»Memories are made of this.« Nach Maria Braun und Lola, deren Blicke starr in die Zukunft gerichtet sind, stellt das zuletzt gedrehte Mittelstück von Rainer Werner Fassbinders BRD-Trilogie, angelehnt an das Schicksal des Ufa-Stars Sybille Schmitz, eine Frau ins Zentrum, die von der Vergangenheit beherrscht wird. München, 1955: Eine gewesene Filmgröße kauft sich die künstlichen Paradiese von Flucht (ins strahlende Gestern) und Vergessen (der tristen Gegenwart) bei einer alles Unglück sorgfältig berechnenden Nervenärztin. Ein Sportreporter verliebt sich in die strahlend-kaputte Diva, will sie retten, scheitert, verliert alles, macht irgendwie weiter. Mehr als die anderen Teile der Reihe ist »Die Sehnsucht der Veronika Voss« ein grandioser Schauspielerfilm: Rosel Zech (in der Titelrolle): wunderschön, depressiv, hysterisch; Hilmar Thate (als Journalist Robert Krohn): zerknautscht, alkoholisch, verunsichert; Cornelia Froboess (als Roberts Freundin Henriette): ironisch, klug, abgekämpft; Annemarie Düringer (als Veronikas Ärztin Dr. Katz): kalt, lächelnd, tödlich. Die Zeit, in der diese Menschen leben, ist friedlich, verlogen, sentimental. Das Land, das sie bevölkern, ist geschunden, grausam, verstört. Erinnerungen an früher sind nicht totzukriegen, nur mit Morphium zu ertragen. Die einen denken zurück an Babelsberg, die anderen an Treblinka. Massenkunst und Massenvernichtung – Traumfabrik und industrielle Tötung erscheinen als zwei Seiten einer Medaille, und den Überlebenden ist in beiden Fällen nur Aufschub gewährt: »You can't beat the memories you gave-a me.« Das Werk ähnelt einer Frottage: die Schrecken der vierziger Jahre durchgerieben auf die Oberfläche der fünfziger. Fassbinder bedient sich, um Traditionslinien kenntlich zu machen, offensiv traditioneller kinematographischr Mittel: Trickblenden und Sternchenfilter, artifizielle Bauten und dramatische Beleuchtungseffekte. Sein Film ist überdeutlich »gemacht«, ausdrücklich »hergestellt«: ein giftiges Melodram, ein weißlackierter Film noir, eine Erzählung über Licht und Schatten, Schmerz und Rausch, über den Irrglauben an den Sieg und die Realität der Niederlage.
R Rainer Werner Fassbinder B Peter Märthesheimer, Pea Fröhlich, Rainer Werner Fassbinder K Xaver Schwarzenberger M Peer Raben A Rolf Zehetbauer Ko Barbara Baum S Juliane Lorenz P Thomas Schühly D Rosel Zech, Hilmar Thate, Annemarie Düringer, Cornelia Froboess, Doris Schade | BRD | 104 min | 1:1,66 | sw | 18. Februar 1982
# 1116 | 29. Mai 2018
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18.2.82
28.10.77
Die Vertreibung aus dem Paradies (Niklaus Schilling, 1977)
Nach dem Tod der Mutter kehrt Filmschauspieler Andy Pauls (Geburtsname: Anton Paulisch) abgebrannt in seine Geburtsstadt München zurück. Mit der großen Karriere hat es weder in Rom noch in Hollywood geklappt; über Nebenrollen in Italowestern und einen TV-Auftritt als »Mechanical Man« ist Andy Pauls nie hinausgekommen. Herb Andress (Geburtsname: Herbert Andreas Greuz), mit dessen großer Karriere es auch nicht so recht geklappt hat, der sich als Nebendarsteller in Italowestern verdingte und als »Mechanical Man« im Fernsehen auftrat, spielt Andy Pauls, dem statt des erhofften Geldes als Erbe lediglich eine dickgerahmte Reproduktion von Gustave Dorés Bibelgraphik »Die Vertreibung aus dem Paradies« zufällt … Niklaus Schilling erzählt in einer Abfolge von kurzen, mal ironischen, mal elegischen, bald zugespitzt sketchartigen, bald opernhaft surrealen Szenen aus dem Leben der Vertriebenen – neben Andy Pauls sind das dessen sanftmütige Schwester Astrid (Elke Haltaufderheide), die sich redlich müht, das verschuldete mütterliche Fotogeschäft weiterzuführen, und der schmierige Bankfilialleiter Berens und die mondäne Heiratsschwindlerin Isolde Gräfin zu Rosenburg und das allzeitbereite Starlet Evi. Die Personen der Handlung verwickeln sich in eine inszestuöse Liebesgeschichte und in eine gallige Satire auf den mausetoten bundesdeutschen Filmbetrieb und in ein schwüles Hochstapler(innen)drama und in einen kleinbürgerlichen Betrugsthriller. Auf allen Ebenen geht es um Geld und Träume, um Kunst und Wirklichkeit, um Spiel und Zwang. Am Ende weist ein Engel den Weg zurück ins Paradies; die Insel der Seligen aber ist nichts anderes als das Kino selbst.
R Niklaus Schilling B Niklaus Schilling K Igor Luther M Giuseppe Verdi, Gaetano Donizetti, Drupi A Christa Molitor S Niklaus Schilling P Elke Haltaufderheide D Herb Andress, Elke Haltaufderheide, Jochen Busse, Ksenija Protic, Andrea Rau | BRD | 119 min | 1:1,66 | f | 28. Oktober 1977
# 774 | 19. September 2013
R Niklaus Schilling B Niklaus Schilling K Igor Luther M Giuseppe Verdi, Gaetano Donizetti, Drupi A Christa Molitor S Niklaus Schilling P Elke Haltaufderheide D Herb Andress, Elke Haltaufderheide, Jochen Busse, Ksenija Protic, Andrea Rau | BRD | 119 min | 1:1,66 | f | 28. Oktober 1977
# 774 | 19. September 2013
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30.5.75
Faustrecht der Freiheit (Rainer Werner Fassbinder, 1975)
»Eine wunderschöne Romanze: der Unternehmer und die Lottokönigin.« Auf die Frage, was er tue, wenn er einen Menschen liebe, antwortet Bertolt Brechts Herr Keuner, er mache einen Entwurf von ihm und sorge dafür, daß er ihm ähnlich werde – der Mensch, nicht der Entwurf. In Rainer Werner Fassbinders »Faustrecht der Freiheit« geht der naiv-sensible Homoprolo Franz Bieberkopf, der durch einen Glückstreffer zu Reichtum kommt, noch einen Schritt weiter: Er macht einen Entwurf von der Liebe (Vertrauen, Solidarität, eine Prise gutmütiger Provokation) und unternimmt alles, damit ihm das Leben ähnlich werde. Der Versuch schlägt fehl – die Verhältnisse, sie sind nicht so. Großzügigkeit (in emotionalen wie finanziellen Angelegenheiten), so Prämisse und Erkenntnis dieser eigentümlichen Zweckehe von ironisch-trostlosem Lehrstück und opernhaft-schwulem Melodram, wird als ebenjene Dummheit, die sie in der kapitalistischen Gesellschaft nun einmal ist, verstanden und entsprechend (aus-)genutzt. Die überraschungsfreie Geradlinigkeit der Erzählung erscheint als Schwäche und Stärke gleichermaßen: Zu keinem Zeitpunkt des Geschehens kann am Ausgang der Moritat gezweifelt werden – Spannung bleibt mithin aus; genau dieser Umstand erlaubt jedoch das präzise topographische Studium einer Gefühlslandschaft, die sich von den scheinfriedlichen Tälern der Illusion bis zu den Gipfeln des ausbeuterischen Verrats erstreckt. PS: »Es gibt Leute, die sich waschen, und andere, die sind sauber.« – »Und dann gibt es wieder Leute, die stinken, obwohl sie sauber sind.«
