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22.3.78

La zizanie (Claude Zidi, 1978)

Der Querkopf 

Guillaume Daubray-Lacaze (Louis de Funès), Kleinfabrikant mit einem Bein im Konkursgericht und Bürgermeister einer beschaulichen Provinzstadt, verkauft unverhofft 3000 Stück seines Rauchverzehrers CX-22 an japanische Geschäftsleute. Weil die Produktionskapazitäten nicht ausreichen, funktioniert der Boß sein Wohnhaus kurzerhand zur Werkstatt um; Gattin Bernadette (Annie Girardot) trägt die Prüfung mit ehefraulicher Geduld – bis ihr hingebungsvoll gepflegter Gemüsegarten und das geliebte Gewächshaus Raub der ungezügelten unternehmerischen Aktivitäten werden … Der schlagartig ausbrechende Ehekrieg, in dessen Verlauf Bernadette als Vertreterin der Liste »Défense de la nature« bei den Gemeinderatswahlen gegen ihren wachstumsorientierten Mann (»Mon programme en trois points : premièrement, le plein emploi, deuxièmement, le plein emploi et troisièmement, le plein emploi!«) antritt, umschreibt in Form einer quatschigen Groteske den Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie, der die zunehmend im Wohlstandsmüll versinkenden westlichen Konsumgesellschaften in den 1970er Jahren erfaßt. Claude Zidi ist an zivilisationskritischen Untertönen allerdings nur in dem Maße gelegen, wie sie das ungebremste Spiel der temperamentvollen Hauptdarsteller nicht stören.

R Claude Zidi B Claude Zidi, Michel Fabre, Pascal Jardin K Claude Renoir M Vladimir Cosma A Théobald Meurisse S Robert Isnardon, Monique Isnardon P Christian Fechner D Louis de Funès, Annie Girardot, Julien Guiomar, Maurice Risch, Daniel Boulanger, Geneviève Fontanel | F | 97 min | 1:2,35 | f | 22. März 1978

# 901 | 4. August 2014

27.10.76

L’aile ou la cuisse (Claude Zidi, 1976)

Brust oder Keule 

Für seine Verdienste um die beiden heiligen Kühe Frankreichs – Küche und Sprache – soll Charles Duchemin (Louis de Funès), wortmächtiger Kulinarier und Herausgeber eines berühmten (und von vielen gefürchteten) Restaurantführers, in die Académie française aufgenommen werden. Bevor er, gewandet in den ehrwürdigen habit vert, das traditionelle Festessen im Kreise der ›Unsterblichen‹ genießen kann, muß Duchemin einerseits seinen Sohn und designierten Nachfolger Gérard (Coluche), der ein Doppelleben als Zirkusclown führt, bei der familiären Stange halten, andererseits in einem Fernsehduell die chemisch-industriellen Schweinereien des diabolischen Lebensmittel-Tycoons Jacques Tricatel (Julien Guiomar) ans Licht der Öffentlichkeit bringen. Duchemin gegen Tricatel, das heißt nicht nur ›grande cuisine‹ gegen ›malbouffe‹, sondern ganz allgemein: kulturelle Verfeinerung gegen profitgierige Barbarei. Gerade von einem doppelten Herzinfarkt genesen, wirkt die ewige Krawalltüte Louis de Funès in Claude Zidis satirischer Gastro-Farce etwas schallgedämpft; dem fröhlichen Wahnwitz seiner Reise vom Himmel der Feinschmeckerei in die Hölle der Fertiggerichte und wieder zurück tut dies freilich keinen Abbruch.

R Claude Zidi B Claude Zidi, Michel Fabre K Claude Renoir M Vladimir Cosma A Michel de Broin S Robert Isnardon, Monique Isnardon P Christian Fechner D Louis de Funès, Coluche, Julien Guiomar, Ann Zacharias, Claude Gensac, Marcel Dalio | F | 104 min | 1:2,35 | f | 27. Oktober 1976

# 900 | 4. August 2014

18.10.73

Les aventures de Rabbi Jacob (Gérard Oury, 1973)

