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20.2.79

Die Ehe der Maria Braun (Rainer Werner Fassbinder, 1979)

»Ich mache die Wunder lieber, als daß ich auf sie warte.« Ein Zeitbild, ein Entwicklungsroman, eine Dreiecksgeschichte, ein »women’s picture«. Es ist Krieg, als Maria und Hermann Braun heiraten. Bomben fallen, das Standesamt fliegt in die Luft. Die Ehe dauert einen halben Tag und eine ganze Nacht, dann hört sie auf und geht doch immer weiter: durch Zusammenbruch und Nachkrieg, Besatzung und Wiederaufbau. Hermann (Klaus Löwitsch) gilt für tot, taucht unerwartet auf, geht für Maria (Hanna Schygulla) ins Gefängnis, verschwindet, kommt zurück. Ein Wechselbad von Verschollensein und Heimkehr, Verlust und Wiederfinden: »Es ist keine gute Zeit für Gefühle.« Derweil macht Maria Karriere, wird die wichtigste Mitarbeiterin und Geliebte des Unternehmers Oswald (Ivan Desny), schuftet wie eine Besessene, schafft Geld heran, für später: »Mit dem Leben fangen wir an, wenn wir wieder zusammen sind«, sagt sie zu Hermann. Rainer Werner Fassbinder präsentiert Maria als Bahnbrecherin und Produkt ihrer Zeit, unabhängig und ausgeliefert, weitsichtig und blind. Sie spricht von Liebe und denkt an Besitz, sie trennt Emotion von Geschäft und vermischt Glück mit Interessen: eine »Meisterin der Verstellung«, der das Rollenspiel zur Natur wird, eine »Mata Hari des Wirtschaftswunders«, die sich vor allem selbst verrät. »Ich hab mich gemacht«, behauptet Maria stolz von sich, ohne zu ahnen, daß sie das Objekt eines Handels ist. Fassbinder zeigt, mokant und bekümmert, gefühlvoll und gallig, die Gründungsjahre der Bundesrepublik, mit ihren Menschen, die immer kälter, immer dicker, einander immer fremder werden: Bewohner eines Landes, das Wahnsinn heißt. Die komplexe Tonspur bettet die Dialoge in zeitgenössische Musik, ins Knattern der Preßlufthämmer, in bedeutungsvolle historische Tondokumente: Suchmeldungen des Rundfunks, widersprüchliche Kanzlerreden, euphorische Reportagen: »Aus! Aus! Aus! Deutschland ist Weltmeister!«

R Rainer Werner Fassbinder B Peter Märthesheimer, Pea Fröhlich K Michael Ballhaus M Peer Raben A Norbert Scherer Ko Barbara Baum S Juliane Lorenz, Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Michael Fengler D Hanna Schygulla, Ivan Desny, Klaus Löwitsch, Gisela Uhlen, Elisabeth Trissenaar, Hark Bohm | BRD | 120 min | 1:1,85 | f | 20. Februar 1979

# 893 | 5. Juli 2014

22.11.78

Une histoire simple (Claude Sautet, 1978)

Eine einfache Geschichte

Claude Sautet erzählt von Marie (la femme de quarante ans: Romy Schneider), von ihren Männern und ihren Freundinnen, von ihrem fast erwachsenen Sohn und ihren ungeborenen Kindern, von Wünschen und Ängsten, von beklemmenden Zweifeln und reifender Einsicht: eine Geschichte, so einfach (= so kompliziert) wie das Leben, wie die Liebe. Die Figur der Marie – sie trennt sich unter Schmerzen von ihrem ruhelosen Lebensgefährten (Claude Brasseur), sie bandelt, fast ohne es zu wollen, wieder mit ihrem unerschütterlichen Exmann (Bruno Cremer) an, sie findet schließlich Halt und Unabhängigkeit in der Gemeinschaft mit ihrer gebeutelten Kameradin Gabrielle (Arlette Bonnard) – changiert fortwährend zwischen Zerbrechlichkeit und Stärke, Erschöpfung und Agilität, Anlehnungsbedürfnis und Emanzipationsdrang. Schneider, die den Film souverän trägt, wirkt, bei aller Nuanciertheit ihres Spiels, von dieser Spannung (die auch ihre eigene Biographie bestimmt haben mag) gleichermaßen beflügelt wie ausgelaugt – selbst über den (wenigen) Momenten von heiterer Unbeschwertheit, die Sautets Erzählung ihr gönnt, liegt der Schleier einer tiefen Müdigkeit.

