Der Fall Serrano
»Nous n’avons plus d’amis, nous avons des partenaires. Nous n’avons plus d’ennemis, nous avons des clients.« Frankreich am Ende der Trente Glorieuses: Die wirtschaftliche Explosion des Nachkriegs hat das Land wohlhabend gemacht und ein paar pourris stinkreich. Der Tod eines dieser Dreckskerle (Maurice Ronet spielt ihn als lässig-verdorbenen Archetypen der Ära) wirft ein trübes Licht auf das Gewebe von Gefälligkeiten und Vorteilsnahmen, von politischen und finanziellen Geschäftemachereien, das die ganze Gesellschaft krankhaft durchzieht – und längst weitergewuchert ist, über nationale Grenzen hinaus: »Le capital ne connaît plus de frontières.« Alles hängt mit allem ungut zusammen. Xav (Alain Delon – wortkarg, loyal, schlagkräftig) versucht das Knäuel zu entwirren, um den Mörder seines alten Weggefährten zu stellen; als er den Täter gefunden hat (ohne den Knoten zu durchschlagen), blickt er ins blanke Antlitz eines Terroristen der Tugend, das die Fratze der Korruption beinahe sympathisch erscheinen läßt ... Georges Lautner führt seinen erstklassigen Cast – Stéphane Audran (als lustig-verzweifelte Witwe), Jean Bouise (als Hüter einer verdorbenen Ordnung), Julien Guiomar (als (zu) siegessicheres Schwein), Klaus Kinski (als mysteriöser Strippenzieher auf Enten(?)jagd), Ornella Muti (als aufrechte Gefährtin) – präzise und schnörkellos, die Bilder von Henri Decaë beschönigen nichts, der nächtlich-jazzige Score von Philippe Sarde und Stan Getz (!) kommentiert die Nutzlosigkeit von Integrität in einer Welt des exquisiten Amoralismus mit stillem Bedauern.
R Georges Lautner B Michel Audiard V Raf Vallet K Henri Decaë M Philippe Sarde S Michelle David P Alain Delon D Alain Delon, Ornella Muti, Stéphane Audran, Klaus Kinski, Maurice Ronet, Mireille Darc | F | 120 min | 1:1,66 | f | 7. Dezember 1977
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7.12.77
Mort d’un pourri (Georges Lautner, 1977)
13.5.76
Monsieur Klein (Joseph Losey, 1976)
Monsieur Klein
»Allô … Robert Klein?« – »Qui est à l’appareil?« – »Robert Klein.« Es ist ein ganz normaler Vormittag während der deutschen Okkupation, als Monsieur Klein (Alain Delon) vor seiner Tür eine Zeitschrift findet, die er nicht abonniert hat. Mit der ungebetenen Zustellung der ›Informations juives‹ gerät der mondäne Pariser Antiquitätenhändler, der in letzter Zeit gute Geschäfte macht mit Menschen, die (ohne daß sie etwas Böses getan hätten) unter einem gewissen Druck stehen, in den eigentümlichen Apparat der Bürokratie. Schnell drängt sich der Verdacht auf, daß es einen zweiten Robert Klein gäbe, einen Verfolgten, der sich zum Schutz seines bedrohten Lebens hinter der Identität des gleichnamigen Geschäftsmannes verbärge. Monsieur Klein erlebt die Spaltung seiner Persönlichkeit, erfährt die Verwandlung in einen Anderen, muß sein erodierendes Selbst vor einem wahnsinnig-konsequenten Gesetz verteidigen, findet sich wieder in einer Strafkolonie der Absonderung, Entwürdigung, Vernichtung. Joseph Losey erzählt eine historisch präzise lokalisierte Geschichte als blaßgrauen Alptraum, als zwangsläufige Ausbreitung einer tödlichen Idee in der ungesicherten Wirklichkeit, als furchterregend-ordentlichen Prozeß, in dem das Urteil längst feststeht. Monsieur Delon geht durch dieses Geschehen mit der ungläubig-gefrorenen Miene desjenigen, der in einem schwarzen Spiegel die unaufhaltsame Dekonstruktion seiner ehedem festgefügten Welt beobachtet und vor Entsetzen nicht fähig ist zu schreien.
R Joseph Losey B Franco Solinas K Gerry Fisher M Egisto Macchi, Piero Porte A Alexandre Trauner S Henri Lanoë P Alain Delon D Alain Delon, Michel Lonsdale, Jeanne Moreau, Francine Bergé, Juliet Berto | F & I | 123 min | 1:1,66 | f | 13. Mai 1976
»Allô … Robert Klein?« – »Qui est à l’appareil?« – »Robert Klein.« Es ist ein ganz normaler Vormittag während der deutschen Okkupation, als Monsieur Klein (Alain Delon) vor seiner Tür eine Zeitschrift findet, die er nicht abonniert hat. Mit der ungebetenen Zustellung der ›Informations juives‹ gerät der mondäne Pariser Antiquitätenhändler, der in letzter Zeit gute Geschäfte macht mit Menschen, die (ohne daß sie etwas Böses getan hätten) unter einem gewissen Druck stehen, in den eigentümlichen Apparat der Bürokratie. Schnell drängt sich der Verdacht auf, daß es einen zweiten Robert Klein gäbe, einen Verfolgten, der sich zum Schutz seines bedrohten Lebens hinter der Identität des gleichnamigen Geschäftsmannes verbärge. Monsieur Klein erlebt die Spaltung seiner Persönlichkeit, erfährt die Verwandlung in einen Anderen, muß sein erodierendes Selbst vor einem wahnsinnig-konsequenten Gesetz verteidigen, findet sich wieder in einer Strafkolonie der Absonderung, Entwürdigung, Vernichtung. Joseph Losey erzählt eine historisch präzise lokalisierte Geschichte als blaßgrauen Alptraum, als zwangsläufige Ausbreitung einer tödlichen Idee in der ungesicherten Wirklichkeit, als furchterregend-ordentlichen Prozeß, in dem das Urteil längst feststeht. Monsieur Delon geht durch dieses Geschehen mit der ungläubig-gefrorenen Miene desjenigen, der in einem schwarzen Spiegel die unaufhaltsame Dekonstruktion seiner ehedem festgefügten Welt beobachtet und vor Entsetzen nicht fähig ist zu schreien.