Die Abenteuer des Rabbi Jacob

»Une grimace et vous êtes mort!« Polternd-subtiles Kabinettstück des hysterischen Realismus: Louis de Funès als erzrassistisches Pariser Unternehmer-Arschloch, das (nicht zuletzt wegen seiner stupenden Borniertheit) in namenlose Schwierigkeiten gerät und, ungewollt begleitet von einem arabischen Volkstribun, in Maske und Kostüm eines New Yorker Rabbiners vor den Nachstellungen heimischer Polizisten sowie fremdländischer Geheimdienstler flüchtet. »Die Revolution«, sagte Che Guevara, »ist wie ein Fahrrad – wenn sie stehenbleibt, fällt sie um.« Gérard Oury überträgt dieses Diktum auf die pädagogisch-boulevardeske Filmkomödie: Ohne ihm eine Atempause zu gönnen, schickt er seinen fratzenschneidenden Protagonisten – durch eine blubbernde Kaugummifabrik und über das kurvenreiche Gepäckband des Flughafens Orly, durch eine rappelvolle Synagoge im Marais und über den nationalstolzen Hof des Invalidendoms – auf den Weg der Menschwerdung … Ein abenteuerliches Vaudeville über den schönen Traum von Religionsfrieden, Völkerverständigung und Zivilisierung, über eine bessere Welt, in der es keine Schande wäre, jüdisch oder nicht jüdisch zu sein: »Ça ne fait rien, on vous garde quand même!«

R Gérard Oury B Gérard Oury, Danièle Thompson, Josy Eisenberg K Henri Decaë M Vladimir Cosma A Théo Meurisse S Albert Jurgenson P Bertrand Javal D Louis de Funès, Claude Giraud, Marcel Dalio, Suzy Delair, Henri Guybet | F & I | 100 min | 1:1,66 | f | 18. Oktober 1973

10.9.69

Hibernatus (Edouard Molinaro, 1969)

Der Winterschläfer | Onkel Paul, die große Pflaume 

Surreal-erhellende Familienfarce mit dem unvergleichlichen Kistenteufel Louis de Funès als Nachfahre eines gewissen Paul Fournier, der 65 Jahre nach dem Untergang eines Dampfbootes auf Grönlandfahrt aus dem Packeis geborgen und erfolgreich aufgetaut wird. Eine wissenschaftliche Sensation! Das Fleisch des anno 1905 Tiefgefrorenen ist so jugendfrisch wie am Tag des Schiffbruchs, doch sein Geist scheint akut gefährdet: Könnte der »Hibernatus« den Schock des Zeitsprungs verkraften? Könnte er die brutalen Völkerschlachten begreifen, die während seiner frostigen Abwesenheit abrollten? (»La guerre de 14. PAF! La guerre de 40. PAF!«) Könnte er den Wahnwitz aushalten, den die Moderne inzwischen entfesselt hat? Die Flugzeuge in Zigarrenform (»ZOF!«), die in New York landen, bevor sie in Paris gestartet sind? Die elektrischen Gitarren? Die Atome? Das Fernsehen? »Les hommes deviennent fous! Ils deviennent fous! La, la, la …« Und so mimen die Abkömmlinge eine intakte Welt, eine heile Belle Époque, um dem rührend unverdorben wirkenden Heim(?)kehrer die Absurdität ihrer verrückten Ära zu ersparen. Vergeblich, wie man ahnt, denn zum einen läßt sich das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen, zum anderen ist nichts verborgen, das nicht offenbar werde, und ist nichts Heimliches, das nicht hervorkomme.

R Edouard Molinaro B Jacques Vilfried, Jean Bernard-Luc, Louis de Funès, Jean Harlan V Jean Bernard-Luc K Marcel Grignon, Raymond Pierre Lemoigne M Georges Delerue A François de Lamothe S Monique Isnardon, Robert Isnardon P Alain Poiré D Louis de Funès, Claude Gensac, Michael Lonsdale, Bernard Alane, Pascal Mazzotti | F & I | 82 min | 1:2,35 | f | 10. September 1969

11.10.67

Oscar (Edouard Molinaro, 1967)

Oscar

»Je suis zinzin!« Ein Vormittag im Hause des Unternehmers Bertrand Barnier (Louis de Funès): Barniers minderjährige Tochter verkündet greinend, ein Kind von Barniers gefeuertem Chauffeur Oscar zu erwarten, der wiederum vor lauter Kummer über seine Entlassung zum Südpol aufgebrochen ist, Barniers Angestellter Martin verkündet fröhlich, seinem Chef (Barnier) 600.000 Francs gestohlen zu haben, um Barniers Tochter, die er zu ehelichen gedenkt, die aber gar nicht Barniers Tochter ist, ein angemessenes Leben bieten zu können, Barniers Dienstmädchen verkündet stolz ihre Kündigung, um den aristokratischen Verlobten der Tochter Barniers zu heiraten; drei Koffer kursieren, einer voller Banknoten, einer voller Diamanten, einer voller Damenwäsche; Barnier verliert immer wieder den Verstand, fegt immer wieder die Bruchstücke seiner selbst auf, setzt sich immer wieder neu zusammen. Längst ist der Irrsinn des bürgerlichen Lebens zur Normalität geworden, wenn es nicht sowieso immer schon so war. Star der subtilen Holzhammerkomödie ist, neben dem hochexplosiven Hausherrn, das von Georges Wakhévitch, in einer Art Markart-Stil des Nuklearzeitalters, entworfene Interieur: ein innenarchitektonischer Amoklauf zwischen Plüsch und Pop-Art, ein piranesieskes Luftschloß des modernistischen Barock, ein grellbunter Fiebertraum des bourgeoisen Futurismus. »Silence!«

