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12.5.76

Les magiciens (Claude Chabrol, 1976)

Die Schuldigen mit den sauberen Händen

Im Mittelpunkt von Claude Chabrols parapsychologischem Thrillerarrangement stehen die Umtriebe des reichen Nichtstuers Édouard (Jean Rochefort), der sich in einem tunesischen Ferienparadies den intriganten Jux machen will, die präkognitive Vorhersage des mit dem zweiten Gesicht begabten (oder gestraften) Bühnenmagiers Vestar (Gert Fröbe) Wirklichkeit werden zu lassen: ein Mord soll geschehen, am Strand, unter einem rot getupften Himmel. Unfreiwillige Versuchspersonen der Schicksalsmanipulation sind ein zwieträchtiges Ehepaar (Franco Nero und Stefania Sandrelli) sowie die unverhofft aufkreuzende Exgeliebte des Mannes ... Unter (eher oberflächlichem) Bezug auf einige Werke seines großen Vorbilds Fritz Lang betrachtet Chabrol (ohne wirklich tiefgehendes Interesse) den Destruktionstrieb der ennuyiert-genießenden Klasse und folgt (mit mäßiger Anteilnahme) den (mehr oder weniger verschlungenen) Wegen der Vorsehung (die sich nicht ins Handwerk pfuschen läßt – auch wenn das Ergebnis ihres Wirkens ein anderes als das erwartete sein mag).

R Claude Chabrol B Pierre Lesou, Paul Gégauff V Frédéric Dard K Jean Rabier A Jean Labussière S Monique Fardoulis P Tarak Ben Ammar, Jean Boujnah, Tablouti Temini D Jean Rochefort, Gert Fröbe, Franco Nero, Stefania Sandrelli, Gila von Weitershausen | F & I & BRD | 94 min | 1:1,66 | f | 12. Mai 1976

# 1110 | 12. Mai 2018

1.12.71

La décade prodigieuse (Claude Chabrol, 1971)

Der zehnte Tag

Formal abgehobener, spätbourgeoiser Familienthriller, mit dem Claude Chabrol seine manische Charles-Hélène-Paul-Konstellation ein weiteres (und letztes) Mal variiert: Charles (Anthony Perkins), der mit Hélène (Marlène Jobert), der jungen, schönen Frau seines gottgleichen, schwerreichen (Stief-)Vaters (Orson Welles), geschlafen hat und darüber den Verstand zu verlieren droht, bittet seinen ehemaligen Lehrer Paul (Michel Piccoli) um Beistand bei der (Neu-)Ordnung der schwierigen Verhältnisse … Chabrol kümmert sich kaum um klassischen Spannungsaufbau mit logisch nachvollziehbaren Handlungslinien – »La décade prodigieuse« gleicht eher einem fiebrigen Gang durch einen verwinkelten, düsteren Herrensitz, wo hinter jeder Ecke ein unerfreuliches Geheimnis lauert. Der hemmungslos-lustvolle Einsatz christlicher Symbolik schickt Realismus und sogenannte psychologische Glaubwürdigkeit zur Hölle; so kann diese leicht blasphemische Familienaufstellung ihre Protagonisten in aller Ruhe durch ein Fegefeuer von Betrug, Lüge, Angst, Schuld, Verrat und Rache treiben – bis hin zum finalen Strafgericht.

R Claude Chabrol B Paul Gégauff V Ellery Queen K Jean Rabier M Pierre Jansen A Guy Littaye S Jacques Gaillard P André Genovès D Anthony Perkins, Michel Piccoli, Marlène Jobert, Orson Welles, Guido Alberti | F & I | 110 min | 1:1,66 | f | 1. Dezember 1971

5.9.69

Que la bête meure (Claude Chabrol, 1969)

Das Biest muß sterben

»Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh; / wie dies stirbt, so stirbt er auch.« Das Meer. Ein Kind spielt am Strand. Ein Auto rast die Küstenstraße entlang. Das Kind läuft nach Hause. Das Auto rast in eine Ortschaft. Die Glocken läuten. An einer Kreuzung treffen Kind und Auto aufeinander. Das Kind stirbt. Das Auto rast weiter. Der Vater hält das tote Kind in seinen Armen. Später wird er sich auf die Suche nach dem Fahrer des Autos machen: »Je vais tuer un homme. Je ne connais ni son nom, ni son adresse, ni son apparence. Mais je vais le trouver et le tuer.« Der Zufall – der das einzige ist, was existiert, und in diesem Fall die Gestalt der blonden Hélène (Caroline Cellier) annimmt – führt den introvertierten Einzelgänger Charles (Michel Duchaussoy) zum reizbaren Haustyrannen Paul (Jean Yanne). Die Ausführung des Vorhabens erweist sich indes, obwohl oder gerade weil der Täter ein so unverblümtes (und überaus lebenstüchtiges) Scheusal ist, als problematisch – und peu à peu verwandelt Claude Chabrol den geradlinigen Rachethriller in eine abgründige Reflexion (oder einen ernsten Gesang) über Absicht und Handeln, über Schuld und Verantwortung. Das Ende des Films führt wieder ans Meer. Ein Mann allein. Ein Boot, das hinausfährt. Die Wellen, die Felsen, die Brandung. »Und der Mensch hat nichts mehr denn das Vieh: / denn es ist alles eitel.«