R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder, Christian Hohoff K Michael Ballhaus M Peer Raben A Kurt Raab S Thea Eymèsz P Rainer Werner Fassbinder D Rainer Werner Fassbinder, Peter Chatel, Karlheinz Böhm, Adrian Hoven, Ulla Jacobsson | BRD | 123 min | 1:1,37 | f | 30. Mai 1975
R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder, Christian Hohoff K Michael Ballhaus M Peer Raben A Kurt Raab S Thea Eymèsz P Rainer Werner Fassbinder D Rainer Werner Fassbinder, Peter Chatel, Karlheinz Böhm, Adrian Hoven, Ulla Jacobsson | BRD | 123 min | 1:1,37 | f | 30. Mai 1975
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18.2.75
Professione: reporter (Michelangelo Antonioni, 1975)
Beruf: Reporter
»People disappear every day.« – »Every time they leave the room.« Die Handlung des Thrillers, behauptet Georg Seeßlen, sei eine umgekehrte Form der Befreiung, eine Befreiung, die erzwungen wird. Michelangelo Antonioni verfolgt in seiner Polit- und Paranoia-Thriller-Variation einen anderen Ansatz: nicht die Befreiung des Protagonisten wird erzwungen, sondern die Unmöglichkeit der Befreiung konstatiert. Der britische Journalist David Locke (Jack Nicholson), in der Sahara auf der glücklosen Jagd nach einer Story über den Kampf zwischen Rebellen und Regierungstruppen, nutzt die Gelegenheit, seiner ungeliebten Existenz zu entfliehen, indem er die Identität eines plötzlich verstorbenen Hotelnachbarn annimmt und Hinweisen im Taschenkalender des Mannes folgt, der, wie sich alsbald zeigt, als Waffenhändler im Auftrag der Freischärler tätig war. Antonioni und sein Autor Mark Peploe verarbeiten, freilich in beklemmender Zerdehnung, die klassischen Zutaten des Genres – illegale Geschäfte, verschwörerische Machenschaften, konspirative Treffen, heimliche Verfolgung –, und der Hauch einer Erinnerung an Alfred Hitchcocks »North by Northwest« schwebt über Lockes Nachforschung, Flucht, Passage, die ihn, in Begleitung einer mysteriösen Frau ohne Namen (Maria Schneider), aus der nordafrikanischen Wüste, über London, München und Barcelona, in ein karstiges Andalusien führt, das dem Ausgangspunkt dieser Reise ans Ende des Tages auf blendend-unheimliche Weise ähnelt. Weglaufen endet im Nichts, ein anderes Selbst bietet keine anderen Möglichkeiten, die Lösung eines Rätsel liegt jederzeit und allerorts in gleich weiter Ferne, so aussichtslos wie Befreiung erscheinen Erkenntnis und Verständigung: »Your question are much more revealing about yourself than my answer would be about me.«
R Michelangelo Antonioni B Mark Peploe, Michelangelo Antonioni, Peter Wollen K Luciano Tovoli A Piero Poletto S Michelangelo Antonioni, Franco Arcalli P Carlo Ponti D Jack Nicholson, Maria Schneider, Jenny Runacre, Ian Hendry, Stephen Berkoff | I & F & E | 126 min | 1:1,85 | f | 18. Februar 1975
# 1155 | 10. April 2019
»People disappear every day.« – »Every time they leave the room.« Die Handlung des Thrillers, behauptet Georg Seeßlen, sei eine umgekehrte Form der Befreiung, eine Befreiung, die erzwungen wird. Michelangelo Antonioni verfolgt in seiner Polit- und Paranoia-Thriller-Variation einen anderen Ansatz: nicht die Befreiung des Protagonisten wird erzwungen, sondern die Unmöglichkeit der Befreiung konstatiert. Der britische Journalist David Locke (Jack Nicholson), in der Sahara auf der glücklosen Jagd nach einer Story über den Kampf zwischen Rebellen und Regierungstruppen, nutzt die Gelegenheit, seiner ungeliebten Existenz zu entfliehen, indem er die Identität eines plötzlich verstorbenen Hotelnachbarn annimmt und Hinweisen im Taschenkalender des Mannes folgt, der, wie sich alsbald zeigt, als Waffenhändler im Auftrag der Freischärler tätig war. Antonioni und sein Autor Mark Peploe verarbeiten, freilich in beklemmender Zerdehnung, die klassischen Zutaten des Genres – illegale Geschäfte, verschwörerische Machenschaften, konspirative Treffen, heimliche Verfolgung –, und der Hauch einer Erinnerung an Alfred Hitchcocks »North by Northwest« schwebt über Lockes Nachforschung, Flucht, Passage, die ihn, in Begleitung einer mysteriösen Frau ohne Namen (Maria Schneider), aus der nordafrikanischen Wüste, über London, München und Barcelona, in ein karstiges Andalusien führt, das dem Ausgangspunkt dieser Reise ans Ende des Tages auf blendend-unheimliche Weise ähnelt. Weglaufen endet im Nichts, ein anderes Selbst bietet keine anderen Möglichkeiten, die Lösung eines Rätsel liegt jederzeit und allerorts in gleich weiter Ferne, so aussichtslos wie Befreiung erscheinen Erkenntnis und Verständigung: »Your question are much more revealing about yourself than my answer would be about me.«
R Michelangelo Antonioni B Mark Peploe, Michelangelo Antonioni, Peter Wollen K Luciano Tovoli A Piero Poletto S Michelangelo Antonioni, Franco Arcalli P Carlo Ponti D Jack Nicholson, Maria Schneider, Jenny Runacre, Ian Hendry, Stephen Berkoff | I & F & E | 126 min | 1:1,85 | f | 18. Februar 1975
# 1155 | 10. April 2019
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18.10.74
The Odessa File (Ronald Neame, 1974)
Die Akte Odessa
»What was it like? It was like ruling the world. Because we did rule the world, we Germans.« 1963, 18 Jahre nach dem Ende der deutschen Weltherrschaft, stößt ein freiberuflich tätiger Hamburger Journalist (jung und engagiert: Jon Voight) zufällig auf das Tagebuch eines Überlebenden des historischen Schlachtfestes und gelangt – von einem elementaren (wie sich herausstellen wird: biographisch motivierten) inneren Impuls getrieben – auf die Spur der Organisation ehemaliger SS-Angehöriger, die, zu allem entschlossen, an glorreiche Zeiten anknüpfen und ihre noch unerledigte Mission erfüllen wollen ... Nach dem künstlerischen Erfolg von »The Day of the Jackal« bringt Produzent John Woolf einen weiteren Frederick-Forsyth-Reißer auf die Leinwand; Regisseur Ronald Neame erreicht zwar weder die ironische Frostigkeit noch die erzählerische Raffinesse des Zinnemann-Meisterstücks, versteht es aber, mit reichlich bundesrepublikanischem Flair und einer ganzen Kompanie von höchst ungemütlichen deutschen supporting actors – in alphabetical order: Caninenberg, Golling, Kiwe, Löwitsch, Marischka, Meisel, Meisner, Messemer, Möller, Schell, Schröder, Strack – unterhaltsam zu punkten.
