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20.4.70

L’éden et après (Alain Robbe-Grillet, 1970)

Eden und danach

»Bien entendu ce jeu est idiot.« – »Pas plus idiot que n’importe quoi.« Zwölf Themen. Imagination. Gefängnis. Männliches Geschlecht. Sperma. Blut. Türen. Labyrinth. Doppel gänger. Wasser. Tod. Tanz. Bild. Zwölf Themen, in zehn Reihen variiert. Selbstverständlich ist dieses Spiel idiotisch. Nicht idiotischer als irgendetwas anderes. Ein Café, das aussieht, wie von Mondrian gebaut. Darin eine Gruppe von Studenten. Ihre gedanklichen Experi men te. Ihre imaginären Abenteuer. Russisches Roulette. Diebstahl eines wertvollen Gemäldes. Nie passiert etwas. Suche nach einem Ausweg aus der Erstarrung. »Ihr jongliert mit Ideen«, sagt der geheimnisvolle Fremde, der eines Tages das Café der verlorenen Jugend besucht, »aber ihr schreckt davor zurück, euch dem Leben zu stellen.« Alain Robbe-Grillet lockt seine Protagonisten (und das Publikum) mittels eines unwiderstehlichen »poudre de peur« in ein filmisches Labyrinth, in ein illusorisches Laboratorium, in künstliche Paradiese, schreckt dabei nicht vor literarischen Verblüffungseffekten zurück (»L’image d’une somme est la somme des images.«), jongliert seinerseits fröhlich mit Ideen: mit extravaganten Einfällen und obsessiven Bildern, mit quälenden Reprisen und psychedelischen Spiegelungen, mit geometrischer Abstraktion und sexuellem Fetischismus. Und wie beim Domino legt Robbe-Grillet einen Spielstein an den anderen: écriture, architecture, composition, représentation. Ein Café, das aussieht, wie von Mondrian gebaut. Eine moderne Fabrik am Fluß. Eine alte arabische Stadt am Meer. Serialität und Aleatorik, Methode und Zufall, Mathematik und Assoziation, präzise Partitur und freier Fall der Würfel. Parodie eines Abenteuerfilms. An deutung eines Krimis. Ein Toter im Wasser. Ein gemeiner Giftmord. Eine Entführung. Ein Kunstraub. Keine Tiefe, nur Flächen. Kein Geschehen, nur Erzählmuster. Kein Motiv, nur ein MacGuffin. Un fantasme, un fantôme. Une image, une imagination. Ein wertvolles Gemälde. Darstellung eines weißen Hauses in einer arabischen Stadt. Hinter der blauen Tür, unter der flachen Kuppel: Frauen in Käfigen, ein Geheimnis, vielleicht. Scharfkantige Objekte. Fließen des Blut. Klebrige Flüssigkeiten. Cinéma. Réalité. Ma vie. L’éden et après.

R Alain Robbe-Grillet B Alain Robbe-Grillet K Igor Luther M Michel Fano A Anton Krajcovic S Bob Wade P Samy Halfon D Catherine Jourdan, Pierre Zimmer, Lorraine Rainer, Juraj Kukura, Ludovít Króner | F & CSSR | 93 min | 1:1,66 | f | 20. April 1970

# 829 | 17. Januar 2014

24.11.66

Maigret und sein größter Fall (Alfred Weidenmann, 1966)