R Edouard Molinaro B Jean Halain, Edouard Molinaro, Louis de Funès V Claude Magnier K Raymond Pierre Lemoigne M Georges Delerue A Georges Wakhéwitch S Monique Isnardon, Robert Isnardon P Alain Poiré D Louis de Funès, Claude Rich, Mario David, Claude Gensac, Dominique Page | F | 85 min | 1:2,35 | f | 11. Oktober 1967

16.3.67

Fantômas contre Scotland Yard (André Hunebelle, 1967)

Fantomas bedroht die Welt 

Maske in Blau – Teil 3. Nach Abenteuern in Paris und Rom wird die Jagd auf den metamorphischen Bösewicht im schottischen Hochland fortgesetzt. Das Genie des zweckfreien Verbrechens hat sein Interesse auf schnöden Gelderwerb verlagert und plant, den vermögendsten Männern der Welt eine Sonderabgabe auf ihr Leben abzupressen – Motto: »Das Funktionieren jeder Gesellschaftsform basiert auf einem straffen Steuersystem.« Die räumliche Beschränkung der Erzählung auf Schloß und Park eines steinreichen Landedelmannes rückt »Fantômas contre Scotland Yard« vollends in die Nähe gediegen-spleeniger Krimiunterhaltung, die durch zahlreiche ungebremste Auftritte von Louis de Funès schwere Schlagseite ins Drollig-Burleske bekommt.

R André Hunebelle B Jean Halain, Pierre Foucaud V Pierre Souvestre, Marcel Allain K Marcel Grignon M Michel Magne A Max Douy S Pierre Gillette P Paul Cadéac, Alain Poiré D Jean Marais, Louis de Funès, Mylène Demongeot, Françoise Christophe, Jean-Roger Caussimon | F & I | 104 min | 1:2,35 | f | 16. März 1967

8.12.65

Fantômas se déchaîne (André Hunebelle, 1965)

Fantomas gegen Interpol

In der Maske der Unschuld schaut das Medium Kino zurück auf seine Kindertage, beschwört noch einmal die Welt der unterirdischen Gewölbe, wo geheimnisvolle Verschwörungen ausgeheckt werden, eine Welt, in der sich Holzbeine in Maschinenpistolen verwandeln und Autos in Flugzeuge. »Fantômas se déchaîne« – der zweite Teil des Serial-Aufgusses um den niederträchtigen Blaumann, den heroischen Reporter und den zappeligen Kommissar (der sich den Gegner verwandlungstechnisch zum Vorbild nimmt und nacheinander als Eisenbahnschaffner, italienischer General, Hoteldiener, Monsignore und Pirat auftritt) – wirkt naiv im unmittelbaren Sinne des Wortes: unbefangen und kindlich, ist dabei Lichtjahre entfernt vom formalen Modernismus der silbernen Sechziger (der nichtsdestoweniger spielerisch als Kulisse genutzt wird), zugleich durchdrungen vom Schwung einer Ära, die den Citroën DS erfindet, blind an die Zukunft glaubt und sich (beinahe) erfolgreich die eigene Arglosigkeit vorlügt. Die Innovation des Films liegt (wenn überhaupt) weder in der Erzählform, noch in Bildkomposition oder Montage sondern in der Verbindung von gnadenlosem Slapstick (ein weiterer Rückgriff auf die Frühzeit der Filmkunst) und gnadenlosem Verbrechen – es ist ein sehr subtiler Zynismus, der hier waltet. »Die Menschen«, heißt es in einem Film von Jean-Pierre Melville, »werden unschuldig geboren, aber sie bleiben es nicht.« Dieser Satz könnte auch für das Kino gelten. PS: »Fantômas, je te retrouverai, tu seras puni!«