R Claude Sautet B Claude Sautet, Jean-Loup Dabadie K Jean Boffety M Philippe Sarde A Georges Lévy S Jacqueline Thiédot P Alain Sarde D Romy Schneider, Bruno Cremer, Claude Brasseur, Roger Pigaut, Arlette Bonnard | F & BRD | 107 min | 1:1,66 | f | 22. November 1978

# 1006 | 31. Mai 2016

10.2.72

Der Mann, der nach der Oma kam (Roland Oehme, 1972)

Die Piesolds – er (Rolf Herricht): Fernsehkomiker; sie (Marita Böhme): Schauspielerin – sind in ernsten Schwierigkeiten: Omi, die bislang den Künstlerhaushalt ihrer Kinder schmiß, heiratet erneut und kann sich fortan weder um Putzen/Waschen/Kochen/Bügeln noch um das Wohl der drei Enkel kümmern. Ersatz muß her und wird per Annonce gefunden: Erwin Graffunda, ein anstelliger (und ziemlich gutaussehender) junger Mann (Wilfried Glatzeder), tritt als Mädchen für alles in den Dienst der ansprüchlichen Bohemiens … Unter dem fadenscheinigen Vorwand, Geschlechterrollenmuster in der entwickelten sozialistischen Gesellschaft ironisch-kritisch zu überprüfen, läßt Roland Oehme eine launige (und recht dialogwitzige) Familenklamotte abrollen, in der Mixer explodieren und Waschmaschinen überschäumen, in der ungehemmt gestolpert und mißverstanden, mit den Augen gerollt und mit den Händen gefuchtelt wird, wobei einige spöttische Seitenblicke auf kleinbürgerliche Verhaltsformen wie Klatschsucht und Eigennutz geworfen werden. Manfred Krug singt (im Off) die aufklärerisch-lehrhaften Begleitschlager zur soziologischen Recherche: »Denn Männer sind tüchtig, / es fragt sich nur, wo.«

R Roland Oehme B Mauriycy Janowski, Lothar Kusche V Renate Holland-Moritz K Wolfgang Braumann M Gert Natschinski A Hans Poppe S Hildegard Conrad P Siegfried Kabitzke D Wilfried Glatzeder, Rolf Herricht, Marita Böhme, Ilse Voigt, Herbert Köfer | DDR | 93 min | 1:1,66 | f | 10. Februar 1972

4.7.71

Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt (Rosa von Praunheim, 1971)

»Sind Sie Berliner?« – »Nein. Isch bin zum ersten Mal in Berlin.« – »Und? Gefällt es Ihnen?« – »Ja, wie soll isch das jetzt schon sagen?« Daniel kommt aus der Provinz in die Großstadt. Während ihm monströse Koteletten sprießen und eine üppige Mähne wächst, durchläuft der junge Homosexuelle die schwule (Parallel-)Welt wie ein Fegefeuer der schrillen Trostlosigkeit. Ob Einzimmerwohnung oder Villa, ob Bar oder Freibad, ob Klappe oder Park: überall herrschen Gefühlskälte, Eitelkeit, Jugendkult, Modewahn, Körperterror, Liebesunfähigkeit; Tunte und Lederkerl, Paradiesvogel und warmer Spießer, sie alle fallen trotz, nein: wegen ihres gehetzten Herumfickens, wegen ihrer fanatischen Schwanzfixierung in bodenlose Einsamkeit … Exaltiertes Laientheater, asynchron nachvertonte Dialoge, komplett stumme Schausequenzen, unterrichtsfilmhafte Off-Kommentare – Rosa von Praunheim fügt vollendeten Dilettantismus und ultrakünstlichen Dokumentarstil zu einem sarkastischen Lehrstück der Isolation, zu einer absurden Revue der Deformierung – aber auch zu einem kämpferischen Pamphlet: Am Ende landet der von Szene und Dauergeilheit ausgelaugte Anti-Held auf dem fliederfarbenen Matratzenlager einer schwulen Wohngemeinschaft, die besser, sozialer, bewußter sein, handeln, lieben will: »Werdet stolz auf eure Homosexualität! Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen!
 Freiheit für die Schwulen!« PS: Ob die Situation heute, fünf Jahrzehnte nach der Uraufführung des Films, weniger pervers ist als damals, mag jeder, der in ihr lebt, selbst beurteilen.