»Man kann für eine Pfeife zu jung sein.« Ein spektakulärer Bilderraub am Boulevard Haussmann. Ein toter Museumswächter. Ein mysteriöser englischer Kunstsammler. Die Spur des gestohlenen Van-Gogh-Gemäldes führt Kommissar Maigret (Heinz Rühmann) nach Lausanne. Eine elegante Nachtbar. Eine verschworene italienische Sippschaft. Ein heroinsüchtiger Jazzmusiker. Eine rasante Animierdame. Zwei halbseidene Grünschnäbel. Und: der tote Engländer … Maigret beobachtet, hört zu, kombiniert stillschweigend, versteht fast telepathisch, überschreitet souverän seine Kompetenzen. Drehbuchautor Herbert Reinecker (ein großer Bewunderer Georges Simenons) hat mit Rühmann, diesem Archetypus des »kleinen Mannes«, wohl die Idealbesetzung für seine Maigret-Interpretion gefunden: Der schmale, wortkarge, ironisch-feinnervige Pariser Ermittler wirkt wie eine Vorschau auf den Münchner Kommissar Keller, den Erik Ode mit dem gleichen Kurzmantel, dem gleichen Hütchen und der gleichen allweisen, melancholisch gefärbten Menschenkenntnis spielen wird. Interessant auch, wie Reinecker einmal mehr sein großes Thema, die (unheilvolle) Versuchung der (desorientierten) Jugend, in einen (letztlich recht banalen) Kriminalfall verwebt.

R Alfred Weidenmann B Herbert Reinecker V Georges Simenon K Herbert Hölscher M Erwin Halletz A Hertha Hareiter S Gretl Girinec P Karl Spiehs D Heinz Rühmann, Françoise Prévost, Günther Stoll, Eddi Arent, Ulli Lommel | A & F & I | 88 min | 1:1,85 | f | 24. November 1966

# 818 | 23. Dezember 2013

12.8.66

Hokuspokus oder Wie lasse ich meinen Mann verschwinden? (Kurt Hoffmann, 1966)

Noch einmal inszeniert Kurt Hoffmann die Justizkomödie »Hokuspokus« von Curt Goetz, wobei er sich weniger geschmackssicher zeigt als bei seiner ersten Adaption 13 Jahre zuvor: Ein überflüssiger Prolog breitet Nebenumstände der zu verhandelnden Tat aus (wenn es denn überhaupt eine »Tat« gibt) und verzögert den Einstieg in die eigentliche Handlung; weder der gutbürgerlich-onkelhafte Heinz Rühmann noch die affektiert-neckische Liselotte Pulver treffen den weltläufigen Goetz-Ton. Hohen visuellen Reiz entfaltet indes das von Otto Pischinger entworfene Bühnenbild, das für Außen- und Innenszenen des Stücks eine gleichermaßen modernistisch-artifizielle Kulissenwelt schafft und das Lustspiel um hypothetische Tatsachen und tatsächliche Hypothesen stellenweise in eine schicke Rechtsgroteske verwandelt. Helmut Käutners verspielte Scribe-Verfilmung »Das Glas Wasser« (1960) oder die antiillusionistischen Ausstattungen zeitgenössischer Fernsehspiele mögen hier Pate gestanden haben.

R Kurt Hoffmann B Eberhard Keindorff, Johanna Sibelius V Curt Goetz K Richard Angst M Franz Grothe A Otto Pischinger S Dagmar Hirtz P Hans Domnick, Heinz Angermeyer D Heinz Rühmann, Liselotte Pulver, Fritz Tillmann, Richard Münch, Stefan Wigger | BRD | 100 min | 1:1,66 | f | 12. August 1966

# 816 | 19. Dezember 2013

13.7.66

How to Steal a Million (William Wyler, 1966)

Wie klaut man eine Million?

Der Pariser Kunstsammler Charles Bonnet (Hugh Griffith) nennt eine exquisite Kollektion sein eigen – außerdem betätigt er sich, ebenso leidenschaftlich wie befähigt, als Fälscher. Die Ausleihe einer (natürlich nachgemachten) Cellini-Venus an ein Museum bringt Bonnet unversehens in arge Bedrängnis: die Versicherung verlangt eine Echtheitsprüfung des Exponats. »We live in a crass, commercial world, with no faith or trust«, ereifert sich der Leihgeber, indes seine Tochter Nicole (ewig elfenhaft: Audrey Hepburn) einen von ihr überraschten Gentleman-Einbrecher (weltmännisch: Peter O’Toole) dazu überreden kann, die Statue aus dem schwergesicherten Ausstellungsraum zu entwenden ... William Wylers charmante, bisweilen etwas gemächlich inszenierte romantische Diebeskomödie erzählt mit leiser Ironie von den Freuden des Fälschens (»In his whole lifetime, van Gogh only sold one painting. Whereas I, in loving memory of his great tragic genius ... have already sold two.«), vor allem aber vom Wahnsinn des Sammelns. Das Prinzip des unbedingten Habenwollens verkörpert ein von Eli Wallach gespielter amerikanischer Tycoon, der sich (zum Nutzen aller Beteiligten) rettungslos in die von Meisterhand gefertigte Venus verliebt: »I want it! I just want to know that it's mine, that I own it, that I can touch it.«

