19.12.74

The Man with the Golden Gun (Guy Hamilton, 1974)

James Bond 007 – Der Mann mit dem goldenen Colt 

Es gibt ein paar schöne Sets – etwa die Hongkonger MI6-Dependance im halbversunkenen Wrack der ›Queen Elizabeth‹ oder der caligareske Trainingsraum des schießwütigen Schurken. Auch Christopher Lee als (fast) immer zielsicherer bad guy Scaramanga macht starken Eindruck. Der böse Zwerg (Hervé Villechaize) hat ein paar denkwürdige Auftritte. Selbst der Verzicht auf Martinis, die weitgehende Abwesenheit von ironischer Distanz und die arg forcierte Misogynie mögen angehen.  Aber Guy Hamiltons außerhalb der Actionsequenzen doch recht gelangweilte Regie und vor allem die erstaunlich stimmungslose Kameraarbeit mindern das Vergnügen an »The Man with the Golden Gun« ganz erheblich.

R Guy Hamilton B Richard Maibaum, Tom Mankiewicz V Ian Fleming K Ted Moore, Oswald Morris M John Barry A Peter Murton S Raymond Poulton, John Shirley P Albert R. Broccoli, Harry Saltzman D Roger Moore, Christopher Lee, Britt Ekland, Maud Adams, Hervé Villechaize | UK | 125 min | 1:1,85 | f | 19. Dezember 1974

18.12.74

In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod (Alexander Kluge & Edgar Reitz, 1974)

»Ich habe eine gewisse Übersicht. Die Lage ist hochkompliziert.« Eine mittlere Großstadt in der Bundesrepublik Deutschland. Der Ort heißt Frankfurt und hat gesellschaftlichen Modellcharakter. Die Verhältnisse sind mit einer kohärenten Erzählung nicht zu fassen. Die Zusammenhänge liegen in den Widersprüchen. Alexander Kluge und Edgar Reitz erzählen die Geschichte einer Beischlafdiebin, die um die Defizite männlicher Versprechungen weiß, sowie die Geschichte einer östlichen Geheimagentin, die – anstatt sogenannte Staatsgeheimnisse auszuspähen (welche man genauso gut im Wirtschaftsteil der FAZ nachlesen könne) – mit ihren Mikrofonen und Kameras die konkrete Wirklichkeit untersucht; sie ist der festen Überzeugung, daß dort die wahren Geheimnisse liegen. Auch Kluge und Reitz studieren die konkrete Wirklichkeit: Karnevalssitzungen und Häuserräumungen, Tagungen von Astronomen und jungen Unternehmern, Polizeieinsätze und Parteiversammlungen. Es ist »die Sprechweise öffentlicher Ereignisse«, die im Mittelpunkt ihres Interesses steht: das blasierte Geschwätz eines Bundestagsabgeordneten, die technokratischen Rechtfertigungen eines Polizeipräsidenten vor seinen Genossen, die Streikdiskussion von Opernangestellten, die papierdeutschen Erklärungen eines Abbruchunternehmers. »Gefühle zählen nicht, Fakten zählen«, sagt ein unzufriedener Führungsoffizier zu der Agentin, die sich in Lyrismen ergehe, anstatt Handfestes zu liefern. Kluge und Reitz versuchen, die Gefühlstiefe des Faktischen auszuloten. »Gibt es ein Leben vor dem Tod?« fragt ein Graffiti in einem besetzten Abrißhaus im Frankfurter Westend. Der Film kennt keine Antwort, bringt aber eine Überlegung von Karl Marx ins Spiel: »Man muß den versteinerten Dingen ihre eigene Melodie vorspielen, um sie zum Tanzen zu bringen.«

R Alexander Kluge, Edgar Reitz B Alexander Kluge, Edgar Reitz K Edgar Reitz, Alfred Hürmer, Günter Hörmann M diverse S Beate Mainka-Jellinghaus P Alexander Kluge, Edgar Reitz D Dagmar Bödderich, Jutta Winkelmann, Alfred Edel, Kurt Jürgens, André Mozart | BRD | 90 min | 1:1,37 | f | 18. Dezember 1974

# 899 | 25. Juli 2014

Steppenwolf (Fred Haines, 1974)

Der Steppenwolf 

»Learn what is to be taken seriously, and to laugh at the rest!« Harry Haller = H. H. = Hermann Hesse (?) zwischen Wolf und Mensch, Trieb und Geist, Selbstsuche und Anpassung, Exzess und Normalität. Max von Sydow als verklemmt-empfänglicher »Steppenwolf« – Dominique Sanda als sanft-dominante Hermine, Harrys Wunschbild, Seelenfreundin und lebensvolles alter ego – Pierre Clementi als jazzig-magischer Theaterdirektor Pablo, attraktiver Führer in eine Welt zwischen Bewußtsein und Entgrenzung. Nach einer recht braven Abschilderung des dünnen äußeren Handlungsfadens (und einem skurrilen Legetrick-Intermezzo) findet Regisseur Fred Haines im letzten Drittel des Films dank der frühen Bluebox-Technik zu einigermaßen ausgefallenen Bildformulierungen, die bisweilen an Mike Leckebuschs elektronische »Beat-Club«-Visionen erinnern. »Nur für Verrückte« eben.

R Fred Haines B Fred Haines V Hermann Hesse K Tomislav Pinter M George Gruntz A Leo Karen S Irving Lerner P Melvin Fishman, Richard Herland D Max von Sydow, Dominique Sanda, Pierre Clémenti, Carla Romanelli, Charles Reignier | USA & CH & UK & F & I | 107 min | 1:1,85 | f | 18. Dezember 1974

Le retour du grand blond (Yves Robert, 1974)

Der große Blonde kehrt zurück

Die Rückkehr des großen Blonden gestaltet sich ebenso brav wie überflüssig. Wieder Intrigen beim französischen Geheimdienst, wo offenbar nur Muttersöhnchen (Jean Rochefort) und ehemalige Bettnässer (Michel Duchaussoy) tätig sind. Der Innenminister, intern: »der große Bock« genannt (exzellent: Jean Bouise), wäre lieber wieder Landwirtschaftsminister, Geiger François (Pierre Richard) klamottet sich mit Sonnenbrille und Platzpatronen durchs krause Geschehen, seine Freundin Christine (Mireille Darc) zeigt ihren zwei Jahre älter gewordenen Rücken – ihr Kleid ist diesmal weiß statt schwarz. Tiens, tiens!

R Yves Robert B Yves Robert, Francis Veber K René Mathelin M Vladimir Cosma A Théo Meurisse S Ghislaine Desjonquères, Françoise London P Alain Poiré, Yves Robert D Pierre Richard, Mireille Darc, Jean Rochefort, Michel Duchaussoy, Jean Bouise | F | 76 min | 1:1,85 | f | 18. Dezember 1974

10.12.74

Gruppo di famiglia in un interno (Luchino Visconti, 1974)

Gewalt und Leidenschaft 

»If ever a landlord had difficult tenants, I believe I had.« Schauplatz von »Gruppo di famiglia in un interno« ist der römische Palazzo eines alten, misanthropischen, namenlosen Professors (Burt Lancaster), dessen mit teuren Bildern, dicken Büchern und schweren Möbeln ausgepolsterte (und erstickte) Zurückgezogenheit von einer lauten, oberflächlichen Schickimicki-Bande (unter ihnen Helmut Berger und Silvana Mangano) aufgestört wird, die sich in der Etage über ihm einnistet. Ausgerechnet mit dem Auftritt dieses »innerlich vulgären« Völkchens erwacht des Professors Verlangen nach menschlicher Nähe, nach familiärer Wärme, nach der Liebe, die ihm zeitlebens versagt war (oder der er sich versagte). Luchino Visconti erfüllt diese letzte Sehnsucht nicht, sondern registriert mit der Präzision eines Oszillographen die finale Erschütterung der überfeinerten spätbürgerlichen Lebenswelt. Das geschieht ohne Anklage (und vor allem ohne die Exzesse, die der deutsche Titel verspricht), erfüllt von vornehmem Fatalismus und tiefschwarzer Ironie – ausgerechnet die Schönen, Jungen, Lebenslustigen sind es, die Zerfall und Tod (und auch so etwas wie Erlösung) bringen.