R Joseph Losey B Franco Solinas K Gerry Fisher M Egisto Macchi, Piero Porte A Alexandre Trauner S Henri Lanoë P Alain Delon D Alain Delon, Michel Lonsdale, Jeanne Moreau, Francine Bergé, Juliet Berto | F & I | 123 min | 1:1,66 | f | 13. Mai 1976
Labels:
Antisemitismus,
Delon,
Drama,
Holocaust,
Losey,
Moreau,
Paris,
Phantastik,
Thriller,
Zweiter Weltkrieg
11.4.73
Scorpio (Michael Winner, 1973)
Scorpio, der Killer
Der Spionage-Thriller ist eines der Schlüsselgenres der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Die »Landschaft der Verrats« findet ihre eindrücklichste Widerspiegelung im Agentenfilm, und so haben auch halbgare Exemplare der Gattung zumeist ihre Meriten. Die besseren Momente von »Scorpio« etwa beschäftigen sich mit der Auseinandersetzung zwischen altgewordenen Idealisten (verkörpert von Burt Lancaster und Paul Scofield) sowie nachwachsenden Technokraten und karrieristischen Söldnern (porträtiert von Alain Delon); der Krieg der Ideologien ist in einen Krieg der »Dienste« übergegangen, deren Glaubensinhalt im Professionalismus liegt: »The only rule is to stay in the game.« Hauptschauplatz des Geschehens ist Wien, das statt blauer Donau nur braungraue Fassaden zeigt und mit der U-Bahn-Baustelle am Karlsplatz die Kulisse für eine halbwegs dramatische unterirdische Verfolgungsjagd liefert. Leise zitternde Erinnerungen an »The Third Man« kommen auf, doch Regisseur Michael Winner fällt inszenatorisch nicht viel mehr ein, als die Erwartungen des Zuschauers immer wieder dadurch zu unterlaufen, daß er in die Totale schneidet, wenn mit einer Großaufnahne zu rechnen gewesen wäre (oder umgekehrt).
R Michael Winner B David W. Rintels, Gerald Wilson K Robert Paynter M Jerry Fielding A Herbert Westbrook S Michael Winner P Walter Mirisch D Burt Lancaster, Alain Delon, Paul Scofield, John Colicos, Gayle Hunnicutt | USA | 114 min | 1:1,85 | f | 11. April 1973
Der Spionage-Thriller ist eines der Schlüsselgenres der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Die »Landschaft der Verrats« findet ihre eindrücklichste Widerspiegelung im Agentenfilm, und so haben auch halbgare Exemplare der Gattung zumeist ihre Meriten. Die besseren Momente von »Scorpio« etwa beschäftigen sich mit der Auseinandersetzung zwischen altgewordenen Idealisten (verkörpert von Burt Lancaster und Paul Scofield) sowie nachwachsenden Technokraten und karrieristischen Söldnern (porträtiert von Alain Delon); der Krieg der Ideologien ist in einen Krieg der »Dienste« übergegangen, deren Glaubensinhalt im Professionalismus liegt: »The only rule is to stay in the game.« Hauptschauplatz des Geschehens ist Wien, das statt blauer Donau nur braungraue Fassaden zeigt und mit der U-Bahn-Baustelle am Karlsplatz die Kulisse für eine halbwegs dramatische unterirdische Verfolgungsjagd liefert. Leise zitternde Erinnerungen an »The Third Man« kommen auf, doch Regisseur Michael Winner fällt inszenatorisch nicht viel mehr ein, als die Erwartungen des Zuschauers immer wieder dadurch zu unterlaufen, daß er in die Totale schneidet, wenn mit einer Großaufnahne zu rechnen gewesen wäre (oder umgekehrt).
R Michael Winner B David W. Rintels, Gerald Wilson K Robert Paynter M Jerry Fielding A Herbert Westbrook S Michael Winner P Walter Mirisch D Burt Lancaster, Alain Delon, Paul Scofield, John Colicos, Gayle Hunnicutt | USA | 114 min | 1:1,85 | f | 11. April 1973
18.1.73
Traitement de choc (Alain Jessua, 1973)
Der Preis für ein Leben
Eine Reise zur Quelle der ewigen Jugend … Hélène Masson (Annie Girardot), Modemacherin Ende 30, erfolgreich und erschöpft, von ihrem Freund wegen einer Jüngeren verlassen, fährt zur Kur ans Meer, in die abgelegene Privatklinik des attraktiv-alerten Dr. Devilers (Alain Delon), der an seinen Patienten wahre Wunder vollbringt. Es ist eine exklusive und zahlungskräftige Klientel, die sich in der modernen Heilstätte regelmäßig zur Thalassotherapie einfindet; die verschiedenen Anwendungen werden ergänzt durch Aufbauspritzen von überraschend belebender Wirkung. Hélène genießt zunächst die ungezwungene Atmosphäre wie auch die erotischen Aufmerksamkeiten des Chefarztes, wundert sich aber über die zunehmende Schlappheit der zahlreichen jungen portugiesischen Bediensteten; nach dem Selbstmord eines guten Freundes und Mitpatienten unternimmt sie auf eigene Faust Recherchen in der abweisenden Umgebung der Klinik und in den geheimen Laboratorien des Verjüngungsspezialisten … Alain Jessua beschreibt in seinem makabren Thriller nicht nur die allzumenschliche Furcht vor physischem Verfall und die verzweifelte Jagd nach dauerhafter Kraft und Schönheit, er zieht auch eine gerade Linie von den blutigen Opferritualen archaischer Gesellschaften zu den ausbeuterischen Klassenverhältnissen der abendländischen Zivilisation: Immer sind es die Schwachen, die über die Klinge springen, um die Starken stärker zu machen.