R Ronald Neame B Kenneth Ross, George Markstein V Frederick Forsyth K Oswald Morris M Andrew Llod Webber A Rolf Zehetbauer S Ralph Kemplen P John Woolf D Jon Voight, Maximilian Schell, Maria Schell, Mary Tamm, Derek Jacobi | UK & BRD | 130 min | 1:2,35 | f | 18. Oktober 1974
»What was it like? It was like ruling the world. Because we did rule the world, we Germans.« 1963, 18 Jahre nach dem Ende der deutschen Weltherrschaft, stößt ein freiberuflich tätiger Hamburger Journalist (jung und engagiert: Jon Voight) zufällig auf das Tagebuch eines Überlebenden des historischen Schlachtfestes und gelangt – von einem elementaren (wie sich herausstellen wird: biographisch motivierten) inneren Impuls getrieben – auf die Spur der Organisation ehemaliger SS-Angehöriger, die, zu allem entschlossen, an glorreiche Zeiten anknüpfen und ihre noch unerledigte Mission erfüllen wollen ... Nach dem künstlerischen Erfolg von »The Day of the Jackal« bringt Produzent John Woolf einen weiteren Frederick-Forsyth-Reißer auf die Leinwand; Regisseur Ronald Neame erreicht zwar weder die ironische Frostigkeit noch die erzählerische Raffinesse des Zinnemann-Meisterstücks, versteht es aber, mit reichlich bundesrepublikanischem Flair und einer ganzen Kompanie von höchst ungemütlichen deutschen supporting actors – in alphabetical order: Caninenberg, Golling, Kiwe, Löwitsch, Marischka, Meisel, Meisner, Messemer, Möller, Schell, Schröder, Strack – unterhaltsam zu punkten.
R Ronald Neame B Kenneth Ross, George Markstein V Frederick Forsyth K Oswald Morris M Andrew Llod Webber A Rolf Zehetbauer S Ralph Kemplen P John Woolf D Jon Voight, Maximilian Schell, Maria Schell, Mary Tamm, Derek Jacobi | UK & BRD | 130 min | 1:2,35 | f | 18. Oktober 1974
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5.3.74
Angst essen Seele auf (Rainer Werner Fassbinder, 1974)
»Das kann keiner, ohne die andern leben.« Emmi Kurowski (Brigitte Mira) – Putzfrau um die 60, lange schon verwitwet, Mutter von zwei Söhnen und einer Tochter, die alle ihr eigenes Ding machen – will gar nicht ohne die anderen leben, ganz im Gegenteil, sie sucht Ansprache und menschliche Nähe; doch als sie sich in den 20 Jahre jüngeren Marokkaner El Hedi ben Salem m’Barek Mohammed Mustafa, kurz ›Ali‹ genannt, verliebt und ihn heiratet, muß sie es notgedrungen tun: Die Nachbarn tuscheln giftig, die Kolleginnen reden nicht mehr mit ihr, der Lebensmittelhändler verweigert ihr die Bedienung, die eigenen Kinder nennen sie eine Hure … Ein beklemmend nüchterner Film, erzählt in schmucklos-ausgefeilten Bildern (Kamera: Jürgen Jürges), ein Film über Anspruch und Wirklichkeit, über das Wollen und das Dürfen: Mit »Angst essen Seele auf« verwandelt Rainer Werner Fassbinder Douglas Sirks großbürgerliches Melodram »All That Heaven Allows« in ein kleinbürgerliches Trauerspiel. Hier wie dort sind es nicht nur die Verhältnisse, die den Menschen einsperren, einmauern, einsargen, es ist der Mensch selbst, der dafür sorgt, daß das Glück nicht immer lustig ist. Fassbinder erfüllt Emmis im tiefsten Unglück geäußerten Wunsch, daß sich alles verändern solle, daß alle Leute gut sein mögen, und gnadenlos ironisch läßt er die wahren Konflikte aufbrechen, als die äußere Drangsal überwunden ist. Weder Emmis naive Illusionen (»Wir werden reich sein, und dann kaufen wir uns ein Stückchen Himmel zusammen.«) noch Alis nachvollziehbare Resignation (»Nix viel denken, gut. Viel denken, viel weinen.«) sind geeignet, die Konventionen auszuhebeln. Eine Chance böte, vielleicht, die verständnisvolle Gemeinschaft: »Wenn wir zusammen sind, dann müssen wir gut sein zueinander, sonst ist das ganze Leben nichts wert. Zusammen sind wir stark.« Ob diese Hoffnung sich erfüllen kann, bleibt freilich mehr als ungewiß.
R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder K Jürgen Jürges A Kurt Raab S Thea Eymèsz P Rainer Werner Fassbinder D Brigitte Mira, El Hedi ben Salem, Barbara Valentin, Irm Hermann, Elma Karlowa | BRD | 93 min | 1:1,37 | f | 5. März 1974
# 895 | 9. Juli 2014
R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder K Jürgen Jürges A Kurt Raab S Thea Eymèsz P Rainer Werner Fassbinder D Brigitte Mira, El Hedi ben Salem, Barbara Valentin, Irm Hermann, Elma Karlowa | BRD | 93 min | 1:1,37 | f | 5. März 1974
# 895 | 9. Juli 2014
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29.12.72
Ludwig (Luchino Visconti, 1972)
Ludwig II.
Beklemmendes Panorama und pompöses Kammerspiel: der Verfall eines Monarchen vom hoffnungsvollen Tag der Krönung bis zum geheimnisumwitterten Ertrinkungstod. Im abschließenden Teil seiner »deutschen Trilogie« begibt sich Luchino Visconti auf die Spuren des – zu Beginn der Erzählung berückend schönen – Bayernkönigs Ludwig II. (Helmut Berger), der – voller Pläne und erfüllt von Ängsten, zugleich scheu und gebieterisch – seinen von schöpferischem Wollen angetriebenen Herrschaftsanspruch in konstitutionellen Zeiten nicht leben kann, dem – zerrieben zwischen dem Drang nach Selbstentfaltung und staatspolitischem Erwartungsdruck – Freundschaft (zum hochverehrten Richard Wagner, zum angeschwärmten Josef Kainz) und Liebe (zur seelenverwandten Elisabeth von Österreich, der komplexesten Figur des Dramas, von Romy Schneider als Dementi ihrer eigenen Sissi-Vergangenheit gespielt) durchweg mißglücken, der sich schließlich – aufgedunsen und zahnlückig – in asymmetrische Techtelmechtel und die Errichtung (seifen-)opernhafter Phantasiewelten flüchtet. Kein herkömmliches Epos, eher eine ausufernde Fallstudie, zusammengefügt aus (mehr oder weniger fiktionalisierten) biographischen Episoden, locker strukturiert von in die Kamera gesprochenen Stellungnahmen der Wegbegleiter und Widersacher des royalen Protagonisten, ein schwelgerisch-distanziertes Schaustück vom (traurigen) Glanz und (prunkvollen) Elend eines radikalen Ästheten und antisozialen Träumers.