R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Suso Cecchi d’Amico, Enrico Medioli K Pasqualino de Santis M Franco Mannino A Mario Garbuglia S Ruggero Mastroianni P Giovanni Bertolucci D Burt Lancaster, Silvana Mangano, Helmut Berger, Claudia Marsani, Stefano Patrizi | I & F | 126 min | 1:2,35 | f | 10. Dezember 1974

24.11.74

Murder on the Orient Express (Sidney Lumet, 1974)

Mord im Orient-Expreß

Schon einmal, 17 Jahre zuvor, hatte Sidney Lumet Fragen von Verbrechen und Strafe auf begrenztem Raum verhandelt. In der Agatha-Christie-Adaption »Murder on the Orient Express« werden wiederum zwölf Personen zum Organ von Gerechtigkeit, nur handelt es sich diesmal nicht um eine Gruppe von zusammengewürfelten Geschworenen im tristen Hinterzimmer eines New Yorker Gerichtssaals sondern um eine (nicht ganz) zufällige Reisegesellschaft im exquisiten Ambiente eines europäischen Luxuszuges. Der Regisseur richtet sein Augenmerk diesmal allerdings erst ganz zum Schluß (dann aber mit horrender Drastik) auf die gruppendynamischen Prozesse, die sich aus dem Zusammentreffen von grundverschiedenen Menschen auf engster Spielfläche entwickeln; zuvor arrangiert er eine Revue mehr oder weniger amüsanter Soloauftritte prominenter Schauspieler, zusammengebunden durch die (mit Albert Finney wenig überzeugend besetzte) Figur des im zentralen Mordfall ermittelnden Meisterdetektivs Hercule Poirot. Der atemberaubende All-Star-Cast macht gleichzeitig Reiz und Langweile des Films aus: Aus den darstellerischen Kabinettstückchen entwickeln sich keine lebendigen Charaktere, kaum einmal plastische Typen. Immerhin bringt die betuliche Konventionalität von Lumets überlanger Inszenierung die lähmende Stimmung in einem eingeschneiten Zug beinahe körperhaft zum Ausdruck.

R Sidney Lumet B Paul Dehn V Agatha Christie K Geoffrey Unsworth M Richard Rodney Bennett A Tony Walton S Anne V. Coates P John Brabourne, Richard Goodwin D Albert Finney, Lauren Bacall, Martin Balsam, Ingrid Bergman, Jean-Pierre Cassel | UK | 128 min | 1:1,66 | f | 24. November 1974

20.11.74

Die Antwort kennt nur der Wind (Alfred Vohrer, 1974)

Die Welt der Schönen und Reichen und Gemeinen. Cannes: Palmen, Villen, Strand, Meer, eine explodierende Luxusyacht. Der in die Luft geflogene Eigner war ein Bankier in Geldnöten, sein Schiff war hoch versichert. Assekuranz-Detektiv Robert Lucas (Maurice Ronet), desillusioniert und herzkrank, reist an, um die Hintergründe der Tat aufzuklären: Mord oder Suizid? Unterstützung erfährt der Ermittler durch die attraktive Prominenten-Malerin Angela (!) (Marthe Keller), die ihm nicht nur ihre Bluse öffnet sondern auch den Zugang zu den pompösen Salons der durch und durch verlotterten Gesellschaft … Nach Gelde drängt, am Gelde hängt doch alles. Johannes Mario Simmel (der einen Cameo-Auftritt als Nabob im weißen Smoking absolviert) zeigt mit ausgestrecktem Finger auf die bösen Finanzkapitalisten, die die Welt ausleeren wie eine Flasche Champagner (1964er Krug); Alfred Vohrer inszeniert Simmels Anklage straff und geradlinig, mit Gefühl für melodramatische Effekte und Sympathie für den Weg des fragwürdigen Helden: Auch Robert will sein Stück vom Kuchen. Warum alles den gewissenlosen Spekulanten überlassen? Warum nicht auch Handel treiben? Warum nicht ein paar gewonnene Informationen nutzbringend verwenden? Warum nicht selbst ein Nummernkonto (Kennwort: »Angela«) in der Schweiz eröffnen? Doch ganz so einfach ist es nicht. Die Schweine bleiben lieber unter sich, tun alles, um ihren exklusiven Club zu schützen: Attentate, Bestechung, Autobomben. Kein Wunder, wenn ob dieser Schlechtigkeit irgendwann das gebrochene Herz stehen bleibt. Einfach so.

R Alfred Vohrer B Manfred Purzer V Johannes Mario Simmel K Petrus Schloemp M Erich Ferstl A Max Dietl S Ingeborg Taschner P Luggi Waldleitner D Maurice Ronet, Marthe Keller, Karin Dor, Raymond Pellegrin, Charlotte Kerr | BRD & F | 105 min | 1:1,66 | f | 20. November 1974

# 858 | 16. April 2014

Nuits rouges (Georges Franju, 1974)

Der Mann ohne Gesicht

Spielt »Nuits rouges« in einer unwahrscheinlichen Gegenwart oder in einer allgegenwärtigen Vergangenheit? Handelt es sich um einen entrückten Thriller oder um einen thrilleresken Alptraum? Nach einem Drehbuch des Feuillade-Enkels Jacques Champreux erzählt Georges Franju die wüste Geschichte eines skrupellosen Mannes ohne Gesicht, der, unterstützt von einer schönen Frau ohne Namen und einer Armee lobotomierter Sklaven, dem legendären Schatz der Templer nachjagt. Es ist die bedingungslose Lust an einem ebenso naiven wie überfeinerten Kino, an zugleich schlichten und rätselhaften Bilder, an kindischen Maskenspielen und kultivierten Mystifikationen, die die Macher umtreibt. »Nuits rouges«, die kondensiert-sprunghafte Spielfilmfassung eines Fernsehfeuilletons, ist anachronistischer Pulp, surreale Poesie, respektvolle Parodie auf »Fantômas« und seine Freunde: auf Dr. Mabuse, auf rote Teufel, auf reitende Leichen. Franju schließt das dunkle Mittelalter kurz mit der pittoresken Welt des Fotografen Atget und mit dem Zeitalter ferngelenkter Autos, stupider Videospiele, omnipräsenter Überwachung. Ein rechtschaffen verrückter Chirurg und ein gnadenlos schusseliger Detektiv, radioaktiv aufgeladenes Gold und vermummte Zombiekiller, Fehden rivalisierender Geheimbünde im Untergrund und tödliche Scharmützel auf nächtlichen Dachlandschaften – »Nuits rouges« nimmt dies alles wichtig und nichts davon ernst.

R Georges Franju B Jacques Champreux K Guido Bertoni M diverse A Robert Luchaire S Gilbert Natot P Raymond Froment D Jacques Champreux, Gayle Hunnicutt, Gert Fröbe, Josephine Chaplin, Ugo Pagliai | F & I | 105 min | 1:1,66 | f | 20. November 1974

# 1029 | 9. Oktober 2016

27.10.74

Vincent, François, Paul et les autres (Claude Sautet, 1974)

Vincent, François, Paul und die anderen

»Mit gelben Birnen hänget / Und voll mit wilden Rosen / Das Land in den See …« Drei alte Freunde – ein Unternehmer ohne Fortune (Yves Montand), ein Arzt ohne Ethos (Michel Piccoli), ein Schriftsteller ohne Roman (Serge Reggiani) –, die die Hälfte ihres (durchaus genußreichen) Lebens hinter sich gelassen haben, und die anderen – die (Ex-)Frauen, die Kumpels, die Bekannten – kriegen an Leib und Seele die Höhen und Tiefen der Existenz zu spüren. Claude Sautet tut einmal mehr, was er wie kein anderer zu tun vermag: Er macht ganz mühelos begreiflich, was es heißt, Mensch zu sein. zu lieben und zu leiden, zu träumen und aufzuwachen, zu reden und zu schweigen, hinzufallen und sich wieder auf­zurappeln, sich zu erinnern und Pläne zu machen, mit einem Glas Wein in der Hand an der Bar zu stehen, einen Herzanfall zu kriegen, von einem anderen gehalten zu werden – la vie et rien d’autre. »… Die Mauern stehn / Sprachlos und kalt, im Winde / Klirren die Fahnen.«

R Claude Sautet B Claude Sautet, Jean-Loup Dabadie V Claude Néron K Jean Boffety M Philippe Sarde A Théobald Meurisse S Jacqueline Thiédot P Raymond Danon, Roland Girard D Yves Montand, Michel Piccoli, Serge Reggiani, Gérard Depardieu, Stéphane Audran | F & I | 118 min | 1:1,66 | f | 27. Oktober 1974

18.10.74

The Odessa File (Ronald Neame, 1974)

Die Akte Odessa

»What was it like? It was like ruling the world. Because we did rule the world, we Germans.« 1963, 18 Jahre nach dem Ende der deutschen Weltherrschaft, stößt ein freiberuflich tätiger Hamburger Journalist (jung und engagiert: Jon Voight) zufällig auf das Tagebuch eines Überlebenden des historischen Schlachtfestes und gelangt – von einem elementaren (wie sich herausstellen wird: biographisch motivierten) inneren Impuls getrieben – auf die Spur der Organisation ehemaliger SS-Angehöriger, die, zu allem entschlossen, an glorreiche Zeiten anknüpfen und ihre noch unerledigte Mission erfüllen wollen ... Nach dem künstlerischen Erfolg von »The Day of the Jackal« bringt Produzent John Woolf einen weiteren Frederick-Forsyth-Reißer auf die Leinwand; Regisseur Ronald Neame erreicht zwar weder die ironische Frostigkeit noch die erzählerische Raffinesse des Zinnemann-Meisterstücks, versteht es aber, mit reichlich bundesrepublikanischem Flair und einer ganzen Kompanie von höchst ungemütlichen deutschen supporting actors – in alphabetical order: Caninenberg, Golling, Kiwe, Löwitsch, Marischka, Meisel, Meisner, Messemer, Möller, Schell, Schröder, Strack – unterhaltsam zu punkten.