R William Wyler B Harry Kurnitz, George Bradshaw K Charles Lang M Johnny (= John) Williams A Alexandre Trauner S Robert Swink P Fred Kohlmar D Audrey Hepburn, Peter O’Toole, Eli Wallach, Hugh Griffith, Charles Boyer | USA | 123 min | 1:2,35 | f | 13. Juli 1966

# 1041 | 9. Januar 2017

21.9.60

Comment qu’elle est (Bernard Borderie, 1960)

Eddie geht aufs Ganze

»Pour un agent secret il vous trouve un peu … bruyant.« Auftakt an der place Pigalle: Lemmy Caution (wie immer: Eddie Constantine) mischt (wie immer: feixend) das Personal eines (wie immer: zweitklassigen) Bumslokals auf; sein guter Grund: Er bestellte Whisky und bekam Champagner. Solchermaßen eingestimmt verfolgt der FBI-Agent die Spur des ominösen Spions und Nachrichtenhändlers Varlay. Leere Flaschen und zerbeulte Nasen pflastern Lemmys Weg durch schummrige Pariser Nachtbars (mit verlockenden Namen wie ›Chat Botté‹ oder ›Pomme d’Amour‹) und deren schalldichte Hinterzimmer, durch stille Vorortvillen, in denen der schnelle Tod lauert, bis in eine Galerie für abstrakte Malerei, wo der eher am Figurativen (insbesondere an der von Françoise Prévost verkörperten Kunsthändlerin) interessierte Ermittler schließlich (mit Hilfe des Dichters Rimbaud) das große Geheimnis dechiffriert: »A noir, E blanc, I rouge, U vert, O bleu: voyelles …« Den doppelgesichtigen Schurken zur Strecke zu bringen, ist anschließend reine Form- und Faustsache. Bernard Borderie serviert das x-te Abenteuer des stereotypen Serienhelden mit jenem erquicklichen Mangel an Seriosität, der Lemmy (= Eddie) so (um­werfend) liebenswert macht.

R Bernard Borderie B Bernard Borderie, Marc-Gilbert Sauvajon V Peter Cheney K Robert Juillard M Paul Misraki A René Moulaert S Christian Gaudin P Raymond Borderie, Charles Borderie D Eddie Constantin, Françoise Brion, Alfred Adam, Renaud Mary, Françoise Prévost | F | 91 min | 1:1,66 | sw | 21. September 1960

4.4.58

Montparnasse 19 (Jacques Becker, 1958)