R Rosa von Praunheim B Rosa von Praunheim, Martin Dannecker, Sigurd Wurl K Robert van Ackeren M diverse S Jean-Claude Peroué P Werner Kließ D Bernd Feuerhelm, Berryt Bohlen, Ernst Kuchling, Volker Eschke | BRD | 67 min | 1:1,37 | f | 4. Juli 1971

22.12.70

Die Weibchen (Zbynek Brynych, 1970)

»Es sind nur die Nerven ... es sind nur die Nerven … die Nerven … die Nerven.« Die psychisch leicht angeschlagene Chefsekretärin Eve (Uschi »Schätzchen« Glas) reist zur geistigen Gesundung in ein mondänes Kurbad, wo sie unter eine kleine Schar bildschöner Schreckgespenster der Emanzipation (Françoise Fabian, Irina Demnick, Pascale Petit, Judy Winter) gerät: Im exklusiven Sanatorium der gestrengen Dr. Barbara werden Männer – nach dem Vorbild der Gottesanbeterin (und dem Manifest der ›Society for Cutting Up Men‹) – per (Lust-)Mord von ihrer inferioren Existenz befreit … Autor Manfred Purzer präsentiert die Selbstbestimmung der Frau als lukullisch-verzerrten Auslöschungsangsttraum des vermeintlich starken Geschlechts; Zbynek Brynych tut erst gar nicht so, als nähme er Drehbuch oder Thema ernst, er fummelt formal daran herum, saugt es exploitativ aus, schnüffelt am Post-68er-Zeitgeist wie ein Süchtiger am Lösungsmittel, benutzt die (von Charly Steinberger konvulsivisch bewegte, gerissene, geschleuderte) Kamera einmal mehr wie ein Maschinengewehr, das Erzählstoff in Fetzen an die Leinwand tackert. »Die Weibchen« schwenkt (und zoomt) hektisch zwischen Satire und Horror, Klamotte und Melo – in der Summe ist das Ganze (je nach Standpunkt) mehr oder weniger als die Summe seiner (Versatz-)Teile: ein filmischer Veitstanz auf dem schmalen Grat zwischen wirklichem Wahn und wahnwitziger Wirklichkeit. PS: »Heute ist ein schöner Tag.«

»Die Weibchen« R Zbynek Brynych B Ernst Flügel (= Manfred Purzer) K Charly Steinberger M Peter Thomas A Wolf Englert S Sophie Mikorey P Luggi Waldleitner D Uschi Glas, Françoise Fabian, Irina Demick, Alain Noury, Hans Korte | BRD & F & I | 90 min | 1:1,66 | f | 22. Dezember 1970

1.9.70

Rote Sonne (Rudolf Thome, 1970)