R Ronald Neame B Kenneth Ross, George Markstein V Frederick Forsyth K Oswald Morris M Andrew Llod Webber A Rolf Zehetbauer S Ralph Kemplen P John Woolf D Jon Voight, Maximilian Schell, Maria Schell, Mary Tamm, Derek Jacobi | UK & BRD | 130 min | 1:2,35 | f | 18. Oktober 1974

25.9.74

Juggernaut (Richard Lester, 1974)

18 Stunden bis zur Ewigkeit

Terror an Bord! 1.200 Passagiere eines ocean liners sitzen auf einem Pulverfaß: Ein ebenso anonymer wie genialer Bombenbauer (›Juggernaut‹) droht, das Schiff in der Weite des winterlichen Atlantiks mit sieben Sprengsätzen in die Luft zu jagen – es sei denn, er erhielte binnen 18 Stunden 500.000 £ in bar. Richard Lester schickt eine Garde hochklassiger Darsteller ins death race: Cusack, Glover, Harris, Hemmings, Holm, Hordern, Hopkins, Jones, Kinnear, Knight, Sharif. Spannung wird weder von schnellen Schnitten noch von rasanten Kamerafahrten und auch nicht von gigantischen Explosionen erzeugt – sie spielt sich allein in den mal großkotzigen, meist aber verkniffenen Minen der Protagonisten ab. Daß sich der Film zudem (fast alle) Zeit (der Welt) nimmt, das von verdrängten Gefühlen, unterdrückten Ängsten und angestrengter Lustigkeit beherrschte Leben unter dem bedrohlich pendelnden Damoklesschwert spöttisch-nüchtern zu skizzieren, potenziert seine emotionale Kraft: »Do you think the water will be very cold?« – »In my professional opinion: not hot. And it will ruin your hair.«

R Richard Lester B Richard Alan Simmons K Gerry Fisher M Ken Thome A Terence Marsh S Anthony Gibbs P Richard Alan Simmons D Richard Harris, Omar Sharif, David Hemmings, Anthony Hopkins, Shirley Knight | UK | 109 min | 1:1,66 | f | 25. September 1974

24.9.74

And Then There Were None (Peter Collinson, 1974)

Ein Unbekannter rechnet ab

In dieser holprigen Adaption des altbewährten Agatha-Christie-Bühnenreißers (einer leicht verwässerten Fassung ihres Bestsellers »Ten Little Niggers«) werden die innewohnenden Themenkreise – Schuld und Sühne, Rache und Recht – allenfalls kursorisch behandelt. Das von Regisseur Peter Collinson an entlegenem iranischen Ort versammelte internationale Starensemble (Attenborough, Audran, Aznavour, Celi, Fröbe, Lom, Reed, Sommer) hat nicht viel mehr zu tun, als dekorativ zugegen zu sein und sich von einem unbekannten Hintermann peu à peu dezimieren zu lassen. Für einen gewissen Reiz sorgen allein die phantastischen Kulissen des Stücks: die zweieinhalbtausend Jahre alten Ruinen von Persepolis und das Farah-Diba-schicke Interieur eines gottverlassenen Luxushotels.

R Peter Collinson B Erich Kröhnke, Enrique Llovet, Peter Welbeck (= Harry Alan Towers) V Agatha Christie K Fernando Arribas M Bruno Nicolai A José María Tapiador S John Trumper P Alain Dahan, Peter Welbeck (= Harry Alan Towers) D Oliver Reed, Elke Sommer, Richard Attenborough, Gert Fröbe, Stéphane Audran | BRD & I & F & E | 92 min | 1:1,66 | f | 24. September 1974

# 1137 | 8. Dezember 2018

11.9.74

Le fantôme de la liberté (Luis Buñuel, 1974)

Das Gespenst der Freiheit 

»Célébrer quoi?« – »Le hasard.« Gleich zu Beginn des Films hat Luis Buñuel einen bemerkenswerten (und garantiert unsymbolischen) Kurzauftritt: als spanischer Mönch des frühen 19. Jahrhunderts, der – zusammen mit anderen – unter dem Ruf »Es leben die Ketten!« vor ein revolutionäres Erschießungskommando tritt. Der Titel des Werks sei im übrigen eine Irreführung, so der Regisseur, denn in »Le fantôme de la liberté« gebe es weder ein Gespenst noch Freiheit. Ebensogut könnte man allerdings sagen: Es gibt nur Gespenster, und kaum ein Film ist so frei wie dieser. Mit der hochsympathischen Wurstigkeit des Klassikers, dem keiner mehr in die Parade fahren kann, verlacht der alte Surrealist die Logik, folgt er allein seiner kinematographischen Libido, assoziiert er pokernde Karmeliter mit doppelgängerischen Polizeipräfekten mit unverblümten Sadomasochisten mit paradoxen Pädagogen mit fuchsjagenden Panzerfahrern mit dezenten Amokläufern mit glotzenden Straußen … »Le fantôme de la liberté« ist eine pikareske Apotheose des Zufalls, des Augenblicks, der Absurdität, eine feixende Absage an alle Gläubigen, ganz egal ob sie Gott hörig sind oder der Aufklärung oder dem Dreiaktschema. PS: »J’en ai marre de la symétrie.«

R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière K Edmond Richard A Pierre Gueffroy S Hélène Plemiannikov P Serge Silberman D Jean-Claude Brialy, Monica Vitti, Michael Lonsdale, Julien Bertheau, Michel Piccoli, Jean Rochefort | F & I | 104 min | 1:1,66 | f | 11. September 1974

6.9.74

Chapeau Claque (Ulrich Schamoni, 1974)

Nichtstun als schöne Kunst betrachtet: Ulrich Schamoni erzählt (mit sich selbst in der Hauptrolle) vom (weitgehend ereignislosen) Leben eines Pleitiers, der sich mit dem, was er aus dem Konkurs des traditionsreichen Berliner Familenunternehmens (Produktion von Zylinderhüten) retten konnte, in seine kleine Grunewald-Villa zurückzieht und fortan dem genüßlich-asozialen Müßiggang frönt. Der Privatier vertrödelt die Zeit mit einem (meist unbekleideten) jungen Mädchen, kultiviert seine Sammelleidenschaft (Emailschilder, Reklamebilder, Porzellanhasen aller Provenienz) und schlurft ansonsten – alte Kaufmannsweisheiten zitierend (»Wer gute Nächte sucht, verliert gute Tage.« oder, auch schön: »Reiche Leute haben fette Katzen.«) – in ausgebollerten Frottee-Bademänteln durch diesen nostalgischer Abgesang auf die kultur- und wohlstandsbürgerliche Welt. In Nebenrollen glänzen die wunderbare Anna Henkel (nackt und verschmollt), Wolfgang Neuss (noch mit Zähnen) und Karl Dall (als gestreßter Jung-Unternehmer). Eine undeutsche Perle voll verkrachtem Esprit, angeschmuddelter Lässigkeit, schlampiger Eleganz.

R Ulrich Schamoni B Ulrich Schamoni K Igor Luther M diverse S Regine Heuser P Regina Ziegler, Ulrich Schamoni D Ulrich Schamoni, Anna Henkel, Karl Dall, Wolfgang Neuss, Erika Skrotzki | BRD | 94 min | 1:1,66 | f | 6. September 1974

28.8.74

Contes immoraux (Walerian Borowczyk, 1974)

Unmoralische Geschichten

Walerian Borowczyk, der sich nicht entscheiden wollte, entweder surreal-kafkaesker Cinéast oder kultivierter Mösenfilmer zu sein (und ganz einfach beides war), erzählt in »Contes immoraux« vier Geschichten ohne Moral, was zunächst und vor allem bedeutet, daß er nicht urteilt, sondern einfach nur zeigt – ganz egal, ob ein Mädchen mit einer Gurke schläft oder mit ihrem Vater (der zufälligerweise auch noch Papst ist), ob es vom Blut erblühender Jungfrauen umspült wird oder (während eines Blowjobs) von der Gischt des Meeres. Seine Herkunft als Trickfilmer kann der Erotomane Borowczyk nicht verleugnen, erscheinen seine Protagonisten doch weniger als lebendige Menschen denn als ferngesteuerte Geschöpfe eines auktorialen Animators, der mit Themen wie Verlangen und Hingabe, Experimentierfreude und Reulosigkeit seine verbastelt-detailverliebten, ironisch-kulinarischen Spielchen treibt. In der vielleicht besten Episode des Films verkörpert die leblos-schöne Paloma Picasso die ungarische Blutgräfin Erzsebet Báthory, die über Land reitet und persönlich die Fleischbeschau ihrer rosig-zarten weiblichen Opfer vornimmt, um nach erfrischendem Bad (worin wohl?) schlußendlich von ihrer androgynen Liebhaberin (und Hofschlächterin) an die Häscher des Königs verraten zu werden. Erotik kennt eben keine Moral.