R Alain Jessua B Alain Jessua, Roger Curel K Jacques Robin M René Koering, Alain Jessua A Constantin Mejinsky S Hélène Plemiannikov P Raymond Danon, Robert Dorfmann D Annie Girardot, Alain Delon, Michel Duchaussoy, Robert Hirsch, Jean-François Calvé | F & I | 91 min | 1:1,66 | f | 18. Januar 1973
# 859 | 18. April 2014
Labels:
Arzt,
Delon,
Gesellschaft,
Girardot,
Horror,
Jessua,
Klinik,
Mad scientist,
Medizin,
Meer,
Satire,
Science fiction,
Thriller
25.10.72
Un flic (Jean-Pierre Melville, 1972)
Der Chef
»Wo man zu zweit ist, gibt es einen Verräter.« – Mit »Un flic« illustriert Jean-Pierre Melville sein fatalistisches Diktum in kältesten Farben. Die einzigen warmen Tupfer setzen die Rotlichter der Verkehrsampeln. Alain Delon als Pariser Bulle Édouard Coleman, Richard Crenna als Gangster Simon – Freunde, Gegenspieler, Meister ihres Fachs, austauschbar in Garderobe, Mimik und Stoizismus. Dazwischen: Catherine Deneuve als beider Geliebte Cathy – ein perlmuttblonder Engel des Todes. Abgesehen von einer ans Lächerliche grenzenden Modelleisenbahnsequenz, die den Genuß des Werkes passagenweise empfindlich trübt, treibt der eisige Professionalismus des »aristokratischen Anarchisten« (Melville über Melville) die Möglichkeiten des Mediums noch einmal gnadenlos an den kinematographischen Gefrierpunkt. Delons leerer Blick im letzten Bild dieses letzten Melville-Films bleibt unvergeßlich: Der flic hat das Ende des Kinos gesehen.
R Jean-Pierre Melville B Jean-Pierre Melville K Walter Wottitz M Michel Colombier A Théobald Meurisse S Patricia Nény P Robert Dorfman D Alain Delon, Richard Crenna, Catherine Deneuve, Paul Crauchet, Jean Desailly | F & I | 98 min | 1:1,85 | f | 25. Oktober 1972
»Wo man zu zweit ist, gibt es einen Verräter.« – Mit »Un flic« illustriert Jean-Pierre Melville sein fatalistisches Diktum in kältesten Farben. Die einzigen warmen Tupfer setzen die Rotlichter der Verkehrsampeln. Alain Delon als Pariser Bulle Édouard Coleman, Richard Crenna als Gangster Simon – Freunde, Gegenspieler, Meister ihres Fachs, austauschbar in Garderobe, Mimik und Stoizismus. Dazwischen: Catherine Deneuve als beider Geliebte Cathy – ein perlmuttblonder Engel des Todes. Abgesehen von einer ans Lächerliche grenzenden Modelleisenbahnsequenz, die den Genuß des Werkes passagenweise empfindlich trübt, treibt der eisige Professionalismus des »aristokratischen Anarchisten« (Melville über Melville) die Möglichkeiten des Mediums noch einmal gnadenlos an den kinematographischen Gefrierpunkt. Delons leerer Blick im letzten Bild dieses letzten Melville-Films bleibt unvergeßlich: Der flic hat das Ende des Kinos gesehen.
R Jean-Pierre Melville B Jean-Pierre Melville K Walter Wottitz M Michel Colombier A Théobald Meurisse S Patricia Nény P Robert Dorfman D Alain Delon, Richard Crenna, Catherine Deneuve, Paul Crauchet, Jean Desailly | F & I | 98 min | 1:1,85 | f | 25. Oktober 1972
20.10.70
Le cercle rouge (Jean-Pierre Melville, 1970)
Vier im roten Kreis
»Les hommes sont coupables. Ils viennent au monde innocents mais ça ne dure pas.« – Jean-Pierre Melville zieht um vier Menschen (= Männer – es gibt im Grunde nur Männer bei Melville) seiner eisblau-beige-grauen (Unter-)Welt einen roten Kreis, in dem sie sich treffen werden / sollen / müssen. Corey (Alain Delon), Vogel (Gian Maria Volonté), Jansen (Yves Montand), Mattei (André Bourvil) – Gesetzesbrecher, Gesetzeshüter … wie auch immer, Profis allesamt. Die einen planen (und begehen) ein Verbrechen (in diesem Fall: einen Juwelenraub), ein anderer sucht es zu verhindern (bzw. aufzuklären). Ihre Bewegungen, ihre Methoden, ihre Blicke, ihre Mäntel, ihre Hüte – identisch. Warum einer Polizist wurde und die anderen Gangster? Unwichtig. Man ist es eben (mangels anderer Gelegenheit – vielleicht), und man ist es gut. Der Perfektionismus, die Könnerschaft (um nicht zu sagen: die Kunst) sind die letzte Befriedigung (und Selbstbestätigung), die dem freien (?) Menschen im Zeitalter der (ideologischen) Lüge bleibt – einerlei ob es sich dabei um das gezielte Abfeuern eines Schusses, das sichere Aufstellen einer Falle oder die Inszenierung eines perfekten Films handelt. Und der beste Grund, seine Fertigkeiten unter Beweis zu stellen, scheint noch, an den Bewohnern der Wandschranks Rache zu nehmen. Bewohner des Wandschranks? Es würde zu lange dauern, es zu erklären … PS: »Tous les hommes!«
R Jean-Pierre Melville B Jean-Pierre Melville K Henri Decaë M Éric Demarsan A Théobald Meurisse S Marie-Sophie Dubus P Robert Dorfman D Alain Delon, André Bourvil, Gian Maria Volonté, Yves Montand, Paul Amiot | F & I | 140 min | 1:1,66 | f | 20. Oktober 1970