R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Enrico Medioli, Suso Cecchi D’Amico K Armando Nannuzzi M diverse A Mario Chiari S Ruggero Mastroianni P Ugo Santalucia, Dieter Geissler D Helmut Berger, Romy Schneider, Trevor Howard, Umberto Orsini, Silvana Mangano, Gert Fröbe | I & F & BRD | 235 min | 1:2,35 | f | 29. Dezember 1972
# 1136 | 8. November 2018
Beklemmendes Panorama und pompöses Kammerspiel: der Verfall eines Monarchen vom hoffnungsvollen Tag der Krönung bis zum geheimnisumwitterten Ertrinkungstod. Im abschließenden Teil seiner »deutschen Trilogie« begibt sich Luchino Visconti auf die Spuren des – zu Beginn der Erzählung berückend schönen – Bayernkönigs Ludwig II. (Helmut Berger), der – voller Pläne und erfüllt von Ängsten, zugleich scheu und gebieterisch – seinen von schöpferischem Wollen angetriebenen Herrschaftsanspruch in konstitutionellen Zeiten nicht leben kann, dem – zerrieben zwischen dem Drang nach Selbstentfaltung und staatspolitischem Erwartungsdruck – Freundschaft (zum hochverehrten Richard Wagner, zum angeschwärmten Josef Kainz) und Liebe (zur seelenverwandten Elisabeth von Österreich, der komplexesten Figur des Dramas, von Romy Schneider als Dementi ihrer eigenen Sissi-Vergangenheit gespielt) durchweg mißglücken, der sich schließlich – aufgedunsen und zahnlückig – in asymmetrische Techtelmechtel und die Errichtung (seifen-)opernhafter Phantasiewelten flüchtet. Kein herkömmliches Epos, eher eine ausufernde Fallstudie, zusammengefügt aus (mehr oder weniger fiktionalisierten) biographischen Episoden, locker strukturiert von in die Kamera gesprochenen Stellungnahmen der Wegbegleiter und Widersacher des royalen Protagonisten, ein schwelgerisch-distanziertes Schaustück vom (traurigen) Glanz und (prunkvollen) Elend eines radikalen Ästheten und antisozialen Träumers.
R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Enrico Medioli, Suso Cecchi D’Amico K Armando Nannuzzi M diverse A Mario Chiari S Ruggero Mastroianni P Ugo Santalucia, Dieter Geissler D Helmut Berger, Romy Schneider, Trevor Howard, Umberto Orsini, Silvana Mangano, Gert Fröbe | I & F & BRD | 235 min | 1:2,35 | f | 29. Dezember 1972
# 1136 | 8. November 2018
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10.2.72
Händler der vier Jahreszeiten (Rainer Werner Fassbinder, 1972)
»Alles, was man will, das kann man nicht haben.« Hans Epp (Hans Hirschmüller), der von seiner Umgebung (von Mutter, Geschwistern, Ehefrau) in Rollen gedrängt wird, die ihm nicht wesensgemäß sind, sieht sich außer Stande, Pressionen und Zwängen etwas anderes entgegenzusetzen als seinen Tod … Mechaniker möchte Hans werden, aber die Mutter akzeptiert für ihren Sohn keinen schmutzigen Beruf; nach dem Gymnasium geht er aus verzweifeltem Protest zur Fremdenlegion, später zur Polizei, wird nach unehrenhafter Entlassung aus dem Staatsdienst schließlich ambulanter Obsthändler (en français: ›marchand des quatre-saisons‹), weswegen ihn seine »große Liebe« (Ingrid Caven) als Gatten verschmäht, und heiratet eine mißfällige Frau (Irm Hermann) … Die traurige Geschichte eines Überflüssigen, das tödliche Melodram einer unerwiderten Zuneigung zum Leben. Hans, der Sensible, der so viel Warmherzigkeit in seine Stimme zu legen weiß, wenn er auf den Höfen Birnen feilbietet, wird zum Säufer, zum Schläger, zum Herzkranken, zum Schwermütigen, der nicht mehr will, weil seine anpasserisch-kleinbürgerliche Welt ihn verachtet für eben das, was er sich von ihr hat überstülpen lassen. Rainer Werner Fassbinder wartet auf mit trister Alltagsprosa aus poetisch überhöhten Wirtschaftswunderzeiten, mit einfachen, klaren Bilder (Kamera: Dietrich Lohmann) von deprimierend prekären (Familien-)Verhältnissen, mit überreicher arte povera, die auch den Überlebenden des Dramas wenig Hoffnung macht: »Deine Sehnsucht kann keiner stillen, / Wenn die Träume sich auch erfüllen.«
R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder K Dietrich Lohmann A Kurt Raab S Thea Eymèsz P Rainer Werner Fassbinder D Hans Hirschmüller, Irm Hermann, Klaus Löwitsch, Ingrid Caven, Hanna Schygulla | BRD | 88 min | 1:1,37 | f | 10. Februar 1972
# 896 | 14. Juli 2014
R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder K Dietrich Lohmann A Kurt Raab S Thea Eymèsz P Rainer Werner Fassbinder D Hans Hirschmüller, Irm Hermann, Klaus Löwitsch, Ingrid Caven, Hanna Schygulla | BRD | 88 min | 1:1,37 | f | 10. Februar 1972
# 896 | 14. Juli 2014
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8.10.71
Summer in the City (Wim Wenders, 1971)
»Dedicated to the Kinks« … Hans (Hanns Zischler) kommt nach einem Jahr aus dem Gefängnis. Die Gefährten von früher erwarten ihn. Hans will mit der »alten Geschichte« nichts mehr zu tun haben, entzieht sich, taucht ab, erst in München, dann in Berlin, dann anderswo. Es ist kein Sommer in der Stadt, es ist ein Winter des Mißvergnügens, Graupel, Schnee, schmutziges Schwarzweiß. Relikte eines Gangsterfilms: Nachstellungen, Fluchtbewegungen, eine schläfrige Verfolgungsjagd; Stimmungsbilder einer Generation: Fremdheit, Einsamkeit, belanglose Dialoge, von einem Offkommentar ins Indirekte gerückt; Musik der späten Sechziger: The Troggs, The Lovin’ Spoonful, The Kinks. »It seems there's more to life than just to live it.« Wim Wenders erzählt in seinem ersten Spielfilm fast nichts, beobachtet mit zwanghafter Ausdauer Orte und Situationen, dokumentiert Abläufe in Echtzeit. Eine Tankstelle, eine Kneipe, ein Kino, Zimmer, Plätze, Straßen, mündliche Rekapitulationen von Beobachtungen, Filmen, Büchern, ein stummes Billardspiel, ein Gang am Kanal, nächtliche Taxifahrten, minutenlange starre Blicke auf die vorbeiziehende Welt, distanzierte Inaugenscheinnahmen einer unwirklich wirkenden Wirklichkeit, zwischendrin die Telefonansage des aktuellen Kinoprogramms (unter der Nummer 11512): »Spiel mir das Lied vom Tod«, »Liebe durch die Hintertür«, »Oswald Kolle: Zum Beispiel Ehebruch«, »Venus im Pelz«, »Die Mädchen der Madame«, »Die ins Gras beißen«, »Thomas Crowne ist nicht zu fassen«, »Heiße Hölle Bangkok«, »Leichen pflastern seinen Weg«, »Oswald Kolle: Zum Beispiel Ehebruch«, »Zwei Banditen«, »Asphalt Cowboy«, »Cat Ballou«, »Oswald Kolle: Zum Beispiel Ehebruch« (»Das ist ja ein Witz, der Oswald Kolle!«), »Blowup«, »Ausbruch der Verdammten«.