R
Walerian Borowczyk B Walerian Borowczyk K Bernard Daillencourt, Guy Durban, Noël Véry, Michel Zolat M Maurice Leroux A Walerian Borowczyk S Walerian Borowczyk P Anatole Dauman D Lise Danvers, Fabrice Luchini, Paloma Picasso, Jacopo Berinizi, Florence Bellamy | F | 103 min | 1:1,66 | f | 28. August 1974

14.8.74

Bring Me the Head of Alfredo Garcia (Sam Peckinpah, 1974)

Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia

»I’ve killed people ... and worse, a whole lot worse.« Es war einmal in Mexico: El Jefe bietet eine Million Dollar für den Kopf des Mannes, der seine Tochter schwängerte. Ein Konsortium von Killern (unter ihnen Robert Webber und Gig Young) schwärmt aus, das Haupt des Stechers herbeizuschaffen. Auch der in Mexico gestrandete Ex-G.I. Bernie, der sich als Klimperer in einem Amüsierschuppen für Touristen verdingt (nie ohne Sonnenbrille: Warren Oates), geht – in Begleitung seiner rassigen Geliebten – mit auf die Kopfjagd, wohlwissend, daß der Gesuchte zwischenzeitlich bei einem Unfall ums Leben kam und in seinem Heimatkaff unter die Erde gebracht wurde ... »Der Mensch ist ungefähr in dem Maß human, als das Huhn fliegt«, schrieb Louis-Ferdinand Céline, Verfasser der »Reise ans Ende der Nacht«, und auch Sam Peckinpah gibt sich keinen Illusionen über die Natur der von ihm betrachteten Spezies hin. »Bring Me the Head of Alfredo Garcia«, bizarre Melange aus Roadmovie und Thriller, schwarzer Komödie und Melodram, rohe (gelegentlich etwas redselige) Phantasie über den Schmutz, das Geld und den Tod, gleicht einem grotesken Höllenritt über staubige Straßen und armselige Friedhöfe, durch verwanzte Betten und schäbige Dörfer, wobei die größten (moralischen) Dreckhaufen nicht unten in der Gosse liegen, sondern in den Büros von Geschäftsleuten und in den Häusern der Reichen. »Nobody loses all the time«, glaubt Bernie, doch schließlich, wenn ihm als letzter Freund nur der Kopf eines Toten bleibt, erkennt auch er, daß der Preis des Sieges allemal höher ist als der anfallende Gewinn.

R Sam Peckinpah B Sam Peckinpah, Gordon Dawson K Alex Phillips Jr. M Jerry Fielding A Agustín Ituarte S Dennis E. Dolan, Sergio Ortega, Robbe Robert P Martin Baum D Warren Oates, Isela Vega, Robert Webber, Gig Young, Emilio Fernández, Kris Kristofferson | USA & MEX | 112 min | 1:1,85 | f | 14. August 1974

# 1056 | 8. Juni 2017

27.6.74

Wie füttert man einen Esel? (Roland Oehme, 1974)

Der Ostblock, wie er rockt und pop(p)t. Trucker Fred Stein (mit Riesenschnauzer: Manfred Krug) kutschiert eilige Fracht kreuz und quer durch den Comecon, wobei er das Nützliche stets mit dem Angenehmen verbindet. Als auf einer Tour von Berlin ans Schwarze Meer Beifahrer Orje (Fred Delmare) in Prag eine Mundharmonika verschluckt, muß der reisende Schwerenöter mit weiblichem Ersatz vorliebnehmen, wodurch er sich in der Folge bei seinen diversen amourösen »Verrichtungen« empfindlich gestört fühlt. Daß sich die blonde Fernfahrerin Jana in den König der Landstraße verliebt und die beiden nach einigen durchsichtigen Drehbuchpirouetten zusammen ins Bett fallen, versteht sich von selbst… Roland Oehme verbreitet den Dieselduft der großen halben Welt, läßt ein paar angesagte Bands (darunter die Klaus Renft Combo und die Jungs von Illés) am Wegesrand konzertieren, legt seinem Protagonisten Dialoge in den Mund, die bisweilen klingen wie Belmondo-Synchrontexte aus der Feder von Rainer Brandt, bringt auch noch einen Esel ins Spiel, um den hübschen Titel zu rechtfertigen – (kleine) Freiheit und (überschaubare) Abenteuer in einem hübschen Straßenfilm made in GDR.

R Roland Oehme B Maurycy Janowski, Dieter Scharfenberg K Emil Sirotek M diverse A Georg Wratsch S Helga Emmrich P Hans Mahlich D Manfred Krug, Karla Chadimová, András Mész, Fred Delmare, Rolf Hoppe | DDR | 95 min | 1:1,66 | f | 27. Juni 1974

20.6.74

Chinatown (Roman Polanski, 1974)

Chinatown

»Forget it, Jake. It’s Chinatown.« An Chandler und Hammett orientiertes Lumpenstück um politisch-wirtschaftliche Schweinereien und familiäre Abgründe im L.A. der 1930er Jahre: private eye J.J. (›Jake‹) Gittes (Jack Nicholson) wird von Autor Robert Towne in einen überaus komplexen Fall (concerning ›water and power‹) verwickelt und dabei in einen Gefühlsstrudel gezogen, der um eine gebrochen-fatale Frau (Faye Dunaway) kreist und an des Schnüfflers alte seelische Wunden rührt. »Chinatown« – der Titel bezeichnet weniger einen konkreten Handlungsort, sondern steht vielmehr (analog zu ›Watergate‹) als Metapher für Vertrauensverlust, Undurchschaubarkeit und Amoralität – schwelgt in nostalgischem Pessimismus: Jerry Goldsmiths mitternächtlicher Score und John Alonzos düster-geschmackvolle Fotografie sorgen für kultiviert-depressive Stimmung, während Roman Polanski die ausweglose Detektivgeschichte mit dem beherrschten, beinahe unpersönlichen Formgefühl eines contract directors der Studioära inszeniert. Der Clou des Films ist die Besetzung des väterlichen Schurken Noah Cross mit John Huston, jenem Regisseur, der mit »The Maltese Falcon« einst die Stilepoche des film noir einläutete: »You may think you know what you’re dealing with, but, believe me, you don’t.«

R Roman Polanski B Robert Towne K John A. Alonzo M Jerry Goldsmith A Richard Sylbert S Sam O’Steen P Robert Evans D Jack Nicholson, Faye Dunaway, John Huston, Perry Lopez, John Hillerman | USA | 130 min | 1:2,35 | f | 20. Juni 1974

14.6.74

The Parallax View (Alan J. Pakula, 1974)

Zeuge einer Verschwörung

Am Unabhängigkeitstag wird ein populärer Senator erschossen. »There is no evidence of a conspiracy«, befindet die unabhängige Untersuchungskommission trotz gewisser Ungereimtheiten. Nach und nach sterben zahlreiche Zeugen des Verbrechens auf rätselhafte Weise. Ein hitziger Provinzjournalist (Warren Beatty), der es mit den Standesregeln seines Berufes nicht allzu genau nimmt, schickt sich an, die Hintergründe des Attentats zu erhellen … Im Gewand eines Thrillers über politischen Mord und den (aussichtslosen) Versuch der Aufklärung thematisiert »The Parallax View« das Prinzip, das den beschriebenen Fall (der als einer von vielen erscheint) erst möglich macht, die Verfaßtheit einer Gesellschaftsordnung, die auf Manipulation sowie auf der Ausübung und Nutzbarmachung von Aggression gründet, einer Aggression, die nicht nur nach außen sondern vor allem nach innen gerichtet ist, besser gesagt: gerichtet wird. Alan J. Pakula setzt für sein finsteres Anti-Americana archetypische Schauplätze, Farben, Situationen und Figuren in Szene, Motive, deren fast groteske Klischeehaftigkeit entlarvende Funktion hat: Höhepunkt des Films ist eine fünfminütige Montageseqzenz, die Symbolbilder und Schlüsselbegriffe des amerikanischen Traums zelebriert, verwirrt, zertrümmert, um schließlich das traumatische Gegengesicht der nationalen Fiktionen sichtbar zu machen. Auf die Polarität zwischen Illusion und Alptraum verweisen auch der Score von Michael Small, der bedrohlichen Minimalismus und hysterisches Pathos kontrastiert, und die Bildgestaltung von Gordon Willis, der die Orte des Geschehens in kalte Helligkeit oder trostloses Dunkel taucht, der in extravaganten Perspektiven den Einzelnen als Spielball unkontrollierbarer Vorgänge zeigt. »There will be no questions.«

