Vincent, François, Paul und die anderen
»Mit gelben Birnen hänget / Und voll mit wilden Rosen / Das Land in den See …« Drei alte Freunde – ein Unternehmer ohne Fortune (Yves Montand), ein Arzt ohne Ethos (Michel Piccoli), ein Schriftsteller ohne Roman (Serge Reggiani) –, die die Hälfte ihres (durchaus genußreichen) Lebens hinter sich gelassen haben, und die anderen – die (Ex-)Frauen, die Kumpels, die Bekannten – kriegen an Leib und Seele die Höhen und Tiefen der Existenz zu spüren. Claude Sautet tut einmal mehr, was er wie kein anderer zu tun vermag: Er macht ganz mühelos begreiflich, was es heißt, Mensch zu sein. zu lieben und zu leiden, zu träumen und aufzuwachen, zu reden und zu schweigen, hinzufallen und sich wieder aufzurappeln, sich zu erinnern und Pläne zu machen, mit einem Glas Wein in der Hand an der Bar zu stehen, einen Herzanfall zu kriegen, von einem anderen gehalten zu werden – la vie et rien d’autre. »… Die Mauern stehn / Sprachlos und kalt, im Winde / Klirren die Fahnen.«
R Claude Sautet B Claude Sautet, Jean-Loup Dabadie V Claude Néron K Jean Boffety M Philippe Sarde A Théobald Meurisse S Jacqueline Thiédot P Raymond Danon, Roland Girard D Yves Montand, Michel Piccoli, Serge Reggiani, Gérard Depardieu, Stéphane Audran | F & I | 118 min | 1:1,66 | f | 27. Oktober 1974
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27.10.74
12.9.69
L’armée des ombres (Jean-Pierre Melville, 1969)
Armee im Schatten
Scènes de la vie de résistance … Jean-Pierre Melville verfolgt – unpathetisch, aber keinesfalls leidenschaftslos – die Aktivitäten einer Widerstandsgruppe im von Deutschen besetzten Frankreich. Die episodische Erzählung umfaßt einen Zeitraum von vier Monaten zwischen dem 20. Oktober 1942 und dem 23. Februar 1943 und führt von Marseille nach Paris, von Lyon nach London (wo General de Gaulle, der Anführer der France libre, sein Hauptquartier aufgeschlagen hat), durch Hinterzimmer und Geheimverstecke, durch Internierungslager und Foltergefängnisse. Melville, während des Krieges selbst Mitglied der Résistance, schildert dabei keine Partisanenaktionen im eigentlichen Sinne: keine Nachrichtenbeschaffung, keinen Sabotageakt, kein Attentat; Pierre Lhommes Kamera zeigt, in dunklen, entsättigten Bildern, ausschließlich Menschen in Gefahr, Menschen auf der Flucht, Menschen in der Falle, Menschen, die in Erfüllung einer höheren Pflicht schreckliche Dinge tun müssen. Kaum je verraten die Gesichter von Lino Ventura, Paul Meurisse, Simone Signoret und all den anderen etwas über die Emotionen der Protagonisten dieses bei aller formalen Distanziertheit sehr persönlichen, sehr anrührenden Films. Es ist ein unsichtbares Band von stiller Kameradschaft und wortlosem Mitgefühl, das die Armee der Schatten zusammenhält. Auch wenn ihr klandestines Tun vergeblich scheint, bleibt es doch ohne Alternative – so gehen Gerbier, Jardie, Mathilde und all die anderen den vorgezeichneten Weg, aufrecht und unbeirrt, bis zum bitteren Ende.