R André Hunebelle B Jean Halain, Pierre Foucaud V Pierre Souvestre, Marcel Allain K Raymond Lemoigne M Michel Magne A Max Douy S Jean Feyte P Paul Cadéac, Alain Poiré D Jean Marais, Louis de Funès, Mylène Demongeot, Jacques Dynam, Robert Dalban | F & I | 94 min | 1:2,35 | f | 8. Dezember 1965

24.3.65

Le corniaud (Gérard Oury, 1965)

Scharfe Sachen für Monsieur | Louis, das Schlitzohr

»Wenn einer eine Reise tut, / dann kann er was erzählen. / Drum nähme ich den Stock und Hut / und tät das Reisen wählen.« Antoine Maréchal, ein argloser Pariser Kleinbürger (Bourvil), nimmt den weißen Cadillac DeVille, der ihm (nicht ganz uneigennützig) vom halbseidenen »Unternehmer« Léopold Saroyan (Louis de Funès) zur Verfügung gestellt wird, und reist von Neapel nach Bordeaux. Unterwegs passiert allerlei Erzählenswertes, das insbesondere mit der versteckten Fracht zu tun hat, die Maréchal nichtsahnend in Saroyans Luxuskarosse transportiert: Heroin (in den Kotflügeln), Gold (in den Stoßstangen), Edelsteine (in der Batterie) und: den größten Diamanten der Welt (tja, wo eigentlich?) … Gérard Oury mixt Gangster-Klamotte mit Poisson-hors-de-l’eau-Komödie und postkartenidyllischen Italien-Impressionen (römisches Dolce Vita, sizilianische Eifersucht, Wasserspiele und Faustkämpfe in der Villa d’Este, Camping und Freikörperkultur am Tyrrhenischen Meer) zu einem ferienvergnüglichen Roadmovie, in dem – anders als im richtigen Leben – die bodenlose Ehrlichkeit des herzensguten Blödmanns über die gemeine Hinterlist des berechnenden Schlitzohrs siegt.

R Gérard Oury B Gérard Oury, Marcel Jullian, Georges Tabet, André Tabet K Henri Decaë M Georges Delerue A Francesco Ciarletta, Robert Giordani S Albert Jurgenson P Robert Dorfmann D Bourvil, Louis de Funès, Venantino Venantini, Beba Loncar, Alida Chelli | F & I | 111 min | 1:2,35 | f | 24. März 1965

4.11.64

Fantômas (André Hunebelle, 1964)

Fantomas

Wer hat Angst vorm Blauen Mann? oder Die Wiedergeburt eines genußvoll-sadistischen Superverbrechers als vermummungslustiger Kinderschreck: André Hunebelle erweckt die Stummfilmlegende »Fantômas«, die das Paris der späten Belle Époque unsicher machte und den Surrealisten Begeisterungsseufzer entlockte, als konsumierbaren Antihelden einer modischen (streckenweise recht behäbig inszenierten) Actionklamotte zu neuem Leben. Drei Gerechte ziehen gegen den Schurken zu Felde: ein alerter Journalist (Jean Marais), eine platinblonde Fotografin (Mylène Demongeot) und ein Gesetzeshüter am Rande des Nervenzusammenbruchs. Louis de Funès in der Rolle des fratzenschneidenden, wild gestikulierenden Kommissar Juve hat den Film fest im Griff und stiehlt dem statuarischen, mimisch durch die Latexmaske arg eingeschränkten Titelhelden die kriminelle Schau. Vor allem durch de Funès' Turbo-Performance verwandelt sich der schwarze Pulp-Anarchismus der Vorlage in einen neckischen Pop-Mummenschanz ohne Bedrohungspotential. PS: »Non, ce n’est pas fini! Nous nous retrouverons, Fantômas!«

R André Hunebelle B Jean Halain, Pierre Foucaud V Pierre Souvestre, Marcel Allain K Marcel Grignon M Michel Magne A Paul-Louis Boutié S Jean Feyte P Paul Cadéac, Alain Poiré D Jean Marais, Louis de Funès, Mylène Demongeot, Jacques Dynam, Robert Dalban | F & I | 100 min | 1:2,35 | f | 4. November 1964

26.10.56

La traversée de Paris (Claude Autant-Lara, 1956)