R Claude Chabrol B Paul Gégauff, Claude Chabrol V Nicholas Blake K Jean Rabier M Pierre Jansen A Guy Littaye S Jacques Gaillard P André Génovès D Michel Duchaussoy, Jean Yanne, Caroline Cellier, Anouk Ferjac, Maurice Pialat | F & I | 112 min | 1:1,66 | f | 5. September 1969

# 1107 | 8. Mai 2018

22.3.68

Les biches (Claude Cahbrol, 1968)

Zwei Freundinnen 

Eine wohlhabende Dame schreitet erhobenen Hauptes über den Pariser pont des Arts. Gönnerhaft wirft sie der unbemittelten jungen Straßenkünstlerin, die sich auf die Darstellung von Hirschkühen (»biches«) spezialisiert hat, einen 500-Franc-Schein hin. Bald schon werden die gegensätzlichen Frauen beste (?) Freundinnen (»biches«): Frédérique (blasiert-mondän: Stéphane Audran) nimmt Why (unbefangen-stolz: Jacqueline Sassard) mit in ihre luxuriöse Villa nach Saint-Tropez, wo der Architekten Paul (attraktiv-reserviert: Jean-Louis Trintignant) zwischen das Paar tritt ... Mit großer inszenatorischer Delikatesse entwickelt Claude Chabrol aus dem erotischen Dreiecksverhältnis ein quälerisches Spiel um Macht, Besitz und Genuß, ein beklemmendes Geflecht von Gier, Berechnung und (letztlich tödlicher) Rivalität, einen höhnischen Abgesang auf Freundschaft, Liebe und Glück: Die schöne Welt der Reichen ist nur eine betörende Fassade, hinter der sich die Deformation des indiskret-uncharmanten bourgeoisen Charakters und eine allgemeine Verarmung des Gefühls auftun.

R Claude Chabrol B Claude Chabrol, Paul Gégauff K Jean Rabier M Pierre Jansen A Marc Berthier S Jacques Gaillard P André Génovès D Stéphane Audran, Jacqueline Sassard, Jean-Louis Trintigant, Henri Attal, Dominique Zardi | F & I | 99 min | 1:1,66 | f | 22. März 1968

# 998 | 6. Mai 2016

17.3.61

Les godelureaux (Claude Chabrol, 1961)

Speisekarte der Liebe

Eine hysterische Gesellschaftsfarce, eine absurde Rachekomödie, ein nutzloser Film über nutzlose Menschen … Es beginnt eines schönen Tages auf dem boulevard Saint-Germain. Arthur (Charles Belmont) und seine Bande kommen mit ihrem Oldtimer angerauscht und finden den angestammten Parkplatz vor dem café de Flore besetzt. Der dort unstatthaft abgestellte Sportwagen wird kurzerhand weggetragen. Dessen Besitzer Ronald (Jean-Claude Brialy) schwört – »bei Satan!« – Vergeltung für den erlittenen Insult. Die übermütige Ambroisine (Bernadette Lafont) dient ihm als Werkzeug … Claude Chabrol persifliert Robert Bressons moralische Erzählung »Les dames de bois de Boulogne« als nihilistische Groteske der besitzenden Klasse: Die indiskret-uncharmante Pariser Bourgeoisie erscheint als Hort des galoppierenden Stumpfsinns und der freudlosen Dekadenz. Die ›godelureaux‹ (≈ geckenhafte Verführer) sind traurige Spaßvögel, die Stinkbomben werfen, Juckpulver verstreuen, Wohltätigkeitsveranstaltungen aufmischen und vor allem: Gefühle manipuieren, unterminieren, destruieren. Immer wieder (etwa indem er eine neo-römische (Zerstörungs-)Orgie mit einem gutbürgerlichen Abendessen parallelschneidet) weist Chabrol darauf hin, daß fiebriger Nonkonformismus und biedere Konvention zwei Seiten einer banalen Medaille sind.