Montparnasse 19

Porträt des Künstlers als armer Schlucker: »Montparnasse 19« verdichtet und überhöht (man könnte auch sagen: überzeichnet und verdunkelt) Ereignisse aus den letzten Jahren des Malers Amedeo Modigliani zum bitteren Schlußkapitel eines Lebens zwischen Inspiration und Mißerfolg, zwischen Genie und Untergang. Jacques Becker (der das Projekt vom verstorbenen Max Ophüls übernahm) verzichtet fast völlig auf stimmungsvolle Genreszenen aus der Pariser Bohème, konzentriert sich ganz auf den Abwärtsweg seines Protagonisten im Jahr 1919. Modigliani erscheint, trotz seiner persönlichen Tragödie, nicht als Sympathieträger: Er ist ein Ausbund an Selbstmitleid und Getriebensein, an Reizbarkeit und Besessenheit, er säuft wie ein Loch, er schlägt Frauen, er stößt alle Welt vor den Kopf. Gérard Philipe (der wenig später im selben jungen Alter wie Modigliani sterben wird) spielt den schwierigen Künstler hin- und hergerissen zwischen Kälte und Glut, spielt mal wie längst schon tot, mal wie geladen mit unzerstörbarer Energie. Im seinem Spannungsfeld: Lilli Palmer als spöttisch-distanzierte Journalistin; Anouk Aimée, als innig-ergebene Kunststudentin – zwei Liebende, jede auf ihre eigene hilflose Art. Im schwarzen Herz der Erzählung spukt Monsieur Morel, marchand de tableaux – Lino Ventura hat nur wenige Auftritte: ganz am Anfang, kurz im Hintergrund einer tristen Kaffeehaus-Szene, dann wieder, man hatte ihn schon vergessen, anläßlich einer erfolglosen Ausstellung des Malers, schließlich am Ende: Morel, Kenner und Geier, bringt mit dem Tod die Bestätigung des Talents, er kommt als nachträglicher Entdecker und als Teufel, der die Kunst zur profitablen Ware macht … Ein grausamer Film, melodramatisch und spröde, ungerührt und intensiv, ein Film ohne Rettung, ohne Gnade.

R Jacques Becker B Jacques Becker, Max Ophüls V Michel-Georges Michel K Christian Matras M Pauls Misraki A Jean d’Eaubonne S Marguerite Renoir P Henry Deutschmeister D Gérard Philipe, Anouk Aimée, Lilli Palmer, Gérard Séty, Lino Ventura | F & I | 108 min | 1:1,66 | sw | 4. April 1958

# 812 | 8. Dezember 2013

17.9.56

Lust for Life (Vincente Minnelli, 1956)

Vincent van Gogh – Ein Leben in Leidenschaft

Kunst als Widerspiegelung des Lebens – Leben als Widerspiegelung der Kunst: Leiden und Schaffen des (mutmaßlich) manisch-depressiven Malers Vincent van Gogh – vom kurzzeitigen Engagement als Hilfsprediger in einer südbelgischen Bergarbeiterhölle über Ausbrüche von Kreativität und Abstürze ins Elend bis hin zum krähenumflatterten Selbstmord in gleißendem Sonnenlicht. Vincente Minnelli folgt treu dem biographischen Faden und schafft es zugleich – vor allem dank seines Hauptdarstellers Kirk Douglas, der das Innere des getriebenen Künstlers brutal nach außen stülpt –, das fiebrige Portrait eines schöpferischen Menschen zu zeichnen, der in seinem Genie zur totalen (und letztlich tödlichen) Einsamkeit verdammt ist. »I’m a danger to others, I’m a danger to myself«, sagt Vincent einmal zu seinem immer mitfühlenden Bruder Theo (James Donald) – ersetzte man das Wort ›danger‹ durch ›stranger‹, würde auch ein Schuh daraus. Während Anthony Quinn (als von Vincent erträumter Seelen­kumpel Paul Gauguin) eine seiner üblichen Saft-und-Kraft-Vorstellungen abliefert, nähern sich Kamera (Russell Metty und Freddy Young) sowie Szenografie (Preston Ames) formvollendet den van Goghschen Bildwelten, entbehren aber jener rauschhaften Technicolor-Extase früherer Minnelli-Musicals, die hier durchaus am Platze gewesen wäre.

R Vincente Minnelli B Norman Corwin V Irving Shaw K Russell Harlan, Freddie Young M Miklós Rózsa A Preston Ames, Cedric Gibbons S Adrienne Fazan P John Houseman D Kirk Douglas, Anthony Quinn, James Donald, Pamela Brown, Everett Sloane | USA | 122 min | 1:2,35 | f | 17. September 1956

5.5.56

Le mystère Picasso (Henri-Georges Clouzot, 1956)