Eine Wohngemeinschaft in München. Einfarbig gestrichene Räume, ockergelb, flaschengrün, hellblau, rosarot, bewohnt von vier jungen Frauen, Peggy, Sylvie, Christine, Isolde. Ein eigenes Zimmer hat keine von ihnen: »Wir schlafen mal da und mal da.« Eines Tages kreuzt Thomas auf (Marquard Bohm spielt ihn mit unwiderstehlich kaputtem Charme), ein alter Bekannter von Peggy (viel Haar, viel Bein: Uschi Obermeier), nistet sich ein, nassauert, wie es eben so seine Art ist, bemerkt irgendwann, daß etwas nicht stimmt. »In dieser Wohnung gehen Dinge vor, die die Vorstellungskraft übersteigen.« Four girls and a gun. Die Männerbekanntschaften der Mädchen müssen nach fünf Tagen tot sein. Spätestens. »Schließlich haben sie es verdient.« Die unsentimentalen filles fatales machen das nicht aus Spaß. Ihr Projekt ist revolutionär. Das überkommene Verhältnis zwischen Männern und Frauen steht zur Disposition. Rudolf Thome und Max Zihlmann entwickeln ihre perplex-lustvolle Männerphantasie (das Stichwort »Vampirfilm« fällt wohl nicht ohne Grund) vor dem Hintergrund des sich formierenden Feminismus – die Forderungen des »Aktionsrats zur Befreiung der Frauen« spuken durch die Erzählung, ebenso wie Valerie Solanas Mordanschlag auf Andy Warhol. (Die Autorin des ›SCUM Manifesto‹ und ihre spektakuläre Tat mögen auch Zbynek Brynych zu seiner – zeitgleich entstandenen – exzentrischen Gesellschaftssatire »Die Weibchen« inspiriert haben.) »Rote Sonne« nimmt den Geschlechterdiskurs freilich nicht ernster als das lässige Spiel mit Kinoposen (die wiederum nichts anderes sind als stilisierte Lebensäußerungen): in der Badewanne liegen, Zigarre rauchen, mit Schußwaffen hantieren, tanzen, küssen, sterben – Hollywood von Schwabing aus durch die Nouvelle-Vague-Brille gesehen … Die Sache der Frauen hat übrigens ihre Schwierigkeiten: Wie in jeder radikalen Bewegung gibt es nicht nur Loyalität und Entschlossenheit, sondern auch Zweifel und Verrat. Peggy liebt Thomas, zögert, ihn umzubringen, obwohl er längst auf der Abschußliste steht. Am Ende wird sie wieder auf Linie gebracht: »Du mußt jetzt konsequent sein.« Das rotglühende Finale findet bei Sonnenaufgang am Starnberger See statt: Lichtspiele auf den Wellen, eine Schießerei im Wald, zwei leblose Körper am Wasser. Der Tod tanzt zum Adagio von Albinoni: »Man muß immer darauf achten, daß man ein gewisses Niveau nicht unterschreitet. Sonst ist es schnell aus.«

R Rudolf Thome B Max Zihlmann K Bernd Fiedler M Small Faces, Tommaso Albinoni S Jutta Brandstaedter P Heinz Angermeyer, Rudolf Thome D Uschi Obermaier, Marquard Bohm, Sylvia Kekulé, Gaby Go, Diana Körner | BRD | 87 min | 1:1,66 | f | 1. September 1970

5.9.66

Abschied von gestern (Alexander Kluge, 1966)

»Uns trennt von gestern kein Abgrund, sondern die veränderte Lage.« Der ziellose Weg einer jungen Frau durch die Bundesrepublik: Anita G., jüdischer Herkunft, Zonenflüchtling, ohne festen Wohnsitz, lebt aus dem Koffer, sucht eine Perspektive, will Anschluß und Austausch, eckt jedoch ständig an, bleibt außen vor, rutscht ab. Die filmische Aufbereitung ihres »Falls«, vorgetragen als fragmentarisches Protokoll, als ausschnitthafte Bewegungsstudie, als soziales Rollenspiel, erhebt keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit – Anita dient nicht als Exempel, sie bleibt Unikat. Alexander Kluge beobachtet allerdings, indem er sich seiner Zielperson an die Fersen heftet, ihr durch Hotels, Kaffeehäuser, Apartments, Universitäten, Gefängnisse folgt, eine Vielzahl von Situationen, die beispielhaft gesellschaftliche Gegebenheiten (Verdinglichung, Fremdbestimmung, Kontaktarmut) beschreiben; überhaupt ist der Autor ein begeisterter Sammler – von Gegenständen und Typen, von Zitaten und Momenten –, der aus seinen objets trouvés eine Art kinematographisches Fundbüro errichtet: »Abschied von gestern« gleicht einem assoziativen Depot des Alltags, ist hypothetisches Dokument und konkrete Fiktion westdeutscher Wirklichkeiten. Die Unbehaustheit der Protagonistin (≈ ihre dornige, allseits schief beäugte Freiheit) manifestiert sich dabei immer wieder in starken Bildern, etwa wenn die heimatlose Anita ihren Koffer über eine nicht enden wollende Brücke trägt, oder wenn sie ihre Morgentoilette am Ufer eines Flusses erledigt. PS: »Jeder ist an allem schuld, aber wenn das jeder wüßte, hätten wir das Paradies auf Erden.«