R Claude Chabrol B Claude Chabrol, Paul Gégauff, Éric Ollivier V Éric Ollivier K Jean Rabier M Pierre Jansen A Charles Merangel S James Cuenet P Raymond Hakim, Robert Hakim D Jean-Claude Brialy, Bernadette Lafont, Charles Belmont, André Jocelyn, Jean Tissier | F & I | 99 min | 1:1,66 | sw | 17. März 1961

# 843 | 10. März 2014

22.4.60

Les bonnes femmes (Claude Chabrol, 1960)

Die Unbefriedigten 

Jane, Ginette, Rita und Jacqueline arbeiten in einem Pariser Haushaltswaren­geschäft (in das sich nie ein Kunde zu verirren scheint). Mitleidlos-spöttisch beobachtet Claude Chabrol Szenen aus dem Leben der vier jungen Angestellten, folgt ihnen durch ihre Tage und ihre Nächte, zeigt ihren Überdruß und die triste Banalität ihrer Träume, ihre Enttäuschungen und ihre inkonsequenten Fluchtversuche aus dem lähmendem Alltag, ihre Blindheit und ihr zielloses Warten darauf, daß etwas geschieht, daß einer kommt, ein Retter, ein Prinz. Die Männer sind indes nicht besser: Wenn frau nur an geile Nachsteller, an exzentrische Lustgreise, an bornierte Kleinbürger gerät, kann sie von Glück sagen. »Les bonnes femmes«, gleichermaßen überscharfe Verhaltens­studie und satirisches Gesellschaftsbild, verschränkt eine Komödie der Irrungen mit einem Trauerspiel der Flausen, läßt ein tristes Kaleidoskop der Beziehungslosigkeit rotieren, übt beißende Kritik an der Akzeptanz erstarrter Geschlechterrollen: Ohne Bewußtwerdung gibt es keine Liebe, nur fade Erotik oder naive Fantasien oder sonderbare Fetische (wie das mit dem Blut eines Guillotinierten getränkte Taschentuch, das die ältliche Kassiererin Madame Louise hütet) oder Schlimmeres … Die Coda des Films bildet ein freudloses Tanzvergnügen. Über die Schulter eines anonymen Mannes geht der leere Blick einer Frau direkt ins Auge des Zuschauers. Da ist kein Licht am Ende des Tunnels, es blinken nur die flüchtigen Reflexe der sich ewig drehenden Spiegelkugel verlorener Illusionen.

R Claude Chabrol B Paul Gégauff, Claude Chabrol K Henri Decaë M Pierre Jansen, Paul Misraki A Jacques Mély S Jacques Gaillard P Raymond Hakim, Robert Hakim D Bernadette Lafont, Stéphane Audran, Clotilde Joano, Lucile Saint-Simon, Ave Ninchi, Mario David | F & I | 100 min | 1:1,66 | sw | 22. April 1960

10.3.60

Plein soleil (René Clément, 1960)

Nur die Sonne war Zeuge

»Wozu brauche ich Geld? Ich habe das Geld anderer Leute.« René Clément beweist mit seiner Adaption von Patricia Highsmiths »The Talented Mr. Ripley«, daß dem Gelingen einer Literaturverfilmung künstlerische Freiheit im Umgang mit der Vorlage nicht im Wege stehen muß. »Plein soleil« strafft das komplexe Romangeschehen sehr geschickt und konzentriert sich auf die zentrale Dreieckskonstellation zwischen dem armen Schlucker Tom Ripley (Alain Delon), dem reichen Playboy Dickie Greenleaf (Maurice Ronet) und dessen indifferenter Freundin Marge (Marie Laforet) – saumseliges Dolcefarniente und moralische Verkommenheit: zwei Seiten einer Medaille. Henri Decaës kristallklare Bilder, Nino Rotas unfelliniesk-coole Musik und das distanzierte Spiel der Darsteller transponieren den ironisch-frostigen Highsmith-Sound perfekt ins Medium Film. Delon verkörpert intensiv jene Mischung aus Neid, Charme, Gier, Intelligenz und Skrupellosigkeit, die Ripley zu einer der großen literarischen Gestalten des 20. Jahrhunderts macht – ein mieser Charakter, der über Leichen geht für das, was alle wollen: ein glückliches Leben in Ruhe und Frieden. Mit seinem der (Leinwand-)Moral geschuldeten »Crime-doesn’t-pay«-Ende schreckt der Film vor der Konsequenz der Vorlage zurück. Nur ein Quentchen Zynismus (Highsmith würde es vielleicht Realismus nennen) fehlt diesem schönen, kalten Film zum vollendeten Meisterwerk.

