, Eugen Klagemann M Ernst Roters A Otto Hunte, Bruno Monden S Hans Heinrich P Herbert Uhlich D Hildegard Knef, Ernst Wilhelm Borchert, Arno Paulsen, Erna Sellmer, Robert Forsch | D (O) | 90 min | 1:1,37 | sw | 15. Oktober 1946
R Wolfgang Staudte B Wolfgang Staudte K Friedl Behn-Grund, Eugen Klagemann M Ernst Roters A Otto Hunte, Bruno Monden S Hans Heinrich P Herbert Uhlich D Hildegard Knef, Ernst Wilhelm Borchert, Arno Paulsen, Erna Sellmer, Robert Forsch | D (O) | 90 min | 1:1,37 | sw | 15. Oktober 1946
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