R Alexander Kluge B Alexander Kluge V Alexander Kluge K Edgar Reitz, Thomas Mauch M diverse S Beate Mainka-Jellinghaus P Alexander Kluge, Heinz Angermeyer D Alexandra Kluge, Hans Korte, Günther Mack, Werner Kreindl, Alfred Edel | BRD | 88 min | 1:1,37 | sw | 5. September 1966

1.7.65

The Great Race (Blake Edwards, 1965)

Das große Rennen rund um die Welt

Eine Ouvertüre! (Wie vor einem Monumentalfilm.) Dann die Widmung: »To Mr. Laurel and Mr. Hardy«. Was folgt, ist, wie nach diesem Auftakt zu erwarten, der Versuch eines endgültigen Lustspiels, ein überdimensionales Slapstick-Epos, vergleichbar vielleicht nur mit Stanley Kramers ebenfalls völlig aus den gestalterischen Fugen geratener Superklamotte »It’s a Mad, Mad, Mad, Mad World«: ein Belle-Époque-Wagenrennen – (fast) rund um den Globus – von New York nach Paris, ein perlweiß funkelnder Siegertyp (›The Great Leslie‹: Tony Curtis), ein Antagonist, so schwarz wie die Bombe eines Anarchisten (›Professor Fate‹: Jack Lemmon), dazu ergebene Helfer (Keenan Wynn und Peter Falk) sowie eine selbstbewußte Suffragette (›Maggie Du Bois‹: Natalie Wood), die das Primat der männlichen Helden(-figuren) mit allen ihr zu Gebote stehenden körperlichen und intellektuellen Reizen in Frage stellt. Stummfilmfan und Kontrollfreak Blake Edwards schafft mit seinem besessen-minutiösen Nach- und Durchdeklinieren populärer Leinwandstandards – heulenden Indianer-Attacken und klirrenden Mantel-&-Degen-Duellen, romantischen Komplikationen und schwelgerischen Zerstörungsorgien, einer titanischen Saloonschlägerei und einer Tortenschlacht (natürlich handelt es sich nicht um »eine« Tortenschlacht, sondern um »the pie fight of the century«) – eine exaltiert-exorbitante roadshow, das Komödienäquivalent zu den hypertrophen Musicals der Epoche. Daß die Komik, trotz konsequent cartoonhafter Charakterzeichnung und kompromißlos überzeichneter Situationen, hin und wieder auf der (langen) Strecke bleibt, liegt wohl in der Natur der (aufgeblasenen) Sache: Subversion und Gigantismus gehen selten Hand in Hand. PS: »Push the button, Max!«

R Blake Edwards B Arthur A. Ross, Blake Edwards K Russell Harlan M Henry Mancini A Fernando Carrere S Ralph E. Winters P Martin Jurow D Jack Lemmon, Tony Curtis, Natalie Wood, Peter Falk, Keenan Wynn | USA | 160 min | 1:2,35 | f | 1. Juli 1965

17.7.63

The Thrill of It All (Norman Jewison, 1963)

Was diese Frau so alles treibt

»I’m Beverly Boyer and I’m a pig.« Es ist nicht ohne Reiz, sich diese von Ross Hunter produzierte Komödie als Douglas-Sirk-Melodram vorzustellen: Eine latent unterforderte Arztfrau und Mutter (vielleicht gespielt von Dorothy Malone) erhält das überraschende Angebot, die Präsentation einer Werbesendung (für ›Happy‹-Seife – was für ein Symbol!) zu übernehmen; sie hat (beruflichen und finanziellen) Erfolg, wird berühmt, gewinnt Selbstständigkeit, während ihr platzhirschhafter Gatte (vielleicht gespielt von Robert Stack) mit der Metamorphose seines Weibchens zur ernstzunehmenden Partnerin nicht klarkommt und in eine tiefe Identitätskrise gerät … Norman Jewisons »The Thrill of It All« will von der Hinterfragung (oder gar Infragestellung) geschlechtlicher Rollenmuster selbstverständlich nichts wissen. Überkommene Stereotypen werden mit schaumweicher Gnadenlosigkeit bestätigt: Das, was eine Frau außerhalb von Küche und Schlafzimmer tut, kann niemals glücklich machen, kann keinesfalls so relevant sein wie die Tätigkeit eines Mannes. So kehrt Beverly Boyer (gespielt von Doris Day), nach einem kurzen, aufregenden Ausflug in die (großstädtische) Souveränität, artig zurück unter die (suburbane) Fuchtel ihres gönnerhaft-repressiven Herrn und Meisters (gespielt von James Garner). »What did mommy say?« – »She said she was a pig.«

