Walkabout
»Well, where are we now?« Die Antwort auf die Frage, wo wir sind, kann auch Aufschluß darüber geben, wer wir sind. Ein halbwüchsiges weißes Mädchen und ihr kleiner Bruder in einer Schule in Sydney, im Park der Stadt, im Pool des Apartmenthauses, sind andere als dieselben weißen Mittelklassekinder unterwegs im australischen Outback. Nachdem ihr Vater, auf einem Ausflug in die Wildnis von einem unerklärlichen Wahn ergriffen, zunächst versuchte, die Kinder zu erschießen, dann sich selbst tötete, sind die Geschwister plötzlich ganz auf sich gestellt: Sand und Felsen, Reptilien und Geier, tags die unerbittliche Sonne, nachts der gleichgültige Mond. Zivilisatorische Errungenschaften – Sprachfertigkeit, soziale Normen, Manieren – helfen in der Natur nicht weiter; ein junger Aborigine auf dem »Walkabout« (einem rituellen Initiationsgang durch das Buschland) rettet den planlos Umherirrenden das Leben. Anhand dieser Begegnung und der folgenden gemeinsamen Wanderung verhandelt Nicolas Roeg – kaum in Dialogen, vielmehr in ebenso überwältigenden wie verstörenden Bildern – Fragen von Identität und Kolonisierung, Harmonie und Destruktion, Erziehung und Entfaltung. Den Film, eine schillernde Mischung aus Coming-of-age-Story, anthropologischer Studie, Abenteuergeschichte und Culture-Clash-Drama durchzieht bei allem visuellen Fieber ein kühler Pessimismus. »Faites vos jeux, Messieurs dames«, gebietet zu Beginn eine Stimme aus dem Off. Immer wieder ins Bild gerückte Mauern lassen ein mögliches Glück von vorneherein als verlorenes Paradies erscheinen: »Rien ne va plus.«
R Nicolas Roeg B Edward Bond V James Vance Marshall K Nicolas Roeg M John Barry A Brian Eatwell S Antony Gibbs, Alan Pattillo P Si Litvinoff D Jenny Agutter, Lucien John (= Luc Roeg), David Gulpilil, John Meillon | UK & AUS | 100 min | 1:1,85 | f | 16. Mai 1971
# 1067 | 31. Juli 2017
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16.5.71
Walkabout (Nicolas Roeg, 1971)
15.1.63
Beschreibung eines Sommers (Ralf Kirsten, 1963)
»Wir bauen hier den Sozialismus auf!« – »Wir bauen hier erstmal ein Chemiewerk.« Bewußtsein und Beton: die (rot-)glühende FDJlerin und der unsentimentale Ingenieur, die feingliedrige Grit und der massige Tom, Christel Bodenstein und Manfred Krug. Ralf Kirstens »Beschreibung eines Sommers« (nach dem Ankunftsroman von Karl-Heinz Jakobs) ist die Schilderung des Lebens und Arbeitens auf einer Großbaustelle irgendwo in der jungen DDR, die Geschichte einer unmöglichen und doch unausweichlichen Liebe, ein bald zarter, bald ruppiger Film, ein sensibles, neugieriges Abtasten von Gesichtern und Landschaften. Es ist viel euphorische Hoffnung in dieser Erzählung (»Wie lange wird’s wohl dauern, bis wir im Kommunismus leben?« – »Hundert Jahre …« – »Viel früher!«), viel linientreue Romantik (Lagerfeuer, Klampfenklänge, Umgestaltung von Natur und Mensch), aber auch eine große Offenheit des Blicks, ein selbstverständliches Zulassen von Zweifeln, Konflikten, Ängsten und, am Wichtigsten vielleicht: glaubwürdige Gefühle, aufrichtiges Empfinden. Ein intimes Meisterstück des nachdenklichen Optimismus.