R Jean-Pierre Melville B Jean-Pierre Melville V Joseph Kessel K Pierre Lhomme M Éric Demarsan A Théobald Meurisse S Françoise Bonnot P Jacques Dorfmann D Lino Ventura, Paul Meurisse, Simone Signoret, Jean-Pierre Cassel, Claude Mann, Serge Reggiani | F & I | 145 min | 1:1,66 | f | 12. September 1969
Scènes de la vie de résistance … Jean-Pierre Melville verfolgt – unpathetisch, aber keinesfalls leidenschaftslos – die Aktivitäten einer Widerstandsgruppe im von Deutschen besetzten Frankreich. Die episodische Erzählung umfaßt einen Zeitraum von vier Monaten zwischen dem 20. Oktober 1942 und dem 23. Februar 1943 und führt von Marseille nach Paris, von Lyon nach London (wo General de Gaulle, der Anführer der France libre, sein Hauptquartier aufgeschlagen hat), durch Hinterzimmer und Geheimverstecke, durch Internierungslager und Foltergefängnisse. Melville, während des Krieges selbst Mitglied der Résistance, schildert dabei keine Partisanenaktionen im eigentlichen Sinne: keine Nachrichtenbeschaffung, keinen Sabotageakt, kein Attentat; Pierre Lhommes Kamera zeigt, in dunklen, entsättigten Bildern, ausschließlich Menschen in Gefahr, Menschen auf der Flucht, Menschen in der Falle, Menschen, die in Erfüllung einer höheren Pflicht schreckliche Dinge tun müssen. Kaum je verraten die Gesichter von Lino Ventura, Paul Meurisse, Simone Signoret und all den anderen etwas über die Emotionen der Protagonisten dieses bei aller formalen Distanziertheit sehr persönlichen, sehr anrührenden Films. Es ist ein unsichtbares Band von stiller Kameradschaft und wortlosem Mitgefühl, das die Armee der Schatten zusammenhält. Auch wenn ihr klandestines Tun vergeblich scheint, bleibt es doch ohne Alternative – so gehen Gerbier, Jardie, Mathilde und all die anderen den vorgezeichneten Weg, aufrecht und unbeirrt, bis zum bitteren Ende.
R Jean-Pierre Melville B Jean-Pierre Melville V Joseph Kessel K Pierre Lhomme M Éric Demarsan A Théobald Meurisse S Françoise Bonnot P Jacques Dorfmann D Lino Ventura, Paul Meurisse, Simone Signoret, Jean-Pierre Cassel, Claude Mann, Serge Reggiani | F & I | 145 min | 1:1,66 | f | 12. September 1969
# 949 | 1. Juni 2015
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25.8.65
Marie-Chantal contre Dr. Kha (Claude Chabrol, 1965)
M. C. contra Dr. Kha
»Vous êtes comme Alice. Vous êtes passées de l’autre côté du miroir.« Auf einer Zugfahrt erhält Marie-Chantal (Marie Lafôret) von einem Mitreisenden ein Schmuckstück zur vorübergehenden Aufbewahrung. Im Moment, da sie den blauen Pantherkopf mit den Rubinaugen annimmt, betritt das maliziöse Lebefräulein ein wundersames Land hinter den Spiegeln, eine Sphäre des tödlichen Wettstreits feindlicher Organisationen. Claude Chabrol erzählt (mit Anleihen bei Langs »Dr. Mabuse« und Hitchcocks »The Man Who Knew Too Much«) eine bizarre Farce um ein Killervirus, das seinen Besitzer zum Herren der Welt machen würde. Der Film, eine märchenhafte Reise von den Alpen nach Marokko, lebt vor allem von seinen Darstellern: Serge Reggiani und Charles Denner als grenzdebile Comicspione Ivanov und Johnson; Stéphane Audran als schwarze Witwe Olga, die den ganzen Horror des Lebens an der unsichtbaren Front schildert: dauernd Mord, Entführung, Sabotage, und dann noch die Sexpartys mit den Ministern; Akim Tamiroff als doppelbödiger Dr. Kha, genialischer Spieler gegen alle und gegen sich selbst. Die Heldin engagiert sich weniger aus Überzeugung denn aus Renitenz: la petite snob will das Kleinod, das man ihr überlassen hat, einfach nicht wieder hergeben. Im übrigen findet sie die Agenda des Superschurken bedauernswürdig: Absolute Macht bedeute nichts anderes als absoluten Tod. Und während die junge Frau zur Ablenkung ihr Nonnenschulen-Programm von Liebe, Zärtlichkeit und Vertrauen entwickelt, nestelt sie einen Revolver aus der Bluse … Die angelegte Fortsetzung von Marie-Chantals phantastischen Abenteuern wird Chabrol der Filmgeschichte leider schuldig bleiben.