R Norman Jewison B Carl Reiner, Larry Gelbart K Russell Metty M Frank De Vol A Alexander Golitzen, Robert F. Boyle S Milton Carruth P Ross Hunter, Martin Melcher D Doris Day, James Garner, Arlene Francis, Edward Andrews, Elliot Reid, Zasu Pitts | USA | 108 min | 1:1,85 | f | 17. Juli 1963

# 827 | 13. Januar 2014

12.1.61

Steinzeitballade (Ralf Kirsten, 1961)

»Es hat der Krieg nicht nur das Haus zerschlagen, / auch der Verstand war bei den meisten rar.« Berlin, 1946. Die Stadt liegt in Trümmern. Eine Gruppe von Frauen klopft Steine für Bauunternehmer Scharrhahn. Der Boß sieht im Aufbau nur ein weiteres gutes Geschäft, den Trümmerfrauen wird (auch durch Hinweise eines wohlmeinenden SED-Genossen) langsam klar, daß es gilt, eine neue Zeit zu bauen … Nach dem Prinzip des Epischen Theaters unterbrechen immer wieder Songs (getextet von Brecht-Meisterschüler Heinz Kahlau) die Handlung, kommentieren Verhaltensweisen, betonen die Musterhaftigkeit des Geschehens: Unter der selbstgewählten Führung von Betriebsrätin Anna Lubitzke (die dem zugrundeliegenden Roman von Ludwig ›Ein Prolet erzählt‹ Turek den Titel gab) überwinden die Frauen schließlich ihren Eigennutz, üben praktische Solidarität, übernehmen Verantwortung. Ralf Kirsten inszeniert seinen Film als demonstrativ unheroisches Lehrstück über Herausforderungen und Chancen des (individuellen und gesellschaftlichen) Neubeginns: »So stellten wir uns selber auf die Beine. / Zu Anfang kam uns das unmöglich vor.« Über den illusionären Charakter dieses (schein-)emanzipatorischen Aufbruchs, dem die politische Entmündigung auf dem Fuße folgte, schweigt sich »Steinzeitballade« freilich aus.

R Ralf Kirsten B Heinz Kahlau, Ralf Kirsten V Ludwig Turek K Günter Haubold M Wolfgang Lesser A Willy Schiller S Christel Röhl P Alexander Lösche D Gisela Rimpler, Else Grube-Deister, Friedel Nowack, Agnes Kraus, Günter Naumann | DDR | 85 min | 1:1,37 | sw | 12. Januar 1961