»Les hommes sont coupables. Ils viennent au monde innocents mais ça ne dure pas.« – Jean-Pierre Melville zieht um vier Menschen (= Männer – es gibt im Grunde nur Männer bei Melville) seiner eisblau-beige-grauen (Unter-)Welt einen roten Kreis, in dem sie sich treffen werden / sollen / müssen. Corey (Alain Delon), Vogel (Gian Maria Volonté), Jansen (Yves Montand), Mattei (André Bourvil) – Gesetzesbrecher, Gesetzeshüter … wie auch immer, Profis allesamt. Die einen planen (und begehen) ein Verbrechen (in diesem Fall: einen Juwelenraub), ein anderer sucht es zu verhindern (bzw. aufzuklären). Ihre Bewegungen, ihre Methoden, ihre Blicke, ihre Mäntel, ihre Hüte – identisch. Warum einer Polizist wurde und die anderen Gangster? Unwichtig. Man ist es eben (mangels anderer Gelegenheit – vielleicht), und man ist es gut. Der Perfektionismus, die Könnerschaft (um nicht zu sagen: die Kunst) sind die letzte Befriedigung (und Selbstbestätigung), die dem freien (?) Menschen im Zeitalter der (ideologischen) Lüge bleibt – einerlei ob es sich dabei um das gezielte Abfeuern eines Schusses, das sichere Aufstellen einer Falle oder die Inszenierung eines perfekten Films handelt. Und der beste Grund, seine Fertigkeiten unter Beweis zu stellen, scheint noch, an den Bewohnern der Wandschranks Rache zu nehmen. Bewohner des Wandschranks? Es würde zu lange dauern, es zu erklären … PS: »Tous les hommes!«
R Jean-Pierre Melville B Jean-Pierre Melville K Henri Decaë M Éric Demarsan A Théobald Meurisse S Marie-Sophie Dubus P Robert Dorfman D Alain Delon, André Bourvil, Gian Maria Volonté, Yves Montand, Paul Amiot | F & I | 140 min | 1:1,66 | f | 20. Oktober 1970
1.12.69
Le clan des Siciliens (Henri Verneuil, 1969)
Der Clan der Sizilianer
Großer Cast: Jean Gabin (der alte Sizilianer, der sich irgendwann (aber wann?) zur Ruhe setzen will), Alain Delon (der sexy Gewaltverbrecher, der zwei Jahre lang keine Frau mehr hatte), Lino Ventura (der einsilbige Kommissar, der sich das Rauchen (dann doch nicht) abgewöhnt). Tolle Crew: Henri Decaë (distanzierte Kamera), José Giovanni (prägnante Dialoge), Ennio Morricone (»Boing«). Von Henri Verneuil mit fast unpersönlicher Lakonie eingerichtet, variiert »Le clan des Siciliens« schlau die alte Geschichte (besser gesagt: den alten Traum) vom perfekten (letzten) Coup und sinniert abgeklärt über die Konsequenzen mangelnder Beherrschung sowie über das Verhängnis von zu viel Wahrheit zum falschen Zeitpunkt.
R Henri Verneuil B José Giovanni, Henri Verneuil, Pierre Pelegri V Auguste Le Breton K Henri Decaë M Ennio Morricone A Jacques Saulnier S Pierre Gillette P Jacques-Eric Strauss D Jean Gabin, Alain Delon, Lino Ventura, Irina Demick, Amedeo Nazzari | F | 122 min | 1:2,35 | f | 1. Dezember 1969
Großer Cast: Jean Gabin (der alte Sizilianer, der sich irgendwann (aber wann?) zur Ruhe setzen will), Alain Delon (der sexy Gewaltverbrecher, der zwei Jahre lang keine Frau mehr hatte), Lino Ventura (der einsilbige Kommissar, der sich das Rauchen (dann doch nicht) abgewöhnt). Tolle Crew: Henri Decaë (distanzierte Kamera), José Giovanni (prägnante Dialoge), Ennio Morricone (»Boing«). Von Henri Verneuil mit fast unpersönlicher Lakonie eingerichtet, variiert »Le clan des Siciliens« schlau die alte Geschichte (besser gesagt: den alten Traum) vom perfekten (letzten) Coup und sinniert abgeklärt über die Konsequenzen mangelnder Beherrschung sowie über das Verhängnis von zu viel Wahrheit zum falschen Zeitpunkt.
R Henri Verneuil B José Giovanni, Henri Verneuil, Pierre Pelegri V Auguste Le Breton K Henri Decaë M Ennio Morricone A Jacques Saulnier S Pierre Gillette P Jacques-Eric Strauss D Jean Gabin, Alain Delon, Lino Ventura, Irina Demick, Amedeo Nazzari | F | 122 min | 1:2,35 | f | 1. Dezember 1969
25.10.67
Le samouraï (Jean-Pierre Melville, 1967)
Der eiskalte Engel
»Qu’est-ce que vous pensez de Costello?« – »Je ne pense jamais.« Jean-Pierre Melvilles zeremonielle Studie über die totale Einsamkeit, über die Fremdheit unter anderen und in sich selbst, begleitet den Killer Jef Costello auf (s)einer Reise in den Tod. Jef (Alain Delon spielt ihn mit maskenhafter Ungerührtheit) ist ein Mann, der weder Vergangenheit noch Zukunft hat; seine Gegenwart kennt nur Aufträge und Gewohnheit, abgezirkelte Gesten und makellosen Stil. Die Erzählung – mit einem Kommissar, der niemals denkt (François Périer), mit einer Verlobten, die es mag, gebraucht zu werden (Nathalie Delon), mit einer Zeugin, die sphinxhaft schweigt (Cathy Rosier) – kombiniert bekannte Versatzstücke aus film noir und gangster movies, aber Melville geht es gar nicht um Handlung, sondern, wie seinem Protagonisten, um die vollendete Form der (Selbst-)Darstellung, um die fast parodistische Reduktion des Zeigens von Emotion. François de Roubaix trägt zu diesem Spiel der leeren Blicke und kalkulierten Bewegungen einen minimalistisch-elektronischen Soundtrack bei. Henri Decaës Kamera schwelgt in müdem Beige, staubigem Grau und frostigem Blau. Näher zum absoluten Nullpunkt drang das Kino selten vor – »Le samouraï« ist ein Film, der nichts gibt und nichts will, ein Film, der sich selbst genügt.