R Claude Chabrol B Claude Chabrol, Christian-Yve, Daniel Boulanger V Jacques Chazot K Jean Rabier M Pierre Jansen A Guy Litaye S Jacques Gaillard P Georges de Beauregard D Marie Lafôret, Francisco Rabal, Stéphane Audran, Akim Tamiroff, Serge Reggiani, Roger Hanin, Charles Denner | F & I & E | 110 min | 1:1,66 | f | 25. August 1965
»Vous êtes comme Alice. Vous êtes passées de l’autre côté du miroir.« Auf einer Zugfahrt erhält Marie-Chantal (Marie Lafôret) von einem Mitreisenden ein Schmuckstück zur vorübergehenden Aufbewahrung. Im Moment, da sie den blauen Pantherkopf mit den Rubinaugen annimmt, betritt das maliziöse Lebefräulein ein wundersames Land hinter den Spiegeln, eine Sphäre des tödlichen Wettstreits feindlicher Organisationen. Claude Chabrol erzählt (mit Anleihen bei Langs »Dr. Mabuse« und Hitchcocks »The Man Who Knew Too Much«) eine bizarre Farce um ein Killervirus, das seinen Besitzer zum Herren der Welt machen würde. Der Film, eine märchenhafte Reise von den Alpen nach Marokko, lebt vor allem von seinen Darstellern: Serge Reggiani und Charles Denner als grenzdebile Comicspione Ivanov und Johnson; Stéphane Audran als schwarze Witwe Olga, die den ganzen Horror des Lebens an der unsichtbaren Front schildert: dauernd Mord, Entführung, Sabotage, und dann noch die Sexpartys mit den Ministern; Akim Tamiroff als doppelbödiger Dr. Kha, genialischer Spieler gegen alle und gegen sich selbst. Die Heldin engagiert sich weniger aus Überzeugung denn aus Renitenz: la petite snob will das Kleinod, das man ihr überlassen hat, einfach nicht wieder hergeben. Im übrigen findet sie die Agenda des Superschurken bedauernswürdig: Absolute Macht bedeute nichts anderes als absoluten Tod. Und während die junge Frau zur Ablenkung ihr Nonnenschulen-Programm von Liebe, Zärtlichkeit und Vertrauen entwickelt, nestelt sie einen Revolver aus der Bluse … Die angelegte Fortsetzung von Marie-Chantals phantastischen Abenteuern wird Chabrol der Filmgeschichte leider schuldig bleiben.
R Claude Chabrol B Claude Chabrol, Christian-Yve, Daniel Boulanger V Jacques Chazot K Jean Rabier M Pierre Jansen A Guy Litaye S Jacques Gaillard P Georges de Beauregard D Marie Lafôret, Francisco Rabal, Stéphane Audran, Akim Tamiroff, Serge Reggiani, Roger Hanin, Charles Denner | F & I & E | 110 min | 1:1,66 | f | 25. August 1965
28.3.63
Il gattopardo (Luchino Visconti, 1963)
Der Leopard
Sizilien im Jahr 1860: an der Seite einheimischer Rebellen kämpfen Garibaldis Rothemden gegen die Bourbonenherrschaft für ein vereinigtes Italien unter savoyischer Führung. Luchino Visconti, Sproß eines bedeutenden Mailänder Adelshauses, inszeniert seine Adaption des ersten (und einzigen) Romans des sizilianischen Aristokraten Giuseppe Tomasi di Lampedusa als bild- und tongewaltiges Panorama eines Epochenbruchs: eine alte Welt versinkt, eine neue Welt entsteht, eingefangen in Giuseppe Rotunnos brüchig-opulenten Technirama-Malereien, begleitet von Nino Rotas schwelgerisch-melancholischen Kompositionen. Im Mittelpunkt des episodisch strukturierten Epos: Don Fabrizio, Fürst von Salina (Burt Lancaster), als würdevoller Repräsentant einer abtretenden Klasse nicht nur Protagonist der Erzählung, sondern auch gefaßter Beobachter eines historischen Dramas, illusionsloser Kommentator politischer Umwälzungen, selbstreflektierter Rollenspieler in einem vielschichtigen Gesellschaftsstück. Wenn alles bleiben solle, wie es ist, müsse sich alles ändern, wird der alternde Fürst von seinem ehrgeizigen jungen Neffen belehrt – und tatsächlich ändert sich trotz gewaltig scheinender Verwerfungen im Grunde nichts, bleibt realiter alles beim Alten, abgesehen davon vielleicht, daß Ideale verraten werden, daß die Macht den Namen und das Geld die Taschen wechselt, daß die Leoparden, die Löwen, die Adler den Platz räumen für Schafe, Hyänen, Schakale. Neben Lancaster brillieren Alain Delon als aalglatter Karrierist, Claudia Cardinale als durchsetzungskräftige Schönheit, Serge Reggiani als standhafter Reaktionär, Rina Morelli als nervöse Frömmlerin, Paolo Stoppa als durchtriebener Emporkömmling in einem filmischen Fest, das die Feiernden konsequent mit der Ahnung des Todes umgibt.