R Wim Wenders B Wim Wenders K Robby Müller M diverse S Peter Przygodda P Wim Wenders D Hanns Zischler, Edda Köchl, Libgard Schwarz | BRD | 116 (1. Fassung: 143) min | 1:1,33 | sw | 8. Oktober 1971
# 1034 | 28. November 2016
R Wim Wenders B Wim Wenders K Robby Müller M diverse S Peter Przygodda P Wim Wenders D Hanns Zischler, Edda Köchl, Libgard Schwarz | BRD | 116 (1. Fassung: 143) min | 1:1,33 | sw | 8. Oktober 1971
# 1034 | 28. November 2016
14.5.71
Supergirl (Rudolf Thome, 1971)
Sie taucht auf, in der Ferne, zwischen den hohen Grashalmen einer Wiese, trägt einen orangefarbenen Overall, kommt langsam näher. Sie hält einen roten Ferrari an, steigt ein, sagt nicht viel, läßt sich vom Fahrer mitnehmen in dessen Apartment, wo sie sich auszieht, ins Bett legt und einschläft. In der Tasche ihres Overalls findet sich lediglich ein bolivianischer Paß, ausgestellt auf den Namen Francesca Farnese. Iris Berben spielt diese Frau, attraktiv und enigmatisch, zart und doch entschlossen, sie schwebt gleichsam durch Rudolf Thomes und Max Zihlmanns pop-poetisches Kinokonstrukt, umgeben von einem intergalaktischen Mysterium. Die einsilbige Francesca trifft auf den coolen Erfolgsschriftsteller Evers (Marquard Bohm), der zu ihr sagt: »Ich liebe geheimnisvolle Frauen. Sie sind mein Untergang.« … »Supergirl« ist eine Science-Fiction-Comic-Mystery-Romanze in leuchtenden Farben: Vielleicht geht es um das Schicksal der ganzen Menschheit, vielleicht um die Beziehung zweier Menschen, vielleicht auch um beides, denn das eine hat ja mit dem anderen zu tun. Die rätselhafte Schöne, die starkes Interesse an den Vereinigten Staaten hat, begleitet den literarischen Bohemien zu einem amerikanischen Produzenten, der Evers’ Bestseller auf die Leinwand bringen will. »Supergirl« ist ein lakonisch-ironisches Film-Film-Roadmovie: von den Sternen nach München nach Zürich nach Madrid nach Paris und zurück zu den Sternen. Dazu passen die Cameo-Auftritte von Fassbinder, Lemke, Constantine, die Besetzung der stereotypischen Franco-Yankees Jess Hahn (der Pierre aus »Le signe du lion«) als Westentaschen-Tycoon Polonsky und Billy Kearns (der Freddy aus »Plein Soleil«) als polternder Senator Quimby. Francesca, die von sich behauptete, sie stamme vom dritten Planeten des Systems Alpha Centauri und sei auf die Erde gereist, um die Mächtigen vor einem drohenden Sternenkrieg zu warnen, verschwindet schließlich so beiläufig, wie sie gekommen ist, steigt in einen schwarzen Cadillac, der sie fortbringt. Über den Zurückgelassenen spannt sich weit und blau der Himmel, das große Meer der Träume.
R Rudolf Thome B Max Zihlmann K Affonso Beato M Mainhorse Airline (= Patrick Moraz) S Jane Sperr P Rudolf Thome D Iris Berben, Marquard Bohm, Jess Hahn, Nikolaus Dutsch, Karina Ehret (= Karin Thome) | BRD | 100 min | 1:1,37 | f | 14. Mai 1971
# 876 | 10. Juni 2014
R Rudolf Thome B Max Zihlmann K Affonso Beato M Mainhorse Airline (= Patrick Moraz) S Jane Sperr P Rudolf Thome D Iris Berben, Marquard Bohm, Jess Hahn, Nikolaus Dutsch, Karina Ehret (= Karin Thome) | BRD | 100 min | 1:1,37 | f | 14. Mai 1971
# 876 | 10. Juni 2014
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Zihlmann,
Zürich
9.10.70
Der amerikanische Soldat (Rainer Werner Fassbinder, 1970)
»Alone you start my friend, / Alone is now an end.« Richard ›Ricky‹ von Rezzori (Karl Scheydt), gebürtiger Münchner, als US-Soldat im Vietnamkrieg aktiv (»Wie war es?« – »Laut.«), kehrt in seine Heimatstadt zurück: als Killer, der von drei Polizisten angeheuert wird, ein paar nicht zu belangende Kriminelle abzuschießen … Eine vollsynthetische Gangsterfilmaufstellung, Klischees im Spiegel im Spiegel im Spiegel: coole Männer mit Anzügen und Hüten, Frauen als dekoratives oder störendes Beiwerk; Freundschaft, Betrug, Geschäft, Verzweiflung, unterdrückte Leidenschaft, leidenschaftliche Unterdrückung; der Spieltisch, das Polizeirevier, das Hotel, die Bar, das Auto, der Bahnhof. Rainer Werner Fassbinder schickt seinen einsilbigen Protagonisten auf eine absurde Reise ins Herz der Finsternis, und läßt ihn auf seinem Weg jenen absonderlichen Nebenfiguren begegnen, ohne die kein seriöser (oder unseriöser) Genrebeitrag auskommt: Da sind ein schwuler Zigeuner (Ulli Lommel), eine versoffene Informantin (Katrin Schaake), ein verzweifelt bruderliebender Bruder (Kurt Raab), eine leidgefrorene Mutter (Eva Ingeborg Scholz), eine blauäugige Nutte (»Ich mag ihn.« – »Den Killer?« – »Der ist lieb.«) (Elga Sorbas als ›Rosa von Praunheim‹), ein desperates Zimmermädchen (Margarethe von Trotta), das – als Vorahnung eines kommenden Fassbinder-Films – die Geschichte einer 60jährigen Putzfrau und ihrer tragischen Liebe zu einem jüngeren Türken erzählt: »Das Glück ist nicht immer lustig.« Und das Unglück, so scheint es, ist nicht immer traurig.
R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder K Dietrich Lohmann M Peer Raben A Kurt Raab S Thea Eymèsz P Rainer Werner Fassbinder D Karl Scheydt, Jan George, Elga Sorbas, Margarethe von Trotta, Eva Ingeborg Scholz | BRD | 80 min | 1:1,37 | sw | 9. Oktober 1970
# 894 | 9. Juli 2014
R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder K Dietrich Lohmann M Peer Raben A Kurt Raab S Thea Eymèsz P Rainer Werner Fassbinder D Karl Scheydt, Jan George, Elga Sorbas, Margarethe von Trotta, Eva Ingeborg Scholz | BRD | 80 min | 1:1,37 | sw | 9. Oktober 1970
# 894 | 9. Juli 2014
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18.9.70
Engel, die ihre Flügel verbrennen (Zbynek Brynych, 1970)
Die erzählerischen Leitmotive (und Lebensthemen) Herbert Reineckers, dieses Trivial-Boccaccio der wohlstandssatten Bundesrepublik – das unschuldig Schuldigwerden und die Schwierigkeiten junger Menschen, ihren Platz in einer (wahlweise: verlotterten, gefühllosen, feindlichen) Gesellschaft zu finden –, explodieren in der hypnotisch-hektischen Sicht des durchgeknallten Tschechen Zbynek Brynych zu einem Zinnober der Ausweglosigkeit, zu einem optisch-akustischen Rausch der Linsenfahrten und Kamerawischer, der Verkantungen und Verzerrungen, der zermürbenden musikalischen Reprisen und der Dialoge, die stets anmuten wie Selbstgespräche zu mehreren. »Engel, die ihre Flügel verbrennen« kolportiert die Welt der Erwachsenen als (High-Society-) Kindergarten der Indolenz, der Triebhaftigkeit, des Selbstekels, kurz: der tiefen menschlich-moralischen Korruption; die Farce, die die Alten (im huis clos eines luxuriösen Münchner Apartment-Hochhauses) aufführen, wiederholt sich in der Tragödie der Kinder, die dem Treiben ihrer Eltern nichts entgegenzusetzen haben als wütenden Totschlag und Abflug in den Selbstmord. Brynych läßt die Puppen tanzen (das heißt vor allem: ihre Haare werfen) und bringt Reineckers bizarre Namensschöpfungen zum Klingen: Moni Dingeldey (tödlich-naiv: Susanne Uhlen), Hilde Susmeit (sinnlich-lasziv: Nadja Tiller), Elvira Schramm, Kirr, Krüss … Peter Thomas rundet die konsequent antinaturalistische Krimi-Melo-Groteske mit rhythmischer Fickmusik ab und setzt sich in seiner launig-lyrischen Pop-Klage »Angels Who Burn Their Wings« selbst ein (wohl-) tönendes Denkmal.