R Jean-Pierre Melville B Jean-Pierre Melville, Georges Pellegrin V Joan McLeod K Henri Decaë M François de Roubaix A François de Lamothe S Monique Bonnot, Yolande Maurette P Raymond Borderie, Eugène Lépicier D Alain Delon, François Périer, Nathalie Delon, Cathy Rosier, Michel Boisrond | F & I | 105 min | 1:1,85 | f | 25. Oktober 1967
»Qu’est-ce que vous pensez de Costello?« – »Je ne pense jamais.« Jean-Pierre Melvilles zeremonielle Studie über die totale Einsamkeit, über die Fremdheit unter anderen und in sich selbst, begleitet den Killer Jef Costello auf (s)einer Reise in den Tod. Jef (Alain Delon spielt ihn mit maskenhafter Ungerührtheit) ist ein Mann, der weder Vergangenheit noch Zukunft hat; seine Gegenwart kennt nur Aufträge und Gewohnheit, abgezirkelte Gesten und makellosen Stil. Die Erzählung – mit einem Kommissar, der niemals denkt (François Périer), mit einer Verlobten, die es mag, gebraucht zu werden (Nathalie Delon), mit einer Zeugin, die sphinxhaft schweigt (Cathy Rosier) – kombiniert bekannte Versatzstücke aus film noir und gangster movies, aber Melville geht es gar nicht um Handlung, sondern, wie seinem Protagonisten, um die vollendete Form der (Selbst-)Darstellung, um die fast parodistische Reduktion des Zeigens von Emotion. François de Roubaix trägt zu diesem Spiel der leeren Blicke und kalkulierten Bewegungen einen minimalistisch-elektronischen Soundtrack bei. Henri Decaës Kamera schwelgt in müdem Beige, staubigem Grau und frostigem Blau. Näher zum absoluten Nullpunkt drang das Kino selten vor – »Le samouraï« ist ein Film, der nichts gibt und nichts will, ein Film, der sich selbst genügt.
R Jean-Pierre Melville B Jean-Pierre Melville, Georges Pellegrin V Joan McLeod K Henri Decaë M François de Roubaix A François de Lamothe S Monique Bonnot, Yolande Maurette P Raymond Borderie, Eugène Lépicier D Alain Delon, François Périer, Nathalie Delon, Cathy Rosier, Michel Boisrond | F & I | 105 min | 1:1,85 | f | 25. Oktober 1967
28.3.63
Il gattopardo (Luchino Visconti, 1963)
Der Leopard
Sizilien im Jahr 1860: an der Seite einheimischer Rebellen kämpfen Garibaldis Rothemden gegen die Bourbonenherrschaft für ein vereinigtes Italien unter savoyischer Führung. Luchino Visconti, Sproß eines bedeutenden Mailänder Adelshauses, inszeniert seine Adaption des ersten (und einzigen) Romans des sizilianischen Aristokraten Giuseppe Tomasi di Lampedusa als bild- und tongewaltiges Panorama eines Epochenbruchs: eine alte Welt versinkt, eine neue Welt entsteht, eingefangen in Giuseppe Rotunnos brüchig-opulenten Technirama-Malereien, begleitet von Nino Rotas schwelgerisch-melancholischen Kompositionen. Im Mittelpunkt des episodisch strukturierten Epos: Don Fabrizio, Fürst von Salina (Burt Lancaster), als würdevoller Repräsentant einer abtretenden Klasse nicht nur Protagonist der Erzählung, sondern auch gefaßter Beobachter eines historischen Dramas, illusionsloser Kommentator politischer Umwälzungen, selbstreflektierter Rollenspieler in einem vielschichtigen Gesellschaftsstück. Wenn alles bleiben solle, wie es ist, müsse sich alles ändern, wird der alternde Fürst von seinem ehrgeizigen jungen Neffen belehrt – und tatsächlich ändert sich trotz gewaltig scheinender Verwerfungen im Grunde nichts, bleibt realiter alles beim Alten, abgesehen davon vielleicht, daß Ideale verraten werden, daß die Macht den Namen und das Geld die Taschen wechselt, daß die Leoparden, die Löwen, die Adler den Platz räumen für Schafe, Hyänen, Schakale. Neben Lancaster brillieren Alain Delon als aalglatter Karrierist, Claudia Cardinale als durchsetzungskräftige Schönheit, Serge Reggiani als standhafter Reaktionär, Rina Morelli als nervöse Frömmlerin, Paolo Stoppa als durchtriebener Emporkömmling in einem filmischen Fest, das die Feiernden konsequent mit der Ahnung des Todes umgibt.
R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Suso Cecchi D’Amico, Pasquale Festa Campanile, Enrico Medioli, Massimo Franciosa V Giuseppe Tomasi di Lampedusa K Giuseppe Rotunno M Nino Rota A Mario Garbuglia S Mario Serandrei P Goffredo Lombardo D Burt Lancaster, Alain Delon, Claudia Cardinale, Paolo Stoppa, Rina Morelli, Romolo Valli, Serge Reggiani | I & F | 187 min | 1:2,35 | f | 28. März 1963
# 1158 | 19. April 2019
Sizilien im Jahr 1860: an der Seite einheimischer Rebellen kämpfen Garibaldis Rothemden gegen die Bourbonenherrschaft für ein vereinigtes Italien unter savoyischer Führung. Luchino Visconti, Sproß eines bedeutenden Mailänder Adelshauses, inszeniert seine Adaption des ersten (und einzigen) Romans des sizilianischen Aristokraten Giuseppe Tomasi di Lampedusa als bild- und tongewaltiges Panorama eines Epochenbruchs: eine alte Welt versinkt, eine neue Welt entsteht, eingefangen in Giuseppe Rotunnos brüchig-opulenten Technirama-Malereien, begleitet von Nino Rotas schwelgerisch-melancholischen Kompositionen. Im Mittelpunkt des episodisch strukturierten Epos: Don Fabrizio, Fürst von Salina (Burt Lancaster), als würdevoller Repräsentant einer abtretenden Klasse nicht nur Protagonist der Erzählung, sondern auch gefaßter Beobachter eines historischen Dramas, illusionsloser Kommentator politischer Umwälzungen, selbstreflektierter Rollenspieler in einem vielschichtigen Gesellschaftsstück. Wenn alles bleiben solle, wie es ist, müsse sich alles ändern, wird der alternde Fürst von seinem ehrgeizigen jungen Neffen belehrt – und tatsächlich ändert sich trotz gewaltig scheinender Verwerfungen im Grunde nichts, bleibt realiter alles beim Alten, abgesehen davon vielleicht, daß Ideale verraten werden, daß die Macht den Namen und das Geld die Taschen wechselt, daß die Leoparden, die Löwen, die Adler den Platz räumen für Schafe, Hyänen, Schakale. Neben Lancaster brillieren Alain Delon als aalglatter Karrierist, Claudia Cardinale als durchsetzungskräftige Schönheit, Serge Reggiani als standhafter Reaktionär, Rina Morelli als nervöse Frömmlerin, Paolo Stoppa als durchtriebener Emporkömmling in einem filmischen Fest, das die Feiernden konsequent mit der Ahnung des Todes umgibt.
