9.4.71

Ein großer graublauer Vogel (Thomas Schamoni, 1971)

»La réalité étant trop épineuse pour mon grand caractère …« Ein kühnes, cooles Kryptogramm über die allmähliche Verfertigung der Wirklichkeit beim Träumen. Thomas Schamoni sendet dichterische Hipster und sonnenbebrillte Gangster, sensationsgeile Journalisten und unerforschliche Frauen auf die wilde, verwegene Jagd nach der Theorie von Allem, nach der Lösung des letzten Rätsels, nach der umfassenden Weltbeschreibung – die einst fünf genialen Wissenschaftler gelang, welche (um den Mißbrauch dieser Offenbarung durch die Mächtigen zu verhindern) ihre Entdeckung listig chiffrierten, bevor sie sich selbst ins Vergessen hypnotisierten: »Die Formel in einem Gedicht verschlüsselt – Raumverflachung, Zeitauflösung, der fabelhafte Dauertrip!« Ein fabelhafter Dauertrip (zu den psychedelischen Klängen von ›The Can‹) auch der Film: assoziativer Rausch im Stakkato-Schnitt, pop-lyrische Bild- und Tonmalerei als impressionistisches Delirium. »Ein großer graublauer Vogel« fiebert sich über Rimbauds Prosapoem ›Bottom‹ ( »… je me trouvai néanmoins chez ma dame, en gros oiseau gris bleu …«) in eine immer unübersichtlicher werdende, paranoid-verrätselte Thrillersatire hinein, die mittels der Verquickung von Realitätsfragmenten und Anspielungen auf geläufige narrative Muster sowie kraft einer formal höchst reizvollen, temporeichen Passage durch diverse Wahrnehmungs-, Beobachtungs- und Abbildungsebenen zur gedanklichen (und audiovisuellen) Erkenntnis vorstößt, daß die Welt, in der wir (zu) leben (glauben), kein materielles Universum ist sondern ein geistiges Abenteuer, ein Wildwasser der Imagination, ein (bisweilen tödlicher) Strudel der Poesie. »She brings the rain, it feels like spring / Magic mushrooms out of things.«

R Thomas Schamoni B Thomas Schamoni, Uwe Brandner, Hans Noever, Max Zihlmann K Dietrich Lohmann, Bernd Fiedler M The Can A Peter Eickmeyer S Elisabeth Orlov, Peter Przygodda P Thomas Schamoni D Klaus Lemke, Rolf Becker, Umberto Orsini, Lukas Ammann, Olivera Vuco | D & I | 92 min | 1:1,66 | f | 9. April 1971

Kommentare:

  1. Ich sollte ja nicht so hämisch sein; aber es erfüllt mich einfach mit Freude, wenn ich feststellen darf, dass mein Co-Admin Manfred Polak nicht als einziger solche eher vergessene Filme bespricht. - Welcome to the Club! :)

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  2. Danke! So einem Club gehöre ich gerne an. :) Der Text Deines Kompagnons ist mir schon vor einiger Zeit untergekommen, und ich war recht neidisch, da ich diesen Film sehen wollte, seit ich (vor Ewigkeiten) bei Joe Hembus über ihn gelesen habe. (Seinerzeit hatte mich vor allem der tolle Titel fasziniert.) Nun, da »Ein großer graublauer Vogel« als Einzel-DVD bei ›Zweitausendeins‹ erschienen ist, wird er vielleicht endlich dem unverdienten Vergessen entrissen …

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  3. Es war mir ganz entgangen, dass es inzwischen eine Einzel-DVD gibt. Jetzt weiß ich auch, warum meine Besprechung seit Wochen die zweite Luft hat und inzwischen einer meiner meistgelesenen (oder zumindest meistgeklickten) Artikel ist.

    Bei Hembus kommt der Film eigentlich nicht gut weg, zumindest in "Der Neue Deutsche Film 1960-1980" von Hembus/Fischer (woraus ich auch das Fassbinder-Zitat in meinem Artikel habe): "Aufwendiges und großenteils zielloses Herumfliegen leistete Schamoni aber auch bei der geistigen Vorbereitung seines Films: zuviele Ideen, zuviel Bedeutung, zuviel Unergiebig-Kompliziertes. Das Resultat ist ein Rätselfilm, reizvoll wie alle grau-blauen Rätsel, aber ebenso unergiebig."

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  4. »Zu viele Ideen« und Rätsel, die sie nicht auflösen können, mögen Kritiker ja generell eher nicht so gerne. ;) Auf Hembus' Einschätzungen (insbesondere im Mittelteil seiner Trilogie des deutschen Films) gebe ich eh nicht soo viel; für mich war und ist er mehr als genialer Archivar von Interesse.

    In »Der deutsche Film kann gar nicht besser sein« zitiert Hembus, etwas versöhnlicher, übrigens eine »Vogel«-Kritik von Wolfgang Ruf: »Hat man sich einmal an den hektischen Rhythmus des Films gewöhnt, so werden die einzelnen Bildfolgen – ›The Can‹ macht dazu die richtig einlullende Musik – durchaus konsumierbar. Doch erfreut man sich dabei vorwiegend an den originellen Einfällen des Regisseurs Schamoni, der sein Material, das schon mit einem Jet-Touch versehen ist, mit überraschenden Montagen immer wieder in den Zusammenhang eines ironischen Spiels mit der Realität zwingt.«

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