Geschlossene Gesellschaft
Die erste Frage des Neuankömmlings gilt den Folterwerkzeugen. Der joviale Hausdiener kann darüber nur lachen (er lacht überhaupt recht viel): In der Hölle benötigt man keine komplizierten Instrumente zur Marter der Verdammten. Es reichen ein intimer, leicht überheizter Salon style Napoléon III, geschlossene Türen und (jetzt wird es infam): zwei Mitbewohner. »Three’s a crowd«, sagt eine englische Redensart, ein französischer Dramatiker-Philosoph postuliert: »L’enfer c’est les autres« – und sperrt zum Beweis dieser These einen großsprecherisch-feigen Revoluzzer, ein reiches Flittchen sowie eine sarkastische Lesbe zusammen, die sich das (Nach-)Leben gegenseitig, man ahnt es: zur Hölle machen, indem sie Eigensucht und Selbstbetrug, Gier und Schuld der anderen mitleidlos enthüllen. Jacqueline Audrys Leinwand-Adaption des parabolischen Sartre-Stücks funktioniert immer dann, wenn sie die drei armen Teufel streiten, höhnen, zetern, heulen läßt – sobald der Film jedoch das geschmacklose Unterweltgemach verläßt, um in Flashbacks Vergangenheit und Charakter der Delinquenten zu illustrieren, verlieren sich mit der klaustrophobischen Enge des Settings auch die kammerspielhafte Konzentration und die gallig-ironische Härte des Befundes über die (ausweglose) menschliche Grundsituation.
R Jacqueline Audry B Pierre Laroche V Jean-Paul Sartre K Robert Juillard M Joseph Kosma A Maurice Colasson S Marguerite Beaugé P Edmond Ténoudji D Arletty, Franck Villard, Gaby Sylvia, Yves Deniaud, Nicole Courcel | F | 95 min | 1:1,37 | sw | 22. Dezember 1954
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22.12.54
23.11.48
Der Apfel ist ab (Helmut Käutner, 1948)
»Oh jemine, oh homine, / Wärst du doch sapiens gewesen.« Ein Mann, der sich nicht zwischen zwei Frauen entscheiden kann: hier die reine, dort die verführerische, die eine blond, die andere brünett. Apfelsafthersteller Adam Schmidt (Bobby Todd), von den Alternativen zerrissen, verzweifelt über sein Dilemma, denkt an Selbstmord. In der Nervenklinik von Professor Petri wird ihm erklärt, die ganze Welt sei krank, und jeder Einzelne trüge daran Schuld. Entgiftung und Selbsterziehung stehen auf dem Programm des Mediziners: Erst wenn der Mensch genäse, könne auch die Zeit wieder in den Takt kommen … Es ist eine sonderbare Chimäre, die Helmut Käutner in seiner filmischen Retorte erzeugt – das Studio als Laboratorium, wo Kabarett und Psychotherapie, Revue und Zeitkritik, Quatsch und Mysterienspiel ungeniert verpanscht werden. Das Ergebnis ist eine aparte Mißgeburt, die ihren spezifischen Reiz allenfalls aus der Disparität der zusammengerührten Elemente gewinnt. In einer bizarren Traumsequenz, die surreale Kulissen und naive Puppentricks, jubelnde Engelsorgeln und teuflische Jazzarrangements bemüht, streift Adam durch Himmel (mit Käutner als vollbärtigem Petrus) und Hölle (wo Arno Assmann als frivoler Luzifer um Kundschaft buhlt), gelangt – man weiß, warum – vom Paradies auf die Erde, erlebt Genesis und Sündenfall als (mehr oder weniger lustiges) Tingeltangel. Adams Problem erfährt schließlich eine göttliche Lösung: Eva, das weiße Häschen (Bettina Moissi), und Lily, die schwarze Schlange (Joana Maria Gorvin), werden zu einem einzigen Wesen verquickt. Wer mag, darf in dieser symbolischen Verschmelzung von Gut und Böse (≈ von Links und Rechts, von Ost und West) so etwas wie die treuherzige Vorstellung eines dritten Weges erkennen, auf dem der gesundete Mensch seinem Glück entgegenwandern darf.