R Alan J. Pakula B Lorenzo Semple Jr., David Giler V Loren Singer K Gordon Willis M Michael Small A George Jenkins S John W. Wheeler P Alan J. Pakula D Warren Beatty, Hume Cronyn, Kenneth Mars, Walter McGinn, William Daniels, Paula Prentiss | USA | 102 min | 1:2,35 | f | 14. Juni 1974

# 840 | 23. Februar 2014

23.5.74

That’s Entertainment (Jack Haley Jr., 1974)

Das gibt’s nie wieder

»Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde.« Die Zeit des Filmmusicals waren die 30er, 40er und 50er Jahre des 20. Jahrhunderts; der Ort dieses Vornehmens war das Studio Metro-Goldwyn-Mayer (»More stars than there are in heaven.«) in Hollywood, California. Lange, lange nach dem heyday des Genres, zu ihrem 50. Geburtstag im Jahre 1974, schenkte sich die glorreichste aller Traumfabriken einen Zusammenschnitt der Gipfelpunkte ihrer Kunstproduktion, moderiert von älter gewordenen Berühmtheiten (Astaire, Crosby, Kelly, Reynolds, Rooney, Sinatra), die in den Trümmern des legendären MGM-backlots der Ära ihres Ruhms gedenken. Vordergründig ein fidel-melancholischer Singin’-and-dancin’-Porno, der nur aus den Cumshots eines (be)rauschenden Gestern besteht, macht »That’s Entertainment!« auf faszinierende Art und Weise anschaulich, wie das Musical in seinem formal entfesselten audiovisuellen Wahnsinn zum »absoluten« Film wird: Unterhaltung als reine Rhythmisierung von Farbe, Form und Ton – Ausstattungskino als Triumph der Transzendenz.

R Jack Haley Jr. B Jack Haley Jr. K Ernest Laszlo, Russell Metty M Henry Mancini S Bud Friedgen P Jack Haley Jr. D Fred Astaire, Bing Crosby, Gene Kelly, Peter Lawford, Liza Minnelli | USA | 135 min | 1:1,85 | f | 23. Mai 1974

22.5.74

Daisy Miller (Peter Bogdanovich, 1974)

Daisy Miller

»She’s a mystery. I can’t decide if she’s really reckless or really …« – »Innocent?« Eine comedy of manners in den 1870er Jahren: Während einer Europareise trifft der soignierte Amerikaner Frederick Winterbourne (Barry Brown) im Schweizer Kurort Vevey auf seine Landmännin Annie ›Daisy‹ Miller (Cybill Shepherd), quirlige Tochter aus neureichem, neuenglischen Hause. Der steife Frederick ist gleichermaßen angezogen und abgestoßen von der jungen, hübschen, stets fröhlich plappernden Daisy, deren zwischen Unschuld und Anstößigkeit, zwischen Naivität und Selbstsicherheit changierendes Wesen – mutwillig oder ungewollt? – die sozialen Normen in Frage stellt … Peter Bogdanovich inszeniert Frederic Raphaels Adaption einer Novelle von Henry James mit ausgeprägtem Sinn für historische Atmosphäre und einem genauen Blick auf gesellschaftliche Verhaltensmuster; im Hinblick auf die formale Eleganz und die abgeklärte Ironie der Erzählung erscheint »Daisy Miller« durchaus wie die künstlerische Antizipation des subtilen Historienkinos eines James Ivory … Vom Genfer See führt die Handlung weiter ins sommerliche Rom, wo Daisy einmal mehr (und einmal zu oft) ihren sorglosen Charme spielen läßt. »She did what she liked«, heißt es am Ende, wenn es für die Liebe zu spät ist, über Daisy, und der verstockte Frederick denkt möglicherweise zurück an jenen fernen Tag, als er über sie sagte: »Maybe she’s just an american girl, and that’s that.«

R Peter Bogdanovich B Frederic Raphael V Henry James K Alberto Spagnoli M diverse A Ferdinando Scarfiotti S Verna Fields P Peter Bogdanovich D Cybill Shepherd, Barry Brown, Eileen Brennan, Mildred Natwick, Cloris Leachman | USA | 91 min | 1:1,85 | f | 22. Mai 1974

# 970 | 8. September 2015

17.5.74

The Black Windmill (Don Siegel, 1974)

Die schwarze Windmühle

Der kleine Sohn des britischen Abwehragenten John Tarrant (hard-boiled: Michael Caine) wird entführt. Die Kidnapper kennen sich in den Interna des Geheimdienstes erstaunlich gut aus, und Tarrant, hinter dessen professionellem Pokerface die Rachegefühle nur so brodeln, muß zwischen London, Paris und Sussex eine fiese Intrige aufdröseln, um seinen Sprößling lebend wiederzufinden – zumal sein Vorgesetzter sich strikt weigert, die Forderungen der Geiselnehmer (517.075 Pfund in Rohdiamanten) zu erfüllen. Don Siegels Spionagethriller hat weder einen sonderlich raffinierten Plot noch dramatische Spannungsmomente zu bieten, die Vorzüge des Werks liegen in der straffen, von Roy Budds minimalistisch-funkigem Score wirksam akzentuierten Inszenierung und in der hochkarätigen Besetzung: Neben Caine spielen Janet Suzman (als Tarrants entfremdete Ehefrau), Donald Pleasence (als aasiger MI6-Sesselfurzer und Pflanzenfreund), Joss Ackland (als schlapphütiger Kriminalkommissar) sowie Delphine Seyrig (!) und John Vernon als niederträchtige Kinderquäler.

R Don Siegel B Leigh Vance V Clive Egleton K Ousama Rawi M Roy Budd A Peter Murton S Antony Gibbs P Don Siegel D Michael Caine, Donald Pleasence, Delphine Seyrig, John Vernon, Janet Suzman, Joss Ackland | UK | 106 min | 1:2,35 | f | 17. Mai 1974

# 982 | 29. Dezember 2015

15.5.74

Stavisky … (Alain Resnais, 1974)

Stavisky …

»Pour comprende Alex, il faut parfois oublier les dossiers. Il faut rêver de lui.« Alain Resnais’ Traum vom Hochstapler Alexandre Stavisky alias Serge Alexandre alias ›le beau Sacha‹ … Paris, Anfang der 1930er Jahre: Stavisky (mondän: Jean-Paul Belmondo), Sohn eines braven Zahnarztes aus der Ukraine, erfindet nicht nur sich selbst sondern auch das Geld, das er mit vollen Händen ausgibt. Der falsche Weltmann logiert im ›Claridge‹, hüllt seine Muse Arlette in weißen Zobel, finanziert Revuen und Staatsstreiche, diniert mit der crème de la crème aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Als seine finanziellen Luftnummern auffliegen, erschüttert der folgende Skandal die III. Republik bis ins Mark. Ein Film über die Verschwendung als Investition, über den Kredit als Illusion, auf der Imperien errichtet werden. »Un rôle de spectre peut me convenir«, sagt der Titelheld über sich, und tatsächlich schwebt Stavisky wie ein Geist (»Personne ne sais que je suis.«) durch die luxuriösen Kulissen des Spiels: Theaterbühnen, Casinos, Hotelhallen – Transiträume eines trügerischen Vergnügens – sind die Hauptschauplätze der betörend morbiden Zeitrevue. Der ergreifend schöne Nachruf auf eine so extravagante wie desolate Ära verbindet Stummfilmkolportage style Fantômas mit der überfeinerten Ästhetik einer Epochendämmerung à la Visconti, verknüpft den Abgesang auf den Finanzkapitalismus mit einem Seitenblick auf die gescheiterte Hoffnung der Revolution in der Person des exilierten Leo Trotzki. Selten nur werden historisch-politische Stoffe mit einem solchen Höchstmaß an erzählerischem Raffinement (Buch: Jorge Semprún) und visueller Delikatesse (Kamera: Sacha Vierny, Kostüme: Yves Saint-Laurent) dargeboten. Die phänomenale, fragil-nostalgische Musik von Stephen Sondheim und eine großartige Besetzung – Boyer, Duperey, Lonsdale, Périer, Rich – vervollkommnen Resnais’ bitter-süße Suche nach einer verlorenen Zeit.