R Ralf Kirsten B Karl-Heinz Jakobs, Ralf Kirsten V Karl-Heinz Jakobs K Hans Heinrich M Wolfgang Lesser A Hans Poppe, Jochen Keller S Christel Röhl P Werner Liebscher D Manfred Krug, Christel Bodenstein, Günther Grabbert, Marita Böhme, Johanna Clas | DDR | 80 min | 1:1,37 | sw | 15. Januar 1963
R Ralf Kirsten B Karl-Heinz Jakobs, Ralf Kirsten V Karl-Heinz Jakobs K Hans Heinrich M Wolfgang Lesser A Hans Poppe, Jochen Keller S Christel Röhl P Werner Liebscher D Manfred Krug, Christel Bodenstein, Günther Grabbert, Marita Böhme, Johanna Clas | DDR | 80 min | 1:1,37 | sw | 15. Januar 1963
25.8.55
All That Heaven Allows (Douglas Sirk, 1955)
Was der Himmel erlaubt
»Things do not change; we change.« Douglas Sirks süffige Technicolor-Romanze löst (gegen allerhand ex- und interne Widerstände) die appetitliche Witwe Cary (Jane Wyman) aus den Fesseln, die sie an die Konventionen ihrer kleinstädtischen, gehoben-mittelklassigen Welt binden, und legt sie dem selbstbestimmten Naturburschen Ron (Rock Hudson) in die fürsorglich-muskulösen Arme … »All That Heaven Allows« zeichnet in starken Farben (Kamera: Milton Krasner) und mit fetten Symbolen (glühendes Herbstlaub, zerdepperte Wedgwood-Kannen, zutrauliches Damwild, spiegelnde Mattscheiben) das Bild einer formierten Gesellschaft, die ihren Mitgliedern das ureigene Glück neidet, ihnen mit bigotter Freude die Chancen auf persönliche Erfüllung vermasselt und die solchermaßen Zurechtgestutzen für den Verlust der inneren Freiheit mit Geld, Cocktailpartys und Fernsehgeräten (»Life's parade at your fingertips.«) entschädigt; das Allerschlimmste aber ist, daß der äußere Zwang schließlich zur inneren Zwangsvorstellung wird, das Unglück dem Einzelnen mithin gar nicht mehr frei Haus geliefert werden muß, sondern artig selbst produziert wird. Sirk indes verwandelt die Tragödie der sozialen Zurichtung in das Drama einer individuellen Bewußtwerdung: Er läßt seine bürgerliche Heldin an der Herausforderung, die ihre unpassende Liebe darstellt, wachsen und erlaubt ihr den Befreiungsschlag, der die ägyptische Grabkammer eines falschen Lebens schließlich in Trümmer fallen läßt.
R Douglas Sirk B Peg Fenwick K Russell Metty M Frank Skinner A Alexander Golitzen, Eric Orborm S Frank Gross P Ross Hunter D Jane Wyman, Rock Hudson, Agnes Moorehead, Conrad Nagel, Virginia Grey | USA | 89 min | 1:1,77 | f | 25. August 1955
»Things do not change; we change.« Douglas Sirks süffige Technicolor-Romanze löst (gegen allerhand ex- und interne Widerstände) die appetitliche Witwe Cary (Jane Wyman) aus den Fesseln, die sie an die Konventionen ihrer kleinstädtischen, gehoben-mittelklassigen Welt binden, und legt sie dem selbstbestimmten Naturburschen Ron (Rock Hudson) in die fürsorglich-muskulösen Arme … »All That Heaven Allows« zeichnet in starken Farben (Kamera: Milton Krasner) und mit fetten Symbolen (glühendes Herbstlaub, zerdepperte Wedgwood-Kannen, zutrauliches Damwild, spiegelnde Mattscheiben) das Bild einer formierten Gesellschaft, die ihren Mitgliedern das ureigene Glück neidet, ihnen mit bigotter Freude die Chancen auf persönliche Erfüllung vermasselt und die solchermaßen Zurechtgestutzen für den Verlust der inneren Freiheit mit Geld, Cocktailpartys und Fernsehgeräten (»Life's parade at your fingertips.«) entschädigt; das Allerschlimmste aber ist, daß der äußere Zwang schließlich zur inneren Zwangsvorstellung wird, das Unglück dem Einzelnen mithin gar nicht mehr frei Haus geliefert werden muß, sondern artig selbst produziert wird. Sirk indes verwandelt die Tragödie der sozialen Zurichtung in das Drama einer individuellen Bewußtwerdung: Er läßt seine bürgerliche Heldin an der Herausforderung, die ihre unpassende Liebe darstellt, wachsen und erlaubt ihr den Befreiungsschlag, der die ägyptische Grabkammer eines falschen Lebens schließlich in Trümmer fallen läßt.