R Helmut Käutner B Helmut Käutner, Bobby Todd V Kurd E. Heyne, Helmut Käutner, Bobby Todd K Igor Oberberg M Bernhard Eichhorn A Gerhard Ladner, Wolfgang Znamenacek S Wolfgang Wehrum P Helmut Käutner D Bobby Todd, Bettina Moissi, Joana Maria Gorvin, Helmut Käutner, Arno Assmann, Irene von Meyendorff | D (W) | 103 min | 1:1,37 | sw | 23. November 1948
# 881 | 15. Juni 2014
R Helmut Käutner B Helmut Käutner, Bobby Todd V Kurd E. Heyne, Helmut Käutner, Bobby Todd K Igor Oberberg M Bernhard Eichhorn A Gerhard Ladner, Wolfgang Znamenacek S Wolfgang Wehrum P Helmut Käutner D Bobby Todd, Bettina Moissi, Joana Maria Gorvin, Helmut Käutner, Arno Assmann, Irene von Meyendorff | D (W) | 103 min | 1:1,37 | sw | 23. November 1948
# 881 | 15. Juni 2014
11.8.43
Heaven Can Wait (Ernst Lubitsch, 1943)
Ein himmlischer Sünder
»I presume your funeral was satisfactory.« – »Well, there was a lot of crying, so I believe everybody had a good time.« Henry Van Cleve (Don Ameche), reich an Geld, an Grillen, an Gelüsten, suchte im Leben immer nur das eine: sein Vergnügen – ein charmanter, unbeschwerter, eskapistischer Bonvivant, der schon als Baby die Damen verrückt machte, der trotz der Ehe mit einer geradezu überirdischen Erscheinung (Gene Tierney als strahlender (Männer-)Traum) nicht von anderen Frauen lassen konnte, der noch als Greis der Faszination von Tanzmäusen erlag … Nach seinem (beschwingten) Tod, das ist ihm klar, fährt er billigermaßen zur Hölle (die aussieht wie das Foyer eines Revuetheaters oder die Vorstandsetage eines Unterhaltungskonzerns); der Teufel (ein spitzbärtiger Weltmann im Frack) lauscht interessiert der Biographie des reizenden Missetäters (112 Minuten Film für 70 Jahre einer federleichten Existenz) und weist ihn freundlich ab: »We don’t cater to your class of people here.« Ernst Lubitsch gibt sich so charmant, so unbeschwert, so eskapistisch wie sein vielgeliebter Held, folgt dem Strom einer schöngefärbten Erinnerung an knallbunt ausgemalte immergute Zeiten: Kino wie ein Walzer von Strauss, wie ein Menuett von Mozart, Kino als galante Technicoloratur ohne moralische, politische, gesellschaftliche Botschaft. Mit »Heaven Can Wait« empfiehlt sich Lubitsch als der freundliche Schöpfer einer besseren (illusionären) Welt: Bei ihm gelangt auch der reiche Mann in den Himmel – das Kamel (in diesem Falle die Kuh ›Mabel‹) muß draußen bleiben.
R Ernst Lubitsch B Samson Raphaelson V László Bús-Fekete K Edward Cronjager M Alfred Newman A James Basevi, Leland Fuller S Dorothy Spencer P Ernst Lubitsch D Don Ameche, Gene Tierney, Charles Coburn, Marjorie Main, Laird Cregar | USA | 112 min | 1:1,37 | f | 11. August 1943
»I presume your funeral was satisfactory.« – »Well, there was a lot of crying, so I believe everybody had a good time.« Henry Van Cleve (Don Ameche), reich an Geld, an Grillen, an Gelüsten, suchte im Leben immer nur das eine: sein Vergnügen – ein charmanter, unbeschwerter, eskapistischer Bonvivant, der schon als Baby die Damen verrückt machte, der trotz der Ehe mit einer geradezu überirdischen Erscheinung (Gene Tierney als strahlender (Männer-)Traum) nicht von anderen Frauen lassen konnte, der noch als Greis der Faszination von Tanzmäusen erlag … Nach seinem (beschwingten) Tod, das ist ihm klar, fährt er billigermaßen zur Hölle (die aussieht wie das Foyer eines Revuetheaters oder die Vorstandsetage eines Unterhaltungskonzerns); der Teufel (ein spitzbärtiger Weltmann im Frack) lauscht interessiert der Biographie des reizenden Missetäters (112 Minuten Film für 70 Jahre einer federleichten Existenz) und weist ihn freundlich ab: »We don’t cater to your class of people here.« Ernst Lubitsch gibt sich so charmant, so unbeschwert, so eskapistisch wie sein vielgeliebter Held, folgt dem Strom einer schöngefärbten Erinnerung an knallbunt ausgemalte immergute Zeiten: Kino wie ein Walzer von Strauss, wie ein Menuett von Mozart, Kino als galante Technicoloratur ohne moralische, politische, gesellschaftliche Botschaft. Mit »Heaven Can Wait« empfiehlt sich Lubitsch als der freundliche Schöpfer einer besseren (illusionären) Welt: Bei ihm gelangt auch der reiche Mann in den Himmel – das Kamel (in diesem Falle die Kuh ›Mabel‹) muß draußen bleiben.
R Ernst Lubitsch B Samson Raphaelson V László Bús-Fekete K Edward Cronjager M Alfred Newman A James Basevi, Leland Fuller S Dorothy Spencer P Ernst Lubitsch D Don Ameche, Gene Tierney, Charles Coburn, Marjorie Main, Laird Cregar | USA | 112 min | 1:1,37 | f | 11. August 1943
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