R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Suso Cecchi D’Amico, Pasquale Festa Campanile, Enrico Medioli, Massimo Franciosa V Giuseppe Tomasi di Lampedusa K Giuseppe Rotunno M Nino Rota A Mario Garbuglia S Mario Serandrei P Goffredo Lombardo D Burt Lancaster, Alain Delon, Claudia Cardinale, Paolo Stoppa, Rina Morelli, Romolo Valli, Serge Reggiani | I & F | 187 min | 1:2,35 | f | 28. März 1963
# 1158 | 19. April 2019
19.3.63
Mélodie en sous-sol (Henri Verneuil, 1963)
Lautlos wie die Nacht
Analog zum Spätwestern gibt es so etwas wie den Spät-Gangsterfilm – »Held« des melancholischen Subgenres ist der alternde, mehr oder weniger blessierte Ganove, der es noch einmal wissen will, obwohl er es besser wissen müßte. Auch Monsieur Charles (Jean Gabin), um die 60 und gerade aus dem Knast in eine freudlose Vorstadtwirklichkeit entlassen, träumt den Traum vom letzten großen Coup, dessen Gelingen einen Lebensabend in luxuriöser Abgeschiedenheit sichern soll. Weil er es nicht allein riskieren will (und kann), das Casino an der Côte d’Azur um die fetten Gewinne zu erleichtern, sucht er einen Partner und findet ihn in Francis Verlot (Alain Delon), einem jungen Heißsporn, den sich der alte Profi freilich erst zurechtbiegen muß ... Henri Verneuil betrachtet die kriminelle Geschäftigkeit seiner Figuren zugleich mit ironischer Distanz und diskreter Sympathie; die sachlich-poetische Schwarzweiß-Kamera (Louis Page), der symphonisch-jazzige Score (Michel Magne), insbesondere aber die Lakonie, die Gabin auch dann noch an den Tag legt, wenn Monsieur Charles seine Hoffnungen zu dummer Letzt davonschwimmen sieht, machen den cool-melancholischen Reiz dieses eleganten film de casse aus.
R Henri Verneuil B Michel Audiard, Albert Simonin, Henri Verneuil V John Trinian K Louis Page M Michel Magne A Robert Clavel S Françoise Bonnot P Jacques Bar D Jean Gabin, Alain Delon, Maurice Biraud, Viviane Romance, Carla Marlier, José Luis de Vilallonga | F & I | 118 min | 1:2,35 | sw | 19. März 1963
# 1057 | 21. Juni 2017
Analog zum Spätwestern gibt es so etwas wie den Spät-Gangsterfilm – »Held« des melancholischen Subgenres ist der alternde, mehr oder weniger blessierte Ganove, der es noch einmal wissen will, obwohl er es besser wissen müßte. Auch Monsieur Charles (Jean Gabin), um die 60 und gerade aus dem Knast in eine freudlose Vorstadtwirklichkeit entlassen, träumt den Traum vom letzten großen Coup, dessen Gelingen einen Lebensabend in luxuriöser Abgeschiedenheit sichern soll. Weil er es nicht allein riskieren will (und kann), das Casino an der Côte d’Azur um die fetten Gewinne zu erleichtern, sucht er einen Partner und findet ihn in Francis Verlot (Alain Delon), einem jungen Heißsporn, den sich der alte Profi freilich erst zurechtbiegen muß ... Henri Verneuil betrachtet die kriminelle Geschäftigkeit seiner Figuren zugleich mit ironischer Distanz und diskreter Sympathie; die sachlich-poetische Schwarzweiß-Kamera (Louis Page), der symphonisch-jazzige Score (Michel Magne), insbesondere aber die Lakonie, die Gabin auch dann noch an den Tag legt, wenn Monsieur Charles seine Hoffnungen zu dummer Letzt davonschwimmen sieht, machen den cool-melancholischen Reiz dieses eleganten film de casse aus.
R Henri Verneuil B Michel Audiard, Albert Simonin, Henri Verneuil V John Trinian K Louis Page M Michel Magne A Robert Clavel S Françoise Bonnot P Jacques Bar D Jean Gabin, Alain Delon, Maurice Biraud, Viviane Romance, Carla Marlier, José Luis de Vilallonga | F & I | 118 min | 1:2,35 | sw | 19. März 1963
# 1057 | 21. Juni 2017
12.4.62
L'eclisse (Michelangelo Antonioni, 1962)
Liebe 1962
Ein Film so modern, so endgültig, so unerbittlich schön wie die ›Concorde‹, wie die ›Helvetica‹, wie die Architektur von Brasília ... Eine elegante Wohnung, die Vorhänge geschlossen, vom Luftzug eines Ventilators durchweht. Zwischen Büchern, Antiquitäten, modernen Gemälden: ein Mann und eine Frau, sitzend, starrend, stehend, stöhnend, schweigend, schweigend, schweigend. Das stumme Ende einer Beziehung, die vielleicht einmal eine Liebe war. Als die Gardinen endlich geöffnet werden, sehen die Frau und der Mann hinaus in einen hellgrauen Morgen, auf einen Betonwasserturm, der an einen Atompilz erinnert. Nachdem sich Vittoria (suchend: Monica Vitti) von Riccardo (resigniert: Francisco Rabal) getrennt hat, trifft sie an der römischen Börse, wo ihre Mutter mit kleinen Summen spekuliert, den Broker Piero (quecksilbrig: Alain Delon). Mit bemerkenswerter Eindringlichkeit präsentiert Michelangelo Antonioni die Leidenschaften, von denen das Parkett beherrscht wird, die fieberhafte Extase der Hausse, die blanke Verzweiflung der Baisse, entfesselte Emotionen, die im zwischenmenschlichen Bereich längst nicht mehr möglich scheinen. Für eine gewisse Zeit sind Vittoria und Piero ein Paar. Eines Tages ist es vorbei, ohne Erklärung, einfach so. Die Ecke, an der sie sich immer trafen, bleibt verwaist – aber sie bleibt. Denn der Film macht einfach weiter, auch ohne Vitti und Delon. Steine, Zäune, der Wind im Laub der Bäume, Baustellen, Schatten, eine Regentonne, ein Zebrastreifen, ein Rinnsal, das in einen Gulli fließt, Passanten, Blicke, die quietschenden Reifen eines Busses, glatte Fassaden, spielende Kinder, ein Flugzeug am Himmel, Schritte, Risse im Asphalt, Dunkelheit, Laternen, blendendes Licht – eine siebenminüte Montage als einsamer Höhe- und Schlußpunkt des Erzählkinos.