R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Suso Cecchi D’Amico, Pasquale Festa Campanile, Enrico Medioli, Massimo Franciosa V Giuseppe Tomasi di Lampedusa K Giuseppe Rotunno M Nino Rota A Mario Garbuglia S Mario Serandrei P Goffredo Lombardo D Burt Lancaster, Alain Delon, Claudia Cardinale, Paolo Stoppa, Rina Morelli, Romolo Valli, Serge Reggiani | I & F | 187 min | 1:2,35 | f | 28. März 1963
# 1158 | 19. April 2019
Sizilien im Jahr 1860: an der Seite einheimischer Rebellen kämpfen Garibaldis Rothemden gegen die Bourbonenherrschaft für ein vereinigtes Italien unter savoyischer Führung. Luchino Visconti, Sproß eines bedeutenden Mailänder Adelshauses, inszeniert seine Adaption des ersten (und einzigen) Romans des sizilianischen Aristokraten Giuseppe Tomasi di Lampedusa als bild- und tongewaltiges Panorama eines Epochenbruchs: eine alte Welt versinkt, eine neue Welt entsteht, eingefangen in Giuseppe Rotunnos brüchig-opulenten Technirama-Malereien, begleitet von Nino Rotas schwelgerisch-melancholischen Kompositionen. Im Mittelpunkt des episodisch strukturierten Epos: Don Fabrizio, Fürst von Salina (Burt Lancaster), als würdevoller Repräsentant einer abtretenden Klasse nicht nur Protagonist der Erzählung, sondern auch gefaßter Beobachter eines historischen Dramas, illusionsloser Kommentator politischer Umwälzungen, selbstreflektierter Rollenspieler in einem vielschichtigen Gesellschaftsstück. Wenn alles bleiben solle, wie es ist, müsse sich alles ändern, wird der alternde Fürst von seinem ehrgeizigen jungen Neffen belehrt – und tatsächlich ändert sich trotz gewaltig scheinender Verwerfungen im Grunde nichts, bleibt realiter alles beim Alten, abgesehen davon vielleicht, daß Ideale verraten werden, daß die Macht den Namen und das Geld die Taschen wechselt, daß die Leoparden, die Löwen, die Adler den Platz räumen für Schafe, Hyänen, Schakale. Neben Lancaster brillieren Alain Delon als aalglatter Karrierist, Claudia Cardinale als durchsetzungskräftige Schönheit, Serge Reggiani als standhafter Reaktionär, Rina Morelli als nervöse Frömmlerin, Paolo Stoppa als durchtriebener Emporkömmling in einem filmischen Fest, das die Feiernden konsequent mit der Ahnung des Todes umgibt.
R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Suso Cecchi D’Amico, Pasquale Festa Campanile, Enrico Medioli, Massimo Franciosa V Giuseppe Tomasi di Lampedusa K Giuseppe Rotunno M Nino Rota A Mario Garbuglia S Mario Serandrei P Goffredo Lombardo D Burt Lancaster, Alain Delon, Claudia Cardinale, Paolo Stoppa, Rina Morelli, Romolo Valli, Serge Reggiani | I & F | 187 min | 1:2,35 | f | 28. März 1963
# 1158 | 19. April 2019
13.12.62
Le doulos (Jean-Pierre Melville, 1962)
Der Teufel mit der weißen Weste
»Il faut choisir. Mourir … ou mentir?« Jean-Pierre Melvilles resignative Studie über Vertrauen und Zweifel gleicht einem Melodram unter Gangstern: Silien (Jean-Paul Belmondo), der Clever-Zwielichtige, und Faugel (Serge Reggiani), der Einfältig-Mißtrauische, diese beiden, die sich tief im Herzen wirklich mögen, können zusammen nicht kommen – immerhin ist die Dramaturgie so gnädig, sie am Schluß miteinander zu vereinen … Die schwarzweißen Bilder, in die Nicolas Hayer (der schon Clouzots »Le corbeau« und Cocteaus »Orphée« fotografierte) diese nächtliche Erzählung vom Lügen und Sterben faßt, sind bald klar und kontrastreich, ganz ohne Zwischentöne, gerade so als wären Hell und Dunkel, Gut und Böse tatsächlich zu unterscheiden, bald wieder verschwimmen sie grau in grau, als wollten sie die Ambivalenz der diffusen Charaktere bezeugen. Gewißheit, so stellt es sich dar, ist nur im Tod zu erlangen, und die Wahrheit wurde unter einer Gaslaterne in der Vorstadt vergraben. Melville erzeugt Spannung, indem er sich wie ein Verdächtiger bei der Polizei verhält und wichtige Informationen manipulativ verschweigt; formal scheint er (noch) ganz seinen Vorbildern verpflichtet zu sein: dem galligen Tonfall des amerikanischen film noir und dem romantischen Fatalismus des französischen Vorkriegsfilms – »Le doulos« bildet gleichsam die Rampe zu den eisigen Meisterwerken seiner kommenden blaugrauen Periode.