Picasso

Was geschieht im Kopf eines Künstlers, während er künstlerisch tätig ist? Henri-Georges Clouzot will nichts anderes aufdecken als jenen »mécanisme secret qui guide le créateur dans son aventure périlleuse«. Einem Dichter beim Dichten zuzusehen oder einen Komponisten beim Komponieren, verriete nichts vom Mysterium der Kreativität, ließe nichts ahnen von den gefahrvollen Abenteuern der Imagination – aber einem Maler käme man, vielleicht, auf die Schliche, indem man seiner Hand folgte. »Le mystère Picasso« dokumentiert, wie Bilder von Pablo Picasso entstehen. Die Leinwand des Kinos wird zur Leinwand des Malers. Es sind nicht nur Meisterwerke, die geschaffen werden, der Künstler geht auch in die Irre, verwirft, setzt neu an, tastet sich wie ein Blinder durch das Labyrinth der Möglichkeiten. Clouzot, ausgewiesener Fachmann für Spannungsmechanik, hält sich auffallend zurück. Einmal fordert er den Maler heraus, indem er ihn (sichtbar inszeniert) gegen den Zählwerk der Kamera antreten läßt: »Attention, il te reste deux minutes pour la couleur!« Ansonsten beschränkt er sich auf sachliche Zeugenschaft und dezent ironisches Spiel mit den Möglichkeiten des Mediums. Wenn Picasso ausruft: »Donne-moi une grande toile!«, verbreitert Clouzot die Projektionsfläche auf CinemaScope-Format … Eine anregende Studie des schöpferischen Geistes, ohne Theoretisieren, ohne überflüssiges Beiwerk. Nachdem er gut 20 Bilder gemalt hat, steht der Künstler auf und sagt: »Eh bien, c’est fini.« Der Film ist zu Ende, »Le mystère Picasso« bewahrt sein Geheimnis.

R Henri-Georges Clouzot K Claude Renoir M Georges Auric S Henri Colpi P Henri-Georges Clouzot D Pablo Picasso | F | 78 min | 1:1,37/1:2,35 | sw/f | 5. Mai 1956

# 902 | 17. August 2014

7.11.55

Artists and Models (Frank Tashlin, 1955)

Maler und Mädchen | Der Agentenschreck

Rick Todd (Dean Martin) und Eugene Fullstack (Jerry Lewis) träumen davon, in New York als Künstler zu reüssieren – Rick als Maler, Eugene als Autor von Kinderbüchern –, doch bis zu ihrem Durchbruch müssen die Freunde allerlei zweitklassige Jobs annehmen. Eugene fantasiert sich über die Durststrecke ganz einfach hinweg (»Just wish and see!«), oder er flieht in die brutal-aufregenden Welten seiner heißgeliebten comic books, deren Bewohner ihn bis in den Schlaf verfolgen … Am Beispiel des Hardcore-Fans persifliert Frank Tashlin die blutrünstige Trivialität der gezeichneten Pulp- und Horror-Stories sowie die Folgen ihres maßlosen Konsums und macht sich zugleich über den Kampf selbsterklärter Sittenwächter gegen die »Verführung der Unschuldigen« lustig. Weil dem aggressiven Stumpfsinn der kommerziellen Populärkultur mit herkömmlichen Mitteln der Zivilisationskritik nicht mehr beizukommen ist, verlegt sich Tashlin auf ihre Übersteigerung zur knallbunten Groteske: Eugene verliebt sich in die leibhaftige Erscheinung seiner Heftchen-Heldin (Shirley MacLaine als ›Bat Lady‹), Rick hat den ersehnten Erfolg ausgerechtet in dem Moment, als er die Nachtgesichte seines Kumpels von ›Vincent the Vulture‹ (»half-boy, half-man, half-bird«) und dessen rotäugiger Erzfeindin ›Zuba the Magnificent‹ in eine Bildergeschichte verwandelt – Wirklichkeit und Fiktion fließen zusammen wie die Farben auf einer Palette. Dazu paßt, daß schließlich Vertreter rivalisierender Geheimdienste auftauchen, weil der naive Träumer auch eine revolutionäre Raketenformel träumte. Für die Kinder von Wonder Woman und Coca-Cola geht es natürlich gut aus: »And life is filled with happy endings / When you pretend!«