»Engel, die ihre Flügel verbrennen« R Zbynek Brynych B Herbert Reinecker K Josef Vanis M Peter Thomas A Leo Karen S Sophie Mikorey P Walter Tjaden D Nadja Tiller, Susanne Uhlen, Jan Koester, Jochen Busse, Siegfried Rauch | BRD | 93 min | 1: 1,66 | f | 18. September 1970
»Engel, die ihre Flügel verbrennen« R Zbynek Brynych B Herbert Reinecker K Josef Vanis M Peter Thomas A Leo Karen S Sophie Mikorey P Walter Tjaden D Nadja Tiller, Susanne Uhlen, Jan Koester, Jochen Busse, Siegfried Rauch | BRD | 93 min | 1: 1,66 | f | 18. September 1970
1.9.70
Rote Sonne (Rudolf Thome, 1970)
Eine Wohngemeinschaft in München. Einfarbig gestrichene Räume, ockergelb, flaschengrün, hellblau, rosarot, bewohnt von vier jungen Frauen, Peggy, Sylvie, Christine, Isolde. Ein eigenes Zimmer hat keine von ihnen: »Wir schlafen mal da und mal da.« Eines Tages kreuzt Thomas auf (Marquard Bohm spielt ihn mit unwiderstehlich kaputtem Charme), ein alter Bekannter von Peggy (viel Haar, viel Bein: Uschi Obermeier), nistet sich ein, nassauert, wie es eben so seine Art ist, bemerkt irgendwann, daß etwas nicht stimmt. »In dieser Wohnung gehen Dinge vor, die die Vorstellungskraft übersteigen.« Four girls and a gun. Die Männerbekanntschaften der Mädchen müssen nach fünf Tagen tot sein. Spätestens. »Schließlich haben sie es verdient.« Die unsentimentalen filles fatales machen das nicht aus Spaß. Ihr Projekt ist revolutionär. Das überkommene Verhältnis zwischen Männern und Frauen steht zur Disposition. Rudolf Thome und Max Zihlmann entwickeln ihre perplex-lustvolle Männerphantasie (das Stichwort »Vampirfilm« fällt wohl nicht ohne Grund) vor dem Hintergrund des sich formierenden Feminismus – die Forderungen des »Aktionsrats zur Befreiung der Frauen« spuken durch die Erzählung, ebenso wie Valerie Solanas Mordanschlag auf Andy Warhol. (Die Autorin des ›SCUM Manifesto‹ und ihre spektakuläre Tat mögen auch Zbynek Brynych zu seiner – zeitgleich entstandenen – exzentrischen Gesellschaftssatire »Die Weibchen« inspiriert haben.) »Rote Sonne« nimmt den Geschlechterdiskurs freilich nicht ernster als das lässige Spiel mit Kinoposen (die wiederum nichts anderes sind als stilisierte Lebensäußerungen): in der Badewanne liegen, Zigarre rauchen, mit Schußwaffen hantieren, tanzen, küssen, sterben – Hollywood von Schwabing aus durch die Nouvelle-Vague-Brille gesehen … Die Sache der Frauen hat übrigens ihre Schwierigkeiten: Wie in jeder radikalen Bewegung gibt es nicht nur Loyalität und Entschlossenheit, sondern auch Zweifel und Verrat. Peggy liebt Thomas, zögert, ihn umzubringen, obwohl er längst auf der Abschußliste steht. Am Ende wird sie wieder auf Linie gebracht: »Du mußt jetzt konsequent sein.« Das rotglühende Finale findet bei Sonnenaufgang am Starnberger See statt: Lichtspiele auf den Wellen, eine Schießerei im Wald, zwei leblose Körper am Wasser. Der Tod tanzt zum Adagio von Albinoni: »Man muß immer darauf achten, daß man ein gewisses Niveau nicht unterschreitet. Sonst ist es schnell aus.«
R Rudolf Thome B Max Zihlmann K Bernd Fiedler M Small Faces, Tommaso Albinoni S Jutta Brandstaedter P Heinz Angermeyer, Rudolf Thome D Uschi Obermaier, Marquard Bohm, Sylvia Kekulé, Gaby Go, Diana Körner | BRD | 87 min | 1:1,66 | f | 1. September 1970
R Rudolf Thome B Max Zihlmann K Bernd Fiedler M Small Faces, Tommaso Albinoni S Jutta Brandstaedter P Heinz Angermeyer, Rudolf Thome D Uschi Obermaier, Marquard Bohm, Sylvia Kekulé, Gaby Go, Diana Körner | BRD | 87 min | 1:1,66 | f | 1. September 1970
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31.7.70
Oh Happy Day (Zbynek Brynych, 1970)
»›Die Jugend‹, sagt Mao, ›ist wie die Sonne um acht oder neun Uhr morgens.‹« Anna (Anne-Marie Kuster), die schulmädchenhaft-kichernde, jungfräulich-liebesdurstige Protagonistin des Films, zitiert verkürzt; wörtlich sagte der große Vorsitzende: »Ihr jungen Menschen, frisch und aufstrebend, seid das erblühende Leben, gleichsam die Sonne um acht oder neun Uhr morgens. Unsere Hoffnungen ruhen auf euch.« Anna fühlt keinerlei Hoffnung auf sich ruhen, nur Ansprüche und Verständnislosigkeit, ihr erblühendes Leben droht unter einer Käseglocke herablassender Behütung noch vor der Maienzeit abzuwelken. Weder ihre Eltern (Nadja Tiller und Karl Michael Vogler) noch die Lehrerinnen an der Nonnenschule (darunter die erotisch-ironische Hanne Wieder) begreifen, was das Fräulein will. So geht Anna alleine auf die Suche nach der Freiheit, die sie meint, nach einem neuen Wort für Liebe, mäandert auf ihren tagträumerischen Wegen von einem schweigsamen Chauffeur (Siegfried Rauch) zu einem schmeichlerischen Geschäftsmann, von bedröhnten Hippies zu ihrem fußballbegeisterten Busenfreund Robert (Amadeus August). Zbynek Brynych, der hintersinnige Irre von Prag, verdichtet seinen popfarbenen Münchner Coming-of-age-Report auf zwei Tage erzählte Zeit, zwei »happy days« voller schriller Wortwechsel und alltäglicher Albdrücke, voller psychedelischer Einsichten und tiefer Blicke in die Augen der Akteure. Die ersehnte Befreiung findet schließlich in einem desinfizierten Hotelzimmer statt … Ein glucksendes Sittenbild wie aus dem Inneren einer Lavalampe.