R Michelangelo Antonioni B Michelangelo Antonioni, Tonino Guerra K Gianni Di Venanzo M Giovanni Fusco A Piero Poletto S Eraldo Da Roma P Raymond Hakim, Robert Hakim D Monica Vitti, Alain Delon, Francisco Rabal, Louis Seigner, Lilla Brignone | I & F | 126 min | 1:1,85 | sw | 12. April 1962
Ein Film so modern, so endgültig, so unerbittlich schön wie die ›Concorde‹, wie die ›Helvetica‹, wie die Architektur von Brasília ... Eine elegante Wohnung, die Vorhänge geschlossen, vom Luftzug eines Ventilators durchweht. Zwischen Büchern, Antiquitäten, modernen Gemälden: ein Mann und eine Frau, sitzend, starrend, stehend, stöhnend, schweigend, schweigend, schweigend. Das stumme Ende einer Beziehung, die vielleicht einmal eine Liebe war. Als die Gardinen endlich geöffnet werden, sehen die Frau und der Mann hinaus in einen hellgrauen Morgen, auf einen Betonwasserturm, der an einen Atompilz erinnert. Nachdem sich Vittoria (suchend: Monica Vitti) von Riccardo (resigniert: Francisco Rabal) getrennt hat, trifft sie an der römischen Börse, wo ihre Mutter mit kleinen Summen spekuliert, den Broker Piero (quecksilbrig: Alain Delon). Mit bemerkenswerter Eindringlichkeit präsentiert Michelangelo Antonioni die Leidenschaften, von denen das Parkett beherrscht wird, die fieberhafte Extase der Hausse, die blanke Verzweiflung der Baisse, entfesselte Emotionen, die im zwischenmenschlichen Bereich längst nicht mehr möglich scheinen. Für eine gewisse Zeit sind Vittoria und Piero ein Paar. Eines Tages ist es vorbei, ohne Erklärung, einfach so. Die Ecke, an der sie sich immer trafen, bleibt verwaist – aber sie bleibt. Denn der Film macht einfach weiter, auch ohne Vitti und Delon. Steine, Zäune, der Wind im Laub der Bäume, Baustellen, Schatten, eine Regentonne, ein Zebrastreifen, ein Rinnsal, das in einen Gulli fließt, Passanten, Blicke, die quietschenden Reifen eines Busses, glatte Fassaden, spielende Kinder, ein Flugzeug am Himmel, Schritte, Risse im Asphalt, Dunkelheit, Laternen, blendendes Licht – eine siebenminüte Montage als einsamer Höhe- und Schlußpunkt des Erzählkinos.
R Michelangelo Antonioni B Michelangelo Antonioni, Tonino Guerra K Gianni Di Venanzo M Giovanni Fusco A Piero Poletto S Eraldo Da Roma P Raymond Hakim, Robert Hakim D Monica Vitti, Alain Delon, Francisco Rabal, Louis Seigner, Lilla Brignone | I & F | 126 min | 1:1,85 | sw | 12. April 1962
10.3.60
Plein soleil (René Clément, 1960)
Nur die Sonne war Zeuge
»Wozu brauche ich Geld? Ich habe das Geld anderer Leute.« René Clément beweist mit seiner Adaption von Patricia Highsmiths »The Talented Mr. Ripley«, daß dem Gelingen einer Literaturverfilmung künstlerische Freiheit im Umgang mit der Vorlage nicht im Wege stehen muß. »Plein soleil« strafft das komplexe Romangeschehen sehr geschickt und konzentriert sich auf die zentrale Dreieckskonstellation zwischen dem armen Schlucker Tom Ripley (Alain Delon), dem reichen Playboy Dickie Greenleaf (Maurice Ronet) und dessen indifferenter Freundin Marge (Marie Laforet) – saumseliges Dolcefarniente und moralische Verkommenheit: zwei Seiten einer Medaille. Henri Decaës kristallklare Bilder, Nino Rotas unfelliniesk-coole Musik und das distanzierte Spiel der Darsteller transponieren den ironisch-frostigen Highsmith-Sound perfekt ins Medium Film. Delon verkörpert intensiv jene Mischung aus Neid, Charme, Gier, Intelligenz und Skrupellosigkeit, die Ripley zu einer der großen literarischen Gestalten des 20. Jahrhunderts macht – ein mieser Charakter, der über Leichen geht für das, was alle wollen: ein glückliches Leben in Ruhe und Frieden. Mit seinem der (Leinwand-)Moral geschuldeten »Crime-doesn’t-pay«-Ende schreckt der Film vor der Konsequenz der Vorlage zurück. Nur ein Quentchen Zynismus (Highsmith würde es vielleicht Realismus nennen) fehlt diesem schönen, kalten Film zum vollendeten Meisterwerk.
R René Clément B René Clément, Paul Gégauff V Patricia Highsmith K Henri Decaë M Nino Rota A Paul Bertrand S Françoise Javet P Ryamond Hakim, Robert Hakim D Alain Delon, Maurice Ronet, Marie Laforet, Erno Crisa, Billy Kearns | F & I | 118 min | 1:1,66 | f | 10. März 1960
»Wozu brauche ich Geld? Ich habe das Geld anderer Leute.« René Clément beweist mit seiner Adaption von Patricia Highsmiths »The Talented Mr. Ripley«, daß dem Gelingen einer Literaturverfilmung künstlerische Freiheit im Umgang mit der Vorlage nicht im Wege stehen muß. »Plein soleil« strafft das komplexe Romangeschehen sehr geschickt und konzentriert sich auf die zentrale Dreieckskonstellation zwischen dem armen Schlucker Tom Ripley (Alain Delon), dem reichen Playboy Dickie Greenleaf (Maurice Ronet) und dessen indifferenter Freundin Marge (Marie Laforet) – saumseliges Dolcefarniente und moralische Verkommenheit: zwei Seiten einer Medaille. Henri Decaës kristallklare Bilder, Nino Rotas unfelliniesk-coole Musik und das distanzierte Spiel der Darsteller transponieren den ironisch-frostigen Highsmith-Sound perfekt ins Medium Film. Delon verkörpert intensiv jene Mischung aus Neid, Charme, Gier, Intelligenz und Skrupellosigkeit, die Ripley zu einer der großen literarischen Gestalten des 20. Jahrhunderts macht – ein mieser Charakter, der über Leichen geht für das, was alle wollen: ein glückliches Leben in Ruhe und Frieden. Mit seinem der (Leinwand-)Moral geschuldeten »Crime-doesn’t-pay«-Ende schreckt der Film vor der Konsequenz der Vorlage zurück. Nur ein Quentchen Zynismus (Highsmith würde es vielleicht Realismus nennen) fehlt diesem schönen, kalten Film zum vollendeten Meisterwerk.