R Alain Resnais B Jorge Semprún K Sacha Vierny M Stephen Sondheim A Jacques Saulnier S Albert Jurgenson P Jean-Paul Belmondo D Jean-Paul Belmondo, Charles Boyer, Anny Duperey, François Périer, Michael Lonsdale, Claude Rich | F & I | 120 min | 1:1,66 | f | 15. Mai 1974

9.5.74

Mahler (Ken Russell, 1974)

Mahler

»What religion are you?« – »I am a composer.« Auf der Zugreise zurück ins heimatliche Wien erinnert sich der sterbenskranke Komponist Gustav Mahler (Robert Powell) an wichtige – vom exzessiven Schöpferdrang des Regisseurs Ken Russell melodramatisch überzeichnete – Stationen seines Lebens: jüdische Kindheit mit cholerisch-ehrgeizigem Vater, finanzielle Sorgen und antisemitisches Geläster, berechnende Konversion zum katholischen Glauben (arrangiert als stummfilmhaftes Pop-Weihespiel mit Cosima Wagner als hohepriesterlicher Nazi-Domina), neoromantisches Eheglück und profanes Liebesleid an der Seite der passiv-repressiven Gattin Alma (die schon mal einen table dance auf dem Sarg ihres (noch nicht ganz) verstorbenen Ehemanns hinlegt), sodann Tod der Tochter, Suizid des Bruders, Umnachtung des Freundes (Hugo Wolf als Kaiser Franz Josef). Die Vita des Tondichters verwandelt sich zur schillernden (gelegentlich etwas beliebigen) Illustration seiner Musik, umgekehrt liefern die Kompositionen den Soundtrack zu einer fragilen Aufsteiger-Biographie. »Mahler« imaginiert Mahler als provokant-parodistischen Fiebertraum, als üppig-assoziatives Barockbukett: »We're going to live forever!«

R Ken Russell B Ken Russell K Dick Bush M Gustav Mahler A Ian Whittacker S Michael Bradsell P Roy Baird D Robert Powell, Georgina Hale, Richard Morant, Lee Montague, Antonia Ellis | UK | 115 min | 1:1,85 | f | 9. Mai 1974

25.4.74

Dorotheas Rache (Peter Fleischmann, 1974)

Ein Festival der Liebe oder: Was Sie noch nie über Sex wissen wollten ... Peter Fleischmanns Rache am deutschen Report-Film (Schulmädchen, Krankenschwestern, Hausfrauen e tutti quanti) schickt die frühreife Tochter eines Hamburger Lachsack-Produzenten quer durch St. Pauli auf die Suche nach Liebe in den Zeiten der sexuellen Revolution. Um etwas über die große Himmelsmacht zu erfahren, treibt es Dorothea (schnutig: Anna Henkel) mit »künstlerischen Fotografen«, empfängt sie Freier in der tristen Sauberkeit des ›Eros-Center‹, besucht sie Fick-Shows in schmuddligen Etablissements, trifft sie abgelöschte Dominas und flehentliche Masochisten (die schon mal, kopfüber hängend, Rilke zitieren: »Du bist der Anfang, der sich groß ergießt, / ich bin das langsame und bange Amen, 
/ das deine Schönheit scheu beschließt.«); Co-Autor Jean-Claude Carrière bringt einige buñueleske Motive in die Stationenposse ein, zum Beispiel den Auftritt des Heilands, der salbungsvoll empfiehlt, mit Kindern und Narren zu schlafen, um glücklich zu werden. Fleischmanns boshaft-kruder Lagebericht aus der Frühgeschichte der Pornographisierung des Abendlandes kombiniert künstlerische Ausdrucksmittel wie Laientheater und home movie, Kiezfolklore und Schlagerrevue (von Jürgen Marcus bis Marianne Rosenberg), um in der Utopie freier Liebe auf dem Lande zu gipfeln. Die bleibende Schockwirkung des Streifens dürfte weniger in der drastisch ausgestellten full-frontal nudity liegen, sondern vielmehr im Anblick des allerorten üppigst sprießenden Haupt-, Brust- und Schamhaars – nie war so viel Pelz wie in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. PS: »So, Freunde des Sexualsports, das war’s mal wieder für heute. Bis zur nächsten Show noch etwas Unterhaltungsmusik von Johnny Tripper und den Syphilisten.«

R Peter Fleischmann B Peter Fleischmann, Jean-Claude Carrière K Jean-Jacques Flori, Klaus Müller-Laue M Philippe Sarde S Robert Polak, Maria Heidemann, Ernst Witzel P Peter Fleischmann D Anna Henkel, Gunter Thiedeke, Régis Genger, Elisabeth Potchanski, Alexander von Paczensky | BRD & F | 92 min | 1:1,37 | f | 25. April 1974

7.4.74

The Conversation (Francis Ford Coppola, 1974)

Der Dialog

»He’d kill us if he got the chance.« Francis Ford Coppolas minimalistischer Paranoia-Thriller reflektiert über Akustik, Hören, Geräusche, Zwischentöne – und liefert zugleich einen lyrischen Kommentar zur Überwachungsgesellschaft. Harry Caul (präzise, unsympathisch, eindringlich: Gene Hackmann) ist ein Abhörspezialist, dem in seinem Leben schon so viel zu Ohren gekommen ist, daß er selbst nur noch schweigen kann. Die Verwicklung in eine undurchsichtige (= undurchhörbare) Intrige läßt ihn – eher ungewollt – aus der Rolle des professionell-unbeteiligten Lauschers ausbrechen; dennoch kann er nicht verhindern, daß ein Verbrechen geschieht (das er hört, aber nicht sieht). Erst danach wird Caul (und mit ihm dem Publikum) klar, daß es einen Unterschied gibt zwischen Tönen und Betonung – und daß auch totale Information keine Erkenntnis garantiert.

R Francis Ford Coppola B Francis Ford Coppola K Bill Butler, Haskell Wexler M David Shire A Dean Tavoularis S Richard Chew P Francis Ford Coppola D Gene Hackman, John Cazale, Allen Garfield, Frederick Forrest, Cindy Williams | USA | 113 min | 1:1,85 | f | 7. April 1974

4.4.74

Der nackte Mann auf dem Sportplatz (Konrad Wolf, 1974)

Szenen aus dem Leben eines Bildhauers im real-existierenden Sozialismus: Kemmel (gleichermaßen weich und kantig: Kurt Böwe) lebt mit Frau und Sohn am Rand der großen Stadt Berlin und sucht (s)einen Weg als Künstler zwischen gesellschaftlicher Erwartung und persönlicher Perspektive. Regisseur Konrad Wolf und Autor Wolfgang Kohlhaase erzählen betont distanziert, bewußt elliptisch, zerlegen das Geschehen in präzise beobachtete Momentaufnahmen von melancholischer Emotionalität und/oder spröder Ironie. Der dokumentarische Gestus der Gestaltung (Kamera: Werner Bergmann) erweist sich dabei als überaus sorgfältiges filmische Arrangement, in der jede scheinbare Augenblicksinspiration, jede noch so beiläufig anmutende Situationsbeschreibung ihren exakt festgelegten Platz im großen Ganzen hat. PS: Die urste Besetzung gleicht einem Who’s Who des DDR-Schauspiels: Gerhard Bienert, Elsa Grube-Deister, Rolf Hoppe, Ursula Karrusseit, Marga Legal, Dieter Mann, Dieter Montag, Vera Oelschlegel, Günter Schubert, Jaecki Schwarz, Katharina Thalbach.

R Konrad Wolf B Wolfgang Kohlhaase, Konrad Wolf K Werner Bergmann M Karl-Ernst Sasse A Alfred Hirschmeier S Evelyn Carow P Herbert Ehler D Kurt Böwe, Ursula Karusseit, Martin Trettau, Else Grube-Deister, Marga Legal | DDR | 101 min | 1:1,66 | f | 4. April 1974

24.3.74

The Great Gatsby (Jack Clayton, 1974)

Der große Gatsby 

Poetisches Zeitbild, Revue des amerikanischen Traums, Geschichte einer großen Sehnsucht – Jack Claytons Verfilmung des Romans von F. Scott Fitzgerald (nach einem Drehbuch von Francis Ford Coppola) ist wenig bis nichts davon, und auch die reichlich kolportagehafte Handlung will kaum in die Gänge kommen. Vielleicht liegt es an der ohne jedes Feingefühl herumzoomenden und -schwenkenden Kamera (Douglas Slocombe), vielleicht an den vielen scheußlichen Überblendungen, vielleicht an der mal platt-illustrativen, mal schwerfällig-schleppenden Regie, daß »The Great Gatsby« nicht in den Rhythmus des Jazz Age findet, auch wenn Kostümbild, Ausstattung und Musikarrangements den einen oder anderen nostalgischen Schlüsselreiz setzen. Die gestalterischen Halbherzigkeiten sind um so bedauerlicher, als alle Mitglieder des großartigen Ensembles willens und fähig scheinen, ihr Bestes zu geben. Immer wieder spielen die Darsteller – Robert Redford in der Titelrolle des enigmatischen New Yorker Neureichen, Mia Farrow als übernervöses (und letztlich wertloses) Objekt der Begierde, Bruce Dern als Matador des Establishments, Lois Chiles als High-Snobiety-Girl, Karen Black als teures Flittchen, Scott Wilson als Vollstrecker aus dem Tal der Asche, Sam Waterston als Erzähler – an der transusigen Inszenierung ganz einfach vorbei, lassen immer wieder die Ahnung eines wunderbaren Films aufblitzen: Gatsby, der Reichtümer nur anhäuft, um die Zukunft nach dem Bild einer für immer vergangenen Vergangenheit zu malen, ist der romantische Held einer Welt, die, indem sie sich zerstört, zu ihrer Unschuld zurückzufinden hofft. Das grüne Licht, nach dem Gatsby hascht, das Signal auf der anderen Seite des Long-Island-Sundes, beim Haus der verlorenen Geliebten, bleibt so nah, so fern, so gegenwärtig, so unerreichbar wie das vor Zeiten gelebte oder verpaßte Leben, das, so oder so, niemals wiederkehren wird.

