18.6.75

Der dritte Grad (Peter Fleischmann, 1975)

»Von Geburt an ist der Mensch auf der Reise durch ein dunkles Labyrinth, auf einer Reise, deren Sinn er nicht begreifen kann.« Peter Fleischmanns lichtdurchflutet-finstere deutsch-französisch-italienischen Co-Produktion bietet europäisches Paranoia-Kino vom Feinsten: »Der dritte Grad« alias »La faille« (≈ die Verwerfung) alias »La smagliatura« (≈ die Laufmasche) spielt in einem ungenannt bleibenden totalitären Staat (gedreht wurde in Griechenland, das kurz zuvor die Ketten einer brutalen Militärjunta gesprengt hatte), wo ein unbescholtener (?) Bürger vom Fleck weg verhaftet wird und in die Mühlen des krakenhaften Geheimdienstapparates gerät … »Regierungen sind vergänglich, die Polizei bleibt. Wir machen keine Politik, wir organisieren die Welt«, verkündet der Direktor der klandestinen Behörde, und auch der Film selbst hat an Politik im landläufigen Sinne kein sonderliches Interesse, durchleuchtet vielmehr die gesellschaftliche Wirkungsweise des Strebens nach Ordnung, nach Kontrolle, nach Durchleuchtung, erforscht ein staatliches (≈ organisatorisches) Ideal von Harmonie, in dem Individualität, eigenes Ermessen und Geheimnis nicht nur keinen Platz haben, sondern (jenseits von Ideologie und Meinung) als zersetzende Elemente bis aufs Blut bekämpft werden müssen. Fleischmann, ansonsten eher ein kinematographischer Amokläufer, erzählt gefährlich-leise, schlüssig-diszipliniert, inszeniert mit effizienter Lakonie und kafkaesker Komik; Michel Piccoli, Ugo Tognazzi und Mario Adorf verleihen den Schachfiguren dieser klugen, paradigmatisch-abstrakten Versuchsanordung annähernd menschliche Züge; Ennio Morricone trägt mit seinem thrilleresk-minimalistischen Soundtrack nachhaltig zur filmischen Beunruhigung bei.

R Peter Fleischmann B Peter Fleischmann, Jean-Claude Carrière, Martin Walser V Antonis Samarakis K Luciano Tovoli M Ennio Morricone A Dionyssis Fotopoulos S Claudine Bouché P Peter Fleischmann, Véra Belmont, Raymond Danon, Jacques Dorfmann, Michel Piccoli D Michel Piccoli, Ugo Tognazzi, Mario Adorf, Adriana Asti, Dinos Starenios | BRD & F & I | 111 min | 1:1,66 | f | 18. Juni 1975

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