»Oh Happy Day« R Zbynek Brynych B Alexander Fuhrmann K Josef Vanis M Peter Thomas A Leo Karen S Sophie Mikorey P Walter Tjaden D Anne-Marie Kuster, Amadeus August, Nadja Tiller, Karl Michael Vogler, Siegfried Rauch, Hanne Wieder | BRD | 90 min | 1: 1,66 | f | 31. Juli 1970
»Oh Happy Day« R Zbynek Brynych B Alexander Fuhrmann K Josef Vanis M Peter Thomas A Leo Karen S Sophie Mikorey P Walter Tjaden D Anne-Marie Kuster, Amadeus August, Nadja Tiller, Karl Michael Vogler, Siegfried Rauch, Hanne Wieder | BRD | 90 min | 1: 1,66 | f | 31. Juli 1970
4.4.70
Götter der Pest (Rainer Werner Fassbinder, 1970)
Franz Walsch (der sich bei Gelegenheit auch Biberkopf nennt) wird aus dem Gefängnis entlassen. »War’s schlimm?« fragt Joanna. »Auch net anders wie draußen«, antwortet Franz. Leben als lebenslange Freiheitsstrafe. Franz (Harry Baer) bewegt sich durch das tote München wie ein Gestorbener, hockt schläfrig in pechschwarzen Räumen der Fremdheit und Vergeblichkeit, zieht lustlos von einer Frau zur anderen, von Joanna (Hanna Schygulla) zu Magdalana (Ingrid Caven) zu Margarethe (von Trotta). Nur einmal blüht er auf: als er einen alten Kumpel wiedertrifft, den kernigen ›Gorilla‹ (Günther Kaufmann), dem er es nicht einmal verübelt, daß er seinen Bruder umgebracht hat. Zusammen fahren sie aufs Land, und die Kamera, sonst wie eingefroren, hebt plötzlich ab, fliegt über Wiesen und Straßen und Dörfer. »Wir brauchen kein Geld nicht«, sagt der eine, und der andere erklärt: »Weil wir uns lieben.« Irgendwann heißt es dann doch: »Ein Geld muß eins dasein.« Und so geht der melo(un)dramatische (Anti-)Gangsterfilm in die letzte lange Kurve, mit Überfall und Verrat und Schießerei und Tod und Rache und noch mehr Tod und mit der paradoxen Erkenntnis: »Life ist very precious … even right now.« Rainer Werner Fassbinder zelebriert ein weiteres Endspiel auf der Genre-Hintertreppe, verweigert jeden Noir-Glamour zugunsten von abblätterndem Putz und zeigt, einmal mehr, daß im Zweifelsfall auch Frauen töten, was sie lieben.
R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder K Dietrich Lohmann M Peer Raben A Kurt Raab S Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Rainer Werner Fassbinder, Michael Fengler D Harry Baer, Hanna Schygulla, Margarethe von Trotta, Günther Kaufmann, Carla Aulaulu | BRD | 91 min | 1:1,37 | sw | 4. April 1970
# 892 | 2. Juli 2014
R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder K Dietrich Lohmann M Peer Raben A Kurt Raab S Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Rainer Werner Fassbinder, Michael Fengler D Harry Baer, Hanna Schygulla, Margarethe von Trotta, Günther Kaufmann, Carla Aulaulu | BRD | 91 min | 1:1,37 | sw | 4. April 1970
# 892 | 2. Juli 2014
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2.10.69
Herzblatt oder Wie sag ich’s meiner Tochter? (Alfred Vohrer, 1969)
»Bitte sprechen Sie mir nach: Geschlechtsverkehr.« Im Spannungsfeld von Käte Strobels offiziösem Informationsknaller »Helga«, Oswald Kolles Liebeswundern und der nahenden Welle pseudodokumentarischer Report-Streifen versucht Alfred Vohrer eine parodistische Betrachtung der sexuellen Aufklärung und ihrer filmischen Ausgeburten. Die hinlänglich amüsante (dabei latent inzestuöse) Münchner Geschichte des unschuldig-offenherzigen (bzw. -blusigen) Schulmädchens ›Herzblatt‹ (Mascha Gonska) und ihres alleinerziehend-überforderten Vaters ›Männchen‹ (Georg Thomalla) thematisiert bestenfalls oberflächenphänomenologisch, dabei allemal pubertär-herrenwitzelnd Verklemmungen und Sprachlosigkeiten, Betretenheiten und Übersprungshandlungen auf dem Weg zum heißersehnten, allerfüllenden, erdbebenartigen Liebeserlebnis: »Wo immer du hinsiehst, alles strömt zueinander, alles fließt ineinander. Das Geschlechtliche ist eine Notwendigkeit.«
R Alfred Vohrer B Ernst Flügel (= Manfred Purzer) K Ernst W. Kalinke M Hans-Martin Majewski A Wolf Englert, Margret Finger S Susanne Paschen P Luggi Waldleitner D Georg Thomalla, Mascha Gonska, Siegfried Schürenberg, Paul Esser, Günther Lüders, Olga von Togni | BRD | 84 min | 1:1,66 | f | 2. Oktober 1969
# 1135 | 27. Oktober 2018
R Alfred Vohrer B Ernst Flügel (= Manfred Purzer) K Ernst W. Kalinke M Hans-Martin Majewski A Wolf Englert, Margret Finger S Susanne Paschen P Luggi Waldleitner D Georg Thomalla, Mascha Gonska, Siegfried Schürenberg, Paul Esser, Günther Lüders, Olga von Togni | BRD | 84 min | 1:1,66 | f | 2. Oktober 1969
# 1135 | 27. Oktober 2018
26.6.69
Liebe ist kälter als der Tod (Rainer Werner Fassbinder, 1969)
»An MPs habe ich nur eine sehr schöne Attrappe da.« Melancholisch-gefrorene Gangsterposen im Frontalstil vor weißen Wänden: Franz (Rainer Werner Fassbinder), mürrischer Kleinkrimineller auf eigene Rechnung und Zuhälter der ergebenen Nutte Joanna (Hanna Schygulla), will nicht fürs Syndikat arbeiten, woraufhin ihm der engelhafte agent provocateur Bruno (mit Trenchcoat und Hut à la Jef Costello: Ulli Lommel) geschickt wird, der ihn eiskalt in Mord und Totschlag verwickelt … Fassbinder zitiert in seinem Regie-Debüt Godard und Melville (die ihrerseits Lang und Tuttle zitierten) arrangiert sich und seine Außenseiterbande zu lebenden Bildern, zu (laien-)bühnenhaften Arrangements, die an Aushangfotos von Remakes von Remakes gemahnen. Irgendwie und sowieso geht es in diesem somnambulen Rollenspiel natürlich auch um Liebe (die nur im gemeinsamen Töten Erfüllung finden kann) und um Verrat (der die kalte Konsequenz der Liebe ist) – radikal-maniriertes Autorenkino als plagiatorische Originalschöpfung, wie sie einem misanthropisch-ichbewußten Filmfreak wohl nur nach der double feature-Spätvorstellung einfallen kann. PS: »Woran denken Sie? Sex?« – »An die Revolution.« – »Schön.« – »Finden Sie?«
R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder K Dietrich Lohmann M Peer Raben A Ulli Lommel, Rainer Werner Fassbinder S Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Peer Raben D Ulli Lommel, Hanna Schygulla, Rainer Werner Fassbinder, Hans Hirschmüller, Katrin Schaake | BRD | 88 min | 1:1,66 | sw | 26. Juni 1969
R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder K Dietrich Lohmann M Peer Raben A Ulli Lommel, Rainer Werner Fassbinder S Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Peer Raben D Ulli Lommel, Hanna Schygulla, Rainer Werner Fassbinder, Hans Hirschmüller, Katrin Schaake | BRD | 88 min | 1:1,66 | sw | 26. Juni 1969
23.5.69
Detektive (Rudolf Thome, 1969)