R Jack Clayton B Francis Ford Coppola V F. Scott Fitzgerald K Douglas Slocombe M Nelson Riddle A John Box S Tom Priestley P David Merrick D Robert Redford, Mia Farrow, Sam Waterston, Bruce Dern, Karen Black | USA | 144 min | 1:1,85 | f | 24. März 1974

5.3.74

Angst essen Seele auf (Rainer Werner Fassbinder, 1974)

»Das kann keiner, ohne die andern leben.« Emmi Kurowski (Brigitte Mira) – Putzfrau um die 60, lange schon verwitwet, Mutter von zwei Söhnen und einer Tochter, die alle ihr eigenes Ding machen – will gar nicht ohne die anderen leben, ganz im Gegenteil, sie sucht Ansprache und menschliche Nähe; doch als sie sich in den 20 Jahre jüngeren Marokkaner El Hedi ben Salem m’Barek Mohammed Mustafa, kurz ›Ali‹ genannt, verliebt und ihn heiratet, muß sie es notgedrungen tun: Die Nachbarn tuscheln giftig, die Kolleginnen reden nicht mehr mit ihr, der Lebensmittelhändler verweigert ihr die Bedienung, die eigenen Kinder nennen sie eine Hure … Ein beklemmend nüchterner Film, erzählt in schmucklos-ausgefeilten Bildern (Kamera: Jürgen Jürges), ein Film über Anspruch und Wirklichkeit, über das Wollen und das Dürfen: Mit »Angst essen Seele auf« verwandelt Rainer Werner Fassbinder Douglas Sirks großbürgerliches Melodram »All That Heaven Allows« in ein kleinbürgerliches Trauerspiel. Hier wie dort sind es nicht nur die Verhältnisse, die den Menschen einsperren, einmauern, einsargen, es ist der Mensch selbst, der dafür sorgt, daß das Glück nicht immer lustig ist. Fassbinder erfüllt Emmis im tiefsten Unglück geäußerten Wunsch, daß sich alles verändern solle, daß alle Leute gut sein mögen, und gnadenlos ironisch läßt er die wahren Konflikte aufbrechen, als die äußere Drangsal überwunden ist. Weder Emmis naive Illusionen (»Wir werden reich sein, und dann kaufen wir uns ein Stückchen Himmel zusammen.«) noch Alis nachvollziehbare Resignation (»Nix viel denken, gut. Viel denken, viel weinen.«) sind geeignet, die Konventionen auszuhebeln. Eine Chance böte, vielleicht, die verständnisvolle Gemeinschaft: »Wenn wir zusammen sind, dann müssen wir gut sein zueinander, sonst ist das ganze Leben nichts wert. Zusammen sind wir stark.« Ob diese Hoffnung sich erfüllen kann, bleibt freilich mehr als ungewiß.

R Rainer Werner Fassbinder B Rainer Werner Fassbinder K Jürgen Jürges A Kurt Raab S Thea Eymèsz P Rainer Werner Fassbinder D Brigitte Mira, El Hedi ben Salem, Barbara Valentin, Irm Hermann, Elma Karlowa | BRD | 93 min | 1:1,37 | f | 5. März 1974

# 895 | 9. Juli 2014

3.3.74

Alice in den Städten (Wim Wenders, 1974)

»Erzählst du mir eine Geschichte?« – »Ich weiß keine Geschichte.« Ein Mann und ein Mädchen. Philip (Rüdiger Vogler) ist 31, Alice (Yella Rottländer) ist 9. Sie begegnen sich zufällig, am New Yorker Flughafen, in einer Drehtür. Die Umstände binden sie aneinander, schicken sie auf die Reise, von Amerika nach Amsterdam, weiter nach Wuppertal, durch das Ruhrgebiet (»Essen ist gut.«), den Rhein hinunter. Ein Journalist, der die geplante Reportage nicht zustande bringt, und ein Kind, dessen Mutter vorübergehend eigene Wege geht, gemeinsam unterwegs, er auf der Suche nach dem verlorenen Gefühl von sich selbst, sie auf der Suche nach dem Haus der Großmutter, von dem es ein verwaschenes Foto gibt, aber keine Adresse. Wim Wenders entwickelt mit zärtlicher Aufmerksamkeit die Chronik der laufenden Ereignisse eines schwierigen Kennenlernens, einer zaghaften Annährung, einer Expedition in die aufregend unbekannte Gegenwart: Tankstellen, Hotelzimmer, Telefonzellen, Imbißstuben, Hochhäuser, Schwimmbäder, Wohnsiedlungen. Dazu der minimalistische Soundtrack von »Can« und die Aufnahmen, die Philip mit seiner Polaroid SX-70 schießt: sich Bilder machen von der Welt, wenn schon die Worte fehlen, sie zu beschreiben … aber: »Es ist doch nie das drauf, was man gesehen hat.« Film als Registrieren von Oberflächenreizen – Fassaden, Neonschriften, TV-Programme –, als Kompendium von Verkehrsmitteln – Auto, Bus, U-Bahn, Flugzeug, Zug, Schwebebahn, Fähre –, als Erkundungstour ohne festes Ziel: sich verlaufen, um sich zu finden. »Und du? Was machst du?«

R Wim Wenders B Wim Wenders, Veith von Fürstenberg K Robby Müller M Can S Peter Przygodda P Peter Genée D Rüdiger Vogler, Yella Rottländer, Lisa Kreuzer, Edda Köchl, Hans Hirschmüller | BRD | 112 min | 1:1,37 | sw | 3. März 1974

# 1035 | 28. November 2016

27.2.74

La carrière de Suzanne (Éric Rohmer, 1963/1974)

Die Karriere von Suzanne

Six contes moraux, 2: Zwei ungleiche Freunde, ein bedächtiger Schlaks und ein selbstgefälliger Don Juan, gabeln auf einer Caféterrasse am Boulevard Saint-Michel die naiv wirkende Suzanne auf, tändeln mit ihr herum, halten sie zum Besten, lassen sie auflaufen und immer wieder die abendliche Zeche zahlen; am Ende findet das Mädchen ihr Glück mit einem attraktiven Mann, und läßt ihrerseits die beiden Kumpane als unreife Jungs im Regen des Lebens stehen. Éric Rohmers ethologische Stilübung (die Betonung liegt auf ›Übung‹) aus dem Jahr 1963 führt mit bisweilen ermüdender Beiläufigkeit in Studentenbuden und Bistros, Hotelzimmer und Kellerbars, Parks und Schwimmbäder – wobei der spröde Erzähler (unter Verzicht auf das Ausstellen von Schauwerten) die Entfaltung von emotionaler Spannung konsequent vermeidet.

R Éric Rohmer B Éric Rohmer K Daniel Lacambre S Jackie Raynal, Éric Rohmer P Barbet Schroeder D Catherine Sée, Philippe Beuzen, Christian Charrière, Diane Wilkinson | F | 54 min | 1:1,37 | sw | 27. Februar 1974

La boulangère de Monceau (Éric Rohmer, 1962/1974)

Die Bäckerin von Monceau

Six contes moraux, 1: Junger Student sieht auf der Straße junge Frau, will sie unbedingt kennenlernen, steigt ihr tagelang nach (kreuz und quer durchs Viertel Monceau im 17. Pariser Arrondissement), verliert sie, wandert weiter durch die Gegend, bändelt mit einer niedlichen Bäckereiverkäuferin an (bei der er täglich Kekse kauft), die er ohne zu zögern fallenläßt, als das eigentliche Objekt der Begierde wieder in Sicht kommt. Éric Rohmers kleinformatige, im Sommer 1962 amateurhaft realisierte psychologische Skizze entwickelt, trotz veristischer Plein-air-Fotografie, kaum visuelle Überzeugungskraft – der zeitlos-lakonische Tonfall der Erzählerstimme bleibt hingegen im Ohr.