9.1.57

Crime of Passion

Das war Mord, Mr. Doyle

Ein straffer Thriller über das Scheitern einer Frau »in a world made by men and for men« … Als ambitionierte Journalistin hat Kathy Ferguson (Barbara Stanwyck) erreicht, was sie erreichen kann: eine tägliche Ratgeberkolumne bei der ›San Francisco Post‹ und große Popularität bei den Leser(inne)n. Der lustlose Chefredakteur erwartet von ihr freilich nicht mehr als »a regular dose of schmaltz«, und als der virile police lieutenant Bill Doyle (Sterling Hayden) aus Los Angeles in Erscheinung tritt, läuft die eingeschworene Junggesellin (»For marriage, I read life sentence.«) mit fliegenden Fahnen in den Ehestand über. Bald schon frustriert von der Dumpfheit des Vorstadtlebens (pokernde Männer, tratschende Frauen) und der dickfelligen Genügsamkeit ihres Gatten, sucht Kathy einen Ausweg aus dieser Hölle der Mittelmäßigkeit: In der Absicht, Bills Karriere zu befördern, knüpft sie Kontakt zu dessen Vorgesetztem, Inspektor Pope (Raymond Burr) … Auch wenn manches unverblümt ausgesprochen wird (»Don’t you have any vision?«), deutet Gerd Oswald persönliche Wechselbeziehungen – sexuelle Attraktion und intellektuelle Anziehung – zumeist nur diskret an und studiert, auf welche Art die animalischen Instinkte seiner Hauptfiguren – Kathy erscheint wie eine Raubkatze, Bill wie ein Bär, Pope wie ein Silberrücken – die Handlung an ein schlimmes Ende treiben: Mit einer gewaltsamen Tat provoziert Kathy einen Nachweis von Bills kriminalistischer Befähigung und damit die bittere Pointe des Films.

R Gerd Oswald B Jo Eisinger K Joseph LaShelle M Paul Dunlap A Leslie Thomas S Marjorie Fowler P Herman Cohen D Barbara Stanwyck, Sterling Hayden, Raymong Burr, Fay Wray, Royal Dano | USA | 85 min | 1:1,66 | sw | 9. Januar 1957

# 941 | 6. Februar 2015

23.2.56

Ein Herz schlägt für Erika (Harald Reinl, 1956)

»Glück kann man nicht erzwingen, aber man kann es adoptieren.« Eine lupenreine Schnulze, von Harald Reinl nicht ohne gemütvollen Witz inszeniert. Anna Hartwig (Grethe Weiser) führt mit fester Hand und weichem Herzen ein traditionsreiches Bauunternehmen. Die Firma prosperiert (kein Wunder in Zeiten des Wiederaufbaus), und doch fehlt der patenten Geschäftsfrau, der allseits beliebten Chefin etwas Entscheidendes zum Lebensglück: ein Kind. Einen Mann, der es ihr machen könnte, ziehen weder die alleinstehende Anna noch die Autoren des Films in Erwägung – also holt sich die verhinderte Mutter ein Waisenmädchen ins Haus. Die kleine Erika Kayser (Christine Kaufmann), zuckersüß, aufgeweckt und genügsam, hätte darob allen Grund zur Freude, müßte sie nicht ihre drei ebenso reizenden Brüder im Kinderheim zurücklassen … Natürlich bekommen am Ende des possierlichen Rührstücks alle genau das, was sie sich inniglich wünschen, natürlich geht die Haupthandlung (gewürzt mit ein paar Intrigen, einigen Slapstick-Einlagen und viel Sentimentalität) weitgehend absehbar vonstatten, aber Reinl dreht netterweise auch die eine oder andere überflüssige Pirouette – etwa indem er amüsierte Seitenblicke auf einen verliebten Lebensmittelhändler wirft, der sein Herz in Form von Harzer Käse verschenkt.

R Harald Reinl B Maria von der Osten-Sacken, Walter Forster K Erich Claunigk M Lother Brühne A Willi A. Herrmann, Heinrich Weidemann S Johanna Meisel P Maria von der Osten-Sacken D Christine Kaufmann, Grethe Weiser, Gert Fröbe, Ingrid Stenn, Wolfgang Büttner | BRD | 92 min | 1:1,37 | sw | 23. Februar 1956

# 914 | 18. Oktober 2014

13.6.52

Frauenschicksale (Slatan Dudow, 1952)