R René Clément B René Clément, Paul Gégauff V Patricia Highsmith K Henri Decaë M Nino Rota A Paul Bertrand S Françoise Javet P Ryamond Hakim, Robert Hakim D Alain Delon, Maurice Ronet, Marie Laforet, Erno Crisa, Billy Kearns | F & I | 118 min | 1:1,66 | f | 10. März 1960
6.1.60
Rocco e i suoi fratelli (Luchino Visconti, 1960)
Rocco und seine Brüder
Nach dem Tod ihres Mannes folgt Rosaria Parondi (Katina Paxinou) mit den Söhnen Simone, Rocco, Ciro und Luca ihrem Ältesten, Vincenzo, aus dem rückständigen Lukanien ins neonglänzende Mailand – wie Hunderttausende haben sie in der Hoffnung auf ein besseres Leben die Heimat verlassen, um zu Fremden im eigenen Land zu werden. In fünf Kapiteln, benannt nach den Sprößlingen der übermütterlichen Witwe, thematisiert Luchino Visconti die Gegensätze von Stadt und Land, Arm und Reich, Nord und Süd, Tradition und Moderne, und er erzählt, in einer Mischung aus gesellschaftskritischem Realismus und melodramatischer Opernhaftigkeit, vom Verfall einer Familie, von ihrer Entwurzelung und Entfremdung, von ihrer Entwürdigung und Entsolidarisierung im Goldenen Zeitalter des Nachkriegskapitalismus. Das Epizentrum der Ereignisse bildet die konfliktgeladene Beziehung zwischen dem unbeherrschten Simone (Renato Salvatore) und dem sanftmütigen Rocco (Alain Delon), die beide – mehr oder weniger ehrgeizig – ihr Glück im Boxring suchen, sowie der temperamentvollen Prostituierten Nadia (Annie Girardot), die im Spannungsfeld der verzweifelten Brutalität des einen und der bedingungslosen Güte des anderen Bruders jämmerlich zugrunde geht. So bleibt, mithin Vincenzo sich zum biederbraven Ehemann (unter dem schmucken Pantoffel von Claudia Cardinale) gewandelt hat, außer dem Duft von Orangen oder der Erinnerung an schattige Olivenhaine in tristen Sozialwohnungen und betonierten Höfen, nur die vage Aussicht auf eine glücklichere Zukunft für die beiden jüngsten Parondis: Ciro, der als Arbeiter in einer Automobilfabrik politisches Bewußtsein entwickelt, und Luca, der vielleicht eines Tages in eine veränderte Heimat zurückkehren mag.
R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Suso Cecchi S’Amico, Pasquale Festa Campanile, Massimo Franciosa, Enrico Medioli K Giuseppe Rotunno M Nino Rota A Mario Garbuglia S Mario Serandrei P Goffredo Lombardo D Alain Delon, Renato Salvatori, Annie Girardot, Katina Paxinou, Claudia Cardinale | I & F | 177 min | 1:1,66 | sw | 6. Januar 1960
# 1161 | 21. Mai 2019
Nach dem Tod ihres Mannes folgt Rosaria Parondi (Katina Paxinou) mit den Söhnen Simone, Rocco, Ciro und Luca ihrem Ältesten, Vincenzo, aus dem rückständigen Lukanien ins neonglänzende Mailand – wie Hunderttausende haben sie in der Hoffnung auf ein besseres Leben die Heimat verlassen, um zu Fremden im eigenen Land zu werden. In fünf Kapiteln, benannt nach den Sprößlingen der übermütterlichen Witwe, thematisiert Luchino Visconti die Gegensätze von Stadt und Land, Arm und Reich, Nord und Süd, Tradition und Moderne, und er erzählt, in einer Mischung aus gesellschaftskritischem Realismus und melodramatischer Opernhaftigkeit, vom Verfall einer Familie, von ihrer Entwurzelung und Entfremdung, von ihrer Entwürdigung und Entsolidarisierung im Goldenen Zeitalter des Nachkriegskapitalismus. Das Epizentrum der Ereignisse bildet die konfliktgeladene Beziehung zwischen dem unbeherrschten Simone (Renato Salvatore) und dem sanftmütigen Rocco (Alain Delon), die beide – mehr oder weniger ehrgeizig – ihr Glück im Boxring suchen, sowie der temperamentvollen Prostituierten Nadia (Annie Girardot), die im Spannungsfeld der verzweifelten Brutalität des einen und der bedingungslosen Güte des anderen Bruders jämmerlich zugrunde geht. So bleibt, mithin Vincenzo sich zum biederbraven Ehemann (unter dem schmucken Pantoffel von Claudia Cardinale) gewandelt hat, außer dem Duft von Orangen oder der Erinnerung an schattige Olivenhaine in tristen Sozialwohnungen und betonierten Höfen, nur die vage Aussicht auf eine glücklichere Zukunft für die beiden jüngsten Parondis: Ciro, der als Arbeiter in einer Automobilfabrik politisches Bewußtsein entwickelt, und Luca, der vielleicht eines Tages in eine veränderte Heimat zurückkehren mag.
R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Suso Cecchi S’Amico, Pasquale Festa Campanile, Massimo Franciosa, Enrico Medioli K Giuseppe Rotunno M Nino Rota A Mario Garbuglia S Mario Serandrei P Goffredo Lombardo D Alain Delon, Renato Salvatori, Annie Girardot, Katina Paxinou, Claudia Cardinale | I & F | 177 min | 1:1,66 | sw | 6. Januar 1960
# 1161 | 21. Mai 2019
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