R Jean-Pierre Melville B Jean-Pierre Melville V Pierre Lesou K Nicolas Hayer M Paul Misraki A Daniel Guéret S Monique Bonnot P Georges de Beauregard, Carlo Ponti D Jean-Paul Belmondo, Serge Reggiani, Jean Desailly, Michel Piccoli, Fabienne Dali | F & I | 108 min | 1:1,66 | sw | 13. Dezember 1962
»Il faut choisir. Mourir … ou mentir?« Jean-Pierre Melvilles resignative Studie über Vertrauen und Zweifel gleicht einem Melodram unter Gangstern: Silien (Jean-Paul Belmondo), der Clever-Zwielichtige, und Faugel (Serge Reggiani), der Einfältig-Mißtrauische, diese beiden, die sich tief im Herzen wirklich mögen, können zusammen nicht kommen – immerhin ist die Dramaturgie so gnädig, sie am Schluß miteinander zu vereinen … Die schwarzweißen Bilder, in die Nicolas Hayer (der schon Clouzots »Le corbeau« und Cocteaus »Orphée« fotografierte) diese nächtliche Erzählung vom Lügen und Sterben faßt, sind bald klar und kontrastreich, ganz ohne Zwischentöne, gerade so als wären Hell und Dunkel, Gut und Böse tatsächlich zu unterscheiden, bald wieder verschwimmen sie grau in grau, als wollten sie die Ambivalenz der diffusen Charaktere bezeugen. Gewißheit, so stellt es sich dar, ist nur im Tod zu erlangen, und die Wahrheit wurde unter einer Gaslaterne in der Vorstadt vergraben. Melville erzeugt Spannung, indem er sich wie ein Verdächtiger bei der Polizei verhält und wichtige Informationen manipulativ verschweigt; formal scheint er (noch) ganz seinen Vorbildern verpflichtet zu sein: dem galligen Tonfall des amerikanischen film noir und dem romantischen Fatalismus des französischen Vorkriegsfilms – »Le doulos« bildet gleichsam die Rampe zu den eisigen Meisterwerken seiner kommenden blaugrauen Periode.