Zwei Mann, ein Schwein und die Nacht von Paris

»Dans chaque Français il y a un cochon qui sommeille … et dans chaque homme peut-être.« In einer Nacht während der deutschen Okkupation (Verdunklung!) schleppen zwei Männer – ein duckmäuserischer Schieber (Bourvil) und ein impulsiver Künstler (Jean Gabin) – ein schwarz geschlachtetes Schwein, verteilt auf vier Koffer, quer durch Paris. Während der eine mit dem Schleichhandel sein zweifelhaftes Auskommen findet, sucht der andere die Abwechslung, den Nervenkitzel, die Inspiration. Verfolgt von einer wachsenden Zahl herrenloser Köter, begegnen die beiden ungleichen, aber gleichermaßen abstoßend-sympathischen Transportarbeiter auf ihrem gefahrvollen Weg (vorbei an argwöhnischen Flics, uniformierten Patrouillen und betagten Nutten) einigen ehrwürdigen Vertretern der französischen Gesellschaft ihrer Zeit: Leisetretern und Pharisäern, Maulhelden und Nutznießern des Mangels – kurze Zusammentreffen, die grelle Schlaglichter in die Düsternis der Besetzungsmentalität werfen. Claude Autant-Lara inszeniert »La traversée de Paris« als schäbige Komödie voller unappetitlicher Momente (etwa wenn Bourvil Akkordeon spielen muß, um das Todesquieken der von Louis de Funès gepeinigten Sau zu übertönen), eine Komödie, die er nicht ohne Konsequenz in ein kümmerliches Drama umschlagen läßt, um zu guter (?) Letzt noch eine maliziöse Schlußpointe draufzusetzen. PS: »Die Pflastersteine auf der Straß’, / Die sollen jetzt sich spalten …«

R Claude Autant-Lara B Jean Aurenche, Pierre Bost V Marcel Aymé K Jacques Natteau M René Cloërec A Max Douy S Madeleine Gug P Henry Deutschmeister D Jean Gabin, Bourvil, Jeannette Batti, Louis de Funès, Robert Arnoux | F & I | 80 min | 1:1,37 | sw | 26. Oktober 1956

20.1.54

Le blé en herbe (Claude Autant-Lara, 1954)

Erwachende Herzen

Es beginnt wie ein munterer Ferienfilm à la Jacques Tati: Ein sommerlicher Strand. Familien (die Garderobe verrät, daß »Le blé en herbe« in den 1920er Jahren spielt) sitzen in der Sonne. Kleine Waisenmädchen marschieren unter der Fuchtel gestrenger Erzieherinnen zum jährlichen Badespaß. Ein Strandkino wird (von Louis de Funès!) aufgebaut. Plötzlich zieht ein Sturm herauf. Hüte wirbeln durch die Luft. Drachen machen sich selbständig. Die Kinoleinwand bricht über dem Piano zusammen. Wellen schlagen hoch. Ein junger Mann kentert mit seinem Ruderboot, ruft panisch um Hilfe, säuft fast ab, kann sich gerade noch (splitterfasernackt) ans Ufer retten – mit einem herrenlosen Strohhut bedeckt er seine Blöße und eilt davon… Der schroffe Wechsel der Tonlage von heiter-skurril zu dramatisch-existenziell (und wieder zurück) antizipiert die ambivalente Stimmungslage der folgenden Erzählung um Aufbruch und Verlust nach einem (Entwicklungs- und Dreiecks-) Roman der Colette. Phil (der Ruderer) und Vinca, er 16, sie 15, verbringen seit ihrer Kindheit den Sommer gemeinsam (mit ihren jeweiligen Familien) in der Bretagne – aber: ihr vormalig geschwisterliches Verhältnis funktioniert nicht mehr, hat sich zu einer komplizierten Beziehung zwischen verwirrter Abstoßung und neckischer Anziehung, zwischen erbittertem Streit und verlangender Zärtlichkeit gewandelt. Sind sie ein Paar? Wollen sie überhaupt eines sein? Bevor es zur Entscheidung kommt, erlebt Phil eine Affäre mit einer belustigt-sehn­suchtsvollen Dame in Weiß (Edwige Feuillère), die seine Mutter sein könnte, die hinter sich hat, was ›Philévinca‹ noch vor sich haben, die für einen kurzen glücklichen Moment den zarten Hauch des längst Verlorenen atmen möchte. Am Ende der Ferien ist auch der – von Claude Autant-Lara diskret (und doch deutlich genug) in Szene gesetzte – Film zu Ende. Das Sommerhaus wird verriegelt. Phil und Vinca stehen, Hand in Hand, am nun schon herbstlich grauen Meer. Sie sind älter geworden.

R Claude Autant-Lara B Jean Aurenche, Pierre Bost, Claude Autant-Lara V Colette K Robert Lefebvre M René Cloërec A Max Douy S Madeleine Gug P Louis Wipf D Edwige Feuillère, Pierre-Michel Beck, Nicole Berger, Renée Devillers, Charles Dechamps | F | 106 min | 1:1,37 | sw | 20. Januar 1954