R Frank Tashlin B Frank Tashlin, Herbert Baker, Hal Kanter, Don McGuire K Daniel L. Fapp M diverse A Hal Pereira, Tambi Larsen S Warren Low P Hal B. Wallis D Jerry Lewis, Dean Martin, Dorothy Malone, Shirley MacLaine, Eva Gabor | USA | 109 min | 1:1,66 | f | 7. November 1955

# 784 | 23. Oktober 2013

27.8.54

Bildnis einer Unbekannten (Helmut Käutner, 1954)

Eine sentimentale Komödie über Etikette und Skandal, über Malerei und Diplomatie, über Zauber und Wunder: Ein berühmter Künstler langweilt sich im Ballett, skizziert das Gesicht einer Unbekannten in der Nachbarloge, plaziert den Kopf später im Atelier auf einen hüllenlosen Körper; die unwissentlich Porträtierte ist die Frau eines Botschaftsattachés, und als das Aktgemälde anläßlich einer Wohltätigkeitsgala versteigert wird, kommt es zum gesellschaftlichen Eklat … »Selbst wenn ich für das Bild Modell gestanden hätte, wäre das denn so schlimm?« protestiert das ohnmächtige Opfer der Umstände, die aparte Nicole (Ruth Leuwerik), die früher als Chansonette Kolibri in einem Pariser Nachtclub auftrat (»Ich lag wie jede Nacht an deiner Seite, / doch ich war nicht in deinem Traum.«), die auch schon mal ein Glas Champagner zu viel trinkt, die das ganze sittliche Getue für »finstertes Mittelalter« hält. Nicoles rechtschaffen-bigotter Ehemann (Erich Schellow) kapituliert vor der Problematik der delikaten Situation, den verantwortlichen Nacktmaler (mit keckem Artistenbärtchen: O. W. Fischer) treibt zunächst das schlechte Gewissen, dann die wahre Liebe … Mit dem sogenannten richtigen Leben hat Helmut Käutners Film so viel zu tun wie Außenpolitik mit dem Weltfrieden, seine ironische Romanze ist ein köstlich falscher, beschwingt um sich selbst kreisender Kinotraum, ein irreales Licht- und Schattenspiel (Kamera: Werner Krien) in scheinbar realen Kulissen, eine kompromißlos weltferne Erzählung, so märchenhaft wie Schnee im August: »Der Tag war silberblau, / und uns zur Seite / ging wie ein Schattenbild das Glück.«

R Helmut Käutner B Hans Jacoby, Helmut Käutner K Werner Krien M Franz Grothe A Ludwig Reiber S Anneliese Schönnenbeck P Utz Utermann D Ruth Leuwerik, O. W. Fischer, Erich Schellow, Irene von Meyendorff, Albrecht Schoenhals | BRD | 108 min | 1:1,37 | sw | 27. August 1954

# 874 | 4. Juni 2014

1.9.53

Hokuspokus (Kurt Hoffmann, 1953)

Ein Lustspiel über den Anschein und die Wahrheit, über Beweise und Vermutungen, über die Nähe von Zirkus und Justiz. Die Witwe eines erfolglosen Malers ist angeklagt, ihren Gatten ermordet zu haben. Sie lügt, sie verwickelt sich in Widersprüche, und wenn sie gar nicht mehr weiterweiß, fällt sie in Ohnmacht. Ihr Anwalt legt das Mandat nieder. Ein Unbekannter, der felsenfest von der Unschuld dieser Frau überzeugt ist, übernimmt ihre Verteidigung … Geschliffene Dialoge, prägnante Charakterzeichnungen, bühnenwirksame Verblüffungseffekte – Curt Goetz, Antispießbürger par excellence, Meister des deutschsprachigen Boulevards, schrieb mit »Hokuspokus« eine luftige Komödie voller Intelligenz und Esprit. Kurt Hoffmann verläßt sich ganz und gar auf die Zugkraft des Stücks und auf die kultivierten Hauptdarsteller (Goetz selbst und dessen Ehefrau Valérie von Martens); er inszeniert die elegant verspukte Mitternachtsatmosphäre des ersten Akts mit ebenso leichter Hand wie die folgende turbulente Verhandlung im Schwurgerichtsaal: »Ich habe einen Polizeibericht über Sie angefordert. Wollen Sie ihn hören?« – »Ist er gut?«