R Jean-Pierre Melville B Jean-Pierre Melville V Pierre Lesou K Nicolas Hayer M Paul Misraki A Daniel Guéret S Monique Bonnot P Georges de Beauregard, Carlo Ponti D Jean-Paul Belmondo, Serge Reggiani, Jean Desailly, Michel Piccoli, Fabienne Dali | F & I | 108 min | 1:1,66 | sw | 13. Dezember 1962
16.4.52
Casque d’or (Jacques Becker, 1952)
Goldhelm
»Ce sont là des mœurs d’Apaches, du Far West …« Nein, die Frauen sind natürlich nicht an allem schuld – aber die schöne Marie (Simone Signoret) sorgt allein aufgrund ihrer atemberaubenden Anwesenheit und wegen des schimmernden Goldglanzes ihrer kunstvoll aufgetürmten Haare für das Ableben dreier (um sie rivalisierender) Männer: Der erste, ein eitler Fatzke, stirbt durch einen Messerstich, der zweite, ein falscher Fuffziger, kommt im Kugelhagel um, der dritte, ein aufrichtig Liebender (Serge Reggiani), endet unter dem Fallbeil … »Casque d’or«, Jacques Beckers meisterhaftes Melodram aus dem Pariser Apachen-Milieu der Belle Époque, entwirft ein zärtlich-grausames Sittenbild der gefahrvollen gesellschaftlichen und urbanen Randzonen, in welche die wahre Liebe wie eine (zerstörerische) Himmelsmacht hereinbricht. Mit großer Zuneigung zu seinen Figuren erzählt Becker (sehr frei nach einer wahren Begebenheit, die um die Jahrhundertwende Schlagzeilen machte) von großen Gefühle und kleinlicher Mißgunst, von Freundschaft und Verrat, von den (tödlichen) Fragen der Ehre und den (so banalen wie wunderbaren) Dingen des Lebens. Die pittoreske Welt von 1900 – die Welt der Amüsierschuppen und Handwerkstätten, der billigen Pensionen und idyllischen Ausflugsorte (für dem Film authentisch erfunden von Jean d’Eaubonne, Max Ophüls’ bevorzugtem Szenenbilder) – erscheint nicht als nostalgischer Fluchtort, nicht als gute alte Zeit: Das Glück währt (wenn überhaupt) nur kurz, und Pardon wird nicht gegeben.
R Jacques Becker B Jacques Becker, Jacques Companeez K Robert Lefebvre M Georges Van Parys A Jean d’Eaubonne S Marguerite Renoir P Robert Hakim, Raymond Hakim D Simone Signoret, Serge Reggiani, Claude Dauphin, Raymond Bussières, Gaston Modot | F | 96 min | 1:1,37 | sw | 16. April 1952
»Ce sont là des mœurs d’Apaches, du Far West …« Nein, die Frauen sind natürlich nicht an allem schuld – aber die schöne Marie (Simone Signoret) sorgt allein aufgrund ihrer atemberaubenden Anwesenheit und wegen des schimmernden Goldglanzes ihrer kunstvoll aufgetürmten Haare für das Ableben dreier (um sie rivalisierender) Männer: Der erste, ein eitler Fatzke, stirbt durch einen Messerstich, der zweite, ein falscher Fuffziger, kommt im Kugelhagel um, der dritte, ein aufrichtig Liebender (Serge Reggiani), endet unter dem Fallbeil … »Casque d’or«, Jacques Beckers meisterhaftes Melodram aus dem Pariser Apachen-Milieu der Belle Époque, entwirft ein zärtlich-grausames Sittenbild der gefahrvollen gesellschaftlichen und urbanen Randzonen, in welche die wahre Liebe wie eine (zerstörerische) Himmelsmacht hereinbricht. Mit großer Zuneigung zu seinen Figuren erzählt Becker (sehr frei nach einer wahren Begebenheit, die um die Jahrhundertwende Schlagzeilen machte) von großen Gefühle und kleinlicher Mißgunst, von Freundschaft und Verrat, von den (tödlichen) Fragen der Ehre und den (so banalen wie wunderbaren) Dingen des Lebens. Die pittoreske Welt von 1900 – die Welt der Amüsierschuppen und Handwerkstätten, der billigen Pensionen und idyllischen Ausflugsorte (für dem Film authentisch erfunden von Jean d’Eaubonne, Max Ophüls’ bevorzugtem Szenenbilder) – erscheint nicht als nostalgischer Fluchtort, nicht als gute alte Zeit: Das Glück währt (wenn überhaupt) nur kurz, und Pardon wird nicht gegeben.