R Éric Rohmer B Éric Rohmer K Bruno Barbey, Jean-Michel Meurice S Jackie Raynal, Éric Rohmer P Barbet Schroeder D Barbet Schroeder, Claudine Soubrier, Michèle Girardon | F | 26 min | 1:1,37 | sw | 27. Februar 1974

22.2.74

Einer von uns beiden (Wolfgang Petersen, 1974)

Der Generationenkonflikt als gewitzter Berliner Psychothriller: Ziegenhals (Jürgen Prochnow), abgebrochener Student, gescheiterter Literat, Bewohner eines lichtlosen Kreuzberger Hinterhofzimmers, findet zufällig heraus, daß Professor Kolczyk (Klaus Schwarzkopf), etablierter Soziologe mit politischen Ambitionen und geräumiger Villa im Grunewald, seine Dissertation einst nicht selbst verfaßte sondern lediglich einen wissenschaftlichen Text aus dem Englischen übersetzte; ›Zicke‹ fackelt nicht lange und nutzt das brisante Wissen zur Erpressung des Gelehrten, der einen Scheck ausschreibt und dem Herausforderer einen Kampf bis aufs Blut verspricht: »Einer von uns beiden wird auf der Strecke bleiben.« … Auch wenn die Auseinandersetzung zwischen den Altersklassen in diesem Falle keine gesellschaftlichen, kulturellen oder moralischen Fragen berührt, sondern alleine um konkrete Besitzstrukturen kreist, die einerseits listig attackiert, andererseits löwenhaft verteidigt werden, durchweht der rauhe Zeitgeist der Jahre nach 1968 Bilder und Dialoge dieses Films, der eine Positionierung konsequent vermeidet, ja, mittels raffinierter Persepektivwechsel, geradezu höhnisch unterläuft: Während der Junge – seine Anmaßung, seine Unkultiviertheit, seine Überreizung – aus der Sicht des angewiderten Alten betrachtet wird, bietet sich der Alte – seine Scheinheiligkeit, sein Dünkel, seine Tücke – aus dem Blickwinkel des abgestoßenen Jungen dar. Regisseur Wolfgang Petersen und Kameramann Charly Steinberger verschärfen den Kontrast durch die effektvolle Gegenüberstellung von staubgrauen Mietskasernenvierteln, denen die Totalsanierung bevorsteht, und gutbürgerlichen Gegenden, wo ewige Ruhe und unerschütterliche Ordnung zu herrschen scheinen. Hervorragende Nebendarsteller (Walter Gross, Berta Drews, Otto Sander, Peter Schiff) nutzen ihre Chargenrollen zu schauspielerischen Kabinettstückchen und schaffen eine dichte Hintergrundatmosphäre.

R Wolfgang Petersen B Manfred Purzer V -ky (= Horst Bosetzky) K Charly Steinberger M Klaus Doldinger A Harry Freude S Traude Krappl P Luggi Waldleitner D Klaus Schwarzkopf, Jürgen Prochnow, Ulla Jacobsson, Elke Sommer, Walter Gross | BRD | 98 min | 1:1,37 | f | 22. Februar 1974

6.2.74

Nada (Claude Chabrol, 1974)

Nada

»Merde! Vive la mort!« Terrorismus als Zerfallsprodukt einer (auto-)destruktiven Gesellschaft ... Die gauchistische Gruppeierung »Nada« (= Nichts) entführt den amerikanischen Botschafter in Frankreich aus einem Pariser Bordell. Die Behörden kommen den Tätern (einem djangoesken Weltverbesserer, einem polternden Säufer, einem desillusionierten Berufsrevolutionär, einem melancholischen Kellner, einem halbherzigen Intellektuellen, einer selbstbewußten Revolverheldin) schnell auf die Spur, wobei die Mittel, die der von gutbürgerlichen Sadisten gelenkte Staatsapparat zur Anwendung bringt, von denen seiner radikalen Feinde nicht zu unterscheiden sind. Claude Chabrol nimmt für seine aktionsgeladene Politthriller-Farce (nach einem virtuosen Roman von Jean-Patrick Manchette) Anleihen beim Italowestern und beim Film noir, um ein ebenso bitter-brutales wie knallig-groteskes Zeitbild zu entwerfen: gesetzlose Ordnungshüter und idealistische Gewaltverbrecher erscheinen als zwei Seiten derselben (wertlosen) Medaille. PS: »L’histoire nous a produit et ça prouve que la civilisation court à sa perte d’une façon ou une autre.«

R Claude Chabrol B Jean-Patrick Manchette, Claude Chabrol V Jean-Patrick Manchette K Jean Rabier M Pierre Jansen A Guy Littaye S Jacques Gaillard P André Génovès D Fabio Testi, Maurice Garrel, Michel Duchaussoy, Lou Castel, Mariangela Melato, Michel Aumont | F & I | 110 min | 1:1,66 | f | 6. Februar 1974

# 1108 | 8. Mai 2018

31.1.74

Supermarkt (Roland Klick, 1974)

»You know I want my celebration, babe, before I die.« Willi rennt. Gegen Wände. Immer wieder weg. Um sein Leben. Willi (lumpenproletarisch-sexy: Charly Wierczejewski), eine arme Sau vom Hamburger Kiez, frettet sich durch, mopst Kleingeld vom Tresen, hat aber immer eine Münze für die Musicbox. Kommen die Bullen, haut er ab, auch wenn er gar nichts getan hat, denn für irgendetwas würden sie ihn schon drankriegen. Da sind welche, die ihm angeblich helfen wollen, aus dem Dreck herauszukommen, aber eigentlich wollen sie alle bloß etwas von ihm: Der berufsbetroffene Reporter (Michael Degen) will eine Story, der wohlhabende Schwule (Hans-Michael Rehberg) will einen Fick, der miese Gauner (Walter Kohut) braucht jemanden, der ihm hilft, ein mieses Ding zu drehen. Willi hat offensichtlich seine Erfahrungen gemacht, beißt konsequent in jede Hand, die sich nähert; ein wenig Zutrauen faßt er nur zu einer blonden Nutte (Eva Mattes), die niemandem helfen kann, noch nicht einmal sich selbst … Roland Klick dreht im Grunde einen typischen deutschen Problemfilm, aber, und das ist der feine große Unterschied, er problematisiert das soziale Elend nicht, skizziert anstattdessen – mit extrem beweglicher Kamera (Jost Vacano rennt so schnell wie der nervöse, immer alarmierte Protagonist) – eine rauhe, unbeseelte Welt, die einerseits ein einziger Supermarkt ist, ein kaltes Paradies der Käuflichkeit, andererseits jedoch gerade dieses eben nicht: Für Willi und Konsorten gibt es nichts zu kaufen, letztlich noch nicht einmal etwas zu klauen …

R Roland Klick B Roland Klick, Georg Althammer, Jane Sperr K Jost Vacano M Peter Hesslein, Udo Lindenberg A Georg von Kieseritzky S Jane Sperr P Roland Klick, Heinz Angermeyer D Charly Wierczejewski, Eva Mattes, Michael Degen, Walter Kohut, Hans-Michael Rehberg | BRD | 84 min | 1:1,66 | f | 31. Januar 1974

30.1.74

Lacombe Lucien (Louis Malle, 1974)

Lacombe, Lucien

Echoes of France … Sommer 1944. Die Alliierten sind in der Normandie gelandet, die deutschen Truppen weichen zurück. Weiter südlich, in einer kleinen Stadt im Midi, sucht der 17jährige Bauernsohn Lucien (Pierre Blaise) Anschluß an die Résistance. Vom örtlichen Chef des Widerstandes als zu jung abgelehnt, gerät Lucien, eher zufällig, in die Fänge von Mitarbeitern der Gestapo française, die ihn in ihre Reihen aufnehmen. Eine Art unbedarfte Brutalität eignet dem (Anti-)Helden; er wirkt gleichermaßen präpotent und so zerbrechlich wie die Singvögel, die er mit der Zwille abschießt. Das Gemisch aus Grausamkeit und Unschuld, das im Zwischenraum von Jugend und Erwachsensein herrscht, bestimmt die Erzählung des Films. Lucien erfüllt ohne weiteres seine Rolle als Hilfspolizist, genießt die daraus ersprießende Macht, fügt sich wie selbstverständlich in die zynisch-vulgäre Gesellschaft der Kollaborateure ein, drängt sich ohne Scham der versteckt lebenden Familie eines kultivierten jüdischen Herrenschneiders auf, dessen Tochter France (!) (Aurore Clément) er offen begehrt, linkisch umschwärmt, ehrlich liebt, schlußendlich rettet. Louis Malle und sein Koautor Patrick Modiano (der die schummerlichtigen Landschaften der Okkupation schon in seinen brillanten ersten Romanen beschrieb) suchen nicht, das Verhalten ihres Protagonisten zu beschönigen, vermeiden jede moralische Bewertung, betonen eine Ambivalenz, die sich einfachen Zuschreibungen wie »gut« oder »böse« entzieht. Sie stehen vor Lucien, dieser seltsamen Kreuzung aus Engel und Ungeheuer, wie der Vater von France, der ratlos-fasziniert gestehen muß: »C’est curieux, je n’arrive pas à vous détester tout à fait.«

R Louis Malle B Louis Malle, Patrick Modiano K Tonino Delli Colli M Django Reinhardt A Ghislain Uhry S Suzanne Baron P Louis Malle, Claude Nedjar D Pierre Blaise, Aurore Clément, Holger Löwenadler, Therese Giehse | F & I & BRD | 137 min | 1:1,66 | f | 30. Januar 1974

# 951 | 4. Juni 2015