R René Clément B René Clément, Paul Gégauff V Patricia Highsmith K Henri Decaë M Nino Rota A Paul Bertrand S Françoise Javet P Ryamond Hakim, Robert Hakim D Alain Delon, Maurice Ronet, Marie Laforet, Erno Crisa, Billy Kearns | F & I | 118 min | 1:1,66 | f | 10. März 1960

4.12.59

À double tour (Claude Chabrol, 1959)

Schritte ohne Spur 

Als Prolog eine lange Kamerafahrt, über einen Teich mit künstlichen Blumen, durch einen Garten, in ein gelbes Haus, das an einen japanisches Teepavillon erinnert, vorbei an einer Staffelei, über einen blauen Teppich voller verstreuter Gegenstände, Kleidungsstücke, umgestürzte Gläser und Figuren, bis zu einem kinetischen Objekt, einer rotierenden polychromen Scheibe, die einen hypnotischen Effekt erzeugt. Die eigentliche Erzählung beginnt mit einem Fensterladen, der geöffnet wird, und endet mit einer aufflammenden Laterne; dazwischen ein Frühlingstag in der Provence, strahlender Himmel, blühender Mohn, eine große Villa, eine kaputte Familie, eine attraktive Nachbarin, ein Mord, ein Geständnis … Mittels durchdachter Farbdramaturgie, einer originellen Rückblendenkonstruktion und dem exzessiven Einsatz von Spiegeln schafft Claude Chabrol ein südfranzösisches Äquivalent zur amerikanischen Southern Gothic. »À double tour« präsentiert, in stellenweise grotesker Überzeichnung, eine dysfunktionale Sippschaft – repressive Mutter, blockierter Vater, verweichlichter Sohn, indifferente Tochter – in vollgestopften Interieurs, auf die farbige Glasfenster grünliche Verwesungsschimmer werfen. Zwei Katalysatoren, der impertinente Schwiegersohn in spe (Belmondo gibt dem Affen Zucker), und eine Künstlerin sans gêne, lassen die erstarrten Konventionen, die Verkarstung der Gefühle, die Zerrüttung und die Häßlichkeit der bürgerlichen Lebenswelt sichtbar werden. Vor der Tat betrachtet der Mörder sein Gesicht im Spiegel und stellt fest: »C’est le visage d’un mort vivant, la négation, la laideur.« Also muß die Schönheit sterben, und mit ihr vergeht das Versprechen auf Freiheit.

R Claude Chabrol B Claude Chabrol, Paul Gégauff V Stanley Ellin K Henri Decaë M Paul Misraki A Jacques Saulnier, Bernard Evein S Jacques Gaillard P Raymond Hakim, Robert Hakim D Jean-Paul Belmondo, Madeleine Robinson, Antonella Lualdi, Jacques Dacqmine, André Jocelyn | F & I | 100 min | 1:1,66 | f | 4. Dezember 1959

11.3.59

Les cousins (Claude Chabrol, 1959)

Schrei, wenn du kannst

Eine Art Gegenstück zu Claude Chabrols Erstling »Le beau Serge«: wieder Jean-Claude Brialy und Gérard Blain in den Hauptrollen zweier gegensätzlicher junger Männer, die diesmal allerdings nicht in der Provinz sondern in Paris aufeinandertreffen. Charles (Blain), Muttersöhnchen und Unschuld vom Lande, zieht zu seinem extravaganten Vetter Paul (Brialy), um, wie dieser, an der Sorbonne die Rechte zu studieren, versinkt jedoch bald schon im hektischen Vergnügungsbetrieb der hauptstädtischen jeunesse dorée. Auf feuchtfröhlichen Partys, bei nächtlichen Spritztouren, insbesondere aber im rivalisierenden Werben um die Gunst der flatterhaften Florence (Juliette Mayniel) treten die konträren Charaktere der Cousins deutlich zu Tage. Der neutrale Beobachter Chabrol und sein unbarmherziger Koautor Paul Gégauff lassen keinen Zweifel daran, wer das (Ratten-)Rennen macht, wenn ein oberflächlich-charmanter Zyniker (der schon mal einen dösenden jüdischen Freund mit geschnarrten deutschen Kommandorufen aus dem Schlaf reißt) und ein strebsam-naiver Idealist (der an die Offenheit des Herzens wie auch an den Nutzeffekt von Redlichkeit und Fleiß glaubt) miteinander im Wettbewerb stehen.

R Claude Chabrol B Claude Chabrol, Paul Gégauff K Henri Decaë M Paul Misraki A Jacques Saulnier, Bernard Evein S Jacques Gaillard P Claude Chabrol D Jean-Claude Brialy, Gérard Blain, Juliette Mayniel, Claude Cerval, Guy Decomble | F | 108 min | 1:1,37 | sw | 11. März 1959

# 999 | 9. Mai 2016