R Jacques Becker B Jacques Becker, Jacques Companeez K Robert Lefebvre M Georges Van Parys A Jean d’Eaubonne S Marguerite Renoir P Robert Hakim, Raymond Hakim D Simone Signoret, Serge Reggiani, Claude Dauphin, Raymond Bussières, Gaston Modot | F | 96 min | 1:1,37 | sw | 16. April 1952
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27.9.50
La ronde (Max Ophüls, 1950)
Der Reigen
»Où sommes-nous ici? Sur une scène? Dans un studio? Dans une rue? Ah … nous sommes à Vienne. 1900.« Der soignierte Conférencier (Adolf Wohlbrück), der die Mechanik der episodischen Handlung in Gang setzt, wird das folgende Ringelreihen der Begierde – von der Dirne zum Soldaten zum Stubenmädchen zum jungen Herrn zur verheirateten Frau zum Ehemann zum süßen Mädel zum Dichter zur Schauspielerin zum Grafen zurück zur Dirne – immer wieder ironisch kommentieren, es in verschiedenen Masken (als Kutscher, als Kellner, als Hausmeister) begleiten, es ab und zu sogar eingreifend lenken. Die erzählerische Kreisbewegung, von der die zehn Paarungen zusammengebunden werden, erscheint als (opulent ausgestattete) Allegorie der ewigen Wiederkehr von Lust und Enttäuschung, als (detailreich ausgemaltes) Gleichnis von der genußfreudigen Monotonie des Eros. Formale Entsprechungen findet diese Rotation der (schnell erkaltenden) Gefühle visuell im Motiv des endlos sich drehenden Karussells sowie musikalisch in der Melodie eines von Oscar Straus komponierten Walzers:» Tournent, tournent, mes personnages / La terre tourne jour et nuit.« Max Ophüls (der eigentliche Spielführer) entzaubert in »La ronde« nicht nur (darin Arthur Schnitzler, dem Autoren der Vorlage, folgend) mit melancholischem Spott und theatralischen Verfremdungseffekten die romantische Liebe – durch die Einführung eines neben und über dem Geschehen schwebenden meneur de jeu werden die Protagonisten (verkörpert unter anderem von Simone Signoret, Gérard Philipe, Danielle Darrieux, Serge Reggiani) darüber hinaus zu zweifachen Marionetten: ihres nicht zu unterdrückenden Verlangens und ihres unentrinnbaren Schicksals.
R Max Ophüls B Max Ophüls, Jacques Natanson V Arthur Schnitzler K Christian Matras M Oscar Straus A Jean d’Eaubonne S Léonide Azar P Ralph Baum, Sacha Gordine D Adolf Wohlbrück, Simone Signoret, Gérard Philipe, Danielle Darrieux, Serge Reggiani | F | 97 min | 1:1,37 | sw | 27. September 1950
»Où sommes-nous ici? Sur une scène? Dans un studio? Dans une rue? Ah … nous sommes à Vienne. 1900.« Der soignierte Conférencier (Adolf Wohlbrück), der die Mechanik der episodischen Handlung in Gang setzt, wird das folgende Ringelreihen der Begierde – von der Dirne zum Soldaten zum Stubenmädchen zum jungen Herrn zur verheirateten Frau zum Ehemann zum süßen Mädel zum Dichter zur Schauspielerin zum Grafen zurück zur Dirne – immer wieder ironisch kommentieren, es in verschiedenen Masken (als Kutscher, als Kellner, als Hausmeister) begleiten, es ab und zu sogar eingreifend lenken. Die erzählerische Kreisbewegung, von der die zehn Paarungen zusammengebunden werden, erscheint als (opulent ausgestattete) Allegorie der ewigen Wiederkehr von Lust und Enttäuschung, als (detailreich ausgemaltes) Gleichnis von der genußfreudigen Monotonie des Eros. Formale Entsprechungen findet diese Rotation der (schnell erkaltenden) Gefühle visuell im Motiv des endlos sich drehenden Karussells sowie musikalisch in der Melodie eines von Oscar Straus komponierten Walzers:» Tournent, tournent, mes personnages / La terre tourne jour et nuit.« Max Ophüls (der eigentliche Spielführer) entzaubert in »La ronde« nicht nur (darin Arthur Schnitzler, dem Autoren der Vorlage, folgend) mit melancholischem Spott und theatralischen Verfremdungseffekten die romantische Liebe – durch die Einführung eines neben und über dem Geschehen schwebenden meneur de jeu werden die Protagonisten (verkörpert unter anderem von Simone Signoret, Gérard Philipe, Danielle Darrieux, Serge Reggiani) darüber hinaus zu zweifachen Marionetten: ihres nicht zu unterdrückenden Verlangens und ihres unentrinnbaren Schicksals.