»Es gibt keine Befreiung der Menschheit ohne die soziale Unabhängigkeit und Gleichstellung der Geschlechter«, schrieb August Bebel im Jahre 1879; Slátan Dudow läßt diesen Satz des sozialdemokratischen Übervaters an zentraler Stelle seines Werkes zitieren. Überhaupt ist »Frauenschicksale« – ein filmisches Kaleidoskop, das mehrere weibliche Lebenswege in den Berliner Nachkriegsjahren verfolgt und miteinander verknüpft – nicht frei von ideologischem Verkündungseifer: Immer wieder wird in hohem Ton deklamiert (und gesungen). Jenseits weltverbesserischen Predigertums, fröhlich wehender roter Fahnen und des klischiert-parteilichen Blicks auf die Zustände im verfaulten Westen (eine Betrachtungsweise, die sich kaum von konservativer Zivilisationskritik unterscheidet) schildert Dudow mit veristischem Zugriff und viel Zuneigung zu seinen Frauenfiguren die Umstände, in denen diese Heldinnen des Alltags leben – und nicht mehr leben wollen. Als Katalysator der persönlich(-politisch)en Emanzipationen und Bindeglied der Erzählung fungiert ein Kerl. Conny Lohmüller ist Charmeur, Lebemann, Schieber und: ein Mann von gestern. Während seine herzlos abgelegten Liebschaften (eine Juristin, eine Schneiderin sowie ein Mädchen, das für ein schönes blaues Kleid zur Verbrecherin wird), gerade wegen ihrer desillusionierenden Erfahrungen, profundes Glück in der sozialistischen Menschengemeinschaft finden, stürzt der oberflächliche Genußmensch unter asozialen Kapitalisten ab. »Man lebt ja nur einmal«, ist Connys Motto, aber einmal ist keinmal. Das Schicksal, so Dudow (mit Brecht), ist nicht nur Schicksal, es kann (und muß) geformt werden: »Drum rührt geschäftig die Hände, / Legt euer Herz hinein. /
 Will doch das Glück erst erkämpfet sein,
/ Kommt es nicht von allein.«

R Slátan Dudow B Slátan Dudow, Gerhard Bengsch, Ursula Rumin K Robert Baberske M Hanns Eisler A Otto Erdmann S Lena Neumann P Robert Leistenschneider D Sonja Sutter, Anneliese Book, Susanne Düllmann, Lotte Loebinger, Hanns Groth | DDR | 105 min | 1:1,37 | f | 13. Juni 1952

19.1.42

Woman of the Year (George Stevens, 1942)

Die Frau, von der man spricht

»Women should be kept illiterate and clean, like canaries.« Selten brillierte eine Frauenfigur auf der Leinwand so scharfsinnig, so witzig, so selbstbewußt wie Tess Harding, kaum je sah ein weiblicher Star so modern, so exklusiv, so unwiderstehlich aus wie Katharine Hepburn als »Woman of the Year« … Unglaublich, daß (und vor allem: wie herablassend) die Komödie – von George Stevens mit aller Weltläufigkeit und dem ganzen visuellen Raffinement der MGM-Studios inszeniert – dieses role model deklassiert, demontiert, denunziert: Tess, berühmte politische Kolumnistin des ›New York Chronicle‹, trifft auf Sam Craig (Spencer Tracy), einen sympathischen, bodenständigen Sportreporter desselben Blattes. Es funkt – natürlich – sofort, es vibriert und knistert, es prasselt und lodert. (Die (intellektuelle und erotische) Chemie zwischen Hepburn und Tracy ist eines der magischen Phänomene der Kinogeschichte.) Die beiden heiraten – Hals über Kopf –, und schon in der Hochzeitsnacht geht es irgendwie schief (ein europäischer Staatsmann auf der Flucht sitzt unversehens im Ehebett); in der Folge (Tess arbeitet, schreibt, denkt – Skandal! – einfach weiter) macht Sam eine sensationelle Entdeckung: »The ›Outstanding Woman of the Year‹ isn’t a woman at all.« Tess lernt die männliche Lektion, geht nach Canossa (= in die Küche), bereitet Frühstück für den Gatten. Das heißt, sie versucht es. Denn selbstverständlich erweist sie sich als unfähig, einen Kaffee zu kochen, ein Toastbrot zu toasten, eine Waffel zu backen. Die Frau, vor deren geschliffenen Worten selbst Präsidenten zittern, kann keine Eier trennen. Eine Farce. Ein Trauerspiel.

R George Stevens B Ring Lardner Jr., Michael Kanin K Joseph Ruttenberg M Franz Waxman A Cedric Gibbons S Frank Sullivan P Joseph L. Mankiewicz D Katharine Hepburn, Spencer Tracy, Fay Bainter, Minor Watson, Dan Tobin | USA | 114 min | 1:1,37 | sw | 19. Januar 1942