Münchner Schule in schwarzweiß und Ultrascope. Ein helles Neubaubüro: ein schwarzer Schreibtisch, zwei Sessel, ein Aktenregal, eine Reiseschreibmaschine, ein Bett. Zwei Freunde, Andy Schubert (Marquard Bohm) und Sebastian West (Ulli Lommel), ziemlich entspannte Typen, lümmeln herum, spielen Detektiv – Philip Marlowe und Sam Spade lassen grüßen, Jean-Paul Belmondo und Alain Delon stehen Pate. Dazu die unvermeidliche Sekretärin: Micky (Uschi Obermeier), die ans Telefon geht, die Drinks mixt, die, wie man sehen wird, ein eigenes Süppchen kocht. Ihre Arbeit sehen die Detektive eher sportlich, fahren in offenen Wagen durch die Gegend, sind jederzeit bereit, ihre Auftraggeber zu hintergehen und sich mit den Zielpersonen zu solidarisieren, wenn sie nur hübsch genug sind, wie zum Beispiel Annabella (Iris Berben), die von einem gewissen Busse verfolgt und mit der Waffe bedroht wird. »Ich an deiner Stelle würde ihn ja heiraten«, sagt die pragmatische Micky zu Annabella, »so schnell findest du nicht wieder einen Mann, der auf dich schießt.« Nach und nach entwickelt sich aus dem Geplänkel eine Art Story, mindestens so kompliziert wie bei Raymond Chandler: Liebe, Eifersucht, Intrigen, Betrug, Doppelspiel, Entführung, Erpressung, Gift, Mord. Im Mittelpunkt steht Krüger (Walter Rilla), ein kultivierter alter Herr, der hat, was alle wollen: Geld. 100000 Mark Versicherungssumme sind bei Krügers Tod fällig, egal ob er im Bett stirbt oder einem Verbrechen zum Opfer fällt. Rudolf Thome und Max Zihlmann erzählen in ihrem nüchtern-skurrilen Film-noir-Pastiche keinen einfachen Generationenkonflikt, denn im Kampf um das Erbe der Väter zeigen die Jungen nicht den geringsten Gemeinschaftsgeist: Jeder ist sich selbst der nächste. Geschossen wird mit der gleichen kühlen Selbstverständlichkeit wie geküßt oder geschlafen, wie Whisky getrunken oder Steaks gebraten … Zeitgeist und Kinomythen, zusammengebunden von zwanglosen Bewegungen der Akteure und der Kamera, von vibrierendem Jazzrock und lapidaren Dialogen: »Ich habe auch einmal zu Hoffnungen Anlaß gegeben, ich konnte mich nur nie entscheiden, zu welchen.«
R Rudolf Thome B Max Zihlmann K Hubs Hagen, Niklaus Schilling M Kristian Schultze S Jutta Brandstaedter P Rudolf Thome, Carol Hellman D Marquard Bohm, Ulli Lommel, Chrissie Malberg (= Uschi Obermaier), Walter Rilla, Iris Berben, Elke Hart (= Elke Haltaufderheide) | BRD | 91 min | 1:2,35 | sw | 23. Mai 1969
R Rudolf Thome B Max Zihlmann K Hubs Hagen, Niklaus Schilling M Kristian Schultze S Jutta Brandstaedter P Rudolf Thome, Carol Hellman D Marquard Bohm, Ulli Lommel, Chrissie Malberg (= Uschi Obermaier), Walter Rilla, Iris Berben, Elke Hart (= Elke Haltaufderheide) | BRD | 91 min | 1:2,35 | sw | 23. Mai 1969
8.3.68
Engelchen oder Die Jungfrau von Bamberg (Marran Gosov, 1968)
»Ich bin jetzt 19. Ich bin fällig.« Die fesche Katja (Gila von Weitershausen) reist von Bamberg nach München, um sich erstmals flachlegen zu lassen – was auch in Zeiten der sexuellen Revolution gar nicht so einfach ist, wie es klingt. Zwar findet sie Aufnahme in eine vielversprechende Männer-WG, doch ihr jungfräulicher Zustand löst nicht eben Begeisterung aus: »Und das soll ich jetzt machen? Du, da biste bei mir aufm falschen Dampfer.« Schließlich klappt es doch noch, und das Fräulein kann befreit in die Provinz zurückkehren … Marran Gosovs zartfühlend-skurrile Erotik-Komödie bezaubert durch ihre liebenswürdige Schwabinger Stimmungsmalerei, durch ihre Freude am abschweifenden Herumschnuppern, durch ihre närrische Einbildungskraft – etwa wenn sich Katja beim Musikhören das bukolische Idyll eines nackten Pärchens im Englischen Garten herbeiphantasiert und sich in ihrem Wunschtraum unversehens von einer mähenden Schafherde umringt sieht. Kino ist laut François Truffaut die Kunst, hübsche Frauen hübsche Dinge tun zu lassen. »Engelchen« ist mindestens so hübsch wie seine kokette Hauptdarstellerin, die sich (und dem Publikum) voller Lust und Laune eine vergnügliche Zeit bereitet.
R Marran Gosov B Franz Geiger, Marran Gosov K Werner Kurz M Jacques Loussier A Peter Scharff S Gudrun Vöge, Enzio von Kühlmann-Stumm P Rob Houwer D Gila von Weitershausen, Dieter Augustin, Uli Koch, Hans Clarin, Gudrun Vöge | BRD | 81 min | 1:1,66 | f | 8. März 1968
R Marran Gosov B Franz Geiger, Marran Gosov K Werner Kurz M Jacques Loussier A Peter Scharff S Gudrun Vöge, Enzio von Kühlmann-Stumm P Rob Houwer D Gila von Weitershausen, Dieter Augustin, Uli Koch, Hans Clarin, Gudrun Vöge | BRD | 81 min | 1:1,66 | f | 8. März 1968
30.11.67
48 Stunden bis Acapulco (Klaus Lemke, 1967)
Bundesdeutscher High-End-Pulp: Schwarzweiß, Breitwand, Krimiposen. Es beginnt mit einer stilisierten credit sequence, die (untermalt von Roland Kovacs furios trompetendem Cool-Jazz-Score, der an Miles Davis’ »Sketches of Spain« oder einen Morricone-B-Movie-Soundtrack denken läßt) das ultrafiktive Geschehen grafisch antizipiert: Ein junger Typ, der schlauer sein möchte, als er ist (Dieter Geissler), wittert das große Geschäft, das schnelle Geld, gerät zwischen zwei schöne, blonde Frauen (die eine liebt ihn, die andere liebt er – weitere Unterschiede sind kaum zu erkennen) und an einen Alten (›Swing-König‹ Teddy Stauffer), der so gnadenlos-lässig ist, wie es der nachwachsende Gernegroß nie werden könnte, nicht einmal, wenn er das gefährliche Vabanquespiel – das von Schliersee über München, Rom und Mexico City in »48 Stunden bis Acapulco« führt – überlebte … Klaus Lemke (Regie) und Max Zihlmann (Buch) transponieren ihre unübersehbaren Vorbilder – Nouvelle Vague und film noir – in den saloppen sound of Munich, träumen sich, wie Zuschauer im Dunkel des Saals, in ein rein kinematographisches Abenteuer, in eine schick rhythmisierte Bildstrecke ohne Anspruch auf Abbildung von platter Wirklichkeit, in eine endlose Fahrt in einem Alfa Romeo Giulietta Cabrio, in einen Düsenflug auf die andere Seite der Welt. Das Sehnsuchtsziel aber wird zur Endstation – die Zeit der romantischen Abenteu(r)er, sie ist lange schon vorbei.
R Klaus Lemke B Max Zihlmann K Hubs Hagen, Niklaus Schilling M Roland Kovac S Wolfgang Limmer P Joseph ›Peps‹ Kommer D Dieter Geissler, Christiane Krüger, Monika Zinnenberg, Alexander Kerst, Teddy Stauffer | BRD | 81 min | 1:2,35 | sw | 30. November 1967
R Klaus Lemke B Max Zihlmann K Hubs Hagen, Niklaus Schilling M Roland Kovac S Wolfgang Limmer P Joseph ›Peps‹ Kommer D Dieter Geissler, Christiane Krüger, Monika Zinnenberg, Alexander Kerst, Teddy Stauffer | BRD | 81 min | 1:2,35 | sw | 30. November 1967
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