R Kurt Hoffmann B Curt Goetz V Curt Goetz K Richard Angst M Franz Grothe A Hermann Warm, Kurt Herlth S Fritz Stapenhorst P Hans Domnick D Curt Goetz, Valérie von Martens, Hans Nielsen, Ernst Waldow, Erich Ponto, Elisabeth Flickenschildt | BRD | 89 min | 1:1,37 | sw | 1. September 1953

# 815 | 19. Dezember 2013

26.8.51

An American in Paris (Vincente Minnelli, 1951)

Ein Amerikaner in Paris

Als »American in Paris« figuriert der Maler Jerry (»Back home every-one said I didn’t have any talent. They might be saying the same thing over here but it sounds better in French.« – Gene Kelly), Lustobjekt der schwerreich-kunstsinnigen Milo (»As in Venus de…« – Nina Foch) und verhinderter Liebhaber der ätherischen Lise (»I don’t like to talk about myself.« – Leslie Caron). Oscar »Schizophrenia beats dining alone« Levant, das vielleicht bissigste Knautschgesicht Hollywoods, spielt Jerrys Kumpel Adam, einen Pianisten ohne Engagement: »Did I ever tell you about the time I gave a command performance for Hitler?« Regisseur Vincente Minnelli, Szenarist Alan Jay Lerner und Produzent Arthur Freed tun erst gar nicht so, als hätten sie eine Story zu erzählen – sie spannen einfach eine filmische Leine, auf die sie ein paar frischgewaschene Gershwin-Songs hängen. Die Inszenierung der titelgeben den Tondichtung als viertelstündiges Ballett ist nicht nur das Glanzstück des Werks sondern Gipfelpunkt der Geschichte des Kinomusicals: die rasant-schwebende Choreographie (Gene Kelly), die pittoresken Dekorationen (Preston Ames) nach Vorbildern von Dufy, Renoir, Rousseau und Toulouse-Lautrec und die ausdrucksstarke Technicolor-Malerei (Kamera: John Alton) erschaffen eine aus Raum und Zeit gefallene Welt, die weder Schwerkraft noch Begrenzung zu kennen scheint.

R Vincente Minnelli B Alan Jay Lerner K Alfred Gilks, John Alton M George Gershwin A Preston Ames, Cedric Gibbons S Adrienne Fazan P Arthur Freed D Gene Kelly, Leslie Caron, Oscar Levant, Nina Foch, Georges Guétary | USA | 113 min | 1:1,37 | f | 26. August 1951

18.1.51

Die Sünderin (Willi Forst, 1951)

»Auch ich kam ja aus einer guten Familie.« Hildegard Knef als Nutte mit Herz, die – einst vom geilen Stiefbruder auf die schiefe Bahn getrieben – paradoxerweise anständig (und auf ihre Art moralisch) wird, indem sie ihren sterbenskranken Geliebten (Gustav Fröhlich als aufbrausender Kunstmaler) per Veronal von seinem unheilbaren Leiden erlöst und ihm sodann freiwillig in den Tod folgt. Mondäne Nachtbars und verwunschene Gärten, hedonistische Resignation und fromme Hoffnung, Lichtgötter und Todesengel – Willi Forst inszeniert ein süffiges Schicksalsmelodram ohne Hemmung vor schrägem Pathos, plakativer Kolportage und wunderbarer Zufallsdramaturgie, läßt die Handlung virtous durch Zeiten und Orte springen, vor und zurück durch Krieg und Nachkrieg, von Danzig nach Hamburg nach München nach Venedig nach Positano nach Wien. Ein exzessiver Off-Kommentar – von der Knef als rückhaltlose Offenbarung mit einer Stimme gesprochen, die verrät, daß ihre junge Besitzerin schon viel erlebt hat – verdoppelt gleichsam die oft stummfilmhaft arrangierten Bilder (Kamera: Václav Vich) von den Stationen eines kurvenreiches Lebensweges, der aus Öde und Leere, »über Trümmerhaufen, durch Schmutz und Unrat« ins himmlische Reich von Glück und Liebe führt. »Die Sünderin« – ein einzigartiges Meisterwerk des »Ultrarealismus«, ein erregendes Groschentraktat über Geben und Nehmen, über Sex und Gefühl, über coole Selbstbestimmung und restloses Verschenken – schäumt wie süßer Sekt aus einer Flasche, die zu heftig geschüttelt wurde, und steigt fiebrig benebelnd in den Kopf des Betrachters.