R Douglas Sirk B Peg Fenwick K Russell Metty M Frank Skinner A Alexander Golitzen, Eric Orborm S Frank Gross P Ross Hunter D Jane Wyman, Rock Hudson, Agnes Moorehead, Conrad Nagel, Virginia Grey | USA | 89 min | 1:1,77 | f | 25. August 1955
Labels:
Gesellschaft,
Hudson,
Kleinstadt,
Melodram,
Natur,
Romanze,
Sirk,
Wyman
9.2.53
Sommaren med Monika (Ingmar Bergman, 1953)
Die Zeit mit Monika
Freiheit ist ein großes Wort, das alle gern im Munde führen. Doch was heißt es, frei zu sein? Für Monika, ein 18jähriges Mädchen aus tristen Stockholmer Verhältnissen, heißt es: den stupiden Job zu schmeißen, sich einen Freund (Lars Ekborg) anzulachen, mit ihm durchzubrennen, den Sommer auf einem Boot in den Schären zu verbringen, nackt über Felsen zu springen, Essen zu klauen, ein Kind zu wollen und zu kriegen – und dann den Mann und das Kind zu verlassen, weil alles so trist und stupide ist. Freiheit heißt (in diesem Fall), im Augenblick zu leben, die Konsequenzen weder zu bedenken noch zu tragen, bei sich zu sein, egal ob es Glück oder Unglück für einen selbst oder andere bedeutet. Monika (vulgär-vital: Harriet Andersson) stößt ab und zieht an, macht sich unmöglich und bleibt verlockend dabei. Und wenn Ingmar Bergman sie, zu den Klängen einer Musicbox, eine unglaubliche halbe Minute lang durch das Objektiv der Kamera dem Publikum direkt in die Augen blicken läßt, mag wohl keiner mehr einen Stein nach ihr werfen.
R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman, Per Anders Fogelström K Gunnar Fischer M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Tage Holmberg, Gösta Lewin P Allan Ekelund D Harriet Andersson, Lars Ekborg, Dagmar Ebbesen, Åke Fridell, Naemi Briese | S | 96 min | 1:1,37 | sw | 9. Februar 1953
Freiheit ist ein großes Wort, das alle gern im Munde führen. Doch was heißt es, frei zu sein? Für Monika, ein 18jähriges Mädchen aus tristen Stockholmer Verhältnissen, heißt es: den stupiden Job zu schmeißen, sich einen Freund (Lars Ekborg) anzulachen, mit ihm durchzubrennen, den Sommer auf einem Boot in den Schären zu verbringen, nackt über Felsen zu springen, Essen zu klauen, ein Kind zu wollen und zu kriegen – und dann den Mann und das Kind zu verlassen, weil alles so trist und stupide ist. Freiheit heißt (in diesem Fall), im Augenblick zu leben, die Konsequenzen weder zu bedenken noch zu tragen, bei sich zu sein, egal ob es Glück oder Unglück für einen selbst oder andere bedeutet. Monika (vulgär-vital: Harriet Andersson) stößt ab und zieht an, macht sich unmöglich und bleibt verlockend dabei. Und wenn Ingmar Bergman sie, zu den Klängen einer Musicbox, eine unglaubliche halbe Minute lang durch das Objektiv der Kamera dem Publikum direkt in die Augen blicken läßt, mag wohl keiner mehr einen Stein nach ihr werfen.
R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman, Per Anders Fogelström K Gunnar Fischer M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Tage Holmberg, Gösta Lewin P Allan Ekelund D Harriet Andersson, Lars Ekborg, Dagmar Ebbesen, Åke Fridell, Naemi Briese | S | 96 min | 1:1,37 | sw | 9. Februar 1953
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Drama,
Erotik,
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Ingmar Bergman,
Jugend,
Natur,
Romanze,
Stockholm
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