R Max Ophüls B Max Ophüls, Jacques Natanson V Arthur Schnitzler K Christian Matras M Oscar Straus A Jean d’Eaubonne S Léonide Azar P Ralph Baum, Sacha Gordine D Adolf Wohlbrück, Simone Signoret, Gérard Philipe, Danielle Darrieux, Serge Reggiani | F | 97 min | 1:1,37 | sw | 27. September 1950
3.12.46
Les portes de la nuit (Marcel Carné, 1946)
Die Pforten der Nacht
»Les enfants qui s'aiment s'embrassent debout / contre les portes de la nuit.« Eine Nacht im langen, harten Winter, der auf den kurzen, wunderbaren Sommer der Befreiung von Paris folgt – zwischen Abenddämmerung und Morgengrauen begegnen sich vormalige Widerständler und saturierte Ex-Kollaborateure, kleine Leute und falsche Helden, ein verträumter Draufgänger (Yves Montand) und »la plus belle fille du monde« (Nathalie Nattier); ein allgegenwärtiger Straßensänger mit flachem Hut und schäbigem Mantel (Jean Vilar) macht das Versprechen der ganz großen Liebe und verkündet in gleichem Atemzug die Erfüllung des unentrinnbaren (= tödlichen) Schicksals … Marcel Carné (Regie) und Jacques Prévert (Drehbuch) versuchen den Spagat zwischen teilnehmend-präziser Beschreibung der schwierigen französischen Nachkriegswirklichkeit und melodramatischer Mystifikation; Alexandre Trauners poetisch überhöhte (Studio-)Bauten – eine quirlig belebte Métro-Station, ein archetypisches Mietshaus, ein verkramter Lagerschuppen, eine Brücke über den Kanal, einsame Straßen und Bahngleise am Gasometer – erschaffen ein theatralisches Kondensat urbaner (und menschlicher) Randzonen; Philippe Agostinis nachtfarbene Bilder beschwören die Schatten der Vergangenheit und die Unbestimmtheit der Zukunft; Joseph Kosmas Kompositionen schwelgen in der Sehnsucht nach einem fernen Glück, das so nah zu liegen scheint: hinter der Scheibe eines haltenden Automobils, hinter den Streben eines Gitters, in einem Lied, in einem Namen.
R Marcel Carné B Jacques Prévert K Philippe Agostini M Joseph Kosma A Alexandre Trauner S Jean Feyte P Raymond Borderie D Yves Montand, Nathalie Nattier, Pierre Brasseur, Serge Reggiani, Jean Vilar | F | 120 min | 1:1,37 | sw | 3. Dezember 1946
»Les enfants qui s'aiment s'embrassent debout / contre les portes de la nuit.« Eine Nacht im langen, harten Winter, der auf den kurzen, wunderbaren Sommer der Befreiung von Paris folgt – zwischen Abenddämmerung und Morgengrauen begegnen sich vormalige Widerständler und saturierte Ex-Kollaborateure, kleine Leute und falsche Helden, ein verträumter Draufgänger (Yves Montand) und »la plus belle fille du monde« (Nathalie Nattier); ein allgegenwärtiger Straßensänger mit flachem Hut und schäbigem Mantel (Jean Vilar) macht das Versprechen der ganz großen Liebe und verkündet in gleichem Atemzug die Erfüllung des unentrinnbaren (= tödlichen) Schicksals … Marcel Carné (Regie) und Jacques Prévert (Drehbuch) versuchen den Spagat zwischen teilnehmend-präziser Beschreibung der schwierigen französischen Nachkriegswirklichkeit und melodramatischer Mystifikation; Alexandre Trauners poetisch überhöhte (Studio-)Bauten – eine quirlig belebte Métro-Station, ein archetypisches Mietshaus, ein verkramter Lagerschuppen, eine Brücke über den Kanal, einsame Straßen und Bahngleise am Gasometer – erschaffen ein theatralisches Kondensat urbaner (und menschlicher) Randzonen; Philippe Agostinis nachtfarbene Bilder beschwören die Schatten der Vergangenheit und die Unbestimmtheit der Zukunft; Joseph Kosmas Kompositionen schwelgen in der Sehnsucht nach einem fernen Glück, das so nah zu liegen scheint: hinter der Scheibe eines haltenden Automobils, hinter den Streben eines Gitters, in einem Lied, in einem Namen.
R Marcel Carné B Jacques Prévert K Philippe Agostini M Joseph Kosma A Alexandre Trauner S Jean Feyte P Raymond Borderie D Yves Montand, Nathalie Nattier, Pierre Brasseur, Serge Reggiani, Jean Vilar | F | 120 min | 1:1,37 | sw | 3. Dezember 1946
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