R Willi Forst B Gerhard Menzel, Willi Forst, Georg Marischka K Václav Vich M Theo Mackeben A Franz Schroedter S Max Brenner P Rolf Meyer D Hildegard Knef, Gustav Fröhlich, Robert Meyn, Änne Bruck, Jochen-Wolfgang Meyn | BRD | 87 min | 1:1,37 | sw | 18. Januar 1951

28.12.45

Scarlet Street (Fritz Lang, 1945)

Straße der Versuchung

Ein schwarzes Kleinbürgerschicksal: Eigentlich ersehnte sich Christopher ›Chris‹ Cross (Edward G. Robinson) ein Leben als Künstler, doch er wurde Sonntagsmaler und Kassierer in einer New Yorker Privatbank. Just an jenem Abend, als ihn der Chef für »25 years of faithful service« mit einer goldenen Uhr belohnt, begegnet der gemüthafte Chris unter einer Hochbahnbrücke in Greenwich Village seinem Verhängnis: Katherine ›Kitty‹ March (Joan Bennett), eine attraktive Straßendirne, die sich als Schauspielerin ausgibt, wird – im Verein mit ihrem geschäftstüchtigen Luden Johnny Prince (Dan Duryea) – den gutgläubigen Schwarmgeist (»Every painting, if it’s any good, is a love affair.«) gnadenlos zugrunde richten. Zu Hause steht Chris unter dem Pantoffel seiner megärenhaften Ehefrau, von Kitty, die er glauben läßt, ein erfolgreicher Maler zu sein, sieht er sich bald schon um alles beraubt und betrogen: um Geld und um Liebe, um seine Kunst und um seinen Erfolg. Mit unbewegtem Blick verfolgt Fritz Lang den fatalen Weg des Protagonisten, der mit einem sehenden und mit einem blinden Auge in die Katastrophe geht. »They’ve got something, a certain peculiar … something«, heißt es vieldeutig über Chris’ Bilder, (die an Werke des Zöllners Rousseau erinnern), »but no perspective.« Bevor er völlig die Übersicht (und die Nerven) verliert, erschafft Chris sein Meisterwerk: das Bildnis der angebeteten (und so verachtungsvollen) Kitty. Er nennt es »Self Portrait«: Kunst als Spaltung und Verdoppelung, als Auflösung und Verschmelzung. Auf den Traum folgt das Erwachen. Auf Desillusion folgt Raserei. Auf Schuld folgt Sühne. Und mag der Mensch sich auch gerichtlicher Verurteilung entziehen, er entgeht nicht der höheren Gerechtigkeit: »No one escapes punishment.« Es sind keine Lichter der Hoffnung, die »Scarlet Street« schemenhaft erleuchten, es ist das Flackern der Hölle.

R Fritz Lang B Dudley Nichols V Georges de la Fourchadière K Milton Krasner M Hans J. Salter A Alexander Golitzen S Arthur Hilton P Fritz Lang D Edward G. Robinson, Joan Bennett, Dan Duryea, Rosalind Ivan, Margaret Lindsay | USA | 102 min | 1:1,37 | sw | 28. Dezember 1945

# 933 | 12. Januar 2015